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Samstag, 2). November (926

(76. Jahrgang

Nr. 272 Erstes Blatt

tr|d)etnl täghd),aufe« Sonntags und Feiertag».

Beilagen;

Vietzener Familiendlätter Heimat im Bild Die Scholle

fflonats=Eejugs$reH:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig f&r Träger, lohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernfprechans chlüfse: 51, 54 und 112.

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Chefredakteur;

Dr Fnedr Wilh Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchrin; für den An­zeigenteil i. Dertr. H.Deck, fämtlich in (Biegen.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrrS vnd Verlag: vriihl'sche Univerfttülr-Vuch- uni) Steinöruderei R. Lange in Sietzen. Schriftleitung und Geschäftsstelle! Schulftrahe 7.

Der Wahlsieg in Oderschlesien.

Wenn auch die amtlichen polnischen Stellen vlleS versuchen, die Wahlergebnisse in Ober- schlesien zu verfälschen, so läßt sich die Wahrheit doch nichst verheimlichen, wie ja auch Korsanth selbst bereits öffentlich festgestellt hat, dah die polnische Sache eine schmähliche Rieder- l a a e erlitten hat. Rach den neueren Zusammen­stellungen haben in dem angeblich rein polnischen Oberschlesien mit dieser Degründrmg ist es seinerzeit auch Deutschland geraubt worden 165 000 Personen für die deutschen und nur 132 000 für die polnischen Listen gestimmt. 3n Kattowitz stehen 34 deutschen Mandaten 26 pol­nische gegenüber, in Königshütte ist das Ver­hältnis 38: 12. Die Bedeutung dieses Abstim- nrungSergebnissLS läßt sich erst ermessen, wenn man berücksichtigt, dah während der Volksab­stimmung '1921 viele Zehntausende in das Ge­biet kamen, um lediglich ihre Stimme abzugeben und dann wieder zurückzukehren, dah nach der Lvsreißung Zehnlausende von Deutschen a u s- gewiesen wurden oder über die Grenze hin­überwechselten, während gleichzeitig aus dem deut­schen Oberschlesien viele Polen hinüber­gingen und ebenso Tausende von Kongrehpolen nach Oberschlesien hineingeschickt wurden. Trotz­dem haben rein polnische Gemeinden für die deutschen Listen gesttmmt, haben 165 000 Oktoberschlesier sich für die deutsche Sache Bekannt. Wird der Völkerbund auf diese Antwort, die ihm tae Oberschlesier für sein Fehl­urteil erteilt haben, reagieren und die oberschle­sische Frage noch einmal aufrollen? Sollte er sich in verlegenes Schweigen hüllen, dann dürsten wohl von deutscher Seite entsprechende Schritte nicht aus sich warten lassen.

Der oberschlesische lvojwode über das Wahlergebnis.

Warschau, 20. Rov. (TU.) Ein Mit­arbeiter der Telegraphen-älnion hatte am Frei­tag eine Unterredung mit dem ober- schlesischen Wojwoden Garzinski über den Ausgang der polnischen Wahlen. Der Woj- wode stellte einleitend fest, dah alle Gerüchte über eine Annullierung der Wahlen falsch seien. Die polnische Regierung sei der Ansicht, dah die Wahlen ordnungsgemäß ver­lausen seien und den wahren Willen der De- völlerung zum Ausdruck gebracht hätten. Die polnische Regierung werde von dem Wahlergeb­nis nur lernen. Die Ergebnisse seien übrigens nicht so tragisch zu nehmen, wie es von der Presse dargestellt wurde. Allerdings könne man nicht von einem Siege der Polen sprechen. Die Riederlage sei jedoch nicht so schwer. Garzinski versicherte, daß er den Ausgang der Wahlen vorausgesehen hätte und rechtzeitig eine Verschiebung vorgeschlagen habe. Die Ehrist- lich-Demokraten, die Sozialdemokraten und die nationalen Arbeiterparteien hätten diesen Vor­schlag abgelehnt. Den Sieg der Deutschen be­gründete Garzinski folgendermaßen:

1. Die polnische Verwaltung habe sehr viele Fehler. Ihre Sache wäre es gewesen, die Lei­tungen der Fabriken und Gruben in Oberschlesien zu polonisieren. Das sei aber bis zuletzt unterlassen worden.

2. Die polnischen Aufsichtsratsmitglieder in den deutschen Unternehmungen, wie z. D. K o r - fantt), seien vollkommen unbeholfen und hätten absolut keinen Einfluß auf die Leitungen. Die deutschen professionellen Verbände seien finanziell besser gestellt und konnten ihren Mit­gliedern mehr Vorteile bieten als die polnischen. DanzigsFinanzsanierung

Eine reichsdeutsche Anleihe. Notopfer der Beamten.

Danzig, 19. Nov. (TU.) Wie nunmehr fest- steht, wird die freie Stadt Danzig die zur Sanie­rung ihrer Finanzen notwendige Anleihe durch ein reichsdeutsches Grohbankenkonsor- tium unterbringen und damit endgültig den Plan, auf Empfehlung des Völkerbundes eine solche An­leihe im nichtdeutschen Auslands aufzu­nehmen, fallen lassen. Die Anleihe soll 25 Millionen Mark betragen und durch die Einnahmen aus dem Tabakmonopol gesichert werden. Eine lieber- nähme des Tabakmonopols in die Regie des reichs­deutschen Konsortiums kommt nicht in Betracht. In der heutigen Sitzung setzten die Sozialdemokraten und Kommunisten ihre Obstruktion gegen das Ermächtigungsgesetz für Öen ä e - n a t fort. Der Präsident sah sich infolge des ohren» betäubenden Lärms gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Jn^der zweiten Sitzung verteidigte Senatspräsident S a h m das Ermächtigungsgesetz. Die Finanzierung sei notwendig, und Eile sei ge­boten, da das Finanzkomitee des Völkerbundes am 2. Dezember in Genf zusammentrete. Bis zu diesem Zeitpunkt soll der Senat die Finanzreform b e - endet haben. Die Handhabe dafür sei das Er­mächtigungsgesetz.

Der Scamtenbunb im Gebiet der freien Stadt Danzig hat sich mit einer Kürzung der Gehälter in der Gesamthöhe von 2,8 Millionen Danziger Gulden einverstanden erklärt, um auf diese Weise dazu beizutragen, die gegenwärtige Finanznot des Staates zu lindern. Die Abzüge vom Gehalt werden sich belaufen auf 113 Prozent unter Fei- laffung der unteren Gehaltsklassen. Wie verlautet, hat der Senat dem Vorschlag des Beamtenbundes z u g e st i m m t.

Das Kontrollrecht des Völkerbundes.

Herr Chamberlain hat vor einigen Tagen offiziell mitteilen lasten, daß er persönlich England bei der Sitzung des Dölkerbundsrcttes zu oettreten beabsichtige. Das ist in diesem Falle mehr als ledig­lich eine Personalnotiz, es ist ein Stück politisches Programm. Man weiß in Paris und in London, daß Deutschland die endliche Beseitigung der Militärkontrolle verlangt, die schon seit Fahr und Tag fällig ist, und daß der Reichsaußen- minifter von der Art, wie die Erledigung dieser alten Streitfrage erfolgt, seine weitere Einstellung zu der Mitarbeit Deutschlands im Völkerbunde ab­hängig gemacht hat. Wenn jetzt Herr Chamberlain zusagt, bafj er persönlich kommen will, bann gibt er damit zu erkennen, daß er bereit ist, die ihm bekannten Wünsche Deutschlands zu verfechten und seinen Einfluß darin aufzubieten, daß endlich dieses unerquickliche Thema zum Abschluß ge­bracht wird.

Das hätte l ä n g st geschehen müssen, denn tat­sächlich ist ja Deutschland mehr als abgerüstet. Die Beschwerden, die von der Gegenseite ausstehen, sind so kleinlicher Natur, daß sie lediglich erfunden sind, nur zu dem Zweck, die Kontrolle noch f o r t s e tz e n zu können. Frankreich, bas in diesem Falle der Hauptsitz des ganzen Widerstandes ist, kann sich denn auch schon seit längerer Zeit nicht mehr im unklaren darüber fein, daß die Tage der Militärkontrolle ge­zählt sind. Das einzige Ziel der französischen Politik ist lediglich darauf abgestellt, eine taktische Situation zu schaffen, in der Deutschland gezwungen werden kann, die Beseitigung der Milstärkontrolle durch die Zustimmung zu einer anderen Or­gan i f a t i o n zu erkaufen, die lediglich u n't e r einer neuen Firma etwa als Filiale des Völ­kerbundes genau dieselben Rechte hat, wie die Mli» tärkontrollkommission.

Dorbeveitet ist dieses feine Spiel ja schon längst durch das berühmte Investigations- Protokoll, das Frankreich vor unserem ®irv» tritt in den Völkerbund gerne noch durchpeitschen wollte; ein Versuch, der ihm indessen doch nicht gelang. Deutschland stützt sich auf den Versailler Vertrag in dem festgelegt ist, daß die ständige Militattontrolle zu verschwinden hat, so­bald die Abrüstung Deutschlands vollendet ist. Was dann werben soll, ist in demselben Ver­trag im Arttkel 213 fest gemauert, worin es heißt: Solange der gegenwärtige Vertrag in Kraft bleibt, verpflichtet sich Deutschland, jede Un­ter f u dj u n g zu dulden, die der Rat des Völ­kerbundes mit Mehrheitsbeschluß für notwendig erachtet." Das ist alles, wozu wir verpflichtet sind. Das ist aber auch alles, was die Gegen­seite verlangen kann. Französische Blätter behaupten, daß wenigstens für das be­setzte Gebiet auch der Völkerbund die Mög­lichkeit ständiger Kontrollkommissionen habe, in dem Protokoll deselements stables be­zeichnet sind. Woher aber Frankreich dieses Recht ableiten will, darüber hat es sich bisher aus­geschwiegen. Für uns steht jedenfalls fest, dah die MilttärlontroUe verschwinden muß und daß dann zunächst gar nichts geschieht, bis der Völker­bund in einem aktuellen Anlaß eine Untersuchung anordnet. Ein solcher Anlaß muß aber erst vor­liegen, bis dahin muh jede Kontrolle ver­schwinden.

Was Frankreich fordert.

Varis, 19. Roo. (TU.) Von zuständiger fran­zösischer Seite wird im Hinblick auf die in der Presse verbreiteten Nachrichten erklärt, daß die französische

Regierung keineswegs die Absicht habe, eine ständige Völkerbunds-Kontrollkom­mission zu verlangen, da dies im Widerspruch zu dem Artikel 213 des Versailler Vertrages stehen würde. Die französische Regierung werde ober ge­wisse Ergänzungen der Vollmachten die­ser Jnvestigationskommission fordern, und zwar in der Richtung, dah diese Kommission eine gewisse Stabilität besitze. Der Quai d'Orsay legt Wert darauf, in dem diplomatischen Wortspielständig und stabil" einen besonderen Unterschied zu sehen. Was die Abschaffung der Interalliierten Kontroll­kommission anlange, so wäre der neue Be­richt dieser Kommission abzuwarten, von dem cs abhängen werde, ob die Botschaflerkonferenz dem Völkerbundsrat die Abschaffung der 3nteraUiierten Kontrollkommission vorschlagen werde oder nicht.

Die Vorbereitung

der WeltwirtichastsKonserenz.

Gens, 19. Rov. (WD.) Ter Ausschuß zur Vorbereitung der Weltwirtschaftslonferenz hat heute abend mit einer Schlußsitzung seine zweite Tagung beendet. Damit ist, wie der Vor­sitzende Theunis betonte, die dem Ausschuß vom Völkerbundsrat übertragene Arbeit im wesent­lichen abgeschlossen. Das dem Döllerbunds- rat zur Genehmigung vorliegende Konferenz- Programm bietet nach Auffassung der deut­schen Sachverständigen die Mög.ichkeit, gerade auch für das deutsche Wirtschafts­leben besonders wichttge Fragen auf der Kon­ferenz zu behandeln, obwohl sich heute noch nicht absehen läßt, auf welche einzelnen Punkte sich die Arbeit der Konferenz schließlich llrnzen- tvieren werde.

Die Kownialmandate.

England gegen den Fragebogen der Vviker^nndskommisston.

z Genf, 19. Rov. (WTV.) Eine an das Generalsekretariat des Völkerbun­des gerichtete Rote des englischen auswär­tigen Amtes über die vom Wandatsausschuß vor einiger Zeit borge'djlageric Aufste11ung eines rund 230 Punkte enthalten­den Frageb ogens, nach dem künftig die Jahresberichte der Mandatsmächte abgefaßt wer­den sollen, lehnt im Ramen der englischen Do­minions diesen Vorschlag und den Fragebogen volllommen a b. Desgleichen verwirft die Rote entschieden das vom Mandats aus schuh gleichzeitig in Anspruch genommene Recht, die Verfasser von Bittschriften und Beschwerden aus den Mandats­gebieten zur mündlichen Aussprache vor­zuladen. Die Rote entwickelt die englische Auf­fassung über die Mandatstheorie und die Kom­petenzen des Mairdatsausschufses und erklärt unter Berufung auf Ar titel 22 des Völlerbunds- paltes und auf frühere Beschlüsse des Böller- bundsrates, man könne vom Rat nicht verlangen, dah er selbst oder durch Vermittlung des Man­datsausschusses alle Einzelheiten der Verwaltung der unter Mandat stehenden Gebiete prüfe oder kontrolliere. Die englischr Regierung ist der Meinung, dah der Fragebogen, der alle Einzelheiten der Regierung aus admini­strativer Tätigkeit berührt, sehr joeit über das h ina usgeht, was der Mandatsausschuh braucht, bzw. was mit den Absichten des Völker­bundspaktes und mit den vom Dölkerbundsrat genehmigten Regeln vereinbar ist.

Rußlands Außenpostttk.

Das Ergebnis von Odessa. Tschitscherin reift nach Paris.

Aiga, 19.Rov. (TU.) Wie aus Moskauer türllschen diplomatischen Kreisen verlautet, ist die Türkei mit dem Verlauf der russisch-türki­schen Besprechungen nicht zufrieden. Tschi­tscherin dagegen soll mit dem Verlauf der Konferenz zufrieden sein. In ausländischen diplomatischen Kreisen Moskaus wird die Mei- nung geäußert, daß Odessa nicht einen Sieg der russischen Diplomatie darstelle, sondern lediglich den Versuch, sich auf die Türtti zu stützen, wenn eine Aenderung im Verhalten der Sowjetregie­rung gegenüber der Völkerbundsfrage sich als zweckdienlich erweisen sollte. In Moskau ist der Generalft abschef der afghanischen Armee zu mi.i ärischen Besprechungen einge- trossen. Die afghanische Regierung soll beab­sichtigen, in Rußland große Posten von Flug­zeugen zu erwerben. D-mnächst werden die Chefs der persischen und der türkischen Armee erwartet.

Das Abreise-Datum für Tschitscherin nach Europa ist nunmehr auf den 20. Rovember festgesetzt worden. Zwischen Litwinoff und dem französischen Botscha.ter Herbette ha­ben Besprechungen über die rus,isch--fran.östschen Bestehun'e.i stattgefunden. Die Sowjet.ezierung hat den französischen Vertreter ferner über die rufst,ch-.ürki chen Verhanvlun/en inform e.t. Am Mittwoch nächster Woche wird Tschitscherin in Paris erwartet, wo er u. a. Besprechungen mit de Monzie und Briand haben wird. Ob Tschi.schei.in mit Poincare eine Besprechung haben wird, wird von dem Verlauf seiner Ver­handlungen mit Briand und de Wonste abhängen. Mit englischen ü.aat^männern wird Tschi­tscherin keine Begegnung suchen, immerhin ist es möglich, daß eine Zusammenkunft zwischen

Tschitscherin und dem englischen Botschafter in Paris, Lord Crewe, stattfindet.

Um Wstna.

Polen

und der russisch-litauische Vertrag.

Moskau, 19. Rov. (Telegraphenagentur der Sowjetunion.) Der bevollmächtigte Vertreter der Sowjetunion in Warschau hat dem polnischen Minister des Aeußeren die Antwortnote auf die Rote der polnischen Regie­rung vom 23. Oktober wegen des russisch- litauischen Vertrages überreicht. Die Rote er­innert daran, daß die Sowjetregierung im Ri­gaer Vertrage auf ihre Rechte und Ansprüche hinsichtlich des Wilnagebietes verzichtet und sich verpflichtet habe, jede Vereinbarung anzu­erkennen, die die polnische und litauische Republik betreffend der zwischen ihnen strittigen Gebiete etwa abschliehen würden. Die Rote stellt fest, daß die Sowjetregierung bisher keiner­lei Mitteilungen von der polnischen oder litauischen Regierung über eine derartige Vereinbarung erhalten hat. Dagegegen habe die litauische Regierung mitgeteilt, daß sie den polnisch-litauischen Gren;streit für unentschie­den halte. Die Sowjetregierung Halle sich nicht für verpflichtet, die Zuständigkeit irgendeiner dritten Macht in dieser Frage, insb.sondere eine Konferenz von Vertret.rn einiger dritten Staaten amuerlennen. Es fei der Sowjetregierung auch bekannt, dah die Kompetenzen der Botschasterton- ferenz auch seitens der litauischen Regierung be­stritten werden. Die Sowjetregierung er Härt, dah sie durch die Unterzeichnung des Vertrages mit Litauen vom 23. September keinesfalls beabsich­tigt Hube, die Gültigkeit der im Rigaer Vertrage vorgenommenen Grenzzi'.hung zwischen der Sow­jetunion und Polen in Zweifel zu ziehen.

Frankreich

in ENaß-Lothringen.

Ein Rückblick von Prof. Lic. W. Kap p.

Acht Fahre sind seit dem 22. November 1918 ins Land gegangen, seit dem die französische Armee un ter schmetterndem Fansarenklang ihren Einzug in das von dem national-französischen Mythos ver Härte Elsaß hielt. Dah dies für einen Franzosen, ob Rationalist oder sozialisttscher Pazifist, ein großer geschichtlicher Moment war, an den er nur mit Rüh rung und Bewegung denken kann, das ist natürlich 'Aber es war dieser Wiedereinzug Frankreichs audi für unsere Landsleute drüben ein ungeheueres Ge schehnis. Arn Hellen, lichten Tage rolhe da ein Stück Weltgeschichte ab, so dah über den, der diesen histo rischen Film mit seinen Sinnen verschlang, es wohl wie ein Rausch kommen konnte. Die Masse, die stumpfe, erlebte hier das Schlußstuck der vier Jahre anhaltenden Katastrophe, bas aber nicht Blut und Tränen, nicht Opfer und Hunger mehr bedeutete sondern nur nervenprickelnde, sensationelle Span nung, nur Genießen, Schauen eines grandiose, Schauspiels. Daß auch viele waren, die sich sttll zu, Seite drückten, mit Weh im Herzen und Verbitte rung zugleich, daß französische Regiekunst nach Kräf ten 'mithalf, das ändert nichts an bet Tatsache, bah bie Masse ber Elsässer einfach von der Größe der historischen Tatsache mit fortgeriffen wurde, das Frankreich das Unmögliche möglich gemacht und wieder die Trikolore aus dem Straßbur­ger Münster flattern ließ.

Und dann tarn der Werkeltag, bann kam bas ganz gewöhnlich Gemeine, ewig Gestrige, das mit Besitznahme eines andern Landes zusammenhäng. Der Franzose kam in Massen in das Land, um barir zu oerbienen, Karriere zu machen, zu steigen. Die Ernüchterung, bie Besinnung, bie Enttäuschung griffen allüberall in ber Bevölkerung Platz. Aber bas ist ja alles so selbstverständlich unb unsere lieben ßanbsleute bürfen nun nicht den Franzosen heute vorrechnen: Wir haben soviel Vertrauen, so viel ehrliche Begeisterung euch entgegengebracht, und ihr habt es uns so schlecht gelohnt. Die Franzosen wollten ben neuen Gewinn natürlich in erster Linie für sich auswerten, sie machten Ansprüche auf bJc Rosinen imKöjelhops", bas anbere konnten bann die Elsässer unter sich teilen. Im übrigen hat Frank­reich ben Befreiten nach seiner Meinung genug ge­geben, es hat sie mit seinem glorreichen Triumph etwas erleben lassen, es hat bem bramatischen, erlebnishungrigen Bebürfnis, wie es nun einmal ewig in ber Masse, auch in ber elsaß-lothringischen, steckt, Großes geboten, unb es war mit heißer Gier ausgenommen worben. Die Elsässer bürsten nicht erwarten, daß sie für das Erleben einer denk- würdiaen historischen Stunde, für das Erleben einer Art Wellenwende, noch darüber hinaus be­lohnt würden. Nein, über die Schauer hinaus, die bas Erleben eines großen geschichtlichen Augen­blicks ihnen bereitete, waren bie Franzosen unseren ßanbsleuten nichts weiter schuldig. Das Stück, das Schauspiel war eben aus, und bann begann die nüchterne Arbeit, der wirkliche Kampf mit den neuen Herren um die Rechte, und in dieser Arbeit, in diesem Kampf hat das Elsaß zunächst gründlich versagt. Sie standen zu lange unter der Wir­kung des grandiosen Schaustückes, waren sentimen­tal, wo sie nur den robusten Verstand und den massiven Selbsterhaltungstrieb hätten wählen lassen sollen.

Nicht wenige waren für den Selbstbehauptungs­kampf, der jetzt sofort einsetzen mußte, von vorn­herein untauglich. Wem in deutscher Zeit die fran­zösische Sprache für Haus und Familie ein so hei­liges Anliegen geworden war, wem das charakte­ristische Merkmal der elsässischen Rasse nur in den aus französischer Sprache und Kulturwelt stammen­den Zutaten bestand, der war schon wehrlos gegen­über bem physisch unb geistig mit aller Macht her- einflutenben welschen Strom. Ihm gegenüber waren Wille, waren Instinkte schon stumpf unb wider­standslos, instinktlos ließ man bas, was man früher verehrt hatte, nun als Gegenwärtiges erst recht über sich ergehen. Nur scheu, nur ganz leise wagte sich in biesem Elsässertum, in bem von jeher bem fran­zösischen Sprachenkult, bem französischen Genius ge- hulbigt wurde, etwas Kritik hervor; die Sehnen waren da doch durchschnitten, als daß man hier hätte zum Kampfe antreten können

In der zwar nur dünnen Oberschicht, wo man innerlich ganz nach französischer Art und Weise schon geformt war, wo nicht bloß Sprache, sondern der ganze soziale und wirtschaftliche Lebensrhythmus dem französischen Modell entlehnt war, streckte man sich dem Franzosentum entgegen. Alle Rentier-, alle bürgerlichen Instinkte gierten nach Westen, wo die Heimat ihrer Werte, ihres von ihnen verehrten poli­tischen und sozialen Lebensstiles lag. In diesem französischen Milieu war man zu Hause . . . Dieses Elsässertum, das schwamm unb plätscherte mollig in dem französischen Strom unb begehrt auch heute noch nicht mehr.

Und der Großteil derjenigen, denen der poli­tische Ehrgeiz im Kopse steckt, die mit aller Gewalt eine politische Rolle spielen wollen, auf dem Wege ber Politik in die gesellschaftliche Höhe streben, bie sehen in Frankreich bessere Chancen, mehr Mög­lichkeiten, ihr Glück zu machen, als in Deutschland. Alle diese Elemente wittern in Deutschland bei ben vielen Menschen mit ben gleichen Strebungen zu- viel Konkurrenz, zu viel Hemmungen, Wiberständc aus Trabition, Ständegeist usw., die alle in Frank­reichs politischer Welt für ihr mstinkthastes Emp­finden wegfallen. So wurden sic als politische Men­schen gesinnungsmäßige nationale Franzosen. Die Beirotes, Frey, Walter. Weill, ®rumbad) und wie sie alle heißen, hatten schon die rechte Nase. Diese politischen Nutznießer ober, wenn man will, poli­tischen Glücksritter, ob Demokraten ober Sozialisten