Nr. 189 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Samstag, 14. August 1926
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Der Madrider Vertrag.
Was in seinem, uns schon vor einigen Tagen zu- gegangenen grundsätzlichen Aufsatz unser römischer Korrespondent an anderer Stelle andeutet, ist inzwischen in seinem ersten Akt Wirklichkeit geworden. Mussolini hat die Welt mit einem italienisch- spanischen Bündnisvertrag überrascht, der Anfang dieses Monats in Madrid unterzeichnet wurde und nun vor der Veröffentlichung steht. Ueberrascht ist angeblich auch England, trotz des erst wenige Wochen zurückliegenden Besuches des spanischen Königspaares in London und der sehr eingehenden Besprechungen, die Sir Austen Eham- berlain mit Mussolini in Rapallo gepflegt hat. Das überraschende Moment dieses Vertragsschlusses wird jedoch von der seit jeher gut eingespielten englischen Presse allzu sehr unterstrichen, als daß man nicht trotzdem annehmen dürfte, daß England hinter den Kulissen über die beiden Vertragskontrahenten schützend die Flügel gebreitet hätte. Gerade in London ist man auch ganz besonders neugierig, was die Franzosen wohl zu diesem neuesten Streich Mussolinis sagen werden. Und man glaubt heute schon annehmen zu dürfen, daß das Bündnis der „lateinischen Schwestern^ in Paris zumindest auf starkes Mißtrauen stoßen wird, zumal die römische Presse sich izicht allzu große Mühe gibt, die inneren Ziele dieses angeblichen Defensiv- und Neutralitäts- bündnisses hinter den üblichen Phrasen von Völker- Versöhnung und Weltfrieden zu verbergen.
Italien hat von den Siegern des Weltkrieges am wenigsten hcimgebracht. Es hatte gehofft, nicht nur Oesterreichs Erbe auf der Balkanhalbinsel antreten zu können, sondern auch in der Levante auf Kosten der Türkei wertvolles Siedelungsland zu ge- winnen. Die Politik seiner Freunde hat in Versailles anders beschloßen. Nicht nur, daß man an her Adria italienischen Ausdehnungsbestrebungen durch die Schaffung eines großserbischen Staates einen Riegel verschob. so ließ sich auch Frank- r e i ch s Unersättlichkeit den fettesten Brocken aus der türkischen Erbschaft Syrien als Mandat zu- fprechen, Griechenland bekam die Anwartschaft auf die wertvollsten Teile Kleinasiens und der Aegäis und England schließlich nahm sich Palä- stina, so daß bei dieser Art Beuteteilung für Italien nicht mehr allzu viel übrig blieb. Aber gerade Italien mit seiner ungeheuer rapide wachsenden Bevölkerung braucht Kolonien heute mehr denn je, nachdem die Vereinigten Staaten durch eine rigorose Herabsetzung der Auswandererquote die italienische Einwanderung so gut wie gänzlich unterbunden hat. Der stetig wachsende Bevölkerungs- Überschuß Italiens fordert geradezu Kolonien, fordert eine imperialistische Außenpolitik. Sie wird auch Mussolini von den Verhältnissen aufgezwungen. In dieser Linie lagen feine Bemühungen um eine Revision der in Versailles nunmehr zu Ungunften Italiens erfolgten Mandatsverteilung. Es handelte sich dabei um einen llebergang Syriens an Italien, wofür man in Paris angesichts der ungeheuren Opfer, die der Drusenfeldzug Frankreich gekostet hat, vielleicht zu haben gewesen wäre. Die ganze Sehnsucht Italiens richtet sich jedoch auf T u • n i 5, das schon von jeher als natürlicher Brückenkopf des italienifchen Volkes auf dem Südufer des Mittelmeeres eine starke italienische Kolonie gehabt hat, die auch unter französischer Herrschaft ständig weiteren Zuzug erhielt. Frankreichs Versuche, durch eine stramme Nationalisierungs-Gesetzgebung das wahre Verhältnis der beiden Nationalitäten zu seinen Gunsten umzufälschen, hat in Rom einen Schrei der Empörung hervorgerufen. Auch der Abessinienvertrag, den Mussolini vor wenig Wochen mit England abgeschlossen hat, berührt französische Interessen, wenn man dies auch in Rom und London nicht wahr haben will. In Paris hat man diesen Druck nicht minder stark gespürt und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um durch einen abessinischen Protest in Genf den Völkerbund gegen den anglosttalienischen Vertrag mobil zu machen. Imperialistische Ziele verbergen sich schließ' lich auch hinter h'en an sich sehr harmlos klingenden Paragraphen des neuen s pnnisch-italienisch e n Bündnisvertrages, her Mussolini den Rücken decken soll, sollte Italien einmal gezwungen sein, die afrikanische Frage aufzurollen und e ..£ Losung des Mitelmeerprodlems in italienischem Sinne mit Waffengewalt zu versuchen.
Daß dies nur gegen Frankreich geschehen wird, erhellt ein Blick auf die Karte. England hak zwar an allen Enden seine starke Faust an der Gurgel der Anwohner des Mittelmeers. Gibraltar, Malta, Eypern unb der Suezkanal sind militärische Äützpunke der britischen Etappenstraße nach Indien, aber den natürlichen Expansionsbedürfnissen sowohl Spaniens wie Italiens, die auf der afrikanischen Küste die Fortsetzung ihrer Herrschaft suchen, steht nicht England, sondern überall Frankreich im Wege, und Frankreich ist es auch, das mit seiner gewaltigen Militärmacht in Tunis, Algerien und Marokko Englands Seeweg nach Indien bedrohen könnte. So entspringt das spanifch-italicnifche Bündnis unter der Äegide Englands dem natürlichen Bedürfnis, sich des Druckes einer, in feinen Ausmaßen immer gewaltiger werdenden französischen Mittel- meerherrschaft zu entziehen und die eigenen immer bescheidener gewordenen kolonialen Ansprüche ihrer Verwirklichung näher zu bringen. Wie schon gesagt, ist dieser Kolonialimperialismus des faszistischen Italiens kein persönlicher Ehrgeiz des duce, auch keine größenwahnsinnige Ruhmsucht seines Volkes, jonbern die bittere Notwendigkeit, für jährlich vierhunderttausend Italiener mehr Arbeit und Brok zu schaffen.
Frankreich sucht sich dieses Druckes auf feine Flanken dadurch zu erwehren, daß es Italiens Gegenspieler auf dem Balkan, seine alten Freunde non der „Kleinen Entente", wieder fester an sich Jettet, so vor allem Jugoslawien, und nun
Der kontinentale Eisentrust.
Boy unserem Pariser W. S.-!Bericf)terftatter.
Die langwierigen internationalen Eisenoerhand- langen sind in diesen Tagen endlich zu einem Abschluß geführt worden. Das zwischen den deutschen, französischen, belgischen und luxemburgischen Eisen- industriellen unterzeichnete Uebereintommen ist von der allergrößten Bedeutung für die gesamte europäische Eisenproduktion. Das Abkommen bringt ein gewisses System in die Produktion, um nicht nur bas augenblickliche Niveau möglichst aufrecht zu erhalten, sondern um es auch zukünftig der weiteren Entwicklung des Weltmarktes anzupassen, und um schließlich Rückschläge und damit untrennbar ver- bunbene Arbeitslosigkeit möglichst zu vermeiben. Von nicht zu unterschätzender Bebeutung ist hierbei auch bie Verständigung über bie Ausfuhr elsaß-lothringischer unb saarländischer Produkte nach Deutschland. Hervorragendes Interesse beansprucht schließlich auch noch das Uebereintommen des europäischen S ch i e- n e n t a r t e 11 s (ERMA) im Rahmen dieser Verträge.
Für den Abschluß des deutsch-französischen Handelsvertrages sind diese industriellen Abkommen von grundlegender Bedeutung. Man übersieht in Deutschland bei diesen Verhandlungen vielfach, daß die Position Deutschlands bei diesen Verhandlungen keineswegs so ungünstig ist, wie es bie französische Oeffenllichkeit vielfach darzußellen beliebt. Die Beteiligung Frankreichs am Gesamt- hanbel Deutschlands (Einfuhr unb Ausfuhr) betrug 1913 13,2 Prozent, umgekehrt bie Deutschlanbs 28 Proz., also mehr als bas Doppelte. Hin- sichtlich ber Warengattungen, bie bie Länber gegenteilig bezogen, exportierte Deu t sch land Haupt- sächlich Kohle, Koks, Farbstoffe, chemische Erzeugnisse, Frankreich Seide, Leder, Luxuswaren ufm., d. h. die deutschen Waren stellen für Frank- reichs Wirtschaftsleben eine absolute Notwendigkeit bar, roährenb bie von Frankreich einge- führten Artikel entbehrlichen Luxus bebeuten.
Für manche Industrien Frankreichs bedeutet die Wiederherstellung geordneter Handelsbeziehungen mit Deutschland geradezu eine Lebensfrage, so vor allem eben für die Eifen- i n d u st r i e. Diese ist mit 40—45 Prozent ihres gesamten Koksbedarfes absolut auf Deutschland angewiesen, da weder die eigene Kokserzeugung, noch die Lieferungen der befreundeten Länder, wie England, Belgien, nicht genügen, um das Koksmanko, das bei normalem Bedarf der Hüttenindustrie ca. 6—7 Millionen Tonnen jährlich beträgt, auszugleichen. Auf der anderen Seite besteht bei Deutschland nicht, wie bei Abschluß des Berfailler Vertrages von französischer Seite angenommen wurde, eine derartige Abhängigkeit vom französischen Eisenerz. Dank der Schikanen und wiederholten Ausfuhrverbote der französischen Regierung für die Minette, vor allen Dingen wahrend des Ruhreinbruchs, hat sich die deutsche Eisenindustrie von dem Bezug französischer Eisenerze frei- gemacht. So betrug 1925 nach französischen Quellen die gesamte Erzausfuhr Franlreichs nach Deutschland nur noch etwa 750 000 Tonnen, d. h. kaum i Prozent derjenigen Menge, die Deutschland 1925 insgesamt aus dem Auslande einführte. Eisen- und Stahlerzcugnisse braucht Deutschland schon lange nicht aus Frankreich zu beziehen, da Deutschland heute schon wieder eine Eisen- und Stahlerzeugung hat. die unter B rück- sichtigung des Verlustes Lothringens, des Saargebietes und Oberschlesiens die Vorkriegs- vroduktivn fast erreicht hat. Während der in'ändische und ausländische Markt für die deutschen Eifeuerzeugnisse durch Inflation, Zertrümmerung Oesterreich-Ungarns, Ausfall Ruh- lands. kleiner geworden ist, hat Franlreichs Eisenindustrie aber ein lebhaftes Interesse daran, seine Eisenerzeugnisse bis zur 50 Prozent der Gesamtproduktion auszuführen, "wenn es nicht — wie die französischen Zeitungen sagen — im Eisen ersticken soll. Deutschland war vor dem Kriege ein ausgezeichneter Kunde, und namentlich für die roh- und halbzeugher- stellende Großeisenindustrie Lothringens von größter Bedeutung.
Die deutschen, mit der Führung der Handels- vertragsverhandlungen betrauten Unterhändler haben also viele Trümpfe in der Hand, und es wird sich nach Ablaus des soeben abgeschlossenen Provisoriums zeigen, ob sie den richtigen Gebrauch davon machen. Selbstverständlich ist es auch der Wunsch Deutschlands, zu einem Handelsvertrag mit Frankreich zu kommen. Dieser kann aber nur auf der Grundlage Doller Gleichberechtigung geschlossen werden.
Die pariser Verhandlungen.
Paris, 13. Aug. (TU.) Heber bie gegenwärtigen Verhandlungen zwischen den deutschen und franzö- fischen Liseninduskriellen wird folgendes Kommunique veröffentlicht: Die internationalen Eisenoerhandlungen zwischen Belgien, Frankreich, Deutschland und Luxemburg haben am 12. und 13. August
in Paris stattgefunden. Man hat hierbei endgültig die Bedingungen fe st gesetzt, nach denen die luxemburgischen und lothringischen Kontingente nach Deutschland übernommen werden sollen. Ebenso hat man sich über die Ausfuh - rungsvorschcisten der internationalen Rohstahlgemeinschaft verständigt. Die endgültige Ratifikation unterliegt noch der Z u - stimmung der Produzenten von zwei der beteiligten Länder. Ls ist daraus hinzuweisen, dah sich innerhalb der deutsch-sranzösischen Händlerschaft Gegensätze bemerkbar gemacht haben. Die Vertreter der süd- und mittetfranzösi- fchen Liseuindustrie stehen dem Abschluß eines Abkommens gegenwärtig noch ablehnend gegenüber, während die lothringischen Lisen- industriellen sich vollkommen f ü r das Zustandekommen eines Abkommens einsehten, das naturgemäß für sie von größter Bedeutung wäre. Gegenwärtig sind Bemühungen der Vertreter der elsaß-lothringischen Metallindustrie im Gange, die mittel- und südfranzösischen Produzenten für das Abkommen zu gewinnen.
Rach einer von havas verbreiteten Mitteilung sieht der vertragsentwurs in keiner Meise Einschränkungen der Produktion vor. Die Vertragschließenden wollen sie lediglich regölte re n,um eine rationellere Verteilung zu sichern. Die Bestimmungen, über die man sich geeinigt hat, sehen eine Kontingentierung sowie eine Regulierung der spezialisierten Industrien vor. Ls sind in den Abmachungen Kontingentierungen für die Tschechoslowakei, für Polen und auch für einige Zweige der österreichischen Lisenindustrie vorgesehen.
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In der Pariser Presse werden die deutkch- französischen Industriellenverhandlungen lebhaft diskutiert. Das »Echo de Paris" schreibt, die französische Regierung habe sich zwar an den Verhandlungen nicht zu beteiligen und die Entschließungen der Industriellen nicht zu rattfi- zieren, aber s.e werde das Verhandlungsergebnis zur Kenntnis nehmen. Das Abkommen könne nur i'ann durchgesühri werden, wenn sich die französische und die deutsche Regierung darüber einig seien. 3m übrigen würden die Vereinbarungen erst dann endgültig, wenn über die Zolltarife eine Einigung zustande gekommen sei. Das »Journal" schreibt, man müsse sich aber hüten, all^uweitgehende Erwartungen zu hegen. Bisher halte sich E n g l a n d der Kombination fern. Aber es sei wenig wahrscheinlich, daß es daran denke, dagegen zu kämpfen. Wenn es jetzt in Reserve bleibe, fo geschehe das ohne Zweifel, um den Erfolg und die Auswirkungen abzuwarten. Aehnlich stehe es mit Amerika. Dort mache sich allerdings eine gewisse Rivalität bemerkbar. Denn wenn sich Europa organisiere, so geschehe das nicht, um den Absatz der amerikanischen Industrie zu erleichtern, dem bisher eine überlegene Konzentration zur Seite stand, es geschehe, um unter günstigeren Bedingungen die amerikanische Konkurrenz zu bekämpfen.
Mißtrauen in England.
London, 13. Aug. (WTD.) Die Pariser Verhandlungen über die Bildung eines kontinentalen Eisen- und Stahltrusts werden in der Presse viel beachtet. „Datly Mail" und »Westminster Gazette" yeben in Aeberschriften hervor, daß Großbritannien davon ausgeschlossen werde. Die »Westminster Gazette" bemerkt, die Lage Großbritanniens sei augenblicklich etwas unklar, aber die Entwicklung würde von den großen Stahlinteressenten eingehend verfolgt. Von maßgebender Seite verlaute, daß die britischen Stahlinteressenten kein Interesse daran hätten, Unterzeichner des Kartells zu werden. Unter der Voraussetzung, daß der sran- zösisch-deutsche Stahlpakt auf den Kontinent beschränkt sei, werde er wenig oder keine Wirkung auf den britischen Stahlhandel haben. Die Lage enthalte jedoch Faktoren, die beunruhigend fein mühten. Die bemerkenswerte Tatsache könnte nicht übersehen werden, dah einfluhreiche amerikanische Interessenten in enger Fühlung mit d eser Entwicklung blieben. Rach Ansicht der führenden britischen Industriellen sei es vielleicht noch zu früh, eine teilweise von Amerika kontrollierte französisch-deutsche Kombination, die im Wettbewerb mit der britischen Stahlschwerindustrie stände, zu sehen. Aber die Aussicht sei genügeyd deutlich, um eine aufmerksame Beachtung der Ereignisse zu fordern.
auch durch einen besonderen Bündnisvertrag R u - mänien. Das franka-rumänische Bündnis ist wohl in erster Linie als ein Gegenzug gegen die betont herzliche Freundschaft zwischen Italien und Rußland, dem Faszismus und dem Bolschewismus, gedacht. Wir sehen also sieben Jahre nach dem Versailler Vertrag und der Aufrichtung des Völkerbundes, die aller Geheimdiplomatie, aller Bündnis
politik der Kabinette ein Ende machen sollte, wiederum ein Sy st em von Bündnissen entstehen, das heute nicht minder als vor dem Kriege die ständige Gefahr in sich birgt, für die historisch und geographisch gegebenen Probleme des Völkerbundes eine unter Umständen gewaltsame Lösung zu suchen.
Der Kampf ums Mittelmeer.
Bon unserem römischen k-Korrespondenten.
Rom, August 1926.
Wie Frösche um die Pfütze, sagt Herodot, so sitzen die Völker um das Mittelmeer herum. Der „Vater der Geschichte" hat das zwar bereits ein halbes Jahrtausend oot Christi festgestellt, aber seither haben sich die Zustände an der „Völker- tränke" herzlich wenig geändert. Noch immer gönnt keiner dem andern das Wasser, eine Generation nach der andern färbt es mit ihrem Blute, und unsere angeblich so klein gewordene, das heißt im Zeichen des Luftverkehrs weitläufig gewordene, nicht mehr so kleinliche Welt kommt über die blaue Pfütze nicht hinweg. Der Weltkrieg ober vielmehr sein unglücklicher Niederschlag, wie er von heillos verzopften Staatsmännern und eitlen Generälen in Versailles destilliert wurde, hat die Loge, wie auf allen anderen Gebieten der Politik und Volkswohl- fahrt nur verschlimmert. Jeder, der ein bißchen Resonanzboden für kommendes Geschick hat, fühlt den elementaren Zusammenprall der Vfilker im Mittelmeer bereits in den Fingerspitzen. Und der kühle Rechner weiß auch, von welcher Seite der Anstoß kommen wird, denn auf dem Papier läßt sich ausrechnen, daß und wann ungefähr der übersättigte italienische Kessel platzen muß . . .
Der Weltkrieg war unter anderem auch der erste moderne Großkriea um das Mittelmeer. Er brachte insofern eine gewisse, man möchte fast jagen natürliche Vereinfachung, als er zwei von den äußeren Konkurrenten, Deutschland und Oesterreich, ausschied Und da auch der dritte, Rußland, für einige Zeit stark in den Hintergrund gedrängt scheint, ergab sich: Das Mittelmeer ist ein natürliches Problem geworden, nur noch eine Frage der Anwohner. Ein Bodensee, (oau- sagen. Dort streiten sieb die Anstößer nicht mehr, seit sich entferntere Nachbarn nicht mehr einmischen können. Haben also die Mittelmeervölkcr ihre Rech- nung untereinander ausgeglichen, so könnte endlich Friede sein.
Leider kreuzen sich jedoch im Mittelmeer, auch nach dem Verstiegen der Träume vom öfterreichi- scheu Adriahafen und der Berlin—Bagdad-Bahn, noch zwei Hauptlinien der Weltpolitik: der trans- sayarische Gedanke Frankreichs mit der englischen Landbrücke nach Indien. Und Italien hat in diesem kritischen Augenblick entdeckt, daß die Apenninenhalbinsel wie ein Landungssteg in das Hausmeer ljineinrage. Für Frank- reich ein Binnenfee, für Italien das Mare nostruni, für England ein Kanal von vitaler Bedeutung, mußte das Mittelmeer notgedrungen zum Schlachtfeld der Interessensphären werden. Wenn die Heranwachsenden jungen Männer einen Blick in die Kabinette werfen könnten, sie würden entsetzt sein über die eiskalte Berechnung, mit der die Staatenlenker bereits heute über ihre Knochen verfügen, über di; Selbstverständlichkeit, mit der man ihr Blut, na cs Litern abgemessen, zu Kalibergrößen und Breit- seitengewichten als Faktor einsetzt. Der zweit« Kampf ums Mi11elmeer bedarf eben eingehender Vorbereitung, denn er wird voraussichtlich entscheidend sein, wenigstens über jene Zeitspanne entscheiden, die dem Erwachen Asiens und Afrikas vorausgeht.
Wie vor 1914, so kündigt auch freute eine täglich anwachsende Literatur das Gewitter an. Was aus den fieberhaft arbeitenden Geheimkabinetleu, Gene- ralftäben und Marineräten durchsickert, erscheint als blutiger Leitfaden in der Preise, es wimmelt von Noten, Konferenzen, Zwischenfällen, man hort das Marktgeschrei, das Feilschen der Händler unb Makler, dazwischen das Stöhnen der rechtmäßigen Anwohner, denen der Schandgeist des Selbstbestim- mungsrechtes mit Feuer unb Schwert ausgetrieben wird. Man legt Damaskus in Trümmer und gräbt Septis magna aus. Natürlich fehlt auch nicht bie Heuchelei, der liebe Gott wird zum Zeuge» degradiert, die Genfer Liga zur Hebamme für imperialistische Sprößlinge. Ouvertüre . . .
Historiker und Zukunftsmaler erörtern bereits den Verlauf der Sache vom Feldherrnhügel aus und man darf erfreulicherweise diesmal eine schöne Einmütigkeit feststellen, wenn auch br.- Gegenstand der Einmütigkeit weniger erfreulich ist. Eines der dicksten Bücher, die mir in letzter Zeit über das aktuelle Thema zu Gesicht gekommen fir< n:nnt sich „Das Mittelmeer in der europäischen Politik" unb stammt von einer Zierbe des kolonialen Katheders, Giuseppe de Luigi. (Verlegt bei Iovene & Ci. in Neapel.) Als guter Italiener behandelt ber Verfasser sein ebenso interessantes wie heikles Thema zwar nur unter italienischem Gesichtspunkt aber mit seinen 24 grünblichen Kapiteln, die eine Brücke schlagen bis zur Vorzeit, ist doch ein gediegenes Nachschlagewerk entstanden. Wie kompliziert die Mittelmeerfrage ist, das beweist die Form, mit ber dieser eingehende Forscher den Weltkrieg darin behandelt — er übergeht ihn nämlich fast ganz, während beispielsweise Albanien seine besondere Aufmerksamkeit erregte. Mit Recht, denn e; Wbet für Italien, strategisch-politisch betrachtet, die Achse der Adria, seit aus dem Rumpfe der Doppelmonarchi- das Hydrahaupt der Serben und Kroaten nachwuchs. „Mit der Ausschiffung in Dalona (Oktober 1914) begann unser Krieg, mit der Ausgabe von Valona (1921) endigte er. Endigte nicht bester als die Kriege von 59 und 66!"
Diese Bitterkeit, das Gefühl des Zu - rückgeschtseins, beherrscht das ganze Buch, beherrscht Italien, beherrscht Mussolini. Wie der Gegensatz zu Frankreich, der immer stärker hervortritt. Deutschland schneidet dagegen falt immer gut ab und wenn eine der traurigsten deutschen Rcvolutionsgestalten pathetisch auesrief: Kolonien brauchen wir nicht!", so wird es schwer sein, einen Italiener zu finden, der dieser Dummheit zustimmt. Logisch wie gefühlsmäßig erfeftnt


