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176. Zahrgang

Rr. 7 Erster Blatt

Samstag. 9. Januar 1926

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr Friedr Wilh. Lange.

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Der Reichstag im neuen Jahre.

Von Professor D. Dr. Bredt M.d.R.

Der am 12. Januar wieder zusammentretende Reichstag wird vor außerordentlich schweren Auf­gaben stehen. Allerdings liegen keine bestimmten Gesetzentwürfe vor, die zu großen-Kämpfen führen könnten? es ist keine Lage wie etwa 1924, als dem neugewäylten Reichstag der Dawesplan zu­ging. Die ganze wirtschaftliche Lage ist aber so, daß der Reichstag ununterbrochene Arbeit auch «m kleinen leisten muß, wenn er der Schwierigkeiten Herr werden will.

Im Mittelpunkt der ganzen Fragen steht das Problem der Arbeitslosigkeit. Diese erfor­dert zunächst große Mittel für Unterstützung: es es ist aber zur Zeit noch gar nicht zu übersehen, ist aber zur Zeit noch gar nicht zu übersehen, wie diese Mittel aufgebracht werden sollen, denn die Steuerkraft ist bereits bis zum äußersten ange­spannt. Nur größte Sparsamkeit auf allen anderen Gebieten wird, hier eine Abhilfe schaffen können. Auch die Art der Unter­stützung wird den Reichstag beschäftigen müssen. Die sozialdemokratische Forderung einer Unter­stützung der Kurzarbeiter hat ihre großen Bedenken und kann leicht zu einer gewissen Bevorzugung bestimmter Industriezweige führen. Die Unter­stützungen im Ruhrkampfe sind hier ein warnendes Beispiel. In allen diesen Fragen nutzt nur große Besonnenheit, insbesondere gegenüber den agitato­rischen Forderungen der Kommunisten, die hier zweifellos einsetzen werden.

Die Arbeitslosigkeit ist aber nicht die letzte Ursache der jetzigen wirtschaftlichen Lage, denn diese hat ihren Schlüssel viel weniger in der inneren als in der äußeren Politik. Dir deutsche Arbeits­losigkeit stammt aus der deutschen Absatzkrise, und diese wiederum stammt aus verschiedenen Ur­sachen. Eine von diesen liegt zweifellos darin, daß Deutschland heute zu teuer produziert in­folge der übergroßen sozialen und steuerlichen Be­lastung der Produktion. Außerdem aber haben sich fast alle Staaten derartig durch Zollmauern abgeschlossen, daß ein Export von deutschen Waren auf immer größere Schwierigkeiten stößt. Die Welt hat es noch nicht eingesehen, daß kein Staat auf die Dauer damit bestehen kann, daß er lediglich sein eigenes augenblickliches Interesse im Auge hat, daß vielmehr ein Staat regelmäßig aus die anderen angewiesen ist. Der Kampf um die Handelsver­träge ist daher jetzt brennend und hier wird der Reichstag ebenfalls eine große Aufgabe finden.

Der neue Zolltarif ist noch gar nicht die eigentliche Lösung der Zollfrage, sondern er ist nur die Waffe Deutschlands im Kampfe um die Handels­verträge. Diese allerdings werden abgeschlossen von der Regierung und dem Reichstag fertig vorgelegt zur Annahme im ganzen. Immerhin aber hat der Reichstag hier noch ein entscheidendes Wort. Es war wohl nicht gerade klug, daß er eine sofortige Kündigung des Spanischen Handelsvertrages be- schloß und für die Zukunft ist eine großzügere Ar­beit zu wünschen.

Im übrigen gibt es auch eine Menge Dinge, welche vom Reichstage gerade nicht in Angriff' ge­nommen werden, obwohl hier seine Aufgabe läge. Dahin gehört vor allem das R e i ch s s ch u l g e - setz, von dem jetzt schon mehrere Entwürfe und Anträge vorliegen, ohne daß es gelingt, sie auf die Tagesordnung zu bringen. Hier kann man nur hoffen, daß das neue Jahr eine andere Auffassung 1 bringen möge.

Nun kommt hinzu die Frage der Regie­rungsbildung. Es ist vor Weihnachten nicht möglich gewesen, auf der vom Reichspräsidenten geplanten Grundlage eine neue Regierung zu schaf­fen. Die großen Forderungen der Sozialdemokratie haben den Gedanken der Großen Koalition zum Scheitern gebracht. Dem Reichstag steht eine Re­gierung gegenüber, die einstweilen nur die Ge­schäfte weiterführt. Mehrere Ministerien werden nur von anderen Ministern mit verwaltet. Es muß demnach zunächst versucht werden, eine neue R e- gierungskoalition zustande zu bringen und in ihrem Rahmen sämtliche Ministerien wieder zu besetzen. Ob dies aber gelingen wird, ist einstweilen sehr die Frage. Vielleicht bleibt gar kein anderer Ausweg, als die jetzige Regierung in ihrem Amte zu belassen und die unbesetzten Ministerien mit neu­tralen Fachministern zu besetzen.

Es ist auch vielfach die Rede gewesen von einer Diktatur auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung. Es ist aber bisher nicht recht er­sichtlich, warum hier der einzige Ausweg liegen soll. Eine Diktatur hat doch wohl nur dann einen Sinn, wenn die Regierung auf ihren notwendig er­scheinenden Forderungen auf den unüberwind­lichen Widerstand des Parlaments stößt. Man kann über vom heutigen Reichstag nicht behaupten, daß er solche Haltung angenommen habe. Die Steuer- gesstze find angenommen worden im wesentlichen nach den Vorlagen der Regierung und die Lo­carno-Verträge fanden eine große Mehrheit. Es ist auch noch kein Anzeichen dafür vorhanden, daß der Reichstag in seiner Mehrheit jetzt eine andere Haliun" einnehmen wird. Es liegt- also einstweilen gar kein Grund zur Diktatur vor. Es ist sogar nicht einmal ein Grund vorhanden, der eine Auflösung rechtfertigen würde, sofern nicht eine ganz neue Frage auftaucht.

Das einzige, was uns in der jetzigen schwie­rigen Lage helfen kann, ist eine leidenschafts­lose, sachliche Arbeit des Reichstages. Es handelt sich nicht um die Notlage einer ein­zelnen Bevölkerungsklasse oder gar einer Partei, sondern um die Notlage des ganzen deutschen Volkes und Reiches. Daß der Reichstag von die­sem Gesichtsminkte aus an die Arbeiten des neuen Jahres Herangehen möge, ist der Wunsch, den wir ihm mit auf den Weg geben wollen.

Hochwasser und Erdbeben.

Neue Ueberfchwemmung in Holland.

Amsterdam, 9. 3an. (IU.) Während das Wasser im Süden des Landes in den schwer heim­gesuchten Gebieten zwischen Waas und Waal wei­ter fällt, kommt aus dem Norden die Kunde von neuem Unglück. Der 3 j f s e l d e i ch ist gestern mor­gen bei dem Dorfe Zalk in der Provinz Ooec- 3jssel durchbrochen. Das Wasser halte nach kurzer Zeit viele Gehöfte über- chmemmt. Traurige Züge von Flüchtlingen ziehen den Deich entlang, um ihr hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Das ganze Dorf Zalk letzt unter Wasser, das sich weiter in der Richtung aus W e z e p bewegte, das auch in kurzer Zeit unter Wasser gesetzt wurde. Der Deich ist mit ollem möglichen Hausgerät und Vieh beseht. Viele Bauern waren nach dem Markt in Zwolle; sie mußten telegraphisch zurückgerufen werden. 3n- solge des Deichbruchs ist das Wasser der 3jssel mit großer Geschwindigkeit gefallen. Der Waal ist seit vorgestern wieder um 31 Zentimeter zurück­gegangen. Alle Orte zwischen Maas und Waal sind wieder telephonisch zu erreichen. Obwohl das Wasser in den Strömen selbst fällt, ist die Lage in den überschwemmten, durchweg sehr tief ge­legenen Gebieten außerordentlich ernst. Dort steigt das Wasser immer weiter. 3mmer wie­der müssen ganze Dörfer geräumt werden, viele Häuser sind eingestürzt, viel Vieh ist in dem Wasser ertrunken. Das Role Kreuz und die militärische Hilfe haben alle Hände voll zu tun, um die Flüchtlinge und die in den überschwemmten Gehöften noch hausenden Menschen mit Lebensmit­teln zu versorgen. Der Papst hat durch Ver­mittlung des päpstlichen Nuntius im Haag 20 000 Gulden für die vom Hochwasser geschädigte hol­ländische Bevölkerung angewiesen, mit deren Ver­teilung der Erzbischof von Utrecht beauftragt wurde.

Im Hochmassergebiet von Nymweqen sind in den letzten Tagen zahlreiche Diebstähle in den verlassenen Bauernhäusern ausgtllührt worden. Um weiteren derartigen Raubzügen wirksam entgegen­treten zu können, wurde beschlossen, jeden Boots­verkehr in dieser Gegend von 5 Uhr abends ab zu verbieten. Gendarmerie und Polizei sind angewie­sen tooröen, auf jedes Boot zu schießen, das sich nach 5 Uhr abends in das verbotene Gebiet begibt.

Die Hochwasserschäden am Niederrhein.

Eine Unterredung mit Landeshauptmann Dr. Horion.

Düsseldorf, 8. Ian. (TU.s Der ins Hoch- wassergebiet entsandte Sonderberichterstatter der Telunion hatte heute eine Unterredung mit dem Landeshauptmann der Rheinprovinz D r. Horion, der soeben von einer Besichtigungs­reise zurückgekehrt ist. Dr. Horion schilderte seine Eindrücke namentlich von den schweren Schäden, die der Landwirtschaft durch die Dammbrüche auf dem linken Rheinuser, nördlich von Düsseldorf bis zur holländischen Grenze entstanden sind. Er sagte, das ganze Elend kann man erst ermessen, wenn man mit dem Kahn in das Überflutete Gebiet vorbringt und die Hausbewohner auf ihrem ein­samen Höfen in die höchsten Dachräumlichkeiten ge­flüchtet, antrifft. Vielfach konnte das Vieh gar nicht oder nur teilweise gerettet werden. Die W i n- t e r f a a t ist auf alle Fälle verloren, die Möglich­keit einer Sommersaat sehr zweifelhaft. Noch weiß niemand, ob die Rheinfluten große Sand men­gen ange schwemmt haben. Ist daß der Fall, bann kann bestes Acker- unb Wiesenlanb^für Jahre in trostlose Oebe verwandelt sein. Die Schäden an Haus unb Hof sinb unabstzhbar.

Rach der Auffassung von Dr. Horion muß man zwischen der sofort notwendigen Scha­de n h i I f e und neuen Schutzmaßnahmen unterscheiden. Die Rheinprovinz wird mindestens 20 Millionen brauchen, um wenigstens einen Teil der viel höheren Schäden decken zu können. Die Schätzung des Schadens und die Verteilung der Gelder wird vom Oberpräsidiam in Koblenz vor­genommen. Den Hauptanteil der Kosten wird der preußische Staat tragen müssen, der sich in dem glücklichen Besitz eines ausgeglichenen Haushaltsplanes befindet und den auch die Mög­lichkeit einer größeren Anleihe zur Verfügung stehe. Der Schutz vor künftigen Hoch­wassern sei zur unabw isbaren Pflicht ge­worden. 1924 habe man sich nur ungern bereit gefunden bescheidene Wittel in Höhe von etwa V2 Million für die Desesligung und Erweiterung der Schutzbauten auszugeben. Die preußische Re-

gierung werde sich heute wohl entschließen müssen die gesamten, im Plan vorliegenden Bauten, alsbald in Angriff zu nehmen und dafür 35 bis 40 Millionen zur Verfügung zu stellen. Zudem wird es notwendig sein, von den im vergangenen Jahr gegebenen Dar- leben einen Teil abzu schreiben, soweit die Darlehnsempfänger und das sei fast über­all der Fall diesmal er neut vom Hoch­wasser betroffen sind. Eine Hochwasser- bekämpfung durch Stauanlagen am Neckar, Main, Mosel und Sieg komme viel weniger in Frage als wirksamer Deichschuh.

Hochwasserspende der Reichs­bank.

Berlin, 8. Ian. (WB.) In Beantwortung des Glückwunschtelegramms des Herrn Reichsprä- f i b e n t e n zum 50jährigen Bestehen der Reichs­bank hatte Reichs b.ankpräsibent Dr. Schacht bem Reichspräsidenten den wärmsten Dank ausgesprochen. Gleichzeitig hat bie Reichsbank bem Reichspräsidenten zur ßinnberung ber Not ber burch bas Hochwasser Geschäbigten einen Betrag von 200 000 Mark überwiesen. Der Reichs- präsibent hat von bieser Summe zunächst ben Be­trag von 50 000 Mark für bi durch bas Hochwasser Geschäbigten im Harzgebiet bestimmt unb bem preußischen Ministerium zur Verfügung überwie­sen. Den Betrag von 150 000 Mark bestimmte er für bie burch bas Hochwasser Geschäbigten bes Rheins unter Uebermeifung an bas Reichsmini- fterium für bie besetzten Gebiete zur Verteilung an bie am meisten betroffenen Gebiete.

Das Hochwasser in Paris.

Paris, 6. Jan. (WB.) Wie halbamtlich berichtet wird, erwartet man, trotzdem heute keine weiteren Regengüsse zu verzeichnen sind, ein weiteres Steigen der Seine. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, ist deshalb polizeilich bestimmt worden, daß aus gewissen Brücken der Seine der Wagenverkehr nur nach einer Richtung durchgeführt werden darf. Wenn Me Seine noch um weitere 50 Zentimeter steigen sollte, mühte der Verkehr der Ring­bahn in den innenstädtischen Bahnhöfen, die längs der Seine liegen, eingestellt werden. Don der Aisne, Oise und Marne wird ein Sinken des Wasserstandes gemeldet.

Ueberschwemmungskatastrophe in Mexiko.

3n der letzten Woche sind infolge des an­haltenden Regens im Staate Rayarit an der Westküste Mexikos große Tteberschwemmungen aufgeircten, welche Hunderte von Familien ob­dachlos gemacht haben. Menschenleben sind nicht zu beklagen, dagegen wurde wertvolles Acker­land überschwemmt und die Ernte zum großen Teil vernichtet.

Erdbeben in Krain.

Wien, 8. Jan. (WB.) Wie derNeuen Freien Presse" aus Adclsberg-Krain gemeldet wirb, wiederholen sich in ber bärtigen Gegenb seit bem 1.Januar täglich mehr ober minder starke Erderschütterungen, von denen man bis jetzt etwa 50 gezählt hat. Einige Häuser sind beschädigt worden. Verletzt wurde bis jetzt nie­mand, doch ziehen es die meisten Bewohner vor, im Freien zu übernachten. In der be­rühmten A d e I s b e r g c r Grotte ist ein Tropf­stein von einem Meter Durchmesser zu Boden ge­fallen.

Neues Erdbeben in Italien.

Siena, 8. San. (WTD.) Heute vormittag 10,15 ilfjr wurde ein starkes Erdbeben beobachtet, das besonders die Gegend des Monte A n i_a t a und vor allem den Flecken Abbadia San Salvatore betroffen hat. Hier wurden etwa 100 Häuser beschädigt und drei Personen verletzt. Die Bevölkerung hat ihre Wohnung, n verlassen und lvird auch die Rächt im Freien zu­bringen. D'.e Erdstöße haben sich im Laufe des Tages wiederholt, sind aber nicht mehr gleich stark.

Schwrre Erdbeben in Nordpersien.

P a r i s, 8. Jan. (TU.) Rach einer Meldung aus Teheran ist die gesamte Bevölkerung von zwei Dörfern der Provinz Khorassan mit Ausnahme von elf Personen durch Erdbeben, die sich in der letzten Zeit mehrfach wiederholten, getötet worden. Hunderte von Personen in den umliegenden Bezirken sind obdachlos. Die Erdbeben halten noch weiter an.

Sozialisten und Negierung in Frankreich.

Paris, 9.3an. (W. T. B. Funkspruch) Gestern abend hat der sozialiftifche Bezirksver­band des S eine -Departements über die Haltung seiner Delegierten auf den am 10. Fan. beginnenden außerordentlichen Partei-Kongreß Beschluß gefaßt. Der DeziiÄParteitag nahm zu­nächst eine Tagesordnung an, wonach die soziali­stische Parlamentsfraktion die Parteidisziplin wahren, also geschlossen ab st im men soll. Dann wurde eine Tagesordnung mit 2073 Stim­men angenommen, die sich gegen eine Be­

teiligung an der Regierung auLsprrcht, aber feinen Einspruch dagegen erhebt, dap die sozialistische Partei wenn auch mit partei- fremden Elementen bie Regier u n g über­nimm t, wenn diese Elemente das sozialistische Programm durchführen und eine entscheidende Aktion zugunsten der Demolratie und des fokalen Gedankens durchführen wollen. Der Dezirksver- band der Sozialisten des Seine-Departements wird auf dem außerordentlichen Kongreß am 10. Januar durch 7 Delegierte, die gegen eine Beteiligung und 5 Delegierte, die für eine Be­teiligung an der Regierung sind, vertreten sein.

Das Ringen um den Dislicher Deich.

Don Heinrich Gesell.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

As bi Bislich brcck den Dick, bann grauen die Äinner in Harberwijk.

3n der alten niederdeutschen Sprache be­deutet das nach Berechnung und ^Wissen der Deichgrafen einen Bruch des Haupldeiches zwi­schen derfesten Stadt Wesel" und der Stadt Rees, was bei Bislich oder Reeren die Wiederherstellung des prähistori­schen Urstromtales des Rheins zur Folge haben würde, so daß die Hochfluten des aufbrausenden Rheines statt nordwestlich zur Rordsee nördlich zum Zuidersee nach Harderwijk durchbrechen und das ganze blü­hende, durch den Deich geschützte Land dazwischen Niederreißen und einer Schlammwüste gleich­machen würden. Das würde bedeuten, daß das deutsche Land zwischen Bocholt und Emmerich, von Holland der östliche Teil der Provinz Utrecht und der westliche Teil von Gelderland von der Karte ber menschlichen Kultur aus­gelöscht werden müßten.

Um diesen Deich von Bislich ging, wie wohl seit Jahrzehnten nicht mehr, diesmal um die Jahreswende 1925.26 der Kampf der Deichgenossen und aller Männer, die ihnen in ihrer Rot zu Hilfe geeilt waren. Wohl meldete der hervorragend organisierte Hochwassermelde­dienst am Silvestertage vom Mittelrhein saft Stillstand des Hochwassers und ließ so leise Hoffnungen aufkommen, größtes Unheil konnte noch vorübergehen. Aber das Schicksal wollte eS anders. Das gleichzeitige Hochwasser der Wup­per mit ihren Nebenflüssen aus dem Sauer­land, der Ruhr und der Lippe liehen das Wasser am Niederrhein weiter steigen, steigend über die höchste Gefahrenquote von acht Meterir am Weseler Pegel hinaus, auf die alle Siche­rungsbauten und 'Ingenieurberechnungen seit Jahrzehnten eingestellt werden. Man soll _ die Wirkung der 32 an, die daS Hochwasser über acht Meter erreichte, nicht nach der kleinen Zahl gering schätzen. Jeder Zentimeter in der Höhe bedeutet im Flachland des Nieder­rheins Verbreiterung des Rheinbettes manch­mal um Kilometer und Erhöhung des Wasser­druckes auf das Grund wasser und damit Ge­fährdung des Hinterlandes trotz des Deiches, weil das Wasser im lockeren Kies des Unter­grundes auf die Rückseite der Deiche ins Tiefland hinter den Deichen sickert. Kommt zu dieser nicht vorhergesehenen Ueberhöhung noch schwerer Sturm hinzu, wie ihn das Rhein­land in den letzten acht Tagen erlebt hat, so kann eine einseitige Ueberhöhung der Fluten hinzutreten und den Druck auf Deiche und rasch aufgeworfene Schuhmauern unb Dämme noch erhöhen. So haben zum Beispiel die Wasser­massen im Außenhafen von Duisburg durch ihren hohen Wellenschlag schwe­ren Schaden angerichtet, unb nur die Einsetzung von sieben Großpumpen an Stelle der eigentlich bereitstehenden drei Pumpen hat den tiefliegenden Duisburger Innenhafen und damit die ganze Duisburger Altstadt vor den Fluten bewahrt. Trotzdem sind fast alle Keller voll Wasser, fast alle Zentralheizungen zerstört, viels Gas- und Stromleitungen und Kanalisationsröh­ren außer Betrieb gesetzt.

In Wesel hat das Hochwasser der Lippe den Süden der Stadt weit überschwemmt. Im Hafenviertel zwischen der Reuen Straße und Alten Eifenbahnbrücke wußten die Leute sogar aus den ersten ins zweite Stockwerk flüchten. Fast machtlos steht hier die Ohnmacht des Men­schen der Gewalt unb dem Durchdringen des Wassers gegenüber. Roch jetzt, wo das Wasser schon um mehr als einen Meter gesunken ist, muß der Kraftwagen viele Male umkehren, weil städtische Straßen unmittelbar in den überfluteten» Rhein münden. Fast alle Laubengärten der Stadt besonders an den historischen Schillwiesen sind überflutet: zahlloses Vieh und Kleintiere find ertrunken oder verhungert, weil niemand zu ihnen gelangen konnte. Kampf gegen die Allgewalt der Ratur erscheint hier in den Städten fast aussichtslos, soweit nicht von langher Abwehr­maßnahmen geplant sind, und die haben eben durch die Tleberhöhung der Flut um einen drittel Mewr alle lückenlos versagt.

Anders am D e i ch! Hier haben ein paar hundert Männer in ununterbroch ner Anstren­gung in drei Tagen das Schicksal im Racken ge­packt und es bezwungen.. In der Reujahrsnacht gell'en Sturmglocken und Nebelhörner in ganzen Riederrheingebiet von Wesel bis Emmerich, weil der Damm bei Ree renn an seiner ge- fährdetsten Stelle auf der Landseite bedenkliche Rutschungen zeigte. Schnn vorher hatte der Deich­graf mit seinen drei Heimräten auf Grund i*e3 von Friedrich dem Großen stammenden Gesetzes vom Jahre 1767 die Deichschau, das heißt die Deichgenossen, aufgeboten und alle Beerbten, d. h. Genossenschafter, zur Hilfe herangezogen. Der gefährdete Deich von V.slich-Re.rnin hat die volle Stromwucht des Rheins in seiner höch^ sten Flut (man schätzt die Wassermassen hier auf etwa 10 000 Kubikmeter in der Sekunde) aus­zunehmen. weil h>r der Rhein aus seiner bis dahin nördlichen Richtung nach Westen um- schwenkt.

Schon mehrfach hat hier der Rhein versucht, sich wieder wie in der Vorzeit einen Weg nach Norden zu bahnen; immer haben ihn die Deich­bauern abgewiesen. Diesmal war es besonders gefährlich. Aus der Innenseite des angegriffenen