Nr. 139 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Donnerstag, 17. Juni 1926
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die englische Wirtschaftskrise.
Prefsestimmen zu den Vorschlägen
Baldwins.
London, 16. Juni. (TU.) Die Ausnahme der gestern von Baldwin im Unterlaufe gemachten neuen Vorschläge ist recht geteilt. Während ein Teil der Morgenblätter die Vorschläge als den einzigen Ausweg betrachtete , glauben andere in ihnen eine Verleugnung deS Berichtes der Kohlenkommission zu sehen.
Die „Daily RewS" bedauert die Aeuhe- rungen Baldwins, daß man sich keine übertriebenen Vorstellungen von einer Reorganisation der Industrie machen soll. Kein Mensch glaube, daß die Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des britischen Bergbaues ihren Höchstgrad bereits erreicht habe.
Der n5>ailt) Herald" macht dem Premierminister den Vorwurf, das Werkzeug der Grubenbesitzer zu sein.
„Daily Ehronicle" berichtet, daß durch nichts die Lage im Bergbau so präjudiziert werden könne als durch die Tatsache, daß die Regierung den Eindruck hinterlassen habe, sich von dem Bericht der Kohlenkommissivn abgewcrndt zu haben. Der Bericht sei die einzige Grundlage, auf der man verhandeln könne, Obwohl die Einführung des Achtstundentages eine teilweise Verwirklichung der Vorschläge des Kohlenbrrichtes darstelle, könne man sich dennoch des Eindruckes nicht erwehren, das) sich die Regierung von dem Bericht abgewandt habe.
„Daily Cxpreh" bedauert, daß der Premierminister nicht den Mut gehabt habe, das Siebenstundengeseh vollständig abzuschaffen und nur eine vorübergehende Einführung des Achtstundentages vorschlage.
Die Besprechungen, die die Mitglieder des Kabinettes am Montagabend mit den Grubenbesitzern gehabt haben, waren, wie der „Tim es"» Korrespondent berichtet, als ein Vorspiel der Wiederaufnahme der Verhandlungen gedacht. Der Empfang der Erklärungen Baldwins im Unterhaus lasse jedoch keine allzu großen Hoffnungen aufkommen. Die Exekutive der Arbeiterfraktion wird heute zusammentreten, um die Entscheidung darüber zu treffen, ob angesichts der gestrigen Rede des Premierministers ein Miß- trauen dant rag eingebracht werden soll. Mac- d o n a l d , der frühere Premierminister und Führer der Opposition nahm an der gestrigen Hinterhaus debatte nicht teil, veröffentlichte aber kurz darauf eine Erklärung, in der die Rede Baldwins als von verheerender Wirkung bezeichnet wird. Für die Einführung der von Baldwin erwähnten legislativen Maßnahmen ist noch kein Zeitpunkt festgesetzt worden.
Die Regierung wird indessen, wie die .,T i - m e s" berichten, bemüht sein, die Vorlage sobald als möglich einzubringen. Wie verlautet, werden die Grubenbesitzer, sobald die Vorlage Gesetz wird, in allen Grubenbezirken die neuen Lohnsätze, die sie unter den neuen Bedingungen zu zahlen in der Lage sind, anschlagen. Man hofft, auf diese Weise zu örtlichen Lohnabkommen zu gelangen und den Abschluß eines nationalen Lohnabkommens, auf das dieBerg- arbeiter bisher mit so großer Hartnäckigkeit bestanden haben, zu vermeiden.
Bergarbeiterführer Cook gab heute eine Erklärung zu den Vorschlägen Baldwins ab, in der er betonte, daß diese für die Bergarbeiter wenig zu bedeuten hätten, da sie gegen die Arbeitszeitordnung verstießen, an der die Arbeiterschaft geschlossen festhalte. Wie wenig Bedeutung die Rcgierungkvorschläge hätten, zeige die Tatsache, daß ihretwegen die Bergarbeiter-Exekutive nicht zusammen- berufen werden würde.
Um die achtstündige Arbeitszeit.
London, 16. Juni. (TU.) Die englische Regierung wird schon in der nächsten Woche dem Hinterhaus einen Gesetzentwurf vorlegen, der die acht stün dige Arbeitszeit im Kohlenbergbau gestattet. DaS Gesetz soll drei Jahre Gültigkeit haben, kann jedoch nach Maßgabe der Rentabilität des Bergbau e s verlängert werden. Die Regierung hat es danach in der Hand, das Gesetz zu verlängern, wenn sich herausstellt, daß bei Wiedereinführung der siebenstündigen Arbeitszeit der Kohlenbergbau unrentabel wird. Wie verlautet, werden die Grubenbesitzer erst das Inkrafttreten dieses Gesetzes abwarten und dann die Lohnsätze betanntgeben, die die einzelnen Gruben unter Berücksichtigung ihrer Rentabilität zahlen können. In Arbeitgeberkreisen glaubt man, daß nach Bekanntgabe der n e u e n L ö h ne ein großer Teil der Arbeiterschaft die Arbeit wieder aufnehmen wird
Neue Vorschläge der Regierung.
London. 16. Juni. (SU.) Die neuen Vorschläge der Regierung schließen folgende Punkte ein: 1. Unter dem Achtstundentag sollen in ungefähr 50 Prozent aller Gruben die g e g e n- wärtigen Lohnsätze während der Monate Juli, August und September garantiert werden. 2. Rach Ablauf dieser Zeit sollen neue Lohnsätze nach Maßgabe der erzielten Gewinne festgesetzt werden. 3. Bei 25 Prozent aller Bergwerke wird eine Reduzierung der Minimallohnsätze um ungefähr 10 Prozent stattfinden.
Die Regierungskrise in Frankreich.
Briand mit der Kabinettsbildung beauftragt.
Briands Gründe für den Rücktritt
Paris, 16. Juni. (TU.) Die Blatter sind über* einftimmenb der Meinung, baß die Krise ihre wahrscheinlichste Lösung in einem neuen, bem zehnten, Kabinett Brianb finben wirb. Ebenso glaubt man, baß Poincar 6 bie meisten Aussichten hat, Finanzmini st er zu werben. Brianb hat nach seiner Rückkehr aus bem Elysee Pressevertretern bie Grüiibe für seinen Rücktritt auseinanbergesetzt. Rach ber Kammersitzung, so führte er aus, sei ihm auf Grunb ber Besprechungen in ben Wanbelgängen klar geworben, baß eine ein» fache Umbilbung bes Kabinetts unmöglich sei. Es wäre ihm nicht leicht geworben, einen neuen Finanzminister zu finben, nachdem er bereits brei Minister verbraucht habe, unb nachbein sich bie finanziellen Schwierigkeiten noch vergrößert hätten. Aber auch wenn er einen gefunben hätte, so wäre bamit bie Krise noch nicht gelöst worben, benn er hätte nach wie vor ber Kammer einen Eiertanz aufführen müssen. Anberer» seits müsse er auf bie Strömung in ber öffentlichen Meinung, sowohl im Publikum als in parlamentarischen Krisen, Rücksicht nehmen, bie ein Ministerium ber nationalen Einigung forbern. Er sei zwar ber An» sicht, baß es unmöglich sei, ein wirkliches Ministerium ber nationalen Einigung zu bilben. Man könne nicht Leute von allen Winkeln bes parlamentarischen Schachbrettes um ein Sanierungs-. Programm gruppieren, über bas sie bie vetschieben- sten Ansichten vertreten. Aber wenn es so nicht möglich sei, ein Ministerium ber nationalen Einigung zu schaffen, so müsse man boch ben Versuch zu einem Waffen still st and zwischen gewissen Parteien machen. Das seien bie Gtünbe gewesen, berenlmegen bas Kabinett einstimmig ber Ansicht gewesen lei, man müsse bem Präsidenten der Revuvlik volle Handlungsfreiheit überlassen. Die Pressevertteter wiesen darauf hin, daß Briand in der Kammer einen Abstimmungserfolg errungen habe. Briand erwiderte, es habe sich dabei zunächst nur um eine Vertrauensfrage gehandelt. Als die Presse-, Vertreter darauf hinwiesen, daß der Präsident der Republik ihn als neuen Ministerpräsiden, t e n berufen möchte, erwiderte Briand, wenn man ihm das Angebot mache, werde er es ganz genau prüfen und es sich von allen Seiten ansehen, um zu wissen, was es wert sei. Aber er könne schon jetzt versichern, daß er es ohne wirkliche Freude annehmen würde. Zum S.chluß fragte man Briand, wie er sich die Lösung eigentlich denke. Er bekannte sich zu der Auffassung, man müsse außerhalb der politischen Gruppen eine Reihe b e - deutender Persönlichkeiten vereinigen, die im G e i ft e der Einigkeit an dem Werke der F tankenunter st ützung arbeiteten. Dadurch könne neues Vertrauen im In- und Ausland geschaffen werden. Allerdings fei das nicht leicht bei einer so zusammengesetzten Kammer.
Briand übernimmt bie Neubildung.
Paris, 16. Juni. (WD.) Rachbem ber Präsident der Republik seine Besprechungen mit den verschiedenen Parlamentariern, darunter dem radikalen Senator Maurice ©arraut und dem der demokratisch-republikanischen Linken angehörenden Abg. Bokanowski beendet hatte, wurde kurz nach 7 Uhr Briand ins Elysee berufen. Rach längerer Besprechung mit dem Präsidenten der Republik nahm er ben ihm erteilten Auftrag, die Regierung 8 u_ bilben, an. Beim Verlassen des Elysee erklärte Briand, er habe dem Präsidenten initgcteili, er werde versuchen, ein Ministerium auf der Grundlage des weitestgehenden! Zusammenschlusses der Fraktionen zu bilden, und dazu deren befähigste Vertreter ersuchen, angesichts des Ernstes der Lage ihre verschiedenen Streitigkeiten zu vergessen und sich einzig und allein auf den Boden des nationalen Interesses zu stellen, und sich zu bentüfren, wieder eine normale Finanzlage zu schaffen. In den parlamentarischen Kreisen rechnet man, wie Ha- vas mitteilt, damit, dah Briand sein Kabinett schnell zusammenbringen wird. Mehrere seiner bisherigen Mitarbeiter, wie Painleve. La- v a l und andere werde er beibehalten. Eine gewisse Anzahl von Portefeuilles werde er Vertretern der Mitte, wie P o i n c a r c und Bo- kanowfki, anbieten. Sollte, was man für ziemlich unmöglich hält, Briands Mission mißlingen, so rechne man mit einem Kabinett Herri ot. Wie Havas weiter mitteilt, hat Briand die Kabi-
Mit der Bekanntgabe der neuen Vorschläge ber englischen Regierung haben die Feindseligkeiten heute auf der ganzen Linie begonnen. Die führenden Persönlichkeiten im Lager der Arbeiterpartei meinen, daß es in den nächsten Tagen und Wochen zu ganz erbitterten Kämpfen kommen werde. Die Bergarbeiter würden sich nicht ergeben. Auch in der liberalen Partei macht sich Opposition gegen di e Regierungsvorschläge geltend. Lloyd George vertrat die Auffassung, daß die Regierung den Konflikt in sehr plumper und ungeschickter Weise behandele.
nettsbildung grundsätzlich übernommen, aber seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, sich mit seinen Freunden zu besprechen, eh: er eine endgültige Antwort erteile.
Kombinationen.
Paris. 16. Juni. (TU.) Der Präsident der Republik hat heute morgen die Besprechungen zur Lösung der Kabinettskrise ausgenommen. Um 8.30 Uhr wurde der Senatspräsident empfangen, kurz darauf Herri ot, der Präsident der Kammer. Im Laufe des Vormittags empfing Doumergue weiterhin die Präsidenten der beiden Finanz- kommissionen, sowie die Führer der politischen Gruppen, darunter C h e r o n. Läon Dlum, Sariac und Bokanowski.
In politischen Kreisen wird bestimmt damit gerechnet, daß ein zehntes Kabinett Briand zustandekommt. Man bestätigt, daß vor allem die Mitarbeit von Herriot und P o i n c a r e erwünscht sei. Der Ministerpräsi- deut hat bereits Schritte bei den verschiedenen Politikern unternommen. Um 9.30 Uhr begab sich Briand in die Kammer und hatte mit Herriot eine längere Aussprache. Eine schnelle Behebung der Krise ist nach Ansicht der Mittagspresse nur durch eine Verständigung mit Briand und Herriot möglich, weil dadurch ein Teil der Linksopposition zur Regierungsmehrheit übergehen würde.
In den Wandelgängen der Kammer unb des Senates wurde gestern die Krise lebhaft besprochen. Zahlreiche Senatoren waren ber Ansicht, man müsse der neuen Regierung die Möglichkeit geben, während einer gewissen Zeit ohne die Kontrolle des Parlamentes zu arbeiten. In der Kammer stand Poincars im Mittelpunkt der Vermutungen über die Zusammensetzung des neuen Kabinetts. Das „Echo de Paris" teilt mit, dah schon in den letzten Tagen Freunde Briands bei Poincar6 Fühler ausgestreckt hätten. Obwohl Poincars einige Vorbehalte macht, habe er doch keine grundsätzlichen Einwendungen gegen seinen etwaigen Eintritt in ein Kabinett gemacht, das die Aufgabe hat, das Land vor einer Finanzkatastrophe zu bewahren. Dou mergue nimmt heute abend an einem Diner in der italienischen Botschaft teil, zu bem auch Poincars geladen ist. Cs wird vermutet, daß die erste Besprechung des Präsidenten mit Poincarö bei dieser Gelegenheit stattfindet.
Für bas Finanzministerium nennt man Eail- laux, ber jedoch nur unter gewissen Bedingungen, b. li. unter Zusicherung weitgehenber Vollmachten, annehmen mürbe. Gestern abenb habe bereits Iu- stiMinister Laval im Senat eine Unterrebung mit Eaillaux gehabt. Sollte Caillavx ablehnen, so denke man an bie Möglichkeit, bas' Finanzministerium wieder in ein Bubgetministerium unb n ein Schatzministerium zu teilen unb bas erstere bem Abg. larbieu unb bas zweite bem Abg. Bokanowski anzubieten. Als Innenminister käme b e Monzie in Frage.
Doumergues Bemühungen.
Paris, 16. Juni. (WTB.) Präsident Doumergue empfing heute nachmittag ben Generalberichterstatter des Finanzausschusses bes Senats Eh 6 ron , bie Senatoren Poincar 6 unb Rai« Hers, sowie ben zur rabifalen Linken gehörenben Abgeorbneten Victor B o r e t, ferner bie Vorsitzen- ben ber Finanzausschüsse von Kammer unb Senat Millies, Lacroir unb Simon unb ferner ben Vorsitzenben ber rabifalen Kammerfraktion Abg. Pazals, sowie ben rabifalen Senator Pumi - n a l unb ben rabifalen Abgeorbneten Ehautemps, ben Berichterstatter über bie allgemeine Politif auf bem heute nachmittag ftattfinbenben fleinen Parteitag ber Rabifalen.
Wie Havas mitteilt, finb bie französische unb englische Regierung übereingefommen, unter ben gegenwärtigen Umständen ben Besuch bes Präsidenten berRepublik, Doumergue, in ßonbon, ber in ber nächsten Woche ftattfinben sollte, aufzu- schieben. Der König von England hofft, feine Einlabung zu einem günstigeren Zeitpunkt wieder- holen zu können. Wie ber „T emp s" mitteilt, ist biefe Entscheidung auf Grunb von in ben letzten Tagen zwischen Paris unb ßonbon gepflogenen Derhanblungen getroffen worben.
Pariser Blätterstimmen.
Paris, 16. Juni lWolff.) Zur Kabi- netrskrise schreibt der „Petit Parisien“, man fei sich einig, daß die Krise rasch gelöst wer-
Die russischen Streikgelder.
Moskau, 16. Juni. (TU.) Aus den englisch-russischen Rotenwechsel hin hat der Zentrolrat der russischen Gewerkschaften beschlossen. die Unterstützungsgelder nach England solange zu senden, bis diese offiziell von der englischen Regierung beschlagnahmt werben. Diesem Beschluß hat sich die Dritte Internationale angeschlossen. Die englische Mission in Moskau hat Einspruch gegen diesen Beschluß erhoben.
Das englische Kabinett beschäftigte sich heute eingehend mit der russischen Antwortnote wegen der Streikgelderzahlung an
den müsse. Doumergue werde Briand mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragen.
„Avenir" schreibt: Unsere Freunde sind bereit, jedes Kabinett zu unterstützen, das den festen Willen bekundet, aus der Politik herauszukommen, die das Land ruiniert.
Das „Journal" glaubt zu wissen. Briand gedenke, wenn er mit der Bildung des Kabinetts betraut werde, sich zuerst an Poincate und Herriot zu wenden. Hervorragende Politiker in Kammer und Senat bestätigen, fährt das Blatt fort, daß das neue Ministerium nur bann handeln könnte, wenn es vom Parlament Vollmachten erhalte.
Das „Echo de Paris" betont, das Programm der neuen Regierung lasse sich in einen einzigen Artikel zusammenfassen. Er laute: Der zu erwartende Sanierungsplan der Finanzsachverständigen muß in die Tat umgeseht werden. Irn übrigen habe Peret erklärt, es sei parlamentarische unb politische Eintracht notwendig. Dieser Rat gewinne in dem Munde des Finanzministers an Wert, und e3 sei wünschenswert, daß er von der künftigen Regierung gehört werde.
„Irnparlial Fran^ats" schreibt, man dürfe sich keine falschen Vorstellungen machen. Die nächste Inflation würde wahrscheinlich für das Regime selbst unheilvoll sein. Den Glauben des Landes an die republikanische und parlamentarische Form würde man in die Wagschale weisen müssen. Die Karte, die jetzt nod) ausgespielt werde, könne vielleicht die letzt: sein, über die man verfüge.
Die radikale „E r e Rouvelle" betont, das Hauptziel jeder Polittk müsse die Gesundung des Frank fein. Man dürfe nicht genau abwägen wollen, wie stark die einzelnen Fraktionen in dem neuen Kabinett vertreten sein mühten. Der öffentlichen Meinung müsse gesagt werden, daß zur Zeit Opfer gebracht werden mühten, übrigens weniger schwere, als man sich das vorstelle.
Der „Figaro" schreibt, man dürfe jetzt vor allem keine Zeit verlieren. Alle Parteistreitigkeiten mühten beiseite gelassen werden. Vie Parteiführer mühten ein Abkommen schlichen, daß für die einen ein Abkommen der Zusammenarbeit, für die anderen ein Abkommen der Neutralität fei.
Der „Gaulois" schreibt: Wird die Regierung dem französischen Volke die Wahrheit sagen und es vor bje harte Wirklichkeit stellen, dis Verfassung zu revidieren und die Verwaltung, die zu kostspielig ist, zur Debatte zu stellen?
Der „T e m p s" schreibt, Briand hatte gestern die Wahl zwischen der Ernennung des neuen Finanzministers und dem gesamten Rücktritt des Kabinetts. Daß er sich zu letzterem Entschluß aufraffte, ist ein neuer Beweis seiner politischen Klugheit. Das neue Ministerium muß endgültig eine politische Entspannung herbeiführen. Das Parlament muß den finanziellen Rotwendig- keiten des Augenblickes seine politischen Differenzen zum Opfer bringen. Ein festumrissenes finanzielles und wirtschaftliches Programm, eine entschlossene Regierung und eine stabile Mehrheit sind die drei wichtigsten Voraussetzungen für die rasche Beilegung der finanziellen Krise.
Englische Kommentare.
London, 16. Juni. (WB.) Der Rücktritt des französischen Kabinetts erregt in der Presse großes Aussehen. Der „Daily Telegraph" schreibt: Die Schwierigleiten, mit denen Doumergue zu kämpfen hat, sind so groh, dah man mit der Möglichkeit einer Verschiebung seines Staatsbesuches in London rechnen muh. Man würde dies in Großbritannien sehr bedauern und hoffe daher allgemein, dah die Kabinettskrise in Frankreich rechtzeitig beigelegt wird, damit Doumergue den Besuch ausfüyren kann.
Die „Daily Rews" sagt: Die Lage verschlimmert sich immer mehr. Es besteht anscheinend keine Möglichkeit einer Kombination von Parteien oder Staatsmännern, die den Mut hätten, der Inflation Einhalt zu tun und einen chirurgischen Eingriff vorzunehmen, der nottoen- dig ist, um den enbgültigen Zusammenbruch des französischen Kredits zu verhindern. Der Schatten einer ungeheuren Katastrophe liegt über einer großen Ration, der die moralische Kraft fehlt, die durchgreifenden Heilmittel zu gebrauchen, deren Anwendung sie bei ihrem Rachbarn jenseits des Rheins mit erzwungen hat, als dessen Währung erschüttert war
Die „Westminster Gazette" erklärt: Frankreich hat eS hartnäckig abgelehnt, der Lage ins Gesicht zu blicken. Die unvermeidliche Folge davon ist, daß bie Lage sich verschlimmert.
die Bergarbeiter. Wie in diplomatischen Kreisen verlautet, wird bie Regierung keine weiteren Schritte in dieser Angelegenheit unternehmen.
Deutsch-französisches Aufwertungsabkommen.
Berlin. 16. Juni. (TU.) Zwischen ber beut« schen unb französischen Regierung ist ein A b k o m« men über bie Durchführung ber beut« schen Aufwertungsgesetze abgeschlossen, bas in Berlin ratifiziert worben ist. In bem Abkommen wirb ber Grundsatz bet SW ei ft be?


