Deutschland in Genf.
Die deutschen Delegierten haben auf den leeren Stühlen im Genfer Reformationssaal Platz genommen, auf die vor zwei Jahren Macdonalds, des ersten britischen Arbeiterpremiers, warnender Finger wies. Heute schreibt der „Manchester Guardian" aufatmend von diesem Tage des deutschen Einzugs in Genf: „Ein furchtbares Kapitel der Geschichte Eurovas ist beendet und ein glücklicheres eröffnet. Bis gestern ist Europa entzweit gewesen, heute ist es einig." Man wird es uns Deutschen nicht Übelnehmen, wenn es uns vorerst noch schwer fällt, in diesen enthusiastischen Ton einzustimmen. Zn schwer war der Weg von Bersailles über London und Cocamo nach Genf, zu lange war Deutschland der Paria unter den Völkern, allzusehr begegnen wir heute noch Rew und Argwohn bei den Feinden von gestern, allzu gering hat man unsere Fesseln gelockert, allzu dürftig feierliche Verheißungen gehalten. So ist uns dieser Tag, an dem wir, geehrt, gesucht und geachtet, wieder den Kreis der Böllerfamilie betreten, fein Festtag, fein Tag lauten Hubels. Hst doch für uns Genf kein erreichtes Ziel, kein Abschluß, sondern nur eine weitere Etappe >01 uf dem Wege zur endlichen Befreiung, ein neues Kampffeld für unser Ringen um die Wiedererlangung unserer vollen Staatssouveränität, ein neues Mittel, um unfern Volksgenossen jenseits der Reichsgrenzen besser als seither unsere Hilfe und unseren Schuh angedeihen zu lassen: Eine Fülle dringendster Aufgaben, deren Lösung uns unser Eintritt in den Völkerbund erleichtern soll.
Auch die neue Strecke Weges, die sich von Genf aus unseren Augen eröffnet, bleibt bovnen= voll genug, dafür bürgen schon die unerhörten Hntriguen, die unserem Eintritt in den Völkerbund vorauf gingen, dafür bürgen die neuen Vertragsfchlüsse zwischen Frankreich und seinen östlichen Satraven, die dem Sicherheitspaft zum Trotz, der heiligen Allianz des Völlerbundeö zum Hohn, den Grund zu einer neuen Einkreisung des zerstückelten, waffenlosen Deutschlands legen. Wie seltsam klingen in diesem Spiel D r i a n d s emphatische Worte von der Völkerbundstribüne herab: „Es ist aus mit dem Krieg! . . . Fort mit den Kanonen! Run ist der Friede da!" Weis) hier die rechte Hand nicht, was die linke tut? Hst das der „heuchlerische Geist", der wie das „Svenska Dagbladei" mit Bitterkeit schreibt, hie Genfer Atmosphäre be- herrfcht? Wir werden gut tun, uns in dem Vkrrtschwall der Begeisterung und des Hubels, der in diesen Tagen in Genf auf uns niederrauscht. den Kopf klar zu halten für die harte Arbeit, die vor uns liegt und den Blick frei zu machen für die feinen Fäden des politischen Spiels, in dem wir bereits eine Rolle übernommen haben. Ob es die richtige war, wissen wir heute so wenig, wie wir wissen, ob überhaupt der Weg nach Genf der kürzeste in die Freiheit war.
Der Locarnopakt, der ja erst nach unterem Eintritt in den Völkerbund in Kraft tritt, ist ein Reutralitätsvertrag zum Schutz unserer West- gren^e. Er bedeutet aber auch eine' 5 i n b un g an die W e st Mächte, die unsere Bewegungsfreiheit praktisch eng beschneidet. Er ist eben die Option für ein ganz bestimmtes politisches System, die eine Reihe anderer Möglichkeiten von vornherein ausschließt. Man hätte sich zum Beispiel eine Politik mit dem Ziel der Befreiung von den Fesseln von Versailles in enger Anlehnung an Amerika denken können. Die Vereinigten Staaten empfinden heute schon die Bestrebungen nach einem wirtschaftlichen Pan- europa als Vorläufer eines mehr oder minder engen politischen Zusammenschlusses als gegen sich gerichtet. Die Lockerung der europäischen Ein- heitssront durch Absplitterung eines so bedeutenden Wirtschaftskörpers wie Deutschland wäre ein Preis, den Amerika nicht hoch genug in Rechnung stellen könnte, wobei für uns abzu- toägen wäre, ob eine amerikanische Kapital- Herrschaft in Deutschland die Fesseln von Versailles aufwiegen. Amerikas Schuldnern, eben unseren Vertragskontrahenten von Versailles und nun auch von Locarno gegenüber, teilen wir mit Den Vereinigten Staaten das gleiche Intercste an einer allgemeinen Abrüstung. Also immerhin gemeinsame Linien genug, auf denen sich eine aktive deutsche AustenPolitit hätte aufbauen lassen können.
Auf der anderen Seite lockt das bolschewistische Rußland, der große Gegner der Westmächte und des amerikaniichen Kapitalismus. Es ist zuzugeben, daß die Sowietunion solange ein gefährlicher Verbündeter ist, wie der russische Kommunismus bestrebt ist, über alle staatlichen Grenzen hinweg dem hemmungslosen Kampf geaen die bestehende bürgerlich« Ordnung die Bahn frei zu machen. Aber grave diese revolutionäre Hdee mit ihrer Skrupellosigkeit, mit ihrer eminenten Werbekraft gegenüber politisch unterdrück.en, wirtschaftckch und sozial leidenden Völtern ist b»r beste Bundesgenosse der rufsischen Außenpolitik: Die revolutionäre Idee macht erst Rußland zu dem unfaßbaren, darum so unheimlichen Gegenspieler Englands in Vorderasien und Indien, Englands, Amerikas und Iapans in China Eine außenpolitische Front mit Rußland hätte inner- politisch für uns ein ungeheures, vielleicht sogar auf die Dauer untragbares Risiko bedeutet, aber erne Möglichkeit zu einet Befreiungspolitik neaeu Versailles lag wohl auch hier.
Dr. «Str e fern an n, von dessen Kanzlerschaft an man iwerhcmpt erst von einer aktiven deutschen Außenpolitik reden kann, hat den dritten Weg ge= maijit, direkt in die Höhle des Löwen selbst. Eine 0 r st a n d i g u n g mit den Westmächten, als den hervorragendsten Trägern des Versailler sTer£j!$£C5' allem aber eine Bereinigung des deutsch-französischen Gegensatzes dünkte ihm die wirkungsvollste Voraussetzung für einen deutschen Wiederaufbau und die Rückgewinnung der deutschen Souveränität. Deutschlands Eintritt in den Völkerbund ist ein wesentliches Glied in der Kette dieser Politik. Gerade der Völkerbund hat sich seit fein-r Gründung in der Hand der Westmächte als h-roor- ragendes Machtinstrument zur Aufrechterhaltung des m Versailles geschaffenen Status quo e-wiesen Wenn es uns als Ziel vorschwebt, diesen Völker- bund Wilsonscher Observanz, der in praxi so ganz anders wurde, als cs sich (ein Vater gedacht halte unserer Politik dienstbar zu machen, ihm also erst einmal den Charakter einer Dersichsrungsgejettschaft der Versailler Raubstaaten zu nehmen, dann bedeuten allerdings die Vorgänge, die unserem Einzug in Genf voraufgingen, wenig hoffnungsvolle Auspizien für unser Reformwerk. Briand, der alte Fuchs, der gestern schon wieder so enthusiastische Worte für Deutschland und seinen Beitritt zum Völkerbund fand, hat mit feiner ganzen diplomatischen Schläue.
ohne persönlich mehr als nötig hervorzutreten, e i n dichtes Netz unerhörtester Jntriguen eingefädelt, um dem polnischen Freunde den versprochenen Ratssitz neben Deutschland doch zu sichern. Es müßte seltsam zugehen, wenn er (ein Ziel nicht erreichen würde. Um die Vermehrung der nichtständigen Ratssitze durchzudrücken, der eine starke Gruppe der Völkerbundsmitglieder aus grundsätzlichen Erwägungen widerstrebte, hat Herr Briand nicht vor einer brutalen Vergewaltigung der Vollversammlung zurückgeschreckt. Der ständige Ratssitz für Deutschland und die Vermehrung der nichtständigen Sitze wurden so miteinander verkoppelt, daß das eine ohne das andere nicht zu haben war. Wer von der Vollversammlung sich für die Gewährung eines ständigen Ratssitzes für Deutschland aussprechen wollte, mußte sich auch dem Diktat der Großmächte beugen und für die ihm widerstrebende Vermehrung der nichtständigen Ratssitze stimmen. Holland, Norwegen und Schweden haben zwar mit dem edlen Freimut un
abhängiger Staaten den schärfsten Protest gegen diese Vergewaltigung einer Minderheit im Völkerbund kundgetan, aber auch sie mußten, nach den Worten des norwegischen Delegierten Hambro, „ihre Ueberzeugung auf dem Altar der Einstimmigkeit opfern", wenn nicht gerade sie, die treuesten Freunde, die Deutschland neben Oesterreich, der Schweiz und Ungarn im Völkerbund hat, die Aufnahme Deutschlands verhindern wollten. Dabei hat man sich nicht einmal gescheut, den verehrungswürdigen Fritjof Nansen, Norwegens greifen Delegierten, mittels der Abstimmiingsmaschine mundtot zu machen. Bon einer Antwort auf die schweren Vorwürfe, von einer Rechtfertigung der unerhörten Ratspolitik war überhaupt keine Rede. Diese Szene bleibt ein böses Omen nicht nur für den Völkerbund, der erneut bewiesen hat, daß es für ihn keine Rechte der Kleinen gibt, sondern auch für Deutschland, das sich mit dieser Politik der Großmächte abgefunden hat und dessen Name mit dieser Vergewaltigung der Völkerbundsversamm
lung untrennbar verbunden bleibt. Das Echo, das diese Genfer Ereignisse in der neutralen Presse gefunden hat, sollte unseren (Staatsmännern eine Warnung sein, sich in Genf nicht auf eine zu enge Liaison mit den Großmächten einzulassen, bi* schließlich auf eine Brüskierung der für die Recht! her Vollversammlung kämpfenden Neutralen hin- aiisläuft. Deutschland als Großmacht ohne die posi tiven Unterlagen zu einer unabhängigen Groß, machtpolitik wird bald zum Prügelknaben der West- machte, Deutschland an der Spitze der kleinen Stoa ten indessen wird mit ihnen bald ein Machtsaktv' werden, ohne den man m Genf keine Politik machen kann. Seien wir uns in diesem Augenblick dessen bewußt, was unsere Freunde im Völkerbund von uns erwarten, laßt uns mit ihnen glauben an den Sieg der Wahrheit und des Guten, aber laßt un« auch frei und mutig gleich ihnen darum kämpfen Sie werden es uns einmal danken und für uns ein« treten, wenn wir ihrer Hilfe bedürfen und mir werden ihrer bedürfen.
Eine Rede Strefemanns vor der internationalen Presie.
Genf, 10. Sept. (TLl.) Das Festbankett der Vereinigung der internationalen Hournallsten beim Völkerbund, das um 1.30 ilfjr begann, nahm einen festlichen Verlauf. Dreihundert Gäste hatten im Kuppel:aal des Hotels „Des Bergues" an vier langen Tischen Platz genommen. Die Menükarte zeigte im Vilde die Mitglieder des Rates um einen reich gedeckten Tisch versammelt, in dessen Mitte Ebamberlain sitzt. Mit freudigem Gesichts ausdruck blickt er zu Dr. Strese- m a n n und Briand auf, die über seinem Haupte die Gläser erklingen lassen. Die Reihe der Festreden wurde durch den Vorsitzenden der Vereinigung der Hournalisten eröffnet, der die Gäste, insbesondere Dr. Stresemann, herzlich willkommen hieß. Rach kurzen Ansprachen Rintschitschs und Denefchs. die beide die historische Bedeutung des Tages würdigten, hielt
Dr. Stresemann
eine längere Ansprache, die häufig von Deifalls- tunbgebungen unterbrochen wurde. Dr. Strese- mann führte aus, es sei über die Presse von dem Vorredner soviel Liebenswürdiges gesagt worden, daß ihm kaum etwas zu sagen übrig bliebe. Man wäre nicht zu dem großen Ereignis von heute gekommen, wenn sich nicht auch die Presse dafür eingesetzt hätte. Scherzend gedachte Dr. Stresemann dabei der symbolischen Wandlung, die sich von der bekannten Zeichnung bei dem Zusammensein der Presse in Locarno und dem dort durch die Darstellung von Enten in den Händen der Delegierten zum Ausdruck gebrachten Pessimismus bis zu der heute vorliegenden Zeichnung aus der Hand des gleichen Künstlers vollzogen habe. Mi. öiefer Aendcrung der Kritik sei er aufrichtig einverstanden. „Im Leben des Menschen und im Leben der Völker gehen die Dinge niemals so gradlinig, wie die Theoretiker glauben. Die Hochempfindung einer Stunde kann naturgemäß nicht ein ganzes Leben anhalten.
Ls mutz der Kampf zur Verwirklichung der empfundenen Idee folgen!
Tabei gibt es Erfolge und Mißerfolge. Glücklich, der am Ende feines Lebens sagen rann, daß er die Dinge, für die er gekämpft, einige Schritte vorwärts gebracht fj-abc: Daß dabei der einzelne Mensch dies oder jenes noch erlebt, darauf kommt es nicht an. Der einzelne ist ein Tropfen im Meer des Ledens. Aber ob die Voller einen Aufstieg erleben, darauf kommt es an! Und es ist taum je eine größere Umstellung der Geister der verschiedenen Völker vor sich gegangen, als in dieser kurzen Zeit von weniger als einem Hahrzehnt." Minister Stresemann fand zum Schluß einige treffende Worte, um den ihm gegenüber immer wiederholten Vorwurf des Optimismus zurückzuweisen. „Wer nicht glaubt, daß die Dinge Vesser werden können, ist auch nicht in der Lage, die Kräfte seiner Seele auf deren Versicherung zu verwenden. Man muß an eine Zukunft glauben, um für eine Zukunft a r b e i = ten zu könne nl" Mit einem Hinweis auf die heutige Rede Briands und mit einem Dank an Chambcr'ain beendete der Minister feine temperamentvolle, mit allen Zeichen seiner oratvrischen Begabung vorgctragenen Ansprache, ging dann auf Briand zu und stieß mit ihm an unter dem nicht endenwvllenden Beifall der Versammlung, die sich von ihren Plätzen erhoben hatte uni") in laute Hochrufe ausbrach.
Die Natsresorm.
Der Kamps mir die Gleichberechtigung im Völkerbund.
Gens, 10. Sept. (Sil.) Heute nachmittag tagte im Völlerbundssekretariat die erste Kommission (juristische) des Völkerbundes. Hn der Sitzung, an der Dr. Stresemann und Dr. Gaus teilnahmen, begann die Generaldebatte über das Reformprojekt der Studienkommijsion zur Unitoandelung des Rates. Es sprachen vor allem die Vertreter der kleinen Staa- t e ir, u. a. Schwedens, "Norwegens. Dänemarks, Hollands und auch Chinas, die das Projekt der Studicnkommission im einzelnen zerpflückten und scharfe Kritik an fernen "Bestimmungen übten. Der schwedische Außenminister Lofgren erklärte, die schwedische Regierung würde auf feinen Fall irgendeine Regelung akzeptieren, die die Mitglieder des Völkerbundes in verschiedene Kategorien gliedere. Die Gleichberechtigung aller Staa ten des Völkerbundes wäre eines der grundlegenden Prinzipien des gesamten Systems, auf dem der Völkerbund auf gebaut sei. Die Möglichkeit der Wiederwahl, die im Vorschlag der Studienkommission vorgesehen sei, dürfte in keiner Weise als ein besonderes Privilegium angesehen werden, das bestimmten Staaten verliehen würde. Es wäre dies nur eine Gelegenheit für die Versammlung, sich in Ausübung ihrer Souve- räockätsrechte die fortlaufende Mitarbeit eines Staates zu sichern, wenn dies notwendig erscheine. Der Entwurf stelle noch keineswegs ein völlig abgeschlossenes Projekt dar Aus diesem Grunde mühte die Kommission und vor allen Dingen die Anterkommission das Projekt noch eingehend prüfen und Ergänzungen schaffen. Z. B müsse eine Bestimmung eingefügt werden, daß die Festsetzung der Wiederwahl durch eine geheime Abstimmung vorge
nommen werden müsse, und zwar in der gleichen Weise, wie die Wahl in den Völkerbundsrat erfolge. Hierauf sprach der norwegische Delegierte Vogt, der sich mit dem Prinzip des Rotationssystems einverstanden erklärte. Die norwegische Regierung würde jedoch das ursprüngliche Vroiekt der Studienkommission vorziehen. Er sei der Ansicht, daß die Wahl zum Dölterbundsrai nach einem Proportionalsyslem vorgenommen werden müßte. Der dänische Gesandte in Berlin, Zahle, erklärte, daß seine Regierung stets für völlige Gleichberechtigung aller Staaten ekngctreten fei Das Projekt der Studienkommission verstoße nicht gegen diesen GrundsoN sondern wolle nur die Mitarbeit bestimmter wtaaten, deren Mandate im Rate bereits abgelaufen seien, auch weiterhin dem Rat erhalten. Bestimmte und eindeutige Regeln müßten für die Wahl deS Rats festgelegt werden. Der holländische Iurist Limburg verlangte glrich- salls die Festlegung eindeutiger Regeln für die Wahl des RateS. Er erklärte fich gegen das Prinzip der Proportivnalwahlen. Der chinesische Vertreter erklärte sich mit der Erhöhung der Zahl der nichtständigen Ratsmitglieder von sechs auf neun einverstanden. Er verlangte, daß Asien zwei Ratssitze erhalte und betonte weiter, daß, falls die Versammlung nur einen Sih zugestehen würde, er einen solchen auf drei Hahre beantragen werde. Hierauf wurde die allgemeine Debatte geschloffen. Die erste Kommission faßte hieraus den Beschluß, eine Unter» k o in m i s s i o n aus 14 Mitgliedern zur erneuten Prüfung des Projektes der Studienkommifsion einzufehen. Es sind dies: Deutschland, England, Chile, Dänemapl, Frankreich, Htalien, Kolumbien, Hopan, Rvrwegcn. die Riederlande, Rumänien, Polen und die Schweiz.
Die Befriedung der besetzten Gebiete.
Köln a.Rh., 11. Sept. (WTB. Drahtmeldung.) Die auf Anregung der Botschaftertonserenz von Bevollmächtigten der beteiligten Regierungen in Koblenz aufgenommenen Verhandlungen wurden nach mancherlei Schwierigkeiten und Stockungen, die auch im Reichstage erörtert wurden, nunmehr abge- schloffen. Die Abmachungen besagen ungefähr folgendes: In der Absicht, mit der Vergangenheit noch über das Londoner Protokoll hinaus reinen Tifch zu machen, wird folgendes vereinbart:
1. von feiten der deutschen Regierung:
a) daß sie mit allen Mitteln, über die sie verfügt, mit Einschluß derjenigen bet Justizverwaltung anwsiscn wird, datz unmittelbare ober mittelbare Vergeltungsmaßnahmen gegen irgend jemand wegen seines Gehorsam« gegenüber Anweisungen bet Befatzungsbehorben, wegen Diensten, die er ihnen geleistet hat und wegen den Beziehungen, die er mit diesen Behörden unterhalten Hal, nicht ergriffen werben;
2. von feiten der in der Äheiniandkommifsion vertretenen Regierungen:
a) baß sie binnen zwei Wochen nach dem Inkrafttreten der Abmachungen den beuischen Behörden diejenigen deutschen Rcichsaugehörigen übergeben werden, Die als Gefangene im besetzten Gebiet In hast sind und von Militärgerichten wegen Taten verfolgt werden ober verurteilt sinb wegen Taten, die sie im Ruhrgebiet, in den Brückenköpfen Duisburg, Ruhrort und Düsseldorf ober in bet sog. Kölner Zone begingen. Ausgenommen sinb nur solche Personen, bie Verbrechen gegen das menschliche Leben mit Todeserfolg begangen haben;
b) daß sie volle Straffreiheit allen Straftaten gewährt, bie im besetzten Gebiet seil der Besetzung bis zum 1. Februar 1926 begangen worden sind, mit Ausnahme der Slcaftacen des allgemeinen Rechts und der Spionage. — Es besieht Einverständnis darüber, daß Geldstrafen und Gerichkskosteu, die beglichen sinb, nicht zurückerstattet werden.
Die deut^en Delegierten an der Arbeit.
Genf, 10. Sept. (WTB^ Der Erste, Zweite unb Sechste Ausschuß zur Beratung von Verfassungsfragen, technischen bzw. politischen Fragen haben gestern ihre Arbeiten aufgenommen. Dabei haben z u in ersten Male die deutschen Delegierten rnitgewirkt, und zwar im Ausschuß für Verfafsungsfragen Reichsaußenminister Dr. öfrefemann und Ministerialdirektor Dr Gaus, im Zweiten Ausschuß Staatssekretär < D Freiherr D. Nheinbaben und im Sechsten Ausschuß Staatssekretär v. Schubert. Im Dritten Ausschuß wird Deutschland durch Prälat Kans und NN Fünften Ausschuß durch Dr. B r e i t f ch e i d und Frau Dr. Gertrud Bäumer vertreten
Amerika
Mm Eintritt Deutschlands.
° V■ 6«pt- <Wtz.) ,.6un- melde, au»
Wafhmgton, daß der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in Amerika mit einem gewissen E-'ichl oer Erleichterung ausgenommen worden sei,
da man der Ansicht ist, daß Deutschland von nun an in der Lage sei, seine Bemühungen für die Revision des Versailler Vertrags vor dem Völkerbunde zu verfechten. Es wird in Zukunft keine ober nur wenige Gelegenheiten geben, bei denen die Dien ft e der amerikanischen Regierung in den Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und den Alliierten benötigt werden würden.
Spaniens Austritt aus dem Völkerbund notifiziert.
Genf, 11 Sept. (TU. Drahfbericht.) Das völ- ferbunbsfcFrctariat gibt soeben folgende amtliche ZHitteilung heraus: „Der Generalsekretär des Völkerbundes erhielt heute vormittag durch Vermittlung des spanischen Konsulats in Genf eine Rote der spanischen Regierung, in der offiziell »nit- geteilt wird, datz gcmätz § 1 des Völkerbundaktes Spanien fich zurückziehen werde nach Ablauf der Kündigungsfrist von zwei Jahren. Die Rote der spanischen Regierung ist allen Mitgliedern des Völkerbundes mitgeteilf worden.
Amerika und der Dawesplan.
Reuyork, 10. Sept. (WV.) Der „Maley Eaton Service" meldet aus Washington, datz durch die gratzen amerikanischen Investierungen in der deutschen Industrie sich ernste fragen in bezug auf die Reparationen ergeben haben. In wichtigen Verhandlungen fej die Ansicht Dakers mit Rachdruck betont worden, datz eine Festsetzung der Reparationszahlungen auf einen endgültigen tragbaren Punkt und eine Entlastung der deutschen Industrie in hohem Matze vom Standpunkt des amerikanischen Kapitals erwünscht sei. Deshalb sei in Amerika eine starke Unterstützung für eine Abänderung des Daroesplanes zu erroaclen.
Ernste Lage in China.
Vorläufig keine internationale Aktion.
London, 11. Sept. (TU.) Die Vorgänge in China sind Gegenstand ernster Erwägungen der 3m ständigen englischen Stellen. Die Bemühungen der britischen Regierung aehen dahin, die an Chino interessierten Mächte zu einer gemein- lernen 'Aktion zu veranlassen. Die englischen diplomatischen Vertreter in den für eine solche Attion in Frage kommenden Ländern sollen bereits entsprechende Instruktionen ihrer Regierung erhall ten haben. Berichte aus Tokio und Washington lassen jedoch die Schwierigkeiten einer gemeinsamen Aktion deutlich erkennen. Ein Vertreter des japanischen Auswärtigen Amtes erklärte, daß seine Rc- nierung bei aller Sympathie für die Engländer in ihrer ßhwierigen Lage nicht der Auffassung sei. daß eine Aktion Japans im Augenblick erforderlich wäre. Nach Ansicht der japanischen Presse ist di» Lage in China (ehr e r n st. Sie warnt jedoch dü Negierung, Japan dazu gebrauchen zu lassen, fü» Großbritannien die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und empfiehlt, vorläufig eme abwartende Politik zu treiben. Selbst wenn sich schließlich eine Intervention als notwendig erweise, müsse cs Japan vermeiden, die Nord- oder Süb truppen zu begünstigen. Es müsse unparteiisch und unvoreingenommen sein und China ale u n - teilbare Einheit behandeln.
„Central News" berichten aus Washington, daß sich das amerikanische Staatsdepartement hinsichtlich einer gemeinsamen Aktion ebenfalls große Zurückhaltung auferlege. In französischen diplomatischen Kreisen wird der englische Wunsch eines internationalen Eingreifens in Cbina gleich' falls ziemlich kühl aufgenommen, wobei auf die vorsichtige Haltung Amerikas sowie auf den ausgesprochen cngland feindlichen Charakter der letzten Zwischenfälle hingewiefen wird.
Das britische Auswärtige Amt dementiert, daß irgendwelche offizielle Maßnahmen gegen China megen der Verluste am Pangtse geplant sind. Ein offizieller Schritt sei deshalb zwecklos, da es in ^*)ina keine autoritative Stelle gebe, bei der ein wirksamer Protest eingelegt werden könnte. Ferner sei es militärisch nicht vorteilhaft, eine Flottenaktion 500 Meilen flußaufwärts zu unternehmen.. In offiziellen Kreisen ist man der Ansicht, daß England die weitere Entwicklung abwar- t e n müsse. Erst wenn sich die Zustände zu Ungunsten der Mächte Amerika, Japan und England weiter verschlimmern sollten, würde eine militärische Aktion der hier interessier- ten Mächte auf breiter Basis eingeleitet werden.
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Wie die Agentur Indo-Pacific aus Peking meldet. hat General Wupeifu Hankau'ver- lass c n. In Pekinger Kreisen bestehe der Eindruck, daß die Truppen Wupeifus keinen Kamps hätten liefern wollen. Große Verstärkungen sollen in der Richtung auf Hankau abgegangen sein. Tschangtsolin sott angekündigt haben, 'daß er nach Peking zu kommen beabsichtige. Es bestätigt sich, daß die Truppen her Kuominiangparlci Wi'ischang und Hankau am 7. September besetzt haben. Wu- peifu zieht fiel) nach der Provinz Honan zurück. — sämtliche ausländischen Dampfer, die Hankau an-


