m. 246 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Mittwoch, 20. Oktober 1926
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Giehener Anzeiger
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Dr. Fnedr. Will). Lange. Dexantworilich für‘Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den Anzeigenteil i.Dertr. H.Beck, sämtlich in Gießen.
Eröffnung
-er britischen Reichskonferenz.
London, 19. Oft. (Wolff.) Heute vormittag wurde in der Westminster Abtei eine Ehrentafel für eine Million gefallener Soldaten des britischen Reiches vom Prinzen von Wales in Anwesenheit der Premierminister und anderer Dominionvertreter feierlich enthüllt. Um 11 Mr begann in Downing Street die Reichskonserenz. Ministerpräsident Baldwin begrüßte die Vertreter der Uebersee-Dominions. Er erinnerte daran, was von den früheren Konferenzen zur Entwicklung der einzelnen Teile des Reiches geschaffen worden war und kündigte an, daß die Erörterungen dieser Konferenz sich auf das gesamte Gebiet der Reichspolitik und auf ' das Verhältnis der einzelnen Teile des Reiches untereinander erstrecken werde, um sestzustellen, auf welche Weise die Dominions untereinander und mit dem Mutterland inniger verknüpft werden könnten. Mit einem stetigen Prozeß der Selbstverwaltung und der Entwicklung des Rationalbewußtseins ist dauernd auch die Rotwendigkeit verbunden, die Beziehungen zwischen der Regierung von Großbritannien und den Regierungen der einzelnen Teile des Reiches
der veränderten Lage der Dinge anzupasfcn. Rirgends sei die Notwendigkeit für den Ausgleich der Beziehungen zwischen den Regierungen des Reiches deutlicher gewesen, als auf dem Gebiet der Außenpolitik. Baldwin erinnerte an die Rede Sir Edward Greys vom (Zähre 1911 vor dem Reichsverteidigungsausschuß, worin er sagte: „Der Ausgangspunkt der bevorstehenden Beratung über die Außenpolitik und die auswärtige Lage sei in Wirklichkeit die Schaffung unddie wachsendeStärke getrennter Flotten und Streitkräfte in den Dominions. Es sei möglich, getrennte Flotten in einem vereinigten Reiche zu haben. Aber dies sei nicht möglich ohne eine gemeinsame Außenpolitik, die die Aktionen der verschiedenen (Streitfräfte in den verschiedenen Teilen des Reiches bestimme. Daher habe die Schaffung getrennter Flotten es notwendig gemacht, daß die Außenpolitik des Reiches eine gemeinsame Politik sei. Baldwin fuhr fort, daß es sich jetzt um die Frage handele,
wie man den Grundsatz der Selbstverwaltung in äußeren wie in Inneren Angelegenheiten mit der Rotwendigkeit einer auswärtigen Politik des allgemeinen Reichsinteresfes verbinde.
Auf dem Gebiet der Reichsverteidigung sei ein ständiger Fortschritt zur Besserung der Möglichkeiten des Zusammenwirkens, wenn sich ötc Rotwendigkeit hierzu unglücklicherweise ergeben sollte, vor sich gegangen. Baldwin bezeichnete die Flotten der einzelnen Reichsteile, von dmrn der Bestand des Reiches letzten Endes abhäng'g sei, als die denkbar stärksten Bande, die das Reich zusammenhielten. Auf dem Gebiete des Land- heereS sei auch viel zur Erleichterung der Zusammenarbeit geschehen. Richt minder b deute die Luftflotte ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Mutterland und den Dominions, nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung, sondern auch ßern Z>e§ Verkehrs. Als das dritte nicht unbedeutendste Gebret. auf dem sich die Reichskonferenz betätigen könne, bezeichn:te Baldwin die Handels- und Auswanderungsfragen.
Der Premlenninisler von Kanada, Mackenzie King, dankte dann Baldwin für die herzliche Tegrü- ßung. Zweifellos habe sich der internationale Horizont seit 1923 sehr aufgehellt. Ein deutscher Fortschritt fei sowohl in der Richtung politischer als auch wirtschaftlicher Stabilität in den meisten Ländern gemacht worden. Wenn auch noch einige ernste industrielle und finanzielle Schwierigkeiten weilethin außerhalb und innerhalb des Gemeinwesens bestehen, so könne man dennoch hoffen, daß eine Lösung bald gefunden werden wird. Wenn man an Fragen von besonderem Interesse für die Mitglieder des britischen Gemeinwesens mit gutem Willen und einer Erkenntnis ihrer lebenswichtigen Bedeutung her- antrete, so könne man hoffen, Wege und Mittel zu finden, um sie zum gemeinsamen Besten einer Regelung näher zu bringen. Hierauf schlug K^ng eine Adresse an das Königspaar vor, in der auf die „Liebe und Ergebenheit der unter der Krone vereinigten Völker des britischen Gemeinwesens" hingewiesen wird.
Die Durchführung des Programms von Thoiry.
Ein deutsches Dementi.
Berlin, 19. Oft. (WB.) Gegenüber den in den letzten Tagen insbesondere in der ausländischen Presse auftauchenden Gerüchten, daß die deutsche Regierung die Absicht habe, zur Durchführung des Programms von Thoiry die Einberufung einer internationalen Finanzkonfe- renz vorzuschlagen, wird von zuständiger Seite festgestellt, daß diese Gerüchte jeder Begründung entbehren. Ebenso ist die Meldung einer polnischen Zeitung, wonach die deutsche Negierung mit Vorschlägen für die Regelung d e r Ost- fr a g e an die anderen Machte herantreten wolle, selbstverständlich völlig aus der Luft gegriffen.
Zu dieser halbamtlichen Mitteilung bemerkt die „Tägliche Rundschau", daß diese Gerüchte auf einer völligen Verkennung der Sachlage be-
Für die Freiheit der Wirtschaft.
Das internationale Wirtfchaftsmanifest und der Versailler Vertrag.
Der Appell zur Beseitigung der Einengung des europäischen Handels ift sicher ein Vorstoß gegen den Versailler Vertrag. Rahezu sieben Jahre ist dieses bösartigste Instrument, das die neueste Geschichte kennt, in Kraft, ilnö diese sieben Jahre haben genügt, der Wirtschaft Europas außerordentlich schwere Wunden zu schlagen. Tie Sieger sind nicht besser daran, als die Besiegten. Es gibt ja auch kaum eine wirtschaftliche und politische Torheit, deren Riederschlag sich nicht im Versailler Vertrag findet. Angefangen mit der Zerreißung geopolitisch bedingter Wirtschaftsgebiete, gipfelt der Vertrag in dem Widersinn, der Teutschland zwingt, im Verhältnis zum Gesamtwarenaustausch erhebliche Warenmengen ohne Gegenleistung in den Wirtschaftsorganismus zu stoßen. Der Versailler Vertrag hat nicht nur gewachsene und gewordene Wirtschaftsgebiete zerrissen, er hat auch neue Staaten geschaffen, die wirtschaftlich unfertig, ohne den Rückhalt eines einigermaßen ausreichenden eigenen Marktes den Produktionsprozeß nachhaltig gestört haben und noch stören.
Ter ökonomische Widersinn des Versailler Vertrages hätte sich schon früher als gemeingefährlich offenbart, hätte eben dieser Vertrag nicht Teutschland auch gezwungen, jahrelang seine Grenzen für den ungehinderten Zustrom offen zu lassen. Frankreich, die Tschechoslowakei, Belgien und Polen haben die wirtschasts- und handelspolitische Wehrlosigkeit Deutschlands gründlich ausgenuht. Der Ruhreinbruch, der ein Verbrechen an der Wirtschaft Europas, also nicht nur Deutschlands war, hat den Versailler Vertrag, der den Ruhreinbruch möglich machte, als das gekennzeichnet, was er ist: als Wahmvih.
Die europäische Wirtschaft, die eng und unlösbar in die Weltwirtschaft verflochten und verschlungen ist, war vor dem Kriege ein sorgfältig ausgebauter Organismus. So hoch entwickelt dieser Organismus auch schon war, so war er doch keine Vollendung. Unablässig wurde an ihm gebaut, um die gegebenen großen Wirtschaftsgebiete räumlich und enger zusammenzufassen. Es sei nur an den mitteleuropäischen Wirtschaftsblock erinnert, der kein Luftgebilde war, sondern auf harten Tatsachen sich gründete. Auch für Westeuropa waren Pläne der Zusammenfassung der wirtschaftlichen Energien vielfach ausgearbeitet und erörtert worden. Der Versailler Vertrag ging an dem geschichtlich Gewordenen ebenso vorbei, wie er geopolitisch bedingte Grenzen mißachtete. Er riß E l s a ß - L o t h r i n g e n aus der Wirtschaftseinheit des Deutschen Reiches, mit dem Erfolg, daß die lothringische Industrie ohne den deutschen Markt heute nicht leben kann. Roch verhängnisvoller war die Abtrennung des Saargebietes, dessen einzig geartete Entwicklung nur möglich war, weil das gewaltige deutsche Wirtschaftsgebiet einen fast unbegrenzt aufnahmefLhigen Markt bot. Allen Warnungen zum Trotz wurde Oberschlesien zerrissen, das nicht nur eine einzige Werkstatt war, sondern den deutschen Markt gerade so gebrauchte, wie etwa England die Schiffahrt.
Dor dem Kriege gab es auf dem Festland, vom Balkan abgesehen, fünf große Staaten, die vielfach sich wirtschaftlich einander ergänzten. Belgien und die Riederlande waren die Durchfuhrgebiete, deren Wohlstand dabei besser fuhr, als heute Belgien mit seiner hochgezüchteten Industrie. Heute ist das Festland Europa in zwanzig Staaten zerrissen, von denen die neuen Staatsschöpfungen wirtschaftliche Zwangsgebilde sind, die im handelspolittschen Wettbewerb bei gegenseitiger Entfaltung aller Energien erdrückt werden müssen/ Polen leistet sich einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland, weil Deutschland sich mit Recht weigert und weigern muß, der lebensunfähigen polnischen Industrie die Tore sperrangellve'.t zu offnen.
Das Manifest macht sich die Sache doch etwas einfach, wenn es glaubt, die Zerstörung der euröpäischen Wirtscha.t durch Riederlegung der Zollmauern ausheilen zu können. Cs ist doch wohl kein Zufall, daß selbst England, das noch immer von der Legende des Freihandels umstrahlt und umglänzt ist, einen sich im ganzen sehr achtunggebietenden Zollpanzer umgegürtet hat. England hat noch mehr getan: es hat auf die deutsche Einfuhr die fogenannta Wiederherstellungsabgabe gelegt, die zwar in den Rahmen des Dawesplanes paßt, nichtsdestoweniger die deutsche Einfuhr nach England stark behindert. Das ist nicht nur das eine. Das andere ist, daß die ökonomischen Ungleichheiten in Europa noch so groß sind, daß ohne deren Abschleifung eine europäische Zollunion schlechterdings unausführbar ist. Ein finanziell und wirtschaftlich zerrüttetes Land wie
Polen verschleudert seine Ausfuhr, um überhaupt Absatz zu finden. Frankreichs und Belgiens Währung ist zerrüttet, aber gerade deshalb die Voraussetzung für einenAu- ßenhandel, der in diesem Umfang bei normalen Verhältnissen sich nicht aufrecht erhalten ließ.
Frankreichs Wirtschastsführer, die das Manifest unterzeichnet haben, haben zwar in einem Zusatz erklärt, daß es heute für einen Staat unmöglich ist, zu leben und zu gedeihen, ohne mit den anderen Staaten Handelsbeziehungen zu unterhalten. Aber gerade Frankreich macht immer neue Einwände und Schwierigkeiten, sofern es gilt, diese Handelsbeziehungen auszubauen und vertraglich festzulegen. Es ist noch keinem Staat gelungen, in die starren Zollmauern Frankreichs Breschen zu legen, da die französische Handelspolitik wohl Zugeständnisse eintauschen, aber solche nicht gewähren will. Der Rohstahlvertrag konnte nur abgeschlossen werden, weil die lothringischen Cisenindustriellen der französischen Regierung klar machten, daß sie ohne den deutschen Markt ihre Werke schließen müßten. Das Manifest kann Bedeutung gewinnen, wenn die Männer, die es unterschrieben haben, s i ch für die Durchführung einsehen. Zunächst in ihrem eigenen Lande, was beispielsweise für England gilt, das nicht nur Freihandel predigen, sondern auch gewähren soll. Mit der Riederlegung der Zollschranken allein ist es nicht getan. Es muß auch eine gewisse Angleichung und Ausgleichung der Produktionsverhältnisse und Produktionskosten erfolgen.
„Ein Ausfluß des gefunden Menschenverstandes".
Reichsbankpräsident Dr. Schacht über die Bedeutung des Wirtschafts-
Manifestes.
München, 19. Off. (TU.) Reichsbankpräsident Dr. Schacht, der mit zu den Mitunterzeichnern des Internationalen Ivirtschaftsmanifestes gehört, gab beute einem Vertreter der Telegraphen-Union zu dem Manifest die nachfolgende Erläuterung:
„Das Dirtschaftsmanisefl, das von führenden Wirtschaftlern aus 16 vermiedenen Ländern unterzeichnet worden ist. kann in seiner Bedeutung unmöglich unterschätzt werden. Die wirtschaftlichen ?Persönlichkeiten, die ihren Namen unter dieses Mani- est gesetzt haben, haben es zweifellos nach reiflicher Ueberlegung getan. Ein Beweis dafür ist. daß die Sammlung der Unterschriften und die Bearbeitung des definitiven Textes etwa ein halbes Jahr in Anspruch genommen hat. Daß aucharnerikanische Namen sich bereitgesunden haben, diesem Manifest beizutreten. kann selbstverständlich nicht als eine amerikanische willkürliche Beeinflussung europäischer Verhältnisse gedeutet werden, fonbem ist nach der Richtung zu werten, daß von Vertretern eines Volkes, das über einen freien und unbehinderten Markt von 110 bis 120 Millionen Menschen verfügt, zum Ausdruck gebracht wird, welche unerhörten Auftriebskräfte von einem fo großen einheitlichen Wirtschaftsgebiet für die Wohlfahrt aller darin arbeitenden Individuen ausgehen. Selbstverständlich drücken die Unterzeichner dieses Manifestes, welchem Lande sie auch immer angehören mögen, nur ihre persönliche Ueberzeuguna aus. Daß die Regierung dieses oder jenes Landes sich mit den Unterzeichnern nicht zu identifizieren denkt, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber deswegen verliert dieses Manifest nichts von seinem Wert. Wir haben alle noch in zu lebendiger Erinnerung das Beispiel des Dawesberichtes. 2tls die Weisheit der Regierungen zu Ende mar, hatten wir es nur einer kleinen Gruppe von führenden internationalen Wirtschaftlern zu danken, daß ein wirtschaftlicher Ausweg aus den politischen Schwierigkeiten gefunden wurde. Denn heute Tlamen, wie diejenigen, die unter dem Manifest stehen, aus 16 Ländern für die wirtschaftliche Freiheit eintreten, so kann dies gewiß in der politischen Wagschale nicht seinen Einfluß verlieren. Wenn das Manifest auf der anderen Seite die wirtschaftlichen Fehler heroorhebt, die Krieg und Frieden gebracht haben, so verliert sich das Manifest doch nicht in historische Betrachtungen über Schuld und Sühne, sondern weist unbekümmert um alles, was geschehen ist, unbekümmert um politische Engherzigkeit, die noch in einzelnen Köpfen stecken mag, den Weg i n die Zukunft, den weg i n das Freie. Das Manifest ift nicht eine Auslastung der Regierenden, die durch alle möatichen Fesseln in ihrer Freiheit behindert sind; es ist ein Ausfluß des gefunden Menschenverstandes aller Völker, die den weg zur wirtschaftlichen
und damit zur geistigen Zusammenarbeit srcimachcn wollen.
Die Auffassung öes Präsidenten Loolidge. Neuyork, 19. Ott. (WB.) lieber die Stellungnahme des Präsidenten Coolidge zu dem europäischen Wirtschaftsmanisest berichtet Associated Preß aus Washington: Coolidge ist der Ansicht, daß zwischen den Methoden und Zielen der Zollsysteme der europäischen Staaten und dem Zollsystem der Bereinigten Staaten ein beträchtlicher Unterschied besteht. Der Präsident zweifle, ob durch Aenderung der Zollsysteme viel zur Belebung des europäischen Handels geschehen könne, ohne daß die Stellung Amerikas und seine Lebenshaltung beeinträchtigt würden. Coolidge ist der Meinung, daß das Manifest im wesentlichen die europäischen Staaten angehe, insofern in ihnen die Lebensbcdin- gungen keine weitgehenden Verschiedenheiten auf- wiesen und daher die Zollmauer nicht in derselben Weise wirkten wie in den Vereinigten Staaten.
Skepsis in Amerika.
Reuhork, 20. Olt. (WTB. Fumspruch. Reuter.) Hier wird tem W.rtschaftsmamfest keine besondere Bedeutung beigemessen. Ein führender Bankier bezeichnete das Manifest als ein harmloses und von frommen Wün- schen erfülltes Plädoyer. John Mitchell, der mit zu den Unterzeichnern des Manifestes gehört, erklärte, die vielfältigen, d:m Handel in Europa auferlegten Beschränkungen seien d c gesamteuropäischen wirtschaftlichen Wohlfahrt äußerst schädlich und hätten schon vor langer Ze t beseitigt werden müssen. Wie behauptet toirö, ist der Gedanke des Wrrtschaftsmanifestes im vergangenen Frühjahr in britischen Bank'.erskrei'en entstanden und man habe amerikanische Geschä'ts- leute um ihre Unterschrift ersucht, wohl mehr in der Absicht, dem Plädoyer größere moralische Stoßkraft zu geben, als um di? beteiligten Amerikaner auf ein scharf umrissenes Programm festzulegen.
Das Echo in England.
London, 20. Oft. (WTB. - Funkspruch.) Die meisten Morgenblätter nehmen in Leitartikeln zu dem Wirtschaftsmanifest Stellung. Die liberale Presse begrüßt es naturgemäß mit Wärme. »Daily Rews" spricht von einer historischen Botschaft, die eine meisterhafte älebersicht über die wirtschaftliche Lage biete. „Westminster Galette" hofft, eine der Wirkungen des Manifestes werde sein, die Vertreter des Freihandels in ihrer Stellung gegenüber dem gegenwärtigen Kabinett zu stärken, das leider begonnen habe, sich von dem Grundsatz des Freihandels zu entfernen. Lloyd Georges Blatt „Daily Chronicle" meint, die britischen Freihändler mußten ihre Befriedigung über die starke und weitverbreitete Bewegung gegen die Tarifmauern empfinden. Llnglücklicherweise werde Großbritannien gerade jetzt meßt von einer Regierung geführt, die feiner traditionellen Politik treu sei. Das Arbeiterblatt „Daily Herald" tagt, man stehe hier einem Versuch des Kapitalismus gegenüber, sich durch Konzentrierung, Zentralisierung und Reorganisierung der Produktion und des Handels Europas durch eine kleine Gruppe allmächtiger Danken zu befestigen.
Mißtrauen in Italien.
Rom, 19. Oft. (WTB.) Das Manifest des internationalen Danktrustes findet in der italienischen Presfe keine sehr günstige Ausnahme. Die „Lavora d'Italia" sieht darin eine Verschwörung des internationalen Judentums, das alle Länder unterjochen wol.e. Das Blatt erklärt, es wolle keinen antisemitischen Kreuzzug heraus- befchwören. Wenn aber diese jüdische Offensive nicht aufhöre, so müßten die Juden, die diesem Plan günstig gesinnt seien, als feindliche Ausländer behandelt werden. — Die „Tribun e“ und „Giornale d'I t a l i a“ meinen, der Ausruf stehe im engeren Zusammenhang mit der heutigen Trust - und Kartellbewegung und versuche, ihren Zusammenhang und Tragweite sowie ihre Endziele zu verschleiern. Diese verbergen sich unter der Maske des europäischen Wirtschastösriedens und unter dem Vorwand der Vorbereitung der Vereinigten Staaten von Europa, liefen jedoch nur auf den Schuh der wenigen Staaten hinaus, die schon über fortgeschrittene Industrien verfügten. Das wichtigste Problem für Italien sei, die gerechte Verteilung derRohstoffe, Aufhebung aller Ein- wanderungseinschränkungen und die Abschaffung aller Arten von staatlichen Subventionen
ruhten. Wie bekannt, hat das Reichskabinett beschlossen, die durch das Programm von Thoiry aufgeworfenen Fragen zunächst einmal einer eingehenden fachmännischen Prüfung zu unterziehen. Damit ist ein Kabinettsausschuß betraut worden, der sich aus dem Reichsminister des Aeußeren, dem Reichsfinanzminister und dem Reichswirtschaftsminister zusammensetzt, und zu dessen Beratungen auch der Reichsbankpräsident Dr. Schacht hinzugezogen werden soll. Auch auf französischer Seite wird das Verständigungsprogramm vorerst nach seiner technischen Seite
hin geprüft, und auch dort sind Sachverständige mit dieser Vorarbeit betraut.
Die Sprachenfrage in E faß-Lothringen.
Poincar6 über seine Reiseeindrncke.
Paris, 19. Oft (WB.) Ministerpräsident Poincar 6 hat an den Rektor der Straßburger älniversität ein Schreiben gerichtet, in dem er feine Eindrücke zur Sprachenfrage
aus seiner elsaß-lothringischen Reise zusammen- faßt. Er erklärt zunächst, daß die im il nter » richt des Französischen erzielten Fortschritte unbestreitbar alle Erwartungen übeif.legen. Der Unterricht in der Mehrzahl der elsässischen Schulen und in einem Teil der lothringischen Schulen sei und mü'fc zweisprachig sein. Vor 1371 habe Frankreich immer den Provinzen, die ihm durch den Frankfurter Verttag fortgenom- men seien, ihre Gebrauche und ihren „Dialekt" belassen. Das republilanische Frankreich hab« seinerseits diesen Gebieten versprochen, ihre Tra-


