Ausgabe 
11.10.1926
 
Einzelbild herunterladen

Preußischer Landtag.

Der Magdeburger Mordprozcft Helling.

Berlin, 9. Oft. (LU.) In der Samstag- fitzung deS preußischen Landtages wurde die Gr- werbslosenaussprache fortgesetzt.

2lba. Langer- Oberhausen (Dtsch. Vv.) weist hin auf die gefährlich hohen finanziellen Aufwendungen für die Erwerbslo'enfürsorge, die zur 5eit 110 Millionen Mark betragen. ES sei ?>u befürchten, daß evtl, landwirtschaftliche und Facharbeiter ins Ausland gehen. Dagegen solle man den kolonialen Gedanken eifrig verfolgen und dahin streben, die Beschäftigung ausländischer Arbeiter in Deutschland einzuschränlen oder ganz einzustellen. Der L a n d s l u ch t s- ein He.nm- schuh angelegt werden. Die unterstützende Er- werbslosenfürsorge müsse nach Möglichkeit um­gewandelt werden in eine produktive.

Abg. Hourtz (Dem.) hebt hervor, daß der Stumm-Konzern die Stillegung der Zeche Mar­garethe mit Zahlen begründet habe, die sich nach­her als falsch herausstellten. Bei der nochmaligen Nachprüfung der wirtschaftlichen Lage der Zeche sollten auch Laien hinzugezogen werden. Man brauche nicht für Arbeitsdienstpflicht zu werben, sondern solle zunächst einmal die Ueberschichten und äleöerstunden abschassen. Der allzulaute Auf nach Verringerung der sozialen Lasten schädige auch den Mittelstand. Die Großindustrie sei drauf und dran, das ganze nationale Vermögest Deutsch­lands in ein paar Händen zusammenzufafsen.

Wäh end der AuL^ührunre i des A g Schu­bert (Komm.) tragen mehrere kommunistische Abgeordnete eine Anzahl großer Pakete durch den Saal und legen sie auf der Ministerbank nieder. Sie enthalten Tausende von Protest- untersch riften der Erwerbslosen in Frankfurt a. M., die die Erfüllung ihrer For- oermrgen verlangen. Die Besprechung wird ge­schlossen. 2n der Abstimmung werden die Aus­schußanträge angenommen, in denen das Staats­ministerium ersucht wird, mit allen Mitteln bei der Reichsregierung eine Einheitlichkeit der Erw'erbslosenunterstühung auch in der Kurzarbeiterfrage zu erzielen. In einzel­nen Bezirken eingelretene Härten bei der Be­messung der Höhe der Unterstützung sollen aus­geglichen, die Unterstützungssätze erhöht und die Unterstühungsdauer verlängert werden. Das Staatsministerium wird beauftragt, in Verbin­dung mit den Beteiligten nochmals zu prüfen, ob nicht Wiederinbetriebnahme der Steinkohlen­zecheVereinigte Margarethe" in Sölde (Kreis Hörde) möglich ist. Das Haus geht dann über zur

Besprechung der Iustizbvrgänge in Magde­burg.

Zur Beratung steht eine sozialdemokratische An­frage über den Fall KöllingTenhold. Die An­frage verlangt auch Auskunft, ob das preußische Staatsministerium noch weiter den Preußi­schen Richterverein als Standesorganisa- tion anerkennen wolle, da er den Denatspräsi- denten Großmann ausgeschlossen habe. Abg. K u t t n e r (Soz.) erinnert an das Wort deS Ge­heimrates Kahl, daß die Existenz einer Ver­trauenskriseinder Justiz sich nicht mehr leugnen lasse. Der Redner gibt Änen Ueberblick über den Gang des Verfahrens und der Ermitte­lungen in Magdeburg. Richt etwa Schröder habe die Justiz auf eine falsche Fährte gelockt, die Or­gane der Justiz selbst seien vielmehr daran schuld, daß eine vorgefaßte Meinung weiter verfolgt worden sei. Schröder müsse die Akten gekannt haben. Wenn man die Alten einsehe, würde man finden, daß nach der Ergreifung des Schröder zwei Monate keine Eintragung erfolgt sei. Der Schröder suaoerie^te Unbekannte Adolf habe sich gewandelt. Aus groß sei er klein geworden, aus schlank untersetzt, aus blond schwarz, auS schnurr­bärtig bartlos, aus Adolf wurde Haas. Als man aus Schröder den Ramen Haas herausge- preßt habe, sei überhaupt nur gegen Haas vor­gegangen worden. Alles andere habe geruht. Köllings Aktenführung grenze haarscharf an Attenfälschung. Die von Haas angebotenen Cnt- ^lastungsbeweise seien nicht brachtet worden. Da­gegen seien die Zeugen beeinflußt worden, so daß ptrer Vorsitzende in der Hauptverhandlung erklärt habe, er verstehe nicht, daß die Voruntersuchung .in dieser Art geführt werde. Köldings Verhalten, wenn es zunächst aus gutem Glauben entstanden sei, sei später nicht mehr als gutgläubig zu be­zeichnen. Die Berliner Kommissare Der bienten be­sonderen Dank, denn nur durch sie sei in diesem Fall bas Ansehen der deutschen Rechtspflege wie­der ihergestellt.

Staatssekretär Fritze

vom preußischen Justizministerium gibt dann zunächst eine eingehende dokumentarische Dar­stellung der Vorgänge in Magdeburg und be­merkt zu den gestellten Einzelfragen folgendes: Gegen den Landgerichtsrat Kolli n g und den Landgerichtsdirektor Hoffmann in Magdeburg ist durch den dafür zuständigen Disziplinar- senat des Oberlandesgerichtes in Raumburg das förmliche D isz i pin arv er f a hren er­öffnet worden. Kölling ist beschuldigt, in der Prc se Erllärungen veröffentlicht zu haben, In denen er gegen andere Staatsbehörden und ihnen angehörende Beamte unberechtigte Vorwürfe er­hoben hat Ferner seinen Ramen unter einen in Wahrheit von anderer Seite verfaßten Brief an den Magdeburger Polizeipräsidenten gesetzt.

Der Vorsitzende des Oberlandesgerichtes in Rauiuburg ist ersucht worden, ob Pllichtvev- letzungen bei der Aufnahme deS Tatbestandes über die Ermordung Hellings festgestellt wor­den sind. Die Beschuldigungen gegen H o f s - mann gehen dahin, ob er dem Landgerichtsrat Kölling durch Mißbrauch vorsätzlich beeinflußt und den genannten Untersuchungsrichter in der Mordsache Helling beraten und maßgebend be­einflußt, obwohl er mit der Mordsache Helling dienstlich nicht befaßt gewesen sei. Ferner wird Hoffmann beschuldigt, daß er In zwei Presse­veröffentlichungen unberechtigte Vorwürfe gegen staatliche Behörden und ihnen angehörende Be­amte erhoben habe. Auch seine Pflicht zur Amtsverschwiegenheit habe er verletzt. Endlich wird ihm zur Last gelegt, einer Airordnung deS OberlandeSgerichtspräsidenten bewußt zuwi­dergehandelt zu haben, ferner in das Verfahren unbeteiligte Dritte in Magdeburg unter Ver­letzung deS Dienstgeheimnisses zu Hilfe gerufen und sie veranlaßt zu haben, den Landgerichtsrat Kölling aufzusuchen und auf dessen Entschlüsse -inzuwlrken. Das Disziplinargericht hat dem An­trag des Generalstaatsanwaltes stattgegeben. Die beiden Richter haben xu. ihrer Verteidigung gel­tend gemacht, ihre Veröffentlichungen in der Presse seien erforderlich gemacht und gewesen zum Schutze gegen weiter unzulässige

Eingriffe der Verwaltungsbehör­den und gegen eine weitere, das gerichtliche Un- tersuchungsverfahren breinträch igende Be- einslußnahme der Presse, schließlich auch zum Schuhe der Ehre des Untersuchungsrichters. Das Dlsziplinarverlahren gegen die Richter be­finde sich noch im Verfahren der Unter» suchung. Der Iustizmimster habe den General­staatsanwalt in Naumburg zur tunlichsten Be­schleunigung angewiesen Staatssekretär Fritze teilt mit, daß

in dem Disziplinarverfahren gegen den Magdeburger Krim na. omm'sfar Tenhold nicht nach gewiesen werden konnte, daß Tenhold während der von ihm in der Mordsache Helling geleiteteten Ermittelungen die Verfolgung der Spur gegen den Kaufmann Rudolf Haas wider besseres Wissen betrieben und er dem Schröder die Kenntnis der diesem unbelannten Personen und Oertlichkeiten vorsätzlich ermittelt habe, so­wie daß Tenhold Schröder die Berichtigung der Mordanstiftung gegen Haas suggeriert habe. Der Name von Haas und die Oertlichkeiten des tschechoslowakischen Konsulates seien in die Sacke bereits zu einer Zeit hineingezogen worden, als Tenhold die Sache noch gar nicht kannte. 2m Laufe des Ermittelungsversahrens gegen Ten­hold habe sich ergeben, daß dieser sich diszi­plinarisch vergangen habe. Bisher seien keine Tatsachen bekannt geworden, die Maßnahmen des Iustizministers zur Einleitung eines Verfahrens wegen kriminell strafbarer Handlungen Köllings oder eines anderen beteiligten Iustizbeamten er­fordere. Der preußische Richterverein selbst als Standesorganisation b? Alchterschaft habe in der ganzen Angelegenheit Zurückhaltung beob­achtet und sich jeder öffentlichen Stellungnahme zu der Angelegenheit enthalten. Es besteht kein Anlaß, in der Anerkennung des preußischen Rich ter Vereines als Standesorganisation etwas zu önbern.

Abg. (Seelmann (Dn.) erklärt, daß seine Fraktion nicht daran denke, Verfehlungen, die in der Justiz vorkämen, zu decken. Das Disziplinar­verfahren sei zu billigen, damit festgestellt werde, was bei den Beschuloigungen wahr ist. Vorher könne ein Urteil nicht abgegeben werden. 3m ersten Stadium könne gegen den Untersuchungs­richter Kölling ein erheblicher Vorwurf nicht er­hoben werden. Richt das geringste sei für die Behauptung erbracht, daß Kölling aus politischen Gründen gehandelt habe. Das müsse man auch von Tenhold sagen. Starke Vorwürfe seien gegen Herrn Hörsing erhoben. Gr habe als Ober- Präsident es nicht verstanden, den richtigen Weg zu gehen. Das habe sich auch in dem bekannten Schreiben gezeigt, in dem er gegen Juristen den Vorwurf erhob, sie stellten sich stützend vor einen Mörder. (Zurufe links.) Sie lnach links) messen nach zweierlei Maß. Hätte Hörfing nicht eingegriffen, so wäre die Sache viel schneller vorwärts gekommen, (Lachen und Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Es ist sestgesteitt, daß der preußische Richterverein sich forreft ver­halten hat.

Staatssekretär Fritze erwidert auf die Frage nach dem Vorgehen gegen Hörfing, daß durch ge­meinsamen Erlaß des Ministerpräsidenten und des Innenministers das Vorgehen Hör- sings nachdrücklich gemißbilligt wor­den ist.

Abg. Dr. Schmidt (3.) erklärt, es ließe sich schon jetzt sagen, daß Unfähigkeit, verletzte Eitelkeit und Ueverhebung sowie die mit hin­reichendem Verdacht anzunehmende gewisse rwli- tische Voreingenommenheit und Verantwortungs­losigkeit in Magdeburg einen Iustizwirrwarr her­vorgerufen habe, der bald zu einem Justizmord hätte führen können. Wenn ein hoher politischer Beamter wie Hörsing an diesem Wirrwarr An­stoß nehme und mit gutem Erfolg eingreife, könne man das nicht fabeln. Dann wird die Debatte unterbrochen. Das Haus vertagt sich auf Montag. Auf der Tagesordnung steht die erste Beratung des Hohenzollernvergleichs und Fort­setzung der Magdeburger Debatte.

Jur angeblichen Rückkehr Kaiser Wilhelms.

Berlin, 9. Ott. (Wolff.) Im Zusammenhang mit der Bestimmung im oermögensrechtlichen Ver­gleich mit dem Hohenzollernhaus, daß dem vor» maligen Kaiser Schloß und Park in Hom­burg v. d. H. als Wohnsitz auf Lebens­zeit zur Verfügung gestellt wird, waren sowohl im In- als auch im Auslande Gerüchte aufgetaucht, daß der frühere Kaiser in nächster Zeit aus Doorn nach Deutschland zurückzukehren ge­denke. DasAcht-Uhr-Abendblatt" erfährt dazu, daß diese Nachrichten's eder Grundlage ent­behren. Bei den Verhandlungen über die ver- mögensrechtliche Auseinandersetzung zwischen Preu­ßen und den Hohenzollern sei von seifen des Ex­kaisers der Wunsch ausgesprochen, es möge ihm in Deutschland ein Haus als eine Art Zuflucht- statte zur Verfügung gestellt werden. Er denke jedoch nicht daran, nach Deutschland zu­rückzukehren. Die Bestimmung über das Schloß in Homburg o. d. H. sei übrigens schon vor etwa Jahresfrist in den Vertragsentwurf aufge­nommen worden.

Zusammentritt

des hessischen Landtages.

Darmstadt, 10. Oft. Der hessische Landtag wird am 20. Oktober zu einer Sitzung zusammen­treten, um über bas soeben bem Hause zugeleitete Volksbegehren desHeisischenOrdnungs- unbWirt- schastsblocks auf Auslösung bes Landtags die Ent- scheibung zu treffen. Amtlich würbe sestgestellf, bah bas Volksbegehren über 61 000 gültige Stim­men aufweist.

Aus aller Welt-

Preußischer Richtertag.

In Kassel begann unter außerordentlicher Beteiligung aus bem ganzen Reich ber 5. Preu­ßische Dichfertag. Die Verhandlungen wurden mit einer Eröffnungsansprache des Amtsgerichtsrats Dr. Pracht eingeleitet, ber nach einem Hinweis auf bie in ber Öffentlichkeit viel besprochene Vertrauenskrise forderte, bah gerade irn jetzigen Augenblick alles getan werben müsse, um die Kluft zwischen bem Volk unb bem deutschen Richter zu überbrücken. Der Vertreter- des Justizministeriums, Geheimrat Dr. Schwister, sührfe aus: Es haben sich lelber schwere Vor­würfe aus bem Volk heraus gegen bie Justiz gerichtet, bie insbesonbere auf Die Unabhän­gigkeit unb Unparteilichkeit bi »zielen. Das Justizministerium ist ber Ansicht, baß biese

Vorwürfe unbegrünbef sind unb oah es sich immer nur um einzelne Fälle handelt. Die richterliche Unabhängigkeit muß gerade heute in der Republik die Grundlage für Recht unb Recht­sprechung bilden. Es muß mit aller Entschieden­heit betont werden, bah der deutsche Richter, ber den Cid auf die Verfassung geleistet hat, unbe­dingt an dieser Verfassung sesthalfen und für sie einfreten muh. Darauf erstattete Dr. Pracht den Jahresbericht. Er trat u. a. für eine wirtschaftliche und soziale Heraufsetzung der Altersgrenze auf 63 Jahre aus. Eine Entschließung wurde einmütig gefaßt, in der es u. a. heißt: Die Richter und Staatsanwälte erblicken in der Weimarer Ver­fassung die Grundlage des Rechts und bie Ge­währ für ben Bestanb des Vaterlandes unb be­kunden ihre unerschütterliche Verfas­sungstreue. Die Richter sind Diener des im Gesetz niebergdeafen Willens des deutschen Vol­kes, nicht Diener irgendeiner Partei. Sie erachten es als ihre Pflicht, bie Verfassung ber Republik als oberstes Gesetz des deutschen VolkssfaatS zu stärken.

Sturmflut an der deutschen Küste.

Eine Sturmflut, wie sie seit zehn Jahren bie beutsche Küste nicht mehr heimgesucht hat, ist burch die von Rorbengland über bie Rorbsee ziehende Depression an bie beutsche Rorbseeküste geworfen worben. In Hamburg ist das mitt­lere Hochwasser um 3 Meter erhöht eingetreten. Diese Erhöhung von 3 Meter wirb im all­gemeinen auf allen Stationen der Rorbseeküste unb in ben Fluhläufen ber Elbe, Weser unb Ems einfreten. Das nächste Hochwasser dürfte jeboch bereits wieber um 1 b-s ll/3 Meter niebnger ein­treten. Der auf Schienen laufenbe in Eisen- konstruktion errichtete Riefenkran ber Dunker- kohlengesellschaft ri.ß infolge des Sturmes aus ber Verankerung, trieb gegen ben Prellbock unb stürzte krachenb in sich zusammen. Gegenüber dem Dagebüller Koog, baS vollkommen unter Wasser steht, sinb über hunbert Schafe ertrunken. Beim Dammbau auf Westerlanb-Shlt sinb bie beiden Anlegebrücken bei Keithum für die Material- anfuhr weggerissen und weggeschwemmt worben. Der starke Sturm, ber am Samstag unb Sonntag bie Insel Sylt heimgesucht hat, hat an ber Strecke Hörnum-Westerland erhebliche Zer­störungen angerichtet. Der Bahndamm ist auf eine Länge von 4500 Meter zerstört worben. An ber Westküste trat ein erheblicher Lanbabbruch ein. Auch sinb größere Verluste an Vieh, bas aus bem überschwemmten Vorlande untergebracht war, zu beklagen.

Auch entlang ber ganzen Ostseekuste ent­stand ein heftiger Sturm, bet zeitweise bie Wind­stärke 10 erreichte. Es wurden in Stettin unb Umgebung Ziegel von ben Dächern geworfen, Fensterscheiben eingebrückt unb Bäume entwurzelt, so bah bie Feuerwehr vielfach zu Hilfe geholt werben muhte. Die im Hafen liegenden Schiffe konnten nicht auslaufen. Gin mit fünf Personen besetztes Boot kippte um. Vier Mann der Be­satzung konnten gerettet werben, ber fünfte ertrank.

Schwere Bergstürze am Slmplon.

Infolge gewaltiger Wolkenbrüche sinb bie Sturzbäche am Simplonmassid derartig «ange» schwollen, dah sie über die Ufer traten. Drohe Mengen von Geröll unb schweren Felsblöcken werben von den Wassern zu Tal gerissen unb vermehren die Ueberschwemmungsgefahr. Die Hauptstrecke ist bereits zerstört unb bie Brücken über den St. Barthelemh-Fluh zusammengestürzf. Auch ber SimplonÄunnel ist durch Geröllmassen verschüttet unb ber Verkehr vollkommen unferbunben worben. Pioniere sprengen bie Felsblöcke, um ben Absluß bes Wassers zu er­leichtern. Der Eisenbahnverkehr über ben Slmplon muß über Ber n unb ben Lots chberg um» geleitet werden. Mehrere Häuser muhten ber drohenden Einsturzgefahr wegen von ben Be­wohnern geräumt werden.

Kunst und Wissenschaft

Eröffnung des 1. internationalen Kongresses für Sexualforschung.

3m Reichstag wurde ber 1. internationale Kongreh ber Sexualforscher in Gegenwart des Reichsministers Dr. Külz und anderer Vertreter ber Reichs- und Staatsbehörden feierlich eröffnet. An ber Tagung nahmen führende Gelehrte aus Deutschland. Oesterreich, Frankreich, England, 3talien, Schweden, Holland, Dänemark und an­derer Lander teil. Der Präsident bei inter­nationalen Gesellschaft für Sexualforschung, Dr. Moll, begrüßte die Teilnehmer. Reichs­minister Dr. Külz hieß darauf die Mitglieder des Kongresses im Ramen der Reichsregierung herzlich willkommen. Der Minister gab ber festen Hoffnung Ausdruck, baß die Forschungen unb Erörterungen des Kongresses dazu beitragen werben, Licht in das Dunkel hmeinzutragen, das noch über so vielen Problemen liege, unb daß bie Forschungen ben Verhandlungen den Weg weisen und bie Möglichkeit geben, in Sitte, Gesetz und Verwaltung bie Einstellung zu finden, die notwendig sei, um die Grundlage jeder Kul­tur, die geistige und körperliche Volkskraft, un­versehrt zu erhalten. Weitere Begrüßungsanspra­chen hielten bann noch Vertreter deutscher unb ausländischer Universitäten.

historische Juabe in Fritzlar.

Auf dem Gipfel des sagenumwobenen Gura- berges. in dessen Umgebung sich einst erbitterte Kämpfe zwischen Chatten und Römern abgespielt haben, fanden in den letzten Monaten Ausgrabungen durch den Archäologen Prof. Dr. Vonderau- Fulda statt. Es gelang ihm, die ehemalige Berg­feste, den einst von dem Apostel Bonlfaziue ge­gründeten Bischofssitz, freizulegen und aus der noch vorhandenen Kapelle die Altar steine ans Licht zu bringen. Der bedeutungsvollste Fund ist die Fest­stellung eines Taufbrunne ns aus Bonifazius Zeiten, in dem der ehemalige Bischof von Bur.iberg die Heiden durch Uittertauche» taufte. Der Brunnen hat eine beträchtliche Tiefe.

Geheimrat Eckert Ehrenbürger der Universität Köln.

Die Universität Köln verlieh dem geschäfts- führenden Vorsitzenden des ÄuratoriumS ber Universität Köln. Geh. Regierungsrat Professor Dr. Cch Eckert, in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um bie Kölner Hochschule wäh­rend eines Dierteljohrhunderts und bei ber Gründung ber Universität Köln, bie Würbe eines Ehrenbürgers ber Universität.

Wettervoraussage.

Rach anfänglicher Aufheiterung erneut trüber unb auch Regenfälle, int ganzen milbe, sübliche bis westliche Winde.

Aus der Provinziaihauplstadt.

Gießen, bat 11. Oktober 1926.

Der Durchreiseausenthalt.

(Eine Telegramm-Geschichte.)

Herr Joseph Aappelich leert am Abend gemäch- llch den Briefkasten an der Haustür und folgt dann feiner im Treppenhaus wartenden Frau. Beim sanft fließenden Licht betrachtet er die Poff:Eine Karte von unserer Jüngsten aus Tirol, und hier, sieh mal, sieht aus wie ein Telegramm und was ist's?! Eine Reklame für ein Kräftigungsmittel! So ein Unfug! Erft bekommt man einen Schrecken ein­gejagt, denn ein Telegramm bringt doch selten was Gutes, und dann ist's Reklame!" Inzwischen sind beide in der Wohnung angelangt. Herr Zappe- lief) wirst immer noch brummend das gelbliche Pa­pier auf den Tisch und lieft bann feiner Frau die engbeschriebene Karte vor, bei der sich seine Züge allmählich aufhellen.

Am nächsten Morgen, als Herr Zappelich schon längst im Geschäft ist, fällt seiner Frau beim Auf. räumen von ungefähr dieReklame für das Kräf­tigungsmittel" in die Hand, und sie sieht zufällig auf die Rückseite. Ja, was ist denn das, da stehen doch kleine Buchstaben wie bei einem richtigen Tele- gramm! Wo ist denn nur die Brille? Frau Zappe- lich rennt aufgeregt in der Wohnung umher, Über­sicht den schon zurecht gestellten gefüllten Putzeimer und stößt ihn um, glücklicherweise ohne sich babei wehe zu tun. Zwar sind die Schuhe und Strümpfe vollständig durchnäßt und das Zimmer steht unter Wasser, aber Frau Zappelich hat ihre Brille ent- deckt. Endlich kann sie lesen, was da"fo-4ücherllch klein und schwach geschrieben steht:

Auf Durchreise 20 Minuten Aufenthalt. Ankomme Freitag 10 Uhr 29 Gleis 5.

Bruder ÄarL*

Ach du liebe Güte, der Karl aus Königsberg, 12 Jahre bat man sich nicht mehr gesehen, das ist die große Geschäftsreise, auf die man ihn schickte, am Freitag. . . ., das ist ja heute, um .. . was, um 10 Uhr 29, ich muß fort, dem Joseph muß ich telephonieren ach, und die nassen Schuhe unb Strümpfe . . . !"

Frau Zappelich zieht sich in größter Eile um, ergreift ihre Tasche und stürzt zur Türe hinaus.

Als sie im Bäckerladen die Telephonnummer suchen will, entdeckt sie, daß sie ihre Brille daheim liegen ließ, die freundliche Bäckersfrau hilft ihr aber aus ber Verlegenheit. Der Anschluß ist ausnahms­weise mal schnell ba, nur ihr Mann ist gerade ab­wesend. Sie will das Telegramm diktieren, aber das liegt, wie sie jetzt merkt, daheim bei der Brille auf dem Tisch in dem unter Wasser stehenden Zimmer. Doch Frau Zappelich hat trotz aller Ver­geßlichkeit ab und zu ein gutes Gedächtnis, sie bringt den Wortlaut auch jetzt wieder zusammen und gibt entsprechende Anweisungen für ihren Mann. Dann will sie das Gespräch bezahlen, aber sie hat ihre Geldbörse, als der Milchmann kam, auf dem Küchentisch liegen lassen. Ein Glück, daß sie hier bekannt ist, und die gute Bäckersfrau leiht ihr noch Geld dazu. Mittlerweile ist es schon 10 Uhr 9 geworden.

Die Straßenbahn läßt natürlich wie immer auf sich warfen, und Frau Zappelich rechnet sich aus, daß ihr mindestens noch vier von den zwanzig Minuten verloren gehen. Endlich kann sie mit der Elektrischen losaondeln, bann hat sie eine Bahnsteigkarte, sie lauft zum Gleis 5, ber Zug ist aber noch nicht ba, also auch noch Verspätung! Dann läuft ein Per­sonenzug aus dem benachbarten Städtchen ein, von Karl keine Spur...

Inzwischen hat Herr Zappelich von bem tele­phonisch übermittelten Telegramm Kenntnis er­halten und stürzt seinerseits ebenfalls in höchster Eile zum Bahnhof. Bahnsteigkarte Gleis 9 der Zug steht schon abfahrtbereit ba, Karl lehnt an einem Fenster, aber von ber Frau Zappelich keine Spur.

Karl brüllt ihm entgegen:Josevh, wieso kommst du hierher!?"Du hast doch telegraphiert, denke ich!?"Ja, ich habe aber doch die Zahlen verwechselt und geschrieben 10 Uhr 29 Gleis 5 . . ." Pfff ba fährt ber Zug ab. Joseph schüttelt ben Kopf und winkt mit so verständnisloser Miene dem Absahrenden nach, daß ein vorbeigehen- ber Beamter in schallenbes Gelächter ausbricht. Dann fängt Herr Zappelich an, zu simulieren, unb als er zum zweitenmal von einem Gepäckwagen ange­fahren wird, kommt er auf die Idee, nach Gleis 5 zu gehn. Und dort findet er feine Frau.Karl ist nicht gekommen", sagt sie sehr enttäuscht.Aber auf Gleis 9 ist er abgefahren", sagt der Gatte triumphie­rend.Er hafte aber doch telegraphiert, Gleis 5!" Man kann auch mal zwei Zahlen verwech­seln, liebe Frau, du hast mir telephoniert, Gleis 9! Daher habe i ch ihn gesehen." Tacho.

Deutsche Tomaten«

Es dürste wohl allgemein bekannt sein, baß not« reis gewordenes Obst fade schmeckt und weniger süß unb daher nicht so bekömmlich ist. Die Notreife bei den Fruchten unserer Obstbäume stellt sich ein, wenn sie durch Trockenheit stark leiden.

Und solche notreif gewordenen Fruchte kaufen unsere Deutschen Tag für Tag, weil sie es nicht anders kennen, denn die dunkelblutrote Farbe der Früchte ist so verführerisch. Ich denke dabei an die italienischen Tomaten, bie bei uns massenhaft ein« geführt werden. 1925 find nur durch Einfuhr italie­nischer Tomaten dem deutschen Volksoermögen über 21 Millionen Nenfenmark verlorengegangen. Die italienischen Tomaten sind viele Tage unterwegs und würden den Transport gar nicht aushalten, wenn sie reif gepflückt worben wären. Man nimmt sie deshalb dort im ganz grünen Zustande von den Pflanzen ab, verpackt sie sehr sorgfältig, damit sie die Reife nach Deutschland gut überstehen. Durch die Hitze und die recht lange Reise reifen sie unter­wegs, weshalb auch jetzt der Eifer der Händler zu verstehen ist, sie so schnell wie mögltd) abzusetzen, bevor sie in Fäulnis übergehen.

Wie anders dagegen schmecken unsere deut- s ch e n Tomaten! Was für ein Genuß ist es, in eine so frisch gepflückte reife Tomate beißen zu können.

Wir bevorzugen ja unsere Tomaten wegen ber Wichtigkeit der in ihnen enthaltenen Vitammstosse für bie Ernährung des menschlichen Körpers. Dazu muß man aber ausgereifte Früchte nehmen!

Wir sind ein armes Volk geworden und müssen und sollten [parfam mit dem Gelbe umgehen. Wir können es uns nicht mehr leisten, das Geld für unterwegs notreif gewordene Fruchte aus dem Fenster herauszuwerfen.

Wir wollen lieber unsere Spargroschen für ge­sunde deutsche Tomaten anlegen. H. K.

Lornotizeu.

Tageskalenber für Montag. Lichtspielhaus. Bahnhofstraße:Die elf Schill- schen Offiziere". Aftoria-Lichtspiele:Unter der Sonne der Südsee".