Ausgabe 
20.2.1926
 
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116. Jahrgang

Samstag, 20. Zebruar 1926

Ar. 43 Erstes Blatt

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Locarnogeist in Oberschlefien.

Deutschlands Eintritt in den Völkerbund scheint sich unter wenig günstigen Auspizien vollziehen zu sollen. Einer der Hauptgründe für die Reichsregie­rung, mit ihrer Locarnopolitik auch den Beitritt zur Liga der Nationen" zu verfolgen, war die Hoff­nung, innerhalb des Völkerbundes besser für die deutschen Minderheiten im Ausland sorgen zu können, namentlich den deutschen Stammesbrüdern in den durch den Versailler Vertrag vom Reichs- körper losgerissenen Gebieten im Kampf um ihre völkliche und kulturelle Eigenart einen festen Halt zu gewähren. Die Ereignisse der letzten Tage zeigten, welche Riesenaufgabe den künftigen deutschen Ver­tretern in Genf hier bevorsteht. In dem, durch den Vertrag von St. Germain von Oesterreich ab­getrennten Südtirol haben die Faszisten mit offener Unterstützung der italienischen Regierung über die 180000 Deutschen eine Gewaltherrschaft ohne Beispiel errichtet mit dem von Mussolini offen zu- gestandenem Endziel der völligen Verwelschung des deutschen Volksteils. In der T f ch e ch o f l o w a k e i, dem typischen Lande eines jahrhundertealten erbit­terten Nationalitätenkampfes, hat die Regierung durch ihre neue Ausführungsverordnung zum Spra­chengesetz zu einem neuen Schlag gegen das Deutsch- tum ausgeholt. Und nun meldet sich auch Polen mit einer neuen Deutschenverfolgung, in dem ihm durch den Spruch der Botschafterkonferenz 1921 zu- gefaUenen Ostteil Oberschlesiens.

Das alles in einem Augenblick, wo Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied in den Kreis der Na­tionen aufgenommen werden soll, wo es selbst daran- geht, seinen eigenen, zahlenmäßig bedeutend schwä­cheren Minderheiten weitgehendste kulturelle Auto­nomie zu gewähren, wo die preußische Staatsregie- rung mit einem, für die Minderheitenpolitik muster­gültig liberalen Schulgesetz für die Dänen in Schles­wig praktisch Hand anlegt. Diese brutalen Willkür­akte, in denen sich Italien, Polen und die Tscheche! zu überbieten trachten, sind wenig hoffnungsvolle Ausblicke für unsere Arbeit im Völkerbund. Die neuen Verfolgungen in Oberschlesien treffen zudem noch zusammen mit Polens Bemühungen, gleich­zeitig mit Deutschland einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat zu ergattern, da es von hier aus jederzeit mit Hilfe feiner Freunde alle deutschen Bestrebungen zum Schutz der nationalen Minder­heiten paralysieren kann.

Gerade Ostoberschlesien ist ein Land, in das der deutsch-polnische Nationalitätenkampf erst in neuester Zeit von außen hereingetragen ist. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß K o r f a n t y , die Seele der Polenaufstände der letzten Jahre, von Geburt Oberschlesier ist. Der Regierungsbezirk Oppeln, um den es sich hier in der Hauptsache handelt, zählte zwar ca. 53 Prozent polnisch Sprechende in seiner Gesamtbevölkerung, aber hiervon stimmte bei den letzten Reichstagswahlen vor dem Kriege kaum mehr als die Hälfte für polnische Abgeord­nete, die andere Hälfte für deutsche Parteien. Und das nimmt nicht wunder, wenn man sich vergegen­wärtigt, daß die Oberschlesier seit Mitte des 14. Jahr- hunderts, also seit mehr als fünfhundert Jahren keine kulturellen oder gar politischen Beziehungen mehr zu Polen gehabt hatten. Sogar die Sprache, das sog. Wasserpolackisch, weist starke dialektische Unterschiede zum übrigen Polnisch auf. Die Ober­schlesier nahmen keinen Anteil an den Kämpfen um eine Wiederaufrichtung- eines nationalpolnischen Staates und unterschieden sich auch hierin von den Polen der Provinzen Westpreußen und Posen, die sich mit den Stamrnesgenossen im russischen Kon­greßpolen eng verbunden fühlten. Die nationale Be­wegung zugunsten eines Anschlusses an den neuen Polenstaat war in Oberschlesien die Frucht einer skrupellosen Agitation, die ihren Sitz in Posen und Warschau hatte. Daß sie so rasch bedeutende Erfolge zeitigte, verdankt sic im wesentlichen den außer- ordentlich ungünstigen sozialen Verhältnissen Oberschlesiens, in dem der Großgrundbesitz und die Großindustrie einen gesunden, starken Bauernstand nicht hatten aufkommen lassen oder, wo er urfprüng- lich vorbanden war, vernichtet hatten. So sind, wenn wir r en statistischen Angaben glauben dürfen, noch i? '\'n Jahren 185080 rund 50 000 Hektar Bauernl.-'nd verschwunden, d. h. zum größten Teil wohl in den großen Latifundien der oberschlesischen Magnaten aufgegangen. Dazu trat, besonders feit ben 70er Jahren, eine in ungesund schnellem Tempo um sich greifende Industrialisierung, die die ohnehin starken sozialen Gegensätze in Oberschlesien noch ver­tiefte, ein Moment, das der polnischen Propaganda nur zu sehr den Weg bereiten hals.

So laggh die Dinge, als die Friedensbedingun­gen von Compiegne den Regierungsbezirk Oppeln, mit Ausnahme der rein deutschen Kreise, den Polen zusprach. Erst der deutschen Friedensdelegation ge­lang es, mit Hilfe Lloyd Georges eine Volksab­stimmung für Oberschlesien durchzusetzen, gegen deren Durchführung sich die Polen mit allen Mitteln zu wehren suchten. Schon im August 1919 brachen an der oberschlestschen Grenze von Polen angezettelte Aufstände los, die die gewaltsame L o s - reißung Oberschlesiens vom Reich be­zweckten, von deutschen Truppen aber blutig nieder­geschlagen wurden. Im Frühjahr 1925 tarn das oberschlesische Abstimmungsgebiet dann unter die Herrschaft der Interalliierten Regie- r u n g s k o,m m i s s i o n , die aus Vertretern Frank­reichs, Englands und Italiens unter dem Vorsitz des berüchttgten Generals Le Rond bestand. Franzö­sische Truppen besetzten das aus dem preußischen Staatsverbanb losgelöste Gebiet, das, unter un­tätigem Zuschauen der Interalliierten Kommission, bald der Schauplatz wildester polnischer' Propa­ganda wurde.

Da trotzdem die Abstimmungsniederlagen in Ost- unb Westpreußen bie Polen um ihren Sieg in Ober­schlesien befürchten ließen, versuchten sie am 17. Au­gust 1920 zum zweiten Male mit der Waffe in der Hand eine für sie günstige Lösung zu erzwingen.

Der Reichskanzler zur Finanzpolitik.

Berlin, 19. Febr. Im Haushaltuusschuß des Reichstages wurde heute in die allgemeine Aussprache über die gestrigen Regierungserklä­rungen eingetreten. Der Reichskanzler und der Reichsfinanzminister wohnten den Derhandlun- gen bei.

Abg. Hertz (S.) erklärte, wenn tatsächlich der Etat so angespannt sei, wie gestern von der Regierung ausgeführt worden sei. daß keine Mehrausgaben möglich seien, dann müsse das Steuersenkungsprogramm der Regierung noch kri­tischer anges^en werden ckks vorher. Zu der vom Finanzminister geforderten Rotgemeinschaft zur Durchführung seiner gewagten Experimente fehle die Zustimmung der Sozialdemokratte. Die So­zialdemokraten seien nicht der Tleberzeugung. daß eine allgemeine Lleberlastung der deut­schen Wirtschaft mit Steuern vorliege. Die Steuer­lasten seien in Deutschland ganz ungleichver- teilt. Die kleineren, und mittleren Unterneh­mungen litten viel mehr darunter als die großen. Einer Senkung der Besitzsteuer kömre er nicht zustimmen. Die Senkung der 11 m - satzsteuer könne die von ihr erhoffte toirt» ^chastsfördernde Wirkung nur haben, wenn damit entsprechende Maßnahmen in der Wirtschafts­politik verbunden seien. Die jetzige Wirtschafts­krise beruhe auf der Absatzstockung. Die Zoll- und Steuerpolitik der früheren Regierung habe die Kaufkraft der breiten Masse tief herab­gedrückt.

Abg. Hergt (Dntl.) führt aus, daß die gestrige Rede des Reichskanzlers und der Mi­nister seiner Fraktton zu einer bestimmten Stel­lungnahme nvch keine Beranlassung gebe. Für die Erwerbslosen müsse sofort etwas geschehen. Für 1927 könne man sich heute noch keine zuver­lässige Schätzung machen. Der ReichsfinEminifter zeige in dieser Beziehung einen großen Optimis­mus. Der Reichsfinanzminister scheine ganz die Möglichkeit zu übersehen, daß auch neue Aus­gaben entstehen können. Wie denke er sich deren Deckung?

Reichskanzler Dr. Luther:

Das Programm der Regierung wird gan- fest bestimmt durch die Lleberzeugung, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir eine grund­sätzlich andere Stellung zu unserer Steuerpolitik einnehmen können und müssen als im Herbst 1923. Damals war das große Vor­zeichen unserer Finanzpolitik: Rettung und Schuh d er Währung! Erst die Einführung der Goldwährung und das Hereinkommen aus­ländischer Anleihen konnten unsere Steuerpolitik allmählich in aridere Bahnen weisen. Schon so- sofort nach dem Abschluß des Londoner Ab­kommens hat ein planmäßiger Abbau der Umsatzsteuer begonnen. Rachdem jetzt auch der große Prozeß der Reinigung der Wirtschaft von künstlichen Existenzen weit vorgeschritten ist nicht ohne schwere und schmerzliche Opfer ist jetzt an Stelle der Währung ein Vorzeichen unserer Politik die Wirtschaft. Es gibt jetzt nach Ansicht der Reichsregierung überhaupt keine andere Wahl, als sich auf den Boden zu stellen, daß wir den im Grunde gefunden Teil der Wirtschaft mit allen Kräften wieder aufbauen müssen. Damit die Wirtschaft sich erholen kann, wollen wir ihr von den öffentlichen Lasten so viel wie möglich abnehmen. Ich gehe an die Sache mit der Vorstellung heran, daß die Erhebung unserer Wirtschaft die Steuereinbuhe-

gefahr kompensieren wird. Das ist das Kernstück des Programms der Regierung, über das wir uns mit dem Reichstag verständigen wollen.

Es handelt sich auch um den Entschluß, die Ausgaben des außerordentlichen Etats auf An­leihen zu verweisen. Auch das ist ein Wagnis, das wir nur unternehmen, weil wir uns aus den Glauben an eine Erhebung der Wirtschaft stellen. Wir wagen es, uns wieder auf nor­male Etats- und Wirtschaftsver- h ä l t n i f f e einzustellen. Die Behauptung, daß das für die jetzigen Verhältnisse kein Wirtschafts­programm sei, kann ich nicht verstehen. Dazu kommt, daß wir in möglichstem Umfange ver­suchen, die Wirtschaft anzukurbeln. Die Preissenkungsaktion hat tatsächlich Erfolg gehabt. Sie hat anfangs sehr darunter gelitten, daß vielfach im politischen Leben unsere Arbeit nach dieser Richtung als nicht ernst bezeichnet wor­den war.

Der Kanzler nennt dann Zahlen, die das ununterbrochene Vorwärtsschreiten der Preissenkung seit dem vorigen Sommer darlegen, schildert die durchgreifenden Maßnah­men gegen die Mißbräuche des Kartellwesens und geht schließlich noch auf die Bedeutung der gesamten Gesetzgebung des vorigen Sommers ein. Der Kanzler legte endlich dar, daß die Zoll­gesetzgebung des vorigen Sommers, die in ihrer Art durch die Schutzzollentwicklung im übrigen Europa notwendig geworden sei, über­haupt erst die Grundlage zum Abschluß von Handelsverträgen gegeben habe.

Der Ausschuß wandte sich dann der Be­ratung der Anträge zur

(5r verbsloscnfürsorge

zu. Es lag dazu der gestern abend von den Regierungsparteien vereinbarte neue Antrag vor. Danach werden die Unterstützungssätze in den Ortsklassen A, B und C mit sofortiger Wir­kung erhöht: 1. für alleinstehende Erwerbslose unter 21 Jahren um 20 Proz., 2. für alleinstehende Erwerbslose über 21 Jahren um 10 Proz., 3. für alle übrigen HauptunterstützungsempfLnger, so­fern sie bereits acht ' Wochen nacheinander Unterstützung bezogen haben, ebenfalls um 10 Proz.

Abg. Auf HLus er (Soz.) bezeichnet den Antrag als eine wesentliche Verschlechte­rung des Beschlusses des Sozialpolitischen Aus­schusses. Die Reichskanzlerreden und die groß aufgezogene Finanzdebatte im Ausschuß hätten also keinen anderen Weg der Regierung herbei- gefuhrt als den über den sozialen Gedanken. Die Sozialdemokraten behielten sich für das Plenum ihre eigenen Anträge vor.

Abg. Rädel (Komm.) lehnte den Antrag ab. Das Zentrum sei kläglich umgefallen.

Abg. Frau Tausch (Z.) weist diesen Vor­wurf zurück.

Rach Ablehnung der kommunistischen und sozialdemokratischen Anträge wurde der Antrag der Regierungsparteien gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten ange­nommen, in der em Einschreiten gegen unberech­tigte Aussetzung der Erwerbslosenunter­stützung verlangt wird. Angenommen wurde ferner eine Entschließung, in der eine Prüfung verlangt wird, ob in Betrieben, in denen Kurz­arbeit nicht durch den Ausfall voller Arbeits­tage durchführbar ist, nicht auch dann die ilnter- stützung eintreten kann, wenn die umgerechneten

Stunden die erforderliche Zahl von Arbeitstagen ergeben, wobei die besonderen Arbeitsverhältnisse der Qlnge ft eilten zu berücksichtigen sind. Der Sozialetat im Reichstag.

Berlin, 19. Febr. Der Reichstag seht die zweite Beratung des Haushalts des Reichsar- beitsmimfteriums fort.

Abg. Hoch-Düsseldorf (Dn.) begrüßt es, daß die Sozialpolittk auch im vergangenen Jahre wesentliche Fortschritte gemacht habe. Die Deutschnationalen hätten allen diesen sozialpoli­tischen Maßnahmen zugestimmt . Aber sie wüßten, daß ohne eine gesunde Wirtschaft eine gesunde Sozialpolitik unmöglich sei. An Bei­tragserhöhungen sollte in der Sozialversicherung mit größter Vorsicht herangegangen werden. Richt llniftrmität sei im sozialen Versicherungswesen angebracht, sondern Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse und Selbstverwaltung.

Abg. Dr. Moldenhauer (Dt. Vp.) weist darauf hin, daß in Amerika trotz des Feh­lens einer eigentlichen staatlichen Sozialpolitik die Arbeiterschaft sich in sehr günstiger Stel­lung befinde. Das amerikanische System taffe sich aber nicht auf Deutschland mit seinen ganz anders liegenden Produktionsbedingungen übertragen. Der deutsche Arbeiter müsse durch eine verständ­nisvolle Sozialpolittk in seiner Arbeitskraft und Gesundheit geschützt werden. Die Sozialpolittk müsse freilich auch den Bedürfnissen der Wirt­schaft an gepaßt fein.

Die deutsche Wirtschaft könne nur wieder aus­gebaut werden, wenn ihre Entwicklung nicht im­mer wieder durch umfangreiche Arbeitskämvse gestört würde. Eine Verständigung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern fei notwen­dig. Die leider eingeschlafene Arbeitsgemein­schaft sollte wieder errichtet werden.

Wenn große Arbeitskämpfe nichtt anders verhindert werben könnten, müßte ber Staat burch Verbind- lichkeitserklärnngen von Schiedssprüchen eingreisen. Das sollte aber die Ausnahme fein. Die Regel müßte die freiwillige Verständigung ber Parteien sein.

Abg. liebt (Komm.) nennt ben Arbeitsmini­ster einen Minister gegen bie Arbeiter. Das Arbeits­ministerium habe mit seiner Schlichtertätigkeit plan- mäßg bie Senkung der Löhne betrieben. In ber Unfallversicherung seien bie Kosten ber Verwaltung viel zu hoch im Verhältnis zu den jämmerlichen Renten. Auch in ben übrigen Versicherungszweigen miff 1 die Rente wesentlich erhöht werden.

Abg. Erkelenz (Sem.) weist gegenüber ben Klagen über Verteuerung des öffentlichen Apparats daraufhin, daß diese Verteuerung in der ganzen Welt bestehe. In Deutschland machen die K o st e n der öffentlichen Verwaltung im Reich, Ländern und Gemeinden einschließlich Reparationen etwa 150 Mk. pro Kopf aus, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 100 Mk. Notwendig sei bie Durchführung des Prinzips ber sozialen Selbst­verwaltung. Durch Revolutionierung ber Technik müsse man bie Verarmung burch ben Krieg über- winden.

Aus die Fabrikatton eines bestimmten erstklas­sigen Automobils komme in Amerika 7000 Ar­beitsstunden, in Deutschland aber 21 000 Ar­beitsstunden. Diese nackten Ziffern zeigen, daß man durch Verringerung der Arbeitszeit und Verkürzung der Löhne niemals diese Spanne überwinden kann. Amerika habe die Technik

Von Kattowitz aus breitete sich ber neue Aufstand schnell über die benachbarten Kreise aus. Die fran­zösischen Truppen schauten dem allen Gewehr bei Fuß zu. Verbrechen gemeinster Art, Plünderungen und Brandstiftungen waren an ber Tagesorbnung, um die deutsche Bevölkerung niederzuhalten. Von der Botschafterkonferenz geschah trotz aller deutschen Proteste ebensowenig, wie von der Regierungskom­mission, um diesem Terror ber polnischen Banden Einhalt zu tun unb bie Grenze Oberschlesiens gegen neuen Zuzug aus Polen zu sperren. Dank ber beut- schen Sicherheitspolizei gelang es ben Insurgenten zwar nicht, Oberschlesien ohne Abstimmung dem pol­nischen Staat einzuverleiben, der deutschen Sache war aber durch die Terrorakte ber Polen, bie sich besonbers gegen die deutschen Abstimmungsver- bänbe gerichtet hätten, großer Schaben zugefügt.

Trotzbem brachte bie Abstimmung selbst am 20. März 1921 einen neuen deutschen Sieg: Heber 700 000 Stimmen waren für Deutschland, 470 000 für Polen abgegeben. Gelöst war damit die ober- schlesische Frage noch keineswegs, da Deutschland das ungeteilte Verbleiben Oberschwe­rens beim Reich forderte, Polen dagegen für bie sog. Korfantylinie eintrat, bie das In­dustriegebiet und wesentliche agrarische Distrikte für Polen abtrennte. Die Ungewißheit der Entscheidung veranlaßte die polnischen Machthaber, noch einmal an das Glück der Waffen zu appellieren. Anfang Mai brach unter Leitung Korfantys der dritte Aufstand los. In wenigen Tagen gelang es ben Insurgenten, die sog. Korfantylinie zu besetzen, wo sie auf ben Wiberstand des schnell zusammengerafften deutschen Selbstschutzes stießen, der jedes weitere Vordringen verhinderte.

Während ber Kämpfe spielten lebhafte diplo- matische Verhandlungen um die Grenzziehung, bie schließlich am 20. Oktober 1921 mit bem ungeheuer­lichen Spruch der Botschasterkonferenz erbeten, durch den 30 Prozent des Abstimmungs­gebiets Polen zufiel. Das Industriegebiet wurde durchschnitten, 95 Prozent der gewaltigen Kohlen­lager, sämUiche Eisenerzlager, fast die gesamte Zink­

unb Bleiprobuktion, insgesamt etwa vier Fünftel der ganzen oberschlesischen Schwerinbustrie wurde den Polen zugesprochen. Die Grenzziehung durch­schnitt so eng verknüpfte wirtschaftliche Interessen, daß es eines besonderen deutsch-polnischen Ver­trages bedurfte, um bie Teilung Oberschlesiens überhaupt praktisch durchführbar zu machen. Alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange der deutschen Bevölkerung in dem Polen zugefalle­nen Teil wurden genau festgelegt und einer ge­mischten Kommission unter Vorsitz des Schweizers C a l o n d e r zur Ueberwachung unterstellt.

Wie wenig Polen sich um diese Schutzbestim- mungen für seine neuen deutschen Staatsbürger zu kümmern gesonnen ist, trotz internationaler Garan­tien, bas zeigt die neueste Epoche in ber Leidens­geschichte Oberschlesiens, die in diesen Tagen mit ber Verhaftung von 40 namhaften Führern des Deutschtums in Oberschlesien eingeleitet wurde. Um einen Vorwand für den neuen Willkürakt, ber in erster Linie den Deutschen Volksbund, also die in dem obenerwähnten Genfer Vertrag ausdrücklich als berufene Vertretung der deutschen Minderheiten anerkannte Organisation, in ihrem Mark treffen sollte, war man nicht verlegen.

Man phantasierte in Warschau von staatsfeindlichen geheimen Verbänden in Ober­schlesien, bie eine Gefahr für den Bestand Polens wären unb unterbrächt werden müßten. Haus­suchungen wurden in Oberschlesien und Pomme­rellen angeordnet und trotz ihrer völligen Ergeb­nislosigkeit 40 angesehene Deutsche, die im Volks- bunb tätig waren, verhaftet. Einer der will­kürlich Verhafteten starb bereits im Gefängnis. Die polnische Pressemeute, die ben ganzen Felbzug gegen die Deutschen mit einer maßlosen Schimpf- und Hetzkanonade begleitete, meldet triumphierend, ber Verhaftete habe unter dem Druck feines Schuld- bewußtseins selbst Hand an sich gelegt. Aber nach den grauenhaften Terrorakten in den oberschlesi- fchen Äufständen, bei denen sich die polnische Justiz in einem für uns Westeuropäer sehr merkwürdigen Licht gezeigt hat, bedarf es nicht dieser krampf­

haften Auslegungsversuche, um ben Tob eines po­litischen Gefangenen in polnischen Kerkern zu er­klären.

Wenn die Warschauer Presse wie aus ein Stich- wort die Unverschämtheit auf bie Spitze treibt und das deutsche Generalkonsulat in Kattowitz, von Rechts wegen ber Mittelpunkt unb Rückhalt des unterbrückten Deutschtums, als Zentrale ber beutschen Verschwörer- unb Spitzelbanden bezeich­net, so wird bas hoffentlich auch enblich bas amt­liche Deutschlanb auf den Plan bringen, bas gerade Polen gegenüber aus bem falschen Gefühl heraus, burch energisches Dazwischentreten bie Lage bes Deutschtums in ben abgetrennten Gebieten - nicht verschlimmern zu wollen, allzu lange in einer schwächlichen Passivität verharrte. Wenn wir Herrn Dr. Stresemann recht oerftanben haben, so ist es boch wohl ber Sinn ber Locarnoverträge bie Siche­rung der deutschen Westgrenze, um freie Hand im Osten zu bekommen, einmal um eine Revision ber ganz unmöglichen Grenzziehung gegen Polen durch- zusetzen, namentlich bie Beseitigung bes polnischen Korridors, anderseits aber auch, um mit aller mora­lischen Energie unb mit den, gewiß nicht übermäßi­gen, positiven Machtmitteln, bie man uns belassen hat, für ben Schutz ber Deutschen, in Polen ein­zutreten. Die Warschauer Regierung muß mit aller Entschiedenheit auf bie Pflichten hingewiesen wer­ben, bie sie nach ber Teilung Oberschlesiens über­nommen hat, unb bie unter neutralem Vorsitz stehenden gemischten Behörden müssen zu ganz energischem Einschreiten gegen die neuen Ver­brechen ber polnischen Gewalthaber veranlaßt wer­den. Daß diese letzten Uebergriffe eines über- kochenden polnischen Nationalismus ben Polen keine neuen Freunbe zuführen werben, baß ber ganzen Welt ber Blick geschärft wirb für bie Recht- unb Kulturlosigkeit bes neuen Polenstaats, das ist Sorge ber deutschen Oeffentlichkeit, bie auch den Brüdern an der Ostmark des Reichs stetig und treu den Rücken stärken muß in ihrem Kampf um ihr deutsches Volkstum.