Die Finanzlage Helsens.
Von Finanz Minister Henrich, Darmstadt.
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Ich verzichte herauf, dem Herrn Abgeordneten Dingeideq in seinem im „G. A-" oom 15.—18. Nov. veröffentlichten Äufsatz die zahlreichen Unrichtig- feiten und Entstellungen im einzelnen nachzuweisem die er sich in seiner Kritik leistet — man soll Kleines klein fein lassen —, und ich beschränke mit daram, die wesentlichsten Gesichtspunkte zu beleuchten, dir aus dieser Kritik erkennbar sind.
Herr Dingelden meint: Wenn die Jahre 1923 bis 1925 ohne Fehlbetrag abschließen und sogar noch erhebliche Deckungsmittel für 1926 zur Verfügung bleiben, dann ist das auf den Raubbau zurückzu- sühren. den der hessische Finanzminister (nicht etwa der Reichsfinanzminister) an der Steuerkraft der Steuerzahler ansübte. Das wirk schon mehr erheiternd. Weist dec Voranschlag einen Fehlbetrag auf, dann ist das auf die Unfähigkeit des Fmanz- ministers zurückzufiihren. Bleibt dieser Fehlbetrag in der Rechnung aus oder verwandelt er sich gar in einen Ueberschuß, dann zeugt dies von brutaler Steuerpolitik. Wie sind denn die Ueberschüsse ,zustande gekommen? Für 1923 betrugen sie 3,7 Millionen. In den ersten neun Monaten des Jahres bis zum Ende der Jnslationsperiode sind bekanntlich Steuern säst nicht bezahlt worden, ihr Wert deckte nicht einmal 1 o.H. des öffentlichen Bedarfs. Im ersten Bierteliahr 1924 (hem letzten Abschnitte des Rechnungssahres 1923) führte die Reichsregierung zur Stabilisierung der Währung die bekannten rohen Steuern ein, deren Ertrag mangels zuoerlästiger Unterlagen im voraus nicht zu berechnen war. Die Lander und Gemeinden mußten ihre Steuern gleichfalls den veränderen Verhältnissen anpasien Zhe Wirkung war am Jahresschlnß eine starke Mehrein- nahme. Wer hat nun zuviel erhoben: das Reich oder die Länder und die Gemeinden, die für ihre Stener- berechnungep keine andere Grundlage hatten als die Angaben her Reichsregierung? Die Mehreingänge in 1923 waren an sich nicht besonders bedenklich, denn sie bedeuteten nur einen kleinen Ausgleich für die ungenügenden Steuerleistungen in den voraus- gegangenen neun Monaten des Jahres. Für 1924 war eine genauere Schätzung der Reichssteuereinnahme schon eher möglich. Die Reichsregierung verfuhr hierbei sehr vorsichtig, und die hessische Regierung ging bei der Schätzung ihres Anteils über hie Ansätze des Reiches hin an s. Das Ergebnis für das Reich war eine Mehreinnahme über den Etatsansatz hinaus von 2 Milliarden, an her die Länder unb die Gemeinden entsprechenden Anteil Hattern Und so hat es kein Land und fast keine Gemeinde gegeben, die nicht in 1924 erhebliche Ueberschüsse zu verzeichnen hatte. In Hessen entfallen von hem Rechnungsüberschuß von 6,8 Millionen auf Mehreinnahmen aus Steuern nur 2,7 Millionen, wenn man die weiteren 4,1 Millionen absetzt, die aus geschenkten Betriebsvorschüssen des Reiches herrühren, die also mit Steuerleisttrngen der hessischen Steuerzahler nicht das geringste zu tun haben. Es ist auch nicht richtig, daß die hessische Regierung dieser Entwicklung der Steuereinnahmen keine Rechnung getragen habe: bekanntlich hat sie in 1924 auf ein volles Quartal der Grund - und Gewerbesteuer verzichtet. Und nun betrachte man diesen nüchternen Tatsachen gegenüber die Behauptung des Herrn Abg. Dingeldey, her Rückgang her Steuerkrast und damit her wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in 1926 gegen 1922 sei vor allem auf die rücksichtslose und kapitalvernichtende Steuergesetzgebung des hessischen Staates während her abgetoufenen Jahre zurückzuführen. Ist das nicht grotesk? Worin besteht denn diese „rücksichtslose Steuergesetzgebung"? Die Grundsteuer sollte in den letzten drei Jahren je etwa 7 Millionen bringen. Davon entfallen etwa 3 Millionen auf die Gebäudesteuer, die bei weitem den geringsten Satz in ganz Deutschland hat. Ungefähr 3 Millionen lasten auf dem rein landwirtsäMlichen Grundbesitz, her nur in dem großen Besitz infolge der Staffelung stärker belastet ist als in den anderen Ländern. Dem Gewerbe sind gleichfalls 7 Millionen Sanhesfteuern auferlegt. Mangels einer zuverlässigen Veranlagung der Erträge wirkt leider die Steuer in einzelnen Fällen hart unb ungerecht, und es läßt sich bis zur Auswirkung einer richtigen Veranlagung des Ein- t kommens und des Vermögens in diesen Fällen nur ■ auf dem Wege her Billigtettserlässt unb der Sttm- Fbungen Helsen. Hiervon wirb in liberalster Weise Gebrauch gemachl Im ganzen ist es aber unbestrit- '• tene Tatsache, baß bie Belastung des Gewerbes mit staatlichen unb gemeindlichen Gewerbesteuern in Hessen erheblich geringer ist als z. B. in vielen Lan- besteilen Preußens. Die Sondergebäubesteuer hat in 1924 unb 1925 nicht wesentlich anders gewirkt wie in den übrigen deutschen Ländern. Erst in 1926 macht sich ihre unsoziale Tendenz besonders scharf bemerkbar. Die Regierung hat versucht, nach der sozialen Seile hin Abhilfe zu schaffen. Aber hier hllft nur eine grundsätzliche Neuordnung, wie sie für den endgültigen Finanzausgleich erwartet werden muß. Es darf aber doch auch darauf hingewiesen werben, daß bem Miethausbesitzer in her gleichzeitig erfolgten Erhöhung der Miete ein Ersatz für bie erhöhte Hauszinssteuer gewährt wurde.
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Das nun schon in allen Tonarten abgemanbelte Thema vom „Sparen" nimmt bei der Art her Behandlung, wie sie vom Ordnungsblock beliebt wird, kaum noch jemand ernst. Auch dem Herrn Abgeordneten Dingeldey fällt nichts besseres ein, als den Spuren des Herrn Dr. Leuchtgens zu folgen. Was soll bie immer wieder heroorgeholte Vergleichung von 1914 unb 1926? Wie oft ist schon nachgewiesen, daß zwischen diesen beiden Jahren ein Stück Weltgeschichte liegt, das revolutionierend in alle Verhältnisse eingegriffen hat. Wer nicht weiß oder es nicht wissen will, daß der Aufbau des Staates von 1926 mit seinen neuen Aufgaben ein ganz anderer ist als der von 1914, daß bas Besoldungssystem ein durchaus anderes geworden ift, daß nach bem Vorgehen des Reiches zahlreiche Beamtenkategorien gegen früher gehoben worden sind, daß schließlich her Wert her Mark von 1926 ein anderer ist als der von 1914, bem ist nicht zu Helsen, dem darf man seine Zahlenspielerei nicht weiter Übelnehmen. Aber wenn man den Zweck, den der Herr Abgeordnete Dingeldey beharrlich verfolgt, im Auge behält, bann hat man den Schlüssel zu seiner Art her Kritik, bann versteht man auch, warum er zum soundsovielten Male einen Ausspruch von mir anführt, der beweisen soll, bah ich mir feine Sorge über bie Ausgaben des Staates mache. (Der Sinn jener Aeußerung ist jedem Verständigen klar, ich kann es nur bedauern, wenn Politiker von her Stellung des Herrn Abgeordneten Dingeldey zu solchen Mtttelchen greifen.) Der Herr Abgeordnete Dingeldey hat es sich in diesem Kampfe zur Ausgabe gemacht, den Nachweis zu versuchen, bie ungünstige Finanzlage des Landes sei auf die Unfähigkeit des Finanzmimfters zurückzuführen. Bei
einer anderen Finanzpolitik gäbe es feine Fehlbeträge, brauchte das Land weniger Steuern zu tragen, hätte bie Wirtschaft besseren Ertrag, fehlt nur noch: könne der Staat höhere Gehälter zahlen. Und den Beweis hierfür ersetzt man durch die Behauptung : Dec Finanzminister kann unb will nicht sparen, inäem man dabei die Methode verfolgt, auch der unsinnigste Satz, wenn er nur oft genug wiederholt wird,' findet schließlich seine Gläubigen. Darauf habe ich einfach keine Antwort, diese Spekulation auf bis Dummheit überlasse ich neidlos meinen Gegnern. Jederrncurn weiß, das Sparen, das Zurnckdrängen der Ausgaben gehört zu den ureigensten Aufgaben her Finanzminister, denen bie ihnen dieserhalb erwachsenbe Unbeliebtheit oft genug bescheinigt wirb. Unb wer meine Tätigkeit im Amte unb im Parlament aufmerksam verfolgt hat, weiß, baß ich darin keine Ausnahmestellung unter meinen Kollegen einnehme. Aber am wenigsten ift her Vertreter einer Partei zu einer derartigen Kritik berufen, gegen deren Ausgabesreudigkeit her Finanzminister sich oft genug wehren mußte. Es wäre eine Aufgabe, nicht ganz ohne Reiz, einmal bie Anträge zusammenzustellen, mit denen bie Deutsche Volkspartei eine Erhöhung der Ausgaben veranlaßt ober doch wenigstens versucht hat. Ich mache her Partei solche Anträge nicht gum Vorwurf, sie zeugen vielfach von einem guten Herzen, aber der glückliche Besitzer eines solchen guten Herzens darf billigerweise einem Finanzminister nicht den Vorwurf machen, das {einige fei nicht hart genug.
Diel wichtiger als diese bedeniliche Kampfes- tpcife ist die Frage: wo unb wie kann denn überhaupt noch mit namhaftem finanziellem Erfolg gespart toerben? Lus dem Personalabbau ist nichts mehr zu holen, das ist anerkennt, auch bei dem „Wasserkopf der Ministerien" nicht, so lange nicht ganze Aufgaben Wegfällen. Wenn einmal die vom vorigen Landtag beschlossene Verringerung der Zahl der ‘Beamten bei den Ministerien durchgeführt sein wird, dann wird es sehr schwer werden, die ihnen Obliegenheit Aufgaben zu bewältigen. Die Gehalte der Beamten sind auch dem Herrn Abg. Dingeldey nicht zu hoch, er verwahrt sich zu meiner Genugtuung gegen den Gedanken, als fei er für eine Kürzung der Beamten gehakte zu haben (nebenbei: spricht da Herr Abg. Dingeldey für den Ordnungsblock im Ganzen?). Die Vorschläge, die auf eine rationellere Ausnutzung durch Arbeitskräfte, auf eine Verschiebung von Arbeit und Verantwortung von oben nach unten zielen, werden seit langem befölgt oder finden ihren Vie- derschlag in der noch ausstehenden Reform der Verwaltmrgsgefetzgebung. Was noch übrig bleibt, das ist eine durchgreifende Reorganisation der gesamten Staatsverwaltung, eine Frage, die in allen Äutturftaaten eine be- beutrame Rolle von brsoitderer politischer Tragweite spielt. 3n Verbindung damit steht die Beseitigung oder die E i n s ch r ä n hm g von Staatsaufgaben.
Auch bei uns in Hessen ist hier noch manches zu tun, und ich habe wiederholt angedeutet, daß ich über diese schwierige Materie der Regierung ein Programm vor gelegt habe. Herr Abg. Siugelhet) beklagt sich darüber, daß man darüber in der Oeffentlichkett nichts erfährt. Ich bin zu einer Bekanntgabe nicht berechtigt, so lange das ®efamtminifterium nicht dazu Stellung genommen hat. Die Entscheidung wird aber nicht bei diesem liegen, sondern beim Laudtag, dem ich zugleich mit dem Voranschlag für 1927 (der naturgemäß ohne Berücksichtigung der finanziellen Auswirkung meiner Vorschläge auf gestellt ist) mein Sparprogramm vorzulegen beabsichtige. Herr Dingeldey muh sich damit abfinhen. wenn ich ihm auch heute nichts verraten kann, aber soviel kann ich zu seiner Beruhigung und in Aebereinstimmung mit seiner Auffassung sagen, daß die Aufhebung einiger Amtsgerichte oder Kreisämter von feiner großen finanziellen Bedeutung ist und für sich allein den ganzen Aufwand für ein Sparprogramm nicht rechtfertigen würde. Und warnen möchte ich auch vor einer Ueberschätzung der finanziellen Wirkungen solcher Maßnahmen überhaupt namentlich in Deutschland, so lange man dieses Problem nicht an der Wurzel anfaßt, nämlich an dem Verhältnis der Länder zum Reich. Ich toUI über diese Seite des Spirprogramms hier nichts weiter sagen, aber wenn, der Herr Abg. Dingeldey die Gelegenheit hat, über die finanzielle Wirkung von Verwaltungsreformen mit dem Finanzminister irgend eines anderen Landes zu reden oder einen amtlichen Bericht über Bedeutung und Auswirkung der Verwaltungreform in Frankreich kennen zu lernen, dann würde er recht Interessantes und Dachdenlliches erfahren können.
Kunst und Wissenschaft.
Eine Hauptmann-Uraufführung in Dien.
Die Wiener Uraufführung von Gerhart Hauptmanns „Dorothea Ang er mann" in dem von Max Reinhardt geleiteten Theater in der Iosephstadt gestaltete sich zu einem künstlerischen und gesellschaftlichen Ereignis. Das Haus zeigte ein festliches Gepräge. Man sah den Bundespräsidenten Hainisch, eine Reihe staatlicher Funktionäre, den französischen Gesandten Beaumarchais und den Dichter Tristan Bernard. Dank der glänzenden Regietunst Reinhardts und der meisterhaften Darstellung fand das Stück stürmischen Beifall. Hauptmann, der der Ausführung beiwohnte, wurde stürmisch gefeiert und muhte nach jedem Akt auf der Bühne erscheinen.
Eine deutsche Forsihungsexpedilion in Südamerika.
Die Fvrschungseppedition des lln'.verfrtäts- professors Dr. Hans Krieg aus Tübingen unö seiner Begleiter Dr. Lin d n e r und M. Kiefer ist jetzt in Asuncion (Paraguay) wohlbehalten eingetroffen, nachdem sie ihre Arbeiten in den bis dahin nicht erforschten Teilen des Gran Chaco m Bolivien und Paraguay beendet hat. Das an Mühen reiche Unternehmen hat einen vollen wissenschaftlichen Erfolg gebracht.
Marconi über seine neueste Erfindung.
3h Rom hielt in Gegenwart des Königs, der Königin und der Spitzen der Zivil- und Milttär- behördcn am Sonntag Marconi einen Dortrag über seine neueste Erfindung, bie Ausnutzung kurzer Wellen inBündelform für den Fernverkehr. Marconi führte aus, daß feine Erfindung auf zehnjähriges Studium zurüc^ehr, die heute schon so fortgeschritten sei, daß er von London aus habe mit Australien deutlich sprechen köniren. Marconi teilte weiter mit, daß England bereits nach den ersten Versuchen im Jahre 1924 zwischen London und Australien die Bedeutung der neuen Erfindung erkannt und sich rechtzeitig die Verbindung auf Grund des neuen Ä-stems nach allen seinen Dominions gesichert habe. Die
Verbindung zwischen London einerseits und I Australien. Südafrika und Indien andererseits werde in wenigen Tagen hergestellt sein.
Aus aller Welt.
Stürmischer Sonstag in der Schweiz.
Insolg- der heftigen Regengüsse der letzten Woche am Süd fuße der Alpen, die am Samstag noch durch einen Scirocco verstärkt wurden, sind im Kanton Tessinan verschiedenen Stellen große Ueberschwemmungen hervorgerufen worden. Bei Lugano hat der gewaltige Südsturm die Jiegel von den Dächern geschleudert und im Part großen Schaden angerichtet. Der Kai wurde überschwemmt. Beim Palast-Hotel wurden die neuen Kai-Anlagen weggerissen. 3n Para diso wurde die Badeanstalt durch den Sturm verwüstet. Seit 24 Stunden gehen heftige Gewitter über den ganzen Kanton Tessin nieder. Alle Flüsse und Bäche führen Hochwasser. Das Wasser der Seen steigt bereits. Die llfer» ortschaften sind überschwemmt. Das italienische Torpedoboot, das auf dem Lago Maggiore den Folldienst versieht, wurde durch das Gewitter in die schweizerischen Gewässer abgetrieben und mußte in Wagadino Schutz suchen.
Ein Zug vom Sturm aus dem Gleis geworfen.
'Während der von Bezau nach Bregenz verkehrende Frühpersonenzug um 5.20 Uhr wegen einer durch den Sturm verursachten Be- schM>igung nahe der Haltestelle Winterbach anhielt, erfaßte ihn ein Windstoß und warf den aus einem Gepäckwagen und sechs Personenwagen bestehenden Zug mit Ausnahme der Lo» lomotitc aus dem Gleis. Hierbei wurden zwei Reisende leicht verletzt.
Der Sturm im bayerischen Hochland.
Aus verschiedenen Gegenden oes bayrischen Hochlandes laufen Rachrichten über schwere Sturmschäden ein. Am Königsee wütete vvm Samstagabend bis Sonntagfrüh ein heftiger Wirbelsturm, der vielerlei Schäden an den Häusern anrichtete, manche Dächer ganz abdeckte und Bäume entwurzelte. Auch in der Gegend des Kochelsees richtete der Sturm schwere Verwüstungen an.
Schwere Sturmschäden in der Tschechoslowakei.
Der bereits drei Tage dauernde Sturm, der großen Schaden anrichtete, hat Sonntag ungewöhnliche Stärke angenommen. Der Verkehr der schlesischen Landesbahn und der Ostrau—Karwiner Dahn ist bedroht. 3n Städten und Dörfern des Ostrauer Gebietes, wurde großer Schaden angerich.et. Lin der Elett^izitätszentrale der Witkowitzer Gruben warf der Sturm auf der Grube Karolina in Riährisch-Ostrau einen sechs Meter hohen Kühl türm um. Personen sind nicht verletzt worden.
Das Unwetter in Frankreich.
Das Unwetter in Subitamreia) hat ungehalten Aus Montpellier werden große Schäden an den Telephon- und Lichtleitungen gemeldet. 2m Rhone tat sind die Telephon- und Lichtlettungen auf wette Strecken unterbrochen. Der Sturm und die Regenfälle haben dort auch Sonntag angehalten. Aehnliche Rachrichten treffen aus Ser Kanal gegend ein.
Ueberfchwemmungen in Spanien.
In Spanien sind schwere Unwetter niehergegan= gen. Fast alle Flüsse sinh über bie Ufer getreten. Es werden zahlreiche Unfälle gemeldet. Viele Fischerboote werden vermißt. Neun Fischerboote zerschellten an den llserselsen vor San L u c a r. Mehrere Personen sind ertrunken.
Orahtseilbahnunglück bei Neapel.
In her Nacht zum Samstag wurde bie Stabt Neapel unb ihre Umgebuna von einem heftigen Gewitter heimgesucht, yn her Nähe von Posi- lippo brach bas Seil her Drahtseilbahn, die den Ort Marechiaro mit her kleinen Snfel La Ga- jola verbindet, ab. Eine Deutsche, bie sich in der Kabine her Drahtseilbahn befand, stürzte ins stürmische Meer. Alle zu ihrer Retuung unternommenen Versuche blieben vergeblich. Die Leiche ist bei Santa Lucia aus bem Meere gefischt worden. Wie festgestellt wurde, handelt es sich um eine B a - ronin Helene P a r i s ch, die mit bem Schweizer Musiker Eherbulier verheiratet war und in Chur wohnte. Da sie lungenleibend war, hatte sie sich in bie Behandlung des Schweizer Arztes Dr. G r u e m- bach begeben, der auf der Insel Sä Gajola bei Posilippo eine Villa besitzt. Nachdem es nach verschiedenen vergeblichen Versuchen gelungen war, trotz des Sturmes bie kleine Insel mit einem Boot zu erreichen, sand man Dr. Gruembach in seinem Arbeitszimmer erschossen vor. Er hatte sich durch einen Revoloerschuß getötet.
Schwere Boots Unfälle.
Ein furchtbares Bootsunglück hat sich am Sonntagvormittag auf dem Plauerfee bei Brandenburg ereignet. Untoeit der Insel Buhnenwerder kenterte ein mit acht Personen besetztes Boot. Drei junge Leute ans Berlin und zwei Brandenburger ertranken. Ihre Leichen sind noch nicht geborgen. — Ein wetteres llnglück ereignete sich auf dem Wannfee bei Berlin. Infolge hohen Wellenganges kenterte ein mit vier Personell besetztes Boot. Während drei Personen mit vieler Mühe gerettet werden konnten, ist ein lljähriger junger Mann ertrunken.
Line Gedenkhalle für bie Gefallenen der Lrupp-Werke.
Im Essener Hauptverwaltung^geoaude der Friedrich Krupp-A.-G. wurde durch eine würdige Feier die Gefallenen-Gedenkhalle geweiht. Herr Krupp von Bohlen und Halbach sprach vor den versammelten Beamten und Vertretern der Arbeitnehmerschaft ernste Worte der Erinnerung an die für die Befreiung des Vaterlandes gefallenen rund 2 8 0 0 Werksangehörigen. An den Wänden der von hohen Säulen getragenen Gedenkhalle sind 14 mächtige, in Eisen- kunstguß arrsgeführlc Tafeln angebracht, die je 200 Ramen enthalten.
Von der Dreschmaschine zerrissen.
In M s ck l a r (Kreis Rotenburg) ereignete sich ein entsetzlicher llngllicksfall beim Dreschen. Der zehnjährige Sohn des Landwirts Adam Claus fiel in bie Trommel her im Betrieb befindlichen Dreschmaschine. Nur als Leiche konnte her unglückliche Junge aus der Maschine herausgeholt werden.
(Eine Internationale Union der Rote-Lreuz-vereine.
Die Internationale Sonderkonferenz des Roten Kreuzes nahm eine Entschließung an, die die Schaffung einer Internationalen Union "der Rotem-Kreuz-Vereine mit Sitz in der Schweiz vorsieht. Oberstes Organ derselben wäre die internationale Konferenz. Ein aus Vertretern der verschiedenen Landesvereine des internationalen Komitees und des Komitees der Liga
der Roten-Kreuz-Vereine bestehender Rat, sorgt für die Durchführung der Konferenz beschllisse. Außerdem üben das internationale Komitee in Genf und das Komitee der Liga in Paris ihrs Funktionen im bisherigen Sinne aus. Die Ent- schlleßung wurde, von Großbritannien abgesehen, das sich der Stimme enthielt, einstimmig angenommen.
(Seicheiterte Hkltumfeglung.
Sic Jolle, auf der der Däne Ventegodt feine Weltreise macht, kenterte auf der Höhe von San Pedro Del Mar (Spanien) infolge hoher Wellen im dichten Rebel. Derttegäft und Hansen, sein Begleiter, kämpften gemeinsam' mehrere öiimben lang gegen die Wellen. Als Hansen die Kräfte verließen, rief ihm Vente- gvdt zu, zu versuchen, sich wenigstens über Wasser zu halten, während er von der Küste Hilfe holen wollte. Als Ventegodt die Küste erreichte, war es Rächt, und es dauerte lange, bis er Einwohner traf, so daß es unmöglich war, Hllfe zu senden. Es wird angenommen, daß Hansen ertrunken ist.
Aus her provinzialhauptstadt.
Gießen, den 22. Aovember 1926.
Ohne Brell gitt’s net.
Bon Franz Gros.
(Rachdruck verboten.)
Eine ordentliche Brille ist für Biele ein unbedingt nötiger Gegenstand. Das weiß jedermann.
Kommt da eines Tages ein oberhessisches Bäuerlein aufs Gericht, so ein alles,-verhutzeltes, ganz schlaues, kleines Bäuerchen. Besagtes Männchen, das feine sechsundachtzig Jahre auf dem Rücken trug, erschien mit Kindern und Kindeskindern — nur die unmündigen Urenkel waren daheim geblieben — und verhandelte mit ihnen über seine Einsitzrechte. Wohl eine Stunde und noch länger.
Der Alle, der Ellevater, war zäh wie Iuchteickeder und lieh sich von feiner Sippe nichts abhandeln. Er verteidigte seine Auszugsstube, die er wegen eines Umbauet wechseln sollte, wie ein Dachs seinen Bau: „Eich hunn mei' Räachd. unn Räachd muß Räachd bleiwe, unn dodruff bestinn' eich!"
Es schien an diesem Rechtsbewußtsein nichts abänderlich zu sein. Ich dachte an jenen dicken Vogelsberger, der in seiner queren Dickköpfigkeit dem Amtmann ins Gesicht sagte: „Eich dauh cäächd unn dauh u'räächd unn scheu niemand" und — verhandelte Wei er, so lange, bis der Alte gegen einige Batzen Abstand, die er herausschlug, doch endlich nachgab und die anderen erleichtert aufatmeten.
Es war nahe an Mittag. Alle drängelten. Rur der Ellevater blieb ruhig. Er mußte die neue Vereinbarung zuerst unterschreiben.
„Ohne Brell gitt's net,“ fnotterte er und suchte in seiner Rocktasche, in seiner Hosentasche, ja zuletzt ht seinem ledernen, großen Büchsenranzen, Den er über die Schulter hängen hatte.
„Schreiben Sie doch ohne Brille, lieber Mann: es kommt ja hier garnicht Darauf an, daß Sie wie gestochen schreiben. Es muß nur Ihre Unterschrift dastehen," meinte ich ruhig.
„Ohne Brell gttt's net,“ meinte aber Der Alte und begann von neuem zu suchen.
„Ei, Gruhvadder. schreibt doch, wäi's der Herr Amtsrichter saht, Ihr werd' Euern Brell dehaam gelosse hu'," meinte epie Schwiegertochter.
„Raa, eich hunn ’ern rnngestocht,“ knurrte der Ellevater, „ohne Brell gitt's net.“
Endlich, nach langem Suchen, entdeckte er glücklich feine Brille am unteren Westenrand zwischen Futter und Stofs. Denn in seiner Westentasche war ein großes Loch, und durch dieses verteufelte Loch war besagter Gegenstand in Die dunkle Tiefe gesunken.
Wieder Dauerte es eine kleine Ewigkeit— schon murrten deutlich vernehmbar die Magen etlicher biederer Anwesender, d e um ihr gewohn.es Frühstück gekommen waren, bis „Die Brell" mühsam ans Tageslicht befördert war. Ihr Gestell war klapperig. Damit es auf der Rase sitzen blieb, war es hinten mit Bindfaden zusammengebunden.
Zwei Töchter halfen in ihrer Zeitbedrängnis Dem Vater, Die Brille „überzuziehen“.
Die Feder war sperrig und spritzte. Endllch, endlich stand flat und deutlich auf Dem Papier zu lesen: „Johannes Kaspar Schnell XXI.“
Stolz auf Die vollbrachte Leistung sah der Alte zu mir auf. „Eich saht's ja gleich, Herr Amtsrichter, ohne Brell gttt's net“
Doch was bemerkte ich? In Der Brille fehlten beide Gläser.
„Herr Schnell, Sie haben ja keine Gläser im Brillengestell und es ist doch fein gegangen“, lachte ich.
„Ei, do soll doch e ©etoerrer ’eninn schlah', wu fein Dann däi Meßgeb erer?!“
Tlnd bald Darauf — diesmal balD — toiirben sie mit Hilfe Der besagten Töchter ebenfalls zwischen Westenstofi und Westenfutter entdeckt
„Eich hun 's glei gesaht“ knurrte Der Alte, „ohne Brell gitt's net,“ rückte den Büchsenranzen zurecht, setzte feine glänzende schwarzseidene Kappe auf den grauen Kopf und ging mit Den Worten: „Adjes beilamme, naut fot u’gut“ zur Türe hinaus. —
Kürzlich ist Der brave Mann gestorben. Seme Ailszugsstube hier auf Erden ist für einen andern frei geworden.
Ob wohl der selige Ellevater, getreu seinem irdischen Grundsatz: „Ohne Brell gitt's nst“, rechtzeitig feine Brllle, seine Brille m i t Augengläsern, Da Droben auf Die Rase wird setzen können, wenn er beim Petrus seine Unterschrift unter fein himmlisches En sitzrecht setzen soll?
Das möchte ich gerne wissen.
Wettervoraussage.
Rachts Temperaturfall bis zu leichtem Frost, tagsüber wolkig, verhällnismähig mild und meift trocken.
Bornotizen.
— Tageskalenher für Montag. Stahttheater: 7.30 Uhr, Lustiger Abend von Prof. Marcell Salzer. (Ende 9.30 Uhr.) — Vortrags-Vereinigung: 8 Uhr, Neue Aula der Universität, Vortrag von Liedern zur Laute. — Deutsche Bau- und Siehlunasgemeinschaft: 8 Uhr, Katholisches Vereins- Haus, Mitglieheroersammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofitraße: „Das Geheimnis von St. PauU“.— Astoria-Lichtspiele: ..Frauen und Pferde".
— Aus Dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die Einstudierung eines Werkes von Gerhart Hauptmann hat immer Anspruch auf das lebhafteste Interesse des Theaterpublikums, zmnal Dann, wenn es sich um ein Werk des Meisters handelt, das bisher hier


