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Nr. 251 Erster Blatt

176. Jahrgang

Olmtag, 26. Oktober 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Siegener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Tell Ernst Dlumschein; für den An- zeigenteil i.Dcrtr. H.Deck, sämtlich in Gießen.

Die Stabilisierung des belgischen Franken.

DieBelga" als neueWährungseinheit

Brüssel, 25. Ott. (TU.) Der Kabinetts­rat unter dem Vorsitz des Königs prüfte den Plan, den Franken zu einem Kurs von 17 5 Franken zum Pfund Sterling zu stabilisieren. Die Belgische Telegraphen­agentur veröffentlicht eine Auslassung über die Stabilisierung. Einleitend wird bemerkt, daß Bel­gien unter einer Inflation litt, die in einer Schuld des Staates gegenüber der Aationalbank in Höhe von 8700 Millionen ihren Ausdrua fand. Diese Schuld wird auf zwei Milliar­denherabgesetzt, und zwar wird der Staat der Aationalbank den Betrag von 4700 Millionen durch Amortisierung zurückerstatten, während der Rest durch den Amortisierungsfonds geregelt werden soll. Als Grundlage zur Stabilisierung verfügt man über eine Ausländsanleihe in Höh« von 100 Millionen Dollar oder 500 Millionen Goldfranken und eine andere An­leihe, die, wie in London bereits bestimmt worden ist, von drei der größten Danken der Welt fest übernommen wird. Die Anleihe, die zu 94 Proz. aufgelegt werden soll, wird netto 450 Millionen Goldfranken betragen, di« restlos der Belgischen Rationalbank zuge­führt werden. Der amerikanische Teil der An­leihe wird beretts Dienstag in Reuhork zur Zeich­nung aufgelegt werden. Die dadurch gewonnenen 450 Millionen Goldfranken werden zusammen mit der neu einzufetzenden Metallreserve und den De­visen, über die die Rattonalbank verfügt, die Deckung für die Banknoten abgeben, eine Deckung, die höher als 50 Proz. sein wird. Di« Dank wird außerdem über Mittel zur Förderung des belgischen Ausfuhrhandels und zur Derteidi» gung des Franken, wenn sich dies als notwendig erweisen sollte, verfügen. Als Währungs­einheit wird der Betrag von fünf Franken gewählt und dieser Dumme von fünf Franken der RameBelga" gegeben. Ab Dienstag wird die belgische Wahrung zum ersten Male unter der BezeichnungBelga" notiert werden. Es versteht sich von selbst, und der Königliche Erlaß wiederholt es formell, daß di« Berechnung in Belga den Garantien oder dem gesetzlichen Werte des Franken keinen Abbruch tut und daß fünf Franken stets gegen eine Belga um - gewechselt oder verrechnet werden und um­gekehrt. Da die Festigkeit des Wechselkurses für die Reform wesentlich ist, bietet die Belga eine Garantie mehr für di« Stabilität der Währung.

Der Ausnahmezustand in England.

Eine Streikdebatte im Unterhaus.

London, 25. Okt. (WTB.) Das Unterhaus trat heute zusammen, um über die Verlänge­rung des Ausnahmezustandes zu be­raten. Der Regierungsantrag, den Ausnahme­zustand um weitere vier Wochen zu verlängern, wurde von der Arbeiterpartei mit ungeheurem Lärm entgegengenommen. In den Reden der Arbeiterparteiler kam zum Ausdruck, daß es jetzt die erste Pflicht der Regierung sei, im Ber g - arbeiterstreik zu intervenieren und sich zu entscheiden, ob sie für das nationale Lohn­abkommen oder für die örtliche Lohnregelung «inttete. Die konservativen Redner warnten die Regierung vor einer Intervention und wiesen auf die Tatsache hin, daß bereits ein Vier­te l der streikenden Bergarbeiter die Arbeit wieder ausgenommen hätte, Ueberdies könne man mit einer verstärkten Friedensbereit­schaft der Bergarbeiter rechnen, da die Streik­folgen für die Lebenslage der Arbeiterbevölke­rung immer katastrophaler würden. Ein -Zentner Kohle koste jetzt schon 25 Prozent mehr als normal, auch die Brotpreise hätten sich er­höht. Dazu komme noch, daß verschiedene Armen­verwaltungen die Familien der Streikenden nicht mehr unterstütze.

Für die Liberalen führte

Lloyd George an, bei dem industriellen Konflikt wie bei dem gegenwärtigen müsse die Regierung unpar­teiisch dastehen. Aber sie habe es nicht ge­tan, und das sei die Ursache für die Fort­setzung des Streiks. Wenn die Bergleute zur Wiederaufnahme der Arbeit durch den Hunger gezwungen würden, so würde dies den Kampf von einem wirtschaftlichen zu einem poli­tischen machen. Seit dem Bergarbeiterstreik habe die Arbeiterpartei im Gegensatz zu früher im Lande ungeheure Fortschritte gemacht. Man könne keinen Frieden haben, wenn man die Bergarbeiter durch den Hunger zum Rachgeben zwinge.

Ministerpräsident Baldwin

-ergriff bann das Wort zu einer längeren Er­klärung. Wenn der Dergarbciterstreik noch nicht beendet fei, treffe die Regierung keine Schuld. Diese liege bei den streitenden Parteien. Die Grubenbesitzer hätten sich kurzsichttg und töricht benommen, als sie die Dreiparteienkonferenz ab- gelehnt hätten. Die Dergarbeiterführer hätten nicht die Berechtigung, den Stteik ins Uferlose zu führen. Rach so viäen ergebnislosen Verhand­lungen sei nichts verkehrter, al» jetzt durch eine neue Intervention alle Friedensmöglichkeiten lahmzulegen. Die Regierrmg werde nicht mehr intervenieren. Es sei nicht Sache der Regierung, Hie streitenden Parteien zu beraten und einen

Gegen den Gaskampf.

Frankreich fordert Sanktionen im Genfer Abrüstungsausschuß.

Nach längerer Pause hat der Militärunteraus- schuß der vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf wieder einmal etwas von sich hören lassen, nachdem feine segensreiche Tätigkeit für eine Weile unterbrochen war. Die jüngste Leistung reiht sich würdig den früheren an, die in merkwürdigen Be­schlüssen gipfelte, wonach z.B. voll ausgebil­dete, von den Fahnen entlassene Reservemann­schaften und die noch bei den Fahnen befindlichen in der Ausbildung begriffenen Mannschaften nicht als Streitkräfte im Sinne der Abrüstung ein­zuschätzen seien, wohl aber z. B. Uniform tragende Polizisten, die den großstädtischen Verkehr re­geln. Diesmal handelte es sich zur Abwechslung um die Kriegführung mit Giftgasen.

Schon vor längerer Zeit und bei einer anderen Gelegenheit hatte die deutsche Regierung den Vor­schlag unterbreitet, durch Völkerbundsbeschluß und ein internationales Abkommen den Giftgas- krieg zu verbieten. Dieser Vorschlag wurde seinerzeit zwar allgemein begrüßt und gebilligt, aber zur prafti chen Durchführung ist et nicht ge­langt. Nun beschäftigt man sich in dem genannten Militärunterausschuß mit der Frage, ob und in welcher Weise die Verwendung von giftigen Gasen im Kriege in das Programm der Abrüstungskonfe­renz falls eine solche zustande kommen sollte einbezogen werden sollte. Dabei hat sich die alte Kombination, die aus Frankreich und seinen Tra­banten, also Polen, Tschechoslowakei, Rumänien, Jugoslawien usw. zusammengesetzt ist, neue Lorbeeren erworben. Die Randstaaten, die gerade im Be- grif sind, gegenseitige Sicherheits- und Schiedsge- richtsverträge mit Rußland abzuschließen ober solche bereits abgeschlossen haben, vor allen Dingen Rumänien, leben in der beständigen Furcht eines Krieges mit Rußland. Sie hegen die Besorgnis, daß im Fall eines allgemeinen Verbots des Verbrauchs oon giftigen Gasen für Kriegszwecke Rußland sich nicht daran kehren, sondern im Gegen­teil reichlichen Gebrauch von diesem Kriegsmittel machen würde. Infolgedessen sind sie auf einen ab- surden Gedanken verfallen. In ihrem Namen ftat die französische Vertretung im Militärunterausschuß den Vorschlag gemacht, sämtliche Dettragsstaaten der Abrüstungskonferenz sollten sich verpflichten, gemeinsam gegen jeden Teil, der Vertrags- widrig von giftigen Gasen Gebrauch machen sollte, mit allen Mitteln bekämpfen, die die chemi­sche Industrie überhaupt zur Verwendung im Kriege bereitzustellen vermöchte.

Dieser Vorgang zeigt, bis zu welcher Sinn­losigkeit die von den Franzosen so eifrig ge­förderte Sanktionspolitik getrieben wer­den kann. Wir haben ja in den Jahren seit dem Krieg« Sankttonen genug über uns ergehen lassen. Run soll ein anderes Objekt dafür gefunden werden. Aber hiervon abgesehen, würde die Annahme eines solchen Vorschlages gerade für Deutschland merkwürdige Folgen mit sich brin­gen. Wir haben vor unserem Eintritt in den Völkerbund mit vieler Mühe durchgeseht, daß wir unsere Reutralität im Fall eines Krieges zwischen Polen und Frankreich auf der einen. Rußland auf der anderen Seite wahren und somit Deutschland vor dem Schicksal sichern können, selb st zum Kriegsschauplatz zu werden. Run sollen wir uns. verpflichten, un­sere gesamte chemische Industrie, die an der Spitze aller Länder marschiert, in Öen Dienst eines etwaigen Krieges Frankreichs und Polens mit Ruß­land zu stellen! Dem Erfindungsgeist der fran­zösischen Offiziere int Militärausschuß macht ein solcher Vorschlag alle Ehre. Mit vollem Recht Hut demgegenüber die deutsche Delegatton sofort früheren Vorschlag wiederholt, den Gebrauch giftiger Gase für Kriegszwecke überhaupt z u verbieten.

Man überlege einmal, wohin die Annahme des französischen Gedankens führen würde. Vor­

ausgesetzt, daß die Abrüstungskonferenz über­haupt zustande kommt und wirksame Beschlüsse faßt, könnte das Ergebnis doch nur darin bestehen, daß sowohl die Heere und Flotten wie die Kriegs­vorbereitungen jeglicher Art in jedem Lande entsprechend vermindert oder überhaupt abge- schafst werden. Es wäre denkbar, das außerdem bestimmte Verbote ergehen, wie z. B. das der Verwendung giftiger Gase in jeglicher Form oder der Unterseeboote. Solche Beschlüsse einer Abrüstungskonferenz könnten natürlich nur dann wirksam werden und in Kraft treten, wenn sie mindestens von allen großen Mächten mit Einschluß Rußlands angenommen werden. Cs wär« ein schlechtes Zeichen für den Geist, in der solche Beschlüsse gefaßt würden, wenn gleich hinterher ein zweiter käme, der jene wieder aushebt und die unmensch­lichste Art der Kriegführung wieder einführt, und zwar in einem Kriege aller gegen einen, falls dieser eine sich nicht fügt.

Eine Abrüstungskonferenz und Abrüstungs­beschlüsse haben nur dann Sinn und Zweck, wenn sie von dem Geist der Erkenntnis eingege­ben sind, daß nun wirklich die schweren Schäden eines großen Krieges für alle Völker nach Mög­lichkeit beschränkt oder aufgehoben werden sollen. Wer sofort oder gleichzeitig mit den schwersten Strafen für einen Verstoß gegen diese Beschlüsse droht, beweist damit am besten, daß er selbst nur nach einem Vorwand sucht, sie nicht zu be­achten. Die Erfahrung lehrt zur Genüge, daß sofort bei Beginn von Feindseligkeiten von bei­den Teilen schwere Vorwürfe über die Art der Kriegführung gegaM den andern erhoben werden. Es würde also dw absolut sichere Folge eines solchen Zustandes fein, daß z. B. Polen und Rußland gegenseitig einander beschuldigten, Gift­gase zu gebrauchen, daß damit der Krieg aller gegen alle entfesselt und gerade der Zustand herbeigeführt würde, den man beseitigen will. Unb das nennt man in Paris Abrüstung!

Die Mttitärkontrolle in Deutschland.

Poiucars fordert Ausgestaltung der Völkcrbnrrvskontrolle.

London, 26. Off. (WTB. Funkspruch.) Der diplomatische Berichterstatter desDaily Telegraph" schreibt, die Botschafterkonferenz über­lasse es dem Ermessen der interalliierten Kon­trollkommission, weitere Ermahnungen an das Reichswehrministerium in der Frage von Ver­stößen gegen die Lntwaffnungsbesfimmungen des Friedensoertrages zu richten. Man hoffe, dadurch das Aufsehen und die Erbitterung zu vermeiden, die eine formelle Rote der Botschafterkonferenz in Deutschland und anderswo erregen würde. Der Kor­respondent sagt, er höre, daß der wirkliche Grund für die Abneigung der französischen Regierung gegen die baldige Uebertragung der Kontrolle an den Völkerbund nicht in den fraglichen Verstößen bestehe, sondern darin, daß poincare und die fran­zösischen heeresführer entschlossen seien, kein Nachlassen der ständigen Kontrolle, die die Uebernahme durch den Völkerbund zweifel­los mit sich bringen würde, zu gestatten, bis d i e genauen Bedingungen der Völker­bundskontrolle in einer Frankreich befrie­digenden Weise sestgeseht sind. Die Franzosen ver­langten eine überwältigende alliierte Wehrheit im Völkerbunds-Kontroll­ausschuß, häufigere und regelmäßigere Inspek­tionen, als bisher ins Auge gefaßt wurden, schärfere Aufsicht über die entmilitarisierte Rheinlandzone sowohl als über das übrige Deutschland und Be­fugnis für den Völkerbundsrat, Sanktionen durch Mehrheitsbeschluß und nicht nur durch einstimmigen Beschluß anzuordnen.

Konflikt zu regeln, der ein industrieller Konflikt sei und bleiben müsse. Beide Parteien müßten das selber tun. Es sei ihm vollkommen klar, daß, solange die Angelegenheiten der Koh­lenindustrie von den gleichen Persönlichkeiten behandelt würden, die bisher die Verhandlungen versucht hätten, niemals diel Hoffnung auf eine Regelung bestehen würde.

Die britische Reichskonferenz.

London, 25. Okt. (WTB.) Die Sitzung der Reichskonf«renz. die wegen der Parlaments- sitzung am Rachmittag nach der Mittagpause nicht mehr fortgesetzt wurde, war der Erörterung der auswärtigen Beziehungen gewidmet, die Sir Austen Chamberlain mit seiner nichtver­öffentlichten Rede in der Vorwoche einge'leitet hatte. Es sprachen die Vertreter sämtlicher Do­minions und Indiens. Chamberlain antwortete auf die verschiedenen vorgetragenen Gesichts­punkte. Lieber den Verlauf der Sitzung wird kein Bericht veröffentlicht, ebensowenig wie über die morgige Beratung. Die Fragen der Reichs- verteidigung, die Frage der Beziehungen "zwischen den Gliedstaaten des Britischen Reiches und Des Ausbaus der Derkehrsverbindungen zwi­schen ihnen wurden je einem Ausschuß der Kon­ferenz zur Beratung überwiesen.

Der Wirtschaftsausschuß erörterte die Frage der Standardisierung von Fabrik­waren. Es wurde vorgesckäagen, ein Amt zu errichten, das die Standardisierung von Fabrik­

waren innerhalb des Reiches einleiten soll. Im Ausschuß für Siedlungen in Llebersee wies Lord Clarendon darauf hin, daß man nach einer mög­lichst gleichmäßigen Auswanderung streben müsse. Er sagte, in der Vergangenheit habe sich die Auswanderung aus England nach den Do­minions ohne eine ernste Einbuße für die Stärke der einheimischen Bevölkerung vollzogen. In den nächsten zehn Jahren werde sich jedoch die Lage zum ersten Male in der Geschichte der modernen Industrie ändern. Im Jahre 1933 würden infolge des Krieges an Knaben und Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren allein 350 000 bis 400 000 weniger für die Beschäftigung in der ein­heimischen Industrie zur Verfügung stehen. Dies sei für das Auswanderungsproblem wichtig, da gerade junge Leute von den Dominions gewünscht würden.

Zentrum undKoalitioninHesseri.

ID $71. Friedberg, 25. Oft. (Wolff.) Auf dem Oberhessischen Parteitag der Zentrumspartei sprach Domkapitular Professor Lenhart über die poli­tische Tätigkeit des Zentrums in Hessen. Er sagte dabei u. a wenn im Landtag kulturelle Fra­gen angeschnitten würden, könne das Zentrum sagen: Ich bin allein aus weiter Flur! Trotzdem fei die Freiheit der Kirche in Hessen unangetastet. Das Schmerzenskind sei die Schule. Das Lan­desamt für das Bildungswesen sei für d i e Koalition eine Gefahr und könne diese Woche akut werden.

Die Deutschen in Ungarn.

Die Mindcrheitenpolitik des Minister' Präsidenten Grafen Bcthlen.

B u d a p c st, 25. Oft. (WB.) Ministerpräsident Graf Bethlen empfing eine Abordnung des zu­meist von Deutschen bewohnten Wahlkreises Pilis- Dörösvar, wo jüngst der Kandidat der Regierungs­partei zum Abgeordneten gewählt wurde. Auf eine Begrüßungsansprache antwortete der Ministerpräsi­dent in deutscher Sprache und sagte: Diese Wahl ist ein Beweis dafür, daß die deutschsprachige Bevölke­rung, getreu ihren alten Traditionen gemeinsam mit der ungarischen Bevölkerung für das Wohl des Landes arbeiten will und daß sie ihre Interessen in der Regierungspartei gesichert sieht. Der Patriotis­mus ist Sache des Gefühls und nicht der Sprackze. Niemanden ist es im Lande verboten, die Mutter­sprache zu gebrauchen. Die Regierung wird dafür sorgen, daß die Muttersprache des ungar­ländischen Deutschtums im Bolts« unterricht zur Geltung kommt und daß die Deutschen in Ungarn ihre charakteristischen völkischen Eigenschaften bewahren können. Diesem Zweck dient auch die im Jahre 1923 erlassene Verordnung über die Minderheiten. Des­halb hat die Regierung auch die Gründung des Deutschen Volksbildungsoereins er­möglicht. Bei der Durchführung dieser Verordnung ergaben sich zwar in Gemeinden mit gemischtsprachi- ger Bevölkerung, in denen es nur einen einzigen Lehrer gibt, gewisse technische Schwierigkeiten, da cs einige Zeit dauert, bis dieser Lehrer beide Sprachen erlernt. Die Regierung würde es jedoch unter keinen Umständen dulden, daß durch administrative Schwie­rigkeiten die Durchführung der Verordnung er­schwert wird. Der Ministerpräsident betonte nach­drücklich, daß die sämtlichen Verfügungen dieser Verordnung Punkt für Punkt durchge­führt werden. Schließlich gab der Minister der Ueberzeugung Ausdruck, daß die deutschsprachige Bevölkerung Ungarns auch in Zukunft in brüder­licher Eintracht mit der ungarischen Bevölkerung leben und diese Zusammenarbeit zum Wohle des Landes führen werde. Die Abordnung nahm die Ausführungen des Ministerpräsidenten mit großer Genugtuung zur Kenntnis.

Italiens Balkanpolitik.

Vor einer rumänisch.ungarisch' italienischen Entente.

Rom, 26. Ott. (TLI.) Marschall Da do- gl io wird dieser Tage in besonderer Mission nach B u k a r e st reisen. Amtlich wird als Grund dieser Reise die Lieberbringung einer Einla­dung des italienischen Königspaares an den König und die Königin von Rumänien an­gegeben. *2Ran nimmt jedoch an, daß Badoglio die Reise unternimmt, um einzelne offen ge­lassene Bestimmungen des italienisch-rumänischen Freundschaftsvertrages zu klären, darunter die bessarabische Frage. Weiter glaubt man, daß Badoglio den Aufttag hat, eine rumä­nisch-ungarische Ent ent« vorzubereiten, die Italien wünschenswert sein würde für den Fall, daß die angestrebte Annäherung an Ju­goslawien wegen der italienisch - jugoslawischen Meinungsverschiedenheiten über Einräumung eines Freihafens an Ungarn scheitern sollte.

Die Beamtenkrisis in Oesterreich.

Wien, 25. Ott. (WTB.) In den heute toieberaufgenommenert Verhandlungen mit den Beamten erklärte Bundeskanzler Seipel, daß er nach der Prüfung der einzelnen Forderungen mit ihnen gruppenweise verhandeln müsse. Finanzminister Kienboeck teilte mit, daß die Regierung bereit sei, den pragmatischen Beamten einen Mindestbezug von 1621/? Schilling monatlich zu gewähren. Seipel betonte noch, in dem heute zugestandenen Angebot liege das äußerste, was di« Regierung nach der gegenwärtigen Dudgetlage vertreten könne. Er sehe einer baldi­gen Verständigung über die Fortsetzung der Ver­handlungen entgegen. Die Angestelltenvertreter werden den Standpunkt der Regierung morgen dem einberufenen Plenum des 25er»Ausschusses und der technischen Union unterbreiten. Sie be­zeichneten schon heute das Angebot als nicht genügend. Trotz der bestehenden Gegensätze halt man die Lage in unterrichteten Kreisen nicht für kritisch und glaubt, daß es zu einer Vereinbarung kommen werde, und daß die Be­amtenschaft nicht sobald mit dem Streik einsehen werde.

Eine Neuregelung der Reparationslieferungen.

Essen, 25. Okt. (TU.) Das rheinisch- westfälische Kohlensyndikat hat ein Abkommen getroffen, nach dem die Reparations­lieferungen nach Frankreich grundsätzlich nicht mehr als Zwangsleistungen, sondern a ft f dem Wege freier Verträge bewirkt i^rrben. Das Verfahren steht in seinen Grundsätzen und in seiner praktischen Durchführung mit dem Ab­kommen von London und den Bestimmungen der Reparationskommission im Einklang. Retzen den Reparationslieferungen bleibt die Einfuhr wei­terer Mengen nach Frankreich unbeschränkt. Von letzteren Mengen werden wie bisher 26 Prozent des Wertes gemäß Recovery Act erhoben, die Gesamtabrechnung wird durch die Zentralisierung vereinfacht. Alle zwischen der deutschen Re-