Ausgabe 
21.10.1926
 
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Erlebnis in -er Rosenstadt.

Von Äarl Demmel.

Gutenberg kam in der Frühe von der Burg des Kurfürsten Adolfs II. von Aassau in Eltville geschritten. Vom Rhein stieg Wassernebel. Die Kirche St. Peter und Paul lud zur Messe. Guten­berg schritt im festlichen Kleid des kurfürstlichen Hofbeamten: verneigte sich ehrerbietigst, wenn er von anderen Bürgern gegrüßt wurde. Aoch war es Zeit zum Beginn der Frühmesse. Der Meister der schwarzen Kunst lustwandelte sorg­losen Sinnes durch die Gassen. Stand dann wie­der eine Weile still und pfiff einem Vogel einen Triller vor, den das Vöglein im Daum sich wundernd beantwortete.

Ernsten Gesichtes unb entblößten Hauptes durchmaß dann Gutenberg eine Weile später das Kirchenportal. Ein Dürgermädchen war vor dem Kircheneingang dem Meister begegnet: schwarz- braun, mit langen Zöpfen und großen Augen, die Wonne bedeuten konnten. Ganz ebenso, wie sie die Maler in den Aiederlanden auf ihren Bildern oft dargestellt hatten.

Gutenberg erschrak leicht im Vorübergehen und setzte sich in der Kirche so, daß er das Mädchen immer vor seinen Augen hatte. Bis dato hatte er das schöne Mädchen noch nie in den Gassen der Rosenstadt gesehen

Einmal wandte das Mädchen den Kopf und hielt für eine kurze Spanne. Zeit den Blick des bärtigen Mannes aus. Gutenberg hatte nicht acht auf das Wort des Priesters: doch kam es ihm auch wieder sündhaft vor, in der Kirche Liebes­spiel treiben zu wollen. Spiel konnte es ja nur sein, da seine Jahre schon gezählt waren Als die Orgel nach der Messe verklang, ging Guten­berg dem Mädchen wieder nach, das aber bald hinter einem vorgebauten Balkengiebel ver­schwunden war. Später, am Aachmittagssest des Fronleichnamstages, erfuhr Gutenberg den Na- men des Mädchen: Iselinde. Aus Dacharach war sie gekommen und weilte zu Besuch bei Verwandten in der Rosenstadt am Rhein

Eiehener Anzeiger (General-Anzeiger für Merhessen)

llr. 247 Dritter Blatt

Die Derwattungsresorm in Frankreich und wir. Don Dr. Külz, Reichsminister des Innern

Soweit die Derwaltungsreform keine Dureaureform, sondern eine Dehördenresorm ver­körpert, ist sie weniger ein Problem ter Ver- waltungstechnik, als vielmehr eine S ach c d e s politischen Willens. Das Problem _ der Verwaltungsreform ist in Deutschland so gründ­lich und umfassend von berufenen und unbe­rufenen Stellen erörtert worben, dal) es als voll erforscht und gellärt betrachtet werden kann. Rein theoretisch gesehen, liegen die Dinge im allgemeinen völlig klar. Aber mit die er theo­retischen Erkenntnis ist nicht das geringste ge- Wonnen, wenn man nicht in den Staaten und in den Gemeinden den Akut aufbnngt, lieb ge­wordenen Gewohnheiten und an sich verständ­lichen Widerständen zum Trotz die Sache praktisch anzu^ssen^n vergleich mit deutschen Verhält­nissen ist es nicht uninteressant, zu sehen, wie jetzt in Frankreich unter dem Druck der Inflationsnöte, die dort auch seit langer Zeit theoretisch nach allen Himmelsrichtungen hin ventilierte Derwaltungsreform in das Stadium der wirklich versuchten Lösung übertritt.

Da ist es zunächst einmal kennzeichnend, daß man, wie bei uns zur Zeit die Steuernotver- ordn'ungen, zur Durchführung den Weg der parlamentarisch sanktionierten und kontrollierten Diktatur in Form des Crmächttgungsgesetzes beschritten hat, wie er durch Artikel 1 des französischen Finanzgesetzes vom 3. August 1923 eröffnet wird. Auch bei uns wird in den Ländern wohl kaum ein anderer Weg denkbar sein, wenn man zu greifbaren Er­gebnissen gelangen will. In Ausnutzungbieser gesetzlichen Ermächtigung sind tief einschneidende Zusammenlegungen der Gerüchte, der Derwal- tungsgerichte und der Verwaltungsbehörden er» g Im allgemeinen hatte bisher jedes Arron­dissement sein Tribunal d'Arrondissernent, sein Gericht erster Instanz. Grundsätzlich hat künftig nur noch jedes Departement in seiner Hauptstadt ein solches Gericht, und nur für be­sonders stark bevölkerte oder räumlich ausge­dehnte Departements sind Sektionen dieser erst­instanzlichen Gerichte zugelassen. Wie gründlich man hier vorgeht, zeigt die ziffernmäßige Wir­kung: Von 359 erstinstanzlichen Gerichten werden 227 ausgehoben. Während bisher jedes Departe­ment sein eigenes Derwaltungsgericht hatte, wer­den künftig diese Conseils de Prefecture über mehrere Departements hinweg zusammengelegt in Coilleils de Prefecture Interdepartementaux, wodurch zwischen 100 bis 200 Stellen gespart werden.

Stark ist auch der Eingriff in die Einteilung der Verwaltungsbezirke. Zwar werden die Arron­dissements nicht völlig abgeschafft, wie das mehr- fach angeregt worden ist, aber durch eine Neu- gliederung der Departements in größere Arron» dissementsbezirke werden mehr als 100 Unter- präsetturen gespart, und durch eine Aenderung der Stellvertretung des Präfekten werden 70 Generalsekretarstellen bei den Präfekturen uber- fllissig.

Außer den im vorstehenden gekennzeichneten Vereinfachungen werden die Militärverwaltung, die Marineverwaltunq und die Polizeiverwaltung von einer ganzen Reihe entbehrlicher Einrich­tungen und Dienstzweige befreit.

Diese französische Verwaltungs­reform würde, frei ins Deutsche über» , eht bei uns etwa bedeuten: Verminderung der Amtsgerichte auf die Hälfte der bisherigen Zahl, Vergrößerung der Landkreis auf das Doppelte ihrer jetzigen Ausdehnung, Wegfall der Regie- rungspräsidien zugunsten der Oberpräsidien. Man stelle sich vor, was in den einzelstaatlichen deut­schen Parlamenten sich ereignen würde, wenn ein Ministerium den Mut zu einer solchen Re­form aufbrächte. Aatürlich wirds auch in Frank­reich nicht ohne Sturm abgehen, aber man muß der französischen Regierung doch die Anerken­nung lass«, daß sie dieses heiße Eisen herzhaft anfaßt. Die kommenden Debatten in der Kammer werden zeigen, inwieweit sie sich dabei die Finger verbrannt hat. Sehr klug hat die französische Re­gierung dabei das schwierige Problem der D e - Handlung der von derVereinfachung

betroffenen 'Beamten gelöst. Die durch die Re'orm ihrer Dienststellen verlustig gehenden Beamten werden bis zu ihrer anbertoeiten Unter­bringung im Staatsdienst bis auf weiteres den Behörden zugete.lt, auf die der Aufgabenkreis ihrer bisherigen Aernter übergeht und bleiben im vollen Genuß ihrer bisherigen Dienstbezüge. Diefe Maßnahmen beeinträch­tigen zunächst die finanziell entlastende Wirkung der Reform, die voll erst auf weite Sicht sich auswirken kann, aber sie geben für unsere Verhältnisse doch wertvolle Fingerzeige. Ent­schließt man sich z. D. in Preußen zur Ab­schaffung der Reg.erungspräsidien, so jft das natürlich nur möglich, wenn man die Zuständig kett der Kommunallörper und kommunalen Verbände ausdehnt und die Oberpräsidien mit dem auch dann nicht entbehrlichen Teil der Funktionen der bisherigen Regierungen belehnt. Das be» toirtt sofort eine starke sachliche und funktionelle Vereinfachung, für eine spätere Zukunft auch eine erhebliche Personalersparnis, für die älebergangs- zeit aber bedingt es einen stärkeren Bedarf an Personal bei Kommunalkörpern und Oberpräsi- dicn, die für diese Zeit, die bei den aufgehobenen Regierungen frei werdenden Kräfte brauchen würden, wo sie dann nach und nach im Wege eines normalen Abganges überflüssig werden würden. , .

Das Kabinett Poincare ist eine die stärksten Parteigegenfäye in sich vereinigende Regierung. Eine reine Parteireaierung würde auch in Frank­reich eine solche Reform nie wagen können. Pomcare und sein Innenminister' haben es ge­wagt und haben sich für diese Reform stark gemacht. Das ganze Kabinett hat der Presse gegenüber erklärt, mit diesem Werk zu stehen oder zu fallen und Poincare hat darüber hinaus verlauten lassen, daß er sich auf Interpellationen über die angeordneten Maßnahmen nicht ein- lassen, sondern für jede einzelne die Vertrauens­frage stellen werde. Wenn in den deutschen Einzelstaaten die Regierungen und die Parla­mente mit der gleichen Energie und Derant- wortungsfreudigkeit Vorgehen, wird auch bei uns eine Derwaltungsreform möglich sein, sonst niemals.

Nur immer langsam voran.

Der französische Kriegsminister P a i n l e v e hat die Dedeutung einer längeren Desprechung mit dem Kommandeur der französischen Rhein- armee vor der französischen Oeffentlichkeit dadurch herabzumindern versucht, daß er erllärt hat, er habe nur das schon vor Monaten besprochene Programm zur Verminderung und Umgruppie­rung der Desahungsgruppen durchgesprochen: von einerüberstürzten" Räumung des besetzten Gebietes könne keine Rede sein. Run ist es schließlich verständlich, wenn gerade der französische Kriegsminister die Armeekreise darüber beruhigt, daß man keine Ueberstürzung zeigen, sondern schön langsam vor­gehen wolle. Man braucht daher nicht gleich aus einer solchen Aeuheruna herauszulesen, was nicht darin steht. Die Entscheidung liegt keines­falls beim Minister Painlevä und der fran­zösischen Heeresleitung, sondern bei ganz anderen Faktoren.

Es war ja von vornherein, in gewissem Sinne als deutsche Gegenleistung, in Aussicht genommen, Frankreich bei feinen Plänen zur Stabilisierung seiner Währung Hilfestellung zu gewähren, und wir haben immer wieder darauf hingewiescn, daß ohne Hilfe Amerikas durchgreifende Maßnahmen in dieser Richtung für Frankreich ausgeschlossen seien. Anfangs hat man sich in Paris gegen diese Erkenntnis ge­sträubt. Ieht hat man eingefehen, daß in der Tat die Unterstützung der Vereinigten Staaten und der amerikanischen Finanzwelt unentbehrlich ist, und nun versucht man die verschiedensten Mittel, um aus der Sackgasse herauszukommen, in die man sich durch Herrn Poincare hat hinein- manöberieren lassen. Irgendwie muh diese Frage gelöst werden. Solange man keinen klaren Weg erkannt hat. behalten diejenigen Oberwasser, die die Fortdauer der Besatzung im Rheinland als Pfand - und Handels­objekt betrachten. In diesem Sinne ist die Aeußerung Painleves auszufassen und zu be­urteilen.

Das alles hindert jedoch nicht daran, daß Deutschland immer von neuem und mit unver-

Am selbigen Tage fügte es auch das Schick­sal. daß der kurfürstliche Hofherr mit den Ver­wandten des Mädchens am Tische saß. Zuweilen scherzte der Meister und war dann wiederum eine halbe Stunde lang ernst und verschlossen. Aeugierig wurde er oft nach seiner Druckerkunst gefragt. Gutenberg neigte sich zu Iselinde hin­über:Wollet Ihr nicht einmal in solch ge­heimnisvolle Werkstatt kommen?"Das soll mir eine große Freude sein, edler Meister."

Gutenberg lächelte zufrieden vor sich hin und sagte:Kommt dann morgen um die neunte Stunde. Wir werden also zum Dechtermünz in die Druckerei gehen, wo ich Euch alles weisen will." Der Tag verging in Fröhlichkeit. Einmal hatte sich Gutenberg auch ein Herz gefaßt und er bat Iselinde zu einem Tanz. Das alte Herz des Meisters hüpste trunkenselig mit ihm auf der Festwiese, gerade ebenso, toie es die Dudelsack­pfeifer haben wollten.

Mit einer heimlichen Hoffnung stand Guten­berg in dieser Iuninacht an feinem Fenster in der kurfürstlichen Burg. Berauschte sich an der Aussprache des Aamens: Iselinde. Setzte sich in den breiten Lederstuhl und hielt Rede mit feinem Gott:So spät schickst du mir noch ein­mal Freude in mein altes Herz? Willst du mir, Gott im Himmel, den Abschied von der Welt noch besonders schwer werden lassen?"

Cs blieb still im Zimmer.

Die Glocke im Wartturm schlug eins. Mond floß über die Rheinwellen, als sich Gutenberg mit einem letzten Blick in die Sternennacht zur Ruhe legte. Am nächsten Morgen hatte der Meister schon eine Weile gewartet, als iselinde mit ihrer Base an das Rathaus kam. Väterlich scherzend schritt Gutenberg neben den beiden her. Gingen dann in die dumpfe Druckerwerkstatt des Dechtermünz. Gutenberg gab auf alle neu­gierigen Fragen redlich Antwort. Iselinde sagte lachend:Das Drucken sieht ja fast so aus. als ob man Wein keltern will."

3a, ein langer Hebelarm muß dazu fein, damit die Fauste die Spindeln perunt erbringen. Adolf, leg mal ein 'Blatt auf diesen Satz.

minderten: Rachdruck die sofortige Räu­mung von Rhein und Saar fordern muh, da diese Frage für uns nicht zum Gegenstand von Fe llchen und Schachern gemacht werden kann. Die Verträge von Locarno sind mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in Kraft getreten und somit bestehl auch nicht mehr der leiseste Grund für eine Fortdauer der Besatzung, die auch durch den Vertrag von Ver­sailles Frankreich nur als Sicherung gegen einen Angriffs- und Rachekrieg Deutschlands zugcftanden worden war. Diese eingebildete Gefahr Frankreichs ist beseitigt und so­mit muß auch die Sicherung dagegen beseitigt wer­den. Es kommt hinzu, daß die Fortdauer der Be­satzung, wie wir gleichfalls stets betont haben, d i e Quelle dauernder Verstimmungen zwischen Frankreich und Deutschland bildet. Wenn in der allernächsten Zeit die interalliierte Rhein­landkommission endlich den weitaus größten Teil der noch vorhandenen und mit Recht so berüchtig­ten Ordonnanzen aufhebt, dann sind wir wie­derum um einen Schritt vorwärts gekommen. Der wichtigste und entscheidenste Schritt jedoch ist die Zurückziehung der Besatz ingstrup- p e n, ohne die von einer wahren Verständigung nicht die Rede fein kann. Also sollte man auch in Paris die Lehre daraus ziehen, daß es nicht mehr heißen darf: immer langsam voran, sondern: f 0 - fort, gänzlich und endgültig!

Oberhesien.

Hanürverker-Tagung in Grünberg.

t Grünberg, 20. Olt. Arn Sonntagnach­mittag tagte hier der Handwerksausschuh des Dezirks Gießen unter dem Vorsitz von Pros. Dr. Krausmüller, Gießen. Die Handwerkskammer hatte drei Vertreter dazu ent­sandt. In eingehender Aussprache beschäftigte man sich mit einer Reihe von dringenden Handwerkerfragen. Allgemein kam dabei zum Ausdruck, daß der Zusammenschluß aller Dezirksverbände zum Zwecke der wirtschaftlichen Kräftigung des Handwerker­standes dringend notwendig sei. und daß eine innige Fühlungnahme der einzelnen Verbände eintreten müsse, um auf diese Weise sich gegenseitig zu befruchten. Ferner wurde die Ansicht vertreten, daß die Verwaltung der Gewerbeschulen wieder an die Gewerb e- vereine übergehen müsse. Zur weiteren Klä­rung dieser Fragen soll Anfang Dezember eine Versammlung sämtlicher Dezirksverbände Ober­hessens in Alsseld stattfinden, später soll auch Verbindung it Starkenburg und Rheinhessen aufgeiwmmen werden.

Nachmittags 4 IHjr begann der allge­meine Handwerkertag, zu dem auch viele auswärtige Handwerksmeister erschienen waren. Nach der Eröffnung durch den 1. Vorsitzenden, Heinrich Schmidt II., Grünberg, sprach der Syn­dikus der Handwerkskammernebenstelle Gießen, Herr Röhr, über zeitgemäße Fragen des Hand­werks, insbesondere über die Buchführung, das Lehrlingswesen, Steuerangelegenheiten usw. Der Vortrag fand reichen Beifall. Man erhofft von ihm eine beachtenswerte Belebung des Hand- werks.

Landkreis Gießen.

# Lich, 20. Ott. Mit dem Abbrennen eines Erinnerungsfeuers, dem Gesang vater­ländischer Lieder und einer der Veranstaltung würdigen Ansprache gedachte am Montag abend eine kleine Schar der Großtaten u nsrer Väter von 1813. Möge der Geist, der unsere Vorfahren vor hundert Iahren be- feelte, in unferm Volke immer mehr an Boden gewinnen.

5 Harbach, 20. Ott. Ein hiesiger Epilep­tiker und Halbblöder entwich zum Gallusmarkt nach Grünberg, wo er sich zwei Tage herumdrückte. Er kehrte aber nicht nach Hause zurück, sondern schloß sich vermut­lich einem der Schausteller oder Zigeuner, die in großer Anzahl da waren, an. Ietzt wurde er polizeilich in 11 fi ngen festgehalten und wieder nach Hause zurückgeholt.

= Beltershain, 20. Ott. Nachdem die Zuteilung in der Feldbereinig ung erfolgt ist, fand mm die Versteigerung der Massengrund st ücke statt. Am Freitag

Der Meister druckte und zeigte dann das mit großen, schwarzen Lettern bestandene Papier.

Iselinde jubelte:Ei, das ist ja Hexenwerk, Meister Gutenberg I"

Bald rnöcht' rnans meinen. Und ist doch so einfach: hätte jeder wissen können, gell?"

Nun müssen wir heim Meister. Die Tante schllt sonst arg. Habet Dank auch für alles, was Ihr uns da zeigtet. Werde in Dacharach er­zählen vom Meister Gutenberg."

Wollt Ihr wieder gen Bacharach?"

Muh schon morgen hin. Gehabt Euch wohl, Meister."

Gutenberg drückte den beiden Mädchen fest die Hand. Sah noch einmal in Iselindes dunkle Augen: sah das heimliche Feuer darin, das einem Manne Seligkeit bedeuten tonnte.

Gutenberg wartete die Stunde ab, als der Reifewagen kam und Iselinde gen Dacharach bringen wollte. Schwermütigen Sinnes ging der Meister durch den Morgen. Dann fuhr das schwere Gefährt hinaus. Iselindes Onkel gab ihr Geleit. Gutenberg stand hinter dem Stadttor von Eltville und wartete, bis der Wagen durch den Dogen fuhr. Es brannte ihm in der Seele, als er Iselinde im Wagen ansichtig wurde: da fuhr seine heimliche Königin. Drach eine Rose vom Gartenzaun des Stadttorwäch-ters und wollie seiner heimlichen Königin diese als Gruß nach­werfen.

Der Wurf ging fehl, die Rose fiel daneben: die Räder glitten erbarmungslos darüber...

Der Kleistpreis 1926.

Der Beauftragte der Kleiststiftung, Dr. Bern­hard Diebold, vertellt den diesjährigen Preis von 1500 Mark in zwei Teilen zu 1000 Mark und zu 500 Mark an die Autoren Alexander Lernet-Holenia für seine dramatischen Ar­beitenOesterreichische Komödie",Ollapvtrida" undDemetrius", Alfred Neumann für den RomanDer Teufel". Eine ehrende Erwähnung fällt auf Maitin Kessel für seine Großstadt- iwvellen und eine GedichtsammlungGebändigte Kurven."

Donnerstag, 21. Moder 1926

wurde zum erstenmal an Ort und Stelle ver­steigert, am Montag zum zweiten Male ohne Vorzeigen der Stücke. Es handelt sich um 72 Morgen Massenstücke. fast nur Ackerland. Die Versteigerung am Freitag ergab 43 033 Mk.. d e am Montag 57 COO Mk. (rund). Die B-träge s nd in 6 einjährigen Raten zu bezahlen, wovon die erste dieses Iahr noch fällig ist. Die gestundeten Ziele sind von diesem Iahre an mit Bankzinsen zu verzinsen. ,

Grünberg, 20. Oft. Ain 27. Oktober sind 2 5 Iahre verflossen, feit unser erster Stadtpfarrer. Dekan Schmidt, seinen Dienst in Grünberg antrat. Er wurde damals als Vikar für Kirchenrat P u l l m a njt hierher berufen und hielt am Sonntklg, 27. Ott. 1901, feine Antrittspredigt. Später wurde er Verwalter der zweiten Pfarrstelle, die ihm am 10. August 1902 endgültig übertragen wurde. Als erster Siadtpsarrer wirkt Dekan Schmidt hier feit 29 Iuni 1912. Nachdem Dekan Rös­chen fein Amt als Dekan niedergel^gt hatte, wurde Pfarrer Schmidt auf dem Dekanatstag in Saasen im Iahre 1925 als sein Nachfolger gewählt.

tOrünberg, 20. Olt. In der Gemeinde­ratssitzung am Montag mußte erneut zu der Frage der SteuerauSschläge, die den Ge­meinderat schon wiederholt beschä tigt hatte, Stel­lung genommen werden. Entsprechend einem neu­erem Vorschläge des Ministeriums, das Hand­werk zu entlasten, und dafür die Sonder- steuer etwas zu erhöhen, setzte der Ge­meinderat die Gewerbesteuer von 2 aus 1.30 bzw. von 10 400 auf 7600 Mk. herab und erhöhte die Sondersteuer von 53,7 auf 63 Pf. bzw. von 20 400 auf 24 000 Mk.

Kreis Friedberg

!?! Friedberg. 20. Ott. Viele Obst­züchter sind zur Zeit mit dem Anlegen von Klebgürteln beschäftigt. Leider wird die Maß­nahme meistens nur von einzelnen durchgemhrt, da viele die große Bedeutung derselben noch nicht kennen. Die Delämpfungsmaßnahme richtet sich gegen den Fro st spanne r, dessen Raupen bei massenhaftem Auftreten die ganze nächst­jährige Obsternte vernichten können.

MSN. Vilbel, 20. DM. Im benachbarten fieibenbergen wurden vor einigen Tagen durch Lehrer Messerschmidt aus fianau Ausgra­bungen vorgenommen. 20 Zentimeter unter der Erdoberfläche kam man auf Grundmauern, die ein Viereck bilden. Die Lage läßt auf die Grundmauern eines römischen Wachtturmes schließen. Weiterhin stieß man auf mächtige Sandsteinplatten. Eine 28 Zentimeter hohe sehr gut erhaltene Urne war zum Teil mit Knochenresten gefüllt. Man dürste also gleichzeitig auch ein Urnengrab gesunden haben.

Kreis Büdingen.

A Nidda, 20. DM. Auf dem Lande werden häufig nicht nur Wirtschaftsgebäude, son­dern auch Wohnhäuser ganz oder zu einem großen Teil aus fiolzfachwerk ausgeführt. Sie wirken aber oft durch ihre Einfachheit nüchtern und lahl auf das Straßenbild. Namentlich gilt dies von vielen im vorigen Jahrhundert errichteten Wohn­häusern in Dörfern, während solcbe aus früheren Jahrhunderten durch ihre künstlerischen fiolzbauten Bewunderung Hervorrufen. Um nun den jetzigen Bauhandwerkern in dieser Hinsicht beratend und anregend zur Seite zu stehen, werden demnächst an der hiesigen Gewerbeschule besondere Kurse für Zimmerleute und Schreiner über Theorie und praktische Ausführung des hölzernen Stock­werks abgehalten, an denen Meister und Gesellen dieser Berufe teilnehmen können.

bs. Ober-Widdersheim, 20. Ott. In einer der letzten Nächte wurden an dem Weg nach Steinheim drei junge wüchsige Obst- bäume von ruchloser Bubenhand gewalt­sam in der Mitte des Stammes abgebro­chen. Die Gendarmerie Hungen hat die Spur ausgenommen, die mit dem Kirchweihfest in Stein­heim im Zusammenhang steht. Hoffentlich ge­lingt es, die Frevler, zu ermitteln, damit eine exemplarische Bestrafung eintreten kann, die hier am Platze ist.

y. Echzell, 20. Oft. Hier wurde gestern der 38 Iahre alte Landwirt Georg I och e in zur letzten Ruhe bestattet. Das Ableben dieses tüchtigen Mannes ruft allgemeine Teil­nahme hervor. Der Verstorbene litt in letzter Zeit an S ch 1 a f l o s i g k e i t und hat wahrschein-

Dernhard Diebold begründet seine Preis­verteilung mit folgenden Worten: Eine Auf­munterungsprämie, wie sie der Kleistpreis dar­stellt, wäre eigentlich nur an jüngste Stürmer und Dränger zu oerteilen. Da aber die meisten unter den sogenannten Jüngsten mir momentan den Menschen zu einteilig und Problemlos auf ein mechanisches oder erotisches Programm ver­pflichten, so suchte ich nach Dichtern, deren Wille auf das Menschenganze zielt. ®erm für die Dich­tung gilt als Stoff die vieldeutige Totalität von Körper, Geist und Seele, wie sie der Denk- spieler Georg Kaiser in feinem Kopfe oder der Fanattker Hans Henny Iahnn aus seinem Blute mischt. Aber Kaiser ist für den Kleistpreis längst zu souverän geworden, und Iahnn wurde 1920 für den späterenRichard" und dieMedca" schon im voraus belohnt. So traf ich auf die stilleren Temperamente Lernet, Neumann und Kessel, von denen der erste 29, der zweite 31 und der dritte L5 Iahre zählt.

Lernet-Holenia verspottet die mensch­liche Kleinheit in seinen Lustspielen, die ich Komödien ohne Worte" nennen möchte, da sie ihr Personal in raffinierter Welle mehr aus der Situation als aus dem sprachlichen Einfall reden lassen. Mit seinen Wiener Spielfiguren macht er das Leben äußerlich zum Schwank und steht durch seine Ironie doch himmelhoch über der Sensation der Schwantautoren. Sein bildhaftes Demetrius-Drama erreicht mit pathe­tischen Mitteln nur zum Teil die starke Realität, die er mit Grazie und Satire in den Komödien erzielte.

Im Gegensatz zu ihm wirtt Alfred Neu­manns Ausdruck weniger im Spiel der Worte als durch die Schwere und Präzision der den­kenden Rede. Seine Dialektik vom Menschen überzeugt uns stärker im Erzählungsstil als in dem szenensicheren ErstlingsdramaDer Patriot".

Sind Lernet und Neumann noch irgendwie romanttsche Erleber und Gestalter, so quält sich der jüngere Kessel in seinen Großstadtgedichten und Novellen um die härteste und gefähr­lichste Gegenwart.