nr. 195 Erster Blatt
176. Jahrgang
Samstag, 21. August 1926
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Eupen und Malmedy.
November 1918. Nach unsäglich opfervollen Rückzugsgefechten auf den blutgctränlien. Schlachtfeldern Nordsrankreichs ist das ungleiche Ringen abgebrochen. In gewaltigen Heeressäulen wälzt sich die deutsche Armee gen Osten durch Belgien, der Grenze zu. Mit Wehmut und doch voller Jubel und «tolz empfängt die Bevölkerung der rheinischen Grenzlande das deutsche Heer, dessen Heldentaten vier Jahre hindurch den Feind vom deutschen Boden ferngehalten haben. Die ersten Ankömmlinge sind für die Rheinländer eine bittere Enttäuschung. Etappenkolonnen mit roten Reoolutionsfahnen auf Autos und Fahrzeugen durcheilen flüchtig die Grenzstädte, schlechte Repräsentanten preußischen Solvatei.geistes, wie ihn die Heimat gewohnt gewesen war. Erst langsam ebbt die rote Flut ab; die ersten Truppen des Feldheeres rücken in alter Ordnung und Disziplin über die Grenze. Als eine der letzten Divisionen, nach schier unerträglichen Tagen des Bahnlch.", es an der Straße Pepinster—Ber- i'iers—Limburg, lassen auch wir endlich die schwarz- gelbrotcn Grcnzpsähle hinter uns. Mit einem Wald von Fahnen in den alten Reichsfarben, mit einer Herzlichkeit und Dankbarkeit, wie wir sie nicht wieder erleben durften, empfängt uns Eupen, die erste Stadt auf deutschem Boden. Nicht anders berichten die Kameraden aus M a l m e d y und den Grenzdörfern d-'s Venns.
Ein bai .:.-j 3a6r später wurde im Artikel 34 c.3 6ei jaulet Vertrage« üie Abtretung dieses selben kerndeutschen Gebietes an Bel- g i e n dekretiert, ohne daß man sich der Mühe unterzog, auch nur den Schein eines Rechtes aufrecht zu erhalten. Mair legte lediglich (Belgien die Verpsücntung auf. während der ersten sechs Monate noch iw Inkrafttreten des Vertrages durch die belgischen Behörden Listen auslegen zu lassen, in denen die Bewohner dieser Gebiete schriftlich den Wunsch aussprechen konnten, ob diese Gebiete ganz oder teilweise unter deutscher Staatshoheit bleiben. Sache der belgischen Negierung werde es sein, das Ergebnis dieser Volksabstimmung zur Kenntnis des Völkerbundes zu bringen, dessen Entscheidung anzunehmen Belgien sich verpflichten mußte. Diese Entscheidung anzunehmen fiel Belgien nicht schwer, denn sie bestätigte ausdrücklich Belgiens Souveränität über die geraubten Gebiete. Die Vollsabstim- mung blieb in der Art, wie sie die belgischen Machthaber vorzunehmen beliebten, eine Farce, so daß nunmehr die Anneftlon zweier deutscher Kreise auch ihr moralisches Mäntelchen bekim. Aber damit nicht genug. Die Grenzsestsehungs- lommission, in der neben sechs Vertretern der alliierten Mächte nur ein einziger deutscher Bevollmächtigter zugelgsscn wurde, sprach im März 1920 auch noch den Kreis M o n s ch a u, soweit er westlich der Bahnlinie Malmedy-Rötgen liegt, Belgien zu. Insgesamt wurden damit 104 000 Hektar deutschen Bodens mit einer Bevölkerung von rund 65 000 Seelen von Deutschland abgetrennt.
Die belgische Geschichtswissenschaft hat den Versuch nicht unterlassen, diesem Machtfpruch der „Großen Vier" eine historische Begründung zu geben. Hiernach wäre Belgien als Rechtsnachfolger des Königreichs der Riederlande zugleich auch der Rechtsnach'olger des mittelalterlichen Burgunds und der kleinen habsburgischen Territorialstaaten zwischen Rhein, Maas und Mosel geworden. Um diese Behauptung zu entkräften, bedarf es nur des Hinweises, daß diese Gebiete seit mehr als tausend Jahren z u m r ömischen Reich deutfcherRation gehört haben, mit Ausnahme der zwanzig Jahre zu Beginn des 19. Jahrhunderts, während der sie unter Napoleons Herrschaft ge'ftanden haben.
Auch volkspolitisch ruhen Belgiens Ansprüche nur auf schwachen Füßen. Unter 25 000 Einwohnern zählte Eupen nur 93. Malmedv unter 37 000 Einwohnern 9000 Wallonen. Der Kreis Eupen ist also rein deutsch, wie die übrigen Rheinlande, während der Kreis Malmedy in der sogenannten „preußischen Wallonie" mit einem Drittel der Bevölkerung Wallonen stark wallonischen Einschlag zeigt. Aber gerade in diesem wallonischen Teil der annektierten Gebiete machte sich, wie neutrale Berichterstatter immer wieder feststellen mußten, ein außerordentlich starkes Gefühl der Zugehörigkeit xum Reich bemerkbar, so daß eine in aller Freiheit vorgenommene Volksabstimmung auch hier einen vollen Sieg der deutschen Sache ergeben haben würde.
Auch wirtschaftlich ist der belgische Standpunkt schwer zu ha ton. Wenn auch diese westlichen Grenzgebiete vor der Reichsgründung nur sehr langsam durch Dahnbau und Schaffung moderner Verkehrswege an das große deutsche Wirtschastsnetz angeschlossen wurden, so hat doch seit 1870 die Textilindustrie Eupens und die Lederindustrie Malmedys den großen deutschen Wirtschaftsaufschwung mitgemacht und sich seitdem vom Export ganz auf den deutschen Inland- markt umgestellt. Das Inkrafttreten der neuen Zollgrenzen und der damit verbundene Abschluß von den bisherigen Absatzgebieten haben über die Wirtschaft der annektierten Gebiete eine schwere Krisis gebracht, zumal da sich auch die Industrie im altbelgischen Gebiet mit allen Mitteln des neuen Konkurrenten zu erwehren suchte. Es bleiben also für die belgische Annektion lediglich machtpolitische und strategische Gründe übrig.
Es konnte nicht ausbleiben, daß in Bel- gien selbst real denkenden Kreisen, nicht nur sozialistischer Prägung, die Erkenntnis von der Sinnlosigkeit des Versailler Machtspruches dämmerte. Schon seit langem hat sich in der belgi- । scheu Presse aller Dichtungen eine Diskussion über I
die Eisenbahnkatastrophe bei Lehrte.
Wieder einmal hat der Tod als Schicksals- Hand auf die Schienen gegriffen und mehr als Zwanzig blühende Menschenleben aus ihrem Wir- lungskreis herausgerisfen. Die Eisenbahnunfälle yäusen sich in letzter Zeit. Wir haben uns schon eine gewisse Technik darin angewöhnt, auch auf das Ungewöhnliche uns einzustellen und, sobald wir nicht beteiligt sind, sofort uns die Frage vorzulegen, wie das kommen konnte. Tluch die Bahnverwaltung hat das ihrige getan. Sie ist jeweils rasch bei der Hand mit der Untersuchung. Die Ingenieure kommen und prüfen. Sie wühlen in den Trümmern, vertiefen sich in die Einzelheiten der Maschine und berichten über daS Ergebnis ihrer Untersuchung. Dann ist meistens leider der Fall abgelegt. Reue Ereignisse peitschen das allgemeine Interesse weiter, das äünglück ist vergessen und wird seelisch liquidiert nur durch die, denen ein sinnloses Walten einen der Liebsten nahm, während die Verwaltung die Erfahrung, die sie in jedem Einzelfall sammelt, künftighin zur Vermeidung ähnlichen Unheils zu verwenden sucht.
Verhindern freilich wird man Eisenbahn- katcistrophcn n i e können. Auch der moderne, in seinem Denken und Fühlen mechanisierte Mensch muß sich daraus einstellen, daß immer irgend- w o eine Lucke bleibt. Wenn ein Gewitterregen den Eisenbahndamm zum'Abrutschen bringt, wenn ein Niet bricht, wenn eine Weiche versagt: niemals tann dar Maschinelle so konstruiert sein, daß es absolut unfehlbar ist. Noch viel weniger der Mensch, auch soweit er nur als Arbeitsmaschine gilt. Auch er ist Stimmungen und Zufällen unterworfen, die unberechenbar sind. Es braucht nicht einmal der Schlag über ihn herzufallen: Lähmungen einzelner Gehirnkomplexe, in ihrem Ausgangspunkt und m ihren Wirkungen ganz unberechenbar, genügen schon, um der Hand des Lokomotivführers ihre Festigkeit zu nehmen und ihn mit seinem Zug ins Verderben zu jagen. Ein gutes Stück Resignation verlangt also die moderne Mechanisierung von jedem Zeitgenossen, genau so wie er wehrlos ist gegen den Ziegel, der auf der Straße ihm auf den Kopf fällt.
Aber im Fall Leiferde scheint es nun noch mehr zu sein, da haben Mensch und Maschine nicht versagt, da haben verbrecherische Hände gewaltet, um den Weg des Rormalen in die Katastrophe zu verkehren. Waren es Kommunisten, die den Terror nutzlos und widersinnig propagieren wollten, waren es Hungernde, die ihren Haß gegen alles Bestehende, gegen die ganze Weltordnung, an Unschuldigen ausliehen? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Wir stehen vor der Tatsache, dah Menschen, Maschinen und aterial den Anforderungen der Höchstgeschwindigkeit gerecht geworden sind, daß dagegen von außen her ein Angriff erfolgte, der absichtlich den Zug zum Entgleisen brachte. In jedem Falle eine aus allem Menschlichen herausgerissene Gedankenkonstruk- tion, die an der Grenze zwischen Wahnsinn und Verbrechen steht, die uns aber gerade in ihrer Gewaltsamkeit furchtbar daran mahnt, daß auch in der besten aller Welten, auf der Höhe den Technik, unser Wissen Stückwerk ist.
Ueberführung
der Opfer nach Lehrte.
Da immer noch nicht feststeht, ob sich zwischen den Trümmern der zusammengedrückten Wagen
noch Leichen befinden, will man jetzt die Wagen auseinanderschweißen, um das Bergungswerk zu vollenden. Die Leichen der Verunglückten sind heute nacht nach Lehrte überführt worden, wo sie in einem provisorisch bergerichteten 2ta*un aufgebafjrt wurden. Mehrere Angehörige der Opfer sind bereits in Lehrte eingetroffen. Die Staatsanwaltschaft hat die Leichen zur Beerdigung frclgegeben. Die bisher als tödlich ver- unglückt gemeldete Julie Gnann aus Dortmund Ecfinbet sich nicht unter den Verunglückten. Es wird versucht, die Persönlichkeit der Verunglückten, die bisher für Frau Gnann gehalten wurde, zu rekognoszieren. Die Angabe, daß sich Frau Winkelmann unter den Verunglückten, befindet, bat sich nicht bestätigt, vielmehr ist Frau Clise Gautier, Berlin-Schöneberg, Wartburgstraße 41, tödlich verunglückt. Die bisher nicht rekognoszierte weibliche Verunglückte hat sich nunmehr feststellen lassen. Es ist dies Fraulein Martha Hoffmeister, Berlin SO 36, Wiener Straße 20. Ebenso ist inzwischen ihr Bräutigam festgestellt worden in« der Persönlichkeit des Wilhelm Winkler, Eharlottenburg. Potsdamer Straße 25.
Auf der Suche nach den Verbrechern.
Berlin, 20. Aug. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei an der Stelle der Eisenbahn- Katastrophe bei Meinersen haben das Ergebnis gehabt, daß die Herkunft der an der Unfall st eile gefundenen Schrauben- schlüssel fest gestellt wurde. Die beiden Schlüssel, die mit den Buchstaben H. K. gezeichnet sind, gehören zum Werkzeugbestand der Firma Heinrich Könnicke, die nicht weit von der Tlnglücksstelle mit einem Drückenbau über die Oker beschäftigt ist. Mehrere Arbeiter, die früher in der Rähe der Unglücksstelle beschäftigt waren, sind im Lause des gestrigen Tages vernommen worden. Der Verdacht richtete sich gegen eine Person, d i e in der Tlnglücksnacht nicht zu Hause war. Cs konnte aber ein einwandfreier Alibibeweis erbracht werden. — Rach einer Meldung des ,.B. T." soll man seit heute früh eine Spur verfolgen, die nach Leiferde führt. Ein früherer Eisenbahnbea.nter soll sich durch Aeuherun- gen verdächtig gemacht haben. Im ganzen genommen ist aber vorderhand rein rechtes Motiv für das Verbrechen, wenn es sich um ein solches handelt, zu erkennen. Auch liegen keine Meldungen über Diebstähle nach der Katastrophe vor.
Der Leiter der hannoverschen Kriminalpolizei sprach sich dahin aus, daß als Motiv der Tat entweder Raub, Rache oder radikalpolitische Einstellungen in Frage kämen. Nach allen diesen ^Richtungen bewegen sich denn auch die umfangreichen. Recherchen.
Laut „Lokalanzeiger" beschäftigte sich der Ver- roaltungsrat d e r Reichsbahn-Gesellschaft eingehend mit dem Eisenbahnunglück bei Meinersen. Die Reichsbahngesellschaft will billigen Schadenersatzansprüchen auch dann nachkommen, wenn für sie eine rechtliche Verpflichtung zum Schadenersatz, wie sie bei Vorliegen höherer Gewalt gegeben ist, nicht besteht.
die Möglichkeit einer Rückgabe der annektierten Kreise Eupen und Malmedy an Deutschland angefponnen, ein Problem, bai man um so ausgiebiger ventilierte, je drückender die finanzielle Krisis auf dem belgischen Wirtschaftskörper lastet. In den letzten Wochen hat man diese Frage gern in Zusammenhang gebracht mit der Forderung nach Aufwertung oder Rückzahlung der aus der Desahungszeit her- rührenden belgischen Markguthaben. Lind nun, vor dem erneuten Zufammentrcten des Völkerbundes zu seiner Septembertagung, verdichten sich die Gerüchte, die bereits von Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Regierungen wissen wollen, als deren Vertrauensmänner man den deutschen Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht und den ehemaligen belgischen Delegierten zur Reparationskommission Delacroix nennen hört. Es ist selbstverständlich, daß vorläufig diese Gerüchte von der Brüsseler Regierung mit großer Regelmäßigkeit dementiert werden, ebenso selbstverständlich ist es auch, daß die französische Presse sie zu einem unerhörten Hehseldzug gegen Deutschland ausbeutet. daS behaupte, seine Dawes-Verpflichtungen nicht erfüllen zu können, gleichzeitig aber zu einem Rückkauf der verlorenen Gebiete bereit sei. Daneben erhält Belgien aus Paris Mahnung über Mahnung, mit einen derartigen Schritt nicht die alliierte Einheitsfront zu durchbrechen und den Friedensvertrag von Versailles, die Grund- des neuen Europas, nicht zu erschüttern.
In England sieht man den Verhandlungen. iDtoeit davon überhaupt schon ernsthaft die Rede sein kann, mit einem gewissen Wohlwollen zu, das einmal der Genugtuung über eine Wkühlung der zeitweise für den britischen Geschmack allzu herzlichen belgisch-französischen Entente entsprangt, zum andern der Aussicht auf eine beschleunigte Sanierung bes belgischen Franken gilt. In Belgien selbst wird es gewiß weite Kreise geben, die im Gegensatz zu den im Augenblick sich am Ruder befindenden Parteien der < Regierung Iaspar-Dandervelde als doktrinäre I
Anhänger des Versailler Vertragswerks sich mit aller Macht gegen einen Verzicht auf die annektierten Gebiete stemmen werden, sicher ist aber auch, dah auch außerhalb der sozialistischen Reihen die Schar derer immer größer wird, die in diesem Punfte wenigstens eine Revision des Versailler Vertrags für notwendig halten, soll jemals das deutsch-belgische Verhältnis eine Bereinigung erfahren. Soll der viel gerühmte und viel geschmähte „Geist von Locarno" auch in Brüssel Einzug halten, so wäre eine Rückgabe Eupen und Malmedys mit seiner in Herz und Sinn kerndeutschen Bevölkerung unter Bedingungen, die für das finanziell gleichfalls schwache Deutschland tragbar sind, das schönste Zeugnis.
Die Pariser Kritik.
Paris 20. Aug. (Sil.) Die Pariser Rechtsblätter setzen ihre Offensive gegen eine c t - toaige Rückgabe von Eupen und Mairn edy an Deutschland fort. Das „Journal" er- klärt, das Verhalten Amerikas in der An- 1 e i h e f r a g e mache es bis zu einem gewissen Grade erklärlich, daß Belgien das deutsche An- gebot in Betracht gezogen habe. Der weitere Verlauf hänge davon ab. ob Belgien darauf rechnen könne, dah der Verfallstermin für die 50-Millionen-Dollar-Anleihe über den 10. September hinaus verlängert werde. Das „Echo de Paris" hält seine Behauptung aufrecht, daß die französische Regierung die Aufmerksamkeit der belgischen Minister Iaspar und Vandervelde auf gewisse Folgen einer Rückgabe von Eupen und MalmedH an Deutchland gelenkt habe. Sicher würde Belgien gegen ein englisches B e t o nichts unternehmen. Bisher habe das Foreign Office allerdings keine Gelegenheit gehabt, ein solches Veto bei Belgien einzulegen. Qlber es scheine, daß Chamberlain sich keineswegs den Verhandlungen Schacht-Delacroix- Francqui geneigt zeige. Daraus könne man schlichen, dah das Unternehmen nicht weiter fortgesetzt werde.
das Auswettungsvostsdetzchren
Reichsinnettminister Dr. Äülz über die
(Gründe der '2lblcl)ninnj.
Berlin, 20. Aug. Zur Ablehnung des Volksbegehrens auf Auswertung schreibt Reichs- Minister des Innern Külz im „Beniner Sajv- blatt" u. a.: Die Ablehnung des Antrages mußte aus zwingenden gesetzlichen Gründen geschehen. Rach Artikel 73 Absatz 1 der Reichsverfassung kann ein Volksenl cheid über den Haushaltsplan nur Dom Reichspräsidenten veranlaßt werden. Der dem Zu- lassungsantrage beigefügk Gesetzentwurf handelt zweifellos über den Haushaltsplan. Der Mi- nister führt bann fort: Niemand verkennt die tiefe Tragik, die darin liegt, dah durch die Inflation H u n d e r 11 a u sc n d e von Den,- schen, die in einem Leben voll Arbeit und Eick- behrungen für ihr Alter ein bescheidenes Kapital zurückgelegt hatten, um den wesentlich st en Teil ihres Vermögens tarnen. Aber wenn 100 Milliarden Rntenkapital durch die u ,'clige von außen her bedingte wirtschaftliche Cn'w-ck- lung aufge,reffen wurden, so kann man diese Milliarden nicht durch einen gesetzgeberischen Akt wiederher stelle ». Wohl kann und muß man den Opfern der Inslalion die denkbar weitestgehende soziale Fürsorge in der Rot zuteil werden lassen, aber verlorenes Kapital kann niemals durch gesetzgeberische Akte, sondern n u r d u r ch die C5> t v 1» schäft selbst rekonstruiert werden. Deswegen sind Art und Maß der Aufwertung letzt n Endes keine Rechtsfragen. sondern Fragen der staatswirtschaftlichen und privat- wirtschaftlichen Möglichkeiten. W:nn inan die die wirtschaftliche Leistungssähigieit ul,.r- steigende Aufwertung gesetzlich einführen wollte, würde man den armen beklagenswerten Opfern der Inflation nicht nur nicht helfen, sondern man würde durch die Vernichtung unserer Wirtschaft und durch eine neue Inflation sie und das ganze Volk wirtschaftlich zerrütten. Die reichsgesetzliche Regelung der Aufwertung muß eine endgültige fein. Ein Wiederaufrocken der Aufwertungsfrage würde die Kreditwückcia- keit und Kreditfähigkeit Deutschlands vernichtend treffen. Je sicherer, schneller und ungestörter sich die deutsche Wirtschaft erholt und Vgr, um so umfangreicher wird auch die soziale Fürsorge für die durch die Inflation in Rot Geratenen sein können.
Ium Tode Mehllchs.
Berli n, 20. Aug. (WTB.) Der Reichs- a r b e i t s m i n i ft e r hat an die Hinterbliebenen des Reichs- und Staatskommissars Mehlich in Dortmund folgende Drahtung geschickt: „Aufs tiefste ergriffen über das tragische Ende Ihres Vaters spreche ich Ihnen und Ihren Geschwistern meine a u f richtig st e Teilnahme aus. Durch seine unermüdliche und erfolgreiche Tätigkeit in schwersten Zeiten und sein unparteiisches und selbstloses Wirken hat sich der so früh Dahingeschiedene bleibende Vei- oienste um das Ruhrgebiet und das Reich erworben und sich unser aller Dank gesichert. Sein Wirken wird unoergessen bleiben. Möge Ihnen der Allmächtige die Kraft verleihen, das schwere Leid zu tragen, das so unvermittelt über Sie und die Ihrigen hereingebrochen ist."
Der Stellvertreter des Reichsmini st ers für d i c besetzten Gebiete, Staatssekretär Dr. Schmid, hat an Fräulein Mehlich folgendes Telegramm gefanc^: „Tief erschüttert von der Nachricht, daß unter den Todesopfern der Eisenbahnkaia- strophe bei Hannover sich auch Ihr Vater befindet, spreche ich Ihnen und allen übrigen Familienangehörigen mein aufrichtigstes Beileid aus. Die hin- gebungsvolle Arbeit, die der Heimgegangene in den letzten Jahren, besonders aber mäh- renb der schweren Zeit von 1 923. die unsere deutschen Brüder und Schwestern am Rhein und an der Ruhr durchleben mußten, für unser Vaterland geleistet hat, wird ihm in der Geschichte unseres Volkes einen Ehrenplatz sichern. Auch ich werde ihm für alle Zeiten ein treues Gedenken bewahren."
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Mit Mehlich, der erst im Alter von 44 Jahren stand, ist ein Mann dahingegangen, der sich aus sozialem und wirtschaftlichem Gebiet hohe Verdienste erworben hat. Seit 1919 war er Mitarbeiter des damaligen Reichs- und Staatskommissars S e bering, dessen Nachfolger er 1920 wurde. Die Nachwirkungen der Unruhen des Jahres 1919, die immer bedrohlicheren wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellten an ihn, dem vor allem die S ch l i ch't u n g von Lohnstreitigkeiten oblag, außergewöhnliche Anforderungen. Schwerste Tage brachte ihm im Jahre 1923 die Besetzung des Ruhrgebietes. Weit über fein engeres Fachgebiet hinaus hat er damals dem Wohl und den Rechten der von fremder Gewalt bedrückten Ruhrbevölkerung wie der gemeinsamen deutschen Sache aufopfernd gedient. Durch die Lauterkeit seines Charakters und durch feine Unparteilichkeit und restlose Hingabe an seine verantwortungsvolle Aufgaben bat er bis zu feinem Tode in seltsamem Maße dasVertrauen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer genossen und den Arbeitsfrieden auch unter den schwierigsten Verhältnissen zu erhalten vermocht. Es ist ein tragisches Schicksal, bas ihn auf der Heimfahrt von einer dienstlichen Besprechung in Berlin so früh aus seinem erfolgreichen Wirken herausriß. Sein Name wird in der Geschichte des Ruhrgebiets und der deutschen Sozialpolitik ehrenvoll fortlebcn.


