im Gegenteil versucht, dieses Schlichtungsver- sahren zu erweitern, um andere Fragen im Zusammenhang damit aufzurollen. Diese Tatsache allein sei schon ein ausschlaggebender Beweis dafür, daß die Reichsbahn bis zuletzt von der Rechtswirksamkeit des Schlichtungsverfahrens selbst überzeugt gewesen sei. Weiler heiht es in der Klage: Aus den gesetzlichen Bestimmungen ergibt sich, daß nie und nimmer bei den gesetzgebenden Organen des Reiches die Absicht bestanden hat, diesen ungeheuren, früher dem Reich gehörigen Betrieb, der nur aus bestimmten außenpolitischen Gründen in die Form einer Sondergesellschaft gebracht worden ist, mit seinen 190 000 Lohnarbeitern dem Geltungsbereich der sozialpolitischen Gesetzgebung des Deutschen Reiches zu e n 1 z i e h c n. Die Klage stützt sich auf die Gutachten des Reichsarbeitsministeriums, des Reichsverkehrsministeriums und sämtlicher Abgeordneten des Reichstages, die sich zu dieser Frage als Wortführer ihrer Partei geäußert haben.
Deutscher Reichstag.
Beratung des Verkehrsetats.
Berlin, 15. Febr. Zweite Beratung des Haushaltes des Reichsvcrkehrsministeriums.
Abg. Schütz (Komm.) verlangt Einstellung größerer Mittel für die Fortsetzung der angefangenen Kanal b-aUten. Diese Arbeiten würden die beste Gelegenheit für eine wirksame Hilfsaktion für die Erwerbslosen bieten. Mit der Fortsetzung des Lippekanals und der Fertigstellung der Werrakanalisierung würde Tausenden von Arbeitslosen Beschäftigung geboten und der Wirtschaft geholfen werden. Der Redner richtete dann heftige Angriffe gegen die Reichsbahnverwaltung. Die Korruption habe dort einen ungeheueren Umfang angenommen. Die leitenden Beamten der Reichsbahnverwaltung gehörten an die Laterne. (Der Redner erhält einen Ordnungsruf.) Schiebungen und die Annahme großer Geschenke seien dort an der Tagesordnung. 3n der Reichsbahn müsse gründlich Ordnung ge° schassen werden.
Abg. Dr. Wieland (Dem.) begründet einen Antrag auf Besetzung des Postens des Staatssekretärs mit einem Techniker. Die Erhaltung und Erneuerung des Eisenbahnoberbau c s sei unzulänglich Ueber den Stand der Elektrifizierung der Dahnen müsse Auskunft erlangt werden. Auf dem Gebiet des Kraftfahrwesens dürfe das Reich kein Monopol einrichten. Für die kommenden Der- Handlungen über die internationale Regelung des Luftverkehrswesens müßten rechtzeitig die geeigneten- Sachverständigen gesucht werden. 3n der Automobilbesteuerung müsse das Reich einschreiten gegen die hohen Sondersteuern.
Abg. Mollath (Wirtsch. Der.) erklärt, das Kanalneh müsse vervollständigt und der Ausbau der Hafenanlagen gefordert werden. Beim Wohnungsbau für die Beamten des Wasserschuhes sollten die Arbeiten in kleinen Losen vergeben werden, damit auch die Qualitätsarbeit des Handwerks dabei zur Geltung kommen kann.
Abg. Groh (Zentr.) wünscht Weiterführung der Reckarkanalisierung. Deim Reichswasserschuh sei die Zahl der Vorgesetzten viel zu groß. Für die Ausgestaltung des Luftverkehrs sollte eine gemischt-wirtschaftliche DetriebSfvrm gewählt werden. Auf die Dauer werde aus der Reichsbahn kaum ein jährlicher Betrag von 600 000 000 Mark für Reparationsleistungen herausgeholt werden tonnen. Das Auswärtige Amt sollte auf eine gerechtere Verteilung der Reparationslasten hinwirken. Hm die Rechtsverhältnisse des Eisen- bahnpersonals zu verbessern, beantragen wir eine entsprechende Aenderung des Reichsbahngesehes.
Reichsverkehrsminister Dr. Kröhne betont die Schwierigkeiten der Reichswasserstra- henverwaltung, die sich daraus ergeben, daß 20 Prozent der deutschen Wasserstraßen in Preußen liegen, und daß die Derkehrsinteressen auf diesem Gebiet vielfach in enge Berührung kommen mit den Interessen der Landkultur. Das Ministerium sei unschuldig daran, wenn bisher aus Mangel an Anleihemitteln der Ausbau der Wasserstraßen nicht schnell genug vorgenommen werden konnte. Bei der Reichsbahnverwaltung werde eine Inventuraufnahme verlangt werden. Das Ministerium habe nicht die Absicht, den freien Wettbewerb der Kraftwagen Verkehrsgesellschaften durch ein Reichsmonopol aufzuheben. Im Sinne des Abg. Mollath werde schnell angeordnet. daß die im Bereich der Reichsbahn liegenden Berkaufsftände sich an die allgemein geltenden Verkaufszeiten halten, soweit ihre Waren nicht in unmittelbaren Bedarf der Reisenden liegen. Der Reckarkanal soll durchgeführt werden. Ein internationales Luftverkehrsabkommen werde die Zusttmmung der Regierung nur dann finden, wenn es unbedingte Gegenseitigkeit erwirkt.
Ministerialdireftor Gutbrodt äußert sich über des Unglürf bei Oberhof. Die Untersuchungen über die Ursachen des Unglückes feien noch nicht abgeschlossen. Der Sicherheitsposten habe die Gruppenarbeiter rechtzeitig gewarnt. Sie seien aber auf das Gleise getreten, was nicht der Fall sein darf. Die Rottenführer seien mit Verbandszeug ausgerüstet gewesen. Die Zahl der Eisenbahnunfälle habe sich dem Vorjahre gegenüber vermindert und nähere sich schon der Zahl von 1913. Die deutsche Unfallstatistik der Eisenbahn biete ein wesentlich günstigeres Bild, als in anderen europäischen Ländern. Die Reuorganisati vn der Eisenbahn- Werkstätten sei notwendig gewesen, um auch die Uebernahme der Länderbahnen durch das Reich, eine gewisse Vereinheitlichung der Wagen- typen und die Durchführung der Rorrnung zu ermöglichen. Weitere Erfahrungen mit dem neuen System müßten erst zeigen, ob die davon erhofften Ersparnisse eintreten. Das Projekt der Elektrifizierung der Berliner Stadtbahn sei jetzt neu bearbeitet worden, um eine den Verkehrsbedürfnissen entsprechende und nach den verfügbaren Mitteln mögliche Lösung zu erreichen.
Abg. St ähr (D. völk.) erklärt, jetzt zeige sich die Berechtigung der von den Dawesgegnern gemachten Voraussage, daß die im Dawesplan uirs auserlegten Lasten von unserer geschwächten Wirtschaft nicht getragen werden könnten. Unerträgliche Zustände bei her Reichsbahn könnten erst geändert werden, wenn her ganze Dawespakt beseitigt ist.
ReichsverkehrSminister Dr. Kröhne weist eine Bemerkung des Vorredners zurück, daß das Gehalt des Generaldirektors der Reichsbahn einschließlich der Sonderzulagen nicht 250 000 Mark beträgt, sondern nach einer Erklärung der Reichsbahngeselllchaft den Betrag von 1 000 00 Mark nicht erreicht. Weiterberatung Dienstag.
Uns dem Haushaltausschutz des Reichstages.
Berlin, 15. Febr. Der Haushaltausschuh des Reichstaas beriet heute den mündlichen Bericht des Ausschusses für die besetzten Gebiete über Maßnahmen zur Linderung der Notlage der Arbeiter im Saargebiet. Berichterstatter Abg. Hoffmann (Ludwigshafen — Zentr.) stellte einen Antrag, in dem die Reichsregierung ersucht wird, im Einvernehmen mit den beteiligten Länderregierungen von Preußen, Bayern und Oldenburg ausreichende Hilfsmaßnahmen zu treffen. Der Antrag wird bis auf das Verlangen nach Verfügungstellung von 1,5 Millionen angenommen.
Es folgte die finanzielle Nachprüfung der Beschlüsse des Steuerausschusses bezüglich der beantragten Abänderung des Gesetzes über Erhöhung der Bier- und Tabaksteuer vom 10. August 1925. Der Steuerausschuß halte beschlossen, daß das Reich den Bezirksfürsorgeverbänden mit rückwirkender Kraft vom 1. Oktober 1925 ob 90 Prozent der Kurzarbeiterunterstützung erstatten solle, anstatt wie bisher nur 80 Prozent. Die Bedürstigkeitsprüsung soll fürderhin in Fortfall kommen. Der Ausschuß genehmigte die vorliegenden Anträge und wandte sich der Beratung des Marineetats zu.
Abg. E r s i n g (Zentr.) machte auf die Umtriebe bei der Industrie-Erzeugnis A.-G. aufmerksam, deren Geschäftszweig die Vertretung erster Firmen bei den Ausschreibungen der Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden fein soll. Zum Aufsichtsrat dieser Gesellschaft gehören ein Staatssekretär a. D., ein Generalmajor a. D., ein Oberstleutnant a. D. usw. Diese Gesellschaft habe durch Rundschreiben mitgeteilt, daß sie mit Rücksicht auf die guten persönlichen Beziehungen zu den maßgebenden Behörden bei den behördlichen Ausschreibungen große Aufträge vermitteln können, wofür sie eine Provision von 2 Prozent verlangen. Mit den schärfsten Mitteln solle der Reichswehrminister dagegen ein- schreiten.
Reichswehrminister Dr. G e ß l e r versicherte, daß er der Sache mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln nachgehe. Schon jetzt könne er mitteilen, daß die genannte Firma bei der Marine völlig unbekannt sei.
Abg. H ü n l i ch (Soz.) verlangte die Wiedereinführung eines unanfechtbaren und korrekten Systems der behördlichen Aufträge.
Abg. Dr. Schreiber (Zentr.) erklärt, die Fahrten deutscher Kreuzer ins Ausland hätten das Ansehen Deutschlands gesteigert. Die R e k r u t i e - rung der Mannschaft müsse fich auf alle Landesteile erstrecken. Der Bauplan sei mit größter Klarheit zu entwickeln. Die sanitäre Lage der Torpedobootsbesatzungen müsse gebessert werden.
Abg. Kreutzburg (Komm.) wandte sich gegen die Vermehrung der Offiziersstellen in der Marine. Die Lage der Mannschaften müsse statt dessen gebessert werden.
Hierauf vertagte sich der Ausschuß auf Dienstag.
Die Steuersenkung.
Eine Unterredung mit dem Reichsfinanzmiuifter.
Leipzig, 16. ^ebr. (IM.) Reichsfinanzmiuister Dr. Reinhold erklärte einem Vertreter der „Reuen Leipziger Zeitung", er erwarte wesentliche Rückwirkungen seiner Steuersenkungsplane auf die allgemeine Wirtschaftslage und die Finanzen der Länder und Gemeinden, da von der geplanten Steuersenkung eine Ankurbelung der Gesamtwirtschaft erhofft werden könne, die den Finanzen der Länder und Gemeinden schließlich wieder durch Steuererträgnisse zugute kommen wird. Dec Hauptgedanke bei der Steuerreform fei, der Wirtschaft die dringend notwendige Atempause durch Erleichterung besonders drückender Steuern zu gewähren. Wit besonderem Rachdruck betonte Dr. Reinhold, daß die Länder und Gemeinden energische Anstrengungen zur Einschränkung des Verwaltungsapparats und zur Senkung feiner kosten machen müßten. Die Verwaltungsresorm müsse seht kommen. Von der Erteilung des Zuschlagsrechtes zur Einkommensteuer erhofft der Reichsfinanzminister eine weitere Stärkung des finanziellen Selb ft Verantwortungsgefühls der Länder und Gemeinden und damit einen verstärkten Druck in der Richtung der angestrebten Detroal- lungsvereinfachung. Die angekündigten Gesetzentwürfe über die Ermäßigung verschiedener Reichssteuern sind fertiggesiellt und befinden sich zur Zeit beim Reichskabinett, das in nächster Zeit dazu Stellung nehmen wird.
Glückwünsche zur Ausreise der „Hamburg".
Hamburg, 15. Febr. (WTB.) Aus Anlaß der Ausreise des Kreuzers „Hamburg" sind an Bord Glückwunschtelegramme des Reichspräsidenten und des Reichswehrministers eingetroffen. Der Reichspräsident telegraphierte: Den Kreuzer „Hamburg" und seine Besatzung begleiten meine besten Wünsche zur Fahrt um die Welt. Wöge die deutsche Flagge zur Ehre unseres Vaterlandes wehen, wo es auch immer sei. Darauf antwortete der K o m m a n d a n t: Im Augcn- blick des Auslaufens zur Weltreise erneuern der Kommandant, die Offiziere und die Besatzung des Kreuzers „Hamburg" ihr Gelübde unverbrüchlicher Treue. Möchten bei der Heimkehr weitere Fesseln unseres Volkes und des Vaterlandes gefallen sein. *
Das Glückwunschtelegramm des Reichs- w e b r m i n i ft e r s hat folgenden Wortlaut: Dem Kreuzer „Hamburg" wünsche ich gute Fahrt und glückliche Heimkehr. Hlögc das Auftreten des Schiffes überall der deutschen Flagge Ehre machen, die Bande alter Freundschaft enger knüpfen und neue Freunde werben. Der stolze Rame der Hansestadt, den das Schiff führt, sei ihm ein Ansporn zu unverzagtem, zielbewuß- tem und kraftvollem Handeln. Vom Kreuzer „Hamburg" wurde daraus geantwortet: Der Kommandant, das Offizierkorps und die Besatzung danken gehorsamst für die guten Wünsche anläßlich der Ausreise des Schulkreuzers und geben die Versicherung, allezeit in fernen Landen in Dem Streben zu wetteifern, das in sie gesetzte Vertrauen voll zu rechtfertigen.
Ein Abstimmungssieg Briands.
Paris. 16. Febr. (WTB. Funkfpruch.) Mm 6.35 Uhr früh hat die Kammer über die angenommenen Teile des Finanzgefetzentwurfes, deren Er- ! trag mit 1,6 Milliarden Franken beziffert wird, *
abgestimmt. Ministerpräsident Briand stellte die Vertrauensfrage. Der Gefehenkwurs wurde mit 258 gegen 145 Stimmen angenommen.
Kleine politische Nachrichten.
Der Herr Reichspräsident hat den deutschen Gesandten in Bern Adolf Müller zum Vortrag empfangen.
Beim Reichstagspräsidenten Loebe fand am Montagabend ein Bierabend statt, zu dem u. a. Reichspräsident von Hindenburg, Reichskanzler Dr. Luther und die übrigen Reichsminister erschienen waren.
Der Reichskanzler hat folgendes Telegramm an den Reichstagsabgeordneten Prof. H o e tz f ch gerichtet: „Herzliche Glückwünsche zur Vollendung des 50. Lebensjahres. Daß Ihnen im öffentlichen Leben und als Lehrer unserer akademischen Jugend noch lange Jahre erfolgreicher Tätigkeit zum Besten des Vaterlandes befchieden fein möchten, ist mein aufrichtiger Wunsch."
Das Meineidsverfahren gegen Oberbürgermeister Dr. Luppe -Nürnberg ist von der Strafkammer Nürnberg eingestellt worden.
„Agenzia di Roma" erklärt, daß Italien die Durchführung der internationalen Konvention über den Achtstundentag weiterhin in suspenso lasse, weil Frankreich nur eine bedingte Ratifizierung vorgenommen, England sie nicht ratifiziert habe und die Schweiz erklärt habe, sie nicht ratifizieren zu können.
Durch königliches Dekret ist der jugoslawische Gesandte in Berlin, B a l u t s ch i t s ch , zum Gesandten in Rom und der gegenwärtige Gesandte in Rom beim Vatikan, Sinodlaka, zum Gesandten in Berlin ernannt worden.
Aus aller Wett.
Eine Rerchswohnungszählung.
O Berlin, 1 . Febr. Wie wir hören, soll im kommenden Frühjahr in allen Gemeinden mit 5000 und mehr Einwohnern eine Reichs- wohnungszählung durchgeführt werden. Den Ländern ist es überlassen, diese Zählung auch auf solche Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern zu erstrecken, die 1. in Industriebezirken oder in der Rähe solcher Bezirke liegen und 2: für die besondere Verhältnisse maßgebend sind.
Beim Spielen mit einer Handgranate getötet.
In einem Dorfe bei, Glogau fanden Kinder aus einem Felde eine Eierhandgranate. Als sie sich dann m der Wohnung an dem Sprengkörper zu schassen machten, explodierte dieser und verstümmelte zwei Kinder in grauenhafter Weise. Der Tod trat auf der Stelle ein. Die übrigen im Zimmer befindlichen drei Kinder wurden mehr oder weniger schwer verletzt.
Schweres AutomobilungMck.
Ravensburg, 16. Febr. (W.T.B. Funkspruch.) Infolge Reifenbruchs fuhr bei Weingarten ein PersonemAuto nachts gegen einen Baum und wurde beschädigt. Der Besitzer, der den Wagen selbst lenkte, Fabrikant Halmer aus Ravensburg, war sofort tot. Zwei Mitinsassen wurden schwer verletzt.
Ein schweres Grubenunglück verhütet.
Auf noch ungeklärte Weise verstopfte sich auf der Grube Kreuhwald in Lothringen der Luftzufuhrkanal. Die im Schacht arbeitenden Bergleute brachen nach und nach infolge Mangels an frischer Lust ohnmächtig zusammen. Glücklicherweise konnten einige Bergleute Hilfe herbeirufen. Die Bewußtlosen wurden zutage geschasst, wo sich der größte Teil von ihnen wieder erholte, während einige Arbeiter ins Krankenhaus gebracht werden mußten.
Große Wald- und Steppenbrände in Australien.
Infolge der außerordentlich hohen Temperatur sind im Staate Victoria große Strecken Wald und Buschsteppe in Brand geraten. 23 Personen sind verbrannt. Weitere werden vermißt.
Der Kölner Karnebal.
Trotz Geldknappheit und Polizeivorfchristen hat sich der Kölner auch in diesem Jahre sein altverbürgtes Recht auf den Karneval nicht nehmen lassen. Oeffentliche Umzüge, wie sie die Bevölkerung von früher gewohnt ist, sind zwar verboten, aber dafür ist das Treiben in den Lokalen um so größer. Am Samstag fand der große öffentliche Maskenball der „Großen Kölner" in der Messehalle statt, an dem sich weit über 7000 Personen beteiligten. Es war der größte Karnevalsball, der je in Köln abgehalten worden ist. Am Sonntagabend nahm der Andrang zu den Festlokalen noch bedeutend zu. Vor den großen Gaststätten und Kaffees drängten sich die Menschen schon in Öen frühen Abendstunden und warteten stundenlang auf Einlaß.
Ein Irankenfälscher in Hamburg verurteilt.
Der 30jährige frühere österreichisch-ungarijche Jlieaerleutnant von O l ch w a r y , der am 9. Dezember mit 500 falschen Tausendfranknoten im Auftrage des ungarischen Obersten I a n k o w i t s ch nach Kopenhagen gereift war und von dort sich nach Hamburg begeben hatte, wo seine Festnahme erfolgte, wurde von dem Hamburger Schöffengericht wegen Verbreitung von Falschgeld zu vier Monaten Gefängnis und wegen Paßvergehens zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt.
Eifersüchtige Pferde.
In Gemünden erlebte ein Gastwirt, der sich ein neues Pferd getauft hatte und dieses zu den' beiden anderen in feinen Stall stellte, als er am anderen Morgen den Stall betrat, die unangenehme Ucberraschung. daß der Reuling mit entzwei geschlagenem Schenkel aut Boden lag. Das Unglüd war von den beiden anderen Pferden, die in dem Reuangekoinmenen einen unerwünschten Konkurrenten erblickt haben mochten, angerichtet worden.
Wettervoraussage.
Meist bedeckt und neblig, milde, westliche Winde, noch Regenfälle.
Ausläufer des westlichen Tiefdruckgebietes, das sich mit seinem Kern nordöstlich verlagert, führen warme feuchte Luft in unser Gebiet. Der Witterungscharakter dürste auch morgen wenig Aenderung erfahren.
Gestrige Tagestemperaturen: Marimum: 7.5 Grad Celsius, Minimum: 4,3 Grad Celsius. Riederschläge 2,4 Millimeter Heutige Morgentemperatur 5,3 Grad Celsius.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 16. Februar 1926.
Die Lahnkanalisierung.
Zur Erörterung des für das Lahn- und Dillgebiet außerordentlich bedeutsamen Problems der Lahnkanalifierung hatten die Ortsausschüsse des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes Gießen-Wehlar auf gestern vormittag eine Konferenz anberufen, die in Wetzlar im Gasthaus „Zum Riesen" stattfand. Mit dieser Tagung wollten die Vertreter der Arbeitnehmer bekunden, daß auch sie die Lahnkanalisierung als eine Aufgabe ansehen, die im Interesse unserer Wirtschaft, auch zum Ruhen der Arbeiterschaft, baldmöglichst gelöst werden muß. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend gatt es zu dem Problem Stellung zu nehmen.
Der Sitzung wohnten als offizielle Persönlichkeiten bei: Oberregierungsrat Dr. Heß (Gießen) als Vertreter der Hess. Regierung, der Provinzialdirektton Oberhessen und des Kreisamtes Gießen, Beigeordneter Dr. -H a m m für die Stadt Gießen, Landrat Geh. ReAffbungsrat Dr. Sartorius (Wetzlar) als Vertreter des Kreises Wetzlar, Stadtrat Winkelmann (Wetzlar) als Beauftragter der Wetzlarer Stadtverwaltung, Handelskammersyndikus Dr. Zeidler (Gießen) als 03ertretet der Industrie- und Handelskammer für Gießen, Alsfeld, Lauterbach. Ferner waren Deichstagsabgeordnete, preußische und hessische Landtagsabgeordnete, Stadtverordnete usw. erschienen.
Direktor Banfa (Limburg), der bekannte Vorkämpfer des Lahn-Kanal-Dereins, hielt einen tiefgründigen, fesselnden Vortrag über das Problem der Lahnkanalisierung, das er in wasser- und schiffbaulicher Hinsicht, aber auch in bezug auf Finanzierung, Wirtschaftlichkeit, Ausnutzung der Wasserkraft usw. recht eingehend besprach. Die grundlegenden Ausfiihrungen des Redners deckten sich mit seinem Aufsatz, den' er in der Jubiläums-Ausgabe des „Gießener Anzeigers" Ende Oktober v. Is. veröffentlichte. Als neues Moment stellte der Vortragende jetzt die große Erwerbslosigkeit mit in den Kreis, und zwar in den Vordergrund feiner Betrachtungen. Es komme jetzt darauf an, dieser ungeheuren Arbeitslosigkeit mit aller Kraft entgegenzutreten. Das könne nur durch Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten geschehen, und zwar durch produktive Arbeit, damit auch der Allgemeinheit Ruhen daraus erwachse. Ein umfangreiches und produktives Arbeite lebi'-: s-n die La h n ka n a l i s i e r un g: hier könne den notleidenden Erwerbslosen geholfen und der Allgemeinheit ein großer wirtschaftlicher Gewinn verschafft werden. Da die Kanalisierung der ganzen Lahnstrecke bis nach Gießen herauf der hohen Kosten wegen (heutige Berechnung 22 Millionen Mark!) jetzt nicht möglich ist, schlug der Redner vor, zunächst wenigstens den ersten Bauabschnitt, der bis Limburg reicht, fertigzustellen, wofür rund 4,5 Millionen aufzubringen seien, den zweiten Bauabschnitt von Limburg bis Gießen aber einstweilen noch zurückzustellen. Wenn von feiten des Reiches und des Staates geholfen werde, dürfte die Finanzierung des ersten Bauabschnitts auch heute noch möglich fein. Man könne dann vielen Arbeitslosen helfen und außerdem auch die erste Stufe zu einem Werk schaffen, das dem ganzen Lahn- und Dillgebiet zum Segen gereichen werde.
An der Aussprache beteiligten sich u. a. die Abgg. Wittich (Frankfurt), Fries, Röhle (Frankfurt), Hütt mann (Frankfurt), Frau Ege (Frankfurt), Oberregierungsrat Dr. Heß als hessischer Vertreter, Landrat Geh. Regierungsrat Dr. Sartorius (Wetzlar), Stadtrat Winkelmann (Wetzlar) und Gewerkschaftskartell - Vorsitzender Ottilie - Gießen. Sämtliche Redner sprachen ihre Sympathie mit dem Projekt aus und anerkannten die Rotwen- digkeit einer baldmöglichen Durchführung des Vorschlags des Referenten. Insbesondere sagten die Abgeordneten ihr nachdrückliches Eintreten fjir diese Dache in den Parlamenten zu. Von Herrn Ottilie wurde hervorgehoben, daß auch die Abgg. Dr. Decker, Dr. Werner, LI l r i ch, Dr David und Dr. Q u e s s e l als hessische Reichstagsabgeordnete ihre toeitgebenbe Förderung dieser Pläne zugesagt haben. Im Anschluß an die sehr gründliche Aussprache fand die nachstehende Entschließung einstimmig Annahme:
„Die heute, am 15. Februar, in Wetzlar im Lokale „Zum Riesen" tagende Konferenz, einberufen von den Gewerkschaftskartellen Gießen- Wetzlar, begrüßt mit Genugtuung die guten Vorarbeiten für den Ausbau des Lahnkanals, wie dies von Herrn Direktor B a n s a - Limburg (Lahn) vorgetragen wurde. Die Anwesenden fordern im Auftrage der von ihnen vertretenen Behörden, Korporationen und Organisationen, daß im Interesse der Wirtschaft und der durch die Erwerbslosigkeit in große Not geratenen Bevölkerung sofort mit dem Ausbau des Lahnkanals begonnen wird. Die zuständigen Reichs- und Staatsbehörden werden dringend gebeten, hierzu im Wege der produktiven Ermerbslosenfürforge usw. ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen."
Wir begrüßen es. daß auch die Arbeitnehmerschaft durch ihre Spitzenvertretungen im hiesigen Bezirk in wohlverstandener Gemeinsamkeit der Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer in dieser Angelegenheit nunmehr kräftig mitwirkt bei dem Kämpfen für das große Ziel, dessen baldige volle Erreichung wir dem Lahnkanalverein und allen seinen Mitstreitern von Herzen wünschen.
Gießener Wochenmarktpreisc.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 150 bis 170, Matte 25 bis 30, Käse 65 bis 140, Wirsing 30, Weißkraut 25, Rotkraut 30, gelbe Rüben 20, rote Rüben 20, Spinat 35, Unter- Kohlrabi 10 bis 15, Grünkohl 30, Rosenkohl 60, Feldsalat 100, Zwiebeln 20, Meerrettich 50 bis 70, Kartoffeln 4 bis 5, Aepfel 15 bis 30, Birnen 30, junge Hahnen 120, Suppenhühner 120 Pf. Salat 40, Endivien 50, Ober-Kohlrabi 10 bis 15, bas Pfund: Eier 14, Blumenkohl 60 bis 180, Lauch 15, Sellerie 20 bis 60 Pf. das Stück.
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag. Stadttheatcr: 71 Uhr, „Der wahre Jacob". (Ende 9:1i Uhr.)
— „2) e r Lebensraum des deutschen V o I f e s" ist das Thema des zweiten der öffentlichen Vorträge, dis dis V o l k s h o ch ich u I c veranstaltet. Stubienrat Dr. König (Gießen-, der einen Lehrauftrag für Grenz- und Auslanddeutsch- ium an der Universität hat, wird sprechen. Er ist


