Nachdruck verboten.
25 Fortsetzung.
Das große Würfelspiel
(Martina wllemar.)
Roman von Franz Laver Kap pur.
mit dem Einglas jede ihrer Bewegungen. Oder tat er nur so? Oder tat sie nur so?
Kreuth knirschte mit den Zähnen. Länger durfte das irrsinnige Spiel nicht dauern. Seit Monaten kam er von dieser Frau nicht los. Seit Monaten tauchte sie auf, wo er war. Kaum hundert Worte hatte er mit ihr gesprochen - tastende, knisternde, versengende Worte Immer stand eine Frage in ihren Augen: „Wann tanzen Sie mit mir? Wann holen Sie sich den Preis?" Immer antworteten seine Blicke: „Nie, Madame, nie!"
Uebermenschlich hotte Kreuth mit sich gerungen. Dutzende Male war olles für die Heimreise festgesetzt gewesen. Aber im letzten Moment erschlafften die Kräfte. Man mutzte an die Sabukowa denken. Die Erinnerung an ihren Atem allein machte schwindeln. Nichts half. Sekt mib Wein betäubten nur für Stunden. Roulette und Bac langweilten, auck wenn man sein ganzes Geld verlor. Um die Saoukowa drehte sich die Welt, um die Sabukowa kreiste das Universum
Jetzt aber: jetzt war man so weit. Mitten im Wirbel der Nackt war der Entschluß aufgesprungen. Kaum eine Sekunde hätte das gewährt: eine rüttelnde Faust im Nacken, eine Stimme, die schrie: „Wohin treibst du, Benno von Kreuth? Was wird aus dir? Was wird aus Martina?"
Eile war geboten. Man kannte sich.
Und jetzt lief man hier auf und ab, die Uhr In der Hand. Mühselig schleppten sich die Minuten. Eine viertel Stunde eine halbe Stunde, eine Stunde: kaum zu ertragen war das Dazu die Kälte, die allmählich in die Glieder kroch, dazu die Finsternis rundum, dazu die schläfrigen Züge, die polterten und doch nicht vom Fleck kamen: olles schmerzte auf einmal. Alles peinigte, alles riß Stücke aus der Brust, alles fraß sich in die Knochen.
Kreuth flüchtete in den Wartesaal Dumpfig drückte die Luft. Zwischen Koffern und Plaids orgelten glänzende, verquollene Gesichter. Ein kleines Kind weinte im Schlafe. Mit geschlossenen Augen suchte die Mutter nach der dürftigen Brust. Jemand atz Wurst und Brot, immer mehr Wurst und Brot. Gar kein Ende wollte das nehmen. Wie eine Maschine arbeiteten die rußgeschwärzten, klobigen tfingcr.
Der Gepäckträger kam mit dem Schrankkoffer.
„Wohin?" Fuselgeruch schlug Kreuth entgegen.
Gewiß hatte der Mann sich irgendwo gestärkt. Warum sollte der Mann sich nicht gestärkt haben? Das Leben war traurig. Das Leben war fast hoffnungslos.
„Grenzstation. Oder Berlin, wenn es geht." Kreuth reichte dem Gepäckträger einen Geldschein. Rissig und verbeult waren die Nägel der Hand, die danach griff.
Kreuth beugte sich vor, nahm den Kopf zwischen die Fäuste. Auch die letzte Stunde mutzte vorüber- gehen. Keine S'.unde war länger als die andere. Gleichmäßig rann die Zeit. Purer Schwindel war, was die Menschen trieben. Jeder betrog sich um sein Leben. Da schlang man die Tage in sich hinein, die Wochen, die Monate: Warum, wozu? Oder war es besser, hier zu sitzen und auf den Uhrzeiger zu starren? Was hatte man davon, daß man wußte: eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten? Lebte man deshalb? Man atmete, verdaute, setzte Kräfte um. Um Kalorien drehte sich alles. Schwindel das eine wie das andere.
Plötzlich sprang Kreuth hoch.
Die Sabukowa stand vor ihm. Wie eine Katze mutzte sie herangeschlichen sein. Gekrümmt war ihr Rücken. Schwer lastete der Zobel.
Ihre braunen Augen funkelten. „Nach Berlin? Nach Hause?"
„Madame —" Kreuch taumelte. Der Kauze Wartesaal war von ihr erfüllt. Ihr Duft betäubte.
„So heimlich? Bei Nacht und Nebel?"
„Ja", sagte Kreuth schwer. „Nach Hause."
Einen Augenblick lächelte die Saoukowa. „Gehen wir doch."
Auf dem Bahnsteig spazierten ein paar Leute auf und ab. Unwillkürlich suchte Kreuth den Russen mit dem Einglas Er war nicht da. Oder war er doch da? Alle Gesichter glichen einander: alle waren unbestimmte Flecke.
Im Dunkel vor dem Frachtenraum sagte die Sabukowa: „Also Flucht." Sie kam näher. „Sie fliehen. Wem wollen Sie entfliehen, Herr von Kreuth?"
„Diesem Leben", sagte er und spürte, wie die Besinnung wiederkam. „Diesem fürchterlichen Leben."
„Fürchterlich? Warum fürchterlich?" Der Arm der Sabukowa fuhr aus dem Pelz. Ihre Finger krallten den Halskragen zusammen.
XIX.
Der Berner Schnellzug donnerte aus der Station. Zwei Sekunden blinkten die Lichter des letzten Waggons, bann versanken sie in ber Nacht. Feindselig schimmerten die leeren Gleise. Aufreizend tlin- gelten die Signcuapparate. Irgendwo drüben, tief in den Bergen schon, klangen Puffer aneinander. Cme ferne Laterne zog kleine, grüne Streife in die Finsternis.
Benno von Kreuch stand auf dem Bahnsteig. In Stößen flog sein Atem. „Zu svät," murmelte er, „eine Minute zu spät." Unschlüssig schaute er nach allen Seiten. Die Beamten waren verschwunden. Nur ein Gepäckträger kauerte in der Nähe auf seinem Starren
„Wann geht der nächste Zug nach Bern?"
„Um vier Uhr früh. Ein Personenzug."
„Hat er Anschluß nach Luzern — Zürich — Berlin?"
Der Mann verschob seine Mütze. „Jeder Zug hat Anschluß!"
Im Schnellschritt marschierte Kreuth auf und ab, immer feine Handtasche im Auge. Die drei Stunden mutzte er warten. Es gab kein Zurück. Es durfte kein Zurück geben.
Es fiel ihm ein, daß fein großes Gepäck im Grand Hotel war. Nun brauchte es nicht nachgeschickt zu werden. Im Scheine des Lichtkegels, der ouo dem Telegraphenbureau drang, kritzelte er ein paar Zeilen auf eine Visitenkarte. Gern übernahm der Gepäckträger die Besorgung.
Dann depeschierte Kreuth an Martina. Knappe zehn Worte: das; er Mittwoch oder Donnerstag in Berlin ankomme Tag und Stunde wußte er ja selbst nicht genau
Wieder ging er hin und her.
Die Sabukowa tanzte wohl noch. Kreuth schritt einige Meter über das Stationsgebäude hinaus. Im Dunkel lag Chatcau d'Oex. Die Fenster des Rosat- Hotels waren nach der anderen Seite gerichtet. Dort I tanzte die Sabukowa. Dort belauerte der Feierliche I
Wie weiß diese Hand ist, dachte Kreuch. Den ganzen Tag badete die Frau in der Höhensonne — und doch: ihre Haut blieb weiß, unbegreiflich weiß. Immerfort mußte man diese Haut anstarren, immerfort.
„Warum fürchterlich?"
„Früher habe ick ein anderes Leben gelebt", sprach Kreuth. Wo blieb ber Zug? Um Himmels- willen: Wo blieb sein Zug? Keinen Augenblick länger bürste er hier stehen.
„Unb bas frühere Leden: war das schöner?" fragte die Sabukowa.
Kreuth blickte nach rechts und links. „Der Träger mit meinem Gepäckschein, wo steckt ber Mensch?"
„Da," beutete bie Sabukowa mit bem Kinn, „ba!" Fester zog sie den Pelzkragen zusammen. ,Hu! Ich mutz mich in acht nehmen. Den ganzen Weg gelaufen." Wieber lächelte sie. Ihre Zähne schimmerten matt „Wollen Sie nicht Ihren Gepäck- schein, Herr von Kreuth?"
Jetzt erst bemerkte Kreuth den Mann, dicht neben ihm. Rasch drückte er ihm Geld in bie Hanb. Der Träger ging.
„Endlich!" Wie ein kleiner, gepreßter Schrei klang bas Wort. Aber gleich barauf hatte bie Sabukowa eine andere Stimme. Leichthin sagte sie: „Sie reifen ja gar nicht nach Hause. Sie tun nur so. Sie haben schon oft so getan."
„Wie kommen Sie überhaupt hierher, Ma- bame?" fragte Kreuth. Diese Hand vor seinen Augen, biese spielerisch zuckenben Finger in bem dunkeln Fell: wenn bas noch eine Minute bauerte — er wußte nicht, was in ber Minute geschah. „Ich reise bestimmt. Ganz bestimmt reife ich."
„Doch nicht —" sprach bie Sabukowa schwingend unb gezogen, tief aus ber Kehle. Jetzt ®a&pjj es ihre bünnen, hochgewölbten Brauenbogen, die Kreuth nicht losliehen. Die Augen barunter blickten ruhig und sicher.
„3d) muß, Madame."
„Es gibt kein Muß." Die Sabukowa schüttelte langsam den Kopf. Es war ein bestimmtes, endgültiges Kopfschütteln. „Es kann kein Muh geben: nur dieses." Sie schaute in die Richtung, aus der ber Berner Zug kommen sollte. „Dort liegt das Muh."
(Fortsetzung folgt.)
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