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51 A^ris rWin:

Das grotze Würfelspiel.

Martina Wilemar.)

Roman von Franz T a v e r Kappus.

16. Fortsetzung Nachdruck verboten.

Kurz hatte Martina nachgedacht und dannJa" ' i)Ln saß man da, schaute auf die Bühne, lächelte, lachte und knabberte Pralinen. Fräulein Reimke fand die artistischen Nummern besser als einst. Nur mit den Tanzproduktionen konnte sie sich nicht be­freunden. Es wäre etwas Gewaltsames und Ver­krampftes in allen den Vorführungen.Uebrigens sehr charakteristisch für unsere Zeit." Noch tiefer zogen sich ihre Mundwinkel.Meinen Sie nicht auch, Fräulein Wilemar?"

Martina war derselben Ansicht. Es lohnte ja nicht, anderer Ansicht zu sein. Das Ganze war nicht wichtig genug, um darüber zu sprechen. Nur etwas anderes war es wieder einmal. Die Musik lullte ein, die Augen hatten zu tun, die vielen Menschen beruhigten irgendwie. Nachher dachte man vielleicht noch an das Gesehene und schlief leichter ein.

Nack der Vorstellung ging es draußen turbulent zu. Dichter Regen prasselte nieder. Bäche fielen von den Dachtraufen. Ein blanker Spiegel war die Friedrichstraße. Vollbesetzt rasselten die Kraftomni­busse vorüber.

Ich fahre lieber mit der Untergrundbahn", sagte Martina. Unter einem Schirm eng aneinander­gedrückt, bogen die Mädchen in die Taubenstraße ein. Höchstens zwei Minuten waren es' noch bis zur Haltestelle Kaiserhof.

Eilende Schritte hallten hinter ihnen. Ein junger Mensch pürschte sich heran, guckte unter, den Schirm und grinste. In der Untergrundbahn saß er in dem­selben Aoteil.

Auf dem Nollendorfplatz mußte Fräulein Reimke umsteigen.

Die Augen niedergeschlagen, drückte sich Martina in die Ecke. Trotzdem drängte der Fremde immer näher heran. Er hielt das entfaltete Zeitungsblatt vor feinem Gesicht. Dahinter sprach er leise Worte.

Martina sprang von ihrem Sitz. In demselben Moment erhob sich ein Herr am anderen Ende des

halbleeren Abteils. Rasch kam er heran, mit einem Griff riß er dem Fremden die Zeitung vom Antlitz.

Was fällt Ihnen ein? Wenn Sie ein paar Ohr­feigen wollen, Sie können sie haben!"

Verdutzt duckte sich der andere. Was man von ihm wünsche, murmelte er zwischen den Zähnen. Immerfort knurrend, machte er sich am Wittenberg­platz davon.

Der Herr hatte sich Martina zugewandt.

Heddenhausen." Unbefangen lachte er.Wir kennen uns doch, Fräulein Wilemar? Erst kürzlich war ich wieder in der Schützenstraße."

Kautschukindustrie Hannover?" besann sich Mar­tina.

Stimmt: Kautschukindustrie Hannover." Hedden­hausen blickte an seinem Anzug hinab. Er trug ledernen Autodreß.Wie die Dinge manchmal in­einandergreifen! Hätte ich meinen Wagen vor einer halben Stunde nicht kaputt gefahren, wäre eine Droschke zu kriegen gewesen: ich hätte jetzt nicht den Lebensretter spielen können."

Ich danke Ihnen, Herr Heddenhausen."

Sie waren im Theater, Fräulein Wilemar? Gott, die Theater! Seit Jahr und Tag weiß ich nicht mehr, daß es so etwas gibt." Er machte eine Hand­bewegung.Einerlei, war es hübsch im Theater?"

So, so", lächelte Martina. Sie erinnerte sich kaum noch, daß sie den Abend im Wintergarten ver­bracht hatte.

Sie sollten öfter irgendwohin gehen, Fräulein Wilemar."

Warum denn?"

Heddenhausen sah zu Boden.Himmel, ein junges Kind wie Sie." Schon das erste Mal, als er bei der Holzindustrie A.-G. zu tun gehabt hatte, war ihm das Mädchen aufgefallen. Es war nicht schwer, hinter ihrem stillen, gedämpft heiteren Wesen eine Geschichte zu wittern. Alle Mädchen mit diesen großen träumerischen Blauaugen hatten eine Ge­schichte. Und er nickte:Ja, das sollten Sie. Schwer­mut und Nachdenklichkeit sind ein schlechtes Gepäck fürs Leben. Beizeiten muß solcher Ballast über Bord."

Ueberrascht sagte Martina:Ick bin doch gar nicht schwermütig, Herr Heddenhausen. Sogar sehr viel habe ich heute gelacht."

Unvermittelt fragte Heddenhausen:

Was tut ein Mensch wie ich morgen?" Er griff an sein Kinn. ,Es ist direkt blödsinnig, daß ein leidlich gebildeter Mitteleuropäer mit einem Sonn­tag nichts anzufangen weiß. Alles ist so feierlich, alles wie auf ein kostbares Fest gestimmt. Dabei ist doch nichts dahinter. Wissen Sie, Fräulein Wilemar, was das schönste am Sonntag ist?"

Die Augen Martinas warteten auf Antwort.

Der Samstag. Und auch der versagt, wenn man dem Schwindel auf den Grund gekommen ist." Heddenhausen lachte kräftig.Was uns freilich nicht hindern soll, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken."

Rauschend hielt der Zug.

Uhlandstrahe", sprach Martina.Ich steige hier aus."

Heddenhausen begleitete sie bis an die letzte Ecke.

Man muß ganze Arbeit tun. Auch abf dem Kur­fürstendamm wimmelt es jetzt von Lümmeln." Wie einem alten Freunde drückte er Martina die Hand. Auf Wiedersehen, Fräulein Wilemar."

Auf Wiedersehen, Herr Heddenhausen."

Den nächsten Sag blieb Martina daheim. Son­derbar: Seit vielen Wochen hatten die Sonntage ein anderes Gesicht. Beinahe schön war es, in der warmen Stille ihres Zimmers allein zu sein. Un­gestört konnte man sich mit seinen Gedanken be­schäftigen. Der Vater kam oder ging, ohne daß man es merkte. Lily war fort. Die Mutter redete wenig. Wenn sie nicht auf dem Balkon stand, saß sie vor dem Toilettenspiegel und lächelte ihrem Ebenbild zu. Ganz zufrieden schien sie zu sein.

Martina sprach zu sich selbst:Das wäre also Mama."

Sie statte es gelernt, sich mit ihren Gedanken auseinanderzusetzen. Nichts ging über die Klarheit. Ganz von selbst folgte jeder Frage eine Antwort, jedem Rätsel eine Lösung. Das Herz hatte zu schwei­gen, wenn der Verstand überlegte. Die kleinen, heißen Stiche, die man dabei in der Brust spürte, durften nicht stören, nicht ablenken.Das war also Mama. Und das war Bernhard Carsten."

Martina hatte beschlossen, Bernhard Carsten aufzusuchen. Wenn er ein Mann war, mußte er ihr Rede und Antwort stehen. Noch fehlte die letzte Ge­wißheit. Von der Mutter war sie nicht zu erwarten.

Und die Mutter durste man nicht fragen. Das Ge­fühl hatte recht, das sich dagegen sträubte. Man würde in den Boden sinken vor Scham. Nein: so etwas konnte gar nicht ausgesprochen werden. Warum bekümmerst du dich nicht mehr um mich, Mama?"Woher kommst du so oft des Abends, so beschwingt, so entrückt wo warst du da immer Mama?"Wer klingelt dich mindestens einmal des Tages an?"Wer hat dir den kostbaren Ring geschenkt, Mama, den du dann und wann heimlich über den Finger ziehst?" Nein, nein, nein: Undenk­bar war, daß man ein solches Verhör mit der Mut­ter anstellte

Aber Bernhard Carsten: das war etwas ande­res. Ruhig konnte man vor den Mann hintreten. Ruhig konnte man ihm sagen, was sich lückenlos zur Kette geschlossen hatte. Man würde schon alle Kräfte beisammen halten und nicht heftig werden. Ganz bestimmt würde Bernhard Carsten Farbe be­kennen. Und wenn er auch schwiege: man würde die Wahrheit wissen nach dem ersten Augenblick. Seine Blicke würden sprechen, seine Mienen, seine Hände.

Und dann war es an der Zeit. Für dreißig oder vierzig Mark im Monat bekam man immer irgendwo ein Zimmer. Vielleicht zöge man auch mit Hedwig Reimke zusammen: auch die stand ja allein in der Welt. Mit dem Rest des Gehaltes mußte man dann leben, bis Benno wiederkam. Es würde schon gehen: bestimmt würde es gehen.

Frau Julie trat in das Zimmer.

Wir essen in der Regina zu Abend. Papa hat eben telephoniert. Er erwartet uns um halb neun auf der Terrasse."

Ich werde bereit sein, Mama."

Martina rückte einen Briefbogen zDiecht. Ohne Ueberschwang schrieb sie an Benno. Alle die gro­ßen Worte, die sie früher gebraucht hatte, waren verblaßt. Dafür unterstrich sie einzelne Sätze zwei­mal. Genau so tat es Benno in seinen Briefen. Immer waren es nur die Wendungen, die die Zu- fünft betrafen, lieber sich selbst berichtete er wenig. Lange war er in Genua zurückgehalten worden. Wieder und wieder mußte er in der Angelegenheit Schwarzkopfs aussagen. Immer neue Betrügereien kamen ans Licht. So schmolzen seine Ersparnisse hin.

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