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F
Gießener
Eegenwarts- und Zukunftsaufgaben.
t. Der Verkehrsverein Gießen hielt am Dienstagabend im „Prinz Carl" eine außerordentliche Mitgliederversammlung unter der Leitung des ersten Vorsitzendem Stadtv. Schmieder ab. Nach den einleitenden Worten des Versammlungsleiters, der besonders die rege Mitarbeit der Geschäftswelt forderte, zu deren Besten sich die Arbeit des Verkehrsvereins ja in erster Linie auswirke, erstattete der Schriftführer, Verwaltungssekretär Maus, den Bericht über die jüngste Gesamtausschußsitzung des Vereins, woran sich eine kurze Aussprache anschloß.
Hierauf hielt das Vorstandsmitglied, Redakteur B l u m s ch e i n , einen etwa listündigen Vortrag über „kommunale Gogenwarts- und Zu k un fts a uf ga b e n". Der Redner ging bei der Besprechung der
drängenden wichtigen Gegenwartsaufgaben von dem städtischen Voranschlag für das lausende Jahr aus. Er hält die in dem jetzigen Haushaltsplan vorgesehenen Beträge zur Erfüllung der drängenden Aufgaben der Stadt für außerordentlich knapp bemessen, ein Umstand, der nicht dazu beitragen könne, eine befriedigende Entwicklung unserer kommunalen Verhältnisse zu gewährleisten. Allerdings habe die Stadt durch die Auswirkung der Steuersenkungsaktion des Reiches und durch den Fortfall der G e t r ä n k e st e u e r ein wesentliches Minus an Einnahmen, das, ebenso wie die höheren Polizeilasten, nickt durch neue Steuern aufgebracht werden könnte. Zu den wichtigsten Ausgabeposten des Voranschlags übergehend, bedauerte der Referent zunächst, daß für die Straßenerneuer un g nur 200 000 Mk. vorgesehen seien, ein Betrag, der bei dem schlechten Zustand unserer Straßen keineswegs genügend sei. Auch der Betrag für die S t r a ß e n u n t e r h a l- tung in Höhe von 140 000 Mk. fei viel zu gering. Redner kam dann auf die unzureichende Straßenbeleuchtung zu sprechen, wodurch in einzelnen Teilen der Stadt den lichtscheuen Elementen das strafbare Handwerk erleichtert werde. Erfreulich sei, daß jetzt hierin Wandel geschaffen werden solle; hoffentlich werde das gründlich geschehen. Die jetzt in die Wege geleitete Motorisierung des Straßenreinigungsbetriebs sei, auch vom hygienischen Standpunkt, dringend notwendig, es erschien daher unverständlich, daß man derartigen Bestrebungen, die auch wirtschaftlich von Bedeutung seien, teilweise Widerstand entgegengesetzt habe. Der Referent berührte hierauf die Wohnungsfrage, bei der eine durchgreifende Besserung erst zu erwarten sei, wenn genügend Mittel zur Wiederbelebung des privaten Baumarktes zur Verfügung ständen. Bis zu diesem Zeitpunkt müsse aber die Stadt nach besten Kräften zu helfen suchen. Ein dringendes Bedürfnis sei die Schaffung eines Luft- und Sonnenbades. Hier gelte es, die Lehren der Reichsgesundheitswoche zu befolgen. Allerdings fei die Lösung der Platzfrage etwas schwierig, doch dürfe dadurch die Sache nicht allzu lange hinausgeschoben werden. Ebenso notwendig sei die Verlegung unserer Badeanstalten; als geeigneter Platz käme vielleicht ein Stück der Lahn in der Nähe des Felsens in Frage. Der Redner hält ferner die Anlage von Kinderspielplätzen in verschiedenen Stadtteilen für erforderlich. Eine weitere sehr wichtige kommunale Aufgabe sei der Ausbau unserer Viehmarkte. Unsere Nachbarstädte arbeiteten in dieser Hinsicht sehr rege. Wir müßten uns den Vorsprung kräftig zunutze machen, den wir in un- fcrer günstigen Eisenbahnlage besitzen. Besonders müsse die Verlegung des Viehmarktplatzes ernstlich ins Auge gefaßt werden. Redner kam dann auf die im Frühjahr und Herbst auf dem Oswaldsgarten stattfindenden Messen zu sprechen, deren Ausdehnung nicht von allen Teilen der Bevölkerung gebilligt werde. Er hält eine Verlegung dieser Veranstaltungen an die Peripherie der Stadt für dringend erforderlich. Auch eine Einschränkung der Zahl der Warenverkaufsstände sei ratsam, denn die hierbei von der Stadt erzielten Einnahmen ständen nicht im Verhältnis zu dem Nachteil, den viele hiesige Geschäftsleute durch die Abhaltung derartiger Ver- kaufsmessen erleiden. Die Stadt habe in erster Linie die Pflicht, die einheimischen Gewerbetreibenden stcuerkräftig zu erhalten. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Referent den z. Z. im Vordergrund des Interesses stehenden S ch u l h a u s-
neubaufragen. Er erwähnte die teilweise jeder Beschreibung spottenden Verhältnisse, die einer schleunigen Aenderung dringend bedürften. Wegen der Finanzfrage dürfe die Lösung dieser Aufgabe nicht mehr länger verschoben werden. Die Mittel seien auf dem Anleihewege zu beschaffen. Endlose Debatten des Kuratoriums über Einzelfragen müßten jetzt wirklich aufhören. Wenn man sich in den Ausschüssen über die Platzfrage, die Art des Gebäudes ufw. nicht einigen könne, möge die Stadtverwaltung selbst ein Projekt ausarbeiten und der Stadtverordnetenversammlung zur Genehmigung vorlegen, auf diese Weise den gordischen Knoten einfach durchhauend. Redner kam ferner auf unser Stadttheater zu sprechen. Er bedauerte außerordentlich, daß der hessische Staat für dieses einzige Theater in Oberhessen nur einen jährlichen Zuschuß von sage und schreibe 5000 Mk. gewähre, während das Landestyeater in Darmstadt von dort 500 000 Mk. erhalte. Die Leistungen unseres Stadttheaters kämen doch nicht nur unserer Stadt, sondern auch der Umgebung zugute. Es müsse deshalb angestrebt werden, daß der Staat mehr als bisher für unser Theater aufbringe. Ferner seien andere neue Wege zu beschreiten, über die ja wohl in Kürze verhandelt werden würde.
Im zweiten Teile seiner Ausführungen beschäftigte sich der Referent dann mit einer Reihe von
Zukunfksfragen.
Er erwähnte zunächst den in Aussicht stehenden neuen Stadtbebauungsplan, der für die Entwicllung unserer Stadt auf Iahrzehnte hinaus von außerordentlicher Bedeutung sei. Seither habe man leider nicht nach einem großen Generalplan gearbeitet. Wenn die Bautätigkeit wieder auflebe, müsse ausgeschlossenes Baugelände in weitem Ausmaß vorhanden sein. Reben der Erschließung von Wohnungsbau- l a n d sei aber auch die Schaffung von I n d u - striebauland dringend erforderlich. Es dürfe nicht heißen, Dlniversität oder Industrie, sondern Llniversität und Industrie. Die Industrie bringe Arbeitsgelegenheit und fördere die Kaufkraft der Bevölkerung, augenblickliche Konjunkturerscheinungen dürsten diese grundsätzlichen Erwägungen nicht beeinflußen. Redner kam weiter auf die notwendige Erweiterung unseres Straßenbahnnehes zu sprechen. Er bedauerte, daß die Linie Gießen—Wieseck seinerzeit nicht zustande gekommen sei, hält aber die derzeitige Regelung nur für eine Zwischenlösung. Auch eine Weiterführung der Straßenbahnlinie nach Klein-Linden und Allen- darf a. d. Lahn, sowie nach Heuchelheim bzw. Krofdorf sei in absehbarer Zeit ins Auge zu faßen. Redner kritisierte bei dieser Gelegenheit die Derhältnisse bei der Bieber- talbahn und bedauerte, daß die Stadt ihr früher gebotene günstige Gelegenheit zum Erwerb dieses Betriebes nicht ausgenutzt habe. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen besprach der Referent die unbedingt notwendige Verlegung der Retchsbahn aus dem Stabtbereich hinaus. Er hält eine Verlegung der Oberhesstschen Bahn bis hinter den Bergwerkswald und Herstellung einer Verbindung Rödgen — Annerod — Leih- gestern — Großen-Linden für vorteilhaft, um auf diese Weise den Güterverkehr aus dem Vogelsberg vom Personenbahnhof abzuleiten. Auch eine Verlegung der Main--Weser-Bahn hält er siir notwendig; wenn auch die Stadt bei beiden Projekten finanzielle Opfer bringen müsse, die aber teilweise wieder durch Geländeaewinn ausgeglichen würden. Der Redner besprach dann die sehr wünschenswerte Wieseckregulie- rung, nach deren Beendigung die Schaffung einer Parkanlage in dem Wiesengelände hmter den Iustizgebäuden nach dem Philosophenwald zu ins Auge zu fassen sei. Er behandelte dann weiter die Frage der Eisenbahnverbindung von und nach Gie- ß e n, bedauerte, daß trotz energischen Einspruchs des Verkehrsvereins und anderer Körperschaften für unsere Stadt wertvolle Züge ausgefallen sind, auch wichtige Fernzüge nicht in Gießen halten. Auch die Wiedereinführung der Eil- zugverbtndung Gieß en —Alsfeld —
Das lachende Haus.
Roman von Sophie Kloerß.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Na also, Mutter, sie ist da mit Freunden zusammen, das ist alles."
„Sie ist nicht mit Freunden zusammen. Ihr ist etwas zugeftoßen. Und sie braucht mich. Ich gehe."
„Du fährst wenigstens!" sagte Ille energisch. „Vorhin ging das Schaukelpferd den Heckenweg runter zu Grän. Und Qualmann auch. Die sitzen da den Nachmittag beim Skat. Der lange Heider wird wohl auch dabei sein. Einen von ihnen werd' ich hochkriegen, daß er dich fährt."
„Das sollen sie nicht. Ille — hör' doch--"
Aber Ille fiel es gar nicht ein, zu hören, was sie nicht hören wollte. Sie hatte ein Tuch übergeworfen und jagte aus der Hintertür hinaus in den Schnee, durch den Garten, über Wiese und Deich, in zwei Minuten hinunter zu Grön.
Ein Tabaksqualm zum Schneiden im Gastzimmer. Eine Wärme, als sollte der Ofen platzen, durch den Qualm undeutlich wahrnehmbar im Ofenwinkel Mutter Grön mit dem Strickstrumpf, hinter der Theke ihr Mann mit der Zeitung, unter der Mes- singhängelampe, noch ganz altmodisch, drei Männer beim Skat.
„Sechs", sagte Heider Steffen.
„Acht!" rief Christian.
„Zehn", übertrumpfte Steffen, denn er hatte ein Treffsolo mit drei Matadoren in der Hand.
„Zwölf, achtzehn, zwanzig", und Christian warf seine Karten auf den Tisch. „Null ouvert, und ich bin am Ausspielen. Da kann keiner gegen. Grön, darauf muß ich einen neuen Grog haben. Aber einen steifen."
„Der Mann hat heut' ein unverschämtes Glück", kopfschüttelte der Tierarzt. „Na, die Frau macht' ich nicht haben, die Sie mal heimfuhren müssen, Christian."
„Sie sind auch mit Ihrer verehrten Gemahlin ausreichend versehen, Qualmann. Grön, wer kommt denn da noch ins Haus bei dem Wetter?"
Die Tür draußen flog knallend — vom Sturm gerissen — gegen die Wand. Als der Wirt die Stu-
bentür öffnete, stand Ille, heiß vom Lauf und schnee- bepudert, davor.
Die drei Herren svrangen auf. Jeder hatte den Gedanken: Im lachenden Haus hat es ein Unglück gegeben.
„Fräulein Ille! Was ist los? Wem ist etwas geschehen?"
„Regen Sie sich nicht auf, bitte! Niemand ist was geschehen. Aber meine Mutter ist in Unruhe um unsere Schwester in Hamburg und will durchaus noch zum Zug nach Redebüll gehen."
„Ausgeschlossen in dem Sturm."
„Sie läßt es sich nicht ausreden. Da haben wir uns gesagt, einer von Ihnen wird sie wohl fahren--"
„Sofort, Fräulein Ille, sofort."
„Natürlich fahr' ich sie." Dann stutzten beide. Christian bedachte, daß fein Wagen veim Schmied war wegen eines zerbrochenen Rades, und Steffen rechnete hastig, wie lange es dauern würde, bis er telephonisch von Gottesgabe einen Wagen herüberbeordert hatte.
Ille wußte Rat. „Unser alter leichter Wagen steht doch in der Scheune. Bei diesem Unwetter ist er noch lange gut. Und du holst eüre Pferde, Christian."
„Ich fahre Ihre Mutter."
„Nein, ich fahre deine Mutter."
„Um Himmels willen, fahrt alle beide, nur daß wir keine Zeit mehr verlieren. Dalli, dalli'. Sie geht uns sonst doch zu Fuß aus dem Hause."
Der Tierarzt schob die Karten zusammen; denn allein mit Grön Sechsundsechzig zu spielen, daran lag ihm nicht viel. Christian stürzte noch hastig den Grog hinunter, verbrannte sich den Mund, sauste aus der Tür, die Pferde zu holen. Heider ging mit Ille durch den Garten hinauf und zog den Wagen aus der Scheune.
„Wo ist denn der Katenmann?"
„Auch nach Redebüll, das Begräbnis für die alte Frau bestellen. Ich helfe Ihnen, Herr Steffen."
„Das wär' noch schöner. Machen Sie, daß Sie hineinkommen, Fräulein Ille! Sie haben ja keinen Mantel an."
Dann ging alles in fliegender Eile, und als Frau Margrit — von den Töchtern dick in Mäntel und Decken verpackt — hinten auf dem leichten Wagen
Fulda, sowie Triebwagenverbindung für den Rahverkehr hält Redner für notwendig. 3um Schluffe besprach der Deferent noch eingehend die Frage der Aufbringung der QH111 c l zur Lösung großer kommunal- politischer Aufgaben. Er häll die Inanspruchnahme des Anlelhe Marktes (inländ. Kapitalmarkt) für unumgänglich geboten, auch feien die Verhältnisse augenblicklich für die Gemeinden noch günstig. Wenn erst die Industrie wieder in stärkerem Maße als heute am Anleihe- marlt erscheine, würden die Geldbeschaffungsmöglichkeiten für die Gemeinden weit schwieriger und teurer sein. Die Durchführung großer Aufgaben durch die Stadt trage übrigens wesentlich zur Belebung des heimischen Wirtschaftslebens bei. wenn man die Aufträge möglichst sämtlich in Gießen lasse. Die Ausführungen des Referenten fanden reichen Beifall.
In der anschließenden
Aussprache
sprach zunächst Beigeordneler Dr. Hamm. Er erklärte eingangs, daß er hinsicytlich der Beurteilung der Kapitalmarktverhältnisse für die Gemeinden mit dem Vortragenden völlig überein» stimme. Ein sehr namhafter kommunaler Finanzpolitiker in Sachsen, mit dem er erst kürzlich gesprochen habe, vertrete ebenfalls dieselbe Ansicht. Weiter machte der Redner zu dem Dortrage in zustimmender Weise eine Reihe ergänzende Ausführungen über Viehmarki-, Schulhausneubau- und Wohnungsbaufragen. Er kam weiter auf den Stadt-Bebauungsplan zu sprechen und bemerkte dabei, daß die älniversi- tät durch Industrieanlagen natürlich nicht gestört werden dürfe, im übrigen sei auch er der Auffassung, baß es heißen müße: Universität und Industrie. Vor der Wieseckregulierung sei die Lahnkanalisierung notwendig. Er besprach dann kurz die Schwierigkeiten der Verlegung der ober- hessischen Dahn, die aber nicht abschrecken dürften. an diese mit Recht als notwendig bezeichnete Aufgabe heranzugehen, und wies auf die Hemmungen der Bahnanlagen bei der Aufstellung des Bebauungsplanes hin. Weiter äußerte er sich noch zustimmend zur Spielplahfrage und machte einige interessante Mitteilungen über Straßenbahn- und Autoverkehr.
Stadtv. Mann bedauerte zunächst, daß die hiesige Sparkasse jetzt 800 000 Mark nach auswärts verliehen habe, die bei der Erfüllung der dringenden Aufgaben unserer Stadt am Ort gute Verwendung hätten finden können. Er wies ferner auf den großen .Ueberschuß der in Gießen befindlichen qualifizierten Arbeiter hin, der heute nicht in dem Maße vorhanden wäre, wenn man in früheren Iahren bezüglich der Aufnahme von Industrie in Gießen weitsichtiger gewesen sei. Es bestehe für die Stadt unter den jetzigen Umständen keine Gefahr, auf Dem Anleihemarkt größere Verpflichtungen zur Lösung dringender Ausgaben zu übernehmen, außerdem sei die Lage des Kapitalmarktes — er stimme hierbei der Ansicht des Vortragenden zu — für die Kommunen sehr günstig. Allzuaroße Sparsamkeit am unrechten Fleck sei schädlich. Die Straßenunterhaltung lasse sehr zu wünschen übrig, ebenso die Müllabfuhr.
Stadtv. Gastwirt R a h n e f e l d ist der Auffassung, daß die Messen viel Verkehr und auch viele Verdienstmögftchkeiten nach Gießen bringen. Der Getränkesteuer brauche man keine Träne nachzuweinen.
Stadtv. Schwab wies auf die Rachteile der inzwischen gefallenen Getränkesteuer hin, die wenig Möglichkeiten geboten habe, die Steuerpflichtigen zu erfassen.
Stadtv. Prof. Dr. Krausmüller ist der Auffassung, daß die Streitfrage bezüglich der Messen von den Interessentengruppen entschieden werden müsse. In der Schulhausfrage seien die Stadtverordneten nicht an den Hemmungen schuld, sondern die Fachleute seien es, die sich nicht einigen könnten. Im übrigen äußerte er sich unter besonderer Hervorhebung mehrerer Punkte durchaus zustimmend zu den Ausführungen des Referenten, nur ist er der Auffassung, daß es in Gießen keine großen Entfernungen gäbe, daß also gegen die Errichtung eines gemeinsamen Kinderspielplatzes, etwa am Stadtwald beim Trieb, Bedenken nicht bestünden.
Kaufmann Frensdorf findet es unverständlich. daß die Sparkasse 800 000 Mark nach auswärts verleihe, während hiesige Geschäftsleute kein Geld bekommen könnten.
saß und Heider Steffen die Zügel nahm, schwang sich Christian zu ihm huf den Vordersitz. „Dem Pächter die Ehre, die ihm gebührt! Fahren dürfen Sie, aber die Pferde haben drei Tage gestanden und kennen Ihre Hand nicht. Ich bin lieber dabei."
Thora und Ille standen in der Haustür und sahen dem Wagen nach, bis er in der zunehmenden Dunkelheit verschwand. „Ein Unsinn!" schalt Thora. „Laternen haben sie auch nicht mal. Mutter kann sich so grenzenlos schaden mit dieser Fahrt."
„Hier hätte sie sich mit ihrer Aufregung ebenso geschadet. Und du weißt doch, Mutter hat früher auch immer gefühlt, wenn einer von uns etwas fehlte."
„Was soll denn nur mit Rose sein?"
Ille zuckte die Achseln und schloß frostschauernd die Tür.
Heider Steffen hatte eine feste Hand, die unruhigen Tiere spürten sofort den Meister. Sie bissen in die Zügel und nahmen den Weg unter die Füße, doch nach einer Viertelstunde ließ die erste Hitze nach. Der Wind stand ihnen entgegen, der Schnee schlug um die bampfenoen Mäuler und blendete ihre Augen — sie kühlten ab.
Von den drei Menschen auf dem Wagen sprach keiner. Frau Margrit saß und rechnete, mann sie in Hamburg fein würde, wann in der Pension, wann Rose — wenn sie wirklich bei Bekannten war, nach Hause käme —, ja und wenn sie nicht dort war? Und wenn sie nicht kam? — Die stickende Angst hatte ein wenig nachgelassen, aber steinschwer lag das Herz in der Brust. Sie kannte jolche Not, und sie wußte, umsonst war die nicht.
„Da", sagte Christian lakonisch und legte die Hand auf Heiders Arm. „Sankt Elmsfeuer". Mitten in den stiebenden Flocken auf den Pferdeohren winzige Flämmchen. Sie tanzten und verschwanden. Und nun auf dem Rücken des Falben. Heider strich mit der Peitsche darüber hin, sofort war das Leuchten vergangen. Etwas Unheimliches hatte dies lautlose Sichentladen der elektrischen Spannung, die schon den ganzen Tag mit dem Nordsturm über das Land ging.
Eine Stunde — die Hände waren Heider steif geworden an den Zügeln —, da tauchten die hellen Lichtbogen der elektrischen Masten vor der Station auf. Sie halfen Frau Margrit vorn Wagen, Christian
In seinem Schlußwort berührte bet Hefe* r e n t des Abends noch einmal kurz die Ausführungen der Diskussionsredner, worauf der Vorsitzende, Stadtv. S ch w i e d e r. mit herzlichem Dan! an den Vortragenden für seine interessanten und lehrreichen Ausführungen die anregend verlaufene Versammlung schloß.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
f. Kleln-Linden, 19. Mai. Die Bautätigkeit in unserem Orte ist auch in diesem Iahre sehr rege. Sieben Zweifamilienhäuser und ein Einfamilienhaus sind int Rohbau begriffen bzw. fertiggestelft worden, die dieses Iahr wohl alle noch beziehbar werden. Damit ist wieder em guter Schritt vorwärts zur Bekämpfung der Wohnungsnot getan. Erfreulich ist zu beobachten, daß fast alle Häuser in schmuckem Stil und durchweg auf Bauplätzen innerhalb des Ortes errichtet toeröen, was jedenfalls eine große Ersparnis an Straßenbaukosten bedeutet. Diese Belebung des Dauarbeitsmarktes ist um so erfreulicher und anerkennenswerter, als eine Anzahl bisher Arbeitsloser dadurch Beschäftigung fanden. Außer den Wohnhäuser^ ßwb noch eine ganze Anzahl Ergänzungs- und Vergrvherungs- bauten von Hofretten im Gange.
L Wi eseck, 19. Mai. Die letzte Gemeinderatssitzung brachte in ihrem ersten Punkt der Tagesordnung eine Enttäuschung für die in stattlicher Anzahl erschienenen Zuhörer. Zunächst sollte der Voranschlag für 1926 durchberaten werden. Die ©emeinoeratSmitglie- der erklärten aber, ohne vorherige genaue Information nicht an diese Ausgabe Herangehen zu können, und beschlossen, die Beratung des.Voranschlags solange zu vertagen, bis jedem Mitglied eine Abschrift des Voranschlags, d.h. etwa acht Tage vor der späteren Sitzung, zugestellt ijt. In der Aussprache hierüber kam die einmütige Auffassung des Gemeinderats zum Ausdruck. Der Der- tagungsbeschluh wurde einstimmig gefaßt. Begründet wurde die Stellungnahme des Gemeinderats mit den außerordentlichen Schwierigkeiten im Gemeindehaushalt und der deshalb erforderlichen Sorgfalt, mit der ein Voranschlag im Gegensatz zu den Inflationsjahren aufgestellt werden muß. — Im Rechnungsjahr 1926 tritt zum ersten- mal eine Steuerung in Kraft, die bezweckt, daß hilfsbedürftige Personen, die die durch die Sondergebäudesteuer bedingte Mieterhöhung nicht tragen können, durch die Fürsorgeverbände eine sogenannte Mi et- unter st ühung erhalten. Die S)ilf8bebürftig* feit richtet sich nach den Reichsgrundsatzen, die Entscheidungen hierüber werden von der Fürsorgestelle getroffen und ist in jedem einzelnen Falle zu prüfen. Besondere Berücksichtigung finden die Erlässe aus der früheren Praxis und die aus der Wohlfahrtspflege ufw. dauernd Unier- stützten. Hilfsbedürftige Hausbesitzer, bei denen die Voraussetzungen autreßen, erhalten ebenfalls älnterstützung. Da die bestehende Fürsorgekom- mission den gesetzlichen Anforderungen entspricht, wurde diese mit den notwendig werdenden Arbeiten betraut. — Ein hiesiger Einwohner stellte Aufwertungsanspruch für an die Gemeinde verkauftes Baugelände. Rach dem Aufwertungsgesetz kann in diesem Falle eine Auswertung durch älrteilsspruch bis zu 100 Prozent erfolgen. Der Finanzausschuß schlug eine Aufwertung des Anspruches auf 50 Prozent vor. dem wurde vom Gemeinderat zugestimmt. — Die durch das damalige starke Auftreten der Leberegelkrankheit Geschädigten erhielten von der Landwirtschaftskammer einen Kredit von 2500 Mk. Die Bürgschaft hierfür soll von der Gemeinde übernommen werden, was beschlossen wurde. — Die Arbeitslosen reichten einen Antrag ein, nach welchem sie ersuchten, daß 1. gegen die große Rot in Arbeitslosenkreisen umfangreiche Rotstandsar- beiten seitens der Gemeinde ausgeführt werden, und 2. bis zum Pfingstfest an alle Arbeitslosen und Kurzarbeiter eine einmalige Wirtschaftsbeihilfe in Höhe einer Wochenunterstützung gewährt wird. Hierzu verlas der Bürgermeister eine Reihe Erlässe, nach welchen es unstatthaft ist und den Entzug des Reichszuschusses zur Folge hat, wenn Gemeinden ohne individuelle Prüfung an alle Arbeitslosen Sonderunterstützungen zahlen. Einen derartigen
hielt die Pferde, Steffen besorgte das Billett, zwang sie mit freundlichem Zureden, noch eine Tasse heißen Kaffee im Wartesaal zu trinken, — schon hörte man das Pfeifen des v-Zuges.
„Und nun alles Gute auf den Weg, Frau Bunsen. Morgen rufen Sie mich an, und ich hole Sie und das unartige Kind, das Ihnen Sorge macht, mit dem Schlitten von der Station. Daß Sie auf keinen Fall zu Fuß gehen! Auf gutes Wiedersehen!"
Er ging zum Wagen zurück. „Nun dürfen Sie mich nach Hause fahrer), Polematz. Ich vertraue Ihnen mein kostbares Leben an."
„Warten Sie noch einen Augenblick. Der Kellner bringt für jeden von uns einen tüchtigen Glühwein. Ich hab' die reine Gletscherlandschaft auf dem Gesicht-
Heiß war der Trank und stark. Der Wirt hatte auf Christians Anordnung einen tüchtigen Schuß Arrak hineingetan, sie wurden warm, und da der Wind jetzt im Rücken stand, ließ sich die Heimfahrt besser an. Der Schneefall hörte auf, ehe sie Redebüll weit hinter sich hatten, aber die Wolken hingen nach rote vor tief nieder, der Sturm hetzte sie, und einmal kam ein dumpfer Donner.
„Wintergewitter. Na, wenn es heraufkommt, kann das ja nett werden", sagte Christian. Aber er sagte es ohne Aufregung, ihm war von dem starken Trank wieder ganz behaglich. Ein heller Blitz zuckte auf, naher hörten sie den Donner. Die Pferde spitzten die Ohren und trabten schärfer an, Christian faßte die Zügel fester. Es war da eine Stelle an der Straße, wo ein kleines Holz an den Weg herantrat und eine riesige Eiche ihre knorrigen Zweige über die Straße streckte — dort senkte sich plötzlich der Weg, und der Eiche gegenüber stand ein uraltes Steinkreuz. „An der Senke", nannten die Leute den Fleck. Sie sagten, dort fei es nicht geheuer. Das Kreuz fei zur Erinnerung an einen Mord, der einmal vor zweihundert Jahren oder länger dort geschehen sei, errichtet. Das ließ sich nicht leugnen: Gerade an jener Stelle gingen die Pferde der vor- überfahrenden Wagen öfters durch. Heider schrieb das auf das Kreuz, das bei finkendem Abend ge- spenfterhaft am Wege stehe und die Tiere erschrecke. Immerhin sagte er warnend: .Passen Sie an der Senke auf, Christian!"
(Fortsetzung folgt.)


