Das grotze Würfelspiel.
(IHartina öilemar.)
Roman von Franz la Der Kappu ».
37 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Die Kluft wird sich schließen", sagte Morell.
„Welche Kluft, Doktor Morell?"
Die Stimme Morells wurde weich und warm. Es ist die Kluft, die Eltern und Kinder seit alters trennt Immer gähnt die Kluft: aber die meisten merken es nicht. Erst wenn eins von den zweien gestorben ist, fühlt der Ueberlebenbe, wie weit der andere war. Und immer glaubt der Ueberlebenbe, daß er dem Toten alles schuldig geblieben ijt." Morell berührte flüchtig Martinas Hand. „Aber das scheint nur so, Fräulein Wilemar. Wie gesagt: erst jetzt wird die Kluft sich richtig schließen." Verträumt schaute er ins Weite. „Es ist unser aller Los. Wir müssen sterben, um denjenigen ganz nahe zu kommen, die uns im Leben unerreichbar waren." Ein anderes Gesicht hatte er auf einmal.
Martina war bleich geworden. Konnte der Mensch in ihrer Seele lesen? Ihr Innerstes fühlte sie plötzlich preisgegeben. Trotzdem sagte sie und wußte kaum, was sie sprach: „Als der Vater noch lebte, svürte ich die Kluft schon: eine schwarze, tiefe Kluft, soweit ich mich zurückerinnern kann."
„Ja, Sie", lächelte Morell. „Sie sind ein besonderes Geschöpf, Fräulein Wilemar: fein- und hellhörig, wie kaum eine." Fast zärtlich ruhten seine Blicke auf ihr. „Aber kommen Sie jetzt! Draußen lacht die Sonne." Kurz erhob er sich.
Der Frühlingshimmel spannte sich hoch und wolkenlos. Geschäftig dröhnten die Züge über den Viadukt. Wie frohes Leuchten lag es aus den Mauern des Krankenhauses. Weit dehnte sich das wellige Baugelände nebenan. Klar standen die fernen Häuser von Weißensee in der reinen Luft.
Ein Trupp Kinder spielte in der Nähe. Ganz waren ihre Gesichter dem Licht und der Wärme geöffnet. Kreischend klang ihr Lachen, wenn sie dem Ball nachliefen. Schon nach den ersten Sätzen über» kugelten sich die kleinsten.
..Möchten Sie da nicht mitun, Fräulein Wilemar?"
Im selben Augenblick flog der Ball Marell an den Leib. Er bückte sich rasch, sprang zurück und warf ihn Martina au. Mit der Rechten erhaschte Martina den Ball, schleuderte ihn über die Köpfe der Jungen und traf Morell beinahe in das Gesicht. Erst im letzten Moment kriegte er ihn zwischen zwei Finger zu fasien. Schärfer gab er den Ball zurück, noch schärfer antwortete Martina. Hin und her ging das Spiel, bis eines der Kinder zu heulen begann.
„Ganz großartig, wie Sie das gemacht haben", sagte Morell, als man durch die Gitterpforte schritt. „Nie hätte ich Ihnen das zugetraut, Fräulein Wilemar."
„Diel ärgere Schlachten habe ich schon geschlagen." Martina lachte mit blitzenden Zähnen. „In Wiesbaden hätten Sie vor zwei Jahren dabei sein sollen. Da gab’s gar nichts anderes als Tennis: von früh bis abends nur Tennis."
Morell verzog die Lippen.
„Wäre auch heute das Richtigere für Sie. Jedenfalls besser als tiefgründige Gespräche über Tod und Unsterblichkeit."
XXVIII.
Heddenhausen hatte Worte gehalten.
Verdächtig-oft klingelte er Martina im Krankenhaus an. Jedesmal erkundigte er sich nach den Fortschritten Kreuths in der Fahrschule Immer einsilbiger gab Martina Auskunft. Bis Heddenhausen eines Tages dringlicher wurde. ,Lch hätte in einer Familienangelegenheit mit Ihnen zu sprechen", klang es durch den Apparat. Martina hatte keine Ahnung, wie sie das deuten sollte. Trotzdem stimmte sie einer baldigen Zusammenkunft zu.
Zwei Tage später saß Martina Heddenhausen bei Kranzler gegenüber. Wieder fragte er zuerst nach Kreuth. Seine Augen blickten zum Fenster hinaus, während Martina noch einmal dankte und Einzelheiten berichtete. Alles ginge nach Wunsch, lieber'bic Maßen glücklich sei Benno, daß diese Möglichkeit sich geboten habe.
„Und Sie, Fräulein Wilemar?"
„Auch in bin glücklich darüber, Herr Heddenhausen."
„Und wann wird Hochzeit gemacht?"
Nur einen Herzschlag lang zauderte Martina. „Sobald wir so weit sind", sagte sie dann rasch. „Erst muß Benno ja einen Posten haben."
„Den bekommt er durch mich." Endlich schaute Heddenhausen Martina in das Gesicht. „In wenigen Wochen wird das der Fall sein."
„Also dann in wenigen Wochen schon?"
„Ja", lächelte Martina durch das sonderbare Spiel gepeinigt.
„Gut." Heddenhausen warf seine kräftige Hand flach auf den Tisch. «Und jetzt die Familienangelegenheit."
„Bitte."
Hedenhausen überlegte nur kurz. „Es dreht sich um Ihren Vater, Fräulein Wilemar. Er war da in eine Sache verwickelt —" Heddenhausen schüttelte den Kopf. „Nein. Beginnen wir lieber so. Ist cs Ihnen nicht aufgefallen, Fräulein Wilemar. daß von dieser verwickelten Sache nach dem Tode Ihres Vaters kaum noch die Rede war? Das muß Ihnen doch aufgefallen fein! Oder lesen Sie keine Zeitungen?"
Unter dem Tisch preßte Martina die Fäuste aneinander.
„Es ist mir ausgefallen und auch nicht, Herr Heddenhausen. Einen Toten läßt man ja in Ruhe."
„Nicht immer."
Martina wich bestürzt zurück. Was hatte Heddenhausen mit der Angelegenheit ihres Vaters zu tun?
Heddenhausen sprach sachlich: „Ein materieller Schaden war gutzumachen. Dazu langten die Aktien der Haguwa nicht. Aber dieser Oriewicz war doch ein pfiffiger Junge. In einem halben Jahr würden die Haguwa-Aktien schon langen. Da werden sie doppelt so viel wert sein als heute. Schon sind sie ja in die Höhe gegangen. Und alles, weil wir den amerikanischen Kredit bekommen haben."
„Wir?" staunte Martina.
„Natürlich: die Hartgummiwaren-A.-G. sind wir. Oder besser gesagt, ich bin es. Die anderen Herrschaften liegen zum größten Teil schon draußen. Dafür hat die Baisse gesorgt."
Noch immer begriff Martina nichts.
„Den Schaden habe ich gutgemacht", sagte Heddenhausen einfach. Seine Stimme wurde wärmer, als er Martinas glasiges Lächeln sah. „Sie müssen deshalb nicht in den Boden sinken, Fräulein Wile-
war. Es war kein Opfer. Wie Sie eben gehört haben, riskiere ich nidjt einen Pfennig dabei. Nur ekelhaft roaren die Verhandlungen mit dem Gericht. Aber mein Rechtsanwalt hat die Geschichte schließlich durchgedrückt. Jetzt habe ich auch diese Papiere."
Wie ein Hammer ging Martinas Herz. „Herr Heddenhausen —"
„Schon gut"
„Nie werde ich Ihnen dafür danken können!"
Wieder schaute Heddenhausen zum Fenster hinaus. Unwillkürlich folgte Martina feinem Blick. Unter den Linden schwoll das abendliche Leben. Schon sommerlich gebärdeten sich die Menschen. In hellen Ueberziehern flanierten die vielen Fremden, leichte Covercoat-Kostüme trugen die Damen. Flüchtige Blicke schwirrten durch die (scheiben. Wie Puppen schritten andere vorbei: selbstgefällig federnd, die Profile hochgeworfen, die Wangen arrogant gespannt Nicht zu ertragen war das Bild auf einmal.
Aufs neue sprach Martina etwas. Heddenhausen antwortete kaum. Da flammte Zorn in ihr hoch. „Was gibt es denn da gar so Interessantes zu sehen?" fragte sie plötzlich. Fühlen sollte der Mensch, daß man nicht länger Schindluder mit sich treiben ließ. Auch wenn man zu noch so großem Danke verpflichtet war, durfte man sich nicht alles bieten lassen.
Heddenhausen spreizte den Zeigefinger von der Tischplatte.
„Nicht das sehe ich."
„Was sonst, Herr Heddenhausen?"
Langsam irrehte er das Antlitz Martina zu.
„Was sonst?" Er lachte häßlich auf. „Ein graues Hinterhaus sehe ich, eine kleine muffige Wohnung im obersten Stockwerk, darin eine blasstabgezehrte Frau: das sehe ich, Fräulein Wilemar." Auf einmal zuckte und ruckte sein ganzer Körper. Hart schlug die flache Hand auf den Tisch. Mit einer Stimme, die wie Glas splitterte, sagte Heddenhausen: „Begreifen Sie noch immer nicht, daß es Irrsinn ist, wenn Sie diesen Burschen heiraten?"
„Oh," machte Martina, „oh! Warum helfen Sie dann mit, Herr Heddenhaufen? Warum leisten Sie diesem Irrsinn Vorschub?"
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