Nr. 298 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Dienstag, 21. Dezember 1926
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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EhefredaKteur Dr Jrteör Wich Lange. Derantwortlich für Toi uh Dr Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H TKyriot; für den übrigen Teil Er ft $lum|d)cin; für den An» jeigcnkil i.Bertr H.Bcch. fämtlid) in (Bienen
Stresemann über die Ergebnisse in Gens.
Der Reichsautzenminister in Hamburg. - Eine Rede vor dem hamburgischen Senat.
Hamburg, 20. Dez. (Wolff.) Reichs- Minister des Aeußern Dr. Stresemann begab sich heu c üormit.ag in Begleitung des Bürgermeisters von Hamburg. Dr. Pe.ecsen, vomHctel «2Ker Iahreszei.en", wo er Wohnung genommen hat, nach dem Hamburgischen Welt-Wirt» schajtsorchiv. wo Geheimrat Stuhlmann einen Bericht über die Ausgaben und die Organisation des Archivs erstattete. Rach einem Rundgang durch die Räume des Archivs begab sich der M.nister zum 3 n ft i t u t s ü r auswärtige Politik, wo dessen Le ter, Professor Dr. Mendelsohn-Bartholdy, einen Ueberblick über die bisherige Entwicklung des Instituts gab und dem Reichsminister ein gebundenes Exemplar der Zeitschrift ..Europäische Gespräche" überreich e. 3m Anschluß hieran stattete der Minister dem 3 n st i t u t für Tropenkrankhetten einen Besuch ab. Auch hier be'ichtigtr der M ni ter versch ebene Abteilungen deS 3nTti?uB und nahm e nen Bortrog de- Profcs.'orZ Dr. Fülleborn über die Tätigkeit des Institu's entgegen. Hm e n Ahr fand sodann ein Frühstück statt, das der Bürgermeister Dr. Pe ersen dem Re'.chsminister in seinem Ho's' gab.
Im großen Festsaal des Rathauses gab der Senat heute abend ein Esten, an dem außer führenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wistenschast das gesamte Konsulorkorps — in Hamburg sind jetzt fast sämtliche Staaten der Erde vertreten — teilnahmen. In seinen Begrü- ßungsworten hob der regierende
Bürgermeister Dr. Petersen
die Bedeutung der Vermittlerrolle hervor, die die Hansestädte seit ihren Anfängen in den Beziehungen zwischen Deutschland und dem Ausland erfolgreich durd>gefuhrt haben. Sie hätten ein gut Teil dazu beigetragen, jene Einschätzung Deutsch» l a n d s im Ausland mit zu schaffen, die Reichsminister Dr. Stresemann erneut auszubauen erfolgreich bemüht sei. Bürgermeister Dr. Petersen gedachte dann der letzten Tagung in Gens, auf der Reichsminister Dr. Stresemann jene klare und gerade Linie der Politik vertreten habe, die von der deutschen Republik seit 1919 verfolgt worden sei, jene Politik, deren Leitmotiv der Glaube an den Willen der Menschheit zum wahren Frieden und nach einer gerechten Ver- ständigung sei. Er glaube, Reichsminister Dr. Stresemann am erwünschtesten zu ehren, wenn er seine Worte ausklingen lasse in ein Hoch auf die Führer aller Völker, die in Treue zum Wesen der eigenen Ration und in "Achtung vor dem der fremden den Frieden der Welt zu sichern bereit sind
Der belgische Generalkonsul M o u l a e r t verlieh im Namen des gesamten Konsularkorps der Freude darüber Ausdruck, daß es Gelegenheit gehabt habe, Reichsminister Dr. Stresemann persönlich kennen zu lernen; er stellte die fortschreitende Verbesserung des wirtschaftlichen Lebens in Deutschland fest, gedachte der großen Verdienste Dr. Stresemanns auch um die im Konsularkorps vertretenen Länder, die im Nobelpreis ihre geziemende Anerkennung gesunden haben, und schloß mit einem Hoch auf die Reichsregierung.
Reichsminifter Dr. Stresemann bankte für die Worte seiner Vorredner und"entwickelte zunächst unter besonderer Bezugnahme auf die Eigenart Hamburgs die Gesichtspunkte, die für die Gestaltung der deutschen Außenpolitik maßgebend sind. Schwierigkeiten und Rückschläge, so führte er aus, dürfen uns nicht in der Erkenntnis beirren, daß der von uns eingeschlagcnae Weg der richtige ist und schließlich zum Ziele führen muh. Trotz der scharfen parteipolitischen Auseinandersetzungen darf ich das eine mit Genugtuung seststellen, daß Schwankungen inner politisch er Art am Kurs der deutschen Außenpolitik nichts ändern werden, die s.ch heule auf die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes zu stützen vermag.
Das Ergebnis der Genfer Tagung bedeutet einen Schritt vorwärts auf unserem Wege. Cs ist dort gelungen, eine grundsätzliche Regelung für zwei schwierige Fragen zu finden, die dem Fortschritt der politischen Entwicklung bisher im Wege standen. Es ist gelungen, für die 3 nvesti - gationSbefugnisse des Völkerbundes denjenigen festen Rahmen zu vereinbaren, der sich aus der gerechten Auslegung der Vertragsbestimmungen erg bt. Vom deutschen Standpunkt aus dürfen wir es als einen Fortschritt bezeichnen, daß dabei die Entwaffn ungs- a k t i o n, für die ein naher Endtermin festgesetzt worden ist. nunmehr allseitig als durchgeführt anerkannt ist. Das ist eine wichtige Etappe, aber freilich doch nur eine Etappe, und ich will offen aussprechen, daß es auf die Dauer ein unmöglicher und mit der Gleichberechtigung im Völkerbund unvereinbarer Zustand ist, die allgemeine Rüstungssreiheit bestehen zu losten und dabei einem einzelnen Staat die volle Entwaffnung vorzuschreiben und sie einseitig zu kontrollieren.
Diesen Zustand zu be'eitigen, konnte sicherlich nicht Aufgabe der letzten Genfer Verhandlungen sein. Diese Ausgabe muß aber im Zusammenhang mit dem allgemeinen AbrüstungsproAem unbe
dingt gelöst werden. Die Welt wird Verständnis dafür haben, daß Deutschland seinen Willen zur loyalen Innehaltung b.T Entwass- nungsbestimmungen und die Arerkennung ter Investigationsbefugnis des Völkerbundes nicht betonen farm, ohne gleichzeitig auszusprechen, daß auch der Gedanke der allgemeinen Abrüstung feiner Verwirklichung zugesührt wird. Vielleicht liegt der wertvollste Ersclg von Genf darin, daß_ die Methode offener Aus- s p r a che, für die der Völkerbund einen so hervorragend geeigneten Rahmen abgibt, sich wiederum voll bewährt hat. Wir befinden uns noch immer im ersten Anfangs st adium einer neuen europäischen Entwicklung, und es ist gerade in diesem Stadium von Bedeutung, daß bie leitenden Staatsmänner dem Vertrauen der Völler auf jene Entwicklung so ost a!5 möglich
durch sichtbare Ereignifse neue Rahrung geben. Das ist im Interesse aller beteiligten Ander in Gens geschehen.
Zugleich ist mit den erzielten Ergebnissen aber der Weg frei gemacht für die praktische 3n- angrifsnahme anderer o, henpolilischer Probleme, die an Bedeutung die birher geregelten Fragen noch weit übertreffen.
Auf diese Frugm sach.ich im einzelnen einzugehen, möchte ich mir h er vers rgen. Der Grundg^anke, von dem die beteil gten Staatsmänner b.'i ihrer Lösung ausgehen müssen, ist die Erken.ttn.s der Solidarität der Interessen, d.e die Völker Europas untereinander, und darüber hinaus die Völker Europas m.t den übr.gan Völkern der Welt verbindet. Das Werk von Locarno und der Eintritt Deutschlands in den
Völkerbund haben eine gute und sichere Grundlage für diese Politik der Solidarität dar Interesf-un gelegt, aber doch nur eine Grundlage. Die geschloffenen Verträge würden ein tot.r Buchstabe ble.ben, wenn es nicht dazu käme, im großen Geist der Verständigung darauf weiter zu bauen und so e b.ich das G buuds zu errichten, das den Völkern ein friedliches Reoene.nander- wohnen und Mitein mberaräe t n erwog i cht. Reichs ninisler Dr. Str se.nann er xv.x rte daran, daß Dr. Petersen sich in ferner Red.' za die em Grundgedui-ken d^ Z sarnrnrnwirkens und der Verständigung der Vö k r bekannt hat. Gr erhob fein Glas auf das Wohl Hamburg; u ld 'einer Führer. Die Ars ührung i des Außenministers, die vom Festsaal auf dun Rundfunk übertragen wurden, wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Die Germersheimer Bluttaten vsr Gericht Schluß der Beweisaufnahme.
Landau, 20. Dez. (W. S. R.) Die Dor- mittagsfiljung des vierten VerhandlungstagcS wurde mit der Vernehmung der Zeugen einge- leitct, die ebenso wie die gestern Dernommenen zufä.lig dazukamen, als Rouzier den Mathes durch die Sandstraße führte und an der Post über den Hau en schoß. Diese Zeugengruppe be- flä.igte ebenfalls einwandfrei, daß Rouzier durch Mathes und Fechter nicht bedroht wurde, und daß er auch nicht einmal annehmen konnte, in Gefahr zu fein, vielmehr ohne jede Rotwendigkett kaltblütig s-choß. So bestätigte der eine Zeuge, daß Mathes auf den Rus des Rouzier, daß er schießen werde, sofort ein bis zwei Schritte zurückgegangen sei, wodurch die Angabe Rouziers erneut widerlegt wurde, daß Mathes einen Sprung auf ihn gemacht habe. Auch aus dieser Vernehmung ergab sich wieder, daß die französischen Gendarmerie-Protokolle in den Voruntersuchungen den deutschen Zeugen Angaben in den Mund legten, die bei der heutigen Vernehmung von diesen ganz en schieden als falsch zurückgewiesen wurden. So erHär'e die eine Zeugin, daß sie nicht gesehen habe, daß Fechter gegenüber Rouzier eine drohende Haltung eingenommen habe.
Die Vernehmung der nächsten Zeugengruppe leitete zu der Beweisaufnahme über die Erschießung des Müller über. Der Bruder des Mitangeklagten Fechter, der sich mit einem anderen Zeugen von Müller kurz vor feiner Erschießung verabschiedet, wurde von der französischen Verteidigung gefragt ob Müller aufgeregt gewesen sei und ob fein Benehmen darauf habe schließen lassen, daß er etwas im Schilde führe. Der Zeuge Otto Fechter erklärte, das Müller es gesagt hätte, trenn er etwas derartiges vornehabt hätte. Die Frage der deutschen Verteidigung, ob Müller als streitsüchtig bekannt gewesen sei, verneinte der Zeuge.
Der Kronzeuge der Bluttaten des Rouzier
ist bei- Maurer Krebert, der unmittelbar in der Rähe, wo die Bluttaten geschahen, im zweiten Stock eines niedrigen Hauses wohnt, so daß er von seinem Standort aus alle Vorgänge der Tat genau beobachten konnte. Er Hut genau gesehen, wie alle zufällig an die PosKcke kommenden oder dort stehenknn Personen auf die Rufe des Leutnants Prudhomme "zurückgingen. Auch Mathes ging sofort etwa zwei Meter zurück und wurde nur durch den Schuh oes Rouzier, der ihn am Kops traf, am weiteren Zurückgehen verhindert. Mit der Aussage des Zeugen über die Hand- und Armstellung des Mathes im Augenblick des Schusses ist die Darstellung des Rouzier widerlegt, daß er geglaubt habe, Mathes wolle durch einen Griff in die Tasche eine 'IDaffe ziehen. Diese für Rouzier schwer belastende Aussage wollte die französische Verteidigung dadurch abschwächen, indem sie an den Zeugen die Frage nach den Beleuchtungsverhältnissen st llte. Der 3euge behauptete jedoch daß er infolge der sehr Hellen Laterne an der Postecke alle Vorgänge habe genau erkennen können. Der Zeuge beobachtete bann auch die Erschießung Müllers. Rachdem Rouzier den Mathes niedergeschossen hatte, ging er in der bisherigen Rie^ung der Sandstraße weiter und überquerte die Straße. Als er in der Mitte der Straße war, fiel ein weiterer Schuß, ohne daß der Zeuge jedoch die Richtung des Schusses feststellen konnte, wohl aber, daß Müller, der auf der rechten Straßenseite ging, nicht getroffen toorben war. Müller hielt ben linken Arm zum Schutz vor die Brust und lieh den rechten berunterbängen. Als Rouzier auf der linken Straßenseite angetommen war. schoß er wieder und Müller brach zusammen. Unmittelbar danach fiel c i n dritter Schuh, woraus Rouzier sich entfernte.
Die beiden vernommenen G.md.rmen Hin - finger und Simonelle, d e am anderen Tage am Tatort nach der Brills des Rouzier suchten, die dieser sich wahrscheinlich selbst mit der
Reitpeitsche herunterschlug, wollen am Ludw gs- tor Dlutspuren und Spuren eines Hairdgemenges festgestellt haben, obwohl bereits einwandfrei festgestellt worden war. daß
fein Handgemenge slattgefunden hat und selbst die französische Anlage dies nicht an nimmt.
Der französische Leutnant D r u n e t, der im Postgebäude wohnt, hat die Erschießung des Müller vom Fenster seiner Wohnung aus mit angesehen. Gr gab eine Schilderung, d.e mit den durch die Zeugen festgestellten Tatsachen im Widerspruch steht. So bezeichnet er die Hand- bewegung des Müller nach dem erften Schuß als eine drohende Haltung. Er unterstützt Rouzier auch insofern, daß er wie d eser bekundet, nicht Rouzier sondern Müller habe gerufen: „Du auch kaput!" Seine Darstellung widerlegt die wahrheitsgemäße Aussage der Zeugin Honnecker. die noch gar nicht vernommen worden ist. Diese versuchte der Leutnant von vornherein dadurch zu diskreditieren, daß er erklärte, die Laden der Wohnung dieser Zeugin seien geschlossen gewesen, so daß sie die Vorgänge habe gar nicht sehen können.
Tie Rachmittagssihung wurde mit der Verlesung des ärztlichen Befundes über die Verletzungen Holzmanns und MatheS und des getöteten Müller eingeleitet. Der Bericht hat deshalb besondere Bedeutung, da der Tatbestand einer schweren Körperverletzung vorliegt, wenn eine Arbeitsunfähigkeit von über 20 Tagen verursacht wird, was bei Mathes zutrifst Bezüglich des getöteten Müller endet der Befund mit der Feststellung, daß die Wunden am Vorderarm und in der Brust von demselben Geschoß verursacht wurden. Man muß also annehmen. daß sich Müller instinktiv mit dem Vorderarm habe schützen wollen. Diese Feststellung widerlegt die Aussage des französischen Leutnants Brunst, der dir abwehrende Handbewegung als eine drohende Haltung binzustellen suchte. Es folgte die äußerst wichtige Bekundung der Zeugin Emma Honnecker. Die Zeugin, die gerade gegenüber dem Tatorte wohnte, lag int Bett, war jedoch noch nicht eingeschlasen, als sie hörte, wie jemand rief: Eins, zwei, drei; sie habe darauf einen Schuß fallen hören, worauf sie fort auf einen Stuhl und dann auf das Fensterbrett stieg, von wo sie durch die offene Jalousie und den geschlossenen Fensterladen hinunter schaute. Rechtsanwall Grimm stellte ausdrücklich fest, daß die Zeugin von diesem Standort aus den ganzen Tatort übersehen konnte.
Die Zeugin hak gesehen, wie Rouzier auf der gegenüberliegenden Straßenseite und Müller auf ihrer Seite gegangen seien, beide in gleicher höhe. vlvhlich habe Rouzier einen Schuß und gleich darauf den zweiten abgegeben. IHütler habe beim Fallen eine Zigarette im Munde gehalten. Man habe noch die Funken gesehen, wie sie auf bas Pflaster fielen. Müller hätte gar keinen Fausifchlag führen können, weil er viel
zu weit von Rouzier entfernt war.
Die fehlgegangcne Kugel wurde am anderen Tage in der Mauer ihres Hauses gesunden. Diese für Rouzier vernichtende Aussage veranlaßt den Hauptangeklagten. erregt auszuspringen und zu betonen, daß er soviel Herr seiner selbst gewesen sei, daß er den zweiten Schuß nicht abgegeben hätte, wenn Müller ihn nicht angegriffen hätte — Der nächste Zeuge, der Kanzlist D e r i s widerlegt die Behauptung, daß Müller „Du kaputt"! gerufen habe. Er hat deutlich gehört, daß Müller rief: „Monsieur, warum hast du meinen Freund erschossen?" und daß Rouzier antwortete: „Worum? Egal. Du auch kaputt!" — Auch der Zeuge Mondel- m a i e r hat diese Worte Müllers und die Antwort Rouziers gehört, worauf die beiden Schüße fielen.
Mi: ter Vernehmung Les Da rtm.te» Börges von Germersheim b ginn der Aufmarsch der fogcnanitien Moralitäts- unb Leumundszeugen, tie nach der Einrichtung der französischen Prozeßordnung zur Beschreibung des Charakters des
Airgeklagten gestattet sind. Der Zeuge betont, Laf) Rouzier bei dem Kriege rvereins- f e st derjenige gewesen sei, der die als Haus- dekorativn angebrachten Fähnchen in den bahr. Farben hcruntergerifsön b.ue. Rouzier bestritt dies nicht, versuchte sich aber, allerdings vergeblich, herauszureden. Gin wei- rer Zeuge erkennt in Rouzier den Täter wieder, der ihn am 10. Juli ohne jeden Grund vom Bürgersteig gestoßen und geschlagen hatte. Rouzier hatte aus diese Anschuldigungen nichts weiter zu erwidern, als daß er von all dem nichts wisse.
Die Quartierwirtin des Rouzier. die Kaus- mannSehefrau P i r r m a n n, stellte Rouzier über sein Benehmen daS denkbar schlechteste Zeugnis aus. Während die Pirrmann an den Dorgängern des Rouziers nichts auszusetzen hatte, sei Rouzier unerträglich gewesen. Er brachte viel ■Unruhe ins Haus, oft Frauen, mitunter mehrere und dazu noch Offiziere. Einmal stellte Die Zeugin Rouzier deshalb zur Rede mit Dem Bemerken. ihr Haus sei kein Bordell. Dann wurde Die Beweisaufnahme geschlossen. Dl? Plädoyers beginnen morgen vormittag. Das Urteil Dürfte erst in den Abendstunden zu erwarten sein.
Verschleuderung deutschen vermögen; in Amerika.
Lcnsationclle Enthüllungen über die Verwaltung deS beschlagnahmten deutschen Eigentums.
ReUyork, 20. De;. (IU.) Die „Reuyork World" veröffentlicht einen sensationellen Bericht über unerhörte Miß Verwaltung und Rie- senoerschleuderung der beschlagnahmten deutschen vermögen. Der Bericht beruht auf dem im Auftrage des Präsidenten Loo- lidge erstatteten mehrbändigen Rapport des G e n e r a I k o n t r o l l e u r s Mac Lari über d e Verwaltung der deutschen vermögen, von dem sich die „Reuyork World" auf Irgendeine Welse ein Exemplar verschosst hat. Bisher verlautete lediglich, daß der Rapport die Verwaltung im allgemeinen einwandfrei befunden habe und nur einige übermäßige Gehälter und Provisionen kritisiere. wie aus dem Artikel der „World" hervor- geht, handelt es sich jedoch um Millionen Dollar und die Enthüllungen dürsten einen Riesenskandal zur Folge haben. Tlad) dem Bericht Mac Laris wurden Millionen und Aberwillionen Dollar aus- gegeben für Anwaltsgebühren sowie für Provisionen an Banken. Gesellscha ken, die angeblich längst liquidiert waren, wurden weiter betrieben. Die vom Kongreß festgesetzte Grenze für die verwaiiungskosten wurde vollständig ignoriert Gewiße Fonds blieben jahrelang in den Händen der Jntereffenten, ohne daß der Versuch gemacht worden wäre, sie rinzuziehen. Die beschlagnahmten wert- papiere wurden an so viele Banken und Gesellschaf- ten verteilt daß eine Kontrolle kaum möglich war. Niedrig bezahlte Beamte erhielten übermäßige Sporteln zugeschanzt. Reglernnqsbeamte benuhten Privatautos aus Kosten der beschlagnahmten vermögen. Mac Larl brachte bas ganze Jahr mit der Ueberprüfunq der Bürfjcr zu. Seine Untersuchung verschlang 200 000 Dollar. Trotzdem Mac Tart behauptet, daß ein weitgehender Mißbrauch nur mit einer verhältnismäßig beschränkten An^ihl von Treuhandsonds beirieben worden sei, führt er weh- rere hundert solcher Fälle an. Der ganze Bericht Mac (Earls wimmelt von Unregelmäßigkeiten, von Vergeudung und Verschleuderungen, welche Seite man auch aufschlagen mag.
3n einer Meldung der „Assoriated Preß" heißt es, der Bericht habe die „ü 6 e I ff e systemotls ch e Ausplünderung enthüllt die Amerika je erlebt fabr". Senator Bo roh kündigt an, daß der Senat nach den Wei" nachlsserien eine genaue U n - t e r f n d) u n g der Angelegenhe t anordnen werde. Der Senat bat bereits den Gedanken einer Unier- fudjuna gebilligt, hat ober noch nicht die nöliqen Geldmittel angewiesen. Senator Borah hat die Ab-


