Ausgabe 
26.1.1926
 
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Nr. 21 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 26. Januar $926

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Marine und Revolution 1918.

Aus dem Untersuchungsausschuß des Re chstags.

Berlin, 25. Jan. Im Unterausschuß für die Marinevorgänge teilte der Vorsitzende, Abg. Dr. Philipp (dn.) folgendes Schreiben Vize­admirals v. Trotha mit.Nachdem mir soeben durch beit Herrn Chef der Marineleitung dienstlich bekannt geworden ist, daß der Herr Reichswehrminister sich entschlossen hatte, di-^ in den Ausschuß entsandten Kommissare vor­läufig nicht mehr zu entsenden, bin ich nicht in der Lage, in der Sitzung des Ausschusses heute nachmittag zu erscheinen. Ich lege aber großes Gewicht darauf, über die in Frage stehenden Vorgänge Auskunft zu geben." Der Vor­sitzende beantragte darauf, den Vizeadmiral v. Trotha als Auskunstsperson zu ver­nehmen. Rach kurzer Geschäftsordnungsdebatto wird die sofortige Vernehmung des Vizeadmirals v. Trotha beschlossen. Der Vorsitzende teilte mit, daß u. a. auch Admiral v. Capelle um seine Vernehmung gebeten habe.

Hierauf gab Abg. Graf von der Schu­lenburg (dn.) unter dem Beifall der Rechten, folgende Erklärung ab:In den Sitzungen anv 22. und 23. Januar sind besonders von den ZuhörernbeispielloseSchmähungen gegen das Offizierkorps der alten Wehrmacht gerichtet worden. Ich erkläre daher für die alte Wehrmacht und für mich selbst, daß ich diese Verleumdungen mit allem Rachdruck z u r ü ck w e i s e.

Die alte Wehrmacht hat in hingebender, todes­mutiger Treue vier lange schwere Jahre dem Ansturm der Feinde standgehalten und die Grenzen des Vaterlandes geschützt.

Nunmehr wird Vizeadmiral v. T r otha als Auskunftsperson vereidigt. Er wendet sich ge^en die Darlegungen des Abg. Dittmann, daß Mannschaften auch in dringenden Fällen keinen Urlaub bekamen, während z. B. ein Offizier schon anläßlich einer Niederkunft seiner Frau beurlaubt wurde. Der be­treffende Offizier hatte seinen Wohnsitz in Wilhelms­haven. Andererseits war der Bedarf an Mannschaf­ten ungeheuer groß. Auf einem großen Kreuzer oder auf einem Linienschiff, auf dem jeder Mann im Jahre 10 Tage Urlaub haben sollte, mußten im normalen Betrieb immer ungefähr 30 Mann auf Urlaub sein. Ein weiterer Ausfall von etwa 20 Mann kam auf das Konto von Erkrankungen. Ein dritter Ausfall von 2530 Mann auf Ausbildungs­kurse, um das Schiff auf der Höhe seiner Leistungs­fähigkeit zu halten. So sielen inspesamt auf einem solchen Schiff ungefähr 10 0 Mann aus, weit mehr als die Besatzung eines schweren Turmes aus­macht. So schmerzlich es war, so konnte man selbst ganz berechtigte Wünsche nach Urlaub nicht alle er­füllen. Jeder Vorgesetzte, so weit ich sie als Men­schen kennengelernt habe, hat sein Bestes getan, um den berechtigten Wünschen gerecht zu werden. Ich kann ferner bezeugen, daß Admiral Scheer bei verschiedenen Gelegenheiten darauf hingewiesen hat, daß gerade in Kriegszeiten die Strafanwen­dung auf das Sorgfältigste und unter Berück­sichtigung aller Verhältnisse und auch des Druckes, unter bent die Mannschaften standen, in Ruhe und ohne Uebertreibung zu handhaben wäre. Außerdem ist auch durch Reichsgesetz vom 25. April 1917 eine weitgehende M il^e - r u n g der Strafbestimmungen eingetreten, -tat­sächlich haben sich die Strafbestimmungen im Kriege gegenüber der Friedenszahl nicht vermehrt.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Ebert hat im Hauptausschusz erklärt, daß aus der 2Harinc verhältnismäßig wenig Beschwerden Vorlagen. Der sozialdemokratische Abgeordnete Noske war längere Zeit an Bord von 5.TU. 5.von der Tann" unb hat dort das Leben der Offiziere und Mannschaften kennen- gelcrnt. Auch er hat nachher keine Beschwer­den vorgebracht.

v. Trotha ging dann auf die ^Verpflegungs- Verhältnisse ein. Auf den einzelnen Schiffen bestand Selbstverpflegung. Bei dem Gelde, das für die Verpflegung ' nutzbar gemacht werden konnte, bestand zwischen Offizieren und Mannschaften an­fangs ein Unterschied von 1,15 Mark, der sich aber nach und nach auf 25 Pf. verminderte. (Hört!

Hört! rechts.) Die Verpflegungssätze wurden im weiteren Verlauf des Krieges wesentlich erhöht. An Brot bekamen die Mannschaften weit über das Doppelte dessen, was der Bürger in den Groß­städten erhielt. Ebenso war es mit Fett. Im Kriegs wurden die M e n a g e k o m m i s s i o n e n einge- sührt. Auch aus der Schilderung des Abg. Ditt­mann ergibt sich, daß sie zu einer neben dem mili­tärischen Apparat sich entwickelnden Organi­sation wurde, die von den Verpflegungsfragen zur Behandlung von politischen Fragen über­ging. Aber wenn eine Truppe ihrer vaterländischen Pflicht genügen soll, so muß sie allein eingestellt sein auf den großen Gedanken: Hier gilt es, mit der Waffe für das Vaterland!

Der Zeuge besprach bann die Vorkommnisse von 1917. Koebes, einer der erschossenen Ma­trosen, hat in ber betreffenden Versammlung gesagt:Die Heizersache hat uns eigentlich einen schlechten Streich gespielt, denn in 14 Tagen oder 3 Wochen wollten wir zu einem großen Schlage aushole n. Diese Rede würbe be­reits am selben Tage, als sie gehalten war, von allen Seiten bekanntgegeben, so daß an ihr kein Zweifel ist. Ein Matrose hat gesagt, es sei in ber Versammlung am 1. August im Restau­rantTivoli" zunächst eine Propagandarede für die 11. S. P. gehalten und bann gesagt worden, die Matrosen müßten sich fest zusammenschliehen und nötigenfalls mit Gewalt gegen ihre Vorgesetzten vorgehen. (Unruhe rechts.) Jedenfalls stand hinter dieser Aufruhrbewe­gung die U. S. P. In das Gerichtsverfahren habe ich nicht eingegriffen, aber als Chef des Stabes war es meine Pflicht, auch für den Fall von Todesurteilen die nötigen Vorkehrungen zu treffen." Der Zeuge kommt bann auf den

Flottenvorstoß

zu sprechen.Unmöglich konnte vor jedem Kampf- vorstoß erst im Großen Hauptquartier angefragt werden, da man von dort gar nicht die vielen Vorbedingungen femien konnte, die jeweils für ein Auslaufen der Hochseeflotte entscheidend traten. Mit einrem Vorstoß gegen diese und und traten. Mit einem Vorstoß gegen den Kanal wäre unsere Front zu Lande entlastet worden. Die Vorbedingungen zu Vorstößen geheimzuhal­ten, war eine unbedingte Pflicht gegen die Be­satzungen. Die Pläne für die vorbereitenden Ope­rationen haben wir immer erst bann ms Große Hauptquartier geschickt, als die Flotte in See ging, denn mit den Meldungen muhten wir äußerst vorsichtig sein. Demnach ist es für den hier in Betracht kommenden Vorstoß keine Frage, daß nicht einmal die Mitglieder des Stabes im Bilde waren. So war der Plan gefaßt worden, mit einer starken Gruppe in die flandrische Küste hineinzustoßen und zu gleicher Zeit mit einer anderen Gruppe gegen die Themsemündung vor- zugehen, um dort das ganze Transportwesen des Feindes aus den Fugen zu heben. Dabei mußte selbstverständlich die Hochseeflotte mit hinaus- gehen.

3d) kann keinen anderen Ausdruck finden, als daß ich noch nie im Kriege ein so stark und sicher vorbereitetes Unternehmen habe durch­führen lassen. Ich kann nicht begreifen, wie in Zeilen eines solch schweren Ringens die starke militärische Kraft der Flotte in den Häfen liegen bleiben konnte.

Als wir uns über die Durchführung des Unter­nehmens einig waren, habe ich auch an den dama­ligen Chef des Stabes der Seekriegsleitu-ng, den damaligen Admiral v. L e o e tz o w, die Frage ge­richtet, ob die Regierung im Bilde fei und damit eine zustimmende Antwort erhalten. (Be­wegung links.) (Abg. Dittmann:Entschei­dend ist, ob die Regierung des Prinzen Max unterrichtet war!") Das kann ich so genau nicht sagen. In dem Moment, als auf Befehl von oben der U-Bootkrieg eingestellt wurde, hatte die Flotte ihre operative Freiheit vollkommen wieder- bckommen.

Auf die Frage des Abg. Dittmann, ob ber Zeuge aus eigenem Wissen angeben könne, daß Prinz Max von Baden seine Zustimmung zum

Deutschland und Italien.

Der Kampf um das Mittelmeer. Eine Wendung in der italienischen Außenpolitik.

[ Don unserem römischen I5°Korresponbenten.

Rom, Ende Januar.

JeneOrangenblüte vom Lago maggiore, deren Duft Brianb unb Stresemann so berauschte, bah sich die Abgesandten der Erbfeinde brüder­lich in die Arme fielen, reift allmählich zu einer recht herben Frucht heran. Bald wird sie vom Baume fallen, nein, frühzeitig von der starken faschistischen Faust herabgerissen und dem er­schreckten Europa in den Schoß geworfen werden: Krieg!

Es ist natürlich leicht zu fagen, man solle den Teufel nicht an die Wand malen, es ist ebenso leicht, wie den Kops in den Sand zu stecken. Politisch ist es nicht. Anverantwortlich aber wäre es von den Rachbarn Italien, ihr Schicksal vertrauensvoll dem Völkerbund zu überlassen und zu ihren Feldherren die Nie-wieder-Krieg- Herren zu bestellen. Die Wirklichkeit sieht erheb­lich nüchterner aus als jene milden Herbsttage von Locarno, wo jeder Zweifler des Verrates am Weltfrieden beschuldigt wurde. Wer heule mit offenen Augen auf dem Kapitol steht, der sieht Den anmutigenGeist von Locarno" schon zum Tempel des Mars schleichen, um die Tore zu öffnen. Es ist dabei gleichgültig, ob ber zu Den heiligen Lanzen aufschauende Cäsar Musso­lini heißt oder anders, denn zwangsläufig folgt Die Entwicklungsgeschichte Italiens ihrer vor­gezeichneten Bahn.

Das junge Italien ist wie seinerzeit das junge Deutschland in die Bismarckschultern hin- cingewachsen. Kürassierstiefel unb gepanzerte Faust passen zu ihm unb wenn auch die Welt nicht so viel Aufhebens davon macht wie von den selbstbewußten Kaiserworten, so klingen die Mussolinireden doch noch erheblich drohender als die Berliner Zerschmetterungsreben. Sie klingen so gewichtig, baß es überhaupt keiner ber An- grenzer Reuroms wagt, etwa den Duce so in Witzzeichnungen unb Druckerschwärze herunter- zumachen, wie man sich's Wilhelm II. gegenüber gestatten konnte. Wo im Parlament der Schwä­cheren ein derbes Wort fällt, muß sofort ber verantwortliche Minister Abbitte leisten, wir ha­ben es erlebt, daß italienische Konsuln in bei freien Schweiz eine Sprache sprechen, die um­gekehrt in Rom ober Mailand gar nicht denkbar wäre.

Aber nia)t nur die Manieren sozusagen ma­chen den Vergleich aus. Italien sieht sein 1914 mit ungeahnter Schnelligkeit am Horizont Her­aufziehen. Das junge Reich wird seinen Zwei­frontenkrieg haben. Mussolini sieht hierin so klar wie der eiserne Kanzler unb handelt ent­sprechend. Diplomatisch und militärisch. Mit Bündnissen und Rüstung. Außerdem hat er aus dem Fehler Deutschlands gelernt, daß man nicht nur das Schwert, sondern auch das Volk schwei­ßen muß. Er hat den Defaitismus, die Staats­nörgelei. das Politikastertum beizeiten ausge­rottet. Wenn heute die Trompete zum eisernen Würfelspiel ruft, so wird nicht ein einziges Zeitungsblatt der Regierung in den Rücken fallen.

Ursprünglich rechnete Italien mit ber Waffenhilfe Deutschlands, die ihm bei sei­nem lodernden Rationalismus selbstverständlich scheinen mußte, unb noch heute kann man im Volke dasSchulter an Schulter mit Deutschland gegen Frankreich" hören, wie in den ersten Rach­kriegsjahren. Wohl überall außerhalb der deut­schen Grenzpfähle mißtraut man ja den allzuoft beteuerten friedlichen Absichten der Wilhelm» straße aus dem einfachen Grunde, weil sich nie­mand ein gedemütigtes Volk vorstellen kann, das nicht eifrig zugreift, wenn ihm von dritter Hand ein Schwert in die Hand gedrückt wird. Der Masse des italienischen Volkes aber ist noch nicht bekannt, daß in Rom seit einiger Zeit in dieser Betrachtung der Dinge ein völliger Umschwung eingetreten ist. Die ersten Be­denken stiegen Mussolini, ber sich nicht umsonst anfangs für die gemeinsame Grenze interessiert hatte, den Ruhreinbruch nur scheinbar unterstützte, die deutschen Tributzahlungen auf ein vernünftiges Maß zurückgeeschraubt sehen wollte, ja, nach un­widersprochen gebliebenen Behauptungen sogar die (vermeintlichen) Rüstungen des Versailler Opfers wohlgefällig und logischerweise berechtigt fand, die ersten Bedenken und Zweifel stiegen ihm auf, als Berlin hartnäckig an der Er­füllungspolitik festhielt. Er wich um so mehr zurück, je mehr sich die einander etappenweise folgenden Reichskanzler Frankreich näherten. Locarno entschied bann die Schwenkung. Kann überhaupt, vom italienischen Gesichtspunkt aus betrachtet. Rom anders handeln?

Daß der Wind umgeschlagen hat, steht frei­lich noch nicht in den diplomatischen Wetter­berichten, um so deutlicher fühlt es, wer in Italien lebt. An Stelle bet fast übertriebenen De uts ch ft e un dli chke i t. wie sie nach dem Kriege gang und gäbe war, ist eine eisige Zu­rückhaltung getreten unb strichweise schon eine selbst die französische übertreffende Deuts chfeinblichkeit. Ein Blick auf bas fübtirolcr Barometer sagt alles. Dort hat ber schärfste Kurs mit Locarno eingesetzt, denn nun argumentierte man in Dorn folgendermaßen: Eine Sekundanlenhilse ist von Deutschland nicht mehr zu erwarten; es hat sich an Frankreich verkauft; es sucht sich für die Preisgabe des

Elsasses nun wohl an Südtirol schadlos zu halten; wozu also die Südtiroler noch länger schonen? Argumente, die man nicht nur zu hören bekommt, sondern schwarz auf weiß lesen kann. Dabei bricht immer wieder die Wut über die plumpe italophobe Politik Deutschlands" durch was mit anderen Worten heißen soll: Ihr Tölpel, habt ihr denn nicht begriffen, daß wir lieber mit euch gegangen wären als mit England, von dem wir nicht wissen, ob es auch mit uns geht?

Mit Locarno verlor aber Italien nicht nur einen Sekundanten, auf den cs gezählt hatte, es sah in ihm vielmehr fortan einen offenen Gegner, nachdem die Garantie der Brenner­grenze, auf die Mussolini vorher ausdrücklich gepocht hatte, nicht zustande kam. Und die rück­sichtslose Italienisierung des unglücklichen An- breas-Hofer-Landes setzte auf ber ganzen Linie ein. In Deutschland und Oesterreich antwortete man nicht minder scharf, die Polemik spitzt sich reihend schnell zu. schon klafft ein Abgrund zwi­schen beiden Ländern, der kaum mehr überbrückt werden kann.

Ein Keil treibt den anderen. Mussolini fährt, ohne es auch nur Rom wissen zu lassen, von Mai­land nach Rapallo zu Chamberlain. Eng­lands Haltung bei der Auseinandersetzung mit Frankreich wiegt nicht mehr und nicht weniger als 1914. Es kann jeden Tag die Mausefalle des Mittelmeers zuschliehen. Tritt es auch nur mit wohlwollender Neutralität an die Seite des Volkes, das in zwanzig Jahren um die Hälfte mehr Einwohner haben wird als die lateinische Schwester, so darf Rom mit einiger Sicherheit sagen: Carthaginem esse delendam! Natürlich tut ber Brite nichts umsonst. Reiht Rom in die Liste seiner Kriegsziele zu Karthago-Tunis noch Nizza. Korsika, Savoyen und einen Teil von Marokko ein. so will er dafür im nahen Orient kompensiert fein. Deutschland hingegen hätte es billiger gemacht, jedenfalls nicht auf Kosten Italiens.

So beschleunigt Der Geist von Locarno, ohne es zu wollen, den unvermeidlichen Zusammen­stoß im M i t t e I m e e r. Gerade als Italien bei seinem Spiel der Kräfte vor einer Weg­kreuzung stand, trat er als deus ex machina hervor unb gab die Richtung an. Die Brücken zu Deutschland sind abgebrochen. Die Brenner- toanb, die ber Versailler Vertrag mit teuflischer Berechnung zwischen Die natürlichen Bundes­genossen schob - natürlich, weil sie zusammen einen Steg bildeten zwischen Nordsee und Mittelmeer, einen Damm gegen die westlichen Hegemonieströmungen und die östlichen des Bol­schewismus - hat ihre Schuldigkeit getan.

Noch nicht so klar für die diplomatische Strategie liegen die Dinge im O st c n. lieber den Kautschukvertrag mit, Jugoslawien schreitet natürlich ein Mussolini leicht hinweg, wenn es um sein Vaterland geht; das Hinter­land. in weitestem Sinne, hat jedoch noch seine Fußangeln unb Wolfsgruben. Seit der Balkan durch die ungemein weise Kartenverzeichnung der Geographen von Versailles. St. Germain usw. bis zu den Toren Dresdens erweitert worden ist, steht dort nichts mehr fest. Wer traut der kleinen Entente? Ist Rumänien nicht durch Bessarabien in Rußland verhakt? Steht Grie­chenland nicht als Faktor im englischen Kal­kül? Verlaß wäre nach römischer Meinung allen­falls auf Ungarn, die tschechischen Bündnis- sühler erregen schon Bedenken. Italien hat es ja erlebt, baß man im Laufe eines Krieges bald auf ber einen, bald auf der anderen Seite fechten kann.

Vielleicht bricht ber Sturm los. wenn Der Balkan das Gleichgewicht zum Messen ber Kräfte gesunden hat, vielleicht schon früher. Zündschnüre hängen ja aus vielen Löchern heraus. Und wie lieft man heute in Rom?

W etter leuchten ringsum!"

Derwelschuug der Tiroler Bahnen.

Innsbruck. 25. Ian. (WTD.) Wip die Innsbrucker Nachrichten" melden, ist durch ein Dekret die deutsche Benennung ber Eisenbahnstationen in Südtirol ver- boten und Die sofortige Entfernung der deut­schen Ramenstafeln angeorbnet worben. Das Aus­rufen der deutschen Etationsnamen hat zu unter­bleiben.

Das Recht Südtirols. Rcichsqcrichtspräsidcilt Dr. Simons über die i^tttdentschnniispolitlkJtaliens

Im Rahmen ter Vorträge der Verwaltungs­akademie sprach gestern ber Präsident bes Reichs­gerichts, Dr. Simons, über bas Recht ber Minderheiten. Dr. Simons unterzog die rechtliche Lage ber Südtiroler einer streng wiis.'n- schastlick ' Untersuchung. Italien habe zwar keinen Minderheitenvertrag unterzeichnet, aber Die ita;._ ,.,vje Regierung habe bei der Heber» nähme Südtirols in feierlicher Form eine lot)» alc Behandlung der neuen Untertanen deutscher Abstammung zugesichert. Auch ber Völkerbund habe in seiner Tagung von 1922 eine allgemeine Resolution gleichen Inhalts

angenommen, die sich in ihrer Anwendung un­zweifelhaft auf Italien bezogen habe, unb tat­sächlich habe dann auch die italienische Regierung bis zum Herbst 1923 loyal diese liberale Politik in Südtirol innegehalten. Erst im Oktober 1923 habe durch die Erlasse des Präfekten von Trient die neue Italianisierungs- Politik eingesetzt. Reichsgerichtspräfident Dr. Simons kam zu dem Schluß, daß unzweifelhaft in ber Mißachtung feierlicher Versprechungen durch Italien auch völkerrechtlich eine Ver­letzung geltenden Rechtes gegeben sei.

Italienreise des italienischen Botschafters.

Rom, 26. Januar. Rach einer Mel­dung berTribuna" befinbet sich ber Berliner italienische Botschafter Graf Bos-

bari unterwegs nach Rom, um mit Musso­lini bie Lage zu besprechen. Offenbar handelt es sich dabei um bie Vorgänge in Südtirol unb um bie Möglichkeit dieser Frage auf das diplo­matische Gebiet überzuleiten. Wie demLokal­anzeiger" hierzu von der Berliner italienischen Botschaft mitgeteilt wird, ist Graf Bosdari tat­sächlich am Montag früh nach Italien abgefahren. Eine französische Stimme zur

tiroler Frage.

Paris, 26. Jan. (TU.) DerT e in p s" sagt in einer Besprechung der deutsch-italienischen Be­ziehungen, daß die Trübung der Be­ziehungen zwischen den beiden Ländern eines der bedeutsamsten politischen Ereignisse der letzten Wochen darstelle. DerTemps" erklärt sich die Ber- ftimmung der deutschen Oesfentlichkeit mit dem Vor­gehen Italiens in Südtirol, für die das Blatt Worte der Zustimmung findet. Die Enttäuschung S ü d t i r o l s sei zu verstehen. Wenn auch der Wert der angewandten Ausführungsmethode zweifelhaft erscheinen müsse, so sei doch begreiflich, daß die italienische Regierung die Spuren der auswärtigen Herrschaft in Südtirol zur beschleunigten Durchfüh­rung des Prozesses der italienischen Einheit besei­tigen wolle.