Zrettag, 19. Mürz 1926
176. Jahrgang
Ur. 66 Erstes Blatt
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Vertrauensvotum für Briand.
Eine dramatische Parlamentssitzung. — Der Kamps um den Innenminister Malvy. — Die Kammer mit 361 gegen 164 für das Kabinett Briand.
Der locarnifiette Völkerbund.
Von unserem W. v. K., ständigen Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
London, 18. März 1926.
Das Scheitern der Genfer Bölterbunbstagung läßt die englische Qeffentlichkeit 'trotz der scharfen Kritik, die wir in den Blattern aller Partei, richtung finden, im Grunde recht kühl. 3a, eS läßt sich hie und da ein gewisses Auf atmen der Erleichterung feststellen, denn der englische Außenminister Sir Austen Chamberlain. der Bitter des Hosenbandordens und Dem» nächstiger Ehrenbürger der Stadt London, ist zunächst politisch gereitet. Hätte Brasilien kein Beto eingelegt, dann wäre es ihm gelungen, sagt man, die von ihm vertretene Politik zu gutem Ende zu führen, d. h. den Widerstand Deutschlands gegen Eintritt in den umgewandelten Bölkerbundsrat zu überwinden. Seine Einschätzung Deutschlands war eben richtig.
Diplomatische Kreise, wie die Mehrheit der kompetenten Beurteiler der polittschen Lage Cng^ lands waren sich niemals über die außerordentlich peinliche Lage der englischen Regierung im Unklaren. Man hatte Chamberlain.nach seinem Erfolge von Locarno zu einem 'Staatsmann großen Kalibers abgestempelt, ihn mit Ehren überhäuft, obschon Locarno ein Anfang und keine Ende war. Wäre Chamberlain in Genf an dem Widerstand Deutschlands gescheitert, und hätte Chamberlain als Opfer der eigenen Torheit mit einem glatten Mißerfolg nach London zurückkehren müssen, wäre eine Neubesetzung des Postens des Außenministers notwendig geworden. Eine neue Besetzung des Auhenministerpostens wäre aber mit Rücksicht auf die großen Ehrungen, die man Chamberlain hat zuteil werden lassen, wiederum nicht zweckmäßig gewesen, weil die übereilte Anerkennung der Chamberlainschen Derdienste letzten Endes eine unerträgliche Blamage der englischen Regierung für den Fall seiner Entlassung bedeutet hätte. Baldwin ist also zunächst die Sorge um Prestigefragen, soweit sie mit der Person Sir Austen Chamberlains verbunden sind, los.
Man wird weitere Nachrichten abwarten müssen, ehe eine endgültige Beurteilung des Gesamtergebnisses von Genf möglich ist. Zur Zeit kennt man erst die Simriffe der Ereignisse, doch ist es sehr wohl möglich, daß das Genfer Fiasko sehr weitgehende Wirkungen aus die künftige Gestaltung der englischen Außenpolitik haben wird. Eines läßt sich schon heute sagen: Chamberlains Slebertölpelung durch Briand, Chamberlains im tiefsten Grunde un- englische Politik hat das Problem einer Beschleunigung der deutsch-englischen Annäherung sehr viel aktueller gemacht. Wenn Chamberlain gehofft hat, durch seine Politik einen neuen englisch-französischen Liebesfrühling Hervorrufen zu können, so war das ein grober Irrtum.
Man kann trotz aller Einwendungen, die sich gegen einzelne Phasen der deutschen Politik in Genf erheben lassen, sagen, daß trotz des Fiaskos der Locarno-Politik für Deutschland ein politischer Gewinn erzielt worden ist. Bedauerlich ist es vielleicht, daß es nicht die deutsche Delegation ist, die nunmehr das Verdienst für das Auseinandersliegen der Völkerbundsversammlung in Anspruch nehmen darf. Denn es ist eine verdienstliche Aktion gewesen, Deutschlands Aufnahme unter den gegenwärtigen Umständen zu verhindern. Gerade die englische Oeffentlichkeit hätte den Eintritt Deutschlands inmitten einer mit Feindseligkeit und Niedertracht übersättigten Atmosphäre als eine Katastrophe betrachtet. Die Politik von Locarno verfolgte nach englischer Auffassung das große Ziel der Wiederherstellung sauberer, anständiger Verhältnisse in der europäischen Politik. Einzelheiten waren dabei belanglos. Man wünschte „das Vertrauen" wiederherzustellen, man hoffte auf einen Gesinnungswechsel aller beteiligten Mächte. Selbst gesetzt den Fall, Deutschland wäre heute aufgenommen worden, so wären alle diese Ziele nicht erreicht, alle diese Absichten nicht verwirklicht worden. Aus dem großen Ereignis der feierlichen Ausnahme Deutschlands war schon lange eine Parodie geworden.
Daß es Brasilien gewesen ist, das diesen unerfreulichen Abschluß verhinderte, ist, wie gesagt. ebenso unerklärlich wie bedauerlich. Dadurch wird die Diskussionsgrundlage verschoben. Der eigentlich für das Genfer Fiasko Verantwortliche ist und bleibt Sir Austen Chamberlain. Wenn der Ausgang der Genfer Verhandlung auch seine sofortige Demission nicht erforderlich macht, so läßt sich andererseits nicht leugnen, daß sein Rücktritt nur noch eine Frage der Zeit sein kann. Ob er jetzt, ob er im September erfolgen wird, wird sich erst nach Rückkehr der englischen Delegation^ beurteilen lassen.
Wir stehen vor dem Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte der europäischen Politik. In Genf ist der Geist von Locarno begraben worden. Chamberlain wollte ihn seinen eigenen persönlichen Zielen dienstbar machen. Nun ist man in London in peinlichster Verlegenheit. Der locarnifierte Völkerbund ist politisch nicht zu brauchen. Man wird also einen neuen Geist erfinden müssen, als Ersah für den alten. Mit einem Worte: England wird den Versuch machen, sich aus der ganzen Affäre herauszuziehen, um seine Tätigkeit als weltpolitischer Makler erst wieder aufzunehmen, nachdem sich die aufgeregten Gemüter etwas beruhigt haben.
Paris', 18.März. ($11.) In der heutigen Sitzung der Kammer, die um 4 Uhr nachmittags begann, stellte Briand der Kammer das neue Kabinett vor. Gleich zu Beginn der Sitzung gab Briand die vom Ministerrat heute vormittag festgelegte
Regierungserklärung
ab, in der es heißt:
Trotz längerer Debatte ist es unmöglich gewesen, zum vorgesehenen Zeitpunkt eine Lösung des Finanzproblems zu finden. Die neue Regierung hat wie die vorausgegangene die unbedingte Pflicht, einen vollständigen und wirklichen Ausgleich des Budgets zu sichern. Schon jetzt verlangen wir von Ihnen eine außerordentlich^ Arbeitsdisziplin, damit vor den Parlamentsferien die nötigen Maßnahmen getroffen werden können, um zu einem normalen Regime und zur budgetären Ordnung zurückzukommen. Wir sind willens, auf sämtliche Maßnahmen zu rechnen, die bereits angenommen oder zugelassen worden sind. Wir wollen rasch zu dem großen nationalen Sanierungswerk gelangen, dem alle Fragen unserer Politik untergeordnet werden müssen. Die Regierung wird mit dem Willen, zu einem wirksamen Abkommen zu gelangen, die zur Regelung der interalliierten Schulden ein« geleiteten Verhandlungen fortsetzen, die unter günstigen Bedingungen sich anlassende Polittk der internationalen Abkommen, der die Kammer mit einer sehr großen Mehrheit uno der Finanzausschuß des Senats bereits zugestimmt haben, wird von der Regierung weitergeführt werden. Die Regierung wird sich bemühen. durch ständige Aufmerksamkeit und Tättg- feit die Gegensätze auszugleichen, und die Empfindlichkeiten der verschiedenen europäischen Völker zu beschwichtigen.
Unglücklicherweise ist es nicht möglich gewesen, in der außerordentlichen Sitzung des Völkerbundes den Eintritt Deutschlands durchzusehen. Aber diese Vertagung, für die keinen der Unterzeichner der Abkommen von Locarno die Schuld trifft, hat die Signatare keineswegs veruneinigt, wie sie auch in einem Kommunique bestätigt haben, das den feierlichen Wunsch zum Ausdruck bringt, die Abkommen von Locarno aufrechtzuerhalten und ihren Geist zu fördern. Die Nationen haben noch nicht ihr völliges Gleichgewicht wiedergefunden. Die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen haben, die Verschiedenheit der Interessen und Neigungen, die sie bekunden, und die man ausgleichen muß. um endgültig den Frieden zu sichern, machen mehr denn je dem Parlament und der Regierung Wachsamkeit. Einigkeit und Entschlossenheit in den Plänen und Stetigkeit im Handels zur Pflicht!"
Der Ministerpräsident erklärte sich bereit, die Interpellation über die Zusamenfehung des Kabinetts
zur sofortigen Beratung anzunehmen, jedoch morgen erst das Finanzgesetz zur Debatte zu stellen. Dieser Vorschlag wurde angenommen.
Der der Demokratisch-Republikanischen Vereinigung angehörende Abg. ^barnegarat) leitete die Begründung seiner Interpellation über die Zusammensetzung des neuen Kabinetts Briand mit Bemerkungen über die Genfer Verhandlungen ein und erklärte nach dem Havasbericht: „Herr Ministerpräsident! Wir haben in der Zeit zwischen Ihrer Abreise und Ihrer Rückkehr eine ungeheure Enttäuschung erlebt. Ihre Rede über die Abkommen von Locarno ist überall öffentlich angeschlagen worden, und wir erwarteten vom Völkerbunde die Bestätigung dieser Abmachungen. Nun aber hat gleich am ersten Tage der Völkerbund rücksichtslos die Zerbrechlichkeit dieser Abkommen hervortreten lassen. Wir zweifeln nicht daran, daß Sie alles getan haben, um den Frieden zu verteidigen. — Als der Abgeordnete erklärte, gleich bei feiner Ankunft in Genf habe Deutschland sein wahres Gesicht gezeigt und die Karte des Prestiges und der Beherrschung ausgespielt, ruft Kammerpräsident H e r r i o t den Abgeordneten zur Sache, der alsdann erklärt, Genf habe die Notwendigkeit hervortreten lassen, eine Politik der Wachsamkeit zu betreiben, die allein e i n Kabinett der nationalen Konzentration durchzuführen in der Lage wäre.
Der Abgeordnete ruft lebhaften Widerspruch bei den Sozialisten, den Radikalen und den Mittelparteien hervor, als er erklärt, die Pariser Neuwahlen vom letzten Sonntag hätten bewiesen, daß das Kabinett tot oder mindestens krank sei. Führer des Kartells fei jetzt Marcel C a ch i n. Deshalb seien auch die Radikalen geneigt, in der Pariser Stichwahl die Kom- inunisten zu unterstützen. Unter lärmenden Zurufen des ganzen Hauses erklärt er. mit der Aufnahme M a l v y s, des Verurteilten des Staatsgerichishofes, in das Kabinett habe Briand diesen glorifiziert. Malvys Anwesenheit im Kabinett zwinge die Demokratisch-Republikanische Vereinigung, gegen d i e Regierung zu st i m m e n. Der Äbg. Malvy meldet sich zum Wort, wird aber von Briand daran gehindert, der ihn beschwichtigt und dann s e l b st die Rednertribüne besteigt.
Der Ministerpräsident
gibt feiner Verwunderung Ausdruck, daß jnan
ihm jetzt wegen einer Personalangelegenheit das Vertrauen verweigere. Vor einigen Tagen sei dies nicht der Fall gewesen und trotzdem habe man gegen ihn gestimmt. Die Zusammensetzung seines Ministeriums entspreche nicht der nationalen Konzentration. Derartige Ministerien seien während des Krieges möglich gewesen. Aber das Land fordere Handlungen und werde gegen die Regierung gerichtete Manöver verurteilen. Er habe Malvy in sein Kabinett aufgenommen, weil er früher als Innenminister seine Pflicht getan habe.
Der Ministerpräsident wird dauernd von lärmenben Kundgebungen der Opposition unterbrochen und ist schließlich gezwungen, die Rednertribüne zu verlassen.
Nachdem Kammerpräsident Herriot sich endlich mit einem Appell an die Abgeordneten Gehör verschafft hat, erklärt Briand, er wolle weiter sprechen, verlange aber, da er durch seine Reise noch stark ermüdet sei, daß man ihn in Ruhe anhöre. Malvy sei das Opfer eines Irrtums gewesen, den man anerkannt habe. Die ungeheure Anklage des Landesverrats könne nach den letzten Enthüllungen nicht mehr aufrechterhalten werden. Briand erinnert bann an die Schwankungen der französischen Währung und an das Verlangen der Regierung, daß schon morgen Quellen für das Schatzamt erschlossen würden. Würden sie nicht bewilligt, bann würbe eine neue Minister- kr is e ausbrechen. Wenn die Kammer bewilligen wolle, bann solle sie es sofort tun, denn die Zeit dränge.
Nach ujm wirft der Abg. D a r i 11 e t namens der ehemaligen Frontkämpfer Malvy vor. er trage die Verantwortung für den Tod vieler Väter.
Malvy erhebt sich und verwahrt sich dagegen, daß man ihn als Verräter und Mörder hinstellt. Malvy wirb fortgesetzt von der Opposition unterbrochen. Gr erklärt schließlich, zu Briand gewendet, er möge ihn von feinem Posten entbinden, wenn er feinem Ministerium hinderlich sei.
Briand erhebt sich und ruft: Ich bin doch kein Feigling!
Hierauf ergreift Oberst Fabry das Wort und erklärt, daß der Plan des Angriffes am Chemin des Dames bei einem getöteten französischen Unteroffizier gefunden worden fei.
3n diesem Augenblick bricht Malvy neben Briand bewußtlos zusammen und muh aus dem Sitzungssaal getragen werden.
Sofort bemühen sich Aerzte um den Minister. Der Kammerpräsident unterbricht unter größter Erregung die Sitzung. Es kommt zu heftigen Zor- nesausbrüchen auf der Linken. Die Rechte erwidert, so daß man einen Augenblick lang befürchten muß, es würde zu Tätlichkeiten komemn. Saaldiener bilden eine Kette, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Malvy erholt sich wieder. Die Sitzung konnte erst nach halbstündiger Unterbrechung wieder ausgenommen werden.
Abg. Oberst Fabry erklärt, er sei davon überzeugt, daß Malvy nicht Verrat geübt habe. Als Mitarbeiter des Marschalls I o f f r e müsse er, Fabry, auch anerkennen, daß dieser Malvy stets als einen Freund und Mitarbeiter angesehen habe. Er, Fabry, persönlich habe aber die Ueberzeugung nicht verlieren können, daß Frankreich damals in der Heimat nicht mit genügender Wachsamkeit verteidigt worden sei.
Ministerpräsident Briand
erklärt, es sei durch diesen Zwischenfall selbst getrosten worden. Briand erinnert ebenfalls daran, wie damals, als er das Kabinett des Burgfriedens im Kriege bildete, Marschall I o f f r e, der Präsident der Republik und zahlreiche Generalstabsoffiziere sich dafür eingesetzt hätten, daß Malvy, der tragische Zwischenfälle zu vermeiden gewußt habe, Innenminister bleibe. Ich wollte, so rief Briand alsdann aus, die Kammer hätte meine Unterredung mit Malvy gelegentlich der Bildung des neuen Ministeriums gehört. Malvy hat mich davor gewarnt, ihn zum Innenminister zu machen, denn er und die Seinen hätten schrecklich gelitten. Ich habe darauf zu Malvy gesagt: Aber jetzt hat sich doch die Wahrheit Dahn gebrochen und jedermann weiß, daß Sie nicht Verrat geübt haben, sondern das Opfer gehässiger Verleumdungen geworden sind, worauf Malvy erwiderte: Niemals wird man das anerkennen wollen. Malvy hat recht gehabt, so schloß Briand, ich aber habe einen Ekel vor der Politik unter diesen Bedingungen.
Hierauf wird die Sc batte geschlossen und die Tagesordnung, für welche die Regierung die Vertrauensfrage einsehte, mit 361 gegen 164 Stimmen angenommen.
Diese Tagesordnung hat folgenden Wortlaut: „Die Kammer ist fest entschlossen, eine Politik des Friedens und der internationalen Verständigung, der steuerlichen Gerechtigkeit und der Finanz- sanierung zu unterstützen, und spricht der Regierung ihr Vertrauen aus, bah sie in kürzester Frist die Verabschiedung eines ausgeglichenen Budgets sicher st eilt und die von der Demokratie so ungeduldig erwartete Militärreform sowie die Sozial- versicherungsgesehe verwirklicht werden."
Das Ergebnis der Absttmmung wurde auf der Linken mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Die Rechtsparteien hüllten sich in mürrisches Schweigen. Entgegen den Voraussagungen der Presse ist die Zahl der Sttmmenthaltungen weit geringer als angenommen wurde. Offenbar ist das auf den außerordentlich dramatischen Verlauf der Kammersitzung zurückzusühren. Die Sitzung der Kammer wurde auf Montag vertagt, und zwar wird die Kammer die Aussprache über die Finanzvorlage Anfang nächster Woche aufnehmen. Die heutige Kammersitzung hat insofern eine Klärung der parlamentarischen Lage gebracht, als sie die Möglichkeit einer Regierungsmehrheit ergeben hat. Das Einspringen der Sozialisten für Briand kam unerwartet und wurde lediglich durch dis feindliche Haltung der Rechtsopposition hervorgerufen. Es ist indessen zu beachten, daß die vage Ausdrucksweise der Regierungserllärung den Sozialisten es leicht machte, für das Kabinett zu stimmen. Alles in allem hat die Kammer- sihung eine starke Annäherung zwischen Briand und den Sozialisten ergeben. Es besteht der deutliche Eindruck, daß Briand, obwohl ein kleiner Teil des Zentrums zu feiner neuen Mehrheit gehört, nach wie vor entschlossen ist, sich vornehmlich auf die Linksparteien zu stützen.
Die Rückkehr der deutsche Delegation. Das Reichskabinett billigt die Politik Stresemanns.
Berlin, 18. März. (WTB.) Die deutsche Delegation unter Führung des Reichskanzlers Dr. Luther und des Reichsauhen- Ministers ift heute nachmittag 2.50 Uhr tm Sonderzug auf dem Anhalter Bahnhof eingetroffen. Zu dem Empfang waren u. a. der stellvertretende Reichskanzler Dr. Gehler, der Reichsfinanzmtnister Dr. Reinhold sowie zahlreiche Herren des Auswärtigen Amtes erschienen. Besonders wurde vermerkt die Anwesenheit des französischen Botschafters de M a r g e r i e und des englischen Botschafters Lord d'A bet non. Gegen 3 ilbr begab sich die Delegation durch den Seitenausgang des Bahnhofes in die Autos, nachdem sie vorher noch dem Trommelfeuer der Pressephotographen standgehalten hatte. Als Erster fuhr Reichs- Pressechef Dr. K i e p mit Gemahlin ab. Ihm folgt in einem zweiten Wagen der Reichskanzler und der Reichswehrminister, in einem dritten der Reichsauhen Minister mit Gattin, daraus die anderen Delegationsmitglieder. Der Reichskanzler hat sich noch im Laufe des Nachmittags zum Reichspräsidenten zur Berichterstattung begeben.
In einem heute nachmittag unter Vorsitz des Reichskanzlers abgehaltenen Minister- rat wurden die Genfer Verhandlungen durch- beraten, nachdem die beiden delegierten ihre fortlaufenden schriftlichen Berichte durch mündliche Darlegungen ergänzt hatten.
Das Reichskabinett billigte einstimmig die Haltung der deutschen Delegation und nahm insbesondere davon Kenntnis, daß durch die in Gens getroffenen Abmachungen die beiderseitige Fortführung der Locarnopalitik gewährleistet ist.
lieber die Sitzung des Reichskabinetts weiß die „Vossische Zeitung" noch mitzuteilen, daß die Reichsregierung nach Anhören des Berichtes des Kanzlers und des Reichsaußenministers davon überzeugt sei, daß die anderen Dertrags- mächte von Locarno den dort abgeschloffenen Vertrag als d e facto bestehend und gegenseitig wirksam ansehen, trotzdem der Vertrag erst durch den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund rechtskräftig werden sollte. Aus diesem Grunde und auch weil die in Locarno von Deutschland angebahnte Politik der direkten Verständigung für das Reich eine Lebensfrage fei, könne eine Zurückziehung des Ausnahmegesuches Deutschlands nicht in Frage kommen, da durch einen solchen Schritt die Voraussetzung für den Locarno- vertrag beseitigt würde. — Reichskanzler Dr. Luther und Reichsaußenminister Dr. Stresemann empfingen heute abend nach Abschluß der Kabinettssitzung die deutsche P r e f- s e und gaben in ausführlichen Darlegungen und Auskünften auf gestellte Fragen ein Bild über die Entwicklung der Vorgänge in Genf. Die Ausführungen gipfelten in der Feststellung, daß die Auhen-Politik des Locarno-Paktes weiter verfolgt werde und daß der deutscheStand- punkt durch die Vorgänge'in Genf, an denen die deutsche Delegation keinerlei Mitschuld treffe, unverändert bleiben wird.
Wie die Telunion erfährt, wird die Reichsregierung bei der parlamentarischen Erledigung der Genfer Frage ein positives Vertrauensvotum fordern. Die kommunistische Reichstagsfraktion hat bereits folgende Interpellation eingebracht: Ist die Reichsregierung bereit, angesichts des katastrophalen Zusammenbruchs der Völkerbundspolitik in Genf sofort das Eintrittsgesuch Deutschlands in den Völkerbund zurückzuziehen? Ferner hat


