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Nr. (68 Erstes Blatt

(76. Jahrgang

Mittwoch, 2(. Juli (926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriol; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein: für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

Um das Reichsehrenmal.

Eine Kundgebung rheinischer Kreise.

Koblenz, 21.3uli. (Täl.) Gestern nach­mittag sand unter Leitung des Oberbürgermeisters Dr. Rüssel eine große Kundgebung für das Reichsehrenmal am Rhein statt. Vertreten waren der Oberpräsident der Rheinproviaz Dr. Fuchs, Landeshauptmann Dr. Horion, dieRegierungs- präsidenten von Koblenz, Wiesbaden und Köln, der Reichskommissar für die besetzten Gebiete Freiherr Langwerth von Simmern, die Abgeordneten des Reichs- und Landtags für die Wahlbezirke Hessen-Rassau, Koblenz, Trier und Köln, die Spihenverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die Handwerkskammer, Vertreter der Wissenschaft, darunter der Llniverfitäten Köln und Donn, der Landwirtschaftlichen Hochschule Bonn-Poppelsdorf und der Technischen Hochschule Aachen sowie die Landräte und Bürgermeister von Mainz bis Köln. Professor Dr. Schulte- Dorrn hielt einen kurzen Vortrag. Das Ehrenmal feile dem deutschen Volke von heute und den späteren Geschlechtern verkünden, daß das ge­schlagene. verarmte und bedrückte Reich doch die Mittel ausbrachte, den Taten der Gefallenen tiefe Dankbarkeit zu bezeugen. Das Ehrenmal dürfe nicht auf einem entlegenen Berge oder in einem Heiligen Hain sich erheben, der im Winter kaum besucht werde. Es gehöre dorthin, w o Tausende jahraus und jahrein es be­suchen könnte n.

Landeshauptmann Dr. Horion wehrte sich entschieden gegen das Verhalten des Reichs- innenminifters Dr. Külz, der es nicht für nötig gefunden habe, eine eingehende Besichtigung der rheinischen Ehrenm«l-lätze vorzunehmen. Zum Schluß der Kundgebung fand folgende Ent­schließung einstimmige Annahme:Das Rheinland gibt seiner bitteren Enttäuschung über die Behandlung der Angelegenheit des Reichs­ehrenmals AuÄwuck. Einnrütig und eindringlich verlangt es ein Ehrenmal an dem Rhein. Dabei läßt es sich allein von der lleberzeugung und der geschichtlichen Tatsache leiten, daß der Rhein einer der bedeutendsten kulturellen und politischen Brennpunkte und daswahreHerz Deutsch­lands ist. Um den Rhein haben die Besten der Ration den Heldentod erlitten. Die Errichtung des Reichsehrenmals an einem nn wesentlichen geographisch ermittelten Platz würde eineVer- kennung der nationalen und inner- politischen Bedeutung des deutschen Rhein stromes bleuten. Dagegen würde ein Denk-.nal an der größten Verkehrs strecke Deutsch­lands am besten das Andenken an unsere Helden im ganzen deutschen Volk lebendig erhalten. Wir sind überzeugt, daß eine ruhige und vorurteils­lose Prüfung durch das deutsche Voll nur zu dem Ergebnis führen kann: Das Reichsehrenmal ge­hört an den Rhein!"

Ein Dermittlungsvorschlag.

Berlin, 21. Juli. Angesichts des Streites um die Stätte für das Reichsehrenmal erinnert die Voss. Zig." an den ursprünglichen Vorschlag des Reichspräsidenten von Hinden­burg, das Reichsehrenmal in Berlin zu er­richten. Es sei das beste, in der Hauptstadt des Landes das Erinnerungszeichen an die Gefallenen des Weltkrieges zu errichten, wo es allen Volks­genossen leicht zugänglich sei.

Die landwirtschaftliche Professur in Gießen. Eine dentschnationale Anfrage im Landtag.

Darmstadt, 20. Juli. Abg. Dr. Werner und die Fraktion der Deutschnationalen V o l k s p a r t e i haben wegen der Reubesehung der landwirtschaftlichen Professur an der Uni­versität Gießen eine Anfrage an die Regierung im Hessischen Landtag eingebracht. Es wird an- gefragt:

1. Oft es richtig, daß die Universität Gießen für den freigewordenen Landwirtschaftlichen Lehr­stuhl drei wissenschaftlich durchaus geeignete Herren bei der Hessischen Regierung zur Aus­wahl vorgeschlagen hat?

2. Trifft es zu, daß das Landesamt für das Bildungswesen, wie im Falle Goldstein, das althergebrachte, allein maßgebliche, allein Frei­heit und Höhenlage der Wissenschaft sichernde Vorschlagsrecht der Fakultäten und des Senats mißachtete und sich bei eigenem Suchen nach ihm geeignet erscheinenden Kräften mehrere, zum Teil höchst interessante Ab­sagen holte?

3. 3ft es weiter zutreffend, daß das genannte Lanbesamt am Ende einen Dozenten deut­schen Ranrens aus Rumänien berief, den die Gießener Universität schon um deswillen ablehnen muß, weil sie von ihm weder Lebens­lauf noch Lerngang kennt?

4. 3st schließlich das Unglaubliche wahr, daß jener gegen den einmütigen Widerstand der Universität ernannte Dozent zur Erreichung wissenschaftlicher Vollreife und Vollverwendbar­keit noch längere Zeit a u f Staatskosten aus der landwirtschaftlichen Hochschule zu Hohenheim ausgebildet werden soll?

5. Wie gedenkt die Regierung, bejahenden­falls, ihr Verhalten zu rechtfertigen?

3m Zeichen des Frankensturzes.

Herriot ist der Mann der großen Gesten. Wie er am 17. 3uli in der Kammer aufstand, um die Demokratie vor der Diktatur zu retten, so rief er am 20.3uli die Franzosen zur Verteidigung des Franken auf. Es ist aber etwas Eigenes um die Rettung der Demokratie durch eine Regierung, die sich selbst für die Verteidigung des Franken die tragfähige Mehrheit überhaupt erst zu­sammensuchen muß. Was hinterher über die dramattschen Vorgänge in der Kammersit­zung vom 17. 3uli bekannt geworden ist, beweist zunächst einmal, daß nicht Herriot, sondern Tar- dieu die Regierung BriandCaillau? gestürzt hat. Als Tardieu auS dem Dunkel der Vergessen­heit eine alte Flugschrift Caillaux. wieder her­vorzog, trug er Unruhe und Verwirrung selbst in die Parteigruppen, die Eaillaux vielleicht doch noch unterstützt hätten. So ist Herriot reich­lich unverhofft zur Führung der Regierung be­rufen worden, für die er in diesem Falle nichts, ganz sicher aber keinen festen Plan und feinen unbeugsamen Willen mit brachte.

Es ist doch ein etwas magerer Ersah, die Franzosen zur Verteidigung des Franken auf- zurusen, was sie nach Gefallen und Gemüts- stimmung so auslegen können, daß sie die An­nahme von Papierfranken verweigern oder sie aber mit vollen Händen zum Fenster hinaus­werfen. Den Franken zu verteidigen, das ist doch eigentlich die Aufgabe der Regierung. Was soll der einfache 3aques Proudhomme dazu tun? Er hat fleißig kurz- und langfristige Schatzscheine gekauft, die heute um drei oder vier Fünftel entwertet sind. Er wird sie vielleicht behalten, in der Hoffnung auf den Segen, den ihm nach­einander alle Regierungen und Parteigruppen versprochen haben. Sockst kann der Durchschnitts­franzose wirklich nichts dazu tun, denn er ist es nicht, der die Finanzpolitik der Regierung bestimmt, der die Wechselkurse macht oder sich um den Außenhandel sorgt.

Eaillaux glaubte, mit gewissen Dehelfs- mitieln durchdringen zu können. Er wollte sogar die Einkommensteuer abbauen, um einige Ver­brauchssteuern und Monopole um so schärfer anzuziehen. Von Herriot ist einstwellen nicht bekannt, wie er es anfangen will, den Ausgleich im Haushalt herzustellen. 3mmerhin ist es ein Fingerzeig, daß er seine Regierung so geblldet hat, daß die Sozialisten nicht sofort in das Lager der Gegner übergehen. Aber dann muh Herriot sich zu dem bekennen, die die Sozialisten seit 3ahr und Tag unablässig als das einzige brauch­bare Mittel bezeichnen, um den Frankenkurs zu befestigen. Dies Mittel ist die Kapital­abgabe, also die berüchtigteErfassung der Sachwerte", die wir auf dem Leidens­weg der Mark auch haben lennengelernt 3n dieser Kammer ist jedoch keine Mehrheit für die Kapitalabgabe vorhanden, die ja. wie Eail- laux einmal hervorhob, nur die Sparer und Rentner treffen würde, nicht aber das mächtige Finanzkapital, das sich aus dem Franken in den Pfunde und Dollars geflüchtet hat. Schließlich, die Kapitalabgabe würde nicht einmal vorüber­gehend Abhilfe schaffen. Der Fehlbetrag im Haus­halt ließe sich dadurch nicht verstopfen. Oder will Herriot morgen einen neuen Aufruf ver­öffentlichen, um die Franzosen darauf aufmerk­sam zu machen, daß der Imperialismus Geld kostet, das zu seinem Unterhalt Steuern. Steuern und nochmals Steuern erforderlich sind?

Das wird Herriot nicht tun. Der Franken­kurs ist ihm unter den Härchen weggelaufen. Run muß er wissen, wie viel er braucht, um den Fehlbetrag abzugleichen, der mit jeder Kursver­schlechterung des Franken größer wird. Gewiß, hoffnungslos ist die Lage nicht, denn selbst ein Pfundkurs von 250 Papierfranken braucht nach den währungspolitischen Erfahrungen, die feit 1919 in Europa reichlich gesammelt worden sind, nichts Schreckhaftes zu haben. Vorausgesetzt, daß eine Regierung den Mut findet, nicht nur Steu­ern zu fordern, sondern sie auch zu erheben. Und da hierzu die Zustimmung der Kammer not­wendig ist, die aus Parteien und Abgeordneten besteht, so ist daran mit Recht zu zweifeln. Eall- lauf kannte den Widerstand, den ihm die Kam­mer entgegensetzen würde, lveshalb er sie mit diesen heiklen Dingen gar nicht erst befassen wollte. Herriot m u ß es nach seiner großen Geste vom 17. 3uli tun, weil er sich sonst eines Der- brechens an der Majestät des selbstherrlichen Volkes schuldig machen würde.

Als Poincare in den Maiwahlen von 1924 geschlagen wurde, geschah daS ja in der Hauptsache, weil seine pol tischen Gegner die Folgen der Finanzpolitik Poincares in den schwärzesten Farben schilderten. 3n Deutsch­land hat sich die Legende festsehen können, als ob Poincare wegen des Ruhreinbruchs den Ab­sagebrief der französischen Wähler erhalten hätte. Das heißt die Dinge auf den Kopf stellen. Herriot konnte Poincare werfen, konnte sogar ein 3ahr lang Ministerpräsident sein. Aber Ord­nung in Frankreichs Finanzen hat er nicht schaffen können, weil es ihm an Mut gebrach, von den Franzosen Steuern und nochmals Steuern zu verlangen. Ob er diesen Mut inzwischen hin­zugelernt hat, muh sich bald zeigen. Es ist etwas viel auf einmal, was er den 'Franzosen zur Der- tetbigung des Franken zumutet Soll alles aus eigener Kraft geschehen, sollen Auslandskredite ebenso abgelehnt tr-erben wie der Vollzug des Schuldenabkommens von Washington, dann wird 3agues Proudhomme tief, sehr tief in den Spar­

strumpf greifen müssen. Auch das wird nicht von heute auf morgen möglich Jein. Cs gehört eben mit zur 3nflation, daß sich ihre Gefahr durch große Gesten allein nicht bannen läßt.

vor -er Regierungserklärung.

Paris, 21. Juli. (WIB.) Der Kabinettsrat Hal unter dem Vorsitz herriots fast den ganzen Dienstag beraten. Am Abend wurde folgendes Kommunique ausgegeben: Der Kabinettsrat hat die A u s a r b e i - tung der Regierungserklärung fortge­setzt, die Mittwoch nachmittag 5 Uhr dem Parla­ment verlesen wird und hat sich mit den sofort einzubringenden Gesetzentwürfen beschäfttgt. (Ein neuer Kabinettsrat wird Mittwoch nachmittags 2 Uhr und ein 2H i n i ft c r r a t 4_30 Uhr im Elyfö stattfinden. Die Tatsache, daß das Ministerium her­riot bereits heule nachmittag vor die Kammer tritt, ist in politischen Kreisen viel erörtert worden. Man sicht darin den Wunsch der Regierung, unverzüglich den Schwierigkeiten des Schatzamtes zu begegnen. Die Regierungserklärung wird in der Hauptsache sich mit der Finanzlage befassen. Für die Bekämpfung der Währungskrise werden zur Debatte gestellt: Auswärtige Kredite, Einsetzung des Goldbestandes der Bank von Frankreich, Konsolidierung und Mo­ratorium. Die Regierung wird für die Konsolidie­rung und das Moratorium eintreten, herriot wird unter Stellung der Bertrauensfrage die Entscheidung der Kammer noch für heute abend fordern. Es lie­gen breite sechs Interpellationen vor, von denen sich vier auf die allgemeine Politik der neuen Regierung beziehen und zwei auf die Erhöhung des Brotpreises

In den Wandelgängen der Kammer herrschte reges Leben. Die allgemeine Auffassung ist nach wie vor äußerst pessimistisch. Am bedenklichsten ist wohl, daß Herriot innerhalb der eigenen Gruppe der stärksten Opposition begegnet. Die radikalsozialistische Gruppe, die mit dem Innen- Minister Chautemps verhandelte, konnte es trotz langer Debatte nicht über sich bringen, Herriot das Vertrauen auszusprechen. Es ist bezeichnend für die Stimmung in der Gruppe, daß sie sich über ihre Stellungnahme zum Kabinett, in dem doch mehrere Radikalsozialisten vertreten sind, nicht vor Kennt­nisnahme der Regierungserklärung schlüssig werden will. Zu der Uneinigkeit bei den Radikalsozialisten kommt die unentschlossene Haltung der Sozialisten. Lson Blum mußte wegen der übereilten Zusicherung der Unterstützung für Her­riot schwere Vorhaltungen über sich ergehen lassen. Diele radikalsozialistische Abgeordnete sind gewillt, sich nicht mit einem Kabinett Herriot abzufinden, tfranflin Bouillon und vrschiedene Parlamentarier der Rechten haben eine P.e tition abgefaßt, die dem Präsidenten der Republik unterbreitet werden soll. In ihr wird dringend die Bildung eines nationalen Kabinetts gefordert. Herriot erblickt in diesem Schritt eine schwere persönliche Kränkung. Der Abgeordnete M o r i n e a u (Radikal­sozialist) hatte in der Kammer einen Antrag herum­gehen lassen, in dem die Bildung eines parla­mentarischen Ucberwachungsausschus- s e s gefordert wird, dem Senatoren und Abgeord­nete angehören sollen. Er soll dauernd tagen und das Kabinett namentlich während der Ferien ständig überwachen. Der Antrag wurde innerhalb einer Stunde von 240 Abgeordneten unterzeichnet und wird morgen dem Präsidenten der Republik zuge­stellt werden.

Meinungsverschiedenheiten im Kabinett.

Paris, 21. 3uli. ($11.) Es wird bekannt, daß es in dem gestrigen Kabinettsrat zu stür­mischen Auseinandersetzungen und starken Mei- nungsverschiedeicheiten gekommen ist. Die Pariser Abendpresse verkündigte in Sonderausgaben die sensationelle Rachricht, daß de M o n z i e wegen der Widerstände, die sich gegen sein Finanzpro­gramm ergeben, seinen Austritt aus dem Kabinett erklärte und erst nach längerem Zu­reden Herriots von diesem Beschluß wieder ab­zubringen war. Der Minister des Innern, Chautemps, erklärte heute morgen die Ge­rüchte von einer bevorstehenden Demission der Minister de Monzie und Dariac sowie von einem angeblich geplanten Attentat auf den Ministerpräsidenten Herri ot sür un­begründet. Herriot werde heute vormittag mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich eine Unterredung haben. De Monzie hätte die ganze Rächt an der Fertigstellung der Finanz- pläne gearbeitet. Die heikle Lags fordere ent­schiedene Maßnahmen, zu denen die Regierung entschlossen sei.

Eine schlechte Presse für Herriot.

Paris, 20. Juli. (WB.) Das Ministerium Herriot wird vomTemps einllebergangs- Ministerium genannt. 3n dem Augenblick, in dem das öffentliche 3nteresse ein Mini­sterium der nationalen Einheit for­dere, habe Herriot ein Ministerium kartellisti- icher Interessen gebildet. Roch schärfer urteilt dasJournal des Debats". Es schreibt, der Skandal sei begangen. Man habe nicht daran glauben wollen: man habe jedoch Unrecht ge­habt. Die ganze Ration werde mit Er­staunen, Beunruhigung und Empö­rung vernehmen, daß in einem so ernsten

Augenblick alles, was die össentliche Gewalt und daS Regime habe hervorbringen tonnen, ein Ministerium Herriot sei. Das sei ganz und gar das Gegenteil dessen, was der gesunde Men­schenverstand gefordert und das öffentliche Inter­esse erheischt habe.

Der3ntranfigcant" teilt mit, daß das Experiment Herriots größere Aussicht habe, als das vorhergehende. Das öffentliche Wohl beruhe nur auf dem Einvernehmen eines ganzen Volkes. Das würde eines Tages der Fall sein, voraus­gesetzt, daß es nicht zu spät fein werde.

Selbst der radikaleParis s»ü" macht starke Reserven. Er sagt: Wir haben ein Ministerium: daß wir eine Regierung haben, muh seine Handlungen uns beweisen. Das Blatt steift im übrigen fest, daß unter den gegebenen Umstän­den, was immer auch zur Durchführung der Fi- nanzfanierung vorgeschlagen werde, diese so ge­artet sein müsse, daß man rasch handele. Der Knanzminister de Monzie besitze eine große Geschmeidigkeit und eine seltene Intelligenz. Wenn er nun eine Politik unmittelbarer Durch­führung gewählt haben würde, müsse man er­warten, daß er, was immer auch kommen möge, daraus bestehe: unter allen Umständen stabilisieren! Hierum drehe sich alles.

Nervosität in Paris.

Paris, 20. Juli. (TU.) Der Franken ist weiter gefallen. Auf der Börse kam es heute wieder zu aufregenden Szenen. Das Publikum hat in der Hauptsache französische Aktienwerte aufgekauft. Der Andrang zur Börse war so groß, daß die Polizei eingreifen mußte. Auch die Menge, die vor den Aushängeschildern Die Börsenkurse verfolgte, wurde von der Polizei zum Weitergehen gezwungen. Die Regierung beabsichtigt, den öffentlichen Anschlag der Devisenkurse zu verbieten. Die Pariser Warenbörse hat beschlossen, wegen der Lage Des Devisenmarktes vorläufig keine Warennotierungen mehr bekannt zu ge­ben. Der Verband der Seidenfabrikanten von Lyon hat ein Telegramm an die Präsidenten des Senats und der Kammer sowie an die Finanz- und Wirtschaftskommissionen der beiden Häuser gesandt, in dem der Befürchtung Ausdruck ver­liehen wird, daß zahlreiche Seidenfabrikanten wegen der Frankenbaisse ihre Betriebe einstellen müßten.

Die mit dem Frcmkenslur; zusammenhängende Preissteigerung ruft in der Bevölkerung starke

Erregung hervor.

Es ist bereite zu Ausschreitungen gegen Ausländer gekommen. An Fremde wird in verschiedenen Geschäften nicht mehr verlauft. Vor den Vergnügungsstätten des Montmartre, die von zahlreichen Holländern und Ameri­kanern besucht werden, ist es zu einer großen Kundgebung gekommen. Einige Amerikaner mach­ten abfällige Bemerkungen über den Franlen- sturz und wurden von Franzosen zur Rede gestellt, woraus es zu einer Schlägerei kam. Die Polizei muhte einschreiten. Es wurden meh­rere Verhaftungen vorgenommen. Verschiedene Zeitungen beabsichtigen, die Ramen der Kaffee­hausbesitzer, die eine würdelose Haltung zeigen, zu veröffentlichen. In einem Stadtviertel haben die Kafseehausbesiher die Bezahlung mit französischem Geld verweigert und ihre Landsleute einfach aus dem Lokal gewiesen. Sie sollen jetzt Der Volksjustiz überliefert wer­den. Auf den Straßenbahnen und Omnibussen macht sich eine starke Gereiztheit gegen die nicht französisch Sprechenden bemerkbar.

Die Lage des Schatzamtes hat sich derart ver­schlechtert, daß allgemein eine neue Aufgabe von 2 Milliarden als unumgänglich bezeichnet wird, um den Verfalltag Des 1. August, an dem große Zahlungen fällig find, zu überwinden.

An zahlreichen Banken bildeten sich Ansamm­lungen, die von der Polizei zerstreut werden muß- ten. Erschwert wurde die Lage auch durch den An­drang der Besitzer der Bonds der nationalen Ver­teidigung, die die Kassen geradezu (türmten'. Dieser Ansturm der Anleihebesitzer veranlaßte (tail« laux, einen Schritt beim Präsidenten der Re­publik zu unternehmen, um ihn darauf hinzuwei- sen, die Panik der Anleihebesitzer zu bekämpfen. Mit Rücksicht auf die gewaltige Erregung der Be­völkerung und das Steigen der Devisen hat die französische Postoerwaltung die Durchgabe der Devisenkurse durch den Rundfunk bis auf wei­teres verboten.

Die Krifis des Parlaments.

(Don unserem Pariser WS-Korresponilenlen.)

Paris, den 19. Juli 1926.

Ob ein französisches Kabinett mehr oder weniger von der Kammer gestürzt wird o .c. nicht: das bleibt fast gleichgültig. Denn Frankreich hat ohnehin einen in der ganzen Welt einzig da­stehenden Rekord an Ministerverbrauch ausge­stellt, indem es seit Ende März 1924 bis heute bereits acht Kabinette verbrauchte. Richt gleich­gültig aber bleibt das Land der viel wicht geren Frage gegenüber: Was soll nun eigentlich wer­den? Wie sott die letzte Finanzkatastrophe uni) der völlige wirtschaftliche Zusammenorua- des Landes denn überhaupt noch angewandt werden?

Wer sich im La,rde selbst auch nur_ ganz wenig umhört, wird > sehr bald fesptellen können, mit welcher Beunruhigung, ja direkter Angst,