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Ur. 106 Erster Blatt

116. Jahrgang

Aettag, 7. Mai 1926

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Siebener Familienblätter Heimat im Dilb Die Scholle

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Jriebr. Wilh. Lange verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot: für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für ben An- jttgenteil Hans Füstel, sämtlich in Gießen.

Die Tagung des Deutschen Landwirtschaftsrates.

56. Vollversammlung in Darmstadt.

Der bisherige Verlauf der Tagung.

Don unsever Darmstädter Redaktion

Darmstadt, 6. Mai Heute mittag trat im Saale der .Bereinigten Gesellschaft" in Darm­

stadt der Deutsche Landwirtschaftsrat zu einer Frühjahrstagung zusammen. Seit einigen Jahren wechselt der Tagungsort dieser Körperschaft, die die Hauptvertretung der Land­wirte ist. DieHessische Landwirtschaftliche Zeit­schrift". das Organ der Hessischen Landwirt- schaftskammer. veröffentlicht aus Anlast der in Darmstadt stattfindenden Dollversammlung einen Degrüßungsartikel, in dem es heistt:TDir be­grüßen den Landwirtschaftsrat zu seiner Tagung in Darmstadt auf das herzlichste. Es wird in der gesamten hessischen Landwirt­schaft lebhaften Widerhall finden, dast die Spitzenvertretung der deutschen Landwirtschasts- kammern, der gesetzlichen Derussvertretungcn, ihre wichtige Frühjahrstagung 1 92 6 in Darmstadts Mauern abhält. ®ie Tagesord­nung der Dollversammlung enthält sehr wichtige Referate, die von Bedeutung sind für die Geschicke unserer gesamten deutschen Land­wirtschaft, ja unserer gesamten deutschen Wirt­schaft. Don der Aufnahme, die diese Tagung bei dem deutschen Volke, insbesondere bei der Reichs­regierung und den Landesregierungen findet, wird der baldige Wiederaufbau unserer deutschen Wirtschaft und damit unseres Vaterlandes wesent­lich beeinflußt. Man darf, ohne der Bedeutung aller a oberen Berufs stände unseres deutschen Daterlandes zu nahe zu treten, doch sagen, dast der Wiederaufbau unseres deutschen Wirtschaftslebens nur au f einer ge­sunden Landwirtschaft möglich ist. Mögen die trüben Wolken, die heute am poli­tischen Himmel zu beobachten sind, bald verschwin­den. Möge die Tagung des Deutschen LandwirtschaftsratS zum Wohle nicht nur unserer deutschen Landwirtschaft, sondern, des ganzen deutschen DolkeS dienen. 3n* diesem Sinne begrüßen wir nochmals in Darmstadts Mauern, in unserem schönen Hessen­lande, die Bertreter der Deutschen Landwirt­schaft"

Die Tagung ist sehr st a r f besucht, zahl­reiche Vertreter von Reichs- und Landesbehor- den sind zugegen, u. a. der Reichsernährungs­minister Dr. H a s l i n d e. Der Präsident des Landwirtschaftsrates Dr. Brandes - Althof hielt nachstehende Eröffnungsansprache:

Der Deutsche Landwirtschaftsrat ist gern der Einladung der Landwirtschaftskammer für den Freistaat Hessen gefolgt, seine diesjährige 5 6. Dollversammlung in Darmstadt abzu­halten.

Dem Deutschen Landwirtschaftsrat ist es ein Bedürfnis, die Sorgen und Röte der deutschen Landwirtschaft in allen ihren Teilen aus eigener Anschauung ken­nenzulernen und selbst beizutragen zur Festigung des Zusammengehörigkeitsgefühls un­serer Berufsgenossen in allen Gauen des Deut­schen Reiches. Der Bezirk der Hessischen Land­wirtschaftskammer gehört nun schon zwei Jahre lang zu den ausgesprochenen Röt­st andsgebieten, denen man durch Erleich­terung auf steuerlichem und kreditwirtschaftlichem Gebiet doch nur verhältnismäßig wenig hat helfen können. Roch viel schwerer aber wiegt für unser aller Empfinden die Tatsache, dast auf das hessische Land die im Derhältnis zur Fläche größte Besahungslast unter allen deut­schen Gantern fällt. Auch die Abmachungen von Locarno haben daran nichts wesentlich ändern können. Wir hegen den dringenden Wunsch, daß es recht bald gelingen möchte, die Besatzungs- Verhältnisse von Grund auf erträglicher zu ge­stalten.

Der Redner gedenkt dann des Todes zweier ehemaliger Mitglieder des Deutschen Landwirt- schoftsrates. des am 6. August 1925 verstorbenen Amtsrats Dieckmann- Heimburg und des am 14. Dezember 1916 verstorbenen Oekonomierats Lauen st ein- Lübeck, sowie des am 16. April 1926 verschiedenen Präsidenten van der Dorght

Der Redner spricht dann namens des Deut­schen Landwirtschaftsrates der Hessischen Land­wirtschaftskammer verbindlichsten Dank für die freundliche Einladung nach Darmstadt und zur Besichtigungsfahrt in die Weinbaubezirke des besetzten Gebietes aus und begrüßt aufs herz­lichste ten Präsidenten und den Dorstand der Landwirtschaftskammer, ferner die Herren Ver­treter der hessischen Staatsregierung. Wirt­schaftsminister Raab und den Minister des In­nern von Brentano, und die Vertreter der Stadt Darmstadt, die für die Tagung Gastrecht gewährt

Der Redner fährt fort: Meine Herren, wir haben die Ehre, heute zum ersten Male ten neu

ernannten Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Herrn Dr. Haslinde, in un­serer Mitte zu sehen. Ich heiße ihn und die übrigen Herren Vertreter ter Reichsregierung und der Gänterregierungen willkommen. Es ist mir ferner eine besondere Freude, ten Herrn Prä­sidenten ter Rentenbank und ter Gandwirtschaft­lichen Zentralbank. Exzellenz Dr. G e n h e, den Herrn Präsidenten ter Preußischen Staatsbank und ten Herrn Präsidenten der Preußischen Zew- tralgenossenschaftskasse begrüßen zu dürfen.

Ich begrüße ferner die Herren Vertreter der großen Verbände aus Industrie und Gandwirt­schaft. Handel und Gewerbe und alle übrigen Gäste, insbesondere die Herren Vertreter ter Presse, die in so großer Zahl unserer Einladung Folge geleistet haben. Wir danken Ihnen für das Interesse, welches Sie damit an dem Schicksal der deutschen Gandwirtschast bekunden. Der Vor­stand des Deutschen Gandwirtschastsrates hat Ihnen heute mit Zustimmung des Ständigen Ausschusses eine Tagesordnung vorgelegt, aus der sich ohne weiteres der besondere Zweck der diesjährigen Vollversammlung ergibt. Wir wollen noch einmal, wie wir dies schon in Fried­richshafen versucht haben, ter gesamten deutschen Öffentlichkeit, ter Reichsregierung und den Ver­tretern aller anderen Berufsstände ein klares Bild über die Gage der deutschen Gandwirtschaft geben.

Sie alle wissen, meine Herren, daß ter Deutsche Gandwirtschaftsrat als die auf freier Vereinbarung beruhende Zusammenfassung und Spitze her gesamten öffentlich-rechtlichen Berufs­vertretungen. die ihm einst von dem Fürsten Bismarck zugedachte höchst verantwortliche Aufgabe zu erfüllen hat. die Reichsregierung bei allen ihren agrarpolitischen Maßnahmen zu beraten und diese Aufgabe ist heute wohl die dringendste der gesamten deutschen Wirtschafts­politik geworden, wie dies der Herr Reichs­kanzler bereits in seiner Rete auf dem Industrie« und Handelstag in dankenswerter Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht hat.

Den Auftakt unserer Verhandlungen wird ein Referat über die Schuhzollfrage im Gichte der Wissenschaft bilden, welches der Ordinarius für Staatswissenschaften an der Hessischen Gandesuniversität Gießen. Herr Professor Dr. Friedrich Genz, dankenswerter­weise übernommen hat.

Hierauf sprach der Reichsminister für Er­nährung und Gandwirtschaft Dr. Haslinde über die Zukunft der deutschen Land­wirtschaft. Der Minister ging zunächst auf die Bedeutung des Deutschen Landwirtschastsrates und seiner diesjährigen Tagung ein. Unsere schnellebige Zeit habe leider schon jetzt die ein­dringlichen Lehren der gerade verf>ossenen Kriegs­und Uebergangsjahre vergessen, vor allem die Tatsache, daß das Fundament der Ge­sa m t w i r t s ch a f t eines Volkes die ei­gene Urproduktion sei. daß ein Volk nur dann vor schwersten Erschütterungen auf dem Gebiete der Ernährung geschützt sei, trenn es über eine eigene leistungsfähige Land­wirtschaft verfüge. Gerade in der heutigen 3ctt sei es doppelt und dreifach Aufgabe des Staates, diese Erkenntnis wieder Wachzurusen, die in anderen Ländern längst Gemeingut des gesamten Volkes sei. Fast in allen Ländern seien in der Nachkriegszeit große Agrarprogramme aufgestellt worden, mit denen man zielbewußt darauf hinarbeite, die eigene Wirtschaft in bezug auf die Ernährung weitestgehend.vom Auslande unabhängig $u machen. Wichtiger als die Kritik an der Vergangenheit erscheine ihm die Vor­sorge für d i e Zukunft.

Es müsse auch in Deutschland zu einem AU- gemeingut staatsbürgerlichen Denkens werden, daß die Landwirtschaft der erstgeborene Wirt­schaftszweig, das Fundament der Gesamtwirt- schäft sei, und daß handel und Industrie nur dann zur höchsten Blüte sich entfalten könnten, wenn sie in einer gesunden und blühenden Landwirtschaft ihren stärksten Absatz und Rück­halt sanden.

Um diese Erkenntnis zu vertiefen, sei es auch er­forderlich, daß die Landwirtschaft bei allen wirt­schaftlichen Organisationen, die der Regierung be­ratend zur Seite stehen, ihrer Bedeutung entspre­chend stärker vertreten und bei allen inter­nationalen wirtschaftlichen Veranstaltungen in einer ihrer würdigen und angemessenen Weise beteiligt werde.

Auf der anderen Seite richte er aber an d i e deutsche Landwirtschaft den Appell, mit allen Mitteln daran zu arbeiten, daß die (Er­nährung des deutschen Volkes nicht nur guantitatio sichergestellt, sondern daß auch die Bedürfnisse des inneren Marktes unb die Wünsche und Ansprüche des Publikums in bezug auf Qualität, Verarbeitung und Verpackung usw. mehr als bisher berücksichtigt würden. Er sei überzeugt, daß es der deutschen

Landwirtschaft durch entschlossene Selb st Hilfe und mit Unter st ützung und Förde- r n n g von Reich und Staat gelingen werde, den ihr gestellten großen Aufgaben gerecht zu werden.

Auf dem augenblicklich brennendsten Gebiete der K r edi t re g e l u n g sei sein Ministerium eifrig bemüht, durch weitere Aus­dehnung ter Aktion der Golddiskontbank sowie durch vermehrte Unterbringung von Pfandbriefen zur Finanzierung landwirtschaftlicher Hypotheken auf dem Indiandmarkt die Uebcrfüljrung der kurzfristigen Schuldverbindlichkeiten in langfristigen Realkredit nachdrücklichst zu fördern. Die Reichs­regierung werde es sich besonders angelegen sein lassen, auf eine weitere Ermäßigung der Zinssätze hinzuwirken. Besondere Vorbereitungen seien im Gange, durch ausreichende Fi­nanzierung der Ernteerz eug niffe deren allmähliche Verwertung zu ermöglichen, damit nicht die Zeit der Ernte für den Landmann zu einer Zeit der Notverkäufe werde. Auf dem Getreitemarkt falle hier ter neuen Getreidehantelsgesellfchaft eine Hauptauf­gabe zu.

Der Vertreter ter hessischen Regierung, ter Minister für Arbeit und Wirtschaft, Raab, entbot Grüße der hessischen Regierung. Er sprach von ten Schönheiten Hessens, aber auch von ten landwirtschaftlichen Nö­ten. Die Verhandlungen in Darmstadt möchten dauz beitragen, das Verständnis für die be­rechtigten Klagen der Landwirtschaft zu verbreiten und zu vertiefen.

Der Präsident der Hefs. Landwirtschaft^' kammer. Oetonomierat Hensel, gab ter Freute Ausdruck, daß diesmal Hessen, Darmstadt, als Tagungsort gewählt wurde. Er entbot Grüße der Landwirtschaftskammer und ter hessischen Landwirte. Bei vielen hessischen Landwirten herrsche große Not wegen ter beiten letzten Mißernten und der Avsatzschwierigfei ten. Sie machten aber alle Anstrengungen, um die Schul­denlast zu verringern. Einen Hoffnungs­strahl auf Besserung hätten die Reden te« Reichsernährungsrni nisterS geweckt, aber den Worten müßten auch Taten folgen. (Lebhafte Zustimmung.)

Oberbürgermeister Dr. G l ä f f i n g hieß die Anwesenden im Namen der städtischen Derwal- tung und ter Stadtverordneten-Versammlung in Darmstadt herzlich willkommen.

Dr. jur. et phil. Friedrich Lenz, ord. Pro­fessor der wirtschastlichen EtaatswUsenschaften an der Tlniversität Gießen, ging hierauf in sei­nem Referat über

Die Schutzzollfrage im Lichte der Wissenschaft" von den Widersprüchen aus. in denen die W'.rt- fchaftswissenschast dem Schutzzoll gegenüber feit zwei Jahrhunderten befangen fei; noch die De­batten imVerein für Sozialpolitik" 1924 sowie im Reichswirtschaf Israt 1925 hätten gezeigt, daß die Gelehrten sich uneins seien, und daß ihre Voraussagen keineswegs zuträfen.

Zwar fei die Wissenschaft weder befugt noch verpflichtet, den Gang der Wirtschaftspraxis oder der Politik vorherzusagen: wohl aber folge aus dem Namen und Begriff derTheorie", daß sie eine volle Anschauung der lebendigen Wirklichkeit biete. Die wirtschaftliche Theorie auf Weltver­kehrsfreiheit zu gründen, genüge offenbar nicht. Denn eine derart gereinigte .,Sozialökonom.k" gehe von den unbewiesenen Annahmen eines dauernden Weltfriedens und weltwirtschaftlicher Interessenharmonie aus: intern sie alle ge­schichtlich-politischen Bestimmungsgrünte unseres Weltbildes ausschalte, empfehle sie den Frei­handel als grundsätzlich allein richtig, fie trete also der Praxis und tem Staate mit dem An­spruch auf absolute Gültigkeit entgegen. Die FrageSchutzzoll oder Freihandel" könne mit den Teilwahrheiten und Wunschbildern ter Frei- handelsdolirin niemals entschieden werden: hierzu sei allein eine Wissenschaft imstande welche alle wesentlichen Deyriftsmerkmale unserer inter­nationalen Wirklichkeit entfalle.

Llnzulänglich sei es, die ..imperialistische" Gegenwart als Ausdruck ..nationalistischer" Ver­giftung undwirtschaftlicher Unvernunft" abtun au wollen. Sie drücke im Gegenteil Öen wirt- fchaftlich-politifchen Sinn der neuen Weltepoche aus. Schon List habe kleinere Volkswirtschaften, größere Nationalwirtschaften und Imperialwirtschaften unterschieden. Aus­sichtslos scheine der Versuch, vom Deutschland des Versailler Vertrages aus den Weltfreihandel zu propagieren Alles, was wir tun könnten, sei. uns handelspolitisch einiger maßen erträglich in dieser ilmtodt einzurichten

Der deutsche Binnenmarkt habe vor tem Krieg 70 Prozent aller deutschen Fabrikate auf genommen: heute eher noch mehr. Der 5 in­ne n m a r f t gehe dem Export vor. wie die Pflege der inländischen Bevölkerung oder

Di? Flaggenoerordnung.

(Sine Erklärung Strcscnianns.

Berlin, 7. Mai. (WTB. Funkspruch.) Ein Mitarbeiter des WTB. befragte ten Reichs­außenminister über die Flaggen Verordnung. Dr. 6t refemann führte in feiner Antwort u. a. aus:Die Flaggenfrage wuchs sich seit Jahren bei ten ausländischen Reichsvertretungen zu schweren Konflikten zwischen diesen und ten Angehörigen der deutschen Kolonien aus. Namentlich die Deutschen in ileberfee hängen mit Liebe an der alten Reichs­flagge. Die deutschen Behörden haben selbst­verständlich den Auftrag, die amtliche Reichsflagge Schwarz-Rot-Gold zu hissen. Der Streit zwischen den deutschen Kolo­nien, die noch bis heute zu neun Zehnteln Völlig Schwarz-Weiß-Rot einge­stellt sind und ten deutschen Vertretern hat zu unliebsamsten Vorkommnissen geführt, da in ver­schiedenen Ländern nur die verfassungSmäßi- gen Flaggen anderer Länder gestattet sind, paben die Deutschen in diesen Ländern die Flagge LhreS Gastlandes statt der deutschen Flagge ge­logen. Es besteht die Gefahr, daß die d e u t- sche Flagge in vielen Ländern über­haupt nicht gezeigt wird. In der Rete des Reichskanzlers Dr. Luther bei der Trauer­feier für Ebert ist eine Mitteilung enthalten über das Verständnis und die prinzipielle Zu­stimmung. die auch Ebert speziell der Regelung dieser Flaggenfrage entgegenbrachte. Die Erwä­gungen bewegten sich auf der Basis, daß die verfassungsmäßige Handelsflagge unserer Schifte neben der TteußSflagge von unseren Missionen geführt würde, daß antererfeitS die Deutschen im Auslande diese verfassungsmäßige Flagge anerkannten. Vor wenigen Jahren stimmte die temokritische ReichstagSfraktion geschlossen für die Beibehaltung derGeltung der alten schwarz-weiß-roten Flagge für ,fie. Wenn man sich jetzt darüber aufregt, daß zwei Flaggen über deutschen Gesandtschaften wehen sollen, so stelle man sich doch einmal die Diskrepanz vor, daß die deutsche, am Hasen lie­gende Auslandsvertretung eine andere Flagge zeigt, als die draußen liegenden deutschen Schisse. Aus die Frage, ob bei der Verordnung poli­tische Momente eine Rolle gespielt hätten, antwortete Dr. Stresemann: Inner- politische Momente kamen über­haupt nicht für die Reichsregierund in Be­tracht. Dafür bürgt doch zunächst bte Einstim­migkeit teS Kabinetts. Die sozialdemokra­tische Interpellation gegen die Flaggen­verordnung fragt u. a. die Reichsregierung, ob fie sich nicht klar über die Bedenklichkeit wäre, die alte kaiserliche Flagge im Auslande zu hissen. Es ist mir nicht bekannt, daß zu kaiser­liche nZeiten die Handelsflagge die schwarz-rot- goldene Gösch geführt hätte. Der Minister schloß, die Verordnung wird fein anderes Ergebnis ha­ben, als jenes, durch das ter verstorbene Reichs­präsident das Deutschlandlied zur National­hymne erklärte, nämlich: Einseitig partei­politisch monopolisierte Gefühls­werte für den deutschen Gegenwartsstaat zu retten und ihm dadurch neue Anhänger zuzu­führen. Eine Verletzung der Verfas­sung wäre im übrigen einem Manne toie dem Reichspräs i deuten von Hinden­burg völlig unmöglich, genau so unmög­lich, wie es ihm aber auch ist, die ihm durch die Verfassung zu stehenden Rechte aufzu­geben.

Abbruch öer Rifverhcmdlungeu.

Abreise der Delegationen.

Paris, 6. Mai. (TA.) Rach einem amtlichen havastelegramm aus U d I j d a sind die Ver­handlungen mif ten Rifdelegierten heute end- gültig abgebrochen worden. Das ojfizielle Communiquö gibt genaue Einzelheiten über den Verlauf ter letzten, heute vormittag stattgehabten Sitzung bekannt. Die Rifbeleg ierfen haben durch Azerkane erklären lassen, baß sie bie früher auf ble französisch-spanischen Bebingungen gegebene Antwort in vollem Umfange aufrecht erhalten. Zum Austausch b e r Gefangenen erklärte Azerkane, baß bie Rif- leute nur 25 Franzosen und 25 spanische, kraule, verwuntete und Kinder inbegriffen, gegen 50 Rif- gefangene austaufchen würden. Der Vorsitzende der französisch-spanischen Delegation, General Simon, erklärte daraus, im Auftrage ter spanischen und französischen Delegation, daß es sich erübrige, weiter zu verhandeln und daß die Besprechungen damit abgebrochen seien. Die Risdelegierten treten heute die Rückreise nach dem Risgebict an. Die Feindseligkeiten werden wahr- scheinIich bereits morgen wieder aus­genommen. ftavas meldet, man habe den Ein­druck, daß die Ri delegierten sich während der gan­zen Feit ter Verhandlungen über bie Verhandlun­gen lustig gemacht hätten. Sie wären sich ter Tf" weite der Verhandlungen nicht einen Augenblick be­wußt und trugen bis zum letzten Augenblick Gleich­gültigkeit zur Schau. 3n Paris hat die Rachricht von dem Abbruch der verhandtungen großen Eindruck gemacht Die Stellung te* Generalgouverneurv Steeg gilt als schwer erschüt­tert. Steeg war es, der die jnitiafw** zu den Ver­handlungen ergriffen hat

Nach einer amtlichen Meldung werden die Feindseligkeiten in Marokko von spa­nisch-französischer Seite heute um Mitternacht wie­der aufgenommen. Die Rifdelegierten sind

heute abend ins Rifgebiet zurückgekehrt. Azerkane erklärte vor seiner Abreise, der Krieg sei unver­meidlich.

Im Femeausschutz des Preußischen Canbtacs.

'Berlin, 6. Mai. Im Ferneausschuß tes Preußischen Landtages tourte ter wegen Ermordung Dammers am 11. Dezember 1925

zu acht Jahren Gefängnis verurteilte 20jährige Grütte-Lehder vernommen Der Zeuge schildert eingehend, wie er sich ten völkischen Abgeordneten W u 11 e und Ahlemann ge­nähert habe und sich mit Ahlem arm über das Attent a t auf den Minister Severing ausgesprochen habe Der Zeuge will auch mit dem Abgeordneten Wulle über ten Mordplan gesprochen haben, jedoch habe dieser sich sehr vorsichtig ausgedrückt. Dem Zeugen fei dann

der Plan zu gefährlich vorgelommen und * hohe beabsichtigt sich dem verhängnisvollen Einfluß der Abgeordnetenzu entziehen Der Zeug schil tert weiter ten Mord an Dammer ten er nur auSgefübrt habe, um eine Katastrophe von seiner Partei abzuwenden. Nach ter Tat Hab­er dann tem Abgeordneten Wulle in nicht m n zuverstehender Weise von ter Ausführung te Tat Kenntnis gegeben.