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176. Jahrgang
Nr. 5 Erstes Blatt
Donnerstag, 7. Januar 1926
GießenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Der
Von unserem E. S.-Derichtersl aller. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Konstantinopel. Sanuar 26.
Die Türkei ist nicht zufri^>en mit sich. Zur Durchkämpfung eines politischen Streitfalls gehört eben nicht nur die älnbeugsamkeit und der Mut zur Halsstarrigkeit, sondern vor allem auch taktische Klugheit undbiPlomatisches Geschick. Die in Genf gefallene vorläufige Entscheidung im Mosfulkonflikt dre England das strittige Gebiet zusammen mit dem ^raf als Mandat zuspricht, ist nicht gerade ein Beweis für die türkische Geschicklichkeit. Die türkische Politik hat in den letzten Jahren eine Reihe schwerer Fehler gemacht und hat den richtigen Zeitpunkt zu einem energischen militärischen Eingreifen im Mossulgebiet verpatzt. Außerdem hat sie nicht verstanden, die scharfe Konkurrenz der Engländer uni) Amerikaner um die strittigen reichen Oelgebiete zu ihren Gunsten genügend auszunuhen, trotzdem diese Gelegenheit doch wirklich günstig war. Die englischen Versuche, eine Einigung mit den Amerikanern herbeizuführen, sind vorläufig völlig gescheitert, aber die Türken haben es versäumt, diesen Streit dazu zu benutzen, alle PetroleumskonzessIonen im Wilajet Mossul den politisch nach Lage der Dinge ungefährlichen Amerikanern oder den Deutschen zu übertragen.
Auf jeden Fall aber bedeutet die Entscheidung des Volkerbundsrats in Genf nur eine v o r- läufige und keine endgültige Erledigung der Mossulfrage. Jetzt ist der Kanrpf um Mossul in sein eigentlich akutes Stadium getreten und man darf mit Spannung die für ganz Europa und Asien wichtige weitere Eni Wicklung des Problems abwarten. Die entrüstete türkische Ablehnung und das erste KrieaSgeschrei, das sich an die Beratungen des türkischen Genecalstabes knüpfte, sind verstummt. Es mag gleich vorweg bemerkt werden, datz in Wirtlichkeit wohl auch keine Kriegsgefahr besteht. Der Kampf wird sich auf diplomatischem Gebiet abspielen, und zwar unter Einbeziehung all der anderen asiatischen Probleme und vor allem der Frage wow i etr u tz la nds. Das türkische Verhältnis zu Ruhland bedarf zunächst einer gewissen Tleber- prüfung. Man hat sich in den vergangenen Jahren fast allein an die Sowjetmacht angelehnt und das übrige Europa links liegen lassen. Jetzt hat der Vertrag von Locarno mit seinen bekannten Auswirkungen im englisch-russischen Gegensatz die Folge gehabt, datz man sich etwas eingehender auch mit den übrigen Problemen Europas beschäftigt. Wenn sich die Türkei trotzdem fester an wowjetruhland angeschlossen hat, so darf dies gewiß nicht dahin gedeutet werden, datz die Regierung in Angora jetzt etwa jede Absicht, gerade mit Deutschland neue Fäden airzuknüpfen, aufgegeben haben. - Der erste grohr Miherfolg hat den türkischen Politikern den Blick geweitet.
Viel Hoffnung darf die Türkei auch für den Ausgang des diplomatischen Kampfes nicht haben. England ist an und für sich in einer günstigeren Lage, stützt es sich doch auf eine angeblich ganz neutrale Entscheidung, die internationale Gültigkeit hat. Mag auch der Tod Lord Curzons für die Asienpolitik einen schweren Verlust bedeuten. so ist doch andererseits zu berücksichtigen, datz die Türkei keinen Staatsmann von Qualitäten hat. die ihm Aussichten in einem Kampf gegen das altbewährte System der englischen Politik gäben. Der britische KolonialsekretärA in e r y hat die orientalischen Dinge bisher anscheinend recht geschickt behandelt und es kommt hinzu, datz im Iras, insbesondere gerade in seinem nörd- liebsten Teil, dem strittigen Wilajet Mossul. die britische Politik von Ratur aus sehr günstige Positionen hat. Iedenfalls weit günstigere. als in Aegypten und vielleicht sogar als in Indien mit seinem alten traditionellen Hatz gegen die fremden Bedrücker.
Die türkische Bevölkerung des Mossulbeziris mit ihren etwa 60 000 Köpfen ist so wenig zahlreich, datz hier für die Zukunft von einer aktionsfähigen türkischen Irredenta eigentlich keine Rede fein kann. Selbst die christliche Bevölkerung, Armenier und nestorianische Syrochal- däer ist viel zahlreicher als die türkische, und es kommen noch 55 OOO Juden hinzu. Die Haüptbevölkerung aber besteht aus Arabern unö Kurden, von denen die ersteren zum Teil Sunniten, zum Teil Schiiten sind und sich untereinander vielfach befehden. Beide Völler könnte die Türkei bis zu einem gewissen Grade für sich in Anspruch nehmen, aber die Kurden gerade dieses Gebietes sind zu einem beträchtlichen Teil nicht Mohammedaner, sondern ein streng abgeschlossenes Leben führende Iesiden.
Diese ethnographischen und konfessionellen Verhältnisse mit ihren vielfachen inneren Gegensätzen bilden einen sehr günstigen Boden für die britische Herrschaft, die hier besonders leicht nach ihrem alten Gramdfahe ..oivide ct impera", teile und herrsche, verfahren kann. Dazu kommt noch, datz die von Lord Curzon eingefädelte kluge Irak- Politik dem genannten Gebiet eine autonome, nur von England kontrollierte Selbstverwal- t u n g belassen hat, während in nächster Rachbarschaft die Franzosen Syrien wie eine französische Kolonie behandeln und dadurch den Drusenaufstand mit seinen verhängnisvollen Folgen entfachten. Diese Ungeschicklichkeit der Franzosen ist besonders geeignet, die Weitherzigkeit der Engländer zu unterstreichen und damit die Position der britischen Politik zu verstärken.
Kampf um Mossul.
So sehr auch die Türkei das formelle, vom Bölkerbundsrate so völlig übersehene Recht auf ihrer Seite hat, so hat sie doch kaum eine Aussicht, auf diplomatischem Wege dieses Recht zu behaupten. Was die Llnterstühung der Türkei gegenüber den britischen Ansprüchen durch seine Rachbarn betrifft, so kommt natürlich alle# darauf an, was die S o w j e t p o l i t i k in dieser Beziehung zu erreichen vermag. So erscheint das Mofsulproblem als ein Prüfstein für die Kraft und die Fähigkeit der Sowjetunion, ein asiatisches Land gegen die älebergriffe der britischen Weltherrschaft zu schützen. Allzuviel wird die Türkei in dieser Hinsicht von seinem nördlichen Rachbarn wohl kaum erwarten dürfen, vor allem schon wegen der jetzt offenbar ziemlich trostlosen finanziellen Lage Sowjetrutzlands. Andererseits hat Stalin in seiner letzten Rede über die auswärtige Politik Sowjetrutzlands. die auf eine energische älnterstützung aller benachteiligten Länder gerichtete Tendenz besonders klar und scharf formuliert. Persien würde bei seiner opportunistischen Politik, trotzdem Kemal Pascha und Riza Chan die freundschaftlichsten Beziehungen zu einander unterhalten, im Ernstfälle doch nichts mehr als eine wohlwollende Neutralität zu bieten haben. Das Gleiche gilt von Afghanistan, das sich in letzter Zell wieder mehr nach der englischen Selle zu neigen scheint.
So wird die Sowjetunion Wohl auch in dieser Frage wieder die schmerzliche Erfahrung machen müssen, datz letzten Endes das Geld, das europäische Kapital, der Sieger bleibt und den lang umstrittenen Platz behauptet.
Die Verhandlungen in London.
Die Bediugmrqe» der Türkei.
Paris, 7. Jan. (TU.) Aus Angora wird gemeldet, datz der .Kabinettsrat ein Programm für die Verhandlungen mit Großbritannien ausgearbeitet hat. Die einzelnen Punkte sind folgende:
1. Ablehnung wirtschaftlicher Vereinbarungen mit Grohbritannien, die als Kompensationen für den Verlust non rNoslul an- geboten werden.
2, Geltendmachung dec Rechte der Türkei aus Bloss ul unter Berufung auf die Bestimmungen des Vertrages von Lausanne.
3. Erneute Bekräftigung des Standpunktes, datz jede vom vötkerbundsrat getroffene Entscheidung für die Türkei keinen bindenden Lharak- t e v hat.
4. Die Türkei wünscht einen bewaffneten Konflikt zu vermeiden.
5. Betonung der Absicht der Türkei, mit Eng
land ein Ab k o m m e n für einen bestimmten Zeitraum abzuschliehen, das jeweils zu erneuern wäre.
6. Durchführung der völligen Entmilitarisierung der strittigen Zone während der Dauer dieses Abkommens.
7. Einräumung der Transitrechte für Ba- sora und Bagdad.
8. Uebernahme der Verpflichtung durch Grotz- britannien, im Orient keinerlei antitürkische Propaganda zu treiben.
Diese acht Bedingungen sind Ferid Bey mitgeteilt worden, der sie der britischen Regierung zur Kenntnis bringen soll. Trotz der Befriedigung, die in englischen Diplomatenkreisen Über die gestrige älnterredung Baldwins mit Ferid Bey an den Tag gelegt wird, erfährt der Londoner Berichterstatter der „Information", datz man auf Seiten der auswärtigen Diplomaten keinerlei Optimismus hege. Man befinde sich noch immer in einem, Engpaß. Die Verhandlungen würden lange und schwierig sein. Die gegenwärtigen Verhandlungen gingen im wesentlichen auf das Angebot hinaus, das Baldwin am 22. Dezember gemacht habe, wonach die Türkei für die Annahme der in Genf festgelegten Mossulgrenze große englische Kredite für den wirtschaftlichen Wiederaufbau erhalten solle. Die Türkei scheine dieses Angebot wenig befriedigt zu haben. Sie halte zwar daran fest, daß die Verhandlungen nicht abgebrochen werden dürften, aber sie wolle die Grenzziehung von Genf nicht anerkennen. Bisher sei zwischen dem englischen und türkischen Standpunkt keine Annäherung zu verzeichnen und es bestehe wenig Aussicht auf eine Einigung, solange beide Parteien auf ihren Forderungen beharren.
General Fengs Reise nach Moskau.
Reuchork, 6. Ian. (TA.) General Feng Iu Slangs vorläufiger Rücktritt aus dem politt- schen Leben Chinas hat im Fernen Osten groß- tes Aufsehen hervorgerufen. Die wilbestetr Gerüchte kursieren über die nächsten Absichten des Generals. Angeblich aus Furcht, von Tschang Tso Lin dieselbe Behandlung wie Genera! Kuo Sun Ling erleiden zu müssen, habe er das Schlachtfeld von Tientsin geräumt. Andererseits nimmt man an, datz der Generäl seine bereits angekündigte Auslandreise zu einem längeren Aufenthalt in Moskau benutzen werde, wo neue Feldzugspläne mit Rutzla nds Hilfe geschmiedet werden dürften. In Tokio herrscht bereits lebhafte Unruhe über Fengs Haltung nach feiner Rückkehr aus Moskau. In China selbst wird jetzt W u p e i f u wieder mehr in den Vordergrund treten.
Die Regierungsbildung.
Des Reichskanzlers Rückkehr nad) Berlin.
Berlin, 7. Ian. (TU.) Wie die Telunion erführt, lehrt Reichskanzler Dr. Luther am heutigen Donnerstag von bem Urlaub zurück. auf Dem er sich zür Erholung über Weihnachten und Reujahr befand. Reichspräsident von Hindenburg wird ihn bereits in den nächsten Tagen mit der Bildung des neuen Kabinetts beauftragen. Dr. Luther wird sich bann sogleich mit den Mittelparteien in Verbindung setzen, um sie zum Eintritt in sein neues Kabinett zu bewegen. In unterrichteten politischen Kreisen rechnet man Damit, datz diese Parteien sich angesichts der schädlichen Auswirkungen der langen Kabinettskrise Herrn Dr. Luther nicht versagen werden, und datz ein solches Kabinett im Reichstag auch eine Mehrheit finden würde. Grotze Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der Entscheidung zu, die der Parteivorstand des Zentrums mit den beiden Zenirumsfraktionen in der für Sonntag anberaumten Zusammenkunft treffen wird. Wie in Zentrumskreisen verlautet, würde Dr. Luther, falls er schon vorher an Die Parteien herantreten sollte, voraussichtlich gebeten werden, sich mit Der Beantwortung bis nach Sonntag zu gedulden.
Voraussichtlich werden die Sozialdemokraten auf Betreiben ihres koalitions- frundlichen Flügels noch einmal über die Frage der Großen Koalition abstimmen, jedoch wird a:-.g2tzchls De: Vereinzelung der Koalitionsfreunde innerhalb der Partei damit gerechnet, datz die
Große Koalition abgelehnt wird.
Diese Entscheidung dürfte auch für Die weitere Haltung Der Mittelparteien von besonderer Bedeutung sein.
Die dem Reichsauhenminisier Dr. Sttese- mann nahestehende „Tägliche Rundschau" schreibt zur Rückkehr des Reichskanzlers nach Berlin und zur Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Regierungsbildung u. a. folgendes :
Es ist nicht damit zu rechnen, daß vor Dr. Luther eine andere politische Persönlll-keit dazu ausersehen wird, die Verhandlungen mit der Sozialdemokratie noch einmal zu erneuern. Es kann indessen sehr wohl eine Verzögerung ein» treten, weil bei dem Zentrum und bei den Demokraten der Gedanke der Grotzen Koalition noch nicht fallen
gelassen wvrden ist. Auch innerhalb Der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion ist eine Gruppe vorhmrden. Die es für angebracht hält, noch einmal eine Abstimmung der Fraktion über die Frage der Regierungsbeteiligung herbeizuführen. Da die Zentrumsfraktion sich zweifellos für nochmalig e Verhandlungen mit der Sozialdmokratic aussprechm wird, so wird Die Frage Der Großen Koalition sicher in der nächsten Zeit noch einmal akut werden. Die Verhandlung er, sind aber von vrnherein aussichtslos, da sich an Der Stellung Der führenden sozialdemokratisch en Abgeordneten nichts geändert hat. Gewiß gibt es auch namhafte Sozialdemokraten, die für die Grotze Koalition in Den letzten Tagen eingetreten sind. Dazu zählen der preußische Ministerpräsident Braun und Der Innenminister Severing. Reichskanzler Dr. Luther wird die Verhandlungen sicherlich sofort nach seiner Berufung aufnehmen. Wenn Dr. Luther, wie es ihm zugeschrieben wird, ein Kabinett der Köpfe oder der neutralen Persönlichkeiten zu bilden beabsichtigt, so trifft das wohl nicht das Richtige.
Sein Ziel ist die Bildung einer parlamenla»- rifchen Regierung
urrd die andere Lösung käme wohl erst in Frage, wenn eine große Partei sich weigern würde, an Der Regierungsbildung teilzunehmen. Don welcher Dauer Die Regierungsverhanalungen sein werden, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird jede'efllls b i ihrer Führung nicht aus den Augen vertieren dürfen, daß wichtige innen- und außenpolitische fragen der Lösung durch ein aktionsfähiges Kabinett harren, und daß deshalb Eile geboten ist. Daß ein Kabinett der Mitte von Bestand sein kann, ist nicht zu bestreiten. Es wird bei seiner Vorstellung vor Dein Reichstag ein Billiaungsvotum erhallen, die Sozialdemokraten werden Stimmenthaltung üben.
Noch an die Sozialdemokratie.
Stuttgart, 6. San. (Wolff.) In einer Rede in der Landesversammlung der. Deutsch Demokratischen Partei Württembergs machte Reichsminister a. D. Ko ch Ausführungen zur Frage der Regierungsbildung im Reiche. Er betonte, datz Das Ziel der Außenpolitik auch im Innern einigend für alle fein müsse, die sie machten. Was die Sozialdemo.
kratie und die Deutsche Dolkspartei hierin trenne, seien Kleinigkeiten. Daher müsse es die Aufgabe der Parteien von der Sozialdemokratie bis zur Deutschen Volkspartei fein, sich über ein Z u» sammengehcn zu verständigen. Man solle Den ©eift von Locarno auch einmal nad) innen anroenDen. Es sei doch möglich, Daß Diese Parteien sich verstänDigen, Die endlich einmal Die Schläge vergessen sollen. Die sie sich im Partei» geplänkel gegenseitig zugesügt hätten. Man sage nun, Die Zeit hierfür sei noch nicht gekommen. Wenn Die Sozialdemokratie Das Angebot Der Drei bürgerlichen Parteien ablehne, so merDe es ihr ergeben wie Dem Kaiser unD Holstein, als sie 1895 Das englische BünDnisangebot ablehnten, Denn Damals habe sich trotz wiDerstrebender Interessen Eng- lanD mit RußlanD gegen Deutschlan.D geeinigt. Die Deutsche Volksvartei merDe nicht immer bereit sein, mit Der SozialDemokratie zusammenzugehen, heute sei sie es. Es wäre Das Verkehrteste, wenn sich Die SozialDemokratie in Den Schmollwinkel zurückziehen wolle. Vor ein paar Tagen sagte Der sozialDemo- kratische AbgeorDnete Müller-Franken, Die So» zialDemokratie mache bas Experiment Der ©roßen Koalition nicht mehr mit. Für Die Deutsche Demo- kratische Partei hanDle es sich nicht um ein Experiment, sonDern u m eine Pflicht. Auch für b i t? Parteien gelte Der Ruf: Das VaterlanD ruft! Es sei eine prinzipielle Frage, ob Die SozialDemo- kratie mitmache unD gleichberechtigt in Die Front für Die Republik eintrete, ober ob Die SozialDemokratie sich a l s Klassenpartei abfonDern wolle, bis sie Die Mehrheit habe. Man müsse Die Frage stellen, wie Denn Der Parlamentarismus in DeutschlanD BoDen finden solle, wenn man ihn nur kümmerlich mit Minderheiten fortsetze. Die Sozialdemokratie müsse sich zur Mitarbeit bekennen. Jede andere Lösung sei nur eine Notlösung. Daher sei es Pflicht, in dieser Stunde, einen letzten Appel! an Die große sozialDemokratische Partei zu richten. Das Vaterland in dieser Stunde nicht im Stich zu lassen; denn wenn die Sozialdemokratie diesmal fernbleibe, so werde Dem GeDanken Des Parlamentarismus in Deutschland eine tiefe Wunde geschlagen.
Tirard sabotiert Locurno. französische Stimmen für seine Aböerusung.
Paris, 6. Ian. 02.11) Der Abgeordnete Uhry weift in der „Ere Rouvelle" nach, datz die Rückwirkungen des Vertrages von Locarno auf das Rheinlandregime bisher noch nicht zur Auswirkung gelom- men sind. Sv fei die Verordnung 308 der Rheinlandkommission, wonach im Rheinland von der Zivilbevölkerung funkentelegraphische Empfangs st ationen eingerichtet werden dürften, noch immer nicht in ^raft getreten, weil die Besatzungsbehörden daS dazu notwendige militärische Reglement noch nicht her- ausgQegeben haben. Die Verordnung wurde der Rheinlandkommission durch Den Qai d'Orsey auserlegt. Man habe aber den Eindruck, datz der Oberkommissar Tirard ihre Ausführung absichtlich verzögere. Da aller Grund zu der Annahme bestehe, datz die deutsche Regierung in dieser Sache eine Beschwerde in Paris erheben; werde, sei es Aufgabe der französischen Regierung. Schritte im Sinne einer beschleunigten Inkraftsetzung der Verordnung zu unternehmen, älhry richtete zum Schluß heftige Angriffe gegen Tirard, dem er den Vorwurf einer verschwenderischen Amtsverwaltung macht unb fordert seine sofortige Abberufung.
Derwilson-Kriedenspreir.
Dr. Stresemann Lehnt ab.
TU. Paris, 6. Ian. Rach einer Rew Porter Meldung der Pariser .Times" hat die Woodrow Wilson-Stiftung beschlossen, für das Iahr 1925 keine Preste zu verteilen, weil einer der drei Unterhändler von Locarno, Herr S t r e s e m a n m die Annahme des Preises mit der Begründung abgelehnt habe, datz Wil- s o n durch die Richtanwendung seiner 14 Punkte Deutschland schwer geschädigt hätte. Der Preisträger für 1924 war Lord Robert Cecil. Rach dem soeben veröffentlichten Bericht war beschlossen worden, den Preis in diesem Iahr unter Briand, Chamberlain und Stresemann zu verteilen. Wie die Telunion von zuverlässiger Stelle hierzi^ erfährt, ist es richtig, daß wegen der Verteilung des Wilson-Preises auch mit dem deutschen Außenminister eilte Fühlungnahme erfolgt ist. DieVer- leihung des Preises war aber, soweit hier bekannt ist, an die Voraussetzung geknüpft, daß die in Aussicht genommenen Preisträger den Preis persönli'ch am 23. Dezember, dem Geburtstag Wilsons, in Rew Pork oder Washington in Em p f a n g nehmen sollten. Es war klar, d lß es dem Außenminister in der jetzigen politischen Situation unmöglich gewesen wäre, Deutschland zu verlassen. Das ist dein Komitee auch mitgeteilt worden. Irgendeine politische Stellungnahme des Außenministers ist aber im Zusammenhang mit dem Wilson-Präs in keiner Weise erfolgt. Vermutlich haben diese Gründe der Ablehnung auch bei den genannten anderen Staatsmännern Vorgelegen.
Eine neue geirungsgründung in SSratzburg.
Paris, 7. Ian. (WTD. Funkspruch.) Wie »Echo de Paris" meldet, ist in Straßburg eine Tageszeitung unter dem Titel „D i e Brück e" erschienen, die an die Spitze der autonomistischen Bewegung treten und täglich zweimal erscheinen


