Ausgabe 
25.11.1926
 
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W. 276 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) vonnersiag. 2s. Uooember (926

Frankreich und Italien.

Don unserem diplomatischen L. ^..Bericht­erstatter.

Flachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Paris, November 1926.

Die säst unüberwindlichen Schwierigkeiten, auf welche die Verhandlungen zwischen Frankreich und Italien flohen, und jene Derwicklungen, die ganz offen unterstrichen werden durch das feindliche Verhältnis des faszistischen Italiens zu Frankreich, sind nicht mehr unbekannt. Kaum schienen sie gemildert, kaum hatten die Verhand­lungen nach der Rücllehr des Barons Avezana nach Paris wieder begonnen, als die Vorfälle in Ventimiglia, Denghasi und Tripolis die fran­zösisch-italienischen Beziehungen wiederum aufs äußerste verschärften. Don Tag zu Tage wird auch heute noch diese Verschärfung stärker und deshalb beginnt man in Frankreich, den Faszismus als die schlimmste Bedro­hung des europäischen Friedens zu betrachten. Um diese grohen Schwierigkeiten, oder besser, um die Unmöglichkeit einer Verständigung zwischen Italien und Frankreich klar zu ver­stehen, muh man die Eigenart der italienischen Ansprüche in Betracht ziehen, die wiederum eine Folge der Verschiedenheit der internatio­nalen rechtlichen Lage der einzelnen Teile des französischen Kolonialreiches in Afrika sind.

Ein unumschränktes Herrfchaftsrecht (Souveränität) in Aordafrika hat Frankreich nur gegenüber Algier. Was Tunis betrifft, so übt Frankreich auf Grund des Vertrages vom 12. Mai 1881, der in Bordeaux abgeschlossen worden ist, nur das Protektorat über Tun cs aus. Dieses Protektorat wurde zuerst von Italien nicht anerkannt, und nur nach langwierigen Verhandlungen, die erst 1886 ihr Ende fänden, willigte Italien darein, die neue Lage der Dinge in Tunis anzuerkennen. Diele Einwilligung wurde von Frankreich mit einer Reihe von Privilegien unt> Rechten zu Gunsten Italiens erkauft. So z. D. wurden auf Grund eines französisch-italienischen Vertrages von 1886, die in Tunis geborenen Italiener, von der Verpflichtung befreit, f r a nz ö s i s ch e Staats­bürger zu werden und der Militärpflicht in der französischen Armee zu genügen. Die fran­zösischen Regierungen legten der italirn'.schcn Emi­gration nach Tunis keinerlei Hindernisse in den Weg, und im Anfänge des Weltkrieges gab cs in Tunis doppelt so viel Ita­liener wie Franzosen (110000 gegen 60 000). Die italienischen Versuche, eigene Ko­lonien in Afrika zu gründen (Abessinien, Tripo­lis, Erychrea) führten, wie bekannt, zu einem Mißerfolg. In guter Letzt fand ja das Auswande- rungsbedürsnis der Italiener nach den Vereinig­ten Staaten, nach Südamerika, und den nord- afrikanischen Kolonien Frankreich« keintz Hinder­nisse, die italienische Regierung strebte nicht son­derlich nach einer Erweiterung ihres Kolonial­besitzes.

Im Verlaufe des Weltkrieges jedoch, (in den Jahren 1916 und 1917) drang Italien bei Jenen Verbündeten daraus, ihm Kolonien in Asien und Afrika zu garantieren, aber auch hier hatte es keinen Erfolg. Auf der Konferenz in St. Jean de Maurienne im Jahre 1916 hatte Italien die Absicht, von Frankreich die Ab­tretung von Tunis zu verlangen. Diese Konferenz wurde aber durch die Offensive der Zentralmächte auf Caporetto unterbrochen, und Italien war gezwungen, Frankreich zu bitten, es vor dem Zusammenbruch zu retten. In diesem Augenblick konnte natürlich von Tunis keine Rede mehr sein. Aus Grund des Lo^d'ner Ab­kommens von 1916, welches die A ang der Türkei vorsah, sollte Italien die kleinafiatischen VilajetS Smyrna und Adana bekommen. Seinen Anspruch auf das Vilajet Smyrna muhte aber Italien zu Gunsten Griechenlands auf­geben, und aus dem Dilajet Adana waren die Italiener gezwungen, unter dem Drucke der Ke­mal i ft en, sich zurückzuziehen. Der Krieg brachte somit Italien keinen neuen Kolonialbesitz.

Don 1916 bis zum heutigen Tage sind die italienischen Staatsmänner damit beschäftigt, wenn auch nicht Kolonialbefttzungen für ihr Land zu sichern, so doch wenigstens Kolonisatt- v n s m ö g l i chk e i t e n für die Italiener aus­findig zu machen. Ein Projekt-löst das andere ab und zwar ebenso schnell, wie sie entstehen. 1920 erschien auf der Bildfläche das Projekt eines Mandats für Georgien, welches sich als totgeborenes Kind erwies. Ebenso resultatlos verliefen die 1922 angeknüpften und durch Musso-

Mater dolorosa.

Don Roland Betsch.

Vor wenigen Jahren hatte ich dieses Er­lebnis: Eine Schafherde trollte blökend die Lcmd- straße entlang. Da kam ein Kraftwagen und über­fuhr ein Mutterschaf. Stöhnend brach es aus der Schar, rannte in zuckenden Sätzen auf ein Feld und brach dort zusammen. Ein junges Lamm, vor drei Tagen geboren, hüpfte hinterher und bl.eb in dumpfer Verständnislosigkeit vor der Mutter stehen. Wußte nichts von Tod und Schrecknis. Beugte sich nieder und saugte Nahrung aus der sterbend?n Kreatur. Das Schaf, dem das Ge­därme aus dem Leib hing, war am Verenden. Da hob es noch einmal den Kopf und schaute nach dem Kind. Die Augen wurden groß und verzweifelt und von Innigkeit durchwärmt. Da hob das Tier noch einmal den Kopf und leckte und schleckte das Kind mit,der dampfenden Zunge, auf der das OBunbfieber brannte, älnd während der Tod die Hände breitete, saugte das Lamm noch die Süßigkeit der Mutter auS dem gebroche­nen Körper.

In einem arktischen Film sah ich dieses Bild: Ein Expeditionsschiff stößt im Treibeis auf eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen. Sofort beginnt die Jagd. Der Eisbär versucht, zu fliehen und dabei gleichseitig den jungen, unerfahrenen Knäuel zu schützen. So schwimmt er fortwährend im Kreis um das Kind herum, als müsse er Angriffe von allen Seiten abwehren. Nutzloses Beginnen. Ein Schiff fährt rascher, als ein kleiner Zottelknäuel schwimmen kann. Das junge Tier wird mit einem Lasso eingefangen. Verzweifelte Abwehrversuche der Därenmutter. Der kleine Kerl wird an Bord gezogen. Die Mutter aber, Tod und Gefahr und Fremdhett nicht achtend, verläßt dasSchiff nicht. Durchwühlt vom Schmerz schwimmt sie nach, reckt den Kopf aus dem Wasser und

lau abgeschlossenen Verhandlungen mit der Sow­jetregierung über die Kolonisation eines gewissen Teilst der iltrame und des nördlichen Kau­kasus durch Italiener. Glecch darauf verhandelte man mit Frankreich über Tunis und über die Abtretung des syrischen Mandats und Obot's an Italien, mit England über die Kolonisation des früheren Deutsch - Ost­afrika, und über einen Koalition«krieg gegen die Türkei wegen M o s s u l, Über eine Teilung Abessiniens in Interessensphären: es wurde auch die Frage einer Reuverteilung der Ko­lonialmandate in Afrila angeregt.

Aber alle diese Verhandlungen und Anregun­gen enbeten nicht mit einem positiven Resul­tat. Was das frühere Deutsch-Afrika anbetrisft, so lehnte es England ab, den Italienern irgendwelche Privilegien und Vorrechte zu ge­währen. Abessinien richtete gegen das eng­lisch-italienische Abkommen einen Protest an den Völkerbund. Die Türker beeilte sich, mit Eng­land Frieden zu schließen, und folglich konnte auch von einer Besetzung des Dilazets Adana durch italienische Truppen im Falle eine« eng­lisch-türkischen Krieges keine Rede mehr sein. Frankreich war nicht gewilll, Tunis ab­zutreten, ebensowenig wie Syrien und Obok.

Italien aber befindet sich in einer Lage, die eine Auswanderung seiner äleberschuhbevölkerung und ihre Unterbringung gebieterisch verlangt. Das fruchtbare italienische Volk erstickt auf seiner Halbinsel und diex Frage der Auswande­rung der überschüssigen Bevölkerung beginnt für Italien tragische Formen anzunehmen. Dazu ist hinzuzufügen, daß der durch den FaszismuS zum Weißglühen gebrachte italienische Ratio­nalismus, der täglich durch die Reden Musso­linis und seiner Leutnnts von neuem erhitz! w.rd, durch die Bemerkungen des Duce über das Rö­mische Reich, über das Recht Italiens, der Erbe Roms zu sein über das Mittelmeer, welches einitalienisches Meer" sei, über Rom, welches einst über das gesamte Rordafrika herrschte und drei Jahrhunderte vor Christi Geburt Karthago, das gegenwärtige Tunis, er­obert habe usw.

Woher aber soll Italien die ihm notwendigen Kolonien nehmen? Gin Kanrpf mit England ist aussichtslos. Außerdem sind die englischen Kolonien sehr weit entfernt von Italien. Tunis aber i st ganz nah, 24 Stunden von Si­zilien entfernt. Auch Algier liegt nicht weit. Dann erinnert man sich in Italien zuweilen daran, daß Savoyen die Wiege des ita­lienischen Königshauses ist, und daß noch vor 70 Jahren Savoyen und Rizza piemontesische Provinzen waren. Sie waren zwar auch damals halb französisch, und jetzt sind diese Departe­ments rein französisch geworden. In ihnen gibt es auf jeden Fall nicht mehr Italiener als in einem beliebigen Departement des Langue­doc. Doch ist dies eine Frage für Ich.

Auf jeden Fall richtet das faszistische Italien alle seine Ansprüche an die Adresse Frankreichs, um so mehr, als die Faszisten eben diesem Frank­reich die Schuld dafür zuschieben, daß bei der Auf­teilung der Kriegsbeute Italien zu kurz gekom­men fei: Zwei Jahre schon wird mit Frankreich verhandelt, wobei es zu keinem Resultat kommen kann. Man muß. aber nicht glauben, daß die Fran­zosen die schwierige Lage nicht verstünden, in der Italien sich befindet. Wenn die Verhandlungen in einer ruhigeren Art geführt würden, so wäre es nicht ausgeschlossen, daß die französische Regierung in irgendeinem Punkte nachgcben könnte. Italiens Ansprüche sind aber derart, daß keine französi che Regierung sie befriedigen kann. Zweitens werden die Verhandlungen von antifranzösischen M ife ta» tionen, von Ucberfäüen auf französische Konsulate und von einer wütenden antifranzösischen Presse- fnmpagne begleitet. Ein Nachgeben unter solchen Umständen würde für Frankreich nicht nur ein Zu- rückweichen vor Drohungen, sondern auch e i n Opfer seines Prestiges sowie ein Zuge­ständnis seiner Schwäche bedeuten, was wiederum sicherlich auf die Lage Frankreichs großen Einfluß hätte. Mit diesen Einwendungen müßte jede fran­zösische Regierung rechnen, und dies erschwert in bedeutendem Maße den Fortgang der französisch- italienischen Verhandlungen.

Das herausfordernde Auftreten der Faszisten, die wiederholten Erklärungen darüber, daß Tunis in be- deutend stärkerem Maße von Italienern bevölkert sei als von Franzosen, daß es deshalb Italien ge­hören müßte, veranlaßte Frankreich noch vor einem Jahre, die Tunisverträge mit Italien zu kündig qcn und deren Revision zu verlangen. Dabei hatte die französische Regierung die Absicht, die Militär­pflicht auch auf die in Tunis geborenen Italiener

öffnet furchtbar drohend den Ra^en. Tier im ewigen Eis, einsames Lebewesen, Monate ohne Unterbrechung in Rächt und Starre lebend, der Tragödie Ratur hemmungslos ausgeliefert und ratlos jedem fremden Geschehen gegenüber: seht, hier wird es vom Schmerz gepeitscht, weil das Kind in Gefahr ist. Hier wird es freiwill'g zum Opfer und höher hinaus zum Symbol des Daseins. Der Sohlengänger mit dem Zottelpelz, hier steigt er übermächtig empor und wird verklärt durch die Dumpfhett eines Gefühles, aus dem das Auge des Schöpfers glanzvoll sttahlt. Auch die Jäger auf dem Schiff werden feltfam gerührt. Etwas erwacht in ihnen. Dämmerung bricht auf. Sie geben das junge Tier zurück ins Wasser. Da schwimmen sie fort, selig, beschwingt und doch die jagenbe Angst an der Kehle. Ach, ich sehe sie noch, wie sie dahinrudern, der Knäuel eifrig und hastig und wie ein Kind, das dem schwarzen Mann entflieht: die Mutter schützend, angstvoll sich umblickend. Ein Bild voll tiefer Schwermut. Ich sehe sie noch, wie sie kleiner und kleiner wer­den, die Mutter das Kind ruhelos umkreisend, wie ein Planet seine Sonne.

Gestern sah ich dieses Bild in einer illustrier­ten Zeitschrift: Eine Französin läßt ihren sechs­jährigen Knaben mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springen. Richt aus Rot und Gefahr, nicht getrieben zu diesem Schritt, nein, vor einer Zuschauermenge,' auf dem Flugplatz: gegen Ein­trittsgeld! Die Mutter läßt ihr Kind in die große älngewißhett zwischen Leben und Tod fbringen. Vor einer blöden, gaffenden Menge stürzt ein Kind, das gewiß lieber Löcher in einen Sandhaufen bohren oder der Seligkett eines Mär­chens lauschen würde, stürzt ein Kind sich in die lauernde Tiefe. Vielleicht, daß es morgens auf- wacht mit einem frierenden Grauen und abends einschläft mit Grauen. Unb durch feine Kinder­träume zieht das Grauen. Die Mutter lächrit

auszudehnen. Es wurden auch Maßnahmen ge­troffen im Sinne einer Bc s ch^i nkung der üa= lienischen Kolonisation in Iuni5.taüen leistete aber diesen französischen Forderungen energischen Wider­stand, obgleich die französische Regierung als Ent­schädigung für ein Nachgcben Italiens sich verpflich­ten wollte, in Zukunft keinerlei Schranken für die italienische Kolonisation in Tunis aufzurichtcn.

Die italienische Regierung stellte Gegenjorderun- gen, und zwar verlangte sic, daß den Italienern in Tunis ihr italienisches Staatsbürgerrechl gesichert würde, und daß nicht nur alle die italienischen Ein­wanderer in Tunis betreffenden Beschränkungen fallen sollten, auch in bezug auf den Landerwcrb, sondern daß den tunesischen Italienern die odbft- Verwaltung in besonderen italienischen Gemeinden sichergestellt werden müßte einschließlich des Rechts, eigene Abgeordnete in das italienische Par­lament wählen zu dürfen.

Selbstverständlich gibt cs keine französische Re­gierung, und wäre sie noch so friedfertig und nach­gebend. die auf solche Vorschläge und auf eine solche Minderung französischer Rechte eingehen könnte. Vorläufig treten die gekündigten Verträge wieder in Kraft mit weiterer dreimonatlicher Erneue rung, falls keine neue Kündigung erfolgt. Doch kann ein solcher Zustand nicht ewig dauern. Ebenso erfolglos gestalten sich die Verhandlungen hinsicht­lich der Abtretung von Obok und der französischen Eisenbahnlinie DshibutiAdisAbeba am Roten Meer. Denn diese Kolonie ist trotz ihrer Kleinheit

von besonderer Bedeutung für Frankreich, und zwar als Kohlcnstation auf dem Wege nach Madagaskar und als Etappenpunkt auf dem Wcgc nach Abessi­nien. Ick; erwähne nicht die Forderungen Italiens hinsichtlich eines Kontrollrechts der italienischen Ar­beiter und Emigranten in Frankreich, die mit der Würde und Souveränität eines Staates absolut un­vereinbar find.

Der Mißerfolg der Verhandlungen ärgert aber nur die Italiener. Mussolini selbst ist natürlich trotz seiner flammenden Reden ein sehr berechnender Po­litiker. Er selbst ist weit davon entfernt, die Forde­rungen Italiens auf anderem als friedlichem Wege zu verwirklichen. Es kann aber eine Zeit kommen, in der Mussolini bicjffleroalt über die (Seifter feiner Anhänger verliert. Schon letzt ist er kaum in der Lage, sie in jenen Grenzen zu halten, die ihm wün­schenswert erscheinen. Dann kann für Mussolini selbst unerwartet und gegen seinen Willen e i n b l u» tigerKonflikt ansbrechcn. Denn die italienische Regierung versteht es vollkommen daß auf dem Wege der Drohungen, Demonstrationen und Be- leibtgungen man von Frankreich nichts erreichen kann. Zu guter Letzt sind die französisch-italienischen Verhandlungen in eine Sackgasse geraten, und niemand ist in der Lage, einen Ausweg zu zeigen. In diesem Mangel eines ehrenhaften und für beide Parteien annehmbaren Auswegs liegt die ganze Tragik der französisch-italienischen Beziehungen. Darin liegt auch die drohende Gefahr für den Frieden.

WoMmuM Heini WWiWmen.

Das diplomatische Zeremoniell im neuen Reich.

In derGermania" finden wir fol­gende Beschreibung über die im diplo­matischen Verkehr mit den fremden Mäch­ten in Berlin üblich gewordenen Formen. Aur zögernd ist man daran gegangen, das Zeremvniäl der deutschen Republik festzulegen, obwohl man sich der Tatsache vollkommen be­wußt war, daß die Stellung Deutschlands in der Welt eine genaue Regelung unbedingt erfordert. Alte Republiken, wie z. B. Frankreich, haben auf die Lösung dieser Frage vom ersten Augenblicke ihres Bestehens entscheidenden Wert gelegt, wobei sie von der richtigen Auffassung ausgingen, daß die Einführung des demokrattschen Regierungs- shstems nicht die Vernachlässigung aller älmgaugsformen zur Folge haben dürfe, und daß auch die Demokratie eine Jahr­hunderte alte Tradition in dem Verkehr mit anderen Staaten und ihren Vertretern kennt. Es mag manchem dieses den Eindruck der Starrheit hervorrufende Festhalten an alten Traditionen als ein Standpunkt erscheinen, der durch die Entwicklung ter Dinge überholt ist: er vergißt aber dabei, daß diese für den gesellschaftlichen Verkehr zwischen offiziellen Stellen feftgelegten Grundsätze den Zweck verfolgen, die Aufrechter­haltung und Anbahnung von Beziehungen zwi­schen zwei Staaten zu erleichtern. Das Protokoll läßt keine unterschiedliche Behandlung des Dertteters eines befreundeten oder eines bisher feindlichen, eines Keinen oder eines grö­ßeren Staates zu. Gefühlsmomente sind völlig ausgeschaltet, der Vorteil liegt auf der Hand. Die Ankunft und der Amisanlritt eines fremden Misfions efs

spielt sich heute in folgenden Formen ab:

Die Regierung des neuen Botscha ters oder Gesandten holt zunächst beim Auswärtigen Amt das Agrement des Reichspräsidenten ein, nachdem sie sich zuvor die Gewißheit verschafft hat, daß ihr neuer Vertreter genehm ist. Für die Einreise wird den Botschaftern solcher Länder, die Gegenseittgkeit gewähren, ein Abteil erster Klasse zur Verfügung gestellt. Bei der A n - unft in Berlin findet sich auf dem Bahn­hof außer dem Personal der Mission vom Auswärtigen Amt der Chef des Proto- i7olls (bei Botschaftern) oder sein Vertreter (bei Gesandten) ein, um den Ankommenden namens der Reichsregierung au begrüßen. An einem der nächsten Tage begibt sich der fremde Diplo­mat zum Reichsminister des Auswär- ttgen und bittet, ihm einen Empfang bei dem Herrn Richs Präsidenten zur äleberreichunq seines Deglaul-, nngsschreibens zu erwirken: gleichzeitig übergibt er ihm die Abschrift des Schreibens nebst dem Wortlaut der Ansprache, die er bei älebergabe des Originals an den Herrn Reichs­

präsidenten zu richten gebenft. Gelegentlich dieses Staatsattes nun kommt daS offizielle, vom Proto­koll festgelegte Zeremoniell zur Anwendung. Einem Botschafter wird, feiner völkerrecht­lich anerlannten Sonderstellung entsprechend, ein ganz besonderer Empfang zuteil. Der Chef des Protokolls fährt vor dem Botschafts­gebäude im Kraftwagen des Reichs­präsidenten vor. Er begibt sich in die Bot­schaft und geleitet den Botschafter zum Wagen, auf dem jetzt die Standarte des Reichspräsi­denten mit dem Reichsadler flattert. Der Bot­schafter in großer Diplomatenuniform mit dem Chef des Protokolls, besteigen den Wagen, wäh­rend dessen Vertreter und die Herren von der Botschaft diese ebenfalls in Diplomatenuni­form in den anderen bereitgestellten Wagen folgen. Führt der Weg durch das Branden­burger Tor, fo benutzen die Wagen nach altem, fast vergessenem Brauch hoffen Mitteldurchlah, biegen in die Wilhelmstrahe ein und fahren in den Vorhof des Präfibenten- ha u f es.

Hier ist eine verstärkte Offiziers wache auf- gestellt, die .das Gewehr über nimmt, während der Tambour das Spiel rührt. Der Hausmeister in Uniform, den Dreimaster auf dem Kopf, klopft bei dem Eintritt deS Botschafters mit Gefolge laut mit seinem Stab auf den Boden. Auf der Treppe, die zum Gmpfangsraum empor­führt, begrüßt der auhenpvlittfche Referent beim Reichspräsidenten den Botschafter. Dann werden die Ankommenden in einen Dorraum ge ührt.

Auf ein Zeichen öffnen sich langsam die Türen, Botschafter und Chef deS Protokolls , begeben sich in das Empfangszimmer. Hier steht

der Reichspräsident,

hinter ihm oer Reichsminister des Auswärtigen, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, der Staatssekretär beim Reichspräsidenten, ferner die drei Referenten für außenpolitische, innerpolitische und militärische Angelegenheiten beim Reichs­präsidenten, sowie der Abjudant des Reichspcäst- benten. Die deutschen Zivilbeamten tragen den Chisfresrack aus dunkelblauem Tuch mit gol­denen Knöpfen.

Der Ches des Protokolls stellt dem Herrn Reichspräsidenten den Botschafter vor, der seine Ansprache verliest und daS Beglaubigungsschrei­ben überreicht. Es folgt die Erwiderungs­ansprache deS Reichspräsidenten, in der er zum Schluß den Botschafter in Deutschland will­kommen heißt und ihm die Hand reicht. Hieran schließt sich eine kurze Unterhaltung, die sitzend ge ührt wird. Dann erhebt sich der Reichs­präsident und begibt sich in den Dorraum, wo ihm der Botschafter feine Mitarbeiter vor­stellt. Rach kurzer Unterhaltung verabschiedet er sich und begabt sich in feine Räume. Der

und wird photographiert. Wo leben wir!? Wo hinaus treiben wir!?

Die Zauberformel.

Don Werner Dergengruen.

Ich wage es nicht, in Warschau polnisch zu sprechen. Aber es gibt einen anderen Ort, an dem ich es wage, und dieser Ort ist Rom. Mein Freund, merke auf, hier wohnt Weisheit. Höre und tue wie ich.

Du kannst noch so selbstverständlich dein vatenel oderbasta, basta, niente, niente! berDor bring en es nützt nichts. Du kannst deine Loden- und Manchesterhüllen noch so tief und schamhaft in deinen Schrank versperrt haben, bevor du die Reife antratft es nützt nichts. Du kannst noch so gewandt auf den Fußboden spucken, noch so englische Anzüge tragen, noch so milde Koteletts über deine etwaigen Schmisse wachsen lasse« es nützt nichts: einen Fremden­führer, einen Ansichtskartenverkäufer, einen Füll- federhalterhandler oder in was für Gestatten sich sonst der Genius einiger Fremdenbelästigung verkörpern mag wirst du nicht täuschen. Auf den ersten Blick erkennt er dich als Deutschen, redet dich deutsch an. Hat er die Beherrschung der deutschen Sprache nicht samt feinem Berus, feiner Taschenuhr und seinem Hut von seinem Vater oder Geschäftsvorgänger übernommen, fo hat er sie sich in der Kriegsgefangenschaft er­worben, beim alle Fremdenführer und Ansichts­kartenverkäufer sind in Gefangenschaft gewesen glückselige Reutrale, die während des Krieges in Italien reisen dursten!

®r spricht dich deutsch an, du suchst ihn deutsch abzuwehren und hast damit schon den ersten Schritt zur Waffenstreckung getan. Er fährt fort, dir zuzusehen, du fährst fort, ihn los- toerben zu wollen, bie Verständigungsbasis ist gegeben, dein Widerstand wird schwacher, fein

Offensivgeist wächst, bu wirst schwankend, lachst und bist bereits verloren.

Wie anders ich! Ich habe eine Zauberformel. Sie besteht aus vier polnischen Worten:Nie razumij po rzymsku und heißt auf Deutsch: .Ich verstehe kein Römisch!"

D.e Meute stürzt sich heulend auf mich.

.Mein Aerr, mein Aerr!"

Nie razumij do rzymsku!

.Kaufe Sie Ansixkarie... fene Ansixkarteft

Nie razumij po rzymsku!

»Wolle Sie ©immer... Pensione... Otel?

Nie razumij po rzymsku!

»Andenke ... kaufe Sie Andenke.

Nie razumij po rzymsku!

»Dettsch, mein Aerr, ik spreken deitsch!"

Nie razumij po rzymsku!

Ik Sie führen fu die Katakombe... zu die Coliseo... fu die Forum!

Nie razumij po rzymsku!

Sie sind irre geworden, alle miteinander. Was für eine Sprache spricht dieser Fremdling? Einen deutschen Dialett? Olein. Hat der sonst unfehlbare Scharfblick getrogen? Welche Stam­mes?

Doll flehentticher Beschwörung:OHein Oterrl Mein Aerr!!! Im Unterton: »Wollen Sie wirk­lich Ihr Glück verscherzen?

»Nie razumij po rzymsku!

Der letzte, der ausdauerndste läßt resigniert den Kops sinken und murmelt (nicht ohne ein bescheidenes Hoffnungsfünkchen): »Rix fu make. 2lber auch darauf kann ich nur mit verbindlichem Bedauern erwidern:Nie razumij po rzymsku.

Unb nun .gibt er es auf, und bist ganze Horde wirft sich auf die anderen. Oluf die armen Toren, die das Geheimnis der vier Worte nicht kennen.

Meine Herren Toren, schreiben Sie sich diese Worte ab, lernen Sie sie auswendig, wenden Sie sie an, und Sie werden weise fein.