Ausgabe 
8.9.1926
 
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Das Tangerproblem.

r Von Dr. W. Brunner, Berlin.

Das Bestreben des um Anerkennung als Groß­macht kämpfenden Spaniens, das Tangerpro- blem mit seinem Verlangen nach einem ständigen Ratssitz zu verbinden, ist ebenso gescheitert wie seine Forderung nach Einberufung einer Tangerkonferenz vor der jetzigen Tagung in Genf. Der Grund für die Ablehnung der spanischen Vorschläge ist der, daß die Tangerfrage nicht von dem Marokkopro- b l e m zu trennen ist. Und dieses ist heißes Eisen für Frankreich und England. Beide Mächte fürchten die politischen Folgen, welche die Aufrollung dos Problems für sie haben kann: England noch mehr als Frankreich. Daher mußten beide im Interesse des Völkerbundes ihre Gegensätzlichkeit in Genf ver­bergen und Sonderbehandlung der Frage anstreben. Trotzdem wird aber hinter den Kulissen viel von Marokko die Rede sein, um die Lage für die kom­mende Tangerkonferenz zu prüfen. Betrachten wir daher ihre bisherige Entwicklung.

Mit dem Aufkommen der großen Scefahrcr- nationen des Westens ging der Kampf um die Han- delswcge parallel: zu ihrer Sicherung wurden an wichtigen Stellen Stützpunkte angelegt. Die Ein­fahrt "in das Mittelmeer an der Straße von G i - braltar war eine solche. Tanger hatten infolge­dessen zuerst die Portugiesen besetzt. 1437 ging aber diese Stadt auf kurze Zeit an Spanien über und wurde dann von der portugi^ischen Ka­tharina als Morgengabe Karl II. von England mitgebracht, jedoch 1684 wieder aufgegeben. Nach­dem wenige Jahre später die spanische Seemacht vernichtet " und England zur Beherrschung der Meere gelangt war. besetzte dieses 1704 das spa­nische Gibraltar. Dieses Felsennest gewährte eine noch bessere Kontrolle der gleichnamigen Straße als das gegenüberliegende Tanger und trotzte allen spanischen Rückeroberungsversuchen.

Nachdem im Laufe des 19. Jahrhunderts Frankreich sich Algiers und Tunis bemächtigt hatte, fehlte ihm nur noch zur Abrundung seines nordafrikanischen Besitzes das marokkanische Sul­tanat, wo es sich durch den Vertrag von Lalla Marnie, 1845 schon wichtige Rechte gesichert hatte. Zur Wahrung seiner Ansprüche auf Marokko, dessen Unabhängigkeit aber 1880 auf der Konfe­renz zu Madrid von den europäischen Hauptmächten garantiert worden war, schloß Frankreich 1900 und 1902 mit dem ebenfalls in Nordafrika interessierten Italien Verträge ab, in denen dieses gegen Zu- sicherung der freien Hand in Lybien Marokko als französische Interessensphäre anerkannte. Ein Ge­heimabkommen traf Frankreich 1904 auch mit Eng­land, das diesem Ausbreitung seines Einflusses in Aegypten, jenen in Marokko zugestand. Frankreich mußte aber noch im gleichen Jahre einen Vertrag mit Spanien schließen, welcher eine spanische Zone am Mittelmeer vorsah und Tanger in diese einbezog. Diese gegen das Madrider Abkommen verstoßende Aufteilung Marokkos führte wegen des deutschen Einspruchs 1906 zu der Kon­ferenz von Algeciras, welche die Unab­hängigkeit des Sultanats erneut betonte. Diese hin- öerte aber kaum ein Jahr später Frankreich nicht, Udschda, den wichtigsten Handelsplatz Ostmarokkos, zu besetzen. Die Ermordung eines Franzosen in Marrakesch gab Frankreich Gelegenheit zu Repres­salien Aber trotzdem Pichon im April 1907 er­klärte, daß Frankreich marokkanisches Gebiet nur bis zur Regelung der Sühneforderungen besetzt hal­ten würde, verließen die Franzosen das Land nicht wieder und erhielten 1912 das Protektorat über dieses, mit Ausnahme der spanischen Zone.

Die Arttkel 1 und 7 des Protektoratsvertrages gaben dem in der spanischen Zone gelegenen Tan­ger internationalen Eharakter, und in den Jahren 1913/14 wurde in Madrid über die geplante i n - 'ternationale Verwaltung Tangers be- . raten. Während des Weltkrieges achtete Frankreich die Jnternationalität Tangers nicht, und trotz der j spanischen Polizei wurden mehrere Deutsche dort verhaftet und erschossen. Spanien wagte nicht zu r protestieren und erschütterte dadurch seinen Einfluß bei Franzosen und Eingeborenen so, daß Frank­reich auf der Friedenskonferenz die Annexion Tangers verlangte, aber durch England abgewie- f e n wurde. Um die Ohnmacht Spaniens in Ma­rokko öffentlich zu zeigen, schürte Frankreich die Aufstandsgelüste der (Eingeborenen. Abd el Krim begann 1921 seinen Kampf gegen Spanien mit französischer Hilfe und fügte diesem Niederlage auf Niederlage zu.

Im Jahre 1923 kam es dann in London zwischen England und Frankreich zur Marokkokonfe­renz. Italien, das sich ebenfalls beteiligen wollte, wurde von Frankreich mit Hinweis auf das früher ausgesprochene Desinteressement an Marokko zurück- gcroiefen. Infolge seiner geschwächten Stellung mußte sich Spanien zum Verzicht auf die eigent»

Notturno.

Don Gustav W. E b e r l e i n , Rom.

Eine weiße Dahlie noch schnell ins Glas an der Windscheibe.

Der Riesenstern phantastet widerspruchsvoll, herausfordernd in die dunkle Rächt. In scharfen Kurven schmiegt er sich an das schwarze Cape und macht die Trägerin unmerklich zusammen- zucken.

Signora, wenn Sie frösteln, wir können das Deck hochschlagen--.

O nein, es ist ja so warm, so betörend schön--.

3a, betörend. Die schöne Frau hat recht. Im Innern vibriert es, gleichmäßig und unauf­hörlich, wie unter der Motorhaube. Man begreift nicht, wieso man ruhig im Lederpolster sitzt, statt irgendwohin ins Ungewisse zu sturmen, in öiefe schwerblütige Septembemacht hinein.

50 Kilometer. Die Tachometernadel zittert nach rechts. Rur eine Bahn bleibt für den Heber» druck wirrer Gefühle, wenn man nicht sentimental oder toll werden will: die Geschwindigkeit. Die Richtung nach vorne, nach vorwärts. Zu beiden Seiten fliegen groteske Schatten mit, vielleicht Seelenfetzen, vielleicht Bädekersehenswürdigkeiten.

Das müssen die Baumkulissen des Pincio ge­wesen sein, wir setzen über eine neue Tiber­brücke. 60 Kilometer. Kein lebendes Wesen aus der Straße. Durch die blaue Sonnenscheibe jagt, eine Girlande aus starren SampionS, das jen­seitige Alfer. Ab und zu müssen die Schein­werfer eingeschaltet werden, bann grellen für den Bruchteil einer Sekunde Fenster, Denkmäler, Zeitungskioske, Heiligenstatuen auf, alles starr' tot, von einer stupiden Leblosigkeit. Plötzlich ver­engt sich die Straße, die Bremse schreit, eine zinnenbewehrte Bastion drängt sich in den Licht­kegel Ah, die Cngelsburg. Vierzig Sekunden später geistert ein Meteor den kolossal aus­

liche Hauptstadt und den wichtigsten Hafen seiner Zone bequemen. Das Tanger st akut vom De­zember 1923 unterstellte die Stadt mit Hinterland einer englisch-französisch-spanischen Verwaltung, in der aber Frankreich eine überragende Rolle spielte und auch den M e n b u b, den Vertreter des Sul­tans, völlig beherrschte. Etwa z des Tangergebietes befindet sich jetzt in französischen Händen und rund 44 Prozent des Handels der Stadt. Der Schmuggel mit Waffen, die Abd el Krim gegen Frankreub brauchte, lag aber ganz in englischen Händen. Auf seine wirtschaftliche Vormachtstellung und politisch darauf gestützt, daß der Marokkokrieg nur durch seine Waffen entschieden worden ist, be­ansprucht Frankreich jetzt, auch bei der Aufrecht­erhaltung der Ordnung in der spanischen Zone mitzuwirken. Dadurch wiirde es seinen Ein­fluß auch auf die Mittelmeerküste und vor allem auf Tanger ausdehnen können, also nicht nur spanische, sondern auch englische Interessen treffen.

Trotz der französischen Hilfe, die allein aus­schlaggebend gewesen ist, fühlt sich Spanien als Sieger am Rif. Sein Stolz bäumt sich aber gegen das Bewußtsein auf, von Frankreich in militärischer Hinsicht abhängig gewesen und in politischer ge­worden zu sein. Italien hat diese Gefühle Spa­niens geschickt in den Dienst seiner ebenfalls gegen Frankreich gerichteten nordafrikanischen Interessen gestellt und durch einen Freundschaftsvertrag mit Spanien bekräftigt. Und wohl nur mit Rücksicht auf England hat Italien die Forderungen des neuen Freundes in Genf nicht voll unterstützen können. Der wegen Nichterfüllung seiner Wünsche von Spanien angedrohte Austritt aus dem Völkerbund dürste sich kaum verwirklichen. Spanien wird sich die eng­lischen Sympathien nicht verscherzen wollen, und Großbritannien kann auf den Bundesgenossen in Marokko nicht verzichten, weil es nicht zugeben kann, baß Frankreich in irgendeiner Form die Alleinherrschaft über Tanger bekommt. Der alte eng­lische Grundsatz, daß diese Stadt nur englisch oder international sein darf, wird unter allen Umständen gewahrt werden müssen. Unter Berücksichtigung der spanisch-englischen Interessen eröffnen sich nach dieser Richtung zwei Wege, deren Ziel schon erkennbar ist.

Schon im März d. I. schrieb dieTimes", daß Tanger wieder zur spanischen Zone ge­schlagen werden müsse, da der jetzige Zustand zum Ruin dieser Handelsstadt führe. Ein spanisches Tanger bedeutete ober Entziehung aus dem fran­zösischen Einfluß. Und da England weiß, daß cs Gibraltar, mit seinen überdies veralteten Werken, gegen den wachsenden spanischen Nationalismus doch nicht ewig behaupten kann, so liegt ein spä­terer Tausch Tangers gegen Gibraltar durchaus im Bereich der Möglichkeit. Oder aber Tanger wird tatsächlich internationali­siert. Dann dürfte Spanien als Trostpreis für seinen Verzicht der ständige Ratssitz, der ihm jetzt wegen der Alleinzusicherung eines solchen an Deutschland bisher verweigert worben ist, doch noch gewährt werden. Da Italien bestimmt zur Tangerverwaltung mit Herangehen würde, so hielte der vereinigte englisch-spanisch-italienische Ein­fluß dem französischen völlig die Wage. Spanien hätte somit fein Ziel erreicht, England wäre hin- sichtlich Tangers beruhigt und der Völkerbund wie­der einmal gerettet.

Die französische Zremöenlegion.

Ein Appell an bas Dettgewissen.

Fremdenlegion! Das Wort ist heute noch ober vielmehr heute wieder saft in jedem deutschen Dorfe eine der bekanntesten militärischen Bezeichnungen. Was hat sie eigentlich mit Deutschland zu tun, das laut VersaillerVertrag" seine Untertanen in keinem fremden Heere keinerlei Dienste, weder als Instruk­tor noch als gewöhnlicher Soldat, nehmen lassen darf? Nun, dieses gleiche Versailler Diktat sagt aus­drücklich in Teil V, Kapitel 3:Diese Bestimmung berührt jedoch nicht das Recht Frankreichs, gemäß den französischen Militärgesetzen und Verordnungen Rekruten für die Fremdenlegion an­zuwerben." Nach Beendigung des Weltkrieges be­gann Frankreich sofort in großzügigster Weise die Legion auszubauen, vor allem zum Zwecke der Ver­mehrung und Sicherung seines Ersatzes an farbigen Truppen. Deutschland hat bisher keinen Protest er­hoben weder gegen jene Bestimmung des Diktats, noch gegen die Legion überhaupt, wohl aber haben die anderen von der Legion betroffenen Länder an­fangs 1925 dem Völkerbund eine Denkschrift über­reicht, die zwar nicht die Einrichtung als solche an­greift, aber äußerst scharf gegen b i e A r t der B e ros lichtung zurLegion Stellung nimmt. Der Protest ist vom Völkerbund natürlich auf Betreiben Frankreichs nicht beachtet worden. Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund,

gewuchteten Armen der Peterskirche entlang, den Halbkreis der Säulengänge, zwischen denen schwarze Punkte liegen schlafende Bettler, Liebespärchen. Einen feinen Sprühregen haben wir von den Fontänen abgekriegt, worüber der Fox im Arme der Signora mit gewaltiger Ent­rüstung quittiert. Der große Obelisk ist nicht an­zuschauen, verschwindet in der Rächt wie Gottes Finger im Sturm.

Die vatikanischen Mauern hinauf, hier lebt die Zeit aber Mittelalter. Basteien. Pech- nafen. Düster und abweisend. In der Tiefe eine Lichtersiedlung, ein leuchtendes Korallen­feld Rom.

3m Fluge hinunter, langsam durchs Ghetto. Grabesstille, wo tagsüber das Leben mit dem Lärm verwechselt wird. Eine Pyramide. Zy­pressen. Eine unbekannte Steigung verfahren. Klostermauern. Kein Laut. Der Wagen zittert wie ein geängstigtes Tier. Der Weg ist so schmal, daß an Almkehren nicht zu denken. Also im Rück­wärtsgang das Gefälle angehaspelt. Zwischen weißen Marmorblöcken eingefangen gut, der Tiber, die Marmorata. Also den Aventin hinauf. Verirrte Säulen greifen in den Himmel, hoch oben gleitet eine Palme durch die schmale Mond­sichel, ein Triumphbogen steht in der Rähe. Run selber durch einen größeren hindurch, anbrandend an das aus tausend Höhlen glotzende Alngeheuer, das Colosseum. Der Fox bellt auf seine Helle, durchdringende Art, aber das zyklopische Grab schluckt Stimme und Tier, Mensch und Wagen. Cs schlingt den Rachthimmel in sich hinein, mit allen seinen Sternen. Gedrückt schleicht man davon.

Ach was, Gas! Gas! Rur der Lebende hat Recht. Da spritzt eine Riesenhochzeitsschaumtorte hoch, höher als das schlafende Kapitol: scheuß­lich anmaßend mit seinem grellen Zucker: das Denkmalsgebirge der Piazza Venezia. Mit einem Sah über das aufgerissene Pflaster in den Corso, öer einst bis Köln führte. Asphalt Die Schlag­

in diese den Zweck der Befriedung der Wett ver- folgende Körperschaft, soll bevorstehen.

In den letzten Monaten mehrt sich unter dem Druck der wirtschaftlichen Not in Deutschland Z u - gang von Deutschen zur Legion in er­schreckender Weise. Deutschland hat am meisten Grund, gegen die Beseitigung dieser europäischen Schmach aufzutreten. Man weiß heute in Deutsch­land über die Zustände in der Legion nach dem Kriege nur Einzelheiten, nichts Zusammenfassendes. Erstmals liegt jetzt ein Gesamtbild vor in Gestalt des neuesten Sonderhefts der Süddeutschen Mo­natshefte (München)Die Fremdenlegion". Da ist zunächst ein Gesamtüberblick über die Fremden­legion in der französischen Kolonialpolitik seit Grün­dung der Formation tm Jahr 1830 bis auf die Neu­organisation nach dem Kriege und heute. Nach dem französischen Etat soll die Gesamtstärke 50 000 Mann betragen. Fünfzigtausend Mann, für die das Wort des französischen Legions-Generals Nsgrier immer noch gilt:Legionäre, ihr seid Soldaten, um zu sterben, und ich sende euch da hin, wo man stirbt!" Unter genauer Prüfung aller französischen und deutschen Literatur und Berichte schildert bis ins einzelne eine eigene große Abhandlung E r - s a tz und Werbeverfahren. Es ergibt sich, daß das Deutschs Reich sogar die Kosten für die Werbung auf deutschem Boden zahlen mußte. Im Jahre 1919 waren zweihundert Millionen Goldmark dafür in den Etat der Besatz ungsko st en eingestellt! Zeitungen wurden gezwungen, französische Werbeaufrufe abzudrucken: deutsche Staatsbürger werden von französischen Gerichten verurteilt, wenn sie Landsleute vor den Werbern der Legion warnen! Von besonderem Interesse ist Werbung und Ersatz während des Weltkrieges, wo viele Neutrale und noch mehr deutsche Zivil- gefangene in die Legion gepreßt wurden, um mit ihrem Blute an den Grenzen der französischen Schutzgebiete die Ergänzung der schwarzen in Frank­reich kämpfenden Truppen ficherzustellen. lieber die­ses Verbrechen der Verschleppung handelt noch ein eigener Artikel, der für manchen Angehörigen von in FrankreichVermißten" wichtig sein dürfte.

Sehr wertvoll sind die genauen Angaben über die jetzigen Werbebureaus in Deutschland und ihre Methoden, über die schandvolle Tätigkeit deut­scher Spione in fremden Diensten, über die Lage im Saargebiet, über die Einstellung Minderjähriger und den Legionärsvertrag, über die Aufklärung und über die offizielle deutsche Abwehr, die sich als noch viel zu schwach erweist. Unter französischem Druck müssen immer wieder ertappte französische Werber freigelassen werden. So kommt es, daß im Jahre 1925 mindestens 70 v. H. aller Legionäre deutscher 2lbftammung waren, eine furchtbare Zahl! Der Dienstbetrieb in der Legion gestern und heute, die unglaublichen Kampf-Marschleistungen in der Glutsonne, nur ermöglicht durch die dauernden menschenmordenden Uebungsmärsche, die Gefechts- leiftungeri, und die großen Straßen- und Kultnr- bauarbeiten unter unbarmherziger Knute, die obere Führung, das Offizierskorps, die Psyche der Frem­denlegionäre, die typischen Verbrechen und Laster, das Verhältnis zu den (Eingeborenen (Frankreich versteht es raffiniert, Legionäre und Einheimische gegeneinander auszuspielen), die merkwürdigen sani­tären Einrichtungen, unter denen bezeichnenderweise die Irrenhäuser eine Rolle spielen, Desertion und Entlassung, kurz das ganze Leben dieser Söldner­truppe wird in aroßem Bilde entrollt. Das unge­heuerliche Strafsystem mit seinen Folterqualen, vor allem die Strafbataillone unter dem Abschaum des französischen Offizierkorps, erfährt eine eigene Schilderung, ebenso oie Kriegsschauplätze der Legion im weiten gewaltigen französischen Kolonialreich.

Immer wieder werden auch die jüngsten Er­eignisse, namentiid) in Marokko und Syrien, auf Grund genauester Nachrichten und Berichte bei­gezogen. Ein schlichter, aber desto eindrucksvollerer Bericht eines jüngst nach den Rifkämpsen entlassenen Deutschen schließt diese vorzügliche Schrift, die mit einer neroenaufpeitschenden Stiche und Sachlichkeit die Schmach der weißen Kulturnation Frankreich beleuchtet. Erschütternd kommt die ganze deutsche seelische und körperliche Not zum Bewußtsein: vor den Augen der Welt soll Deutschland schuldbeladen bleiben, soll aus diesem Grunde die Fron unmög­licher Reparationen weiterschleppen, die automatisch die deutsche Arbeit vom Weltmarkt ausschließt und von den Millionen deutscher Arbeitsloser dürfen Tausende und aber Tausende rechtlos für den Im­perialismus des kinderarmen Frankreich verbluten. Möge diese Schrift dazu beitragen, daß Deutschland endlich wie ein Mann das Recht fordert, seine Kinder nicht zu dieser Schlachtbank schleppen lassen zu müssen, und daß alle Kulturnationen vereint die Abschaffung dieser Kulturschande ver­langen.

oder der Hauptstadt. Alnd doch Pompeji. Kein blitzendes Schaufenster, verschwunden die wan­delnden Blumen, die schlanken Gazellen des Aach- mittagsbummels. Rur ein Rachtfalter taumelt aus einer finsteren Seitengasse. Herrgott, sie rennt mir in die Räder! Die Vierradbremse reißt den Wagen halb, herum. Zwei große Augen staunen uns an.

Mich friert!"

Wir^ find gleich zu Hause, Signora. Der Motor hämmert, ich habe vergessen, umzuschalten. Aber der Hügel ist schon überwunden. Pinien­wipfel strecken sich nach der Mondsichel aus. Die Dahlie leuchtet und zittert. Der Fox ist eingeschlafen.

Ein hessisches Naturschutzgebiet.

3n dem großen Waldgebiete zwischen Offen­bach a. M. und Seligenstadt liegt unweit des hessischen Ortes Obertshausen das einzige Hoch- m o o r dec unteren Mainebene, der Hengster , eine seltene Fundstelle für Sumpf- und Moor­pflanzen, die von den Botanikern schon immer gern ausgesucht wurde und auch in den hessischen und großen Deutschen Florenwerken öfters ge­nannt wird. Für den Botaniker birgt der Heng- fter einige berühmt gewordene Seltenheiten, so die Erica Tetralix, die Glockenheide, die sonst in Hessen nirgends vorkommt, auch nicht auf dem Hochmoors zu nennen, Vaccinium oxycoccum um nur einige der typischsten Bewohner des Hochmoors zu nennen, Vaccinium oxycoccus (Moosbeere oder Sumpfpreißelbeere), Tnglochin paluster (Sumpfdreizack), seltene Iuncus- und Carex-Arten, wie auch Orchideen, die nicht all­täglich sind. Aber auch die merkwürdigen fleisch­fressenden Pflanzen fehlen nicht, vor allem ist der Sonnentau auf den weichen Torfmoospolstern daheim, nicht nur in der häufigeren Art der Drosera rotundifolia, sondern auch in öer sehr seltenen Art der Drosera intermedia (mittlerer Sonnentau). Mannshohes Schilf, Faulbaum und

Ober^en.

Landkreis Gießen

ck. Heuchelheim, 7. Sept. Der Drusch der Ernte ist hier beendet. Mit dem Körner­ertrag kann man zufrieden sein, ebenso mit dem Ertrag an Stroh. Die Grummeternte läßt in Qualität und Quantität nichts z u wünschen übrig. Dagegen sieht es mit der Dbfterntc nicht s o gut aus; der Behang der Birn­bäume kann sich noch sehen lassen, dagegen gibt es nur vereinzelt Aepfel, und die Zwetschen fehlen fast gänzlich.

al. A l l e n d o r f (Lahn), 7. Sept. Der G e - sangoerein Einheit beschloß in seiner Gene­ralversammlung, am 22. und 23. Mai 1927 sein 4 5 j ä h r i g e s B e st e h e n zu feiern. Maßgebend für den Beschluß war die Tatsache, daß der Verein seit 1901 kein Fest mehr gegeben hat. Die Veran­staltung soll mit einem größeren Sängerfest ver­bunden werden. Der Verein ist schon oft preis« gefrönt von Wettstreiten heimgekehrt.

Watzenborn-Steinberg, 7. Sept. Am Sonntag sand hier eine Balleitagung des Jung deutschen Ordens statt. Eingeleitet wurde sie durch einen Feldgottesdienst am Vormit­tag- Bei der Zusammenkunft am Nachmittag, bei der außer der hiesigen Gefolgschaft und Gästen Bruder- und Schwesterschaften aus Gießen, Fried­berg, Butzbach und Leihgestern vertreten waren, sprach Reuter (Dornholzhausen) über Ziel und Aufgaben des Ordens. Anschließend hieran erfolgte noch die Bannerweihe der hiesigen Gefolg­schaft. Spiele und Wettkämpfe umrahmten die Ver­anstaltung. Die schlichte Feier nahm einen harmo­nischen Verlauf. Bei dieser Gelegenheit v e r a b schiedete die Ballei Oberhessen ihren nach Köln verziehenden seitherigen Komtur Wichert aus Büdingen in herzlicher Weise.

: Beuern, 7. Sept. In der jüngsten G c ° meinderatssitzung wurde beschlossen, die zum Kirchenplatz führende neunstufige Treppe, die sich infolge der Erdfeuchtigkeit nach unten ge­schoben hat, nach den Plänen des Kreisbauamts Gießen u m z u l e g e n. Der von verschiedener Seite gewünschten (Einteilung in drei je dreistufige Treppen konnte nicht nähergetreten werden, da zu diesem an und für sich umständlicheren und teuere­ren Plan auch noch die hessische Denkmalspflege- stelle hätte gehört werden müssen. Zwecks A n - kaufs eines Gemeindezuchtbullens der Simmentaler Rasse wird sich eine Kommission zur Auktion der Landwirtschaftskammer nach Nidda begeben. Bürgermeister L i n d e n st r u t h erklärte noch die Bedeutung der B a u s p a r k o n t e n und forderte Interessenten auf, in ihrem eigenen Inter­esse die Errichtung eines Bausparkontos ins Auge zu fassen. In nachfolgender nichtöffentlicher Sitzung wurde über die schon länger geplante Herab­setzung der Gehälter der Gemeinde- b e a m t e n Beschluß gefaßt. Es werden alle Ge­meindebeamten, mit Ausnahme eines einzigen, von der Kürzung des Gehalts betroffen. Der geplante Abbau der Gehälter schwankt zwischen 4 und II Prozent des gegenwärtigen Gehalts und beträgt durchschnittlich 1 bis 2 Gruppen. Die Einstufung in Gruppen mit aufsteigenden Stufen, je nach dem Dienstalter, wie sie seither bei den Gemeindebeam­ten in Anwendung war, wurde abgelehnt und fest­stehende Gehalte für alle Gemeindebeamte an­genommen.

t ® r ü n b e r g , 1. Sept. Die wirtschaft­liche Lage in unserer Stadt hat in der letzten Zeit einige recht bemerkenswerte Bes­serungen erfahren. Die Bautätigkeit ist sehr rege. Mehrere Bauunternehmer sind je mit der Errichtung von drei, vier und fünf neuen Bauten gleichzeitig beschäftigt; daneben harren noch zahlreiche Bauten der inneren Vollendung. Die Stadtverwaltung hat ebenfalls Bauten aus­zuführen und Kanalisations- und Chausfierungs- arbeiten zu erledigen. Die an diesen Arbeiten beteiligten Handwerkszweige und das Fuhrgeschäft sind gut beschäftigt. Auf dem Güterbahnhof herrscht starke Tätigkeit beim, Ab­laden der Baumaterialientransporte. Auch ein­zelne Industriebetriebe sind mit Auf­trägen so stark versehen, daß sie die Arbeitszeit verlängern und teilweife noch Maschinen auf- steilen mußten. Man kann diese Entwicklung nur begrüßen und damit den Wunsch verknüpfen, daß sie im Interesse der Gesamtheit recht lange anhalten möge. In unserer Gemarkung und in der Almgegend ist die Getreideernte be­endet und im großen und ganzen zur Zufrie­denheit der Landwirte ausgefallen, obwohl Aus­winterung, Lagerung und Rost allerlei Schäden zur Folge hatten. Rach den Angaben einiger Landwirte beziffert sich das Ernteergebnis pro Morgen ungefähr wie folgt: Roggen und Gerste 9 bis 10 Zentner, Weizen 9 Zentner, Hafer

Dirke haben ein fast undurchdringliches Dickicht über das Raturdenrmal des Hengsters gebreitet und bieten auch der Tierwelt einen beliebten Alnterschlupf. Rehe und Fasanen, Sumpf- und Wasservögel sind hier noch in großer Zahl daheim. Auch der Kiebitz stellt sich jedes Iahr zur Drütezeit hier ein; in diesem Iahre konnten nicht weniger als acht Paare dieses immer seltener werdenden merkwürdigen Vogels beob­achtet werden. Raturfreunde und Fachleute von Ramen suchen jedes Iahr in großer Zahl den Hengster auf. Rach alter Tradition kehren sie bei der Gelegenheit im Reu-Wirtshaus bet Obertshausen ein, um sich als Hengstergäste in das dort aufliegende historische Fremdenbuch ein­zuschreiben, das interessante wissenschaftliche Ein­träge bekannter deutscher Botaniker enthält. Das Hengftergebiet ist ziemlich unberührt geblieben bis zum Kriege. Als während der Kriegsjahre Futtermangel eintrat und das Heu beträchtlich im Preise stieg, suchte man die Moorwiesen durch Anlegung zahlreicher Gräben zu entwässern und dadurch zu verbessern. Der Hengster, dieses Airbild einer Sumpfgegend mit Torfmooren, schien dem Alntergang geweiht. Da nahm sich der Offenbacher Verein für Raturkunde des gefähr­deten Raturdenkmals an. Der hessische Staat lieh den Offenbacher Raturfreunden in anerken­nenswerter Weise seine Alnterstützung. Er stellte den Hengster erneut unter Raturschuh und be­willigte auch Mittel zum Ankauf des Moors. Die Obertshäuser Bauern erhalten 10 Pfennig für den Quadratmeter. 2,5 Hektar sind bereits angefauft: weitere Käufe werden in nächster Zeit getätigt. Geplant ist der Erwerb von insgesamt etwa 6 Hektar, wofür rund 7000 Mark aus Staatsmitteln bewilligt sind. Die ganze Anlage soll später eingefriedigt und als ein hessisches Raturschutzgebiet der Zukunft erhalten werden. Alle Ratursreunde sind der hessischen obersten Forstbehörde dankbar für diese ideelle Tat.

H. O.