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Nr. 2(3 Erster Blatt

(16. Jahrgang

Samstag, N- September 1926

Erscheint täglich,anher Sonntags und Feiertags.

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Gießener Familienblätler Heimat im Bild Die Scholle.

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Eichener Anzeiger

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M GektriWs-Ausslellling Gießen

? Die Elektrizität

in Handel und Gewerbe.

Von Dipl.-Jng. August Kunhemüller.

Der elektrische Strom ist ein Wunder. Und das Feld der Anwendung des elektrischen Stroines in Handel und Gewerbe, das zu beackern der Gießener Anzeiger mir anläßlich der Elektrizitäts- und Gar­tenbauausstellung in der Volkshalle liebenswür­digerweise überließ, ist so ausgedehnt, daß selbst nur eine Ucbersicht über dieses Gebiet, ja selbst nur eine Aufzählung aller in Frage kommenden Anwen­dungsmöglichkeiten weit über den Nahmen, den mein Beitrag haben kann, hinausgehen würde. Reicht doch dies Gebiet von der elektrischen Schnell­zugsmaschine der Gotthardtbahn bis zum Steuer­motor des Doppelzellenschalters, vom tausendpfer­digen Walzenzugmotor bis zur Nähmaschine der Schneiderwerkstatt. Zu einer derartigen ausführ­lichen Zusammenstellung ist hier natürlich weder Raum noch Anlaß. Unsere Betrachtung wird sich also wesentlich beschränken müssen, und zwar in der Hauptsache auf die Anwendung der Elektrizität im Kleingewerbe aller Art.

Als gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts die Elektrizität das Gebiet der Theorie soweit be­herrschte, daß ihre Einführung auch in der Praxis sich nach und nach ermöglichte, als um die Jahr­hundertwende ein Elektrizitätswerk nach dem an­deren erstand, da war es zuerst die Verwendung der Elektrizität für Beleuchtungszwecke, die bei der Allgemeinheit zunächst großen Anklang und in einem beispiellosen Siegeslauf überall, in Stadt und Land, im Haushalt wie im gewerblichen Be­trieb, allgemeinen Eingang fand. Auch heute noch, trotzdem der Laie, zufrieden mit dem Erreichten, kaum mit einer weiteren Verbesserung der elektrischen Beleuchtung rechnet, wird auch auf diesem Gebiet ständig weitergearbeitet, sei es, daß eine bessere Ausnutzung des elektrischen Stromes durch geeignete Konstruktion des Leuchtkörpers, also der Glühlampe selbst, erstrebt wird, sei es, daß die Bestrebungen wie beispielsweise in der Schaufensterbeleuchtung dahingehen, mit denselben Mitteln wie bisher eine trotzdem bessere Ausnutzung des von der Glüh­lampe gelieferten Lichtstromes durch Wahl passen­der Armaturen zu erreichen.

Das, was der Laie aber heutzutage bei dem Be­griffElektrizität im Gewerbe" hauptsächlich sich denkt, ist die Verwendung der Elektrizität als Kraftquelle, als motorischer Antrieb von Ar­beitsmaschinen. Und die Anwendung gerade zu diesem Zwecke hat eine ungeheure Bedeutung er­langt, ihre Mannigfaltigkeit ist beinahe unbegrenzt.

Es fing auch hier wie bei der Einführung der elektriscken Beleuchtung ganz einfach an. Ein Motor wurde aufgestellt, der dann auf mehr oder weniger großen Umwegen über eine mehr oder minder lange und schwere Transmission die Arbeits­maschinen antrieb. Als man dann später technisch denken und rechnen lernte, als man einsah, daß ein derartiger Antrieb in den meisten Fällen im Ver­hältnis zu der nutzbar übertragenen Leistung ganz enorme Verluste brachte, zumal dann, wenn bei­spielsweise zum Antrieb einer einzelnen kleinen Arbeitsmaschine die ganze schwere Transmission in Bewegung gebracht und erhalten werden mußte, ging man daran, zu unterteilen. Diese Unterteilung des gewerblichen Betriebes durch Aufstellen von mehr als einem Elektromotor führte dann schließ­lich dazu, jede Arbeitsmaschine für sich anzutreiben, d. h. zum Einzelantrieb jeder Maschine durch einen besonderen Elektromotor überzugehen. Diese Betriebsart bedingt wohl höhere Anschaffungskosten, Hot sich aber trotzdem in vielen gewerblichen Be­trieben, so z. B. bei Holzdearbeitungs- und Druckereimaschinen fast durchweg, eingeführt, weil die höheren Beschafsungskosten auf der anderen . Seite wieder durch die wirtschaftlichere Art der Betriebsführung mehr als ausgeglichen wurden.

Welche Arbeitsmaschinen treibt nun der Elektro­motor vorwiegend? Welche kleingewerblichen Be­triebe größere industrielle wie landwirtschaftliche Betriebe immer wieder ausgenommen haben ihren Betrieb auf elektrische Antriebskraft einge­stellt?

Der Schlosser hängt feine Drehbank, seine Bohrmaschine, seine Fräsmaschine, seine Stanze an die elektrische Betriebskraft. Der Bäcker knetet feinen Teig elektrisch, feine Mehlsäcke werden vom elektrischen Sackaufzug an die Verwendungsstelle befördert, und wenn er einen größeren Betrieb hat, fo kommt für ihn auch die Teigteilmaschine und die Brötchen-Massenwirkinaschine mit Leistungen bis zu 6000 Brötchen in der Stunde hinzu. Für die Metzgerei kommt die . Fleischschneidemaschine, dann Knochensäge, Gewürzmühle und Schleif­stein für den elektrischen Antrieb in Frage. In der Schreinerei ist, wie schon erwähnt, der elek­trische Einzelantrieb besonders bevorzugt. Das Gatter, die Kreissäge, die Bandsäge, die Holzdreh­bank, die Holzhobelmaschine und andere Holzbear­beitungsmaschinen sind zumeist alle mit besonderen Antriebsmotoren ausgestattet. Eine Absaugung der im Betriebe abfallenden Späne kann wie auch bei der Schleifmaschine des Schlossers durch eine elek­trisch abgetriebene Entstäubungsanlage erfolgen. Auch der Müller wie der Brauer bedürfen der elektrischen Betrieb^raft, sei es zum Antrieb der Mühlen oder der Kompressoren, sei es für Auszüge oder Pumpenanlagen. Kurz, man dürfte heute im täglichen Leben kaum einem Gegenstand des täg­lichen Bedarfs begegnen, bei dessen Verarbeitung die Elektrizität nicht mehr oder weniger mitgeholfen

hat. Auch das G a st w i r t - und Hotelge­werbe kann heutzutage den Elektromotor nicht mehr entbehren. Die elektrisch angetriebene Haus­haltmaschine, die Brot schneidet, Fleisch durchdreht, Bohnen zerkleinert, Mandeln mahlt, kurzum das Mädchen für alles darstellt, kann vom Gastwirt ebensowenig vermißt werden wie die elektrisch an- getriebene Waschmaschine oder die Kühlanlage.

Aber etwas Anderes muß doch noch kurz ge­streift werden, und das ist das Gebiet der Anwen­dung der Elektrizität in der W ä r m e w i r t s ch a f t, das heute wenigstens bei uns in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Heute beginnt man, die Elektrizität auch im Gewerbe nicht mehr nur zu rein motorischem Antrieb, sondern auch als Wärmequelle zu verwenden. Im Haushalt ist man hierbei schon etwas weiter, aber beispielsweise gerade das G a st w i r t s g e w e r b e ist es, dem sich in der Verwendung des elektrischen Stromes zum Braten, Backen, Kochen usw. ausgedehnte Mög­lichkeiten eröffnen. Ein Hinweis auf die Ausstellung in der Volkshalle, in welcher der ganze Wirt­schaftsbetrieb elektrisch geführt wird,

aenügt wohl. Auch der Bäcker wird in nicht allzu ferner Zukunft feine Brote elektrisch backen, wie dies in der Ausstellung ebenfalls geschieht. Die Schoko­ladenüberzüge an Konditoreiwarcn können eben­falls auf elektrischem Wege hergestellt werden. In der Schreinerei steht der elektrische Leimtopf, wäh­rend bei der Metallbearbeitung neben dem Glüh­ofen der elektrische Lötkolben arbeitet. Und vergessen wir schließlich nicht das Bügeleisen, das als einziger Apparat schon jahrelang für die elektrische Wärme­wirtschaft Propagandadienste geleistet hat.

So ist die Anwendung des elektrischen Stromes in den gewerblichen Betrieben jeder Art heute zu einer Notwendigkeit und zu einer Selbstverständ­lichkeit geworden, an die man vor einem Viertel­jahrhundert kaum zu denken wagte. Und gerade diese vielseitige Anwendbarkeit der Elektrizität, ihre Anwendbarkeit in den drei Formen ihrer (Energie: der Beleuchtung, des motorischen Antriebes und der Wärmewirtschaft, ist es, die das von mir an den Anfang meiner Abhandlung gesetzte Wort voll und ganz rechtfertigt: Der elektrische Strom ist ein Wunder.

Neue Wege zur künstlerischen GMengeftcittung.

Von Dr. Ernst Küster, o. Professor der Botanik an der Universität Gießen.

Vergleichen wir die Gärten künstlerisch-pro­duktiver vergangener Jahrhunderte mit unseren zeitgenössischen, so wird der Vergleich wahrlich nicht zugunsten der letzteren ausfallen können: armselig vielmehr, höchst armselig werden uns weitaus die meisten Gärten anmuten, die in unserer Zeit entstanden sind, wenn wir uns bei ihrer Betrachtung dessen erinnern, was zumal aus dem Zeitalter des Barock erhalten ge­blieben oder wenigstens aus alten Stichen, Ge­mälden oder Beschreibungen uns bekannt ist.

Daß der Gartenkünstler unserer Zeit und des vergangenen neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr mit der Freiheit und Großzügigkeit schassen kann, die für den Barockkünstler selbstverständlich war, hat seinen zwingendsten Grund in wirt­schaftlichen Verhältnissen, vor allem in dem hoch- aestiegenen Wert des Grundes und Bodens, der für unproduktive Umgestaltung zu Gärten nicht mehr so freigebig hergegeben werden kann wie einst; daß die künstlerische Durchdringung der ver­fügbaren bescheidenen Parzellen nur ausnahms­weise mit der Intensität vorgenommen wird, die in wirtschaftlicher Hinsicht recht wohl möglich wäre, scheint in dem Verfall des Interesses un­serer Zeit an künstlerischer Gartengestaltung und künstlerischem Blumenschmuck begründet. Es ist sehr zu beklagen, daß gerade das, was unsere Zeit durch die ihr eigenen Formen von Handel und Verkehr zu bieten und zu beschaffen ver­mag, der Gartenkunst dienstbar zu machen allzu oft verabsäumt wird. Die Fülle der prächtig blühenden Arten, die aus fremden, botanisch und gärtnerisch jüngst erschlossenen Gebieten der Erde uns zufließen, die unabsehbare Schar schöner Sorten, die eine leistungsfähige Blumenzüchterei hat entstehen lassen, und nicht am wenigsten die sehr geringen Preise, zu welchen Sämereien aller Art auf den Markt gebracht werden, gäben un­seren Gartenkünstlern und Gartenfreunden die Mittel an die Hand, Blumengärten von einem Reichtum und einer Farbigkeit zu schaffen, die keiner früheren Zeit erreichbar war. Wenn Gär­ten solcher Art oder Versuche, sie zu schaffen, nur ausnahmsweise angetroffen werden, und die künstlerischen Möglichkeiten, die in solchen farben­reichen Blütengärten der Verwirklichung harren, in Deutschland wohl noch niemals in größerem Maß stabe ausgenützt worden sind, so trägt daran in erster Linie der bedauerliche Mangel an Inter­esse seine Schuld, der so viele unserer Garten­besitzer vom Neuen beharrlich sernhält und mit den altgewohnten Produkten der Ziergärtnerei zufrieden bleiben läßt. Zur rechten Stunde kamen Borchardts Mahnungen, dessenGarten­phantasie" unlängst mit allem Nachdruck die Gleichgültigkeit der deutschen Gartenbesitzer gegen­über allen Herrlichkeiten moderner Blumenzüch­tung geißelte.

Wenn wir uns in Gärten der klassischen Zeit die Mannigfaltigkeit der Mittel vergegenwärtigen, mit welchen die Erbauer sie zu schmücken ver­standen haben, so fragen wir uns vielleicht, ob unsere an Erfindungen so reiche, im technischen Können so überlegene Zeit dem Gartenkünstler gar keine neuen Mittel für seine Werke zu schaffen vermocht hat. Ich glaube diese Frage im bejahenden Sinne beantworten zu sollen.

Der Gartenkünstler des Barock hat die Vege­tation seinem Gestaltungswillen untertan gemacht, er hat Berge aufgeschüttet und Täler ausge­schachtet, das Wasser zu turmhohen Säulen und zu schäumenden Kaskaden werden lassen nur das Licht vermochte er nicht zu meistern: für dieses mußte er ausschließlich mit den Wirkungen rechnen, die die Natur herzugeben bereit war. Prüfen wir die Bedeutung, welche das Licht für die dem Garten eigenen Reize gewinnen kann, so werden wir,'wie ich glaube, auf vielverspre­chende neue Wege gewiesen, welche der technische Fortschritt unserer Zeit der Gartenkunst erschließt.

Erst seit der (Einführung der Bogenlampe und anderer ähnlich leistungsfähiger Beleuchtungs­mittel ist es möglich, einen Garten derart zu be­leuchten, daß weite Flächen erhellt werden, und

die von der Vegetation gelieferten Farben auf ansehnliche Entfernungen hin zur Geltung kommen, Licht und Schatten überdies nach Belieben über große Flächen und Räume verteilt werden können. Die alte Zeit beleuchtete ihre Gärten vorzugs­weise mit Fackeln, Laternen, Lampions es waren dabei die Lichtquellen selbst, die ein an­mutiges Farbenspiel zustande brachten; der Gar­ten aber und seine Vegetation kamen dabei eben­sowenig zur Geltung wie bann, wenn über Ka­nälen und Wasserbecken des klassischen Gartens ein Feuerwerk seine Funken verschwendete. Erst die gleichmäßig brennenden, mit starker Leucht­kraft den Raum durchdringenden elektrischen Be­leuchtungskörper werfen weithin Licht in das Dunkel nächtlicher Gärten und lassen alle Farben aufleben, die Laubwerk und Blumenfülle jenen verleihen: erst dank dem elektrischen Licht wird es möglich, auch in den Stunden der Nacht einem Garten diejenigen Reize abzugewinnen, die ihm eigentümlich sind oder sein sollen.

Dem Gartenkünstler, der mit elektrischem Lichte folgerichtig zu arbeiten gesonnen ist, bieten sich eine große Zahl neuartiger Aufgaben. I'm elektrischen Lichte zeigen sich alle farbigen Ob­jekte in anderen Farbentönen als bei Sonnen­licht. Rote Pelargonien oder Cßegonienrabatten, hellblühende Stiefmütterchen und Asterrondelle bestätigen in jedem nächtlich beleuchteten Garten die Erfahrungen des Physikers: optische Wir­kungen. die den Theaterkulissen, farbigen Innen­dekorationen oder kostbaren Abendtoiletten gegen­über längst erprobt sind, werden auch für die Gartenpfkanzenwelt planmäßig mit verschiedenen Beleuchtungsmitteln, lichtfilternden Schirmen usw. zu prüfen sein. Der Gartenkünstler lasse das Licht über Robinien und Lärchen träufeln, auf glänzendem Lorbeer tausend Reflexe wecken, im Schwarz der Taxushecken schließlich ersterben; er schütte Lichtkaskaden über herbstlich gelben Roßkastanien und glutroten Ampelopsiswänden aus und lasse es bis ins Laubwerk hoher Pla­tanen und Pappeln aufsteigen, deren Wipfel vom Lichte nicht mehr erreicht mit dem Dunkel des Himmels zusammenfließen; er durchleuchte alle Fontainen und lasse auf dem Spiegel des Wasser­gartens die letzten Strahlen schimmern.

Auch vom Landschaftsgarten der Muskauer Periode soll der beleuchtungskundige Garten- künstler lernen: die vielgebuchteten Schlag­schatten, welche im Sonnenlicht die Baumrronen eines Parks auf grüne Rasenflächen werfen, ver­mag er auch nachts auf diese zu zeichnen; er ist nicht abhängig von Wetter und Sonnenstand, und ihm ist es ein kleines, Schattengebilde in allen Richtungen entstehen zu lassen und zu phantastisch symmetrischen linearen Schöpfungen zusammenzuweben. Jedes kreisrunde Lichtfeld, das eine Helle elektrische Lampe auf irgendwelche Baumkrone malt, wird dem suchenden Auge eine Fülle bisher nicht geschauter Einzelheiten offen­baren und nicht weniger der Schatten der Blätter und Zweige, der die Wege mit seinem Spalier­muster uberspinnt.

Nächtlich beleuchtete Gärten sind uns allen längst bekannt, auch Versuche zur künstlerischen Verwertung moderner Deleuchtungsmöglichkeiten sind auf Promenaden, in Ausstellungsparks und an Stätten geräuschvoller Vergnügungen schon oftmals gemacht worden. Die Lichteffekte der Illumination alten Stils freilich dürfen nicht hier­her gerechnet werden; solange sie eine Hallen­fassade mit demselben Lichtgeflimmer überschüttet wie einen Blumengarten, wird sie den Forderun­gen des Gartens wenig gerecht, und erhebt sich in ihrem künstlerischen Werte nicht über die billi­gen Leistungen bürgerlicher Schaufenster, die durch die große Zahl der aufgebotenen Flämmchen überraschen und blenden möchten. Gärten, deren Erbauer beraten vom Physiker und vom Gärtner planvoll mit den Wirkungen des elektrischen Lichtes rechnen und alle belebten und unbelebten Teile des Gartens folgerichtig mit den Reizen starken fünftlidjen Lichtes schmücken, scheinen in Deutschland bisher nicht in Angriff genommen worden zu sein.

Ausstellung

und heimische Wirtschaft.

.Wenn diese Zellen vor die Augen unserer Leser kommen, ist die Gartenbau- und Elektrizi­täts-Ausstellung eröffnet. Damit wird in die Gießener Geschichte ein neues, sehr bedeutsames Ereignis eingereiht. Falls die Ausstellung das erfüllt, was man in maßgebenden Kreisen von ihr erwartet, bann wird sie der Ausgangspunkt einer neuen Entwicklung in unserem Gemeinwesen sein. Die Maßnahmen zur Belebung der heimi­schen Wirtschaft werden dann eine weitere, sehr beachtenswerte Verstärkung erfahren.

Betrachtet man diese Ausstellung vom Stand­punkt des gesamtwirtschaftlichen Intereßes unserer Stadt aus, so kann nicht zweifelhaft sein, daß die Vorteile von dieser Veranstaltung gar mannig­faltig und schätzenswert sind. Zunächst sind da die Handwerksmeister und ihre Arbeitsgehilfen, denen die Herrichtung der Ausstellung recht er­freuliche Verdienstmöglichkeiten geboten hat. Wenn man sich weiter vor Augen hall, daß die Kaufkraft der Bevölkerung heute doch schon besser ist als noch vor einem Jahre, bann wirb man auch bie Aussichten der mit geschäftlichen Hoff­nungen ausstellenden Firmen und Handwerks­meister nicht ungünstig beurteilen können. In kluger Weise haben z. D. Die Firmen der Elek­trizitätsbranche den Käufern von vornherein die Einräumung von Teilzahlungen zugesichert, und damit haben sie zweifellos eine sehr verheißungs­volle Maßnahme getroffen. Den Ausstellern ohne geschäftliche Absichten, den Mitgliedern der Gartenbauvereine, wird die große Schau er­wünschte Gelegenheiten zu wertvollen Dergleichen und Studien geben, aus denen sie für ihren Eigenbau Nutzen ziehen können. Wenn sich heute auch in dieser Hinsicht gegenüber den letzten Iah ren manches zum Besseren gewandt hat, so toub man in den Kreisen biefer Aussteller- gruppe doch begrüßen, wenn man durch diese Veranstaltung neue Gesichtspunkte erhält, die das Schaffen im Eigengartenbau noch freudvoller gestalten können.

Die wirtschaftssördernden Anregungen der Ausstellung haben jetzt schon gute Maßnahmen hervorgebracht, bie auf einen Auftrieb für unser heimisches Wirtschaftsleben abzielen. Durch den vom Verkehrsverein in die Wege geleiteten Schaufensterwettbewerb soll das Interesse der Bevölkerung in verstärktem Maße auf die Güte und Preiswürdigkeit der Warenlager unserer Gießener Geschäftswelt hingelenkt werden. Daß unsere Geschäfte das volle Vertrauen der Käufer­schaft verdienen, unterliegt für uns keinem -Zweifel. Auf einem anderen Wege will der (Siebener Anzeiger" bie Mitbürger in Stabt und Lanb ebenfalls mit erhöhtem Interesse für bie (Siebener Firmen erfüllen. Durch einen An- zeigen-Wettbewerb, der mit ber heutigen Num­mer beginnt unb bis 5um nächsten Samstag ein­schließlich anbauert, lenkt er bie Aufmerksamkeit feiner großen Lesergemeinbe auf bie Aniünbi- gungen ber Geschäfte hin. Die Anzeigen werben durch ihre sorgfältige und wirkungsvolle Ge­staltung dem Publikum das Preisrichteramt nicht leicht machen; es wirb sich, ebenso wie bei bem vielbeachteten Anzeigenwettbewerb gelegentlich der vorjährigen Iubiläumsnummer desGie­ßener Anzeigers", auch diesmal sehr eingeljenb mit den Anzeigen beschäftigen müssen, um Aus­sichten für die Zuerkennung eines Preises zu haben. Durch dieses gründliche Prüfen unb ©egeneinanberabtcägen erzielt aber bie Geschäfts­welt ben nachhaltigen Werbeerfolg, den sie be­zweckt unb ben ihr keine andere Rellameart bieten kann. Das breiteste Forum ber Oeffent- lichkeit in Stabt unb Land, auf das die Aus­stellung rechnet, ist auch für bie Geschäftswelt von großer Wichtigkeit zur Sicherung des Erfolges.

Als weitere vorteilhafte Wirkung der Aus­stellung unb ber nebenhergehenden Veranstal­tungen darf man eine beträchtliche Steigerung bes Frembenverkehrs in unserer Stadt erwarten. Cs steht heute schon fest, daß die bedeutsame Ver­anstaltung in ber Dollshalle in unserer Provinz unb in ben benachbarten preußischen Kreisen bie Aufmerksamkeit ber Bevölkerung erregt hat. An diesem starken Besuch haben nicht allein die Aussteller unb bie Geschäfte ein großes In­teresse, sondern auch bas Gastwirtsgewerbe wird ihn sehr willkommen heißen, weil auch ihm eine wirtschaftliche Stärkung recht not tut Deshalb eine Anregung. Vielleicht könnte unser städtisches Ver­kehrsamt im Einvernehmen mit den auswärtigen Verkehrsvereinen unb ben Qtabtbertoaltungen Sonberzugfährten ber Reichsbahn erreichen, an denen sich unter Umständen benachbarte Städte unb Dörfer zusammen beteiligen würden. Durch verbilligte Cisenbahnfahrt unb wunschgemähe Legung ber Fahrzeit könnte ber Besuch in Gießen wohl ansehnlich gesteigert werden.

Wer biese Ausstellung unb ihre wirtschaft­lichen Auswirkungen mit weit über den Tag hinausschweifendem Blick betrachtet, der wirb sich nftt uns bieser Tat freuen. Dank gebührt ben Männern, die ben lobenswerten Gedanken in schwerer unb uneigennütziger, opfervoller Arbeit zum schönen Werk gestaltet haben. And der Aus­stellung gelten die besten Wünsche ber Bürger­schaft für einen vollen Erfolg.