Ausgabe 
9.11.1926
 
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chend den AnlrSgen der Regierungs­parteien und den Beschlüssen des Sozialpoli­tischen Ausschusses des Reikystags dem morgen ;u- sammentrelenden Ausschüssen des Reichsrales zu unterbreiten. Infolgedessen darf damit gerechnet werden, daß die neuen Sähe mit Wirkung vom 8.November abinkrafttreten.

Line Erklärung des Reichsarbeitsministers. Berlin, 8. Rov. (WB.) Reichsarbeits­minister Dr. Brauns empfing heute abend Bertreter der Presse, um chnen angesichts der Berwickeltheit der Crwerbslosenfrage einen kurzen Ueberblick nach der heutigen Reichstags- sihung zu geben. Der Reichsminister wies darauf hin, daß das Reichsarbeitsministerium in der Lage ist, die Satze durch Verordnung zu ändern. Cs ist nur gehalten, mit dem Reichs- r a t Fühlung zu nehmen. Darüber hinaus hat die Regierung aus praktischen Grün­den bisher auch immer mit dem Reichstag die Verbindung ausgenommen. Das Ergebnis war in diesem Falle schließlich die Annahme des Antrages auf 1 0 bzw. Ibprozen» tige Erhöhung der Sätze. Da der Reichstag gewünscht halte, daß die Reuregelung schnell in Kraft treten solle, sind die Parteien davon verständigt worden, daß die dem Reichsrat heute ^ugeleitete Verordnung beim morgigen Zusam­mentritt d<ls Reichstages voraussichtlich schon gezeichnet sein dürfte.

Zum 2. lag dem Reichstag ein Antrag vor, durch Jnitiativgesctz zu bestimmen, daß die Wochenhilfe nicht auf die Erwerbslosenunterstützung angerechnet wird. Hiermit hatte die Reichsregierung sich einver­standen erklärt. Einem kommunistischen Antrag, auch sämtliche Beiträge für Invaliden-, Angestellten- und Knappschaftsversicherung zu übernehmen, konnte sie dagegen nicht zustimmen. Im Sozialpolitischen Aus­schuß kam dieser Antrag durch Zufallsmehrheit mit einer Stimme zur Annahme, blieb aber heute im Reichstag stecken. Außerdem liegt noch ein Antrag der Regierungsparteien vor, der die Zustimmung der Reichsregierung hat, nach dem die Beiträge so­weit übernommen werden sollen, daß die An­wartschaft auf die Versicherungen auf­rechterhalten bleibt.

Drittens handelt es sich um die Fürsorge für die Ausgesteuerten. Diese Frage wird erst Ende dieses Monats brennend. Die neue Regelung: Der Gesetzentwurf über besondere Krisenfürsorge verlängert die Erwerbs- losmunterstühung nach Feststellung der Bedürftig­keit bis zum 31. März nächsten Jahres. Hierzu ist heute ein Antrag im Reichstage angenommen worden, der die einfache Verlängerung der Ev- wcrbslosenfürsorge vorsieht. Die Wirkung der heutigen Anträge würde sein, daß die Bezüge von rund 20 Proz. der Erwerbslosen über ihre Lohnhöhe hinausgehen oder we­nigstens sehr nahe an sie herankommen würden. Der Reichsminister wies zum Schlüsse auch auf die Konsequenzen hin, die die Anträge auf die Deamtengehälter und die Kriegsbeschä- digtenfürsorg« haben würden.

Berliner Presfestrmmen.

Berlin, 9. Rod. (Wolff.) Die deutsch- nationalen Blätter erklären, daß in der gestrigen Reichslagssitzung die Deutsch-Rationalen ledig­lich aus taktischen Gründen für den sozialdemokratischen Agitationsantrag" gestimmt haben, um auf diese Weise einmal die sozial­demokratische Haltung in der Erwerbslosenfvage, dann aber auch daS Regieren mit wechselnden Mehrheiten ad absurdum zu führen. 3n der Deutschen Tageszeitung (Dtschnatl.) heißt es: Für die Deutsch-Rationalen erhob sich die Frage, ob sie dem Kalkül auf ihr Derant- wortungsbewußtsein abermals entsprechen sollten angesichts der Tatsache, daß man sie trotz ihrer wiederholten Bereitsschaftserklärung von der Teilnahme an der Verantwortung künstlich uiti> lediglich aus politischer Antipathie f e r n h ä l t. Ihre Reichstagsfraktion entschloß sich, in diesem Falle einmal ein E^emvel au t statuieren. Die Tägl. Rundschau (D.V.P.) - betont, daß von einer Regierungskrise nicht die ' Rede sein könne und sagt: Vorläufig haben nur f die Deutsch-Rationalen den Beweis geliefert, daß sie zur Durchsetzung ihrer Regierungsfähigkeit einen ganz falschen Weg einschlagen. In der Germania (Ztr.) wird erklärt: Die egoistische Parteipolitik hat auch gestern wieder über den verantwortungsbewußten Staatsbürger gesiegt bei den Sozialdemokraten und mehr noch bei den Deutsch-Rationalen, die die überaus ernste Frage ganz offen für parteipolitische Schachzüge mißbraucht haben. Das Derl. Tageblatt (Dem.) glaubt gute Gründe für die Annahme zu haben, daß die Sozialdemokraten dem vor­liegenden kommunistischen Mihtrauensan- trag gegen den Reichsarbeitsmini­ster Dr. Brauns nicht zustimmen werden. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion wird heute vor der Plenarsitzung über ihre weitere Haltung beraten. Der Vorwärts (Soz.) sagt: Der Kampf um die Erwerbslosenfürsorge geht weiter. Leicht ist er nicht, denn daß die Sozialdemokratie auf diesem Gebiete nicht mit Hilfe der Deutsch-Rationalen vorwärts kommen kann, versteht sich von selbst.

Generaloberst von Seeckt.

M. R. Berlin. 9. Rov. (Eigene Infor­mation.) Gegenüber Meldungen aus englischer Quelle, daß die deutsche Regierung den frühe­ren Chef der Heevesleitung. Generaloberst von S e e ck t, als deutschen D e r t r e te r in die Abrüstungskommission des Völker­bundes entsenden wolle, erfahren wir, daß dies nicht richtig ist. Graf Bernstorfs, der im Kriege deutscher Botschafter in Washington war und das Deutsche Reich bei den Beratungen der Abrüstungskommission im Frühjahr ds. Is. bereits vertreten hatte,, wird dies, wie wir hören, auch weiterhin tun. Generaloberst von Seeckt wird aber gleichfalls wieder heran- gezogcn werden, da die deutsche Regierung seine außerordentlichen Fähigkeiten auch fernerhin dem Lande -u erhalten wünscht. An welcher Stelle man Herrn von Seeckt verwenden wird, steht noch nicht fest. Herr von Seeckt wird übri­gens auch als Gutachter für zahlreiche politische Fragen verwendet werden, die mit seinem Fach­gebiet, den militärischen Dingen, im Zusammen­hang stehen. Die Meldungen, daß er Deut ch- land in der Abrüstungstommission des Döller- bundes vertreten werde, scheinen darauf zurück- zusühren sein, daß der General sich gegenwärtig in der Schweiz zur Erholung aufhält, und

man dies als Vorbereitung für den, ihm von der englischen Presse freundlichst zugedachten Posten hielt.

Was Deutschland zahlt.

Die Leistungen im dritten Dawesjahr.

Berlin, 8. Rov. (WTB.) In dem Bericht des Generalagenten für die Reparations­zahlungen werden für die Leistungen Deutschlands in den ersten zwei Monaten des dritten Dawes-Jahres rund 1 7 9,6 Millio- nen Goldmark ausgewiesen; darunter für Oktober 94,6 Millionen. Einschließlich des Kasfen- bestandes am Ende des zweiten Dawes-Jahres in Höhe von 93,6 Millionen verfügte der Ge­neralagent am 31. Oktober über einen Bar­bestand von 101,4 Millionen. Unter den Ein­nahmen im Oftober werden aufgeführt Beiträge aus dem Haushalt von zusammen rund 27 Millionen, der Ertrag der Beförderungs­steuer mit 22,5 Millionen, die Verzinsung der Reparationsschuldverschreibungen der Reichs­bahn mit 45 Millionen. Von den Leistungen entfallen auf Frankreich 35,6, England 19,9, Ita­lien 8,4, Belgien 4,2 Millionen. Für Be­satzungskosten sind im abgelausenen Monat 7,9 Millionen, für Sachlieserungen 43,3 Millionen und sür den Ertrag aus dem Recovery Act 22 8 Millionen gebucht worden. Barüberweisun­gen wurden in Höhe von 6,6 Millionen vor­genommen.

Ieitungsschau.

Jetzt In den ersten Tagen nach dem Wieder­zusammentritt des Reichstages nimmt in der Presse die Frage der Regierungsumbildung einen breiten Raum ein, wobei auf der Rechten betont wird, daß die Möglichkeiten einer Verbreiterung der Regierungsbasis nach rechts sich stark verringert haben. So knüpft dieKölnische Zeitung an die im Auswärtigen Ausschuß zutage getretenen Meinungsverschiedenheiten zwischen Prof. Hoetzsch und Dr. Stresemann an und schreibt:Der Vorgang läßt aber im besonderen die unerfreuliche Tatsache erkennen, daß die Gegnerschaft der Deutschnationalen gegen die Regierung sich feit ihrem Kölner Parteitag wieder verschärft hat. Das war leider auch ohne die enttäuschte Ungeduld in bezug auf Thoiry voraus- zusehen von dem Augenblick an, als man die von dcn deutschnationalen Führern auf dem Kölner Par­teitag erklärte Bereitschaft zu verantwortlicher Mit­arbeit nicht nutzbar zu machen versuchte, sondern das Schicksal der heutigen Minderheitsregierung mit einer unentschlossenen Geste, die aber immerhin nach links einladender mar als nach rechts, getrost der Entwicklung zu überlassen erklärte, entgegen dem Dichterwort:Die Zeit zum Handeln jedesmal ver­passen, nennt ihr: die Dinge sich entwickeln lassen. Was hat sich denn entwickelt, sagt mir an, das man zur rechten Stunde nicht getan?' Daß das Zentrum sich der durch das parlamentarische System notwen­dig gewordenen Entwickluna unseres Parteiwesens entziehen möchte, liegt In feiner Wesensart begrün­det. Man erinnert sich noch des Aufsatzes im Hoch­land, in der diese Wesensart auf eine geradezu kirchenstaatlich anmutende Formel gebracht wurde: das Zentrum im Gegensatz zu allen anderen Par­teien und zum parlamentarischen System, als Partei des politischen Katholizismus, der eine monopolartig übergeordnete Stellung zukomme, wie sie früher die Krone einnahm. Richt minder deutlich wird das in derAllgemeinen Rundschau" Dr. Armin Kausens ausgedrückt: die Berufung und Berechtigung des Zentrums liege im Widerfpruch gegen die Staats- oergottung.Es ist das andere, anders als links oder rechts, anders als reaktionär und revolutionär, anders als bürgerlich oder proletarisch. Das Zentrum steht auch jenseit von republikanisch oder monarchistisch. In der parteipolitischen Taktik wirkt sich die Wesensart des Zentrums aus durch den Versuch, führend zu bleiben mit einer sogenannten Politik der Mitte und je nach Bedarf Unterstützung von links oder rechts anzunehmen. Wenn dagegen in einem Teil der Anhängerschaft Bedenken bestehen, so gibt ihnen die Zentrumspresse zu erwägen, daß gerade diese Bewegungsfreiheit, die dem Zentrum gestatte, seine Ziele mit Hilfe ver­schiedenartiger Mehrheiten zu verfolgen, auch im stärksten katholischen Interesse liege. Der Reichskanzler Marx hat denn auch noch auf der jüngsten Erfurter Tagung verkündet, daß die Beibehaltung der gegenwärtigen Koalition im Reich, die Fortführung der Minderheits­regierung, das Gegebene sei. So erweist sich das Zentrum nach wie vor als das stärkste Hemmnis auf dem Wege des demokratisch-parla­mentarischen Systems, während es gleichzeitig dessen Vorteile für sich nutzbar machen will. Da alle anderen Parteien, gern oder ungern, sich auf den Boden dieses Systems gestellt haben, das zwar mancherlei Verbesserungen er­fordert, aber nicht grundsätzlich verworfen oder rückwärts entwickelt werden kann, so wird dem Zentrum die Zwangslage nicht erspart bleiben, ebenso wie die andern auf eine Bewegungsfreiheit zu verzichten, die ihm gestattet, seine Ziele mit Hilfe wechselnder Mehrheiten zu verfolgen.

Wie» das Zentrum selbst sich die künftige Entwicklung denkt, geht aus einer Besprechung des Erfurter Parteitages durch den Abgeord­neten Joos hervor, der in derGermania" schreibt:Uneingeweihte glaubten, das Zentrum würde sich in Erfurt insbesondere mit der Frage einer anzustrebenden oder zu erwartenden Re­gierungsumbildung befassen. Also Linkskoalition oder Rechtskoalit'.on? Das haben wir nicht getan. Darüber geht nun das Rätselraten. Was will eigentlich das Zentrum? Müßige Frage. Das Zentrum will die Politik, die der gegenwärtigen Lage gemäß ist. Der Lösung dieses Problems ist aber nicht beizukommen, indem man reichlich Begriffsklischees und Schlagwortschablonen ver­wendet. Warum sollten wir solches in Erfurt tun? Es lag gar keine Veranlassung dazu vor. Die Zentrumspartei geht von der politischen Aufgabe aus und nicht von einer ^beliebigen oder wünschenswerten politischen Kombination. Die letztere kann nur die Folge, nicht aber der Ausgangspunkt sein. Damit ist gesagt, was hierzu zu sagen ist.

Hier eröffnet sich das ureigenste Wesen einer Partei, wie sie die Zentrumspartei ist: zwar weltanschaulich fest verwurKelt und doch ohne politische Orthodoxie, gebunden und doch völlig frei, immer offen der Zeit Angewandt. Dieses besondere Wesen der Zentrumspartei ist immer wieder zu formulieren versucht worden. CS ist viel wichtiger, daß es im Bewußtsein aller seiner Angehörigen lebendig bleibt. DaS scheint uns nicht überall der Fall gewesen und auch heute noch nicht überall zu sein. Daraus ergaben sich Mißverständnisse, die uns in den letzten Jahren Sorge machten. Wir stritten uns

überRechts" oderLinks", bis wir endlich dahinter gekommen sind, wie sinnlos ein solcher formaler Streit ist. Was heißtRechts?" Was heißtLinks"? Es kommt darauf an, die Zeit zu sehen, so wie sie ist und sich klar ztu fein» über die Entwicklungen, die sie in ihrem Schoße birgt. Ist das erkannt, barm ist die Aufgabe gegeben.

Im preußischen Landtag sind in diesen Tagen die im Sommer von der Berliner Polizei unge­ordneten und durchgeführten Haussuchungen bei westdeutschen Großindustriellen in Zusammenhang mit angeblich aufgefundenen rechtsradikalen Putschplänen zur Sprache gekom­men. Dabei debütierte der neue Innenminister Grzsinski mit wenig erfreulichen Auslassun­gen. H. Rippler schreibt in derTägl. Rund- schau": Jene Haussuchungen gegen angebliche nationale Hochverratspläne waren, wie sich doch nicht leugnen läßt, ein grober, aus Parteisucht begangener Fehler der Regierung. Sie sind er­gebnislos verlaufen und haben eine Anzahl industrieller Führer, von denen man schon vor­her wußte, daß sie mit den nationalen Verbänden und ihren Bestrebungen in keinem Zusammen­hänge standen, in ihrer bürgerlichen Ehre schwer verletzt. Wäre es nun für die Regierung nicht geradezu eine Pflicht des Anstandes gewesen, jenen Fehler einzugestehen und den zu unrecht gemaßregelten Persönlichkeiten eine Ehrenerklä- rung vor dem Lande abzuaeben? Die preußische Regierung hat diesen sittlichen Mut nicht be­wiesen: sondern wie das schlimmste Metter­nichs che Polizeiregiment der Vergangenheit sich einfach auf ihre Gewalt und ihre Unfehlbar- keit berufen. Die Ausrede von vorbeugenden Maßnahmen trifft nicht zu, wenn die ganze Aktion so ins Leere gestoßen ist, wie der damalige Polizeifeldzug, und man keine Tatsachen anzu­geben vermag, die vorbeugende Maßregeln recht- fertigen. Solche vorbeugenden Maßregeln, die den Bürger, der mit der Regierung nicht ein­verstanden ist, in minderes Recht versehen und ihn zum Staatsbürger zweiter Klasse stempeln, haben auch schon immer die Sowjetregierung in Rußland und Mussolini in Italien angewandt, und das neue Umsturzgesetz Mussolinis erhebt sie in ungeheuer verschärfter, offen den Vernich­tungskrieg der herrschenden Partei gegen ihre Gegner, proklamierenden Form zum Staatsgesetz: aber weder Mussolini noch Lenin haben jemals den Anspruch erhoben, parlamentarische Mini­ster eines geordneten Staates zu fein, sondern sich offen zur Diktatur, zur ausschließlichen Herr­schaft ihrer Partei und zum Terror bekannt. Die preußische Regierung aber will eine Staats-, nicht eine Parteiregierung der freiesten Republik der Welt" sein und hat die Verpflichtung, die Grundsätze der Rechtsgleich­heit, der bürgerlichen Freiheit und der Achtung jedes Burgers der Volksgemeinschaft nicht nur zu proklamieren, sondern auch durchzuführen. Sonst drängt sie die bürgerlichen Parteien, wie der sozialdemokratische Führer Bauer auf dem österreichischen Parteitage richtig sagte, in eine Verteidigungsstellung hinein, die das Volk in zwei Lager scheidet und. wie Dauer weiter aus­führte, zum Bürgerkrieg führen muh. Sie Partei- mäßige Begünstigung nicht nur des Reichsban­ners, sondern auch der Roten Frontkämpfer, die ganz offen auf den Umsturz des bestehenden Staatswesens hinarbeiten und die feindselige Stellung gegen die nationalen sogenannten Wehr» verbände kann nicht zur Beruhigung unserer in­neren Verhältnisse sichren, sondern zu weiterer Zerklüftung, zur Auspeitschung der Leidenschaf­ten und zur Unterbindung des naturgemäßen Hineinw achtens in die neuen Verhältnisse."

Preußischer Landtag.

B e r . i n, 8. Rov. (VDZ.) Im preußischen Landtag stand die Rovelle zur Goldabgabever- ordnung, nach der die Verzugszuschläge auf­gehoben werden und nur noch Verz ugs - zinsen für Steuern in Höhe von 9 Proz. bleiben, wahrend das Reich einen Sah von 12 Proz. hat, zur Beratung. Finanzminister Dr. Hvepker-Aschoff erklärt, daß nach Mei­nung des Reichsfmanzministers 9 Proz. Ver­zugszinsen zu wenig seien, das Reich sei aber bereit, auf 10 Prvz. herunterzugehen. Der Mi­nister bittet, auch für Preußen 10 Proz. feftau» setzen. Der Antrag wird mit den Stimmen der Kommunisten und der Regierungspartei an­genommen. Eine Aussührungsnovelle zum Finanz- ausgleichsgefetz, die eine neue Verteilungsart bei der erhöhten Automobil st euer für Pro- viiizen und Kreise vorsieht, nach der der denStadt- undLandkreisen zu^chmdeArte l je zurHälfte nach Straßenstrecken und Gebietsumfang auf die Regie­rungsbezirke urteilt wird, wird angenommen. Eine vom Staatsrat beschlossene Novelle zur Gewerbe­steuer, wonach die Begrenzung der Gewerbe- (teuer auf 100 Prozent der Vorauszahlungen be­festigt werden soll, wird im Interesse der Gewerbe­treibenden abgelehnt. Es steht dann zur Beratung ein Gesetzentwurf, der das Staatsministerium er- mächtigt, 53 815 Millionen Mark für die Ausge­staltung d e s staatlichen Besitzes an Elektrizitätsunternehmungen im Weg des Kredits zu beschaffen und zu verwenden. Ab­geordneter Dr. von Waldhausen (Dn.) fordert baldige Durchführung der Rationalisierung auf dem Elektrogebiet. Unter keinen Umstänoen würden die Deutschnationalen dulden, daß die Elektrowirtschaft zum Staatsmonopol würde. Die staatlichen Unter­nehmungen dürften fick) nicht in das Installations­geschäft drängen. Abgeordneter Hermes (Ztr.) fordert planmäßige Einflußnahme auf die Tarif- Politik der Unterverteilungsftellen, auch müsse mehr als bisher die Landwirtschaft als Stromabnehmerin berücksichtigt werden.

Prinzessin Astrid in Belgien.

Antwerpen, 8. Rov. (Wolft.) Die künf­tige Kronprinzessin von Belgien, Prinzessin Astrid von Schweden und ihre Eltern sind heute vormittag an Bord eines schwedischen Kreuzers hier eingetroffen. Sie wurden im Hafen von der königlichen Familie, dem belgischen Mi­nisterpräsidenten und dem Minister des Aus­wärtigen, dem Bürgermeister von Antwerpen und dem Gouverneur der Provinz Antwerpen begrüßt und ins Rathaus geleitet. Beim Einzug in Ant­werpen durchbrach nach dem Empfang im Rat­haus auf dem Grande-Place das Publikum die Polizeikette und drängte an die königlichen Wa­gen vor, so daß diese nicht writerfahren konnten. Verschiedene Personen aus dem Gefolge des Königs waren gezwungen, einen Ring um di« Gäste zu bilden. Sie wurden jedoch von der an- drängendon Menschenmenge, die ihnen begei­sterte Huldigungen darbrachte, zurück­

gestoßen. Verschiedene Personen wurden zu Bo­den geworfen und mit Füßen getreten. Auch die zur Feier des Einzuges errichteten Pylone wur­den teilweise umgerissen. Endlich gelang eS dem Militär, dem Zuge einen Weg zu bahnen.

Aus aller Welt.

Der Buchbinder als Ehrendoktor.

Die philosophische Fakultät der Hamburger Universität hat die Auszeichnung des Shrerr- doktors an Hugo I b s ch e r , Konservator an den staatlichen Museen zu Berlin, verliehen. Der Geehrte ist aus dem Handwerkerstand« emporge stiegen. Er wurde als Buchbinder in die Berliner Museen geholt, um die Papyrvs- urkunden aufzukleben und zusammen-usetzen. Da­bei hat er sich durch seine Intelligenz und un­ermüdlichen FleiH um die Paphrusforschungen die größten Deroienste erworben.

Mißglückter Ausbruchsversuch aus einem amerikanischen Gefängnis.

Dreizehn Sträflinge des Gefängnisses In Colum­bus (Ohio) unternahmen, als Besucher aus dem Gefängnis hinausgelassen wurden, einen Ausbruch. Ein Sträfling wurde dabei getötet, ein zweiter wiederergriffen, elf entkamen zunächst, neun von diesen wurden nach einer regelrechten Schlacht von der Polizei wieder eingefangen.

Bei einem Brande umgekommen.

In Duisburg brach in einem Gastzimmer, das mit alten Kleidungsstücken angefüllt war, ein Feuer aus. Als die Feuerwehr den Brand gelöscht hatte, wurde auf den Lumpen liegend ein 60 Jahre alter Berginoalide verbrannt aufgefunden.

Aus -er Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 9. Rovember 1926.

Der Schnupfen.

Die meisten Menschen haben jetzt einen Schnup­fen. Der Herb st ist die Jahreszeit der Er- kältungen, der Wegbereiter einer Reihe von Erkrankungen, unter denen an oberster Stelle der Schnupfen steht. Das feuchtkühle Wetter, Durch- näffungen, Stehen im Zug, kalte Füße u. dgl. be­günstigen das Wachstum der stets auf den Schleim­häuten der Rase vorhandenen Bakterien, die bann anfangen zu wachsen und eine Entzündung Hervor­rufen.

Mit Jucken und Kribbeln in der Rase, mit hef­tigem Riesen setzt der Schnupfen ein; da meist der Rachen mitbefallen ist, auch mit Kratzen im Hals. Bald wird der Kopf benommen, die Schleimhäute der Rase schwellen an und hindern die Luftpassage, die Rase verstopft sich, der Kranke muß durch den Mund atmen, so daß die Mundschleimhäute trocken werden. Der Tränenabfluß durch die Rase ist verlegt: die Augen verquellen und röten sich. Gleichzeitig sondert sich aus der Rase eine Helle Flüssigkeit zuerst spärlich, dann stärker ab; allmählich wird sie trüb und eitrig. Rach einigen Tagen lassen die Beschwerden nach, der Kopfdruck weicht, die Luft- passage wird freier, die Flüssigkeitsabsonderung ver­mindert sich und wird klarer, der Schnupfen klingt ab. Vielfach ist zu Beginn der Erkrankung auch das Allgemeinbefinden gestört. Es besteht Abgeschlagen- beit und Mattigkeit, das Denken fällt schwerer, Un­lust und Verdrießlichkeit greifen Platz. Richt selten treten auch leichte Temperaturerhöhungen auf. Alles Erscheinungen, die meist schon nach 24 bis 48 Stun­den zurückgehen. Nichtsdestoweniger können diese Allgemeinstörungen den Schnupfenkranken zwingen, das Bett für ein bis zwei Tage zu hüten. Da nicht allzu selten, besonders bei Kindern, das Ohr in Mit­leidenschaft gezogen wird Gefahr der Mittelohr- eiterungl, so ist sorgfältig auf Schmerzen in dieser Gegend zu achten und rechtzeitig der Arzt zu Rate zu ziehen. Anhaltende heftige Schmerzen über den Augen und in der Oberkiefergeaend deuten, zumal wenn höheres Fieber besteht, auf eine Komplikation infolge Miterkrankung der Stirn- dzw. der Kiefer­höhlen hin und bedürfen gleichfalls sofortigen ärzt­lichen (Eingreifens. Ebenso wie auf Ohr- und Nasen­nebenhöhlen vermag sich der Schnupfen auch ab­wärts auf die mittleren und unteren Luftwege Luftröhre, Bronchien und Lunge fortzusetzen: er verliert bei all diesen Komplikationen seinen Harm- losen Charakter.

Ein absolut sicheres Mittel, um einen Schnupfen schon im Keime zu ersticken, besitzen wir nicht. Am besten scheinen hier wie bei vielen anderen Er- kältungskrankheiten noch Schwitzprozeduren zu wirken, die man unter Zuhilfenahme von Pyra- midon, Aspirin, Arcanol und dergleichen, sowie von heißem Fliedertee, heißer Zitronenlimonade am bestem nach vorausgehendem heißem Bad im Bett vornimmt. Auch wenn der Schnupfen schon in vollem Ganae ist, bewähren sich die gleichen Mittel gut und lindern besonders die Allgemeinftörungen.

Dr. M.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Butter 160 bis 180 Pf, Qllatte 30 bis 35, Wirsing 5 bis 12, Weißkraut 3 bis 5. Rotkraut 8 bis 12, Gelbe Rüben 8 bis 10, Rote Rüben 10 bis 12, Spinat 25 bis 30, ilnter- Kohlrabi 5 bis 6, Grünkohl 20, Rosenkohl 50 bis 60, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 40 bis 50, Zwiebeln 10, Meerrettich 30 bis 100, Schwarz­wurzeln 45 bis 60, Kartoffeln 5y2 bis 6, Aepfel 15 bis 30, Dirnen 10 bis 15, Junge Hahnen 100, Suppenhühner 100 bis 110, Ganse 80 bis 110, Rüsse 80 bis 90: das Stück: Eier 16 bis 18, Blumenkohl 50 bis 150, Salat 20, Endivien 10 bis 20, Lauch 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 50, Käse (10 Stück) 60 bis 150 Ps.

Bornotizen.

Tageskalender für Dienstag: Stadttheater: 7'/, Uhr,Week-end" (Liebern Sonntag), Ende gegen 10 Uhr. Vortrags- Vereinigung: 8 Uhr, Reue Aula der Univer­sität, Lichtbilder-Vortrag. Raturheilverein: 8 Uhr, Katholisches Vereinshaus, Vortrag. Lichtspielhaus, Dahnhosstraße,Der schwarze Engel". Astoria-Lichtspi-ele:Me Spürhunde von Winkelstadt".

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