Die Streiklage in England
Reichsregierung muß angesehen werden als eine bewußt antirepublikanische Kundgebung. Herr Luther hat damit den Beweis geführt daß er kein Politiker ist. Einen Reichskanzler' der sich erlaubt, Schindluder mit dem zu treiben, was dem deutschen Republikaner heilig ist den werden wir einfach nicht dulden. (Lebhafte Zustimmung links.)
Abg. Dr. Scholz (Disch. Vp.): Ich muß Verwahrung cinlegen gegen die Äußerungen de- Borredners, die geeignet sind, die Gefühle
Archen Teiles dieses Hauses zu verletzen. (Beifall rechts, Gelächter links.) Diese Rede Ware höchstens am Platze gewesen, wenn den pursten eine Dotation gegeben werden sollte. Tatsächlich handelt es sich für uns nur um die Aufrechterhaltung des gleichen Rechts für alle. Lachen links.) Auf die vom Borredner angeschnittene Floggenfrage kann ich jetzt nicht eingehen, weil sie nicht zum Gegenstand der De- ratung gehört. Den Entwurf auf Enteignung der c'surstenvermogen lehnen wir ab, weil er dem Begriff des Eigentums und den Grundsätzen des Rechts widerspricht. (Beifall bei der Deutschen Bolkspartei.)
. Abg. Münz en berg (Komm.) hält den vozialbemokraten vor, daß sie ursprünglich den kommumstischen Antrag aus Fürstenenteignunia aekampft hotten.
? rLöt Dgg.) erklärt,
w Wurden für den Zentrumsontraq
stimmen. Wir lehnen die Enteignungsvorlaq^ ab swnmen aber dem demokratischen Aenderunos- ontrag zu der den Enteigneten eine angemessene, Lebenshaltung sichern will.
Aus der provinzialhauptstM.
Gießen, den 7. Mai 1926.
Das Giehener Dolksbad.
älnter den gemeinnützigen Einrichtungen in unserer Stadt nimmt das Volks bad eine bc- sondere Stellung ein. Hier wird nicht nur jung und alt, groß und klein Gelegenheit geboten. Reinigungsbäder zu nehmen, sondern in tfjm hat der Schwimmsport auch in den Wintermonaten eine Stätte gefunden, an der er in vortrefflicher körperlicher Schulung der Heranwachsenden 3u- gend ein gutes Stück Wiederaufbauarbeit zum Wohle unseres Volkes leisten kann. Die sportlichen Ergebnisse des Gießener Schwimmvereins und der Schwimmabteilung des Turnvereins 1846 zeigen deutlich, wie wertvoll das Schwimm- b a d im Volksbad für die ununterbrochene sportliche Arbeit im Iahre ist. Aber auch als Heil- st ä t t e ist dieses Institut von hoher Bedeutung. Man denke nur an die ausgezeichnete Einrichtung des römisch-irischen Bades, das schon vielen kranken Mitbürgern Hilfe und Linderung gebracht hat. Und man vergesse auch nicht die Annehmlichkeit der Wannenbäder, die in unserer Stadt mit den zahlreichen Wohnungen ohne Dateeinrichtung so wertvoll sind.
Wer das Volksoad heute als kritischer Beobachter durchschreitet, muß feststellen, daß es seit dem Uebergang In städtischen Besitz unter der Verwaltung der Direktion des Gas- und Wasserwerkes sich in allen Teilen außerordentlich verbessert hot. Wo noch vor einigen Iahren Unzulänglichkeiten, Mängel und Ueberalterung der technischen Einrichtungen und ollerlei weitere Rachteile bestanden, da sind Verhältnisse gefchas- fen worden, die den modernen Anforderungen gerecht werden. Und fortgesetzt wird weiter gearbeitet an der Vervollkommnung dieser Einrichtung. Von besonderem Interesse ist dabei, daß alle Verbesserungen aus eigener Wirtschaftskraft des Volksbades geleistet wurden, d. h. ohne städtischen Zuschuß lediglich aus den Betriebser- gebnissen zustande kamen. Richtiges Anpackrn zur rechten Zeit, zielbewuhte kaufmännische Disposition und klarer Blick für die Möglichkeiten der Zeit haben diese begrüßenswerten Resultate gezeitigt.
Premierministers Baldwin orgamsiert einen K r a f t w a g e n h i l f s d i e n st für die Beförderung von Frauen und Mädchen vcn und nach den Vorstädten. Die Empfänge im Königlichen Palast, die am 13. und 14. Mai stattfinden sollten, sind abgesagt worden.
Am Donnerstag nachmittag fand eine Konferenz der Bergarbeilerexekutive statt, die l1/. Stunden dauerte. Es wurde lediglich Bericht erstattet und außerdem eine Reihe von Versammlungen für das Wochenende vorbereitet, bei denen 40 Parlamentsmitglieder Reden halten sollen. Die Regierung läßt keine Gelegenheit vorübergehen. ohne öffentlich und mit Rachdruck darauf hinzuweisen, daß sie dafür Sorge tragen werde, daß den Arbeitswilligen nichts geschehe. sobald die gegenwärtige Krise überwunden sein werde. Sie betont besonders, daß der Schuh der Arbeitswilligen eine Vorbedingung der Wiederaufnahme der Verhandlungen sei und ein Teil des Friedensschlusses sein müsse. Der Verzicht auf Vergeltungsmaßnahmen werde in dem Frietensschluß ausdrücklich festgelegt werden. Am Donnerstag ist eine weitere Zahl von Provinzzeitungen in Rewcastle, Manchester. Glasgow und andern Städten erschienen. Der Oberste Gerichtshof hat eine Entscheidung gefällt, wonach die Gewerkschaften der Seeleute und des Hafenpersonals nicht berechtigt sind, den Streik zu erklären, ehe eine Abstimmung über den Streik stattgefunden hat. Das Handelsministerium hat für Gefrierfleisch die am vergangenen Freitag geltenden Marktpreise als Höchstpreise festgesetzt. Die Versorgung der Bevölkerung mit Rahrungsmitteln ist überall befriedtgend.
Dke Unterhausdebalte
London, 6. Mai. (TU.) Bei der heutigen ^Interhaussihung waren wiederum der Prinz vf Wales und der Herzog von Vork zugegen. Es wurde die Debatte über das I Ausnahmegesetz fortgesetzt. Hierbei kam es I zu einer heftigen Debatte über die Bestimmungen zum Schutze der Arbeitswilligen. Als Vertreter der Regierung erklärte der Generalstaatsanwalt Hogg. man dürfe es nccht gestatten, daß eine Minderheit, wie die Gewerkschaften, das gesamte Wirtschaftsleben terrorisiere. Die Arbeiterpartei beantragte darauf eine Abstimmung. Der Abä n derungs antrag der Arbeiterpartei wurde mit 317 gegen 95 Stimmen abgelehnt.
Annahme der Notftandsverord- nungen im Unterhaus.
London. 7. Mai. (WTB. Funlspruch.) Am Schluß der Debatte über die Rotzustandsvollmachtsakte verlieh die gesamte Arbefterpartei das älnterhaus. Die Vollmachten wurden ohne na» I mentliche Abstimmung genehmigt.
Stellungnahme des Gerverkschastsrats zu den Regierungserklärungen.
. t, ?ß9- v 'M estarp: Wir erkennen an, daß der völkische Antrag gewisse älngercchtigkeiten ausgleichen will und wir werden auch Maßnahmen in der Richtung des Antrages unterstützen, Müssen aber den Antrag selbst ablehnen, Begriff des Eigentums verstoßt. Aus diesem Grunde lehnen wir auch s a m t l i ch e Anträge zur Abfindungsfrage a b. Zu der aus aneinandergereihtenäLuge- rechftgkeiten bestehenden Scheidemannrede kann ich nur sagen:
„Häufen Sie Verleumdungen und Beleidigungen zu einem Berg, er wird nicht das Maß der Verachtung erreichen, das wir für dieses Treiben empfinden." (Beifall rechts, älnruhe bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Dr. Frick (Rat.-Soz.) wendet sich unter großer Anruhe der Sozialdemokraten gegen die Rede des Abg. Scheidemanns: „Herr Scheidemann sollte lieber sagen, warum er nicht als Zeuge im Ebertprozeß erschien, obwohl er jetzt ganz gesund ist."
Damit schließt die Aussprache.
In namentlicher Abstimmung wird der Gesetzentwurf des Zentrums mit 282 gegen 105 Stimmen bei einer Enthaltung abgetehnt. Dafür haben außer der wirtschaftlichen Vereinigung, dem Zentrum auch die Demofraten gestimmt. In einfacher Abstimmung wird dann der demokratische Antrag gegen die Antragsteller und die wirtschaftliche Vereinigung a b g e l e h n t. Als dann die namentliche Abstimmung über den Gesetzenlwur des Volksbegehrens auf e,itfchädigung-lofe Enteignung der Fürsten beginnt, verlassen die demokratischen Abg. Sore», Lemmcr, Schneider, Sergsträfser
Kunst und Wissenschaft.
Ehrung für Adolf v. Harnack.
Berlin, 6. Mai. (WB.) Heute fand eine Besichtigung des Kaiser-Wilßelm-For- schungsinstitutes durch eine große Anzahl. von Mitgliedern des Reichstages statt, der auch eine Anzahl von Gelehrten beiwohnte. Die Erschienenen wurden von v. Harnack, dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft begrüßt. Rach einer umfassenden Besichtigung und nach einem längeren Vortrag von Geheimrat Prof. Haber vereinigte die Teilnehmer ein kurzes Frühstück. Bei diesem gedachte der Präsident Harnack der Beziehungen zwischen dem Reichstag und der deutschen Forschung und dankte für die tatkräftigen Maßnahmen in dem letzten v>ahre. Ramens der Anwesenden antwortete Abg. D i e t r i ch - Prenzlau. Dann ergriff Abg. äftuversitätsprofessor Schreiber- Münster das Wort zu einer Ansprache und feierte den 75. G e° 6 ur 18 t a g v. Harnacks, wobei er auf die De- beutung Harnacks für die deutsche Wissenschaft hrnwies.
Dre neueste Verbesserung in diesem Betrieb ift die Filtrier- und Entkeimungsanlage des Wassers im Schwimmbassin, eine Anlage von höchstem hygienischen Wert.
, die eifrige Forschungsarbeit unserer Wissenschaft und die treffliche Mitarbeit der I Technik sind Mittel und Wege gefunden worden, die mittels sinnreicher Einrichtungen eine außer- ordentlich weitgehende Säuberung des Wassers von Keimen ohne jede Beeinträchftgung der Gesundheit der Badenden gestatten. Unser Volksbad gehört zu den erfreulicherweise zahlreichen deutschen Hallenbädern, die sich diesen großen Fortschritt bisher zunutze gen aht haben und dadurch den Badenden die Gewähr bieten, daß sie sich in einer Flut tummeln und erquicken können, die den denkbar weitgehendsten Ansprüchen an Reinheit und Keimbekämpfung entspricht. Wo man früher auf einen ccm Wasser Keime entdeckte, deren Zahl so groß war, daß sechsstellige I Ziffern herauskamen, hat man heute durch den Einbau dieser neuhettlichen Anlage die Menge der Keime so herabgedrückt, daß sie nur noch höchstens eine dreistellige Ziffer auf einen ccm Wasser ergeben. Das ist vom hygienischen Standpunkt aus ein außerordentlich großer Gewinn und ein Reinigungsrefultat, wie es nach dem heutigen Stande der Wissenschaft und Technik gar nicht besser fein kann.
Zum Schluß mögen einige Frequenzziffern noch bartun, daß unsere Einwohnerschaft diese ausgezeichnete Stätte der körperlichen Srquik- kung und sportlichen Ertüchtigung mit Recht rege in Anspruch nimmt. Die Gesamtbesucherzahl belief sich im Wirtschaftsjahre 1925 auf 129193 Personen gegen 94 266 im Iahre 1924 und 67 184 ^vhre 1923. Die stärkste Inanspruchnahme im Iahre 1925 war in den Monaten Februar mit 12 926. Oktober 12 547. Mai 12 058, Rovem- ber 11868, Ianuar 11 826. September 11226 Besuchern. Abgegeben wurden 1925: Schwimmbäder 42 899 (1924 = 33 085), Wannenbäder 34 121 (1924 = 32 757). Brausebäder 16 577 (11 048). Schulbäder 34 208 (17 083), Massage und und Dusche 73 (0), Dampf- oder Heihluftbäder 393 (100), Römisch-irische Bäder 922 (193).
Möge diese aufsteigende Linie der Frequenz anhalten im Interesse der Gesundheitspflege in unserer Stadt und der schwimmsportlichen Ertüchtigung unserer Iugend.
Wettervoraussage.
Wolkig bis aufklärend, etwas wärmer — auch nachts, westliche Winde, Strichregen.
Das gestern über uns hinweggezogene Regen- gebiet liegt heute hauptsächlich östlich der Elbe. Im Rücken der in derselben Richtung weitergezogenen Störungen ist unter Barometeranstieg und beträchtlichem Temperaturfall vorübergehend ruhigeres Wetter eingetreten, jedoch bilden sich über den britischen Inseln neue Störungen aus, die ostwärts streben.
London, 6. Mai. ($11.) In der heutigen Ausgabe des „British Worker", dem amtlichen Organ der Streikleitung, wird zu den Erklärungen des Premierministers über die Möglichkeit von Friedensbedingungen Stellung genommen. In der Antwort der Gewerkschaften wird zunächst betont, daß der Gewerkschaftsrat jederzeit zur Wiederaufnahme der Verhandlungen bereit sei, sofern es zu einem ehrenvollen Frieden ferne. Er stelle kemertes Vorbedingungen für die Aufnahme von Präliminarverhandlungen. Die Erklärung weist ^?nn darauf hin, daß man in Unfenntni» der künftigen Politik der Regierung nicht der Forderung auf eine bedingungslose Zurü ck- na hrne der Streikerklärung nachgeben könne. Der Gewerkschaftsrat sei nicht für den Abbruch der Verhandlungen verantwortlich. Die Regierung sei verantwortlich für den gegen tod rUgen Zustand. Die Erklärung schließt: »Während der Gewerkschaftsrat jederzeit zur Wiederaufnahme der Verhandlungen über einen ehrenvollen Frieden bereit ist, muß der Forderung des Preinierministers nach einer bedingungslosen Zurücknahme der Streiftiarole e i n lkriktes Rein entgegengesetzt werden." Der Standpunkt der Regierung ist, wie es heißt dieser Auffassung diametral entgegengesetzt. Man sieht in politischen Kreisen in der Geiieralstreik- parole am Vorabend des Ablaufs des Lohn- abkommens nichts weiter als eine politische ci lolrd erklärt, die Regierung habe die Verhandlungen abgebrochen, da es sich bei Cem Eingreifen des Gewerkschaftsrats nicht um eine wirtschaftliche Frage, sondern im Degen- tetl um eine Politische Aktion zur Hebung des Ansehens und Einflusses des Gewerkschaftsrats und zum Rachteil der Regierung gehandelt habe, i
Btofauf, Ziegler und Ronneburg den Saal, weil sie uichk unter dem Druck des Fraktionszwanges gegen das Volksbegehren stimmen wollen. Die Enteig- nungsvorlage wird mit 236 gegen 142 Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten abgelehnl.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 6. Mai. Rach debatteloser Annahme eines deutsch-belgischen Abkommens über die Ausübung der Heilkunst in den Grenzgemeinden kommt der Gesetzentwurf über die Enteignung der Fürstenvermögen zur zweiten Beratung.
Dazu liegen die schon bekannten Anträge des Zentrums, der Demokraten und der Völkischen vor und der kommunistische Mißtrauens antrag gegen die Reichsregierung. Der völkische Antrag führt den Tftel: Entwurf eines Ges'hes über die Enteignung des Vermögens der Bank- und Dörsenfürften und anderer Volksparasiten.
Abg. Dr. Pfleger (Bahr. Vp.) berichtet über die Verhandlungen des Rechksausschustes.
Abg. Scheidemann (S.). Der negative Ausgang der Ausschußverhandlungen hat gezeigt, daß die Ausschußüberweisung nur den Ztveck der Verschleppung hatte. Wir haben immer die Behauptung fon der Alleinschuld Deutschlands am Kriege scharf z u r ü ck g e - wiesen, aber auch die unsinnige Behauptung, daß Deutschland allein am Kriege unschuldig sei Bei den Angriffen des Redners auf Wilhelm II. verlassen die deutschnotionalen Abgeordneten vnter höhnischen Rufen der Linken den Saal.
Der Redner fährt fort: Es geht jetzt um Sein oder Richtsein der Republik. Die jüngste Fahnenverordnung der
ter Äaj>üaü)ilX)ung vor der Auswanderung oder der Kapitalausfuhr voranstehe. Friedrich List sei niemals Freihändler im Sinne eines einseitigen »Industriestaates" gewesen: Freihandel und Schutzzoll seien ihm vielmehr Waffen gewesen, die jeder Staat je nach seinem Reifegrad benutze. Zu Anrecht berufe man sich auch auf ihn, nm die Ablehnung von Getreidezöllen grundsätzlich zu erweisen; List erklärt sich in seinem „Zoll- vereinsblatl", das heute freilich fast verschollen ist, ausdrücklich bereit, dem deutschen Landbau gegebenenfalls mit Schutzzöllen zu helfenI
harmonische Ausbildung aller produktiven Kräfte in Landwirtschaft, Gewerbe, Kandel sowie Autonomie nach außen seien oic Grundvoraussetzungen jeder nationalen wirlschasis
Politik.
Sie fordere somit primär Pflege des inneren Marktes, insbesondere Pflege der Landwirtschaft. Hierzu gehören Siedlung, Intensivierung, Kreditorganisation und eine Handelspolitik, die im konkreten Fall durchaus zu fteihänd- lerischen Maßnahmen fuhren darf. Dies hänge einzig von den Erfordernissen der internationalen Lage ab, die im Sinne nationalwirtschastlicher Autonomie zu meistern seien. — Der Redner kennzeichnete unsere handelspolitische Situation, wobei er darauf hinwies, daß das G e - famtvolumen d es Welthandels gegenüber 1913 gesunken sei: gemessen an der tatsächlichen Weltproduktion sei der Anteil des Binnenmarktes an der Gesamtwirtschaft somit auch international gewachsen.
Deutschlands Gesomterzeuguiig sei zwar nur in ungefähren Schätzungen erfaßbar. Immerhin sei Deutschlands Mehreinfuhr an Tieren, Rahrung-;- unb Genußmiteln von 1913 auf 1925 gestiegen, während unsere Mehrausfuhr von Fabrikaten — om Vorkriegswert gemessen — stark gefallen fei. Die Ausfuhrquote unserer Gesamterzeugung sei mithin seit 1913 gesunken. Unsere ländliche Bevölkerung sei noch immer der ftärkste Konsument unserer Gewerbe: sie erzeuge mehr Werte, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspreche. Im internationalen Weltbild überwiege heute die Förderung der produktiven Kräfte: das bloße Freihandelsargument des billigsten Einkaufs am freien Weltmarkt trete dahinter zurück.
Was folge daraus für die deutsche Handelspolitik? Nicht Steigerung u m Indnstrie-Exportstaat, sondern nur W i c dererlangung unserer früheren Ausfuhrquote sei ihr Ziel! Niemals könne es auf Kosten der Landwirtschaft erreicht werden. Denn sogar eine Verdoppelung unserer Fabrikatenausfuhr wurde den etranigen Ausfall unseres ländlichen Konsums nicht wettmachen.
Zusammenfassend laste unsere handelspolitische Lage sich dahin kennzeichnen:
Ernste Unruhen in Glasgow.
London, 7. Mai. (WTB.-Funkspruch.) Im Osten von Glasgow kam es gestern zu ernsten Unruhen, bei denen insgesamt 66 Personen verhaftet und mehrere Personen, darunter ein Palizeisergeant verletzt wurden. In einigen Wirtshäusern und Läden wurde geplündert. Hierbei wurde ein junger Mann durch eine Fenster scheibe gestoßen und sehr schwer verletzt. Am unruhigsten ging es in der Nähe des Straßenbahndepots zu. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, daß Studenten als freiwillige Nothelfer dort die Nacht verbrächten. Am Donnerstagfrüh zogen daraufhin 5 00 Bergleute aus der Umgebung nach dem Depot und versuchten es zu stürmen. Ein Polizeiaufgebot zerstreute mit Gummiknüppeln die Menge. Kleinere Trupps begaben sich in die Seitenstraßen und begannen zu plündern. Dann trat Ruhe ein. Aber bei Anbruch der Nacht gestaltete sich die Lage sehr schwierig. Große Menschenmassen zogen vor das Depot und unternahmen mehrere Angriffe. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen. Sie unternahm mehrmals Knüppelangriffe. Dabei würde eine Anzahl meist junger Burschen verhaftet. Nach 11 Uhr abends trat Ruhe ein.
Die Lage in London.
London, 7. Mai. (WTB. Funkspruch.) Gestern abend wurde nritgeteilt, daß heute auf allen llntergr-undbahnlinien Züge laufen werden. In Rorwich werden am Wochenende 20 000 Arbeiter feiern, teils weil sie streiken, teils weil sie keine Arbeitsmöglichkeit mehr haben. In Durham haben sich viele Streikende freiwillig zur Aufrechterhaltung wichtiger Dienstzweige gemeldet mit der Erklärung, daß sie zwar ihre Lieberzeugung nicht preisgeben, aber doch nicht wünschen, daß das Land zu Grunde gerichtet werde. — Ein Zusammenstoß ereignete sich spät abends auf der Oldkentrioad südöstlich von London. Eine größere Anzahl berittener Polizisten und mehrere Hundert zu Fuß zerstreuten die dichte Menschenmenge. Mehrere Personen wurden dabei verwundet. Ein Privatauto wurde in Brand gesteckt. ter Brand jedoch von zwei Feuerspritzen gelöscht.
.lieber die Heineren Ruhestörungen des gestrigen Tages liegen folgende Berichte vor: In T y l d e s l e y wurde nachmittags die Polizei mit Steinen beworfen, als sie das Abladen von Kohlen bei einer Baumwoll- fabrif schützte. In London wurde nachmittags ein Eisenbahner von der Menge zu Boden geschlagen, aber nicht ernstlich verletzt. In Rottingham wurde der Autobusverkehr infolge des feindlichen Verhaltens der Menge unterbrochen. In Middlesbrough wurde ein Passagierzug mit Steinen beworfen und der Stationsvorsteher schwer verletzt. Als die Polizei mit Gummiknüppeln vorging, entfloh die Menge.
Terrorakte im Londoner Hafenviertel.
London, 6. Mai. (TU.) Es wird berichtet, daß heute im Londoner Hafenviertel, und zwar in den Docks, Terrorakte vorgekommen sind, die die Polizei zum Eingreifen genötigt haben, lieber die Einzelheiten des Vorfalls bewahren die zuständigen Stellen bisher Stillschweigen unter dem Hinweis, daß die Feffftellung des Tatbestandes noch nicht beendet sei. Im Süden Londons haben heute Streikende Straßenbahnwagen umgeworfen und in Brand gesetzt. In ganz England sind heute 9 5 0 Züge gefahren worden, davyn auf der Nordostbahn 200 Züge, in Schottland 60, auf der Westbahn 190, auf der Zentralbahn 200 und auf der Südbahn 300. Macdonald, Herbert Smith und Cook haben heute Besprechungen abgehalten. Ferner sind die Bergarbeiterdelegierten nach einer Fraktions- sitzung der Arbeiterpartei im Unterhause zu der ^raktionssitzung gerufen worden.
Die Bekämpfung des Streiks.
London, 7. Mai. ($11.) In Aberdeen am es am Donnerstag zu Ruhestörungen größeren älmfangs. Eine Menschenmenge von 5000 bis 6000 Mann versuchte einen Angriff auf einen Straßenbahnwagen. Die Polizei griff mit Knüppeln ein und vertrieb die Menge. Amtlich wird bekanntgegeben, daß die Gerüchte, wonach am Mittwoch Anruhen in London stattgefunden haben, unbegründet seien. ■UeberaH hätten sich die fliegenden Polzeikom- mandos außerordentlich wirksam erwiesen. Ebenso wird die Rachricht von erneuten Unruhen in Crewe als unwahr erklärt. In allen Städten, wo Fälle von Einordnung ftattfanten, hätten ffch. nur jugendliche Elemente bar an beteiligt. Ebenfalls wird die Rachricht dementiert, daß 500 Eisenbahnarbeiter in Cardiff die Arbeit niedergelegt hätten. Die Frau des
1. Der Ausfuhrüberschuß an Fabrikaten »st wesentlich gesunken.
2. Der ungedeckte Mehrbedarf an landwirtschaftlicher Einfuhr ist g e- stiegen.
3. Bevor wir an ländlichen Erzeugnissen, fei es wmüger einführen, fei es mehr produzieren, ift eine nachhaltige Besserung unserer Handelsbilanz nicht erreichbar.
4. Ehe wir nicht überdies den Verlust an eigenen A u s l a n d z ln s e n , Frachten usw. sowie die neuen Schuldaufnahmen beim Ausland durch vermehrte Fabrlkatenaussuhr ausgleichen, ist eine Aktivierung unserer Handelsbilanz ausgeschlossen.
5. Da vermehrte Fabrikatenausfuhr überdies vermehrte Rohfioffelnsuhr bedingt, so steht die Hoffnung, unsere „Reparationen" aus der aktivierten Handelsbilanz zu zahlen, noch im weiten Felde.
Durch Preisgabe unserer Land- wirlschast würde die städtische Bevölkerung mehr verlieren als gewinnen.
7 Lcrndesinspeftor F. P seifer «Darmstadt) sprach über die derzeitige Lage des deutschen Obst- und Gartenbaues und beleuchtete die Ursachen dafür, daß der Ob ft- und Gartenbau in Deutschland die Spuren der Kriegs- unb Rachkriegszeit noch nicht überwinden konnte. Die Versorgung Deutschlands mit Obst und Ge° müse auS eigener Kraft sei im großen und ganzen durchaus möglich.
Der nächste Referent F r h r. v. S ch o r l e rn e r - Lieser äußerle sich über die heutige Lage des deutschen Weinbaues und machte zu- nächst allgemeine Ausführungen über den Charakter des Weinbaues. Es fei wichtig zu wissen, daß der Weinbau wohl den Zweig der Landwirtschaft dar- stelle, der am intensivsten zu bewirtschaften sei und der nur, wenn er voll intensiv bewirtschaftet wird d«e Möglichkeit eines (Ertrages gebe. Redner verbreitet sich dann im einzelnen über die Schädi- g u n g, die der deutsche Weinbau durch die ausländischen Weine, insbesondere die spanischen, erfahren habe. Der Weinbau habe in den Jahren 1924 und 1925 so gut wie gar nichts mefjr absetzen können. Redner betont die Notwendigkeit einer unstangreichen Propaganda, um den eigenen Wein im eigenen Volke wieder geläufig zu machen.
Den Abschluß der heutigen Sitzung bildete ein Herrenabend.
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