Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. H., Berlin.
6. Fortsetzung. 9lochdrnck ucrbolcn.
Kronprinz Friedrich ober — da steckte das Weib! — würde kinderlos sterben. Sein mildes Jugendleben — das war das eine. Die Mamsell Rasmussen, die ehemalige Putzmacherin — das war das andere. Man sagte, er hülfe sich schon in der Stille antrauen lassen. 9(iir so lange würde es noch inoffiziell bleiben, bis König Christian die Lingen geschlossen. Der hielt ouf Form. Es war das einzige, was er nach vom Sohn erzwingen konnte, der'die Nächte mit seinen «auftumpanen vergeudete und den revolutionären Buchdrucker seinen besten Freund nannte.
Schmalebeck war holsteinischer Grund und Boden, aber die Fäden zogen sich tausendfach hinüber ins Schleswigschc. Eine Sprache, eine Heimat, ein Denken und Fühlen, eine einzige große Familie. Verschwiupt und verschwägert untereinander aller Adel und alle Bürgerschaft. Keiner, der nicht seine Angehörigen auch jenseits der Eider suchen konnte. Holstein verlies den schleswigschen Bruder nicht. —
Auf der Treppe draußen ein tanzender Schritt, eine summende Stimme.
Der alte Herr hob den silberweißen Jupiterkopf und griff zum zierlichen Hämmerchen aus Glas, das neben der Hand auf der Fensterbank lag. Er llöpfelte an den Scheiben, sie hatten verschiedenen Klang, und das zarte Geklöpfel wurde zur Melodie.
„Sah ein Knab' ein Röslein stehn —"
Draußen hielt der Schritt an, wandte sich, kam an die Tür.
,Zimmer herein!"
Jlsebill stand auf der Schwelle. Der alte Herr hatte für jeden in der Familie seinen eigenen Ruf.
„Großpapa?! — Haben sie dich alleingelassen den ganzen Tag. — Ja, unten bei uns ist auch alles schon Whiststimmung." Sie war herangekommen, hotte die welke Hand an ihre Wange gehoben und rieb sich leise an ihr. „Was sollte ich?"
„Dich mal hierhersetzen. Ich hab' dich noch nicht einen Augenblick allein gehabt, seit du zurück bist. Sag' mal, Kind — gestern ist da auf der Post } wieder ein Gerede gewesen von den Handlungs- |
reisenden — du hast doch gewiß in Kiel so viel gehört — was sagen sie denn da über unsere Lage? Die Herren von der Universität wissen doch immer Bescheid."
„Ja, Großvater — Onkel Dithmer war sehr verschlossen. Er ist ja immer so. Aber unter den Stu» benten soll gewaltig politisiert werden. Sie meinen, der König würde das neue Jahr kaum erleben, und dann ginge es los."
„Es ginge los? Wie meinen sie das?"
„Das konnten sie auch nicht sagen. Einige redeten, als wenn der Deutsche Bund dazwischen- fommen würde. Und andere sagten, die Herzogtümer würden sich schon selber helfen. Aber Herr von Hammersmid lachte über alles. Er sagt, der Kronprinz würde alles lassen, wie es immer gewesen, und er könnte vierzig Jahre regieren, und man sollte nicht so viel über ungelegte Eier kakeln. In vierzig Jahren wäre immer noch Zeit dazu, die Erbfolge zu regeln."
„So, so.' — Und was glaubst du?"
„Ja, ich dellke, eigentlich hat er recht. Wir müssen doch so lange bei Dänemark bleiben, bis der Kronprinz mal ohne Söhne gestorben ist und sich die Glücksburger und die Augustenburger drum ver- tragen müssen, wer Schleswig-Holstein —"
„Sich drum vertragen müssen? Es geht nicht ums Vertragen, mein liebes Kind. Es geht um das alte heilige Recht. Um unsere deutsche Vergangenheit und Zukunft geht es. Das sollte euch Jungen vor allem klar sein. Denn eure Zukunft ist es, um die wir sorgen. Wir gehen wohl bald zur Ruhe, wir Alten. — Wir werden den Tag der Entscheidung nicht erleben. Aber für euch heißt es: Deutsch bleiben oder nicht."
„Ja, Großpapa. —" Es kam lau. Das lag doch alles noch so in unendlicher Ferne. Und die Gegenwart war so wunder — wunderschön. Und es gab doch unter den Dänen so reizende Menschen. Man hat ja auch Verwandte in Kopenhagen. Die halben Herzogtümer hatten Verwandte da drüben auf den Inseln und jenseit der Königsau. Die Studenten — natürlich, die waren immer voll wilder Begeisterung. Es machte Spaß, ihre aufgeregten Reden zu hören. Daß die Ernst werden könnten — ach nein, das glaubten sie doch wohl selber nicht.
Der alte Herr sah nachdenklich in das schöne junge Gesicht. Auch er spürte in Zügen und Augen
etwas Fremdes seit der Heimkehr. Aber die Jugend lag zu weit hinter ihm, und bann — er sah immer noch das Kind in der Enkelin.
Wieder draußen ein Schritt. Fest und ruhig. Sein Sohn kam. Breit und hoch stand er in der Tür und lachte behaglich, als er Vater und Tochter zusammenfand. „Na, Vater, hat sie ausgekramt? Ich will euch nur die Whisttische auffteUcn. Heute sind es wohl nur zwei Partien?"
Er trug die leichten Spieltische herbei, schlug sie auseinander, holte aus dem Wandschrank die Whist^- karten, setzte silberne Leuchter auf die Ecken, je zwei auf jeden Tisch — tat, was er schon als Schüler getan, wenn die Eltern Abendbesuch erwarteten. Man war sehr konservativ und pietätvoll in Schmalebeck.
Ilse aber nahm die Gelegenheit wahr und entwich. Sie lief in ihr Zimmer und holte das Blumenkleid aus dem Schrank, das rosenrote mit den weißen Röschen, viel gekraust und im Gürtel von langen lichfgrünen Bändern umschlungen. Die Taille schloß zierlich mit einer Spitze vorn, an der das Gürtelband die Schleife bildete, um den Ausschnitt lag das schimmernd weiße Mulltüchlein, zwei halboffene Zentifolien, die ersten, die im Boskett aufgebrochen waren, wurden hinter das rechte Ohr in die Locken gesteckt. So stand sie vor dem Spiegel, knickste vor dem Gegenbilde, freute sich, wie der Rock so breithin bauschte, und trällerte vergnügt: „Ihren Schäfer zu erwarten . . .", brach ab und lauschte. Sprachen da unten im Flur nicht schon Gäste? Frau von Krogs Stimme? Und jetzt eine junge — Helle. Nun antworteten die Geschwister, — aha, die hatten Order, auf die Tür zu achten. Jetzt kam Hanfes warmer Alt — es wurde Zeit, daß die Tochter des Hauses hinabging.
Einmal schwenkte sie sich noch um sich selber, daß Röcke und Locken flogen, bann schritt sie fein zierlich wie ein allerliebstes Kätzchen die breite alte Treppe hinab und trat, ganz Sittsamkeit und feines Benehmen, in die gute Stube.
Und knickste vor Frau-von Krog und fragte den Herrn Oberjägermeister a. D. höflich nach den Schmerzen und reichte dem jungen Herrn die Fingerspitzen, die er in vollendeter Courtoisie an die Lippen führte. Und Hanse lachte im stillen über bie große Tochter, und der Vater dachte: „Wie die Großmama, completemang wie bie Großmama,"
denn von der alten Pastorin pflegte der Herr Ober» jägermeister zu sagen: „Die vornehmste Same, der ich je im Leben begegnet bin, das ist die Pastorin Rottmann." Und er war den vornehmsten Damen begegnet.
Wieder bimmelte die Haustür und immer wie« der, die Stuben füllten sich, Mile kam mit Tee in chinesischen Tassen, Doktors Meta reichte Kuchen, die alten Herrschaften zogen sich nach oben an die Whisttische, die Jugend wanderte in den Garten.
Riekchen Jessen war da in einem lichtblauen Musselinkleide, Rüschen ringsum am Rock, Rüschen an den Aerrneln, am Ausschnitt, fest geschnürt und glucheiß vom engen Mieder. Und daß Georg Grütz» mann, der Neffe von Herrn Nilins, — Herr Nilins hatte die Brauerei draußen vor der Stadt und der Neffe war fein Pflegesohn und Erbe, — ja daß Georg Grützmann auch da war, mußte die Röte auf den Wangen noch erhöhen.
„Was sie nur an ihm findet?" dachte Ilse. „Dieser schwere und schwerfällige Mensch!" Unterhalten kann er sich nicht. — Witze muß man ihm erklären! — Wenn er lacht, denkt man, es donnert, und wenn er geht, zittert der Boden. Daß er schwarze Augen hat und einen dicken "Schöpf? — Ist es das? Denn auf Geld sieht Riekchen nicht." Und wieder Gebimmel, da kam Eitel Bostrup und füllte gleich Haus und Garten mit seiner Kommandostimme. Seine 45 waren für ihn nur ein Grund wehr, sich durchaus zu der Jugend zu halten. Zuletzt noch die Staffage, ein paar Schulkameradinnen von Ilse, der Kandidat, ein junger Lehrer, und bann nahm der Garten alles auf in seine schattige Kühle, und seine Ecken hallten nach von dem frohen Lärm auf Rasen und Wegen.
Oben saßen sie an den Spieltischen. Nur Hanse und Frau Helene und das eine Fräulein Schnäpel, das lieber unendliche Meter Hemdenspitze häkelte als Whist spielte, hatten sich hinter den Sofatisch ge- zogen und regeten halblaut. Pastor Jessen aber ging zwischen den Spielern und dem Sofa hin und her, und sein freundliches Gesicht, das so gern lachte und so wenig lachen durfte, wurde immer ernsthaft gefaßt, sobald er in die Nähe seiner Frau kam, und blühte auf zu einer sanften Heiterkeit, wenn er neben dem alten Herrn stand, der sich mit dem ganzen Eifer seiner Natur an das Spiel gab.
(Fortsetzung folgt.)
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