Ausgabe 
25.11.1926
 
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Wan weih, wie es zu diesenkleiner Be° soldungsre'ormen" iam. Die Mängel der zur Zett gül.igen Deamt.noei0-bung.vronu,<g waren offen- kundig und wurden von uLen Seilen aneriannt. Die ganze Beseildunguorbnung bedurfte dringend der Revision, du^ch die den unteren Beamten- gruppen endlich ein ausreichendes Wmdeftein- kormnen verschafft und die Benachteiligung ver­schiedener weiterer Beamiengruppen in der Ein­stufung beseitigt werden sollte. Diese Ausgaben lassen sich aber nur in einer gründlichen Re­form der gesamten Desoldungsordnung bewerk­stelligen, wie sie auch der Reichstag von der Reichsregierung forderte. Die Reichsregierung jedoch, die in dieser Angelegenheit die Führung ergreifen und aus die Einheitlichkeit der Durch­führung in den Ländern bedacht sein mühte, lehnte ab. Sie vertritt den Standpunkt, daß eine große Defoldungsreform erst nach Aenderung des Finanzausgleichs möglich sei, der nach seinem Ablauf am 1. April 1927 voraussichtlich um ein Jahr verlängert werden wird.

Eine Reihe von deutschen Ländern wollten und konnten solange nicht warten: sie versuchten, mit einer kleinen Besoldungsreform dem Hebel zu steuern. Da die Schaffung eines ausreichenden Existenzminimums für die unteren Beomten- gruppen der Ausgangspunkt der Reform war, ging man so vor, dah man weite Kreise der unteren Beamtenschaft in höhere Gruppen einstuste. Auf diese Weise sind in Sachsen die unteren Besoldungsgruppen fast völlig entleert: in der Gruppe! befinden sich dort nur noch so wenige Beamte, dah der Staat auch diesen Rest für nur wenige tausend Mark Mehrausgaben im Jahr aufrücken lassen könnte. Diese auch in Preuhen und anderen Ländern beobachtete Er­scheinung der Leerung der unteren Gruppen be­weist deutlich die Reformbedürftigkeit der ge­samten Desoldungsordnung.

Die mit solchen halben Maßnahmen vvr- genommene Beseitigung des einen dringlichen Aebels schuf nun aber neue Schäden. Das Auf­rücken der unteren Grrchpen brachte den Aufbau des Desoldungssystsms in Verwirrung. Der Unter­ausschuß des Preußischen Landtags, der voraus­sichtlich im Rovember seine Arbeit an der Klei­nen Besoldungsreform mit der Nachprüfung der Besvldungs'oerhältnisse der höheren Beamtenschaft fortsetzt, wird nach Mitteln und Wegen suchen

müssen, um einen Ausgleich für die eingetretenen Te-.f^iebungen heroeizu ühren. Welche Anstren­gungen zur d^af.ung eines auch die berechtigten In.eres en der höheren 'Beamten r.a wenden Aus­gleiches.ig sein werden, ergibt sich aus dem Umstand, da.) die preuhische Regierung, nachdem sie 5,2 Müüonen Mark zur Ausbeiserung der unteren und mittleren Beamten aufgewandt hat, nur noch einen verhältnismäßig geringen Betrag für die höheren Gruppen gewähren will.

Das Beispiel der sächsischen Reform zeigt noch an weiteren Punkten, wie wirr und un­einheitlich der Aufbau des Desoldungssystems werden kann, wenn die Revision nicht ganze, sondern Siückwerksarbeit leistet. Die einzelnen Beamlenkategorien Sachsens sind nach dem Grundsatz der Sechftelung auf die drei ihnen zu- gewicsrnen Besoldungsgruppen verteilt: so sind von den mittleren Beamten im allgemeinen 3/6 in Gruppe VH, 3/s in VIII, V» in IX. Während nun bei vielen Gruppen noch nicht einmal diese Sechstelung durchgeführt ist, haben die sächsischen Dolksschullehrer es erreicht, dah sie bei der Neu­regelung nach dem natürlich günstigeren Grund­satz der Fünftclung auf die Gruppen VII bis IX verteilt wurden. Dieser Unterschied in der Be­handlung forderte den Einspruch der zurück- gesetzten Deamtengruppen heraus, und schon er­hebt der Sächsische Beamtenbund die wohl­begründete Forderung, dah für alle Beamten die gleichen Verbesserungen in der Ausrückung -geschaffen werden.

'Der Eifer, mit dem die Regierungen in Preußen, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Mecklenburg und Bremen bemüht find, die fühl­barsten Mängel der jetzigen Besoldungsorbnung abzustellen, ist aller Anerkennung wert. Es sollte aber bei den kleinen Desoldungsresormen ver­hütet werden, dah die Revision das gesamte De- loldungssystem eines Landes in Verwirrung bringt oder einige Deamtengruppen auf Kosten der anderen besonders begünstigt. Es ist ohnehin schlimm genug, dah eine starke und verstimmende Uneinheitlichkeit in der Besoldung gleicher 'Deamtengruppen verschiedener Länder in Kauf genommen werden muh, solange sich das Reich seiner Aufgabe, die Führung zu über­nehmen, entzieht und dadurch die Länder zu ge­trenntem Vorgehen veranlaht.

VogelstrautzpoUtik in der Tschechoslowakei

Von unserem K.-Korrespondenten.

Prag, November 1926.

Seit einem Monat ist jetzt die national gemischte tschechisch-deutsche Regie­rung am Ruder, ohne dah bis her _ die reichlich verworrenen innerpolitischen Verhältnisse eine Wendung zum Besseren zeigen würden. Der Bruch mit dem System der rein tschechischen Mehrheit hat automatisch die Erwartung ausge­löst. dah es nun zu einem ehrlichen Frieden zwischen den Nationalitäten des Staates kommen werde, dah von den Deutschen das Odium der zweitklassigen Staatsangehörigen genommen und auch den Slowaken die bisher nur auf dem Papier stehende Gleichberechtigung tatsächlich ge­währt werden würde.

Die Opposition hat erklärt, daß sie der Regierung Zett zur Lösung der nationalen Frage lassen wolle und tatsächlich kann sich hie Mehr­heit vorläufig über die Loyalität und Zurückhal­tung der Opposition nicht beklagen. Die Sozialdemokraten auf tschechischer und deutscher Seite, die den numerisch starken Kern der Opposition bilden, lassen den Dürgerblock ziemlich ungeschoren, und auch die national rechts stehenden deutschen Parteien, die National­partei und die Narivnalzos ialisten, be­reiten den in die Regierungsmehrheit einge- tretenen deutschen Gruppen keine Schwierigkei­ten. Man wartet, wie sich die Parteien der Mehrheit mit dem stachligen nationalen Problem auseinandersehen wollen. Es hat aber nicht den Anschein, als ob diese Auseinandersetzung auch nur begonnen hätte.

Als die neue Mehrheitskonstellation zu- standelam. gestanden die deutschen Mehrheit»- gruppen mehr oder weniger verschämt, dah sie das Angebot, in die Regierung zu gehen, ohne jegliche Garantie in nationaler Hin­sicht angenommen hätten, aber sie gaben zu ver­stehen, daß die Praxis des deutsch-tschechischen Zusammenlebens in der Regierung notwendig zu einer Milderung des schroffen chauvinisti­schen Standpunktes der tschechischen Parteien führen müsse. Auch der Regierungschef, brr

tschechische Agrarier Sv eh la, deutete in seiner Programmrede an, dah das neue System national duldsam sein werde und dah über die nationale Frage die Tschechen mit den Deutschen als Gleiche mit Gleichen verhandeln würden.

Die schönen Worte hat man gehört, aber die Taten find bisher ausgeblieben. Nichts ist an den schikanösen Sprachenvorfchriften geändert worden, die Tfchechisierungstätigkeit im Anschluß an die Bodenreform, mit deren Hilfe tschechische Kolonisten ins deutsche Sprachgebiet gesetzt wer­den, dauert an, nach wie vor werden deutsche Beamte wegen nicht bestandener Sprachprüfungen aus dem Dienst entlassen, die Depossedierung des Gudetendeutschtums auf wirtschaftlichem und kul- turellenr Gebiet wird fortgesetzt, als ob die Be­teiligung deutscher Parteien an der Regierungs- mehrheitt und die Anwesenheit zweier deutscher Minister im Kabinett ganz bedeutungslos wäre. Selbst in kleinen Äußerlichkeiten merkt man das Bestreben, auch nicht die geringste Konzession in nationaler Hinsicht zu gewähren So ergibt sich der blamable Zwischenfall, dah der deutsche Justizminister bei der Beratung des Bud­gets seines Ressorts nicht das Wort er­greifen darf, weil er der tschechischen Sprache nur ungenügend mächtig ist, die Geschäftsordnung aber vorschreibt, dah die Mitglieder der Regie­rung nur tschechisch sprechen dürfen. Eben­so wird ein deutscher Berichterstatter an der Er­stattung seines Berichtes in deutscher Sprache gehindert. Vergeblich bleibt der Hinweis, dah es doch auch den Tschechen nicht angenehm sein könne, einem die Sprache radebrechenden Bericht­erstatter zuzuhören, dah der sachliche Wert eines Referats aus Null sinkt, wenn der Referent mit sprachlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Den Sieg trägt der intransigente Standpunkt davon, der an den sprachlichen Vorschriften nichts ändern lassen will und den tschechischen An­strich des Staates ängstlich hütet. Alles bleibt beim Alten. Die Tschechisierung auf wirtschaftlichem und Kulturellem Gebiet, die weni­ger sichtbar unter der Oberfläche betrieben wird,

aber für das Sudetendeutschtum um so gesähv» licher ist. und die nach auhen hin au gerichtetertz Geßleryüte des Sprachenzwanges. die die Det- söhnungssttmmung auf deutscher Sette stets er­neuerten Demütigungen aussetzen.

So hat sich vorläufig die Zuversicht der deut­schen Aktivisten, dah die gemeinsame Arbett zu einer Milderung des chauvinistischen Systems führen Werve, nicht erfüllt. Die extrem nattona- listische Gruppe der tschechischen Nationaldemo- traten, die woyl der Mehrheit angehött, aber nicht ins Kabinett gegangen ist, um nicht in zu enge Berührung mit den Deutschen zu geraten, schwingt ihre Fuchtel über den anderen tschechi­schen Parteien Man läßt sich die mitarbeit der Deutschen gefallen, insofern mit ihrer Hilfe wirtschaftliche Vorteile für die bürger­liche Klasse erzielt werben, aber an der natio­nalen Mißordnung der Dinge läßt man nicht rühren. Die Regierung steckt den Kopf in den Sand uni) versucht zu ignorieren, dah das nationale Problem ihr am den Fingern brennt. Dieser Versuch, mit einer Degelstrau,tzpolitik über die nationalen Klippen Hinwegzukommen, ist aber zum Scheitern verurteilt. Der ungeHärte Zustand ist nicht bloh für ktte deutschen Aktivisten auf die Dauer unerträglich, weil sie Gefahr laufen, von der Bevölkerung im Stich gelassen zu werden, er bringt vielmehr die ganze jetzige Konstellation ins Wanken, weil die Slowaken auf die Er­füllung ihrer nationalen Wünsche bringen. Die slowakische 'Volks Part ei des Paters Hlinka chit ebenfalls die Mehrheit bilden geholfen. Hal ab ec keine Minister gestellt und sich freie Hand Vor­behalten. Die Slowaken verlangen die Selbst­verwaltung der Slowakei. Entfernung der tschechischen Beamten aus der ^owalei und Rückgabe der beschlagnahmen Kicchengikklr. Här­ter und rücksichtsloser als die deutschen Aktwiste« lassen sich die Slowaken nicht mit dem Verspreche« abspeisen, dah ihren Forderungen allmählich im Laufe der Zett Rechnung getragen werden würde. Sie wollen die Gegenleistung für ihre Mit­arbeit gleich haben und in ihre 'Verhandlungen! mit Svehla tönt das Geräusch ihrer Kampf- vorberettungen, ihre Drohung, in die Oppositton zu gehen. Verwirklichen sie die Drohung, dann ist es um die jetzige Mehrheit geschehen. Trotz dieser Gefahr können sich die Regierungstschechen nicht entschließen, den slowakischen Brüdern die Zügel locker zu lassen: denn sie trauen ihnen nicht, sie verdächtigen sie der Magyaren reund- schäft. So ist trotz des Eintritts der Deutsche« in die Regierung keine Stabilisierung der innee- Politischen Verhältnisse der Tschechoslowakei ein* getreten.

Aber auch auhenpolitisch ist die Situa­tion der Tschechoslowakei unsicher und unklar geworden. Zwar weilt Dr. Bene sch seit Wochen fern in Frankreich und erholt sich. Aber das ist kein Zeichen für idyllische Ruhe des tschechischen Auhenamtes. Sein langer Urlaub ist eine Kon­zession an seine Gegner, die ihn überhaupt be­seitigt sehen wollen. Es ist noch immer frag­lich, ob er überhaupt in sein Amt wieder zurück- lehtt. Sollte aber doch darin einem ausdrücklichen Wunsche des Präsidenten Mafaryk willfahrt werden, so wird Benesch im Ministerium den der­zeitigen Berliner Gesandten Professor K r o f t a als Gehilfen mit sehr weitreichenden Kompetenzen an feiner Seite finden. Rehen diesen persönlichen harren auch erhebliche sachliche Schwierigkeiten!. Die Hochschuhzollpolitik der gegenwär­tigen Mehrheit hat die Tschechoslowakei in Äon- flikt mit allen Nachbarn gebrach:. Ungarn hat sich gegen die tschechischen Mehlzölle zur Wehr gesetzt und beit tschechischen Industrieprodukten seine Grenzen verschlossen. Die Einigungsverhand­lungen schleppen sich langsam hin, weil auf der tschechischen Seite die bevorstehenden ungarischen Neuwahlen, die mit der Lösung der Monarch-n» frage zusammenhängen dürften, allerhand Be­fürchtungen wecken. Die Vertragsverhandlungen mit Deutschland kommen nicht von der Stelle, und dieser Tage erst hat O e st e r r e i ch den Handelsvertrag mit der Tschechoslowakei gekün­digt. So sind wir nun glücklich gleich mit drei Nachbarn in vertraglosem Zustand. Das ist wenig erfreulich für einen Staat, dessen Industrie zu drei Vierteln auf die Ausfuhr gerabe in diese Nachbarländer angewiesen ist, gleichzeitig aber auch ein beredtes Symptom dafür, dass das Stre­ben der Tschechoslowakei nach der Vorherrschaft in Mitteleuropa Schiffbruch gelitten hat. Dennoch ist es noch eine große Frage, ob die richtigen Folgerungen daraus gezogen werde« Und die Tschechoslowakei sich bequemen wird, wirtschaftlich und politisch sich ben Nachbar« anzugleichen. die sie bisher unL'ugertoelfe allzusehr von oben herab behandelt hat.

.Lhes des Protokolls begleitet hierauf den Bo»-. schafter und dessen Personal hinunter. Beim Ver­lassen des Gebäudes wieder Ehrenbezeugung der Wache und Rückfahrt, voran der Botschafter- Wagen mit Standarte, auf demselben Wege durch die Mittelpforte des Brandenburger Tors zur Botschaft, wo sich der Chef des Protokolls und seine Herren verabschieden.

Der Empfang fremder Gesandten geht ein­facher vor sich. Sie werden nicht abgeholt, son­dern finden sich zur festgesetzten Zeit im Hause des Reichspräsidenten ein. Die Wache nimmtbad Gewehr über. Der Gesandte erscheint allein, ohne lein Personal. Der Empfang als solcher spielt sich in gleichen Formen wie der Empfang eines Botschafters ab, nur erscheint der Reichs­minister des Auswärtigen ohne den Staais- sekretär des Auswärtigen Amts. Der Gesandte verläßt auch das Reichspräsidentenhaus ohne Begleitung, wie er gekommen ist.

Einmal im Jahre, am 1. Januar, findet ein feierlicher Empfang statt, an welchem der Herr Reichspräsident die Glück­wünsche der bei der Deuttchen Regierung altre- dttierten Vertreter fremder Staaten entgegen^ nimmt. Die verstärkte Offizierswache ist vor dem Palais angetreten, in langer Reihe fahren die Wagen in den Vorhof ein, und Trommelwirbel ertönt, wenn ein fremder Vertreter das Haus betritt. Nachdem sie in einem Vorraum vom Chef des Protokolls begrübt worden sind, neh­men die Missionschefs einige Minuten vor 12 übr im groben Empfangssaal im Halbkreis Auf­stellung, streng nach Rang und Dienstalter ge­ordnet. Zuerst die Botschafter, bann die Ge­sandten, zum Schluß die ständigen und die inter­imistischen Geschäftsträger. Wenn die Ausstel­lung beendet ist. begibt sich der Ehef des Proto­kolls in daS Nebengemach und erstattet dem Reichspräsidenten Meldung. Punkt 12 Ahr öffnen die Diener die Flügeltüren und das beut sche Staatsoberhaupt tritt vor die versammel­ten fremden Vertreter. Rechts hinter ihm folgt der Reichskanzler, links der Außen- mi nist er, dahinter dasselbe Gefolge wie beim Botschafter empfang. Der Nuntius, eine große, schlanke Erscheinung, mit dem schönen Renaissance- lopf des Kirchenfürsten, tritt als Doyen des Diplomatischen Kops vor, und steht der unbeweglichen, alle Anwesenden überragenden Gestalt Hindenburgs gegenüber. Gr verliest seine Ansprache und übermittelt die Glückwünsche des Diplomatischen Korps an den Reichspräsi­denten und die Reichsregierung. Der Reichs­präsident erwidert und spricht feinen Dank zugleich im Namen des deutschen Volkes aus mit Glückwünschen für die Versammelten, für ihre Staatsoberhäupter, Regierungen und Völker. Der Chef des Protokolls geht mit dem Reichspräsidenten bann die Reihe der fremden Vertreter ab, und stellt jeden der Anwesenben mtt Namen vor. Der Reichspräsident streckt ihm die Hand entgegen und wechselt mit den Bot­schaftern, die eine bevorzugte Stellung haben, und mit jenen Gesandten, die ihm näher be­kannt sind, einige freundliche Worte, geht bann in die Mitte zurück, verbeugt sich und geht zur großen Tür hinaus, von seiner Begleitung gefolgt. Nachdem der Chef des Protokolls ben Reichs­präsidenten in das Nebenzimmer geleitet hat, kommt er zurück und verabschiedet die Diplo­maten.

Noch zweimal im Zähre kommt der Reichs­präsident mit ben auswärtigen Vertretern zu°- lämmen. 3m Winter findet ein offizielles Essen statt, bei dem die Diplomaten ebenfalls in großer Uniform erscheinen, und im Sommer ein zwangloser Tee im Garten unter den schönen Bäumen des Reichspräsidentenhaufes. Zum Diner werden auch die Damen de« Mis­sionschefs und die leitenden Beamten des Aus­wärttgen Amts gebeten, am Gartentee nimmt das gesamte Diplomatische Korps mit Damen, sowie ein größerer Kreis deutscher Diplomaten nebst Damen, teil.

t Die Entwicklung der Meinen Defoldungrresormen.

Durch halbe Maßnahmen lassen sich liebel- j stände irgendwelcher Art nicht beseitigen: ihre Abstellung erfordert vielmehr ein gründliches und allgemeines Verfahren. Das ergibt sich wieder einmal deutlich aus der Entwicklung der Frage der kleinen Defoldungsreform in Preußen und Sachsen.

Die Nacht öes großen Vogelzuges

Von Karl Rudolf Fischer.

Finster liegt die Nacht über dem Meere. Tief hängen die Wolken vom Himmel. Weder Mond noch Sterne stehen am Firmament. Unauf­hörlich rollen die Wogen gegen die Küste. Die Brandung braust in den Sandbänken, die Flut tost hinter den 'Dünen und verliert sich als schmaler Schaumstreifen im Sande des Strandes. Wie eine dichte Decke wehen die Nebelfahnen über der Insel. Draußen auf hoher See liegt ein Feuerschiff vor Anker, und Meernebel bilden einen Heiligenschein um sein Licht. Auf dem Buchtfelsen der Insel blinkt der Helgoländer Leuchtturm und wirft seine Warnungsfeuer in bestimmten Zeitabschnitten über das Nordmeer hinaus. Mitten im weiten Meer, weit draußen hinter den brausenden Sturmfluten der schäu­menden Dünungen antwortet der Leuchtturm vom Roten Sand", und von den ost friesischen Inseln sendet der Turm von Wangeroog feine Feuer­pfeile aus, die als lange Blitze über ben Himmel gleiten.

Ich stehe auf dem Leuchtturm von Helgo­land und schaue in die Wunderwelt des Meeres, in die Zauberpracht der Nordsee: die Leuchtfeuer der kreuzenden Fischerboote, die Lichterreihe des großen Ozeandamp ers, der weit auf See den Kurs nach der englischen Küste nimmt, die Maft- seuer der roten Leuchtschiffe und die kreisenden Strahlenkegel der Leuchttürme.

Da tritt der Turmwärter heraus auf den Turmring, grüßt kurz mit der Hand an der Mutze, klopft seine Schifferpfeife über die Reeling, steckt sich einen Priem m die Backe und sagt dann in eineih unheimlich flüsternden Ton: «Heut um die Mittnacht werden die ersten Zugvögel kom­men."

llnb in der Tat, als der Wind nach Süd­westen umsprang, da tauchten auf einmal Stim­men auf. erst weit in der Ferne, ganz leise nur, dann lauter und stärker und näher, tausend

Laute erfüllten auf einmal die Luft, und in ge­waltigem Rauschen eilten die ersten Bogelheere über die Insel hinweg. A.le' die zauberhaften Nattirlaute der nordischen Dogelberge dringen da aus der Höhe hinab, die die Besucher des nordischen Vogeleilandes an die Märchenpracht aus Tausend und einer Nacht erinnern, das Sausen und Rauschen der schweren Ruderschläge der großen Dögel und das Schwirren und Pfeifen und Fauchen der Kleinvögrl. And dieser Lärm geht ständig in dieser Zugnacht, er wirb stärker und schwächer, bis er im Brausen der Brandung ersttrbt.

Früher glaubte der Duchtfischer in den Fjorden, in solchen Nächten ziehe die wilde Jagd vorbei. Zitternd lag der Fischer im Boot und sprach ein Gebet. Aber dem, der die Laute der Natur kennt, sind diese Töne vertraut. Er ver­nimmt den Schlag unzähliger Flügelpaare, ec hört die Glockenru.e der Singschwäne, den Trom­petenlärm der Kraniche, die rauhen Rufe der wandernden Wildgänse, das heisere Fauchen der Reiher, er kennt die ziehenden Kleinvögel: da fliegen Strandläufer, dort Wassertreter, hier Goldregenpfeifer und Brachvögel, jetzt Möven und Seeschwalben: er vernimmt Klagerufe und Locktöne aus tausend Kehlen, dasKyrie" des Stcandsischers, dasÄietoitt der Kiebitze, das Schnattern der Krieck- und Knäckenten, das Schreien der Lummen, das Quarren der Alken und Haffenten und dasGagaac" der Graugänse, die mit mächtigen Schwingenschlägen über die Insel der Leuchtturm euer dahinziehen.

Aber andere Iungvögel, die der Lichtstrahl von weither angelockt hat, die seine Gefahren nicht kennen, sie fliegen geraden Weges in das glühende Licht hinein. Tausende der kleinen ge­fieberten Wanderer findet am Morgen nach einer Zugnacht der Leuchtturmwärter auf der Turm» galerie mit eingestotzenem Schädel und gebroche­nen Flügeldecken. ftoriHnriie muß er Lerchen, Dcofseln, Rotbrüstchen und Blaukehlchen weg­tragen, die in der Nacht verunglückt sind. Auch drunten am Buchtfelsen hat das Meer viele

Dogelleichen angespült. Alle die tiefziehenden Vögel, die in den Bannkreis des Lichttegels ge­rieten, ihm geblendet in immer enger und schneller werdenden Drehungen folgten, sie sind ermattet hinabgestürzt und hauchten in den nassen, tüten Wellen ihre kleine Vogelseele aus.

Lange schon ist der Zug vorüber. Noch stehe ich nad)_ .nklich auf dem feuchtkalten Felsturm, desfen Spitze im Nebel nicht mehr sichtbar ist, dessen Feuer zu verlöschen scheint, während das schreckliche Nebelhorn spielt.

Alljährlich zur Zugzeit jagt der von den Vorfahren ererbte Trieb zum Wandern den Vogel vorbei an dem ihm wehmütig nachblicken­den Forscher, nach dem fernen, warmen Süden. Woher weiß der Vogel, daß die Zeit zum Auf­bruch gekommen ist? Wer sagt ihm später, daß im Norden des Winters Rauhreif geschwunden ist, und der veilchenduftende Frühling feinen Ein­zug gehalten hat?

Wir wissen es nicht, wir werden es auch nie erfahren. Denn die letzten Fragen des gro­ßen Vogelzuges, überhaupt aller rälfelhatten Nalurphänomene wird nie ein erschaffener Geist erklären können: Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben. And was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und

[mit Schrauben."

And alle Erklärungsversuche werden so Hypo­thesen. bestenfalls Theorien sein. Wir könne« nur vermuten, wir ahnen nur das eine, daß auch der Vogel eine Art Seele hat, eine kleine Vogelseele, anders natürlich als die des Men­schen, die sich nach einem fernen Lande, nach einer Heimat sehnt.

Ein Litzmann-Anekdote.

Seine akademische Lehriät gleit hat dec ver­storbene Donner Germanist Geheimrat Bnthold Lihmann in K el Ende 1883 begonnen. Doch kaum hatte et ein paar Wochen gelesen, als et aus

Jena die Anfrage erhielt, ob er sich nicht nach dort umhabilitieren wolle, mit Aussicht auf bal­dige Beförderung zum Extraordinarius. N emanb war glücklicher als dec junge Gelehrte, und so siedelte er denn im April 1884 nach Saaleathrn, über. Auf der Fahri, zwischen Groß-Heringe« und Jena hatte der trotz seiner 21 Jahve noch sehr jugendlich aussehend. Dozent ein ergötzliche» Erlebnis. Anter den Mitreisenden war ein Refe­rendar, der mit dem Reisegefährten ins Gespräch kam.Se fahren wohl zum erstenmal nach Jene?" so fragte der Referendar, und fuhr auf Lih- inannsJa!" sogleich fort:Da haben Se'S aber eilig, das Semester geht doch erscht in drei Wochen an! Gönnten wohl be Zeit nicht er­warten! Ja, fon Fuchsens imester in Jene, da drieber geht nischt!" Der Angeredete lächelt, ant­wortet aber ausweichend mit einer Gegenfrage. Schließlich bietet der Referendar dem Aachs denn von der Höhe seiner ehemaligen Jenaer Ersah* rangen herab an, ihm ein Logis zu empfehlen und ihn, damit er auch gleich Anschluß habe, mtt seinen Bundesbrudern bekanntzumachen, wobei er ihm «in fideles Leben in Aussicht stellt. Litzmann dankt freundlich: er habe schon eine Wohnung; überdies brauche er ein ruhiges Zimmer zum Arbeiten. Alle Mitsahrenden staun en ben Jüng­ling wie ein wahres Wunder an, der im ersten Semester in Jena! arbeiten will Ra, da schlag Gott ben Deibel toll meint der Referendar,im erfchten Semester wollen Se arbeiten! Deswegen geht man doch nicht al» Fuchs nach 5e.;e!1 Lächelnd demaskiert Litzmann sich denn nun:Es ist gar nicht mein erste» Sen ester, und überhaupt bin ich gar nicht mehr Student. Ich will im Sommersemester dort lese n!" Roch größer« Verwund runa bei allem Volk, die sich noch toc ter steigert, als der Zua in Jena einläuft und der vermeintlicheKeil­fuchs" dort von einem wohlbekannten Gelehrte« der Aniversität, dem Svrachvergle.cher Berlbolv Delbrück, dem älteren Vetter des A kommenden, in Empfang genommen wirb!