Mtion zu respektieren. Es werde dieses Versprechen nicht verletzen. Hinsichtlich des Unterrichts und im besonderen der Sprache verstehe es sich von selbst, daß Frankreich niemals fcaran gedacht habe und daran denken werde, den Gebrauch des „Dialekts" zu beschränken oder zu beeinträchtigen. Dah Flämisch im Norden, Bretonisch in der Bretagne, Baskisch am Rande der Pyrenäen und Proven^alisch am Rande der Alpen gesprochen werde, das seien Verschiedenheiten, die in nichts die nationale Einheit bedrohten. Das Wesentliche sei, daß Französisch überall gesprochen und verstanden werde. Da aber der Dialekt nicht eine geschriebene und grammatikalische Sprache sei, und da übrigens während 50 Jahren die Deutschen ihm das Hochdeutsche übergeordnet hatten, habe Frankreich im Interesse der Familien gewollt, daß die französischen Schulen auch das Hochdeutsch in ollen den Gemeinden, in denen Dialekt gesprochen werde, lehren. Er halte es für unerläßlich, daß nach dem Verlassen der Schule die Kinder der Gemeinden, in denen Dialekt gesprochen werde, einigermaßen hochdeutsch sprechen und schreiben können Poincare fordert den Rektor der Straßburger Llniversitat auf, in den nächsten pädagogischen Konferenzen in diesem Sinne zu wirken Sin anderer Punkt, der seine Aufmerksamkeit erregt habe, sei der, daß der Schüler, wenn er mit 14 Jahren die Schule verlasse und in seine Familie zurückkehre, die nur Dialekt spreche, Gefahr laufen würde, bevor er zum Militärdienst komme, die praktische Handhabung des Französischen zu verlieren, wenn er keine Gelegenheit habe, sich darin zu vervollkommnen. Es.fei also angebracht, mehr und mehr in den Dörfern und in den Städten den N a ch - schulunterricht im Französischen zu entwickeln. Die Regierung werde hierzu ihre Llnterstützung geben.
Das neue österreichische Kabinett. Rückkehr Dr. Seipels als Bundeskanzler.
Wien, 19. Oft. (LU.) Die Entscheidung über die neue Regierung ist in den heutigen Abendstunden erfolgt. Die Einladung der Christlichsozialen an den Landbund, in die Koalition einzutreten und ein Mandat in der neuen Regierung zu übernehmen, wurde vom Landbund abgelehnt. Die weiteren Verhandlungen stehen daher auf der Grundlage der Christlich - sozialen-Großdeutschen Koalition. Am Nachmittag war vom Nationalrat in einer kurzen formalen Sitzung der Rücktritt des Kabinetts zur Kenntnis genommen worden, woraus der Hauptausschuß mit den Stimmen der Mehrheitsparteien Dr. Seipel mit der Bildung der neuen Regierung betraute. Dr. Seipel erklärte sich zur Annahme dieses Auftrages bereit und führte aus, er werde bereits morgen in der Lage sein, die Mitglieder seines Kabinetts in Vorschlag zu bringen. Die Wahl der neuen Regierung wurde auf morgen nachmittag 3 Ähr anberaumt. In einer Meldung der christlichsozialen Parteileitung und des christlichsozialen Abgeordneten- verbandes wurde beschlossen, an Stelle des ausscheidenden Finanzministers Kollmann Dr. Konrad Kienböck zu ernennen, der bereits in der letzten Regierung Seipel Finanzminister war. An Stelle des ausscheidenden Änterrichtsministers Dr. Rin- telen wurde der Abgeordnete Richard Schmidt ernannt, der in der früheren Regierung Seipel Spzialminister war. In den Abendstunden wurde der Beschluß gefaßt, den Präsidenten des Abgeordnetenhauses Dr. D i n g h o f e r zum Vizekanzler und den Abgeordneten S ch ü r f f zum Handelsminister zu ernennen. Dem scheidenden Vizekanzler Dr. Waber wurde der Dank und das Vertrauen der Partei ausgesprochen. Die übrigen .Ressorts wurden wie folgt beseht: Ackerbau: T Haler (Christlichsozial), Heereswesen: Vau- goin (Christlichsozial), soziale Verwaltung: Dr. Resch (Christlichsozial).
tXus den Reichstagrausschüssen.
Der Reichskagsausschutz für verkehrs- ongelegenheilen
besprach das Problem des K a n a l b a u e s mit Rücksicht auf die Durchführung der produktiven Erwerbslosenfürsorge.
Abg. Engberding (D. Vp.) beantragte, die Frage zu prüfen, ob wir in Deutschland noch Kanäle bauen sollen oder nicht und dann die Vorlage betreffend den Bau des Aachen—Rhein-Kanals, des Hansa-Kanals und den Ausbau des Dortmund— Ems-Kanals als ein einheitliches Ganzes zu behandeln. Diesem Antrag wurde stattgegeben. Hierauf verbreitete sich Abg. Engberding eingehend über diese Frage. Er kam zu dem Ergebnis, daß d i e Reichsbahn ihre Frachten erhöhen muffe, wenn sie rentabel arbeiten wolle.
Abg. Könne (Dntl.) meinte, daß die Reichsbahn nicht die Garantie übernehmen könne, die Massen? Güter auf Jahre hinaus zu den gleichen billigen Frachtsätzen wie die Binnenschiffahrt zu befördern. Deshalb müßten Kanäle gebaut werden. Die Reichsbahn könne sich nur rentieren, wenn sie zunächst technisch auf die Höhe gebracht sei. Jede Verkehrsbesserung sei erwünscht, aber allerdings nur insoweit, als siebezahlt werden könne. Auch an der Frage der Rentabilität der neuen Kanäle dürfe nicht in allen Fällen achtlos vorübergegangen werden. Zum Schluß trat der Redner für die Aufhebung der Kanalabgaben bei den alten Kanälen ein; denn deren Herstellungskosten seien durch die Inflation gegenstandslos geworden. Auch müsse das staatliche Schleppmonopol aufgehoben werden.
Abg. Schmidt (Dntl.) meint, grundsätzlich würden, falls die Mittel vorhanden seien, diejenigen Kanalpläne bevorzugt zu behandeln sein, die ein sonst eisenbahnarmes Gebiet erschließen und durch die unsere großen Binnenwasserstraßen zu einem wasserwirtschaftlichen System verbunden würden.
Abg. Schumann (Soz.) hält eine Prüfung jedes einzelnen Falles für notwendig. Auch müsse man sich klar machen, daß Kanalbauten heutzutage in der Hauptsache durch riesige Baggermaschinen ausaeführt würden, die nur der Bedienung einiger Maschinenmeister bedürften. Deshalb habe auch die Vorlage für die produktive Erwerbslosenfürsorge nicht mehr die ausschlaggebende Bedeutung.
Der Relchslagsausschuß für Rechtspflege trat in die Einzelberatung des Gesetzentwurfes über die G e r i ch t s k o st e n und die Gebühren der Rechtsanwälte ein. Bei dem Artikel, der die Gebühren in bürgerlichen Streitigkeiten neu ordnet, begründete Preußischer Ministerialrat Dr. Krücke die Bitte an den Aus
schuß, der Finanznot der Länder dadurch Rechnung zu tragen, daß eine Zwischenstufe in den Gebührensätzen eingeführt wird, in der Weise, daß bei Wertobjekten von 2000 bis 5000 Reichsmark die Gebühr mit 1,5 Prozent festgesetzt wird. Der Tarif der Regierungsvorlage beläßt es in den untersten Wertstufen bei den augenblicklich hinter den Sätzen der Vorkriegszeit zurückbleibenden Gebühren und sieht als Ausgleich eine etwas stärkere Belastung der Streitwerte zwischen 5000 und 20 000 Reichsmark vor. Der Reichsrat hat vorgeschlagen, nur bei den Streitwerten von mehr als 10 000 Reichsmark eine Senkung der Gebühren eintreten zu lassen, und zwar von 1 v. H. auf 0,8 v. H. Der Beschluß des Reichsrates wurde abgelehnt.
Weiter wurde § 10 (Absatz 2) des Gerichts- kostengesetzes behandelt, nach dem bei Ansprüchen auf Erfüllung einer auf gesetzlichen Vorschriften beruhenden Hnterhaltspflicht der Streitwert auf den Betrag des einjährigen Bezuges berechnet wird. Es erschien der Reichsregierung geboten, für die durch Hnfallhastung begründeten Renten den Streitwert auf den fünffachen Iahresbetrag sestzusetzen. Demgemäß beschloß der Ausschuß. Er nahm jedoch nach einem Antrag Dr. Barth (Dn.) noch folgenden Zusatz an: „Das gleiche gilt für die Berechnung des Wertes bei Geltendmachung der vermögensrechtlichcn A n» sprüche a u s dem Beamten- und Ar- beitsverhältni s."
Der Reichskagsausschutz für soziale Angelegenheiten beriet über die Erwerbslosenfürsorge. Die Verhandlungen leitete mit einem Bericht über den gegenwärtigen Stand der Arbeitslosenfrage und die Fürsorgemaßnahmen der Regierung Reichsarbeitsmini st er Dr. Brauns ein: Die Zahl der unterstützten Erwerbslosen ist gegenüber dem Frühjahr um rund 600 000 zu- rückgegangen und diese Entwicklung hält an. Sie ist durch die wirtschaftliche ©nttokftung verursacht, aber auch durch die Maßnahmen auf dem Gebiete der Arbeitsbeschaffung. Das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung ist in seinem überwiegenden Teil in der Durchführung begriffen. Heber die produktive Erwerbslosenfürsorge ist mit den Ländern ein besonderes Notstandsprogramm vereinbart worden, daß sich mit dem Beginn der Winterarbeitslosigkeit auswirken soll. Die Reichsregierung glaubt, dah die wichtigsten Ziele erreicht sind, die sie sich bis zum Herbst gesetzt hat. Die Maßnahmen kommen überwiegend den langfristigen Erwerbslosen zugute. Die einfache Verlängerung der Unterstützungen wäre sehr viel billiger, sie würde aber alle Vorteile beseitigen, die eine Arbeitsfürsorge gegenüber der Unterstützung besitzt. Die Reichsregie»- rung hat sich deshalb zu dieser Verlängerung bisher nicht entschließen können, dagegen ersetzt sie den Gemeinden mit Wirkung vom 1. Oktober ab 50 Prozent ihrer Aufwendungen für dieaus - gesteuerten Erwerbslosen unter der Bedingung, daß die Ausgesteuerten wie die Erwerbslosen versorgt werden. Der Entwurf der Arbeitslosenversicherung hat jetzt den Reichsrat passiert. Daneben beschäftigte sich bie Reichsregierung vor allem mit dem Problem der älteren Angestellten und dem Ausbau der Arbeitsvermittlung, der Vermittlung jugendlicher Arbeitsloser auf das Land, der Ausbildung und Fortbildung der arbeitslosen Jugendlichen, dem Ersatz der ausländischen Arbeitskräfte durch deutsche.
Berichterstatter Abg. Dreh (D.) erklärte demgegenüber, er habe Berichte, die die Verhältnisse wesenttich ungünstiger erscheinen ließen. Die Erwerbslosenunterstützung müsse wieder geregelt werden. Der Innenmarkt breche völlig zusammen. Selbstmörder und Familienmörder seien die Zeichen der Zeit.
Abg. Bartz (Komm.) schildert an Beispielen aus Essen usw. die große Not der Erwerbslosen und Ausgesteuerten. Man brauche nur die Erlaubnis für Heberstunden über den Acht> stundentag zu beseitigen, um viele Tausende von Arbeitslosen zu beschäftigen. (Zuruf des Reichsarbeitsmini st ers: Das sind Fälle aus überholten Zeiten). Gegen die geplante Hmgestaltung der Erwerbslosenfürsorge werde seine Partei sich scharf wenden.
Abg. Thiel (D. Vp.) hält es für erforderlich, zunächst einmal vom Finanzminister zu hören, wie stark die finanziellen Auswirkungen der Anträge fein würden.
Auch Frau Abg. Teusch (Z.) vermißt den Finanzminister. Ihre Partei habe den Wunsch, die Sache nicht mit dem Finanzausgleich zu verquicken, damit in den Stadtparlamenten die gegenseitige Verbitterung bermieöen werde.
Reichsminister Dr. Brauns bedauert die große Zahl der Heberstunden, die gefordert würden. Er werde sich mit den beteiligten Behörden zur Abstellung dieses Hebelstandes verbinden. Ebenso werde er gegen die ungerechtfertigt hohen Ordnungsstrafen einschreiten.
Die Lage
der deutschen Zigarrenindustrie.
Berlin, 19. Oft. (TH.) In einer in Düsseldorf abgehaltenen Sitzung des wirtschaftlichen Ausschusses der Zigarrenindustrie wurde folgende Entschließung gefaßt:
„Der Reichsverband deutscher Zigarrenher- steller spricht die bestimmte Erwartung aus, daß entsprechend den Ausführungen des Herrn Reichsfinanzministers bei der Industrie aguna in Dresden der Finanzausgleich baldigst zum Abschluß gelangt. Es muß unter allen Hmständen Vorsorge getroffen werden, daß die Gesamt- besteuerung (Reich, Länder, Gemeinden) ein gewisses erträgliches Maß nicht überschreitet. Bei der derzeitigen Belastung ist eine Gesundung des Wirtschaftslebens unmöglich. Hnsere Industrie befindet sich vornehmlich durch die übermäßige Zoll- und Tabak st euerbela st ung in einer schweren Krisis, da die Aufnahmefähigkeit des Publikums den durch die Tabakbesteuerung bedingten höheren Preisen nicht gewachsen ist. Es wird von der weiteren Entwicklung der Verhältnisse abhängen, ob und welche Maßnahmen wir zur gegebenen Zeit ergreifen werden. Gegenüber den immer wieder auftauchenden Gerüchten über Einführung eines Tabakmonopols oder sonstiger Zwangsbewirtschastung spricht sich der Reichsverband deutscher Zigarrenhersteller mit aller Entschiedenheit für die Beibehaltung der freien Wirtschaft aus. Die hierfür maßgebenden Gründe sind gelegentlich der Erörterung des Gutachtens des Dawes-Komitees dar- gelegt worden. Sie haben heute noch volle Geltung."
Ausländische Ehrengaben für den Reichspräsidenten.
Berlin, 19. Olt. (WTB.) Der Reichspräsident empfing heute den deutschen Botschafter in Paris, Dr. o. H o e f ch, ferner den von dem kubanischen Geschäftsträger eingeführten kubanischen Polizeiinspektor, Major Felix Pereira Pedina, der ihm seine seidene kubanische Fahne, ein Geschenk des Präsidenten der Republik Kuba, überreichte. Ferner empfing der Reichspräsident die vom Pekingslua zurückgekehrte Expedition der Deutschen Lufthansa. Der Expeditionsleiter Dr Knauß überreichte einen ihm von Panschen- L a m a, dem Oberhaupt des Lamaismus, als Geschenk für den Reichspräsidenten mitgegebenen gewallten Schal.
Kunst und Wissenschaft.
Die Tagung des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit.
Wien, 19. Oft. (WTB.) Auf der gestern abend in der Hofburg von dem österreichischen Kulturbund veranstalteten Empfang des Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit machte Prof. Alfred Weber- Heidelberg anläßlich der vor kurzem in Berlin erfolgten Gründung einer deutschen Gruppe und ihrer heutigen offiziellen Aufnahme in den Verband u. a. folgende Ausführungen: Rückhaltlose gegenseitige Aufrichtigkeit ist der eigentümlichste Grundsatz des Internationalen Verbandes für kulturelle Zusammenarbeit, der nicht die Trennungslinien verwischen will, sondern auf dem Urgestein der vorhandenen Unterschiede eine Brücke zur Ver- ständigung, Anregung und wechselseitigen Steigerung auszubauen versucht. Wir Deutschen kommen heute mit einer neuen, starken, mit einer bewußten Liebe zu Europa. Wenn es wieder ersteht, sind wir sicher nicht die schlechtesten Europäer. Wenn wir in den Kreis der über? nationalen Geistigkeit treten, suchen wir nicht nur Erweiterung unseres Horizontes, sondern Anregung und objektive Elemente: Wir erhoffen ein gemeinsames Werk. Wir wollen neue Noblesse zwischen den Völkern. Zu oft führte eine äußere Anregung nur zur Steigerung des gegenseitigen Hasses; deshalb wollen wir nichts von der hemmungslosen und plump vertrauensseligen Hingabe und dem kritiklosen Wissen, aber unser ganzes Streben geht auf gegenseitige Anerkennung.
Der Vorstand der Goethe-Gesellschaft.
Die Goethe-Gesellschaft wählte an Stelle des verstorbenen Professors Gustav Röthe den Berliner Literaturhistoriker Dr. Julius Petersen in den Vorstand. Die Wahl bedarf noch der Zustimmung der^ Hauptversammlung 1927.
Archäologische Funde in Ungarn.
In der Gegend der Stadt Szeged stieß der Direktor des staatlichen Museums bei Ausgrabungen auf einen wertvollen Fund. Der Fund enthalt 92 goldene Schmuckstücke, darunter edelsteingeschmückte Spangen ufw. sowie größere Mengen Goldplatten, die sämtlich aus dem fünften ober sechsten Jahrhundert herrühren bürf» ten. Man nimmt an, daß bie Wertgegenstände aus dem Schatz des Führers der Gepiden stammen und daß sie dort vor den mit den Gepiden im Kampfe liegenden Aoaren versteckt wurden.
Aus aller Wett.
Ein Automobilunfall Friß Kreislers in Irland.
Wie aus Belfast gemeldet wird, ist der berühmte Geiger, Professor Fritz Kreisler, als er sich von seinem Belfaster Konzert eiligst im Auto zum Dampfer nach Glasgow begeben wollte, beinahe das Opfer eines Äutomobilunglücks geworden. Seine Autodroschke fuhr in der Nähe des Hafens in ein entgegenkommendes Automobil und wurde völlig zertrümmert. Einem Wunder ist es zu verdanken, daß der Künstler mit einem leichten Nervenchok davongekommen ist und bereits in Glasgow wieder auftreten konnte.
Französische Einladung an Adel.
Der bekannte Kunstjlieger Oberleutnant a. D. Hdet wurde von der Union der Zivilflieger Frankreichs eingeladen, auf einem im Dezember stattfindenden Kongreß für Luftfahrt einen Vortrag über konstruktive Fragen des deutschen Flugzeugbaues zu halten. Wie die „Münchener Neuesten Nachrichten" hören, beabsichtigt Hdet die an ihn ergangene Einladung anzunehmen.
Flugzeugabsturz.
In der Nähe der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin--Adlershof stürzte heute abend gegen 41Hhr ein bereits erprobter Doppeldecker anscheinend infolge Ded.enungs- fehlers aus 200 Meter Hohe ab. Der Flieger Seefeldt, der vor einem Jahr das Flug- patent erworben und bereits zahlreiche Flüge durchgeführt hatte, wurde t o t aus den Trümmern des Flugzeugs hervorgezogen.
Ein Auto im Neckar.
Ein der Darmstädter Bauabteilung der Elektrobaugesellschaft Dessau gehöriges Auto wollte dieser Tage auf der Ilvesheimer Fähre über den Neckar sehen. Nachdem es vorsichtig auf die Fähre gefahren war, roltte es plötzlich rückwärts ins W a sser. Der Chauffeur konnte sich noch rechtzeiOg retten. Das Auto jedoch stand bis zum Dach in den Fluten. Mit Hilfe der ganzen Ilvesheimer Feuerwehr konnte es nach mehrstündiger anstrengender Arbeit ans Land gezogen toeröen.
Ein dreister Raubüberfall.
Bei der Adler-Banl in Basel erschien ein gut gekleideter Herr und bat, ihm einen Betrag in französischer Währung umzuwechseln. Während der Kassierer das Geld aufzahlte, warf ihm der Fremde Pfeffer ins Gesicht und bemächtigte sich eines Bündels Banknoten. Der Täter konnte ergriffen werden.
Erstickungstod zweier Kinder.
Bei einem Stubenbranb in Bochum kamen bie beiben fünf unb zweieinhalb Jahre alten Kinder eines Hüttenarbeiters duxch Ersticken um. Das gesamte Mobiliar verbrannte.
Schneefälle.
Im Riesengebirge und in 0 st preußen ist bei starkem Temperaturrückgang Schneefall eingetreten.
Die Königin von Rumänien in Amerika.
Auf dem Hnionsquare in Neutzor fand eine Prote st Versammlung statt, in der erklärt wurde, der Besuch der Königin von Rumänien solle den amerikanischen Petroleuminteressen gegenüber den englischen Interessen dienen. Rumänien benötige Geld zur Stützung feiner Herrschaft in Bessarabien. Richter Panken, der i
sozialistische Kandidat für den Neuhorker Gou- verneurposten, kritisierte den Heb ereifer bei dem Empfang der Königin, die das korruptest regierte Land der Welt repräsentiere. Die eWorld" führt aus, es zeige sich, daß der Stil der Königinnen sich ändere und daß die heutige Königin sich nicht mehr von der Menge fern halte, sondern mit allen heute üblichen M tteln um sie wirbt. Die Königin gab in der rumä,rischen Gesandtschaft in Washington ein Essen, an dem Vertreter Frankreichs, Italiens, Polens und der Kleinen Entente teilnahmen. Heute wird Präsident Coolidge die Königin empfangen.
Ein Millionenkonkurs.
Bei dem vor kurzem in Konkurs gegangenen Berliner Ex- und Importgeschäfts von (Talon), ber biefes Geschäft mit den beiben Teilhabern Süßermann unb Sußmann betrieb, unb dessen Bureau aus einem Zimmer unb einer Schreibmaschinenbame bestand, wurden nahezu 2 Millionen Mark Pas - s i o a festgestellt, denen keine Aktiven gegenüberstehen. Bei der Kriminalpolizei haben sich inzwischen bereits 20 Firmen der Leder-, Textil-, Stofs- und Baumwollbranche gemeldet, bei denen Ealow und feine Genossen große Einkäufe gemacht, aber keine Zahlungen geleistet haben. Auf Verfügung der Staatsanwaltschaft wurden Ealow unb seine beiden Teilhaber unter dem dringenden Verdacht des fortgesetzten Betruges unb Konkursverbrechens festgenommen. Täglich laufen neue Anzeigen ein.
Eifenbahnattenlat bei Leningrad.
Am Samstag ere.gnete sich in der Nähe von Leningrad ein Eisenbahnunglück, bai dem fünf Personen getötet wurden. DieHnlersuchung ergab, dah das Hnglück die Folge eines Attentats war. Der Verbrecher konnte bereits verhaftet werden. Er hat die Tat verübt, um die Passagiere des Zuges zu berauben.
Tausendjahrfeier in Rordhausen.
Die ehemalige Freie Reichsstadt Nordhausen am Harz begeht im Mai 1927 festlich ihr lOOOjähr. Stadtjubiläum. Die Stadt ist eine der ältesten Siedlungen Nordthüringens und am Harz, heute eine blühende Mittelstadt von 26 000 Einwohnern, die die mittelalterlichen Reize der Stadt zum großen Teil zu erhalten verstanden haben.
Die Sparkasse im Backofen.
In Groß-Rinderseld bei Mosbach hatte der Landwirtssohn Ersparnisse in Höhe von 240 Mark im Backofen aufbewahrt. In seiner Abwesenheit heizten die Eltern den Ofen, so daß dos Geld verbrannte bzw. verschmolz.
Wettervoraussage.
Anfänglich stärker, später schwächer bewölft. Winde allmählich auf nördliche Richtung drehend und wieder leichter Temperaturfall; außer strich- weisen Schauern trocken.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 9,0, Minimum minus 0,5 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur: 2,1 Grad Celsius.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 20. Oktober 1926.
Welke Blätter.
Der Herbstwind hatte an der Straßenecke einen großen Haufen welker Blätter zusammengeweht. Noch vor kurzer Zeit leuchteten sie in herrlichen, gotbenen, roten und braunen Farben aus dem Garten über die Mauer hinweg, jm Sommer halten sie mit ihrem dunklen Grün kühlen Schatten auf die sonnenheiße Straße geworfen, — nun lagen sie als großer fahlgelber Haufen, unschön anzusehen unb nutzlos auf der Erde. ,,W i e t r a u r i g“, dachte ich, verloren in die Betrachtung der Vergänglichkeit alles Schönen, von meinem Fenster aus. „Wie lu st i g“, dachten meine zwei kleinen Freunde vom Fenster gegenüber. Hnd sie sprangen flink die Treppen hinunter, zum Hause heraus, und mitten in den hohen losen Dlätterhausen hinein. Heißa, war das ein Vergnügen I Dis hoch an den Leib versanken sie zuerst darin, aber dann war er bald breiter und flacher gewirbelt, und da war t^eid) eine neue interessante Situation geschaffen: jetzt konnte man drin schwimmen I Hnd sie planschten und ruderten mit den Armen und „bespritzten" sich mit den Blättern. Es war ein herrliches Vergnügen, sowohl zum Erleben wie zum Anschauen. Aber leider nicht nur für mich. Zwei andere Jungens kamen des Weges, sahen sich den Spaß, Hände in den Hosentaschen, erst gründlich an, dann aber „Hände hoch" hinein ins Vergnügen! „Wir waren zuerst da", schrien meine kleinen Freunde erbost, und dann begann der Kamps. Die Blätter mit allem reichlichen Dtraßenstaub flogen den Eindringlingen um die Köpfe, sie rangen, sie schubsten und stießen sich, bis der schöne, traurige, lustige Dlätterhausen ein flaches, nutzloses Beet geworden war. Da zogen die Feinde befriedigt ab, meine kleinen Freunde aber trugen emsig den Haufen wieder zusammen, und wenn er nun auch noch etwas staubiger als zuerst war — wir sind alle (taubgeboren, und der Staub ist daher unser ureigenstes Element. Hnd so schwammen d'e Zwei bald wieder in Seligkett und staubigen Blättern, das Vergnügen war nun wieder recht groß.
Hnd ich ging mit srischem Mut an m in Taae- werk, lächelnd und nachdenklich: es läßt sich alles wisper aufbauen, auch das zerftörteste besetzte Gebiet-Wenn der Fe'nd wieder abgezogen ist! Man darf nur den Mut nicht verlieren! E. v. M.
Die neuen Postwertzeichen.
WSN. In nächster Zeit werden, wie schon kurz gemeldet, die neuen Postwertzeichen ausgegeben werden. Der Leitgedanke bei der Ausgabe der neuen Marken war, dem deutschen Volke wie dem Auslande die hervorragendsten Vertreter deutscher Art und deutscher Geistesgröße im Bilde vorzu- fübren. Hm dem großen Werke die nötige Ge- schlosfenbeit zu geben, wurden Männer aus der Kulturepoche der deutschen Klassik gewählt, außerdem einer der größten Maler b:r deutschen Vergangenheit. Mit Z>em Entwurf für den äußeren Rahmen wurde auf Vorschlag des Reicbskunst- wcirts der Berliner Graphiker Luc ' an Zabel beauftragt. Die Marken werden in zehn Werten herausgegeben, so daß für jeden Wert ein besonderer Kops verwertet werden konnte, nur Goethe ist zweimal vertreten. Der W^rt von 60 Pfennig ist toegaelaften worden, weil er bei den gegenwärtigen Gebührensätzen nur selten gebraucht wird. Dafür sind zu den jetzigen Werten neu hinzugekommen d e Marlen zu 15 und 25 Pf., die für den Weltpostverkehr nötig sind und von der Geschäftswelt schon lange gewünscht werden. Im einzelnen sind die Köpfe und Farben fol-


