nt. 2(5 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffenf
Montag. 22. November 1926
nw । »nrtMu> Mn ran—
Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Rabenau.
Don Friedrich Schick, Queckborn.
3n der prächtigen Dollsschrift „Der Zigeuner" läßt Glaubrecht die Heldin des Buches die Geschichte eines Liebespaars erzählen, das durch den grvhen, die Rabenau erfüllenden See getrennt war, In dem ein Drache hauste, der alle sieben -Jahre losbrach und den Bräutigam bei einer pinübet zu seiner Geliebten mit hinabrih. Rach der ganzen Art Glaubrechts ist nicht anzunehmen, dah er diese Geschichte erfunden, sondern daß er sie als Dollssage bei seinen Verwandten in Londorf in Erfahrung gebracht n* c x . geologische Wissenschaft ist das Vorhandensein eines vorzeitlichen Sees in der Rabenau sestgestellt worden. 3ft es aber möglich, dah dre Kunde davon durch so viele ungezählte Iahrtausnrde sestgchalten werden konnte? Man konnte sich denken, dah ein genauer Beobachter der Landschaft und ihrer geologischen Beschaffen- - " a utr toarcn früher auch nicht dumm,
ja, was Raturbeobachtung betraf, vielfach uns voraus solche Erkenntnis gewonnen mid sie zur mündlichen Lieberlieferung hat werden lassen.
Run kommt aber durch die Entdeckung der Diluvialhöhlen bei Treis a. d. Lda. und vor allem durch die genauen trefflichen Forschungen Dr Richters heraus, dah in diesen Höhlen, bis an deren Fuß das Wasser des Sees ging Men- schen gehaust und eine große Kunstfertigkeit in der Herstellung von Steinwerkzeugcn entwickelt haben. Die Steintische, an denen sie ihre In- dustric betrieben, standen noch aufrecht in dem Höhlenschutt. Ist auch davon noch -eine mündliche Lieberlieferung vorhanden? Ich möchte es fast glauben, wenn ich folgendes lese: „wenn man
von Allendorf auf Treis geht, muh man sich eilen, daß man nicht in die Dunkelheit kommt, sonst springen einem die Dommestein-Äickels auf den Buckel." So berichtet Pfr. Böchner, Treis, in den hessischen Blättern für Dollskunde XXIII, 1924, S. 19, eine an der Stelle der Höhlen haftende Sage. Was kann das bedeuten? Spuken da die eiszeitlichen Steinklopfer noch heutigentags? Ich habe vergeblich gewartet, dah ein Berufener diese merkwürdige Sage erklärt. So will ich den Versuch machen und bitte, wenn ich irregehe, um freundliche Berichtigung. Zu» nächst bemerke ich, dah in der Diluvialzeit der Weg von Allendorf nach TreiS den Höhlen nicht ausweichen konnte, sondern durch den See dicht an die Höhlen herangedrängt war. Bommen, bomben heißt in Oberhessen schlagen, daß es dröhnt. Es ist ein ganz geläufiges Wort, das sich aber merkwürdigerweise weder im Weigaird, noch im Crecelius noch im Dilmar findet, offenbar ein den dumpfen Schall nachahmend gebildetes Wort und gleichbedeutend mit dem griechischen bombeo dumpf tönen. Es ist zu vermuten, daß auch die Bombe desselben Stammes ist, denn Weigand schreibt: „Das französische bombe, italienisch und spanisch bomba, welche gleichsam „summendes Geschoß", von lateinisch bombus (aus griechisch der bombos) — dumpfer tiefer Ton, Summen, Rauschen." Bomben ist also eine vortreffliche Bezeichnung der bei der Arbeit auf den Steintischen aus den Höhlen heraustönenden Schläge. Rickels ist nach Crecelius als Abkürzung von Nikolaus 1. eine Schreckgestalt für Kinder, 2. ein wüst aussehender Mensch: nach Weigand „ein kurzer unansehnlicher Mensch". Der Ausdruck Bommestein-Rickels würde also die schreckhaften oder wüst aussehenden oder zwergartigen Steinwerkzeugkünstler bezeichnen können. Es sei daran erinnert, daß auch in unserer Heldensage die anderen Handwerksleute,
in
den Gestalten der homerischen Di«
ver-
Die Ankunft in Nom.
Man hat Mussolini allerlei tönende Worte den Mund gelegt, die er bei seiner Ankunft in
bereits in Kennrnis gesetzt worden waren, jubelten sie ihm ungestüm zu: „A Roma, a Roma!“ Rach Äom, nach Rom! Auf dem DaHnsteig sprach er ein paar kurze Worte: „morgen früh hat Italien kein Ministerium, sondern eine Regierung." Dann wandte er sich an den Stationsvorftand: „Ich möchte mit fahrplanmäßiger Pünktlichkeit abfahren Don jetzt ab muh alles vorzüglich klappen."
In Civitavecchia, in Santa Morinella nahm er während des Zugaufenthaltes über die auf dem Bahnhof versammelten Faszisten Revue ab: „Der Sieg ist unser, man darf ihn nicht beschmutzen. Italien ist unser, wir werden es wieder auf den Weg zur alten Gröhe führen." So machte er sich auf den Weg nach Rom.
Mussolinis Marsch auf Ron;.
Aus der Lebensgeschichte des italienischen Diktators
Wir bringen heute das spannende Kapitel von der großen faszistischen Aktion, die zur Diktatur führte, aus der bei Paul List in Leipzig erschienenen „Lebens- geschichte Mussolinis" von M. G. Sarfatti.
Der Morgen des 28. Oktober tarn. Mussolini stand in Mailand, in seinem Arbeitszimmer in der Redaktion des „Popolo d'Italia", über Karten gebeugt. Auf den Karten lag ein Blatt Papier, darauf hatte der Llmftürzler mit reso- uiten raschen Schriftzügen eine Liste der Minister, die er für den Wiederaufbau Italiens für nötig hielt, entworfen. Ich beabsichtige keine Parteiregierung zu schaffen", sagte er. „Dur ein Teil der Minister sind Faszisten." „Wirklich, ich weih nkfrt recht —, ich kann mich noch nicht entscheiden —, ich muh erst meine politischen Freunde fragen — die Partei anhören", sagte ihm einer dieser von ihm in Aussicht genommenen zukünftigen Minister — kein Faszist —. der mit einigen Abgeordneten zu ihm gekommen war, um Dachrichten einzuholen. ..Ach was. Freunde". Halle ihm Mussolini geantwortet. .Ach was. Partei. Ich brauche dieses Spielzeug nicht. Dich rufe ich. nicht deine Partei" Zwischendurch klopften an die Tür seines Arbeitszimmers junge Krieger und junge Führer, traten mit römischem Gruß ein, nahm«. Befehle entgegen und gingen wieder. Alles vollzog sich schnell und schweigend. Das Hauptquartier der faszistischen Revolution war das Haus des „Po- Polo d'Italia" in der Dia Lovano und das Haus des „Fascio" in der Dia San Marco, das zwischen dem Srdwall der Bastion und dent Kanal liegt, und dadurch eine wundervoll befestigte Kaserne bildete. Der Zugang von den anderen Derkehrsstraßen her war durch ßaftautrö, Stacheldraht und Kordons gesperrt.
Die in der „Easa del Fascio", in der nahen Gemeindeschule, in den Toreingängen der Häuser und auf der Straße untergebrachten Kämpfer waren schone, glühende, heldenhafte Iünglinge,
gleichbar. Sie erhielten keine Löhnung; jeder muhte seine Ausgaben selbst bestreiten. Lind diese Arbeiter und Landleute, diese kleinen Beamten und Studenten waren zufrieden mit ihrer Mühsal, zufrieden mit dem bißchen Strohlager, mit dem Stückchen Brot, der Schüssel Soldatenkost, wenn sie nur ihren Duce sehen und ihm gehorchen durften.
Diesseits und jenseits des trüben Wassers des Kanals, an den beiden Geländern der kleinen Brücke, war sozusagen eine Grenze inrprovisiert worden. „Was ist das für ein Rang? Ich glaube, er ist meinem gleich Wir können also du zueinander sagen", mehrte der Leutnant des regulären Heeres, der auf dem rechten Bürgersteig auf und ab marschierte, zum Zehnerführer des faszisllschen Piketts, der auf der anderen Seite im gleichen Takt auf und ab ging. Eine paradoxe Situation des Gleichgewichts, das durch ein Federgewicht zu einem blutigen Gemetzel Umschlägen konnte. „Wir werden vielleicht einen brauchen, der das Signal gibt, der die Hand aufhebt, um die Dinge aus den: Zustand der Ruhe und der Stille in die revolutionäre Dewo wegung überzuleiten", hatte der Duce in den Tagen der Dorbereitungen gesagt. „Dieser eine muß ich fein.“ Lind deshalb war er in Mailand geblieben, als es so weit war.
Einen Tag nach dem Marsch auf Rom — der von den faszistischen Generälen geleitet wurde, während Mussolini sich in Mailand bereit» hielt —, also am 29. Oktober 1922, rief um die Mittagszeit der Generaladjutant des Königs von Rom aus den Abgeordneten Mussolini auf der Redaktion in Mailand an. Mussolini ging an den Apparat. „3a, gut. Ich danke Seiner Majestät. Ich wünsche die Bestätigung der offiziellen Berufung telegraphisch zu erhalten. Ich werde dann sofort n<uh Rom abreisen." Er hängte den Hörer an. öffnete die Korridortür und rief mit belegter Stimme seinen Bruder: „Arnaldo, mach sofort alles fertig. Wir müssen mit einem Extrablatt heraus kommen." „Was Reues?" „3a, der Auftrag." Sine halbe Stunde danach alS die Rotationsmaschinen schon dröhnten, kam aus Rom da- bestätigende Telegramm an. „3ch fahre um drei", sagte Mussolini. „Rein, um acht. Gin Extrazug würde zuviel kosten."
Als er dann auf der Straße an seinen Schwadronen vorübetckcrm, die von dem Triumph
bis zum Grabmal des unbekannten Soldaten auf der Piazza Denezia. dort beugten sie ehrfürchtig die Knie vor jenem Opfer, dis keinen Rainen hat als nur den Ruhm, den Tod auf sich genompren zu haben, damit die anderen leben.
'Dann führte der Duce die Sieger auf den Hügel der alten Stadt, zum Palast, wo der König stand, neben sich die Befehlshaber des Heeres und der Flotte, General Diaz und Admiral Lhaon de Revel, die, wie Mussolini prophezeit hatte, nachher zum „Duca della Dilloria", Herzog des Sieges, und zum „Duca del Mare", Herzog tes Meeres geadelt wurden. Der König sah die Flut der Schwarzhemden an sich vorüberziehen, die ihm unermüdlich ihr „Alaln" zujubelten.
Rachdem Mussolini vom König dein Gefolge vorgestellt worden war. zog er sich wieder zurück: „Run wollen wir an die Arbeit gehen."
Die ReichssrauenLagung der Deutschen Volkspartei
Der erste Reichsfrauentag der Deutschen Dolks- partei in Jena war ein starker und großer Erfolg. Ucber 300 Frauen aus allen Teilen Deutschlands waren dem Ruf ihrer politischen Führerinnen gefolgt, um über wichtige politische und soziale Probleme unterrichtet zu werden und in gemeinsamer Aussprache zu klären und zu fördern. Der Senior der Partei, Geh. Rat Kahl, war zu der Tagung erschienen und sprach, wie schon gemeldet, in der großen öffentlichen Versammlung über die „Weltanschauliche Stellung der D. Vp. zum alten Staat und zur neuen Zeit . Er zeigte, daß die politische Anschaunug der Partei beides verbindet: die Treue zur alten Vergangenheit in allem, was sie groß und stark machte, und die positive Einstellung zur Gegenwart, die Bejahung zur Mitarbeit am neuen Staat. Dr. Gertraud Wolf, München, sprach am selben Abend über die „neuen Wege", die zu gehen sind, ohne dabei die „alte Treue" zu verleugnen, die wir für die Vergangenheit empfinden. Die eigentliche Arbeitstagung am Sonntag stand unter der Leitung von Frau Dr. M a tz, M. d. R., auf deren Anregung von der Versammlung ein Grußtele- gramm an den Reichspräsidenten von Hindenburg gerichtet wurde: ebenso eins an den Minister Dr. Stresemann, der der Tagung leider nicht beiwohnen konnte. Frau Clara M e n d e, M. d. R., referierte über „Grundlagen der Außen Politik". Sie ßab ein großes und übersichtliches Bild der außenpolltischen Haltung der D. Vp. mit ihren starken nationalen Triebkräften und der klaren, die Wirklichkeit berücksichtigenden Gestaltungskraft. Frau Dr. Matz sprach ergänzend über die Völkerbundspolitik der Partei. — Grenzlandfragen besprach Frau Fock, Liegnitz, über das Auslanddeutschtum Frau P l e i m e s , Frankfurt — beide aus der praktischen Arbeit für diese unser Volkstum so tief berühren den Gebiete. Eine lebhafte Aussprache bewies die rege Anteilnahme der Anwesenden. Zu den Fragen der Außenpolitik, des Völkerbundes und des Grenz- und Auslanddeutschtums wurden Entschließungen angenommen. Der Tag schloß mit einem „Deutschen Abend", den Frau von K u l e s z a , M. d. L., mit einem Vortrag über „Rationale Erziehung" bereicherte.
Drei Studienkreise: Wohnungsfrage, Alkohol- frage und Ehescheidungsreform gaben dem zweiten Tag den Arbeitsstoff. Frau M a r g i s, Frau Haun und Dr. Anna Mayer referierten über die drei Themey. Die Forderungen der Frauen in der Wohnungsfrage beziehen sich in der Hauptsache auf Oekonomisierung der Wohnung und auf eine der Jetztzeit entsprechende Veränderung der inneren Ausstattung der Wohnung, endlich auf eine der deutschen Rot angemessene Typisierung des Baues überhaupt. Durch Einführung aller Er- rungenfdjaften moderner Technik soll eine wesentliche Entlastung der Hausfrau bewirkt werden.
In der Alkoholfrage bekannte sich die Mehrheit zu der Einsicht, dah die Lösung der 2llko- holfrage im Augenblick nicht durch ein Gesetz zu erzwingen sei. Es müsse vor allem erst eine große Erziehungsarbeit besonders an der Jugend geleistet werden. Dazu müsse allerdings die Unterstützung durch Verordnungen kommen, durch eine Erweiterung der Konzessionsbehörden, vor allem durch Hinzuziehung der Frauen, eine Aenderung der Strafgesetzbuchbestimmunaen, die Trunkenheit, als Strafmilderungsgrund ansieht, ferner die Sorge für billige und schmackhafte alkoholfreie Getränke usw.
Rom gesprochen haben soll, als er sich unmittelbar nach Ankunft des Zuges zum König begab. Aber eine ähnliche, geschmacklose Theatralik paßt nicht zu seinem strengen Stil.
Die Tatsachen drängten.
Llm die Mittagszeit verlieh er freu Ourrinal, Den Palast des Königs, und begab sich in sein Hotel. Dis nachmittags um drei 2hr traf er dort die großen Entscheidung: i. vergaß aber dabei auch nicht, für jene kleinen Einzelheiten vvrzusorgen. die oft das größte Llnternehmen zum Scheitern zu bringen vermögen.
Er entfernte eine Schar eleganter Schwarz- Hemden, die bei Exzellenz Facta die Ehrenwache hielten, ließ die strategischen Punkte und die Redaktionen der gegnerischen Zeitungen in Rom und in der Provinz besehen, erteilte den Beauftragten, den Dertrauensmännern und den Präfekten Befehle und bildete die Regierung, die mit Zustimmung des Königs schon um 7 Llhr ihr Amt arrtreten konnte. Dann rief er sich den Chef des Eisenbahndienstes ins Hotel. Kein Zwischenfall sollte diesen Tag stören.
„3d) gebe Ihnen, von heute abend acht Llhr gerechnet. 24 Stunden Zeit, um mir die 40 000 fafzistischen Legionäre aus Rom fortzuschaffen, und sie nach ihren Wohnorten zu befördern."
„Aber Exzellenz, das ist unmöglich. Das wäre nicht einmal in der Kriegszeit gegangen. Dazu sind mindestens drei Tage erforderlich."
„3ch habe gesagt: 24 Stunden, LImnöglich ist lein Wort für mich. Ich bitte, sich an meine Befehle zu halten."
Lind mit raschem Lieb er gang vom befehlenden zum wohlwollenden Tone, lächelte er ihm zu:
„Los, Commendatore. es muß fein. Wer sich ums Vaterland verdient macht, wird von meiner Regierung im Auge behalten werden."
Es ist schwer, einem Befehl zu trotzen, es ist unmöglich, einem Lächeln zu widerstehen. Ohne, daß der normale Verkehr gestört wurde, gingen nod) am selben Abend sechzig endlos lange Züge in raschen, kurzen Abständen von Rom ab, um die faszistischen Legionäre in ihre Heimat zu befördern. Dienstag um Mitternacht war kein einziger saszistischer Soldat aus der Provinz mehr in den Strahan der Hauptstadt. — Die armen Schwarz hem den! Diele von ihnen waren zum erstenmal in ihrem Leben nach Rom gekommen und hatten sich schon so gefreut, von der Stadt Besitz zu nehmen, nachdem sie sie erobert hatten. Aber sie gehorchten stillschweigend dem Befehl des Führers.
'Beim Morgengrauen zogen bann die ersten Legionen der römischen Faszisten von Ponte Mil- viv aus in die Stadt ein. Rur ein Zwischenfall ereignete sich dabei: die Kolonne Dotai wurde in dem Dolksviertel San Lorenzo aus den Fenstern eines Hauses beschossen. Es floß Blut, aber es gab glücklicherweise keine Toten. Aus Klugheit enthielt man sich aller Repressalien.
Mit Gesang, Redereien, Zurufen Überflutete die Menschenmenge mit dichten Wellen die Piazza del Popolo. die sie wie em marmornes Decken aufnahm. Rur der Obelisk war noch zu sehen. Sogar die Stufen seiner Basis verschwanden unter der Flut von Iugend.
Llm drei Llhr erklangen Trommelwirbel, flatterten die Fahnen auf. Der Duce stellte sich an die Spitze der faszistischen Truppen, die nun in Ko- können, in der neuen Marschordnung zu dreien, in prächtiger Ordnung durch die Stadt marschierten, fünf Stunden lang: den Corso hinunter,
Von dein gclk'iibcn deutschen tfljcidjei- b u n g 5 r e d) t ausgehend, das auf dem Verschick- dungsprinüp beruht, beleuchtete Dr. Mayer die Re- formocstrebungen. die in den Anträgen der Sozialisten. Kommunisten und DcinotrcUen b.’im R. stag voriiegen. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Anträge fordern die Eluicheidung lediglich auf Grund beiderfeiligcn Einverständnisses der Ehegatten ohne den Nachweis der Zerrüttting. Die Demokraten verlangen das Recht zur Säxndung auf Grund tiefer Zerrüttung der Ehe auf Antrag eines der beiden Ehegatten, auch des Alleinlchul- bigen. Die Deutsche Aolfcpartei muß beide Anträge ablchnen. Sie kann sich zwar als liberale Partei nicht auf den rein konfessionellen Standpunkt stellen, der jede Erweiterung der Ehescheidungsgründe ab- lehnt,aber das Schuldprinzip muh auch in Zukunft bei der S6>eidung auf Grund der Ehezerrüttung beibeballen werden. 3n der sehr lebhaften Debatte stellten sich die Frauen auf den Standpunkt, daß sie grundsätzlich große Bedenken gegen die Bestrebungen zur Erleichterung der Ehescheidung im Hinblick auf die sittlichen Gefahren hätten, die jede Erleichterung des Ehescheidungsrechts in sich berge.
Die erste Reichsfrauentagung der volksparteilichen Frauen verlief unter starker innerlicher und äußerer Teilnahme der Versammelten und zeigte ein erfreuliches Resultat jahrelang im stillen geübter politischer Erziehungsarbeit. Die Führerinnen, Par- lamentarerinnen aus Reichstag, Landtag und ftotn- tnunen. die Vorsitzenden der Wahlkreise dürsten die Tagung mit dem freudigen Gefühl zu Ende bringen, daß ein starker Impuls durch die volksparteilichen Frauenkreise geht.
Vie deutsche Auswandetungsbeweguug.
Ein richtiges Bild des Standes der überseeischen Auswanderung eines Landes erhält man nur dann, wenn man einen größeren Zeitraum als Dergleichsmaßstab nimmt. Den Verlaus der deutschen überseeischen Auswanberungsbcwcgung weisen am besten die HalbjahrcSzusammenstellun- aen des Statistischen Reichsamtes nach. Rach dem letzten Halbjahresausweis, umfassend die Monate Ianuar bis einschl. Iuni des Iahres 1926. haben insgesamt 34 231 Auswanderer das deutsche Reichsgebiet verlassen. Gegen das Vorjahr (32 748) bedeutet diese Zahl eine Zunahme der Auswanderer um 1483, gegenüber dem Iahre 1924 (30 388) eine Zunahme um 3843. Die Höchst- Ziffer des Jahres 1923 mit 40 872 ist hiernach erfreulicherweise nicht wieder erreicht worden: es ist aber doch seit 1924 wieder ein langsames Anschw eilen der Auswanderunas- ziffern zu beobachten. Auf die einzelnen Mo-- nafe des ersten Halbjahres 1926 verteilt, ergibt sich allerdings eine abschwellende Bewegung Es wanderten nämlich aus:
Im Ianuar 5727, im Februar 4615, im März 6177, im April 7160, im Mai 7060, im Iuni 3492.
Die Kurve steigt also in den Monaten März. April und Mai beträchtlich an, fällt aber im Iuni Karl ab auf ungefähr die Hälfte der Mai- zifser. Im Iuli 1926 steigt die Kurve mit 3761 um einige Hundert, im August 1926 mit 4466 ebenfalls nicht unbeträchtlich gegenüber dem Vormonat an, wobei in diesen beiden Monaten die über Antwerpen Ausgewanderten nicht berücksichtigt sind. Das Bild der deutschen überseeischen Auswanderung ist also ein sehr unregelmäßiges und schwankendes.
Llm einen Lleberblick über die Berufs- verhältnisse der Ausgewanderten zu gewinnen, müssen von den 34 231 nachgewiesenen deutschen Auswanderern zunächst 1719 Personen, die gar keine Angaben über ihren Beruf gemacht haben, und 3497 Personen, die entweder keinen Beruf hatten ober ihn nicht näher bezeichneten, ausgeschieden werden. Es verbleiben also zur Derücksichttgung 29 015 Auswanderer. Hiervon waren 21 285 (73,4 v. H.) hauptberuflich Erwerbstätige und 7730 --= 26,6 v. H. Angehörige von Auswanderern. Die Zahl der mitgenommenen Angehörigen fällt also nicht sehr ins Gewicht. ausgenommen bei der Landwirtschaft, wo auf insgesamt 6607 Auswanderer allein 2634 Angehörige entfallen.
Himmt man die Zahl der erwerbstätigen Auswanderer (Selbständige, Lln- sekbständige und Angehörige) in den drei großen Berufskategorien Landwirtschaft, Industrie und Handel zusammen, so ergibt sich, daß die Industrie aller Branchen immer noch die meisten Auswanderer mit 11 692 Menschen stellt, bann folgt gleich die Landwirtschaft mit 6607 Köpfen, und dann erst Handel und Verkehr mit 5658 Köpfen. Diese Zahlet lassen einen Schluß auf
bie in der Metallzeit die Steinhandwerker ablösten, die Schmiede, noch als Zwerge erscheinen. Rach den örtlichen Verhältnissen können unsere Stetnkünstler auch keine großen Menschen gewesen fein, dafür sind die Tische und die Höhlen viel zu niedrig.
Daß die Kutrde von solch einer, natürlich wett im Umkreis berühmten, Werkstatt sich Jahrhunderte im Dolksmund erhalten konnte, ist ohne weiteres begreiflich, jedoch durch ungezählte Iahr- tausende? Das kann man kaum fassen, aber muß man's nicht doch annehmen? Cs seht jedenfalls eine, wenn auch nicht am selben Platz so doch in der erreichbaren Umgebung, ununterbrochene Besiedelung durch Menschen, die sich miteinander verständigen konnten, voraus. Aehn» ftche, wenn auch nicht so weit in die zeitliche Tiefe hineinreichende mündliche Lleberliefemn- gen sind literarisch bekannt. Ich erwähne nur ein norddeutsches Dorf, in dem die Sage ging, daß in den Hünengräbern des nahen Waldes so viel goldenes Geschirr liege, daß man das ganze Dorf damit kaufen könne. Als Altertums- forscher bie Gräber aufdeckten, fanden sie eine große Menge zwar nicht goldener, aber doch bronzener Gefäße.
Verkannte Tiere.
Man sagt gewöhnlich .so tapfer wie ein Löwe", aber im Verhältnis zu seiner Gröhe, Kraft und Kampsesausrüstung ist bet Löwe lange nicht so tapfer wie z B. ein Fuchs, ein Schwein ober sogar ba£ bemütige Schaf. Dies betont ein Zoologe, der die menschlichen Verurteile in der Beutteilung bet Tiere untersucht. Et spricht dem Widder eine ganz besondere Tapferkeit zu und behauptet, daß dieses Tier jedem lebenden Wesen Trotz bietet: er scheut üch nicht, einen großen Bullen anzugreifen, wenn er die Herde bedroht, und vermag ihn oft zu überwinden. Er vetteidigt seine Schafe gegen den größten
und wildesten Hund und sogar gegen den Menschen. Der Kampf zwischen zwei kräftigen Widdern ist eines der stolzesten und zugleich grausigsten Schauspiele und endet fast stets mit dem Tode eines bet beiden Kämpfenden. Auch das Wildschwein ist außerordentlich tapfer, und man sagt von ihm, es sei das einzige Sier, das mit einem Tiger aus derselben Quelle zu trinken wage. Schweine sind überhaupt arg verleumdete Siete, sie sind g. B. viel weniger gefräßig als ein Kanarienvogel: auch sind sie nicht so dumm wie man annimmt, sondern haben schon „Intelligenzproben" gegeben, bie benen des Affen und des Hundes wenig nachgeben Die sprichwörtliche Faulheit der Schweine ist ebenfalls eine Verleumdung, denn es gibt manche Teile Europas, in denen die Schweine hart und eifrig arbeiten Richtiger wäre es zu sagen, „so faul wie eine Katze", beyn die Katzen find wirklich sehr träge. Sehr verkannt wird auch der Esel; wenn man ihn zum Sinnbild der Dummheit gemacht bat, io tut man ihm Llnrechl. Er ist gewöhnlich schlauer als das Pferd. Wenn man den Esel in einem einge* zäunten Raum einspettt, bann muß man sehr darauf achten, baß das Gitter verttegelt ist, denn er wird es sofort aufstohen, um heraus zu kommen, wahrend das Pferd an dem Zaun entlangläuft und feiten bas Tor sinbet. Wenn das Pferd von wilden Tieren angegriffen wird, bann rennt es aus Leibeskräften davon. Der Gsel aber sucht sich einen günstig gelegenen Platz zur Deckung und leistet dann dem Angriff mit feinen mächtigen Husen Widerstand. Der Dar gilt als besonders „brummig“; er ist aber mit Ausnahme des Polatbäten eines der lustigsten und gutmütigsten Tiere, bas sich leicht zähmen laßt, wenn es freundlich behandelt wird. Die „Blindheit" der Fledermaus, die ebenfalls sprichwörtlich ist, verkennt die überaus scharfe Sehfähigkeit dieses Tieres, von dem man sagen kann, daß es mit bet ganzen Haut sieht, sich im Refften Dunkel zurecht- sinbet und die winzigsten Insekten wahrnimmt.


