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Nr. 116 Zweites Biart Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 20. Mai 1926

Tirpitz' Sturz

Von Professor Dr. Fritz Kern, Bonn.

H*).

Die Worte, mit denen der odjöpfer der deutschen Flotte selbst seinen Entschluß, das Amt nicderzu- legen, im Manuskript seines noch unvcrössenllichten zweiten Bandes begründet, sind von geschichtlicher Bedeutung. Sie laufen in der Niederschrift wie folgt:

Die Nachricht, daß der U-Boot-Krieg nicht be schloffen worden sei von der Auffassung des Ad­mirals d. Holtzendorff erhielt ich keine Kenntnis, stellte mich vor den entscheidenden Entschluß. Ich sah mich außerstande, die Verantwortung für die Verwendung unserer Seestreitkräfte, die, wenn auch nicht formell, so doch sachlich auf mir ruhte, unter laichen Umständen weiterhin zu tragen. Da ich bei oieser gewichtigsten Entscheidung, die meiner Auf­fassung nach über den Gewinn oder Verlust des Krieges entschied, völlig ausgeschaltet worden war, konnte ich nicht mehr die Hoffnung hegen, noch irgendwie die Verhältnisse beeinflussen und mit meinem Rate durchdringen zu können. Durch meine ganze Vergangenheit war notwendigerweise eine Mitverantwortung vor mir selbst, vor der Nation und vor der ganzen Welt erwachsen und ein natür­liches Recht, mehr zu sein als bloßer Material- beschasfer oder der Sprechminister im Reichstag. Diese Grundlage meiner Stellung wurde von denen, ' die damals die Geschicke des Reiches leiteten, nicht mehr anerkannt. Ihre kleinlichen Verdächtigungen und Schikanen, so kränkend sie waren, hätten mich niemals veranlassen können, das in schwerster See­not befindliche Reichsschiff zu verlassen. Aber ihre Bemühungen hatten das Vertrauen des Kaisers zu mir völlig vernichtet. Damit hatte meine Stellung leben Halt verloren, sie war unheilbar unterhöhlt. Ich wurde verhindert, weiter mitzuarbeiten und zu helfen, und mußte darum durch klare Trennung von diesem Softem den Anschein vernichten, als ob ich diese selbstzerstörerische Wesen billige und verant­worte. Um die Möglichkeit zu geben, einen den feind­lichen Kriegswillen stärkenden Eindruck im Ausland zu vermeiden, wählte ich die Form der Krank­meldung."

Am 8. März kehrte der Admiralstabschef vom Hauptquartier nach Berlin zurück. Das gab Tirpitz die peinigende Gewißheit, daß in Charleville die von ihm beklagte Entscheidung gefallen war, yhne daß man ihm Gelegenheit gegeben halte, seinen Rat zur Geltung zu bringen. Hofmarschall Graf Platen riet dem Großadmiral, die gewollte Zurücksetzung und Ausschaltung mit dem Abschiedsgesuch zu beantwor­ten. Der Großadmiral wollte aber die mildere Form des Protestes und wählte die Krankmeldung.

Berlin, 8. März 1916.

Euer Kaiserlichen und Königlichen Majestät melde ich Alleruntertänigst, daß mein Gesundheits­zustand sich derart gestaltet bat, daß ich die Geschäfte des Staatssekretärs des Reichsmarineamts nicht mehr zu führen vermag. Ich bin hierdurch gezwungen, mich krank zu melden und hab dementsprechend den Dienst an Admiral Büchse! abgeben müssen.

v. Tirpitz."

Mit der Krankmeldung war, wie Graf Platen sich ausdrückt, dem Gegner eine goldene Brücke gebaut und bei ernstem Wollen die Möglichkeit zum Ein- lenken gegeben. Der Kaiser aber war so ungnädig wie möglich gestimmt. Wie sehr er damals im Gegensatz zu dem späteren Urteil (etwa in seinem in Doorn verfaßten Erinnerungsbuch) gegen den Großadmiral eingenommen war, bezeichnet die kai­serliche Randbemerkung zu Tirpitz' Krankmeldung:

Das dritte Abschiedsgesuch vom Feinde! Am Todestage meines Großvaters'. Sehr taktvoll!"

Der Kaiser wünschte gar nicht, die von Tirpitz offen gelassene Brücke zur Wiederverständigunb zu betreten. Prompt erging der Befehl, das Abschieds­gesuch einzureichen mit den Worten:

Großes Hauptquartier, den 10. März 1916.

Mein lieber Großadmiral von Tirpitz!

Aus Ihrem Schreiben vom 8. d. M. muß ich zu Meinem großen Bedauern entnehmen, daß Ihr Ge­sundheitszustand Ihnen nicht mehr erlaubt, die Ge- fchäste des Reicbsmarineamts weiterzuführen. Indem ich Ihnen ausspreche, wie schmerzlich es mich be­rührt, auf Ihre so wertvollen Dienste, deren Ich stets mitt der größten Dankbarkeit gedenken werde, zu verzichten, will Ich der Einreichung Ihres Ab­schiedsgesuches in Gnade entgegensetzen und bleibe Iyr wohlgeneigter Wilhelm 1. R."

) Dgl. Nr. 113 vom 17. Mai.

Das pfingftmotiv in der llunft.

Don Walther Appelt.

Selbst ausgesprochen kirchlich orientierte Künstler haben nur vereinzelt die zwischen Ostern und Pfingsten liegenden Vorgänge der Evan­gelien gemalt (abgesehen allenfalls von der Him­melfahrt). Die Erscheinung des nach dem Kreu­zestod aus dem Grabe Auferstanbenen mag vielen als unlösbares Problem erschienen fein. Rem­brandt ist eine der wenigen Ausnahmen. Mit der magischen Kraft seines Hell-Dunkel hat er einem Stoff wie »Christus in Emmaus" das denkbar Mögliche abgewonnen. Dürer, der sich in der »Kleinen Passion" mehr an das Zeichnerische hält, bleibt dahinter weit zurück.

Roch größeren Widerstand leistete einer bild­lichen Erfassung die Tlebersinnlichkeit. die von ganzen Jahrhunderten nicht oder falsch verstan­dene Mystik der »Ausgießung des Heiligen Gei­stes". Dieses Erleben des Iüngerkreises war so tiefinnerlicher Art, war so wenig von äußerlich sichtbaren Tatsachen hervorgerufen, daß schon der Bericht der Apostelgeschichte die Rätselhaf­tigkeit des Gescheheirs nicht nur widerspiegelt, sondern geradezu teilt. Ommer wieder ist in­folgedessen vom theologischen, sprachkritischen oder naturwissenschaftlichen Standpunkte aus, von Gläubigen und Zweiflern, versucht worden, das Pfingstwunder" zu deuten. Unö es ist auch ge­lungen, feine Erscheinungen einleuchtend zu er­klären, ohne daß dem religiösen Gehalt des Apostelberichts Gewalt angetan werden mußte. Das Ganze war ein visionäres Massenerleben der in inbrünstig hingegebener Gläubigkeit versam­melten, zu gleichem Fühlen und Denken ver­einigten Jünger. Der Stoff ift aUo im ©e- gensah zu den meisten andern biblischen nicht eben reich an bildmäßig wirksamen Elementen. Er ist so ganz auf einfühlendes Durchdringen gestellt, daß wir eigentlich erst in der Kunst unserer Tage, dec Ausdruckskunst, die Voraussetzungen finden, ihm völlig gerecht zu werden.

Das Abschiedsgesuch des Großadmirals stehl schon in dessenErinnerungen" veröffentlicht. Wie ver­ärgert der Kaiser war, geht aus den Rcmdbemer- kungen hervor, mit denen er auch dieses geschichi- liche Dokument versah. Er fand esnicht gerade sehr ehrerbietig", ein Urteil, das man angesichts der würdigen Sprache des Abschiedsgesuchs kaum teilen kann, und sucht, ähnlich wie er es früher bei Bis­marck versucht hatte, die Bedeutung des Mannes durch kleinlichen Hinweis auf feine doch untergeord­nete äußere Stellung zu verringern. Aber wie es in dem Innern des von Furcht über den Kriegsausgang gemarterten unglücklichen Monarchen aussah, verrät die letzte Randbemerkung:Tirpitz verläßt das sinkende Schiff."

Von geschichtlichem Rang sind auch die kurzen Abschiedsworte der Hauptgegner des Großadmirals an ihn:

Euer Exzellenz geneigtes Schreiben vom 13. dieses Monats habe ich zu erhalten die Ehre gehabt. Ich bedauere aufrichtig die Entwicklung der Dinge, die den Rücktritt Euer Exzellenz von einem Posten veranlaßt, auf dem Sie sich unvergängliche Ver­dienste um den Bau der deutschen Flotte erworben haben. v. Bethrnann Hollweg."

Großes Hauptquartier, den 22. März 1916.

Euerer Exzellenz beehre ich mich für die lieber- mittlung der Nachricht, daß Seine Majestät der Kaiser die Gnade gehabt hat, Sie von Ihren Aem- tern zu entheben, meinen verbindlichsten Dank zu lagen. Ich bin sicher, daß das Andenken an das Wirken Euerer Exzellenz weder in der Kaiserlichen Marine noch im deutschen Volke je erlöschen wird.

v. Falkenhayn."

Ein warmer, edler Tott klingt aus diesen Tagen zu uns in dem Brief, den der Großadmiral an die Kaiserin schrieb:

Ich scheide jetzt dem Willen seiner Majestät ent- sprechend. Ich tue dies ohne Bitterkeit, aber natür- lich mit schwerem Herzen. Unser Land ist schwer be­droht, und ich darf nicht mehr mithelsen, gegen die große Gefahr zu ringen.

Euer Majestät brauche ich nicht zu versichern, daß ich auch in Zukunft Seiner Majestät und un­serem Kaiserhaus ein wahrhaft treuer Mann und Offizier bleiben werde.

Trotz größter Zurückhaltung meinerseits schwir­ren Verdächtigungen verschiedener Art gegen mich herum, die auch an Euere Majestät herangebracht werden könnten. Lei der inneren Bedeutung, die Euer Majestät Auffassung für mich hat, spreche ich die Bitte aus, daß Euer Majestät derartigen Erzäh- lungen kein Gehör schenken möchten. So lange ich noch lebe, werde ich unbegrenzte Verehrung für Euer Majestät im Herzen tragen und verbleibe in tiefster Ehrfurcht Euer Majestät alleruntertänigster

v. Tirpitz."

Wenn der Scheidende hätte ahnen können, daß wenige Monate später Skagerrak doch wieder lichtere Tage für die Marine und erneute Wirkungs­möglichkeit und gestärkten Einfluß für ihn selbst bringen würde, so hätte er wahrscheinlich trotz allem den letzten Schritt nicht vollzogen. Sein Rück­tritt wurde vom In- und Ausland als ein Zeichen für innere Zerfallenheit der Reichsleitung gedeutet und berührte nicht nur b e n Kaiser so, als ob der Stern Deutschlands im Sinken fei.

Faszisten-Gefahr in der Tschechoslowakei.

Das Spiel mit Diklakurplänen.

(Von unserem Korrespondenten.)

P r a g, 21. April 1926.

In den letzten Wochen entfalten die tschechischen sadistischen Organisationen in der Tschechoslowakei eine rege Tätigkeit. Zwar gab es eine Art Parade- faszismus hier schon seit Jahren, aber er be­schränkte sich die längste Zeit darauf, Plakate mit tönenden Kundgebungen an die Wände zu Heben, cber hie und da Umzüge durch die Prager Stra- ßen zu veranstalten, an denen nur die klägliche Beteiligung bemerkenswert war. Der ganze Fa- szistenanhang bestand aus ein paar Hundert halb­wüchsigen Bürschchen, denen die Romantik der Schwarzhemden den Kopf verdreht hat. Die gei­stigen Führer der minderjähriden Heldenanwärter waren von dürftigstem Zuschnitt, denn kein ernst zu nehmender Mann von politischen Fähigkeiten schenkte der Bewegung mehr als belustigte Be­achtung. _______

Deshalb sind Wohl vor allem Künstler wie Balde. Beckmann und andereModerne" dem seelischen Gehalt des Pfingstmotivs in ihren Werken so nahe gekommen. Sie schildern eben nicht nur Vorgänge, geben nicht nur einen Sin- neseindruck. sondern packen das Thema leiden­schaftlich gleichsam von innen heraus. Die bis zur Raserei gesteigerte, dynamische Wucht des Expressionismus ist vielfach auf ungeeignete Ge­genstände angewendet und dadurch diskreditiert worden. Dieser Stoff aber ist wohl doch ihrem Wesen verwandt. (Dafür noch eineandereParallele: wer gewisse formale Eigentümlichkeiten dieses und jenes Expressionisten glaubt als hilfloses Stam­meln abtun zu sollen, der sei daran erinnert, das auch die Sprache der Jünger im Pfingstevange- lium mit der von Trunkenen verglichen wird.)

Schon die früheren, bildlichen Darstellungen der ersten Pfingsten erschöpfen den gewaltigen Stoff um so mehr, je vergleichbarer die allge­meinen Kunsttendenzen ihrer Entstehungszeit denen der Gegenwart sind (die ja den Expressio­nismus nicht erfunden, sondern nur erneuert, frei­lich auch übersteigert und zu Tode gezüchtet hat). Das älteste unter den bekannteren Pfingstbildern ist wohl das Teilstück »Pfingsten" vom sog. »Wildunger Altar" (Soester Schule. Ans. 15. Iahrh.). Der Künstler, der nicht einmal über Abhängigkeiten vom Modell und dergleichen hin- wegkam, konnte feinem Vorhaben oder Auftrag nicht gewachsen sein: vornehmlich fehlt die über­zeugende Einheitlichkeit des Ganzen, die wuch­tige Zusammenfassung. Schon mehr konzentriert der oft reproduzierte Kupferstich des deutschen Monogrammisten S. S. (Ende 15. 3ahrh.). Auch die Architektur weiß er diesen Absichten glück­lich dienstbar zu machen. Dürer dagegen ver­legt wenig später die Szene in£ freie, offene Gelände. Das Ganze wirkt dadurch ele­mentarer. Leider wird dieser Gewinn teilweise wieder aufgehoben durch übertrieben herausge­arbeitete Einzelheiten. Roch mehr stört derlei bei Dürers Schüler. H. L. Scheuffelin, der außerdem auf eine wenig gelungene Rah­menarchitektur zurückgreift,

Seit einigen Wochen ist es jedoch unverkennbar anders geworden. Die tschechischen Faszisten gehen zu Talen über, zunächst freilich auf einem Gebiet, idc sie des Beifalls der tschechischen Patrioten auch nichlsaszistischer Gesinnung sicher fein können. Sie unternehmen nämlich Gewaltakte gegen die bcuifdic Bevölkerung. Wiederholt haben sie in den letzten Wochen das Deutsche Haus in Prag heimgesiichr und dessen Besucher belästigt. Sie erscheinen in deutschen politischen Versammlungen und sprengen sie mit Lärm und Gewaltanwendung. Obwohl cs in der Tschechoslowakei neben den üblichen polizei­lichen Bestimmungen noch ein eigenes Terrorgesetz gibt, das Ausschreitungen aus nationalen oder politischen Gründen unter strenge Strafe stellt, haben sich die Sicherhei-sbehörden bisher so gut roic passiv verhalten. Besonders bezeichnend ist aber, daß sich die Faszisten nicht mehr an die Deutschen allein halten, sondern daß sie jüngst eine Versammlung gegen die laue nationale Gesinnung der führenden Staatsmänner abgehalten haben, in der cs die schwersten Beschimpfungen gegen den Präsidenten Masaryk und gegen den Außenminister Dr. Benesch geregnet hat, ohne daß von den Behörden einge­griffen worden wäre. Das ist ein immerhin beach­tenswertes Symptom. Noch vor einem Jahre wäre es unmöglich gewesen, daß auch nur die geringste Verunglimpfung des Präsidenten Masaryk öffentlich vergeb rächt werde. In solchen Fällen wurden selbst wegen harmloser Bemerkungen scharfe Strafen ver­hängt. Wenn jetzt in einer Faszistenvcrsammlung der Präsident angegriffen werden darf, so muß sich der Wind einigermaßen gedreht haben.

Eine Betrachtung der politischen und wiotschaft- l'chen Lage der Tschechoslowakei ergibt freilich, daß die inneren Voraussetzungen für eine faszistischc Be­wegung hier keineswegs sehr günstig sind, jedenfalls grundverschieden von den Umständen, die den Italic- Nischen Faszismus hervorgebracht haben. Dort fand er zunächst als Reaktion gegen terroristischen So­zialismus und Kommunismus günstigen Boden. In der Tschechoslowakei befleißigen sich selbst die Kom­munisten dezenter Salonmanieren. Auch die wirt­schaftlichen Verhältnisse sind keineswegs Derart, daß eine Diktatur heilsam ober erwünscht erschiene. Wenn man dennoch einen faszislischen Putschversuch nicht aus dem Bereich des Möglichen weisen darf, so hat dies seinen Grund in der gründlich verfah­renen innerpolitischen Lage des Staates und der völligen Versumpfung der parlamentarischen Tätig­keit. Seit den Neuwahlen im November des Vor­jahres hat bas Parlament so gut wie nichts mehr geleistet. Das Parlament kann nicht arbeiten, weil sich keine Mehrheit findet, wenigstens keine solche Mehrheit, wie sie die noch immer maßgebenden Männer des Staates wünschen. Die Handvoll tsche­chischer Politiker, die sich anmaßen, die Wege dieser Republik zu bestimmen ohne Rücksicht, ja geradezu im Widerspruch mit der Struktur des Staates, wol­len nur eine tschechische Mehrheit gelten lassen und sträuben sich mit Händen und Füßen gegen die Her­anziehung der nationalen Minderheiten, vor allem der Sudctendeutschcn zur Regierungsbildung und Damit zur Macht. Eine tschechische Mehrheit ist aber bei den gegebenen Verhältnissen, bei Der so starken nationalen Mischung Der Bevölkerung, Die trotz allen Mahlrechtskünsten in der parlamentarischen Ver­tretung zum Ausdruck kommen muß, nur Dann mög­lich, wenn sich alle tschechischen Parteien zusammen- schlicßen. Es ist ja auch gelungen, eine solche all- tschechische Koalition mehr als fünf Jahre zu ferner» vieren. Inzwischen sinD aber Die wirtschaftlichen unD kulturellen Gegcn|ätze unter Den zusammengespann- len tschechischen Parteien so groß geworben, baß ber Gedanke Der nationalen Hegemonie Die Jnteressen- Ponflifte nicht mehr zu überbrücken vermag. Die Koalition ist nach Den Neuwahlen zerfallen, und feit- her ist man auf Der Suche nach einer neuen all- tschechischen Zusammenfassung. Das erste Auskunfts- mittel scheint zu versagen. Nach Dem Zusammen- brnch Der Koalition hat Die Koalitionsregierung Schwehla Demissioniert, unD es ift ein Beamten- fabinett ernannt worden, in Der Hoffnung, Daß Die Parteien Der alten Koalition Dieses Kabinett stützen mürben. Wochen finb jeboch seither verflossen, ohne Daß es gelungen wäre, ein Einvernehmen herzustel- len. Der Ministerpräsident Czerny verhandelt unaus- gesetzt mit den tschechischen Parteien, aber es ge­lingt nicht, ein allen Parteien genehmes Programm zusammenzustellen. Das Parlament wird nicht ein« berufen, ber ganze gesetzgebenbe Apparat steht still.

Dieser Zustanb geht begreiflicherweise ben Be­teiligten allmählich auf bis Nerven. Neue Projekte werben erörtert. Man erwägt eine Wahlrechtsreform, burch bie bie nationalen Minderheiten geschwächt

werben sollen. Damit hat cs aber seine schwierig- leiten. Denn Die parlamentarische Durchführung Der Reform hat nicht nur mit Dem heftigsten WiDerstanD Der nationalen MinDcrhciten zu rechnen. fonDcrn Die tschechischen Parteien haben selbst allerhand Beden­ken. Wissen sic doch nicht, ob nicht bei einer gewalt­samen Zustutzung Des Wahlrechts nicht Die eine ober ar.Derc Der tschechischen Parteien benachteiligt wer­den würde. Aus einer solchen Atmosphäre ergibt sich wie von selbst der Gedanke an eine Diktatur, und diese Konstellation wollen sich die Faszisten zu­nutze machen. Im Anschluß an ihre Tätigkeit wird dos Problem eines saszistiichen Experiments in der Ocfsentlichkcit erörtert. Die tschechischen Sozialdemo­kraten und die katholische Volkspartei lehnen ein solches Experiment entschieden ab. Die tschechischen Agrarier schweigen. Die tschechische nationalöcmofra- tische Partei, die Dr. Kramarz führt, entpuppt sich als verschämte Anhängerin einer nationalen Diktatur und kokettiert mit dem Faszismus. Diese Partei des äußersten, nationalen Chauvinismus führt die De motralic längst nur mehr als Aushängeschild im Namen und wünscht eine brutale Politik der Jaust. Zweideutig ist Die Haltung^ Der tschechischen Natio­nalsozialisten, Die in Dieser Frage gespalten finb. Die Gruppe Des OrünDers Der Partei, Des Derzeitigen ScnatspräfiDenten Klosatsch, will an Den demokrati­schen Grundsätzen fcsthalten und fürchtet die Geister, die Der Faszismus ruft. Die andere Gruppe, die Der ehrgeizige AbgeorDnete Stribrnp, der gewesene Kriegsminister, führt, ist ben faszistischen MelhoDcn geneigt. Stribrny, ein bemagogisches Talent ersten Ranges, scheint bas Zeug zu einem tschechischen Mussolini in sich zu spüren. Vorderhanb hat Die De- mokratische Gruppe noch Die OberhanD unD Stribrny hat sich Der ParteiDisziplin gefügt. Es ift aUerDings eine Frage, ob er nicht bloß auf ben geeigneten Zeitpunkt wartet, um offen zu Den Faszisten überzu- gehen. Nach seinen bisherigen Erfolgen zu schließen, wäre er wohl trnftanbe, Dem Faszismus viele Tau- fenbe zuzuführen, insbesonDcre Die Eisenbahner, Deren Abgott er ist. Mit Den NativnalDemokraten, die in Der mittleren unD höheren Beamtenschaft star­ken Anhang haben, würbe ein fasztstifches Experi­ment Den Vcrwaltungsapparat in Die HanD be­kommest. Bleibt noch Die Armee. In Dieser Hinsicht sinD die Gerüchte interessant, die wissen wollen, daß Der Derzeitige Generalstabschef Gajda Sympathien für Den Faszismus hat. Freilich ist in Der Armee die Organisation Der Legionäre, Der revolutionären tschechischen Auslandarmee währenD Des Weltkriegs, tonangebenD. DieLegivnäre, Die einen großen Teil Der Offiziers- unD Unteroffiziersposten besetzt haben, finb überroiegenb sozialistisch eingestellt unb begei­sterte Anhänger Des PräsiDenten Masaryk, Der sie im Kriege geführt hat. Masaryk nun ist sicherlich ein geschworener FeinD jeber Diktatur, ein saszisti- scher Putsch müßte ohne unb gegen ibn bur.ygeführt werben, unb in einem solchen Fall erscheint Die Haltung Der Armee fraglich. Die Ungewißheit Dar­über, aus wessen Seite Das Militär treten minDc, ist sicherlich die stärkste Hemmung Der Putschisten. Immerhin ist Die Umsturzgefahr vorhanDen unD man sieht nicht ohne Sorgen Dem für Den Sommer anbe­raumten Sokolkongrcß entgegen, ber viele Tausende von Sofoln, tschechischen Turnern, nach Prag führen wird. Denn die tschechische Tumerschaft, eine straff militärisch zusammengefaßte Organisation, ist von nationalem Kampfgeist erfüllt unb ben nationalifti- scheu Schlagworten ber Faszisten zuminbest zu- gänglich.

Es ist heute noch sicherlich verfrüht, bie Folgen zu erwägen, bie em faszistischer Umsturz in ber Tschechoslowakei nach sich ziehen mühte. Er würbe kaum so schnell wie in Italien zur unbestrittenen Herrschaft gelangen. Dazu sinb, abgesehen von den starken bemokratischen Elementen in ber tschechischen Bevölkerung selbst, bie nationalen Minberbeitcn viel zu zahlreich. Die Wirren, die ein Putsch herbeisüh- ren müßte, könnten leicht gefährliche Dimensionen annehmen. Vielleicht hält diese Erwägung die poü- tisch reifen Kopfe, die Dem Faszismus bisher fehlen, Davon ab, sich in ein höchst ungewisses Abenteuer zu stürzen.

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Gewiß ift es ein nicht allenthalben echtes Pathos, eine streckenweise gestellte Theatralik. die Tizians Gemälde »Ausgießung des Heiligen Geistes" von den eben genannten Werken unter­scheidet. Daneben darf aber auch nicht verkannt werden, daß das Bild doch die streng-sachlich trockene Rüchternheit der schon durch die gra­phischen Techniken bzw. deren damalige An­fangsschwierigkeiten beengten deutschen Meister überwindet, ilnb das muß natürlich ein großer Gewinn fein für einen künstlerischen Vorwurf, dessen Erundton machtvoll hinreißende Glut ist.

Auf den meisten der erwähnten Bilder sehen wir die Taube als Symbol des die Jünger erfüllenden Heiligen Geistes. 3m Psingst- evangelium ist davon nicht die Rede. Vielmehr liegt hier Wohl eine Anleihe bei der Erzählung von der Taufe Christi vor, bei der indes der »Geist" auch nicht a l s, fondern w i e eine Taube niederschwebte. Aber für diese Betrachtung ist das nicht so wichtig. Jedenfalls läßt sich die Taube als Pfingltsymbol bis etwa ins dritte Jahrhundert zurückverfolgen. Demgemäß treffen wir fie auch auf nahezu allen Bildern der Hei­ligen Dreifaltigkeit an. Damit ist ein Tier mit symbolischer Bedeutung in die christliche An­schauungswelt (unb ihre Kunst) gelangt, das seit den Tagen der Arche Roah im Dichten und Glauben der Völker immer wiederkehrt. Dadurch wird die tiefe Verbundeicheit der christlichen Re­ligion mit anderen Kulten bewiesen. Ebenso klar aber geht daraus hervor, daß in der Welt doch etwas wirksam fein muß von der Art dessen, was wir den Sprach- und andere Grenzen überbrückenden Pfingstgeist nennen.

Menschenfreundliche Krokodile.

Das Krokodil, dieses gefräßige Raubtier, gilt für eine der größten Gefahren der Fluhufer in den Ländern, in denen es die Strome be­völkert. Aber es gibt auch gutartige Krokodile, die sich als wahre Menschenfreunde erweisen. Von solchen friedliebenden Krokodilen des Ma- laischen Archipels erzählt Dr, CarthauS in der

Umschau".Shr gewundert hat cs mich," schreibt er,unter den Malaien von Sumatra und Bor­neo die schon im klassischen Altertum verbreitete Ansicht wiederzusinden, daß das Krokodil, wenn es an einem größeren Orte vorbeischwimme, zur Erinnerung daran einen Stein verschlucke. Dieser sonderbare Glaube dürste Wohl mit der Tatsache im Zusammenhang stehen, daß diese gefährlichen Reptilien unverkennbar ein erstaun­liches Orts- und Personengedächtnis besitzen, welches sie gegen gewisse Personen durchaus friedlich stimmt, ja, wie ich verschiedentlich von Eingeborenen hört, so weit geht, daß sie die­selben geradezu beschützen. So sah ich in der romantischen kleinen Bai von Tikus auf Celebes, einsam lebend, ein riesenhaftes Krokodil, mit dem die an diesem Gewässer wohnenden braunen Leute sichtlich auf völlig freundschaftlichem Fuße standen und das sie sogar mit dem Ehrennamen Schutzherr der Dai" belegten. Sie rieten mir als weißem Mann aber an, mich doch lieber in angemessener Entfernung von ihrem 'Beschützer zu halten." Eine ähnliche Beobachtung machte der langjährige Inspektor des niederländisch- indischen Sanitätswesens auf der 3nsel Banka. Er sah eines Tages zu seinem Schrecken, wie eine Schar von Kindern sich unbekümmert zwei großen, über 6 Meter langen Krokodilen näherte, die sich am Ufer bis zur Hälfte in den Schlamm eingewühlt halten. Die Kleinen spielten um die Bestien herum, setzten sich sogar rittlings auf ihre Rücken, und die gewaltigen Raubtiere ließen sich das ruhig gefallen. Hätten sie nicht zuweilen ihren Kops erhoben, behaglich den furchtbaren Rachen aufgesperrt und langsame Bewegungen mit den Schwänzen gemacht, so hätte man sie für leblos halten können. Auf Befragen erfuhr der Europäer, daß die beiden Krokodile sich schon seit einer Reihe von Jahren täglich an derselben Stelle einfänden und noch niemals den Dorfbewohnern ein Leid zugefügt hätten: ja, sie seien sogar mit ihnen so be­freundet, bah sie auch nicht einmal ein Haustier auS dem Dorfe verschlängen, . ,