Ausgabe 
9.11.1926
 
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Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Geppert 7 0 Jahre alt. Am vorigen Sonn- tag. 7. November, beging der Geheime Medlzinal- «rt Professor Dr. Geppert seinen 70. Geburts­tag. Da sich Geheimrat Geppert eine besondere Feier verbeten hatte, brachten der Rektor der Landesuniversität und der Dekan der Medizinl- fchen Fakultät ihre Glückwünsche schriftlich -um Ausdruck und gedachten dabei der M^ßen Der- dienste, die sich Geheimrat G^pert in der Wissen- schäft und während seiner 2cjährigen Tat grell rn Gießen auch um die Landcsuniversitat und die Medizinische Fakultät erworben, hat. Don unserer Deterrnär-Meoizincschen Fakultät wurde Geherm- tqi Geppert durch Ernennung zum Ehren­doktor noch besonders geehrt

* Die Winierbethtlfe für bi e No t - leibenden unserer Stadt. Für die gestern bereits berichtete Hilfsaktion der Stadtverwaltung zugunsten notleibcüöcr Mitbürger kommen in Be­tracht: 508 Kriegsbeschädigte und Kr egerbmterb .e- bene (haushaltungsvorstände) emschlietzlich 150 Halbwaisen, ferner als Haushaltungsoorstande 263 Kapitalrentner, 469 Sozialrentner 502 Erwerbs­lose 10 .Kurzarbeiter und 50 verschämte Arme. Es ist beabsichtigt, wie im Vorjahre den Fürsorgeemp- langem Zuschüsse zur Beschaffung für den Winter- bedarf dergestalt zu gewahren, dah zur Beschaffung von 15 Zentner Kohlen und zwei Zentner Holz für jede Familie die Hälfte der Kosten und für den Kopf der Familienmitglieder em Drittel der Kosten für drei Zentner Kartoffeln gewährt werden. Die Aus- Zahlung der Beihilfe soll in drei Raten erfolgen, und zwar die erste Rate alsbald, die zweite am 15. De­zember d. I. und die dritte am 15. Februar n. I. Unwirtschaftliche Fürsorgeempfänger sollen die Beihilfe nur in Form von Gutscheinen erhalten. Ebenso soll das Gutscheinverfahren für Erwerbslose und Kurzarbeiter gelten und Barauszahlung hier nur In Ausnahmefällen ftattfinden. Bei erwerbs­losen Kurzarbeitern wird ferner die Beihilfe nur nach Prüfung der persönlichen Verhältnisse gewährt. Für" unverheiratete Fürsorgeempfänger, die im elterlichen Haushalt wohnen, wird die Beihilfe nur zur Hälfte gegeben, an haushaltungsvorstände, die den haushalt mit einem andern teilen, nur zu zwei Dritteln. .....

* Die Wohnungsbautätigkeit in unserer Stadt ist bei dem anhaltend aünftigen Wetter noch rege im Gange. Besonders eifrig wird beiderseits der StraßeAm Kugelberg" gebaut. Dort hat bekanntlich die Stadtverwaltung in 22 städtischen Häusern 44 Wohnungen errichten lassen, bi,» ' '>t nahezu fertig und bereits vergeben sind, so daß sie voraussichtlich am 1. Dezember bezogen wer­de,. .uitnen. Es stehen hier 22 Wohnungen zu je zwei Zimmern mit Zubehör und 22 Wohnungen zu je drei Zimmern mit Zubehör zur Verfügung. Die Tat­sache, dah man die Küchen, die Speisekammern und die Klosetträume nach der Straße zu angeordnet hat, gibt dem Strahenbild durch die vielen kleinen Fensterchen ein eigenartiges Aussehen. Dem steht jedoch der Vorteil gegenüber, daß die eigentlichen Wohnräume nach Süden, also nach der Licht- und Sonnenseite zu gelegen sind. An derselben Straße hat die Baugenossenschaft 1894 an der nördlichen Straßenseite mehrere Wohnhäuser mit insgesamt 16 Dreizimmerwohnungen erstellt, die ebenfalls in

Kürze bezogen werden können. Auf der Südseite der Straße läßt die genannte Baugenossenschaft zur Zeit weitere Häuser bauen, die 30 Wohnungen zu je drei Zimmern mit Bad enthalten werden: diese Woh­nungen dürften voraussichtlich erst im Frühsommer 1927 bezugsfertig sein. Das hinter der Kaserne der Maschinengewehrkompagnie erstandene Mililärwoh- nunachaus mit zwölf Dreizimmerwohnungen ist mittlerweile auch etwas weiter im Bau oorange- kommen, jedoch dürfte hier der Zeitpunkt der Be- zugsfertigkeit wohl noch etwas weiter entfernt liegen. Drei Prioatwohnhausbauten sind gegen- madig auf derSchonen Aussicht" im Gange, ferner erbaut der Schreinermeister E. A. Müller im Gurts eld, Ecke Schiller st raße, em Wohnhaus mit acht Dreizimmerwohnungen, das auch in Kürze fertig sein wird. Diese rege Betäti­gung auf dem Gebiete des Wohnungsbaues ist sehr 3U b'^Derkehrsb und Ober Hessen. Aach- dem der Organisationsausschuß einstimmig einen Sahungseniwurs festgestellt hat. ist nunmehr die Gründungsversammlung aut Montag, 22. Nov.. In den Stadtverordneten-Sitzungssaal zu Gießen einberufen worden. Man darf wohl damit rech­nen. dah dem Verkehrsbund eine sehr statt­liche Mitgliederzahl beitreten wird.

Der Landesverband hessischer Bürgermeister hält am 22. November in Darmstadt seine Hauptversammlung ab. Aus der Tagesordnung steht u. a. ein Dortrag von Ne- gierungsrat Dr. Krebs über .Probleme der modernen Derkehrswirtschast."

** Ein Fall von spinaler Kinder­lähmung wurde vor einigen Tagen in Treis a. d. ßba. feftgeftettt. Dort wurde das 2 Jahre alte Söhnchen August des OrtseinwohnerS 72 ilHelm Muhl von dieser gefährlichen Kränkelt befallen. Das Kind befindet sich gegen- toätiig im Stadium der Lähmung. Lebensgefahr besteht aber niM mehr: wie die Aussichten für seine Wiederherstellung sind, läht sich heute noch nicht sagen. Der Kleine verblieb in der häus­lichen Pflege, es sind jedoch alle erforderlichen Dorsichtsmahnahmen getroffen, so daß eine Aus­breitung der Krankheit in keiner Wrise zu be­fürchten ist. Der Fall ist bisher in der Familie Muhl, im ganzen Orte und auch im Kreise Gießen vereinzelt geblieben.

Aufgehobene Straßensperren. Die vom Polizeiamt Anfang September ungeord­neten Sperrungen des Schisfenbergerwegs (zwi­schen Licher Straße und Dergstrahe) und des Pfarrgartens sind jetzt wieder auf gehoben wor­den, da die Walzarbeiten beendet sind.

* * G r i st da! Gestern nachmittag wurde uns der schon lange erwartete Redaktionsmav- käser überbracht. Nachdem Erdbeeren und Him­beeren ihm schon erheblich vorauSgegungen waren, muh man fest stellen, daß er sich eigentlich recht verspätet Hai. Er kam von der Fürstlichen Daum- schule in Lich zu uns.

Oberhessischer Kun st Verein. Die derzeitige Ausstellung, welche Werke von K. Lenz (Erdhausen), Ehr. Dey er (Kassel), H. Will (Wien). E. R ä d l e r (München) sowie die Dieistiftvorzeichnung W. Traut- s ch o l d' s zu seinem bekannten Rhenanen--

bild enthält, ist noch während dieser Woche, zuletzt Sonntag. 14. November, geöffnet Der Ausstellungsraum bleibt dann wegen der er­forderlichen Dorbereitungen biS Sonntag, den 2 8. November, geschloffen, an welchem Tage dir von dem Landesamt für das Dildungswesen wiederum veranlaßte Weihnachts - Aus- Heilung .Künstlerhilfe 1 926" eröffnet wird.

' Der Einbrecher Röhrig, der be­kanntlich in der Nacht zum Sonntag, wie gestern berichtet, nach seinem Cmbruchsversuch mit schwe­rer Schußverletzung im linken Arm als Pol^ei- gefangener in die Chirurgische Klinik eingeliefert wurde, hat durch den Schuß eine Knochensplitte­rung am linken Oberarm baoongetragen. Die Aerzte hoffen, den Ann erhalten zu können. Das Befinden Rohrigs ist den Umständen entsprechend befriedigend.

Oberhesfischer CB e r e in für In­nere Mission. Die in diesem Jahre etwas häufiger stattgefundenen kirchlichen Tagungen sol­len. wie man uns schreibt, ihren verheißungs­vollen Abschluß finden durch daS für den 14. und 15. d. Mts. in Aussicht genommene Jahres- est des Oberhessischen Dereins für Innere Mis- ion, dckS einst durch reichen Inhalt und er- reuliche Beteiligung der Bevölkerung ein Glanz» pun'.t kirchlich-miss onari'cher Veranstaltungen. seine ihm gebührende Bedeutung wiedergewinnen wird. Die mühsamen Vorbereitungen In Heran- ziehung hervorragender Vertreter deS kirchlichen Liebeswerls sind getroffen. Kommenden Sonn­tagabend 6 ülhr setzt die Feier mit einem Fest- gottesdienst in der Stadtkirche ein. in dem der bekannte Marburger älniversitätsprosessor D. Dornhäuser predigen wird. 3m weiteren Verlauf des Abends ist ein Farn l .enabend in ter Johanneslicche. wo der vielgerrrfene Kirchen­rat Tromm ershausen aus Franlsurt Wert­volles aus reicher Erfahrung bieten wir). Der Kirchengesungverein wird auch diesmal mit er­hebenden Weisen dienen. In der am Montag vormittag stattjindenden Hauptversammlung wird, nach Begrüßung durch den Vorsitzenden und Er­ledigung des Geschäftlichen, der hier noch un­bekannte Direktor des Lande-Vereins, D r e v e s. sich überDie volksmissionarischen und sozialen Ausgaben der Inneren Mission in der Not der Zeit" sachkundig verbreiten.

* Der Bund für Haus und Schule beging am Donnerstagabend im Johannessaal seine Reformationsgedenkfeier. Durch ein Musik­stück. von Mitgliedern der Militärkapelle meister­haft vorgetragen, wurde der Abend eingeleitet. Die beiden Damen. Frau Mendelssohn- Bartholdy und Frl. Stammler hatten ihre Kunst wieder in den Dienst des Bundes gestellt. Erstere wußte durch ihre wirkungsvolle Dekla­mation zweier Luthergedichte die Zuhörer in die rechte Reformationsstimmung zu versehen, wah­rend letztere die Anwesenden durch einen .Lob­gesang ' erfreute. Der Redner des Abends. Pfarrer Schrimpf (Dieburg), sprach sodann in äußerst fesselnder Weise über: ..Das große und stille Heldentum in Luthers ßebenStoert". Nach seinen' tiefgründigen Ausführungen offenbarte

Luther große- Heldentum zunächst auf dem Reichstag zu WormS. wo er als schlichter, zag­hafter Mönch dem Kaiser und Papste trotzte, obana im Kampse gegen die Wiedertäufer und Bilderstürmer nicht minder wie auch im Bauern­krieg, in dem er al« echter Thüringer Dauern- ohn gegen seinesgleichen auftrat, weil ihn sein Gewissen dazu trieb. Sein stilles Heldentum zeigte Luther auf der Wartburg, wo er .durch Stillesein und Hossen stark wurde", in seinem »äuslichen Leben zwischen Sorgen und Särgen und zuletzt in feinem Ofterglauben auf seinem Sterbebett. Der Dortrag klang aus In dem Wunsche, daß unserem Volke auch in 3ufunft noch deutsch-evangelische Helden vom Geiste Luthers beschieden sein möchten. Nach einem noch­maligen Musikstück beschloß der gemcinfame Ge­sang von »Ein feste Burg" die eindrucksvolle Feier.

k. Der Freiwirtschaftsbund, Ortsgruppe Gießen, hielt am Freitagabend im Saalbau Sauer eine öffentliche Versammlung ab, in der Dr. 6 t o 111 n g, Frankfurt a. M., über das Thema Alles um Geld" sprach Der Redner schilderte zunächst die Gleichgültigkeit und Ratlosigkeit, von der viele Menschen heute gegenüber den wirtschaft- lichen und sozialen Verhältnisien erfüllt seien. Schließlich sei es auch begreiflich, wenn der Einfache Mensch all den vielen Widersprüchen, die sich heute zeigen, sprachlos gegenüberstehe. Man denke nur daran, daß es trotz dieser furchtbaren Wohnungsnot fo viele Erwerbslose gebe. Es müsse doch Klarheit In diesen Wirrwarr hineinzubringen sein. Der Red­ner beschäftigte sich dann eingehend mit dem Inter­nationalen Manifest der Wirtschaftler vom 20. Okto­ber. Dieses Manifest fordere Rückkehr zur Handels­freiheit: dies stehe aber im Gegensatz zu der von biegen Kreisen betriebenen Trustbewegung, welche die Ausschaltung der Konkurrenz, die Preisbestim­mung (evtl, unter Einschränkung der Produktion) sowie die Beeinflussung der Lohnbewegung zum Ziele habe. Der von der Regierung versuchte Preis­abbau habe eine weitere Verminderung der Arbeits­stellen gebracht. Eine gesunde Wirtschaft sei nur zu erwarten, wenn die Kaufkraft beständig bleibe, Jetzt müsse die Produktion angeregt werden, die Ware suche bas Geld, statt umgekehrt. Das Geld müsse unter Umlaufzwang gestellt werden. Rur durch För- derung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes könne eine Minderung der Arbeitslosenziffer erreicht wer­den. Redner wünschte weiter die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens, soweit es sich um Kapital- und Bodenrente handelt. Rur auf diesem Wege könne eine Gesundung unserer wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse eintreten. An die Ausführungen des Referenten schloß sich eine Aussprache.

Doller Erfolg des zweiten Weltspartages. Der am Sonntag. 31. Ok­tober. zum zweitenmal begangene Weltsvartag hatte einen sehr guten Erfolg. Wenn auch noch nicht alle Berichte der Spava'sen hierüber vor­liegen, so kann doch schon gesagt werden, dah die Werbetätigkeit e'ne ganz erhebliche Zunahme an neuen Sparern gebracht hat. Es hat sich ge­zeigt. daß die Idee des Weltspartages eine durchaus glückliche war und daß sie sehr viel dazu beiträgt, den Sparsinn zu heben.

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