derliche Friedenshand zu ergreifen, die die russischen Arbeiter uns dauernd durch ihre Sowjetregierung dem deutschen Volke reichen.
Thamderiam zum Berliner Vertrag.
Berlin. 27. April. (LU.) 2Euf. einem Festessen der bereinigten englisch-sranzösischeu Der- bände nahm Chanrberlaur am Montag im Beisein des französischen Botschafters Gelegenheit zu Ausführungen über den deutsch-russischen Vertrag. Er erllärte: „Gerade seht sind wir alle etwas verstört und besorgt durch diplomatische Ver- handlungen. die in anderen Teilen Europas vor sich gehen. Es ist fein Zweifel, daß neue Verträge unsere Wachsamkeit verlangen. Wir würden aber einen großen Fehler begehen, wenn wir diese Verhandlungen mit Eifersucht oder Argwohn betrachteten. Für die britische Regierung kann ich nur sagen: Während wir aus dem tiefen Gefühl der gemeinsamen englisch- französischon Erinnerungen unsere Freundschaft Hochhalten, sind wir nicht eifersüchtig gegenüber den Bestrebungen anderer Staaten, ihre gegenseitigen Beziehungen zu verbessere Wir sehen dabei immer voraus, daß die Verträge, über die verhandelt wird, ihrem Wesen nach eine friedliche und freundschaftliche Regelung darstellen, die den Frieden zwischen Len beteiligten Ländern sichert und nicht dazu bestimmt sind, ein feindliches Bündnis zum Zwecke des Angriffs gegen andere Rationen zu bilden Wir sehen ferner voraus, daß diese neuen Verpflichtungen! strikte vereinbar sind mit den Verpflichtungen, die diese Staaten haben oder, wie ich hoffe, in kurzer Zeit haben werden gegenüber dem Völkerbund und seinen Satzungen. Unter diesen Voraussetzungen können wir nur mit Vergnügen auf solche Fortschritte in der gcgenfeUigeg Verständigung blicken und mit der Hoffnung, daß andere Rattonen ebenso wie wir, Frankreich und Großbritannien. danach trachten, alt? Freundschaften warm und eng zu halten und auf der alten Freundschaft die Versöhnung mit früheren Feinden aufbauen.“
Beglückwünschungen.
Moskau. 26. April. (TU.) Aus Anlaß der ^Interzeichnung des deutsch-russischen Vertrages wird ein Austausch von Glückwunschtelegrammen zwischen ©trete- mann und Tschitscherin erfolgen. Das Präsidium des Vollzugökomitees hat ferner in Vorschlag gebracht, dem russischen Botschafter in Berlin, Krestinski, den „Orden der Roten Fahne“ zu verleihen.
Abbruch der ru^Lsch-finn^chen Verhandlungen.
Moskau, 23. April. (Sil.) Der finnische Gesandte hat dem Aaßenkommifiar mitgeteilt, daß feine Regierung sich genötigt sehe, die Verhandlungen über den Abschluß eines' Reutralitätsvertrages abzubrechen. Die Verhandlungen konnten nicht eher ausgenommen werden, bis sich die Situation im Baltikum geändert habe. Die Sowjetregierung sieht in dieser Haltung Finnlands einen starken politischen Druck Englands. Sie rechnet damit, daß die Derhandlungen mit den übrigen skandinavischen Landern ebenfalls abgebrochen werden.
Die sranzöfische heeresresorm.
Paris, 27. April. (WTD. Funkspruch.) Kriegsminister Painlev^ hat Pressevertretern über die Heeresresorm nähere Angaben gemacht. Hierbei erläuterte er, daß Frankreich seinen Boden schützen und die Ordnung in seinem ausländischen Besitz aufrechterhalten müsse. Daraus ergebe sich die Rotwendigkeit einer Verteidigungs-Organisation, die in Friedenszeiten für das Land so wenig drückend wie möglich sei. Die Anwesenheit der Truppen unter den Fahnen müsse auf das Minimum herabgesetzt werden, das die gute Ausbildung erfordere. Durch Herabsetzung der Dienstzeit von 18 auf 12 Monate würde die Stärke der französischen Armee um 85 000 Mann vermindert werden. Die Zahl der Divisionen werde von 32 auf 20 herabgesetzt, davon 4 Kolomal-Divisionen. Die Zahl der Berufssoldaten werde von 76 000 auf 105 000 Wann erhöht werden. Um zu vermeiden, daß Militärpersonen durch Reben- und Verwaltungsarbeiten in Anspruch genommen würden, soll die Zahl der Militärbeamten um 15 000 und die Zahl der Zivilbeamten um 17 000 erhöht werden. Die Kolonialarmee werde ungefähr 37 000 Mann Franzosen und 90 000 Mann Eingeborene (Senegalesen. Jndochinesen und Mala- gassen) umfassen; die in Rordafrika oder in Frankreich selbst in Garnison liegenden gemischten Äombinationen betragen 40 000 Franzosen und 90 000 Eingeborene aus Rordafrika, die Fremdenlegion 20 000 Mann.
Die französisch - amerikanischen Schuldenverhandlungen.
W a s h i n g t o n. 26. April. (WTB.) Vor Wiederaufnahme der offiziellen Verhandlungen wird der Schatzsekretär Mellon mit dem französischen Botschafter Verenger eine Aussprache haben. Frankreich wird aufgefordert, sein letztes Angebot abzuändern. Die Hauptschwierigkeit bereitet die Frage der französischen Anfangszahlungen. Die von Verenger oorgeschlagenen 25 Millionen jährlich scheinen der Schuldenkommifsion als nicht ausreichend; die amerikanische Kommission hofft, ein Abkommen auf geschäftlicher Grundlage ohne formelle Vorlegung eines Gegenvorschlages zustande zu bringen. Wie die „Associated Preh^ meidet, spielt die umstrittene Sicherheitsklausel, nach der Frankreich beim Versagen der deutschen Reparationszahlungen von seinen Verpflichtungen befreit werden soll, bei den Verhandlungen keine Rolle mehr. Die amerikanische Kommission sprach sich entschieden gegen diese Klausel aus. Es werde nicht erwartet, daß Verenger auf einer solchen Sicherung bestehe werde.
Die Friedensverhandlungen in Marokko.
Paris, 26. April. (TU.) Die Verhandlungen zwischen der französischen und spanischen Delegation und den Rifdelegierten wurden heute nachmittags offiziell rn Udijda wieder eröffnet. Die französische und die spanische Regierung verzichten vorläufig darauf, daß die anfänglich gestellten Bedingungen vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages erfüllt werden. Ge
neral Simon wird im Verlauf der Konferenz de Forderung aufstellen, daß unmittelbar bei Abschluß des Friedens folgende Bedingungen erfüllt werden:
1. Austausch der Gefangenen und sofortige Entsendung einer Roten-Kreuz-Kommisfion nach dem Risgeöiet.
2. Endgültige Besetzung strategischer Punkte.
3. Entwaffnung der Dividenten.
4. Schaffung von gemischten Polizeitorps.
Erst nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages wird das politische Problem der Anerkennung des Sultans und der Entfernung Aod el Krims, sowie die Verwaltung des Risgebie-es zur Sprache kommen. Wenn die Verhandlungen. die heute offiziell begonnen haben, bis zum 1. Mai zu keinem Ergebnis führen, werden an diesem Tage die Feindseligkeiten wieder ausgenommen.
Die vorbereitende
Weltwirtschastskon ersnz
Eröffnungssitzung in Genf.
Gens, 26. April. (WTB.) Der vom Töller- bundsrat einberufene Ausschuß zur Vorbereitung der Wettwirtschastäkonferenz ist heute vormittag zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetre- ten und hat zunächst den belgischen Senator Georges Theunis zu seinem Vizepräsidenten gewählt, der an Stelle des vom Völkerbundsrat ernannten, aber durch Krankheit verhinderten Präsidenten Gustav Ador (Schweiz) die Arbeiten des Ausschusses leiten wird.
Deutschland ist vertreten durch Staatssekretär Dr. Trendeleuburg. Dr. Lammers, Mitglied des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, und Seegert, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der erste Tag brachte keinerlei Klärung über die zu behandelnden Probleme und das Programm der bevorstehenden Tagung. Bedeutsam war es, daß bereits in dieser ersten Sitzung
der Gegensatz zwischen den englischen und französischen Vertretern
zum Ausdruck kam. Er verspricht das beherrschende Moment während der ganzen Sitzungsperiode zu werden. Es handelt sich hierbei hauptsächlich um das Problem der Entwicklung der nationalen Industrien. In einer einleitenden Ansprache wies zunächst Theu- nis als Vorsitzender auf den versöhnlichen Charakter der Verhandlungen hin und bat die Anwesenden, offen ihre Meinung zu äußern ohne Rücksichtnahme auf die Beziehungen ihrer Länder. Als erster Redner per Generaldebatte erhielt der Engländer Sir Hubert L. Smith das Wort, der von der Arbeit der Kommission praktische Resultate verlangte und darum für eine Beschränkung des Programms eintrat. Er wies insbesondere auf die Hindernisse hin, die den internationalen Warenaustausch und die Produktion behinderten. Der französische Gewerkschaftler I o u h a u x warnte vor theoretischen Erörterungen. Er regte die Einsetzung von Unterausschüssen an. Hierauf entwickelte er ein umfangreiches Programm, aus dem folgende Gesichtspunkte hervorzuheben sind:
1. Stabilisierung der Währung.
2. Internationale Verständigung auf dem Gebiete der Handelspolitik, die Bekämpfung des Dumping und Zollfreiheit für die Rohprodukte und Rahrungsprodukte, Kontrolle der Produktion von Getreide, Eisen, Baumwolle, Gummi, Petroleum und Steinkohle, Einschränkung der Ueberproduktion.
3. Enge Zusammenarbeit des Völkerbundes und aller wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Spihenorganisallonen zur Regelung der Produktion, Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, die Hebung des Lebens- standards der Arbeiterschaft, internationale Verständigung über eine g e - melnsame Arbeit«- und Arbei- terpolikik. Als letztes Ideal stellte er die europäische Zollunion hin.
Der Amerikaner Professor P o u n g betonte, daß es Aufgabe bei Wirtschaftskonferenz sei, die kranke Wirtschaft zu heilen. Als Letzter sprach der italienische Großindustrielle Pirelli, der als eine der Hauptursachen der wirtschaftlichen Umstellung nach dem Kriege auf das Entstehen zahlreicher neuer Industrien in den neuen Staaten hinwies. Die Aufnahmefähigkeit der Kolonien müsse gesteigert werden, um den Absatz der nationalen Produktion zu erleichtern. Für den weiteren Verlauf der Generaldebatte, die am Dienstagvormitlag ftattfinben wird, haben sich weitere sieben Redner angemeldet, darunter auch der Staatssekretär Trendeleuburg.
Das Auswertungsvsiksbegehren.
Sparerbund und Rcichsregierung.
Der „S p a r e r b u n b", hypothekengläubiger- unb Sparer-Schuhverband für bas Deutsche Reich, e. 23., veröffentlicht zur Stellungnahme ber Reichsregierung zum Aufwertungsvvlksbegehren einen Artikel, bem wir folgendes entnehmen:
Die Regierung hat ber Presse offizielle Aeußerungen über bas vom „Sparerbunb" vorbereitete Aufwertungsvolksbegehren zugehen lassen, die den Tatsachen nicht entsprechen. Zur Berichtigung wird folgendes mitgeteilt:
Dr. Best ist der anerkannte Führer des durch das ganze Reich organisierten Sparerbundes, der in vollkommener Uebereinftimmung mit dem Abgeordneten Dr. Best durch seine Gesetzeskommission den Gesetzentwurf zum Aufwertungsbegehren ausgearbeitet hat. Es ist daher unrichtig, daß zwei Gesetzentwürfe, und zwar ein Entwurf des Dr. Best mit öOprozentiger Aufwertung und ein Entwurf des Sparerbundes mit lOOprojentiger Aufwertung bestünden. Richtig ist nur, daß der vom „Sparerbund" gemeinsam mit Dr. Best aufgestellte Gesetzentwurf den Rormalsatz von 5 0 Prozent für alle Umwertungs- und Adlösungs- a n s p r ü ch e vorsieht. Unrichtig ist, daß das Auf- wertungsvolksbegehr des Sparerbundes den Haushaltsplan oder die Abgabengesetze betrifft. Es ist im Entwurf peinlich vermieden worden, diese Gegenstände zu berühren. Das Anleiheablösungsgesetz im besonderen ist das gerade Gegenteil von einem Abgabengesetz. Während ein Abgabengesetz Zahlungen des Steuerpflichtigen an den Staat verlangt, ist das Adlösungsdesetz ein Anerkenntnis der Schulden des Staates fernen Gläubigern gegenüber. Die Regelung bes Haushaltsplans und ber Abgabengesetze bleibt nadj wie vor ber Reichsregierung unb bem Reichstage überlassen.
Unrichtig ist, daß durch das Aufwertungsbegehr des „Sparerbund“ die Kreditwirtschaft und die
Grundlagen der Währung erschüttert würden. Maßgebliche Wirtschaftler sind vielmehr mit bem Sparer- bunb darin einig, daß die Wirtschaft die bisherige ungerechte Aufwertung nicht verträgt und deshalb eine schleunige Aenberung ber bestehenben Aufwertungsgesetze bringenb nötig hat. Insbesondere muß die Kaufkraft der Massen gesteigert werden, und insbesondere die Kaufkraft der Sparer und Gläubiger, die mit ihr wirtschaftlich zu verfahren gewohnt sind und wieder neues Sparkapital schassen. Der wirtschaftlichen Lage des Schuldners ist dadurch Rechnung getragen, daß kein starrer Aufwertungssatz vorgesehen ist, sondern ein Normalsatz von 50 Prozent, der unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Verhältnisse des Schuldners auch herabgesetzt werden kann. Die Aufwertung ist eine Folge der Stabilisierung der Währung und kann nicht die Ursache einer neuen Inflation sein, ebensowenig wie die teilweise Aufwertung aus den bisherigen Aufwertungsgesetzen eine Inflation erzeugt hat.
Landw'.rLlchaftsfragen im
Preußischen Landtag
Berlin. 26. Avril. (DDZ.) Die zweite Beratung des Haushalls der landwirtschaftlichen Verwaltung wird fortgesetzt. Abg. Wittich- Essen (S.) betont, man dürfe nicht die Landwirtschaft auf Kosten der Arbeiterschaft gesund machen wollen. Vielmehr müsse die Landwirtschaft im Rahmen der Gesamtwirtschaft zur Gesundung geführt werden. Die mangelnde Kaufkraft der Massen tragt einen großen Teil der Schuld an dieser Rot. Das Ziel muß sein, das deutsche Volk in der Ernährung unabhängig vom Auslande zu machen. Die landwirtschaftlichen Arbeitskräfte müßten auf ein höheres geistiges Ri- viau gebracht werden. Voraussetzung für eine Gesundung der Landwirtschaft und zugleich der Industrie ist die Aufhebung der Zölle.
Abg. M i l b e r g (Dn.) macht auf die Notwendigkeit aufmerksam, bas beutsche Volk in ber Brot- versorgung selbständig und vom Ausland unabhängig zu machen. Die Staatsregierung habe hierbei aber versagt. Das zeige die große Einfuhr von Butter und Milch. Unerhört gewachsen sei der Import von Apfelsinen und Bananen sowie von Gemüsen. Je stärker die Not der Landwirtschaft steige, um so starker steigt sie bei allen Berufsschichten, nicht zum letzten bei der Arbeiterschaft. Mit Krediten kann die Landwirtschaft nicht höchgehalten werden. Die Landwirtschaft muß vielmehr rentabel gemacht werden. Die Landwirtschaft geht aber zugrunde an den Zinsen, die sie bezahlen muß. Wir verlangen, daß die kurzfristigen Kredite umgewandelt werden in l a n g f r i st i g e fRealtrebite. Die Zinssätze müssen ebenfalls verringert werden. Pächter unb Verpächter müssen vernünftig Zusammenarbeiten. Die Zölle, bis wir bekommen haben, haben wenig genutzt. Zölle nützen uns nichts, wenn sie burch Handelsverträge wieder unwirksam gemacht werden. Wir sind der Meinung, daß die Beschäftigung der ausländischen Arbeiter ein Mißstand ist. Die ausländischen Landarbeiter sind aber nicht zu entbehren. (Zurufe bei den Sozialdemokraten: Warum nicht?) Weil unsere Leute einfach nicht auf das Land gehen. Sie nehmen die Landarbeit nicht an.
Abg. Graf Stolberg (Dtsch. Vp.) bekämpft die Auffassung der Sozialdemokratie, daß wir uns einseitig auf den Export einstellen dürfen.
Abg. Wachhorst de Wente (Dem.): Trotz der verkleinerten Anbaufläche wird die deutsche Landwirtschaft auch in Zukunft im Stande fein, die wirtschaftlichen Produkte, die das deutsche Voll benötige, auf eigenen Grund und Boden herzustellen, wenn sie intensiv wirtschafte. Der Redner verlangt staatliche Hilfe für die Saat- gutwirtschaften und für die wissenschaftliche Weiterbildung der kleinen und mittleren Landwirte. Augenblicklich sei ein mäßiger Zollschutz für die Landwirtschaft noch nicht zu entbehren.
Weiterberatung Dienstag.
Der Kutisker-Prozetz.
Berlin, 26. April. (111.) Am 8. Verhand- lungstag wirb Iwan Kutisker über einen Anklagepunkt vernommen, wonqch er bie Staatsbank ba- burch betrogen haben soll, baß er Dr. Rühe wahr- heitswibrig im Dezember 1923 erzählte, er würbe 500 Dollar zur Verfügung stellen. Iwan Kutisker wirb vorgeworfen, ein angebliches Telegramm ber Citybank an seine Adresse fingiert zu haben. Der Vorsitzenbe stellt fest, baß ber latbeftanb ber oollenbeten Urkunbenfälschung in biefem Fall nicht gegeben sei, weil Dr. Rühe nicht bie Vorlegung bes Original telegrammes verlangt habe. Dann würbe über ein zweites gefälschtes Telegramm aus Danzig verhanbelt, baß ber Angeklagte Stern nach feiner Angabe im Auftrag von Iwan Kutisker abgefanbt bat. Der Angeklagte Stern hat vor bem Untersuchungsrichter ausgesagt, bie ganzen Angaben Iwan Kutisker über seinen reichen Vetter in Amerika seien Schwindel. Die Söhne Kutiskers sagten aus, daß dieser Vetter aus Amerika tatsächlich einige Wochen in Berlin gewesen sei und daß über feine Beteiligung verhandelt worden fei. Nach einer Verhandlungspause kam dann der wichtigste Teil der Anklage zur Erörterung, nämlich das Hanauer Lager, das der Angeklagte Strieter für 80 000 Pfund gekauft hat und auf das er rund 860 000 Mark gezahlt hat. Die Anklage behauptet, daß der darüber abgeschlossene Vertrag den Glauben erwecken sollte, als sei das Lager tatsächlich 80 000 Pfund wert, während es in Wirklichkeit nur Schrott enthielt Der Angeklagte Strieter bestreitet aber diese Darstellung der Anklage und erklärt, er hätte aus dem Lager mindestens 7—8 Millionen Gewinn herausholen können. Iwan Kutisker sagte aus, er habe von verschiedenen Seilen gehört, daß das Lager sehr wertvoll sei. Auf feine Frage habe ihm auch Dr. Rühe zum Ankauf geraten. Der Sachverständige der Staatsbank hätte den Wert des Lagers mit 8—10 Millionen Mark angegeben; daraufhin habe er, Kutisker, von Strieter das Hanauer Lager erworben.
Am Montag wurde zunächst bas Metage- schöft mit der Staatsbank erörtert. Sämtliche Schulden Kutiskers sollten zu einer Lombard- schuld von 4,2 Millionen zusammengefaßt werden. In dem Bestätigungsschreiben Kutiskers wurde ausgefühct, daß dieser Betrag von 4,2 Millionen zum Erwerb des Hanauer Lagers bestimmt sein sollte, aus dem Kutisker einen Mehrerlös von 10 Millionen erhoffte. An dem Mehrerlös sollte die Staatsbank mit 50 Prozent beteiligt sein. Als Sicherheit dafür sollte das Hanauer Lager dienen. Kuttfter gab weiter zu. für das Hanauer Lager etwas mehr als 2 Mlllionen ausgewandt zu haben. Die litauische Regierung habe einen Posten des Lagers zu Preisen abgenommen, die für das Lager einen Wert von 10 Millionen ergeben
hätten. Der Angeklagte Strieter erklärte. Holh- mann habe einen Tert rag mit der Sowjetregi» rung abgeschlossen, wonach diese etwa Dreivtertel der Lagsrbestände für 8 Millionen habe kaufen wollen Die Verhandlungen wurden dann durch eine Pause u.rtervrochen.
Das ®eii t beschloß, einen Beamten der russischen Botschaft ate Zeugen darüber zu ver- nchmm, daß mit £>:r russischen Regierung tatsächlich ein Vertrag aogrschlofsen worden ist. Holtzmann lkft reitet übrigens, dafür eine Provision von 650 000 Mk. oekommen zu haben. Rächste Sitzung Mittwoch.
Aus aller Welt.
Brandkalastrophe.
Im Dorfe D r e i a bei Ab lenz (Oesterreich) brach während ber Kirchzeit Feuer aus, das infolge bes starken Sturmes rasch um sich griff unb f a ft bas ganze Dorf einäfdjerte. Hierbei spielten sich panikartige Szenen ab, da bie Gefahr bestand, baß bie von den abroefenben Eltern in den Häusern ein- geschlossenen Kinber dem rasenben Element zum Opfer fielen. Einer zufällig im Dorfe befindlichen Automobilgesellschaft von Graz, die sich an dem Nettungswerk hervorragend beteiligte, gelang es, mit Hilfe einiger Leute bie Türen einzuschlagen unb bie Kinber zu befreien.
Autounglück.
In Siegen wurde während^emts Gewitters ein 22jähriges Mädchen bei Radfahrverfuchen mit feinem Begleiter von einem Personenkraftwagen angefahren, dessen Führer, ber nur ein mäßiges Tempo fuhr, vom Blitz für einige Augenblicke geblendet war. Das Mädchen war sofort t o t, der Mann wurde schwer verletzt.
Tödlicher Absturz.
In der Kransbitter Klamm bei Ins- bruck ist die Studentin der Medizin, Else Schönknecht aus Löwen (Schlesien), abgestürzt. Schuld an dem .Unfall war die ungenügende Ausrüstung der Abgestürzten.
Die Rache eines Elefanten.
In dem indischen Staate Madras erkannte ein Elefant, der in einer Prozession marschierte, unter Öen Zuschauern einen Kn aben wieder, der ihn eine Woche vorher, als das Tier sich in seinem Käsig befand, aus Mutwillen in den Rüssel gestochen hatte. Der Elefant stürzte sich f das Kind, warf es mit dem Rüssel zu Boden und zerstampfte es. Die Zuschauer wurden von einer Panik ergriffen und flüchteten nach allen Seiten. Drei Frauen wurden dabei von der Menge zu Tode getreten.
Wiedereinführung des transsibirischen Exprehzuges.
London, 27. April. (WTB. Funlspruch.) „QHorning Post" berichtet, in London feien Rachrichten eingetroffen, daß eine grundsätzliche Vereinbarung zwischen der Sowjetregierung und der internationalen S ch l a f w a g e n - Gesell f ch a s t über die Wiedereinführung des transsibirischen Exprehzuges erzielt worden sei, wodurch es möglich sein werde, China zu Lande von London aus in 13 Tagen und Japan in 14 Tagen zu erreichen.
Aus der Provinzialhaupiftadi.
Gießen, den 27. April 1926.
Verschwundene und alte Gassen.
(Von einem alten „fjergeloffenen* Gießener.)
Vor dem Darmstädter Haus in der Walltorstraße stand ein alter Herr unb schaute erst rechts, bann links, bann gerabe aus. Nach einigen Minuten Ausguck richtete er an einen vorübergehenben Schlosserlehrling bie Frage, ob er ihm sagen könne, wo bie Flügelsgasse sei. „Des waas ich nett, wahrscheinlich is |e verschwunne." „Hier in ber Gegend vom Darmstädter Haus war sie aber doch noch vor fünfzig Jahren, denn ich habe dort beim Schreiner- meister Best geschafft." „Das kann schon stimme, mei Großvatter hott devon vergehst, wie er un noch ärmere Gießer Buwe in ber Flügelsgass' Räuberches gespielt hawe. Die Gast' haaßt jetzt Dammstrooß, un Sie stehe aerob bevor.“ Der Junge hatte recht. Die Flügelsgasse, bie gegenüber bem Henfelschen Eisengeschäst ppn ber Walltorstraße abzweigte, verlor sich nach einigen Häusern in einem heute noch vorhcmbenen Häuserwinkel. Ihre Verlängerung nach ber Norbanlage hin nahm ihr den Charakter als Gasse, bie Stabtverordneten-Versammlung trug bem Rechnung unb gab ihr wegen ihrer Richtung unb späteren Verlängerung nach bem Eisenbahnbamm hin die Bezeichnung „D a m m st r a ß e".
Eine Bahn Hof st raße besaß in den siebziaer Jahren bie Stabt nur in ber kurzen Strecke von ber Anatomie bis zum Bahnhof. — Ihr Anfang von ber Kaplansgasfe bis in bie Gegenb ber Wolkengasse hieß „R e i ch e n s a n b" unb als sich auch von da ab bie Bebauung fortsetzte bis zur Westanlage, hieß sie Neichenfand-Bahnhosstraße. Don hier ab führte ein schmaler, nur api Tage gangbarer Weg zwischen Gärten unter Umgehung bes Lenzschen Felsenkellers, zu bem damals bas Gelände des heutigen Hotels Viktoria gehörte, zur Universitätsstraße. Auch diese ist „verschwunne", sie wurde bem Anbeuten Liebigs geopfert, sie heißt heute Lieb.g- straße. Erst nach Durchbruch burch den großen, viel besuchten Lenzschen Felsenkellergarten unb Uebsrbriickung ber Wieseck fanb ber „Reichensand" bie Fortsetzung nach dem Bahnhof unb feine Benennung Bahnhofstraße, nachbem ber Zugang von ber Marktstraße burch Nieberlegung bes alten Metzgermeister Metzgerschen Hauses, das zwischen den Häusern von Löwenthal unb Frensbors den Weg versperrte, hergestellt war., Wem es auf etwas Schmutz und eine nicht ganz gefahrlose Ueberschrei- tung bes hinter bem Metzgerschen Hause ziehenben Stadtbaches nicht ankam, konnte von ber Marktstraße zur Kaplansgasfe gelangen. Diese schwierige Passage verglichen die Gießener mit bem liebergang ber Russen über ben Balkan burch den „S ch i p k a- P a ß" im Jahre 1877. Die Arnolbsche Wirtschaft in ber Bahnhofstraße bezeichnet sich heute noch mit Stolz „Zum Schipkapaß".
Der bas Frensdorfsche Haus an ber Bahnhofstraße tragende Boden unb das Plätzchen am Tiefen« weg führten ben stolzen Namen „D a s kalte L o ch", das vom Löwer- unb Dechsteinschen Hause nach ber Sanbgasse führenbe Privatgäßchen hieß „In den alten Ställen".
Auch eine „Iubengasse" bestaub in Gießen, es ist ber Teil ber Rittergasse, ber am Elsofferschcn Warenhause nach ber Huhnschen Kutscherei führt.
Don bem Gartselb, das früher alle jenseits bes Schoorgrabens an ber Norbanlage stehenden Gebäude umfaßte, führt heute nur noch der dem
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