Das große Würfelspiel.
(2Harfina Dilemar.)
Roman von Franz laoer Kappus.
20. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Lily stand auf. Eindringlich und rasch sagte sie: ..Machen wir einander nichts vor, Herr von Kreuth. Die Situation ist die: In Berlin sitzt Martina und märtet auf Sie. Sieben Monate dauert das nun schon. Wie sie es trägt, wie sie es bis heute getragen hat: es ist mir unfaßbar. Dennoch: sie wartet. Wartet darauf, daß toie zurückkommen und ihr eine Existenz bieten. Sie soll ja Ihre Frau werden." Drohend spitzten sich Lilys Züge. „Und jetzt frage ich Sie, Herr von Kreuth: haben Sie diese Existenz endlich gefunden?"
Kreuth schob den Unterkiefer vor.
„Noch nicht so recht", gestand er. Seine Gesichtsmuskeln zuckten.
„Das ist traurig."
„Tragisch, Fräulein Lily, tragisch."
„Und?" forschte Lily. „Was soll weiter geschehen?"
Einen Augenblick schaute Kreuth zu Boden. Dann warf er den Kopf zurück. „Ich bringe Geld mit. Ich bringe sogar viel Geld mit."
„Was hindert Sie barm, abzuretten?"
„Es soll ein schöner, runder Betrag werden; genial, um zwei oder drei Jahre davon zu leben. Noch eine Kleinigkeit fehlt an diesem Betrage."
„Unbarmherzig fragte Lily. „Welche Summe haben Sie im Äuge, f)err von Kreuth?"
„Ich nenne keine Ziffer."
Ueberlegen kräuselte Lily die Lippen. Er nannte keine Ziffer. Darunter konnte man sich vorstellen, was man wollte. Noch einmal musterte sie Kreuth von oben bis unten. Tadellos sah er aus. Don einem allerersten Schneider mochte sein Frack herrühren. Eine goldene Zigarettendose lugte aus seiner Westentasche. Peinlich gepflegt waren seine Hände.
Die Jazzband hob wieder an. Das Schlagwerk raste mit Blech und Trommel.
„Schreiben Sie Martina regelmäßig?"
„Ganz regelmäßig." Kreuth verbeugte sich vor Lily. „Der neue Paso Double von Maestro Petrini.
Sie können mir keinen Korb geben, Fräulein Lily." Schon legte er die Hand an ihre Taille.
Lange hatte Lily keinen so glänzenden Partner gehabt. Trotzdem dankte sie nach wenigen Takten. Etwas fraß in ihr. Etwas sträubte sich dagegen, mit dem Manne zu tanzen, nach dem die Schwester daheim vor Sehnsucht verging. Etwas lehnte sich gegen den ganzen Menschen auf.
„Ich sehe Sie ja noch?''
„Möglicherweise", lächelte Kreuth und empfahl sich höflich.
Aber an keinem der nächsten Tage sah Lily Kreuth wieder. Allerlei Ahnungen stiegen in ihr auf. War er abgereift, verbarg er sich vor ihr? Etwas stimmte da nicht.
Lily zog Erkundigungen ein. Doch in keinem Hotel, in keiner der besseren Pensionen kannte man den Namen. Auch im Kursaal wollte man sich nicht erinnern. „Kreuth, Kreuth", sprach der elegante junge Mann im Bureau sinnend, den Bleistift an den Lippen. „Nicht, das ich wüßte." Er blätterte in dicken Folianten. Auf einmal lächelte er. „Da haben wir ihn ja. Benno von Kreuth, nicht wahr?"
Lily bejahte.
Das Lächeln des jungen Mannes verlor sich diskret. Er glaubte, im Bilde zu sein. „Herrn von Kreuth scheint es bei uns nicht gepaßt zu haben." Geläufig zitierte er: „Kaum gegrüßt, gemieden."
„Also abgereift?"
„Gleich am ersten Tage, ohne ein Wort." Der elegante junge Mann blickte verträumt vor sich hin. „Schade — auch vom geschäftlichen Standpunkt. Herr von Kreuth soll der beste Maitre de danse gewesen fein, den wir in dieser Saison hatten."
XVI.
Im Flur des Hauses in der Mauerstraße stieß Martina mit Bernhard Carsten zusammen. Trotz der Dunkelheit erkannte sie ihn auf den ersten Blick. Das war der Mann, wie er in ihrer Vorstellung lebte.
Auch Carsten stutzte. Die großen blauen Augen, die sekundenlang an ihm hingen, alarmierten ihn. Aus dem Gefühl heraus fragte er: „Zu mir vielleicht?" Und er murmelte feinen Namen.
„Ich bin Martina."
Carsten räusperte sich und klingelte nach dem Portier.
Kein Wort fiel im Fahrstuhl.
Oben sagte Carsten zu Nettelbeck: „Telephonieren Sie Herold & Ribbeck: ich komme morgen. Ansonsten — Sie wissen: ich bin nicht da." Die Tür schloß sich.
Martina stand wartend in der Zimmermitte.
Mit der Hand wies Carsten auf den Fauteuil, seinem Schreibtisch gegenüber. Dann setzte er sich.
„Martina Wilemar, wie ich vermute?"
„Ganz richtig."
„Ihr Herr Vater hat mir von Ihnen erzählt." Carsten lächelte wohlwollend. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Fräulein Martina." Er erhob fid) und reichte ihr die Hand. „Mädchen Ihrer Art sind selten. Nicht jede hat die Energie, sich so rasch um- zustellen. Sie haben die Energie gehabt. Das ist ein glänzendes Zeugnis." Carsten legte die gespreizten Finger ineinander, die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt. „Wo arbeiten Sie eigentlich, Fräulein Martina?"
„Bei der Holzindustrie A.-G. in der Schützenstraße."
Carsten nickte befriedigt. „Kenne ich. Ein reelles Unternehmen. Dort gibt es auch Möglichkeiten, vorwärtszukommen."
„3d) weiß nicht", sprach Martina hilflos.
„Und Sie wollen doch vorwärtskommen?"
„Gewiß will ich vorwärtskommen, Herr Carsten." Wie lange sollte das Gerede nod) dauern? fragte sich Martina. Man durfte nicht weiter zögern. Hundert Fragen brannten. Hundert Fragen mußten ausgesprochen werden. Es ging ums Letzte.
Langsam rieb Carsten die Handballen gegeneinander.
„Und wenn es dort keine Möglichkeiten gibt, so gibt es andere. Sie sind mit der Holzindustrie nicht verheiratet, Fräulein Martina. Auch bei mir können Sie unterkommen, wenn Sie wollen. Die Häuserverwaltung braucht einiges Personal. In der Direktion des Krankenhauses werden Hilfskräfte notwendig fein. Es wäre gerade der richtige Augenblick."
„Id; danke Ihnen, Herr Carsten." Martina spürte, wie ihre Stimme bebte. Der Angelpunkt war da. Hier mußte man einhaken. „Ich danke Ihnen," sprach sie noch einmal. „Aber ich gebe meine Stelle
nickt auf. Und in Ihre Bureaus will ich schon gar nicht. Es ist vollkommen ausgeschlossen, datz ich in eines Ihrer Bureaus gehe. Vollkommen ausgeschlossen."
Noch breiter wurde das Lächeln Carstens, noch wohlwollender.
„Warum sollte das ausgeschlossen fein, Fräulein Martina?" fragte er gütig. „Eine Arbeit ist wie die andere. Und bei uns hätten Sie die Möglichkeiten. Wir brauchen ernste, zieldewußte, peinlich gewissenhafte Menschen."
Martina wuchs aus ihrem Fauteuil.
„Es genügt, wenn Vater und Mutter von Ihrem Gelde leben."
„Von meinem Gelde?" Carsten ergriff ein Lineal und schwenkte es hin und her. „Das gibt es ja gar nicht: von meinem Gelde. Wer etwas leistet, lebt niemals vom Gelde des anderen. Seine Arbeit fetzt sich in Geld um. Woher das Geld kommt, ist gleichgültig."
„Das find die gewöhnlichen Fälle."
Erstaunt blickte Carsten.
„Und die ungewöhnlichen?"
„Hier ist so ein ungewöhnlicher Fall/
Ruckweise richtete sich Carsten auf. Ein einziger schwarzer Strich waren seine Augenbrauen. Steil stand das Lineal auf der Tischplatte. „Da wäre ich wirklich neugierig." Er warf den Oberleib zurück.
Mit furchtbarer Entschlossenheit sagte Martina:
„Sie haben meinem Vater zu seinem jetzigen Verdienst verhalfen. Sie kannten meinen Vater damals nicht. Daß ein Zufall mitgespielt hätte, ist undenkbar. Sie haben es also jemanbejp zuliebe getan. Wer war dieser Jemand, Herr Carsten?"
Carsten zog die Schultern hoch. „Wer es war —"
»Ich will es Ihnen sagen: meine Mutter war dieser Jemand."
„Das hat sie Ihnen erzählt?" kicherte Carsten. Dann tat er, als überlegte er. „Es ist sehr gut möglich, daß sie Ihnen das erzählt hat. Auch Gründe könnte man schließlich finden." Er wollte weiterreden, aber Martina fiel ihm ins Wort. „Sie kennen meine Mutter doch?"
Carsten saß fest.
(Fortsetzung folgt.)
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