Einzelbild herunterladen

mehr im Laufe der langwierigen Verhand­lungen über die Besetzung der Stelle gerade seilens der preußischen Regierung in den Vor­dergrund gerückt worden.

Sie preußische Regierung beruft sich bei der Der- fc^tung ihrer Ansicht, wonach ihr das Recht zur '2V erm.ung bei der Besetzung dieser Stille zustche. au^ tic Erklärungen zur Auslegung des Staats- Vertrages über den Liebergang der Staatseisen­bahnen auf das Reich, die am 25. Qltätg 1924 zwischen dem Reichsverkehrsminister und dem preußischen Handelsminister ausgetauscht worden sind. Die Ziffer 4 dieser Erklärung lautet wie folgt-

Zn den zukünftigen Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn, auch dem etwa vorläufig zu bildenden, erhält die preußische Regierung eine Vertretung aus eigenem Recht. Es f-H angestrebt werden, daß unter den Mit­gliedern des DerwaltungsrateS, die etwa aus der freien Wirtschaft genommen werden, Preußen vertreten ist."

Diese Zusage bezieht sich auf den Verwal­tungsrat, der nach der Verordnung über die Schaffung eines UnternehmensDeutsche Reichs­bahn" voin 12. Februar 1924 und nach dem auf Grund des § 10 dieser Verordnung zu erlassen­den Eisenbahnfinanzgesetz in Aussicht genommen war. Die Auffassung der preußischen Staats- regierung, daß diese Zusage auch für die erst m August 1924 gegründete DeutscheReichs- bahn-Gesellschaft Geltung habe, hat sich Die Reichsregierung, wie im Laufe der zwischen dem Reich und Preußen hierüber geführten Ver­handlungen mündlich und schriftlich mehrfach mit* geteilt worden ist, nicht anschliehen können.

Die Mitglieder der Reichsregierung sind vielmehr einstimmig der Meinung, daß die ausdrückliche oder stillschweigende Aeber- tragung dieser Zusage auf die jetzige Aerchs- bahn-Tesellschaft nicht erfolgt ist und we­gen des völlig anders gearteten Aufbaus dieser Gesellschaft auch nicht erfolgen konnte.

Die es gegenüber Preußen, Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden damals geschehen war, eine unbeschränkte Zusage hinsichtlich der Er­nennung von Verwaltungsrotsmrtgliedern geben, da die Gestaltung des Verwaltungsrats dem freien Ermessen der Reichsregie­rung überlassen war. Sie unterlag also beim UnternehmenDeutsche Reichsbahn" auch keinerlei Beschränkungen in der Zahl der Mit­glieder des Verwaltungsrats. Bei der jetzigen Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft unterliegt die Gestattung des Verwaltungsrats nicht öem freien Ermessen der Reichsregierung. sondern viel­mehr den Bestimmungen des Rerchsbahngesetzes vom 30. August 1924. Rach diesem Gesetz besteht der Verwaltungsrat aus achtzehn Mitgliedern, von denen nur neun von der Reichs­regierung, die anderen neun von dem Treu- händer als Vertreter der Gläubiger der Repara­tionsschuldverschreibungen ernannt werden. Von den neun von der Reichsregierung zu besehenden Stellen können noch dazu beim Liebergang von Vorzugsaktien in fremde Hände vier Stellen dem Ernennungsrecht der Reichsregierung verloren gehen.

Denn nun die ursprünglich den fünf genannten Ländern gemachte Zusage auch für die Zusam­mensetzung des verwoltungsrats dec jetzigen Reichsbahngesellschaft Geltung haben sollte, so würde die Lage entstehen können, daß die Reichsregierung auch nicht eine einzige Stelle des verwoltungsrats nach eigenem Ermessen besehen könnte.

Run wird von der preußischen Staatsregie­rung ausgeführt, daß die Reichsregierung diese ihre Rechtsauffassung Wohl gegenüber Preußen, nicht aber auch gegenüber Bayern und Sachsen geltend gemacht hätte. Auch diese Anschauung entbehrt der Begründung. Weder der Reichs- bohndirektionspräsident a. D. Hertel noch Mi­nisterpräsident a. D. und Kreishauptmann Buck sind auf Grund der in den Erklärungen vom Frühjahr 1924 den Ländern gegebenen Zusage einer Vertretung im künftigen 'Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn aus eigene mR e ch t in den Verwaltungsrat der neuen Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft entsendet worden, sondern sie sind, und zwar beide in ihrer Eigen­schaft als Beamte, von der Reichs- regierung zu Mitgliedern des Ver­waltungsrats bestellt worden auf Grund zustande gekommener Verständigung zwischen der Reichsregierung und den Ländern über die Persönlichkeiten. Wie jedoch bereits dar­gelegt, war bel der Entschließung der Reichs­regierung die formale Rechtslage nicht die ent­scheidende. Riemals war es insbesondere die Ab­sicht der Reichsregierung, das ihr nach ihrer Auffassung unzweifelhaft zustehende Recht der Ernennung in schroffer Weise wabrrunehmen.

Es war vielmehr von jeher ihr lebhafter Wunsch, sich über eine geeignete Persönlichkeit als Rach­folger des verstorbenen Geheimrats Arnhold mit der preußischen Regierung zu verständigen, so wie es seinerzeit bei der Ernennung Ärn- holds der Fall gewesen war.

Die preußische Staatsregierung hat jedoch sowohl meinem Amtsvorgänaer wie auch mir gegenüber in mündlichen und schriftlichen Erörte­rungen immer erneut -u erkennen gegeben, daß sie aus der Ernennung gerade der von ihr ein­zig benannten Persönlichkeit unter allen LI rn st ä n d e n bestehe. Die gleiche Haltung nah­men Sie, Herr Ministerpräsident, auch in den letzten beiden mit- mir geführten Unterredungen ein. Es wurde namentlich die Anregung der Reichsregierung abgelehnt, statt eines aktiven Deai-ten eine führende Persönlichkeit aus dem Wirtschaftsleben Preußens zu örnennön. Bei. dieser Anregung war die Reichsregierung aus guten Gründen davon aus- geaa.:gen, daß es bei der Besetzung der freien Steife weniger auf fachmännische und eisenbahn- ti.ti-ische Kenntnisse, als vielmehr auf sozia­len und wirtschaftlichen Weitblick ankäme. Erst als die Reichsregierung nach mei­nen mit ihnen gepflogenen eingehenden münd- lio'cn Erörterungen die Lieberzeugung gewonnen hatte, daß die preußische Staatsregierung nicht ".'Willi sei, ihrerseits eine Persönlichkeit von wirt- schastüchem und sozialem Ruf vorzuschlagen, biet* wehr entschlossen sei, ihren Vorschlag

lcdigli7h aus eigenem Recht und nach eisenbnhn- technischer Eignung

zu machen, hat die Reichsregierung ihr sormales cnennunaZrecht unter Berücksichtigung dieser fei* ler.b .n Gesichtspunkte geglaubt ausüben zu müs e >. Den mehrfach geäußerten Wunsche der Reichs­regierung, Preußen möchte anstatt eines aktiven Beamten einen Wirtschaftsführer zur Er­nennung vorzuschlagen, ist die preußische Staats­

regierung mit dem Hinweis entgegengetreten, daß auch die Reichsregierung seinerzeit einen aktiven Reichsbeamten zur Wahrnehmung der Reichsinteressen in den Verwaltungsrat abge­ordnet habe. Dieser Vergleich kann nicht gezogen werden, denn bei dieser Ernennung war aus­schlaggebend, daß nach den geltenden Verträgen die Reichsbahn an der Zahlung der Re­parationsschulden hervorragend be­teiligt ist und der betreffende Reichsbeamte an der Bearbeitung der gesamten Reparationssragen seit Jahren im Reichsfinanzministerium leitend mitwirkt.

Meine Darlegungen möchte ich dahin zu- sammenfasscn, daß die Reichsregierung bei ihrem Vorgehen die Rechtsansprüche Preußens nicht verletzt hat und daß sie weiter ihr formelles Ernennungsrecht erst ausgeübt hat, nachdem Preußen es endgültig abgelehnt hatte, eine Per­sönlichkeit vorzuschlagen, deren Stellung im öffent­lichen Leben und in der Wirtschaft die erforder­liche Gewähr für die Vertretung der nachweis­baren staatspolitischen und volkswirtschaftlichen Belange bot.

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hoch­achtung. gez .Dr. Marx.

Die deutsche Sozialpolitik.

Köln, 9. Juli. (WB.) 3m Ausschuß der rheinischen Zentrumspartei machte Reichsarbeits­minister Dr. Brauns heute Ausführungen über den Stand der deutschen Sozialpolitik. Der Mi­nister betonte u. a. nachdrücklich daß eine neue Ausrottung des Aufwertungsproblems eine absolute Llnmöglichkeit darstelle. Woltten wir diese Grundfrage wieder von neuem auf­rollen, dann würde das wahrscheinlich mit einem neuen Ruin unserer Währung und einem völligen Zusammenbruch unserer Wirtschaft enden. Man werde selbstverständlich versuchen, den verarmten! Kreisen a uf andere Weise möglichst zu helfen. Die Fürsorgepvlitik des Reiches habe aus diesem Gebiete große neue Wege be­schritten. Binnen einem Jahre sei die im Fahre 1923 sozusagen zusammengebrochene Sozial­versicherung besser wieder ausgebaut worden als sie vorher war. Der Sozialversicherung solle eine neue Verfassung gegeben werden. Er glaube, daß wir dazu kommen werden, daß die ganze Sozialversicherung der Selbstverwaltung der beteiligten Kreise überantwortet werden kann. 3m Arbeitsministerium werde die letzte Hand angelegt zu einem großen

Einheilsacbeiterschuhgeseh,

das alle in der Gewerbeordnung zerstreuten Arbeiterschugbestimmungen zu einem einheitlichen System zusammenfaßt. Die gegenwärtig bren­nendste Frage sei die Be kämpfung der Ar­beitslosigkeit, die unbedingt vor attem durch Arbeitsbeschaffung bekämpft werden müsse. Wenn wir nach dem vom Reichstag angenommenen Regierungsprogramm schon 500 000 Menschen an die Arbeit beginne, vielleicht auch noch einige Hunderttausend mehr, so daß wir die Arbeits- losenzisfer auf annähernd die Hälfte im Laufe des Sommers vermindern, dann haben wir für unsere Verhältnisse und für die gesamt Weltwirt- chaftlichen Verhältnisse ungeheuer viel geleistet.

Zum gleichen Thema sprach auf der Dundes- ausschußsitzung des Allgemeinen deutschen Ge- werkschastsbundes Geh. Rat Dr. Weigert als Vertreter des Reichsarbeitsministers. Er bekun­dete den festen Witten des Ministers und der Reichsregierung, die A r bei t s l osen ver- fieberung in diesem Winter zur gesetzlichen Regelung zu bringen. Die Arbeitslosenversiche­rung sei auch in einer Zeit größerer Arbeits­losigkeit lebensfähig, solange die Fluktuation unter den Arbeitslosen fortbestehe. Der Redner wandte sich dann der

Erwecbslosenfürsocge

zu und erklärte, daß die Reichsregierung bei den Bemühungen um ein Lohnklassen- b ft em in der Erwerbslosenversicherung niemals auf den Abbau der Erwerbslosenunterstühung ausgegangen sei. Sie habe nur die Unter» tühung der natürlichen Gliederung der Arbeiter- chaft und ihrem verschiedenen Lebensstandard anpassen wollen. Ratürlich von einzelnen Fällen abgesehen, die sehr zu bedauern seien, weil sie einen Anlaß zu unberechtigten Derattgemeine- tungen gebe, beeinträchtige die Grwerbslosen- unterstühung den Arbeitswillen nicht. Das be­weise der starke Rückgang der Erwerbslosen in agrarischen Bezirken und die schon mehrfach be­sprochene Fluktuation unter den Erwerbslosen. So waren am 15. 3uni von mehr als einer Mil­lion Arbeitslosen, die am 1. Mai unterstützt wurden, nur noch ein Viertel in Unter* tützung. Die anderen hatten, wenigstens vor­der geh end, Qlrbeit gefunden. Der Verdienst an dieser Entwicklung sei zu einem wesentlichen Teil den öffentlichen Arbeitsnachweisen zuzuschreiben, die allein im Mai trotz der wirt* chaftlichen Depression über 400 000 Vermittlun­gen tätigten. Die Stärkung der Arbeitsnachweise, ihre richtige räumliche Llnterbringung und ihre Ausstattung mit geeignetem Material sei eine der wichtigsten Voraussetzungen gerade für das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichs­regierung.

Iiasteur Wirtschaftslage.

Mussolini über den Tiefstand der Lira.

Rom, 9.3uli. (Wolff.) 3n einer Rede bei der Eröffnung des 3nternationalen 3nstitutes ür Ausfuhr beschäftigte sich Mussolini.mit der Sage der italienischen Währung und erklärte:Die Entwertung der Lira kann nicht ihre Llrsache in der Schuldenfrage haben, denn diese haben wir geregelt, auch nicht im Danknotenumlauf, da wir ihn ja ein­geschränkt haben und ebenso nicht im Staats­haushalt, denn dieser ist nicht nur im Gleich­gewicht, sondern er wirft sogar einen recht be­trächtlichen Lleberschuß ab. Man muh also weiter nach den Llrsachen forschen. Prüfen wir zunächst die Zahlungsbilanz, deren wichtigster Fak­tor die Handelsbilanz ist. Aus dieser Prüfung ergibt sich, daß nur sechs bis sieben Artikel wirk­lich auf die italienische Handelsbilanz drücken: aus ihr gewinnt man aber außerdem den Ein­druck nicht einer erschöpften Ration, sondern eines Volles, daö voller Kraft und Auf­schwung ist. Dieser Eindruck verstärtt sich wenn man berücksichtigt, daß unsere industrielle Entwicklung und unser gesteigertes Wirtschafts­leben überhaupt erst nach dem Kriege ein­gesetzt hat, oder, genauer gesprochen, vier Fahre nach dem Waffenstillstand, nämlich 1922. Heute herrscht in 3talien die größte Disziplin. Der

Arbeiter leistet das Höchstmaß an Arbeit; das Ansehen der Ration in der Welt nimmt zu. Das sind alles Elemente, die unsere Erzeugung gün­stig beeinflußt haben. 3ndessen müssen wir alle negativen Clemente kontrollieren, ändern und, wenn möglich, beseitigen. Das Ausfuhrproblem muß von der italienischen Ration in seiner Gesamtheit gelöst werden. Das italienische Volk fühlt die Größe, Bedeutung und Rotwendigkeit dieses wichtigen Werkes, das unsere Volkswirtschaft verbessern und der Welt die Macht, den Willen und die Leistungsfähigkeit des neuen Italiens zeigen wird. Die Blätter bringen nach der Rede Mussolinis Artikel über den Ernst der wirtschaftlichen Lage und fordern, aüf englische Stoffe, französische Parfümerien, deutsches Spielzeug sowie auf alle Luxusartikel zu verzichten. Die faszistische Parteileitung hat be­schlossen, am 25. Juli und 1. August in den Pro­vinzen des Landes große Versammlungen abzu­halten, um die Oeffentlichkeit über das wirtschafts­politische Problem aufzuklären.

Aus aller Welt.

Wottrenbruchkatastrophe im Kreis Rotenburg.

WSR. Gersfeld, 9. 3uli. Der Kreis Rotenburg und das angrenzende Gebiet ist von einer schweren Wolkenbruchkatastrophe heimge­sucht worden. Am ärgsten hat das Llnwetter in Bebra gehaust. Dort waren im Ru der Salz* und der Bebrabach überflutet. Das Wasser stieg 3um Entsetzen der Bevölkerung in den tiefer ge­legenen Ortsteilen bis zum 1. Stock, toaste sich wie ein reißender Sturzbach fort und richtete großen Schaden an. Das Vieh konnte nur unter größter Anstrengung durch die Feuerwehr ge­rettet werden. 3n der .Umgebung sind die Ge­treidefelder zum größten Teil verwüstet. Auf den Straßen bei Hergertshausen und Baumbach haben umfangreiche Erdrutsche stattgefunden, so daß die Straßen versperrt wurden. Bei Gil­fershausen wurde der Bahndamm der Debra- Göttinger Bahn teilweise unterspült. Es wurde sofort ein Hilfszug von Debra herbei- gerufen. Ueberall wurden die Erwerbslosen zu den Aufräumungsarbeiten herangezogen. Der Schaden ist außerordentlich groß.

Neue Unwetter über Sachsen und Thüringen.

K o b u r g , 10. Juli. (WTB. Funkspruch.) Ein schwerer Wolkenbruch ging gestern abend gegen 10 Uhr auf den Höhen östlich der Stadt Coburg nieder. Die Fluten strömten meterhoch in die Stra­ßen der östlichen Stadt und setzten die Erdgeschosse unter Wasser. Die Bewohner wurden teilweise i n ihren Betten überrascht. Der Zugverkehr auf der Steinach-Bahn mußte unterbrochen werden.

Von einem schweren Unwetter ist die gesamte Wurzener Gegend bis vor die Tore Leipzigs in der Nacht vom Donerstag zum Freitag betroffen morden. Ein furchtbarer Wolkenbruch ging nieder und setzte das Dorf Mackern vollständig unter Wasser. Gegen Morgen ist der Eisenbahndamm auf einer Strecke von 150 Meter in Bewegung geraten. Die Eisen bahn strecke L e i p z i gW u r z e n stebk bis zu einem Meter unter Wasser. Die Felder und Fluren find total verwüstet. Der Deichdamm der Luebschützer Deiche wurde nachts gegen 2 Uhr von den Wassermassen durchbrochen. Die Bewohner konnten nur das nadte Leben retten. Sehr viel Kleinvieh ist umgekommen, lieber den östlichen Teil des Kreises Peine ging ein schweres Unwetter mit wolkenbruchartigem Regen und Hagelschlägen nieder. In Peine selbst waren bald alle Straßen überschwemmt. Ein Landwirt, der noch schnell eine Fuhre Heu unter Dach bringen wollte, wurde a u f dem Wagen ft eßend vom Blitz erschla­ge n und war sofort tot. Der beim Ausladen helfende Knecht wurde gelähmt. Die beider; Pferde wurden getötet.

In der Nacht zum Freitag hat die neue Ho ch- roaff ermelle der Glbe an der anhaitisch, oreußischen Landesgrenze mit elementarer Gewalt den Elbedam oberhalb der Stadt Coswig, am sog. Lug, gerissen. Der Damm ist in einer Länge von etwa 30 Meter gerissen. Die Fluten ergossen sich in das weite Gelände und vernichteten den Ertrag all der Wiesen, Aecker und Getreidefelder, die bisher von der Katastrophe verschont geblieben waren. Der Schaden ist unermeßlich groß.

Flugzeugunglück.

Ein holländisches Flugzeug der Linie Rot­terdam-Paris ist infolge des ungünstigen Wetters bei Rohverthen, südöstlich von Brüssel, zu einer Rotlandung gezwungen und dabei stark beschädigt worden. Der Flugzeugführer und der an Bord befindliche Passagier, ein Holländer wurden getötet. Das Verkehrsflugzeug ver- ließ um 9.25 Llhr den Rotterdamer Flughafen mit der Bestimmung Paris. Bei Rohverthen, 13 Kilometer westlich von Brüssel, scheint das Flugzeug in starke Rebelmassen geraten zu fein, wobei der Führer die Orientierung verlor und gegen den Boden flog. Der einzige Fluggast, der ebenso wie der Führer den Tod erlitt, war ein bekannter Amsterdamer Kauf­mann deutscher Herkunft namens Heppner der sich auf einer Geschäftsreise nach Basel be­fand und bereits mehr als hundert Luftreifen unternommen hatte. Das abgestürzte Flugzeug ist der bekannte Apparat, mit dem seinerzeit der Slug von Holland nach Riederländifch-3ndien ausgesuhrt wurde.

Schreckenstat eines Geistesgestörten.

3n St. Vith in der Rähe von MalmedH erschlug ein Geistesgestörter seine fünf Kinder und erhängte sich selbst. Der Täter war seit dem Tode seiner Frau schwermütig und nicht im- innde, seine Familie ernähren zu können.

Raubüberfall.

Banditen überfielen in der vergangenen Rächt ein Bauernbesitztum bei Postary in Polen ermordeten den Besitzer und seine beiden Söhne und verletzten die Frau schwer. Rach der Beraubung des Gebäudes zündeten die Banditen das Haus an. Es gelang jedoch der Frau, sich zu retten und die Polizei zu alar­mieren.

Eine schwimmende türkische Ausstellung.

Der türkische Handelsminister hat den Dampfer Kara D e n i tz" als Messeschiff ausgerüstet und jur Erweiterung und Förderung der Handelsbe­ziehungen nach West- und Nordeuropa gesandt. Die chmimmende türkische Ausstellung wird am 14. Juli dieses Jahres Hamburg anlaufen und dort fünf Tage verbleiben.

Zugzusammenstoß in Holland.

Bei Gülpen (Holland) fließen vier beladene Guterwagen, die sich aus dem Bahnhofe Wcchl-

I wyre beim Rangieren losgerissen hatten, mit der auf der abschüssigen Chaussee nach Gülpen führenden Straßenbahn zusammen. Drei Güterwagen wurden vollkommen vernichtet, und auch der Stra­ßenbahnzug wurde größtenteils zertrümmert. Ein Schaffner rourde getötet; 12 Insassen der (Stra­ßenbahn wurden verletzt, davon sechs schwe»'.

Wettervoraussage.

Wolkig, westliche W'.nde, erneut einsetzende Regenfälle, Temperaturen im ganzen wenig Aen- derung.

Gestrige Tagesteinperaturen: Maximum 22,8, Minimum: 15,3 Grad Celsius. R.ederschläge: 16,6 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 179 Grad Celsius.

Aus der Krovinzralhaupiftadt.

Gießen, den 10. 3ult 1926.

Der Unentbehrliche.

Wer das ist, weiß natürlich jeder sofort, es kann ja in diesem Sommer kein anderer sein, als der Regenschirm. Zwar ist es durchaus un­modern, sich heutigentags noch über jjaenö etwas ?u wundern, aber ich bin in diesem Punkte alt­modisch, denn ich wundere mich ach, ich kann gar nicht sagen, wie oft I So habe ich mich, um nur einiges herauszugreifen, den ganzen W nter über die Florstrümpfe der Damen gewundert, wundere mich dauernd, daß es seit der Erfindung des Mensendieckens und dem epochemachenden Film Wege zu Kraft und Schönheit" noch dicke, kraft­lose und nicht schone Menschen gibt (vielmehr, wie mir scheint, die korpulenten Erscheinungen auf der Straße in steigendem Maße zunehmen), ich wundere mich bei jedem Blick in die Zeitungen, wie viele Vereine noch den Mut auf bringen, Sommerfeste zu arrangieren, von denen min­destens neun von zehn doch zu Wasser werden. Lind endlich, um auf mein Thema zu kommen, kann ich mich nicht genug wundern, daß weder Mode noch Industrie sich in diesem 3ahr mit elementarer Gewalt auf den Regenschirm gestürzt haben, um ihn als Unentbehrlichstes Requisit mit allen erdenklichen Reuerungen und Reizen auszu statt en. Daß es fast in jedem Modebericht heißt:Llnentbehrlich für jede Ausstattung der eleganten Dame ist heutzutage der Plis.seerock, welcher. . ." ist ja begreiflich; bei dem ewig nassen Wetter verregnen und schwinden atte Plisseefalten bekanicklich in kürzester Zeit wie Dickt er an der Sonne, und die Plisseebrennereien wollen auch leben, was ihnen in einem heißen, trockenen Sommer erheblich erschwert sein würde. Aber zu meiner Verwunderung suche ich vergebens nach dem längst erwarteten Satze:Llnentbehrlich für die Ausstattung der eleganten Dame, wie der berufstätigen Frau, des eleganten Herrn, des modernen Kindes, ist der Regenschirm, welcher..."

3a, welcher! Es gibt tatsächlich noch immer nur richtige, einfache Regenschirme, wie es sie, abwechselnd schlank, vollschlank und dick, schon seit Jahrzehnten gegeben hat. Wenn ich eine Schirmfabrik hätte! 3ch wäre eine gemachte Frau in diesem Sommer geworden. 3ch hätte Reuheiten aus den Mcnckt geworfen, daß die Bestellungen aller einschlägigen Firmen von der Post in Hand- toagen in mein Kontor befördert werden müßten. 3ch hätte bast- und kunstseidene Regenschirme, forderte, handgemalte, zartgetönte, indanthren- gefärbte, blonde und rosenholzfarbene hergestelli, Regenschirme, die zu duftigen Tanz- und Fest- tteidern paßten, blaudruckgemusterte für Wander­vögel, kreuzstichbestickte für die bulgarischen Blusen, winzige Schirmchen für Zweijährige, mit dem kleinen Einmaleins bedruckte für Schulkinder, ovale (Marke Viettiebchen) für Liebespaare, un­entbehrlich für jeden flotten jungen Herrn, so­genannte _ Doppeldecker für Ehepaare, Riesen­schirme für große glückliche Famttien, kurz, ich hätte mich den trüben Zeitläuften angepaßt, mich umgestellt, eingestellt, aus der Rot eine Tugend gemacht und den Markt mit meinen sinnvollen Erzeugnissen überflutet, womit ich mich dem Wetter in jeder Beziehung angepaßt hätte. Zu ärgerlich, daß ich keine Schirmfabrik habe.

E.v.M. I

Die Arbeitsmarkttage im nördlichen Oberhessen.

3m Bereiche des Arbeitsmarktes für das nördliche Oberhessen, zu dem die Stadt und der Kreis Gießen und die Kreise Alsfeld, Lauter­bach und Schotten gehören, hat sich die Ar­beit s m a r k t l a g e im Laufe des Monats 3uni weiterhin leicht gebessert. Die günstigere Gestaltung ist in der Hauptsache auf die Inanspruchnahme von Arbeitskräften durch die Landwirtschaft zurückzuführen. Ferner wur­den eine Anzahl Leute bei städtischen Arbeiten untergebracht, ebenso fanden Leute aus dem hiesigen Bezirk Beschäftigung bei den Lahn- regulierungsarbeiten bei Fronhausen.

3m einzelnen ist auf Grund der Feststel­lungen vom 1. 3uli zu berichten:

Stadt Gießen: 1. 3uli: 493 Hauptunter- stühungsempsänger, 695 Zuschlagsempfänger (am 1. 3uni 432 bzw. 532).

Kreis Gießen: 1. 3uli: 1222 Haupt- unterstühungsempfänger, 1366 Zuschlagsempfän­ger (am 1. Juni: 1372 bzw. 1497).

Kreis Alsfeld: 1. 3uli: 438 Haupt- unterstühungseinpsänger, 771 Zuschlagsempfänger (am 1. 3uni: 411 bzw. 640).

Kreis Lauterbach: 1. Juli: 95 Haupt- unterstühungsempfänger, 164 Zuschlagsempfänger (am 1. 3uni: 91 bzw. 172).

Kreis Schotten: 1. 3uli: 240 Haupt- unterstühungsempsänger, 497 Zuschlagsempfänger (am 1. 3uni: 314 bzw. 753).

Insgesamt: 1. Juli: 2488 Hauptunter- stützungsempsänger, 3493 Zuschlagsempfänger (am 1. 3uni: 2620 bzw. 3594).

Giehener Hochschulgesellschaft.

Die Festsitzung der Gießener Hoch- schulgesellschaft wird zur diesjährigen Tagung am morgigen Sonntag, 11. 3uli, vorm. 10.45 Ähr, zwei Lichtbildervorträge aus dem Ge­biete der Archäologie und der Kunst­geschichte bringen.

Römische Glas- und Tonindustrie in Trier" lautet das Thema, über das Prof. Siegfried Loeschcke, Der Entdecker und Ausgrabungs­leiter des großen Tempelbezirks in Trier, mit farbigen Lichtbildern sprechen wird. Daß auch Glas in Trier hergestellt wurde, ist erst feit kurzem durch Ausgrabungen und Forschungen von S. Loeschcke bekannt geworden. Von Triers blühender keramischer 3nduftrie wußte man schon feit 3ahrzehnten, ihre systematische Erforschung