Die tolle Herzogin.
Roman von E r n st Klein.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
41 Fortsetzung Nachdruck verboten.
„Glauben Sie, daß er mit den Leuten in Verbindung steht, die uns gestern verfolgten?" fragte Gloria.
„Nein, bestimmt nicht. Der Mann handelt auf eigene Rechnung. Wir haben vier Parteien in diesem interessanten Versteckspiel: Las Valdas, Monsieur St. Aubain und seine Garde, Sie, Frau Her- zogin und ich — — und jener Bursche. Und ich sage Ihnen, er ist der gefährlichste von uns allen! Bedenken Sie ferner — was ich vorhin fagen wollte--er hat das für Lord Burnham so wich
tige Dokument in seinem Besitze — —!"
„Das müssen wir zurückbekommen — das vor allem anderen. Sir Walter!" Wie eine Beschwörung sprach sie das, Sie dachte auch an ihrer Schwester Briefe--! Doch was kümmerten die Sir Walter?
„Dann müssen Sie mir helfen, Frau Herzogin!" Im selben Moment legte das Schiff vor dem Zollschuppen fest.
„Ich verspreche es Ihnen, Sir Walter!" sagte Gloria.
2 7. Kapitel.
Die Saison war aus ihrem Höhepunkte, Ostende völlig besetzt, und nur durch Zufall fanden sie im Grand Hotel zwei kleine Zimmer — Sir Walter mußte sich in den fünften Stock hinaufbe- quemen: Gloria fand Unterschlupf in einem Hof- zimmer der dritten Etage. Sie waren indessen froh, ein Dach über den Kopf zu bekommen — hatten sie doch schon Zeit genug mit dem Umherirren von Hotel zu Hotel verloren. Ein Viertel vor neun war es, als Gloria ihren Koffer auspacken konnte, um sich umzukleiden. Nach zehn Minuten war sie fertig, mußte aber weitere zehn Minuten warten, ehe ihr Begleiter erschien.
Er erstrahlte natürlich in höchster Gala — Frack, weiße Weste, drei milchweiße Perlen, das etwas dünne, etwas fandgelbe Haar peinlich gescheitelt. Keine Spur mehr von den Nöten der verzweifelten Kombination von Luft- und Seeschiffahrt. Den Frackmantel malerisch über die Schulter geworfen.
den matten (Elaque vorschriftsmäßig im Genick, das Elsenbeinstöckchen in der Hand — fo präsentierte sich Sir Walter Ryce, ein Dandy, vor dessen Tadel- losigkeit sich der Geist Brummele anerkennend ver- neigt hätte — und ein Detektiv, vor dessen Schlau- heit der Ruhm eine» Lecoq verblaßte.
Sie lächelte, da sie ihn vor sich erblickte. Ach — sie lächelte ja jetzt so gern. All ihre Last war von ihr gehoben. Sie fühlte sich frei, leicht. Wie ein böser Traum war das alles zerronnen. Sie hatte «ine alte, schottische Melodie vor sich hingesummt, während sie sich ankleidete.
Sie hatte sogar gelacht, als sie entdeckte, was Grace ihr in den Koffer gesteckt hatte. Diese leicht- sinnige, frivole Grace, die selbst in der Stunde bitterster Herzensnot nicht die für eine mondäne Frau unerläßlichen Gebote der Eleganz vergaß. Ein Abendkleid fand die überraschte Gloria vor, einen Traum aus Silber und Straußenfedern — einen Mantel aus Hermelin — — einen Reiher — — einen Reiher — — —! Alles Herrlichkeiten aus der Schwester heiligstem Kronenfchatze.
„Grace ist verrückt!" lachte sie, „das soll ich an- ziehen?"
Aber es war nichts anders für den Abend da. Ein entzückendes weißes tailor made für die Morgenpromenade und--. Und ihr eigenes beschei
den-solides Homespun, dasselbe, in dem sie von Sainsbury Castle nach Burnham Tower gefahren war.
„Das kann ich doch nicht--?"
Dann aber fuhr die Freude in sie. Warum konnte sie nicht? (Brace hatte die richtige Ahnung gehabt--! Es war doch Anlaß zum Festkleid ---!
Allerdings lauerte noch eine Gefahr vor ihr. Der Mann, der den Schuß abgefeuert hatte! Doch warum sollte sie ihm nicht als Weib gegenüber treten? Irgendwo in ihrer Seele wagte sich der Gedanke herauf — — du bist doch schön! Warum nicht--?
Sie zog die Herrlichkeiten an. Mußte sich ein bißchen stärker schnüren, da sie voller war als Grace, aber es ging ohne zu große Opfer. Man konnte atmen, lachen--! Nur der Ausschnitt war
zu tief--. Von rückwärts wagte sie sich gar nicht
anzusehen--!
Ach was! Uebermütig lachte sie ihrem Spiegelbild zu! Wenn der Mann mit den Papieren so verschlagen, so gefährlich war — dann wollte sie ihm eine Waffe entgegensetzen, die sie bis jetzt nie gebraucht hatte--! Eine schöne Frau war dem
gefährlichsten Manne gewachsen —!
Sir Walter war so verblüfft über ihre Erscheinung, daß ihm buchstäblich der Atem wegblieb und er ganz und gar vergaß, die scherzhafte Entschuldigung zu stammeln, die er sich für das Zuspätkommen zurechtgelegt hatte.
Unwillkürlich errötete sie unter seinem Blick und zog den Mantel über der Brust zusammen.
„Ich muß mich schämen," lachte sie, „denn ich habe mich von oben bis unten mit fremden Federn geschmückt."
Er wollte etwas erwidern. Etwas besonders Geistreiches. Aber es fiel ihm nichts ein.
„Wollen wir nicht gehen?" sagte er, ganz lahm, innerlich sich einen Esel um den anderen heißend.
Der Saal des Ambassadeurs war schon ziemlich voll. Sie fanden noch einen lauschigen Platz in der Ecke.
Als Gloria sich niedersetzte und den Mantel finken ließ, fuhren alle Köpfe nach ihr herum. Selb der Saal der Ambassadeurs hatte schon seit langem keine so schöne Frau gesehen. In dem weichen, gedämpften Licht der mit rot umkleideten Lampen leuchtete das Weiß ihrer Arme und Schultern auf wie eine Verheißung. Giorgione, der das schönste Weib aller Zeiten gemalt hat, wäre nicht imstande gewesen, diese lebend« Pracht zu übertreffen.
Die Blicke der Männer brannten auf ihr. An einem der nächsten Tische steckten zwei bemalte Dämchen die Köpfe zusammen. Unerlaubte Konkurrenz —--! Die Kellner, die bereitstanden, die
Befehle Sir Walters entgegenzunehmen, starrten sie an, — ein unerhörtes Benehmen für einen wohlerzogenen Garcon der Ambassadeurs.
Mit melancholischem Seufzer griff Sir Walter nach der Speisekarte und vertiefte sich in eine etwas forcierte Diskussion mit dem Maitre d'hdtel über das Menü. Die Kokotten im Saal begannen alle eifrig ihre Spiegel zu befragen, an ihren Locken herumzuzupfen, den Lippenstift in Aktion zu setzen--. Instinktiv taten sie das--.
Gloria sah's. Und lächelte. Lippenstift — — Puder--? Ach, die Armen!
Sir Walter stürzte sich Hal» über Kopf in irgendeine Unterhaltung. Fragte, ob sie schon einmal in Ostende gewesen? Ja? Ob sie auch gezielt? Nein? Sehr vernünftig. Um so vernünftiger, als er au seinem Leidwesen das Gleiche nicht von sich behaupten konnte. Hier in Ostend« hätte er «in- mal---
Der Hummer kam. Man widmete sich ihm mit der größten Aufmerksamkeit--
Sir Walter erinnerte sich endlich, daß ja eigentlich nicht das Vergnügen sie hierhergefübrt hätte. Vorsi-htig begann er im Saale umherzuspähen. Sah nur gutgekleidete Menschen, die bas taten, roo’ii sj<> hier waren — sich amüsierten. Nirgends ein Gesicht das verdächtig erscheinen konnte. Ueberall nur lachende Gesichter---
„Nun," neckte sie ihn, „der Mann, den Sie liirch- ten, Sir Walter, scheint sich noch mehr verspätet zu haben als wir. Denn ich [ehe hier im oaale Feinen, auf den Ihre fachmännisch begeisterte Cha- rakteristik passen würde."
„Ich auch nicht," knurrte er, „und gerade das erscheint mir verdächtig."
Er veränderte seinen Platz und setzte sich so, daß er den Spiegel an der Wand vor sich hatte. Dann konnte er unauffällig den ganzen Raum überblicken.,
Einzelne Paare begannen zu tanzen. Immer häufiger knallten die Champagnerpfropfen — —. Der Saal war jetzt bis auf da letzte Plätzchen voll. Erhallte von dem Lärm fröhlichen'" Gemeßens — Lachen, Rufen, Tellerklappern--Lautlos huschten die Kellner hin und her---Coriandoli-
schlangen, rote, blaue, grüne züngelten durch die Luft--. Statt der süßen (Beigen der Italiener
queitschten und quiekten jetzt die irrsinnigen Hörner und Klarinetten einer Niggerbande. Banjo klapperte drein — Saxophon seufzte. In der Mitte drängte sich tanzend Paar an Paar--
„Das ist ja entzückend!" rief Gloria, die mit strahlenden Augen auf das ihr feit langem ungewohnte Bild sah. „Ich begreife jetzt, was für eine Provinzlerin ich bin! Sie müssen mich verachten, Sir Walter!"
„Fishing for compliments?“
Sie lachte ihn an. Herausfordernd beinahe, übermütig —
(Fortsetzung folgt.)
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