Ausgabe 
10.3.1926
 
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Aus dem .Neiche der Frau.

Das nervöse Kind.

' Eine älnterredung mit Geh. Rat Czerny.

***Wo kommen die vielen klugen Kinder bin?" heißt der Klageruf Multatulis. Denn da es auch nicht annähernd soviel kluge Erwachsene gibt, scheint das Schicksal die bedauerliche Laune zu haben, aus den entzückenden klugen Kindern meist sehr viel weniger entzückende, ja sogar mir rechte durchschnittlicheErwachsene" werden zu lassen.

Wo aber kommen die vielen ungezoge­nen Kinder her?" so lautet heutzutage der Klageruf des modernen Erziehers. Denn sie sind jetzt wirklich oft schrecklich ungezogen sicherlich mehr, als in den früheren Generationen. (Ob­gleich die Jugend das immer nicht wahr haben will, sondern behauptet, die Alten seien damals auch rächt besser gewesen!) Freilich: von einer gewissen sozialen Stufe an nennt man das Kind ja faum mehr ungezogen, sondern statt dessen nervös". Dann handelt es sich also um eine Krankheit, und man wendet sich nicht mehr allein an den Pädagogen, sondern gleichzeitig an den Arzt. Der gegebene Prominente auf diesem Gebiet, Geheimrat Czerny, Direktor der Llni- versitätskinderklinik in Berlin und Verfasser des berühmten BüchleinsDer Arzt als Erzieher des Kindes", äußerte sich in einer Unterredung über das Problem des nervösen Kindes folgender­maßen:

Ist denn, so lautete die erste Frage, eine Zunahme der Nervosität nach dem Kriege auch unter den Kledren zu merken? Gibt es jetzt mehr nervöse Kinder als früher?

Zweifellos l Die Frage ist leider nur: Woher kommt das? Eine Zunahme der angeborenen Nervosität unter den Kindern scheint nicht vorzu­liegen. eine Meinung, für die sich z. D. der vor­jährige Kongreß für Kindererziehung auch ganz allgemein entschieden hat. Was dagegen in letzter Zeit ungemein begünstigt wird, ist die erwor­bene Nervosität. And die Gründe hierfür' liegen ftchtbarlich in der allgemeinen Zersetzung. Unser Zeitalter des Kindes", das die aktive Erziehung so weitgehend ablehnt. vomSeelenmord in der Schule" spricht, läßt sehr häufig die allernot­wendigste Disziplin vermissen und begünstigt eine Hemmungslosigkeit bei den Kindern, die sich später notwendig als Psychopathie auswirken muß. Sehen Sie, da war soeben ein achtjähriger Junge in meiner Sprechstunde, der fast die ganze Zeit über grundlos seine Mutter insultierte; die aber - fand das ganz in der Ordnung! In Rußland z. D. hat die bolschewistische Auf­fassung des Familienlebens bereits geradezu dele­täre Folgen gezeitigt. Es passiert mir gelegent­lich, daß von dort kommende Kinder während einer viertelstündigen Konsultation mein Sprech­zimmer geradezu demolieren.Ja. mein Kind hat einen so starken Willen", sagen die Mütter dann unfähig, Einhalt zu gebieten. zur Entschuldigung ihres Spröhlings. Dabei läuft ihnen nur eine kleine Verwechslung unter, die­jenige nämlich von Willen und Trieb. Das Kind hat im Gegenteil gar keinen Willen, sondern nur Triebe. Denn der Wille dient stets dazu, Triebe zu beherrschen; hätte das Kind einen Willen, so gäbe es sich nicht derartig nach. Auf­gabe jeder Erziehung ist es, den triebbeherr­schenden Willen soweit wie irgend möglich zu ent­wickeln."

Sind Sie dabei auch unter Amständen für die Bestrafung durch Schläge?"

Darum nicht, im gegebenen Falle? Immer­hin läßt sich über diesen Punkt disputieren. Nur wird auch hier gewöhnlich die Prügel­strafe mit der Bestrafung überhaupt verwechselt. Ohne Bestrafung geht es fast nie. And wenn ich Eltern, welche Schläge für ihre Kinder ablehnen, frage: strafen Sie denn Ihr Kind überhaupt?, so bekomme ich regel­mäßig eine verneinende Antwort. Hier liegt ein riesiger Fehler der heutigen Generation, welche den Wert der Strafe größtenteils völlig verkennt. Freilich soll man sie je nach der Sen­sibilität und dem Charakter des Kindes sorg­fältig abstufen. Bei dem einen genügt ein Ver­weis, wo bei dem anderen eine richtige Abstrafung nottut."

Somit würde das ärztliche Problem der Nervosität und ihrer Behebung doch wieder in das Gebiet der Pädagogik zurückfallen?"

Das läßt sich äußerst schwer trennen. Hier braucht man eben, was ich seit 15 Jahren in Wort und Schrift fordere: den Arzt als Er­zieher des Kindes! Es ist mir stets unbegreiflich geblieben, warum man sich gar so spät erst zu dieser dringenden Forderung bekennt. In Ame­rika z. B. hat es bis zum vorigen Jahre ge­dauert, ehe endlich der vor wenigen Monaten verstorbene Pädiater Hold, der Senior der dor­tigen Kinderärzte, auf den: letzten Kongreß die Forderung aufstellte: der Arzt soll sich auch um die Erziehung seiner Schutzbefohlenen kümmern.. Nun liegt ja tatsächlich die amerikanische Kinder­erziehung ebenfalls völlig im argen, und die Nervosität ist demgemäß dort sehr groß. In einem Punkt freilich kann ich die Indolenz auch mancher Aerzte in dieser Beziehung ganz gut verstehen. Es ist keine dankbare Aufgabe. Eltern Lehren über Kindererziehung zuteil werden zu lassen! Wenn ein Kind zu mir kommt, so sehe ich meist binnen kurzer Zeit, was ihm körper-

Einem toten Künstler.

Von Dorothea H o l l a tz, Darmstadt.

Stimmt die Geigen, ihr Jünglinge, stimmt die Flöten, daß die Töne ewige Harmonien bilden, daß sie durch den Abend hallen wie reine Glocken, die nächtliches Wunder verkünden! Laßt die Stim­men im Chor erschallen, daß der Traum der schla­fenden Natur tiefer und süßer werde, daß die wehenden Wolken den Klang aufsaugen und dort­hin tragen, wo durstige Herzen seiner begehren! Musik, du große und göttliche, tuet kann sich deiner Macht enziehen? Machst du den Menschen nicht groß und klein, demütig und kühn, liebend und hassend? Weckst du nicht alle Leidenschaften, Hin­gabe an Gott und Wiederversinken und Unglauben? Begeht niiht der Ahnungslose Taten unter deinem Einfluß, für die niemand ihn verantwortlich machen kann? Begehst du sie nicht, durch ihn hindurch? Machst ihn zu deinem lebendigen Werkzeug? Laßt, ihr Jünglinge, dos Lied beginnen! Seht, euer alter Freund liegt nahe am Fenster, und sein weißes Haar schimmert wie Silber. Seht, wie seine Augen groß werden vor Freude, wie das Blut schneller rauscht durch feine Adern, O spielt und

lich fehlt. Die pädagogische Belehrung seiner Eltern hingegen nimmt eine halbe Stunde in Anspruch, und während manche Verständige unter ihnen es einem zu danken wissen, wenn man sie einmal ein wenig aufrüttelt und an ihre alte Familientradition erinnert, so fassen doch viele eine derartige Einmischung als Kom­petenzüberschreitung des Arztes auf und sind unbelehrbar."

Halten Sie denn die Eltern für die gegebenen Erzieher des Kindes? Ge­wisse Reformer plädieren doch wieder mehr für das Internat mit der Begründung, die Eltern seien pädagogische Laien, das Erziehungswerk aber gehöre lediglich in die Hände des Fach­mannes."

..Wir dürfen da ruhig biologisch denken und brauchen den Boden der Natur nicht zu verlassen. Die Eltern sind zweifellos ihres Kindes natür­liche Erzieher, oder sagen wir lieber: ihrer Kinder. Denn das E i n k i n d s y st e m ist höchst nachteilig für die Erziehung. Immer wieder müssen wir die traurige Beobachtung machen, daß Kinder, welche die einzigen sind, sehr viel häufiger an hochgradiger Nervosität leiden, als die anderen. Das Einkind-System, welches ja auch kein noch so fanatischer Bevölkerungspolitiker fordern wird, ist deshalb auch aus diesem Grunde verwerflich. Wo die Amstände dem Kind die Geschwister versagen, halte ich es deshalb für eine Pflicht der Eltern, um jeden Preis f ü r gleichaltrige Gespielen Sorge zu tragen. Die Anstaltserziehung aber sollte immer nur letzte Zuflucht bleiben. - Schädliche Amstände für die Kinder, die in den äußeren Verhältnissen ihrer Eltern gelegen sind, werden aber allgemein viel zu wenig beachtet. Denken Sie nur an die Kinder geschiedener El­tern! Das Gesetz behandelt sie als Objekt, läßt sie hin und her pendeln zwischen Vater und Mutter und kümmert sich nicht um die schweren, seelischen Schäden, die den Kleinen hieraus er­wachsen."

Läßt sich hier kein ärztlicher Einspruch er­heben?" - -

Alle Atteste sind leider unnütz. Wieviel überflüssige habe ich selbst schon geschrieben! Dabei liegen allein in diesen Er­zieh u n g se i n f s se n die entscheiden­den Faktoren für Heilung und Vor­beugung der überhand nehmenden Nervosität. Die moderne Seelenheilkunde, die gesamte Psychotherapie scheint mir für die Kinderheilkunde nur eine neue, zum Teil miß­verstandene und in ihren Folgerungen über­triebene Anwendung alter Wahrheiten. Der Seelenkenner muß selbstverständlich genauestens auf die Persönlichkeit oer Eltern und Kinder ein­gehen, er muß sich Zeit nehmen, zu erkunden, welche speziellen Einflüsse für das Kind schädlich sind, ohne daß er jedoch suggestiver oder gar hypnotischer Sitzungen dazu bedarf. So nur wird es möglich sein, den unheilvollen Riß zu ver­kleinern, der heutzutage zwischen der älteren und jüngeren Genration klafft und die gelocker­ten Familienbande wieder zu festigen. Man be­denke stets: Wenn die Familie zerfällt, so lockert sich, da sie nun einmal die Grundlage des Staates ist, unweigerlich auch dessen Gefüge!"

Hausfrauen und Haustiere.

Soviel auch über das Verhalten des Menschen zu seinen vierbeinigen und gefiederten Haus­genossen, den Hunden und Vögeln, schon gesorochen worden ist, so wird doch gerade hier aus Gedanken­losigkeit und Unwissenheit arg gesündigt. Ein Appell an die Hausfrauen scheint mir in dieser Sache vor allem am Platze zu sein. Unter ihren vielen Auf­gaben sollte auch d i e nicht vergessen werden, Kin­der und Dienstboten zu einer verständigen Behand­lung der Tiere anzuhalten und zu erziehen. Liebe zu den Tieren ist eine durchaus schätzenswerte Eigenschaft, die sicherlich nicht unterdrückt werden darf. Doch ein Uebermaß ist, wie jede Uebertrei- bung, von Uebel. Ist doch eine Ueberzärtlichkeit den Tieren gegenüber, die sich womöglich in Küssen äußert, geradezu widerlich und äußerst gefährlich. Wer hat nicht schon vom Hundewurm gehört? Trotzdem ist die Zahl der Frauen und Kinder nicht gering, die ihren Hund herzen und küssen, wobei leicht eine Uebertragung des dem Hund zwar nicht schädlichen, beim Menschen hingegen meist zu qual­vollem Tode führenden Parasiten erfolgen kann; denn dieses im Anfangsstadium schwer diagnoszier- bare, daher meist oft zu spät erkannte Uebel, ist dann in der Regel unheilbar. Es ist aber keineswegs die einzige Gefahr, die dem Menschen durch das Küssen seiner Lieblingstiere droht! Neben dem Hundewurm sind es oft recht beträchtliche, unange­nehme. Hautausschläge, die noch in Betracht kom­men, sowie hauptsächlich auch eine Uebertragung von Tuberkulose, an der viele Vögel, namentlich häufig Papageien, leiden, ohne daß die Umgebung es weiß, Und doch! wie häufig fordern zärtliche Damen und Kinder ihren Piepmatz zu einem zärt­lichen Kusse auf! In erster Reihe gilt es also, solchen Zärtlichkeiten durch Aufklärung der Erwachsenen, durch ein strenges Verbot und im Notfall durch Strafen bei Kindern Einhalt zu tun. Das Kußverbot allein genügt jedoch nicht. Jede gute Hausfrau wird im allgemeinen in ihrem Haufe auf Sauberkeit sehen. Ganz besonders muß es aber da geschehen, wo Tiere gehalten werden. Man achte daraus, daß

singt und werdet nicht müde, denn ihr wißt, daß es die letzte Nacht ist, da euer Freund und Berater bei euch ist, daß es das letzte Mal ist, daß ihr ihm eure Dankbarkeit bezeigen könnt dafür, daß er eure Seelen verstanden hat wie nie ein anderer, daß er jung war mit euch, schönheitsburstig und voll kind­licher Freude wie der Jüngste unter euch, daß er euch einführte in die edlen Gefilde der Musik und euch den Saum ihrer Herrlichkeit berühren lehrte. Seht, wie das Blut in seinen Schläfen zuckt, weil die ganze Welt eines vergangenen Jahrhunderts durch die Klänge des Menuetts leidenschaftlich auf­ersteht. Der Vorhang hebt sich: Die runden Augen unter der weißgepuderten Perücke flehen begehrlich, und die kleinen Zähne schimmern milch­weiß zwischen den schmalen Lippen. Wie die seide­nen Schleifen auf den Atlasschuhen der edlen Lieb­haber knistern. D du wundervolles Menuett! Wohin ist die Grazie jener Zeit entflohen, wo ist die Schüchternheit und die Lieblichkeit in der Liebe? Weiter, ihr Jünglinge, daß nicht der Alteins Trän­chen versinke und bewußtlos hinüberschlummere in die ferne Heimat der Toten. Laßt ein Rondo flin= gen, daß seine Mienen sich erhellen, daß fein Herz kocht, weil es glücklich ist in der Empfindung kind-

keine Knochen oder Speisereste von überfütterten oder spielerischen Hunden versteckt oder vertragen werden; daß keine Strumen ober Körner neben den Vogelkäfigen liegen bleiben. Ferner müssen Kinder und Personal streng angehalten werden, sich die Hände zu waschen, wenn sie einen Hund berühren, und ohne eine gründliche Reinigung keine Eßwaren anzufassen. Daß den Hunden kein anderes Geschirr, als die für sie bestimmten Näpfe gegeben wird, sollte eigentlich schon aus Appetitlichkeitsgründen selbstverständlich sein. Und was fürs eigene Haus gilt, muß erst recht außerhalb desselben gefordert werden. Ueberhaupt ist es nicht angebracht, überall­hin Hunde mitzunehmen. Jüngst besuchte mich eine junge, recht verwöhnte Dame mit ihrem nicht min­der verwöhnten Hündchen, das, wie es zuweilen ungezogene Kinder tun, miauzte und quälte, wenn seine Herrin sich nicht genügend mit ihm beschäf­tigte. Da nahm seine Besitzerin plötzlich eine Unter­tasse vom Teetisch und meinte, ihr Liebling habe wohl Durst, sie wolle ihm ein wenig Wasser geben. Meine anderen Gäste sahen einander an, und ich ließ dem kleinen Quälgeist auf einem Blumentopf- untersatz etwas Wasser bringen. Man merkte es der verwöhnten und verzogenen Dame an, daß sie sich gekränkt fühlte, weil man für ihren kleinen Puck das für menschlichen Gebrauch bestimmte Geschirr nicht für angebracht hielt, und bald verließ sie schmollend, den kleinen Störenfried zärtlich an sich geschmiegt, unseren kleinen Kreis, der recht zufrie­den darüber war. Ein wahrer Tierfreund wird feinen vier- oder zweibeinigen Freunden aus dem Tierreich es an nichts fehlen lassen, sie mit ver­ständnisvoller Liebe, aber ohne übertriebene Zärt­lichkeit behandeln; weiß er doch, daß die Tiere mit ihrem ausgeprägten, starken Instinkt auch ohne Küsse sehr wohl fühlen, wer es gut mit ihnen meint. K. G.

Vernünftige Schuhe.

Von.Franziska Mann.

Mein Vertrauen zu einer Aufwärtsentwicklung der Menschen (darf ich sagen: insbesondere der Frauen?) hat sich feit kurzem wesentlich gesteigert. Nicht durch Dinge, die mit neuer Kunst oder sonst irgendwelchen hoch eingeschätzten Zielen zusammen- hänaen. Nein, es bandelt sich um Alltägliches, und ich bin darauf vorbereitet, belächelt zu werden.

Immer meinte ich nämlich, nur d i e Schuhläden seien überfüllt, in denen man die Wahl habe zwi­schen moderner und allermodernster Fußbekleidung. Mir schien, es bliebe gar keine Käuferinübrig", die auf die Schmalheit einer Schuhspitze oder auf die Höhe eines Absatzes verzichtet, weil für sie an­deres an einem Schuh wichtiger ist. Habe ich sie doch scharenweise vor dem Schaufenster stehen sehen: junge Mädchen, junge Mütter und jugendliche Groß­mütter, fasziniert von dem Anblickentzückender" Schuhe. Folgte mein Blick aber den Davoneilenden, so bemerkte ich, daß ihr Gang keineswegs mit der Schönheit ihrer Schuhe zu konkurrieren vermochte. Der spitze hohe Absatz, der die Fußlage in eine Stel­lung zwingt, welche ihr nicht natürlich ist, muß den Körper allmählich in eine Haltung bringen, die von der Natur nicht vorgesehen war. Anstatt elastisch dahin zu schreiten, wird das Gehen zu einem Stol­zieren, das oft komisch wirkt. Nicht weniger als komisch sind die so lange als möglich verheimlichten Schäden, die zu hohe Absätze allmählich Hervor­rufen. Unnötigerweise wird der Körper bei jedem Auftreten erschüttert, die Sehnen des Fußes zerren sich, der Fuß schwillt an. Solche Schwellung bleibt nicht nur auf den Fuß beschränkt, sie wirkt weiter schädigend auf die Wade, den Oberschenkel und den Unterleib. Das alles geschieht nicht in rasendem Tempo, meist langsam aber sicher. Der hohe Absatz drängt das Hauptgewicht des Körpers auf das Mit­telgelenk des Fußes, dessen Röhrenknochen eine solche Belastung nicht ohne Beschädigung hin- nehmen. Der größte Teil der heutzutage geradezu epidemisch auftretenden Senkfüße (früher sagte man weniger zartfühlend: Plattfüße) ist auf das Uebel zu hoher Absätze zurückzuführen. Doch: füge b i cf)! lautete ja von jeher das Machtwort der Mode, das allem, was sie forderte, mochte es noch so schädigend wirken, zum Siege verhalf.

Ich war also auf gähnende Leere vorbereitet, als ich dem Laden zuschritt, von dem man mir beteuert hatte, daß ervernünftige" Schuhe feilböte. Vor dem Geschäft angelangt, glaubte ich mich entweder in der Hausnummer geirrt zu hohen, oder ich hatte meine Geschlechtsgenossinnen bisher weit unter­schätzt. Es gab also wirklich so viele, die ihrer Gesund­heit halber auf letzten Schick zu verzichten vermochten? Mein Staunen war grenzenlos. Wußte ich ja, wie oft man auch sonst in den Wind spricht, wenn man eine gute oder gesunde Sache verteidigt, so ganz nur in den Wind bann, wenn es sich um die Mode handelt, doch nur selten.

Niemals habe ich so geduldig gewartet, um be­dient zu werden, wie an dem Morgen. Neben mir saß ein junges, kräftiges Mädchen, es paßte Tanz­schuhe an. Ich gebe zu, auf einem bet großen öffentlichen Bälle hätte ihre Trägerin nicht mit ihnen Staaat machen können. Dafür aber war bas blühenbe biegsame Menschenkinb eine Erscheinung, um bie vernünftige Männer sich reißen müßten. Diese Tanzschuhe sahen nicht etwa häßlich aus, aber anbers, ganz anders als die, in welche man sonst beim Tanzen seine Füße einzuzwängen für not­wendig erachtet. Vernünftige und doch hübsche Schuhe schließen einander nicht aus, wie immer an­genommen wird. Neben jenem jungen Mädchen

liehen Spiels. In seinen Gedanken gaukeln Schmet­terlinge mit buntschimmernden Flügeln, und Ko­bolde streuen kleine Blumensträuße In sein weißes Haar. Ach, nicht sterben, nicht sterben: Ueberall ist Leben und Blühen! Aber er kommt doch, der klir­rende Tod. Seine Schritte hallen schwer wie die des größten Schicksals, und seine mantelumhüllte Gestalt schiebt sich langsam vor das Bild der Sonne. Noch bittren Mandeln duften seine harten Hände. Die Romanze beginnt. Schüchtern blickt das Edel- fräulein auf bie blühenbe Rose an ber klopfenden Brust, und die jungen Wangen färben sich purpurn. Es dreht sich geschmeidig nach den Klängen in siche­rem Taki und läßt den golddurchwirklen Schleier von der Schulter gleiten. Ach, vorwärts, rück­wärts? Wie des dürren Ritters abgrundtiefe Augen locken! Wie feine kahlen Arme winken! Wie er den leuchtenden Mantel schwingt und das (Ebelfräulein einhüllt unb fortzieht! Wohin? Wohin? O, Frau Mufika, was machst du aus uns Menschen! Werdet nicht müde, ihr Jünglinge, diese eine Nacht müßt ihr aushalten, denn morgen ist alles uobei! Es ist bie letzte Nacht, bie eurem Freunbe zu leben bestimmt ist, darum müßt ihr burchhalten im Spiel, ob auch der Schlaf in euren Augen brennt unb die

paßten andereGedrauchsschuhe" an. Alle, bie kaufen wollten, sahen fröhlich unb zielbewußt aus, hatten sie hoch keine ftörenben Überraschungen beim Ellen in bie Bureaus ober beim Wandern durch Feld und Wald zu befürchten. In diesem Kreise mußten ältere Damen nicht fürchten,über bie Achsel" angesehen zu werben, nur weil sie un­beirrbar sinngemäße Forderungen an ihre Schuhe stellten. Den größten Eindruck im Laden der ver­nünftigen Schuhe verursachten mir aber bie Mütter, die rechtzeitig für ihrer jungen Kinder Füßchen bedacht waren. 'Alle Käuferinnen fühlten sich an­scheinend miteinander verbunden durch ein Etwas, das weit über einen Schuheinkauf hinausging.

Sollte es nicht möglich fein, Füßen beizeiten wohl statt weh zu tun, ihnen keine ihrer Fort-Schritte zu erschweren? Vernünftige Schuhe lassen auf ver­nünftige Menschen schließen. Mißmut unb üble Launen kommen nur zu oft von Anforderungen, bie durch die Mode hervorgerufen werden. Das glücklich verscheuchte Korsett hat, wie statistisch fest- gestellt wurde, bie Zahl ber an Wutarmut unb Bleichsucht Leibenben ganz erheblich "'Herminbert. Wer hätte je bie Abschaffung jenes Panzers für möglich gehalten?! Es ist also keineswegs ausge­schlossen, baß jede Einschnürung eines Körperteils einmalunmobern" werben kann. Ist sie es aber erst, so hat sie gesiegt. Die Erhaltung ber schönen Linie eines nicht inihhanbelten Fußes, die Lust an ber freien Bewegung in gefunben Schuhen wirb jeben, ber bie Mobe einmal mitmachte, dauernd entzücken.

Für Haus und Küche.

Um die Schalen von Eiern, die für den Gebrauch bei Tische bestimmt find, so weiß und sauber wie möglich zu machen, reibt man sie mit der inneren Fläche einer Zitronenschale ab

Färb- »nd Fettslecke

sind, mit Terpentin leicht aus Stoffen zu entfernen. Man befeuchtet den Fleck mit Terpentin unb läßt bies eine Weile wirken, bann reibt man den Stofs vorsichtig. Die Farbe bröckelt bann von selbst ab.

Ein paar Stückchen Dampfer

zwischen Silberzeug gelegt, verhinbern fein Dunkel- werben, und das Putzen wird weniger oft nötig fein.

Die Schnüre von Rollsaloufien und Gardinen sollte man alle halbe Jahre mit einem mit Del ge­tränkten Tuch tüchtig abreiben. Das Aus- und Zu- ziehen wird leichter gehen unb bas Zerreißen ver­ringert.

Gegen die Wanzen werben viele Mittel empfohlen. Eines der bewähr­testen ist eine dicke Lösung von Salz und Petro­leum. Diese streicht man mittels eines Pinsels oder einer Vogelfeder in alle Fugen unb Ritzen ber Mauern unb Möbel. Daburch werben bie Wanzen unweigerlich baraus vertrieben und müssen getötet werden, damit sie sich nicht anderweit festsetzen. So­bald die Brut auskriecht, muß man das Verfahren wiederholen.

Grünkohl mit Sahn«.

Drei Pfund Kohl werden von den Stielen gestreift, in Salzwasser fast weich gekocht unb fein gehackt. Dann läßt man drei Löffel ge­riebene Semmel in 50 Gramm Butter angehen gibt den Kohl dazu, läßt ihn unter fortgesetztem Ämrühren langsam aufkochen, fügt nach und nach 1/4 Lichter kochende Sahne dazu, schmeckt nach C-alz ab und gibt je nach Geschmack etwas Zucker hinein. Zuletzt würzt man das Gericht mii 1/s Teelöffel Maggis Würze und umlegt den Kohl beim Anrichten mit kleinen gebratenen Kar­toffeln.

Punsch-Auflauf.

Man mischt 60 Gramm zerlassene Butter mit 75 Gramm feinem Mehl, gibt V« Liter Sahne nach und nach dazu und rührt alles auf gelindem Feuer zu einem dicken Drei ab. Diesen Drei läßt man erkalten, verrührt ihn mit sechs Eigelb, 90 Gramm Zucker, Saft und abgeriebener Schale einer Zitrone, ein Likörglas Punsch-Extrakt und etwas Salz. Sodann zieht man den steifen Schnee der sechs Eier darunter, füllt eine gebutterte Form dreiviertel voll und bäckt alles eine halbe Stunde.

Apselsinen-Gebäck.

Man verrührt ein halbes Pfund Zucker, drei Eigelb, ein ganzes Ei und. die dünn ab- geschälte, fein gehackte Schale einer Apfelsine gründlich und schaumig und mischt dann ein halbes Pfund feingefiebtes Mehl dazu. Mit dem Löffel setzt man runde, glatte Häufchen auf das gebutterte, bemehlte Blech, ziert jedes mit einem zierlich geschnittenen Stück eingemachter Apfel­sinenschale unb bäckt sie im Ofen bei mäßiger Hitze gelb.

Apselklöße.

Man schält Aepfel und schneidet sie in Würfelchen. Etwa einen Suppenteller voll ge­nügt zu 125 Gramm Semmelmehl, 100 Gramm Zucker, eine Tasse Milch, zwei Eßlöffel Butter und zwei bis drei Eier. Alles muß gut ver­mischt werden und, wenn der Teig nicht genug bindet, was bei Wassersemmeln leicht der Fall ist, etwas Mehl hinzugefügt werden. Dann sticht man mit einem Löffel Klöße ab, die man in gefallenem Wasser kocht und mit Zucker und Zimt bestreut. Man reicht sie mit brauner Butter oder ohne Zucker als Beigabe zu Rippe­speer.

Fingerkuppen schmerzen. Laßt den Bogen springen, baß ein festes Staccato erklinge unb bie Takte bes neckischen Scherzos wie fchillernbe Wafsertropfen auf unb nieder Hüpfen!

D, Frau Musika, sammle beine Kinber! Be­schirme sie unter beinern roaüenben Mantel unb führe sie hinauf an bas Fenster bes Sterbenben. Bleibe bei ihm, solange seine Sinne bich noch zu empfinben vermögen.---------

Haltet ein, ihr treuen Jünglinge, benn bie Stunbe bes Todes ist gekommen. Sie ist gekommen wie ein fremder Schmetterling auf samtnen Flügeln, wie em Nebel, der herbstliches Laub zudeckt. Ihr habt euren Freund verloren. Weinet nicht, ihr Jünglinge! Frau Mufika hat ihn in ihre Arme ge­nommen unb an ihr queüenbes Herz gezogen. Sie hat ihn aufgenommen in den unerschöpflichen Schatz ihrer Melodien, und er wird euch in neuen Harmo­nien entgegenklingen. Rüstet euch zu in Heim­weg, ihr Getreuen, aber klaget nicht. Unsterblich ift, wer Frau Musika geliebt unb in bem Strahl ifjrer wundertiefen Augen Erlösung gefunden für bie Wirrnisse bes irbischen Lebens, unsterblich ist, wer an ihrer flingenben Brust vom ewigen Born der überminbenben Göttlichkeit trank!