christlichen Kirche, sondern ebensogut kirgisische Mullcchö oder buddhistische Pr'.ester der einzelnen asiatischen Republiken un dieser Beziehung tennt der Bolschewismus keine Unterschiede. Aber die Ergebnisse solcher Prozesse sind nicht zu unterschätzen. Einmat verliert natürlich ein Priester, der so unschön verleumdet wurde, jede Autorität in der Öffentlichkeit und ist für die Kirche verloren, Dann aber gelangen diese Geschichten durch die „Prawda" und »Jswestija" ins Ausland, wo man über einen derartigen anscheinenden Sittenver'all der russischen Priesterschaft den Kopf schüttelt und ihn sich nicht zu erklären weih, weit man eben nicht viel mehr als die äußere Form dieser Slondalprozesse kennt.
Die andere Methode bezweckt die Herbeiführung von Uneinigketten unter den Geistlichen selbst und unter den Anhängern der Kirche. Eine Folge solcher Differenzen ist dann die Sektenbildung. Auch in dieser Hinsicht hat die Tscheka bereits größere Erfolge gehabt. Am besten verdeutlicht die peinliche Situation der Kirche ein typischer und häufig sich ereignender Fall: Die Tscheka verhaftet unter einer beliebigen Anklage einen Geistlichen. Durch allerlei tteinliche Mittelchen mit deren Beschreibung wir uns hier nicht aufhalten können, so interessant und bezeichnend sie auch für den Bolschewismus sind, wird der Betreffende genötigt, Vie .Borschläge" der politischen Behörde anzu- nehmen. Er bestätigt nun schriftlich den Empfang einer gewissen Summe und gründet noch Den Weisungen der Tscheka eine besondere Religionsgemeinschaft, die sich von der landeslirch- lichen Anschauung in einigen Punkten wesentlich unterscheidet. Dieses merkwürdige Berfahren findet nun keineswegs die volle Billigung der bisherigen Mitglieder seiner Kirche. Sie lehnen ihn entweder ab und teilen sich in eine für ihn und gegen ihn stimmende Gruppe, von denen die letztere sich wieder ihren eignen Geistlichen wählt. Aber damit noch nicht genug; Die Kollegen des Reformators geraten selbst mit ihm in Streit. Auch sie sind Über diese unbegründete Spaltusg uni) Absonderung, die für die Kirche doch sehr schädlich wirkt, recht erbittert. Die Bolschewiken, die hinter den Kulissen dieser Komödie arbeiten, freuen sich am bloßen Zusehen des von ihnen in Szene gesetzten Schauspiels. Oesters geschieht es dabei, daß die Anhänger der verschiedenen Richtungen sich auf der Straße in die Haare geraten und einander blutig schlagen. Bei diesen' Vorgängen pflegt die bolschewistische Mlliz nie einzugceifen und eine ganz „neutrale" Haltung zur Schau zu tragen. Aber die Sowjetpr.sfe bringt einen spaltenlangen Artikel über diese „skandalösen Zu- stände in der christlichen Kirche". Lind das wirkt natürlich wieder auf das Ausland.
Während die alteren Arbeiter neben der bürgerlichen Grsellichastsschicht erfreulicherweise ihr religiöses Empfinden wahrten und der gesamten antireligiösen Tendenz der Partei unzufrieden, aber machtlos gegenüberstehen, hat die neue Losung in den Kreisen der unreifen, kommunistischen Jugend Rußlands Anllang gefunden. Sie glaubt weder an Gott noch an den Teufel, kümmert sich um keine andere Moral als die „Parteiethik" und genießt die von den Sowjets verkündete Freiheit des Aus- lebens in schrankenlosester Weise. Man kann beunruhigt sein Über die weitere Entwicklung dieser Menschen, welche zu 75 Prozent Taugenichtse geworden sind und über die man selbst in Arbeiterkreisen beständig KlaK zu führen hat. Wer einmal etwas von den „Chuligani" im heutigen Rußland gelesen hat, wird die obige Ziffer nicht a!8 übertrieben ansehen. Die westeuropäischen kommunistischen Jugendverbände stehen turmhoch über denen der Bolschewiken und können mit den letzteren überhaupt nicht verglichen werden.
Seit einigen Jahren erscheint als offizielles Organ der antireligiösen Propaganda der von 'Jaroslawsii herausgegebene „Desboschnik". Es ist wohl selbstverständlich, daß der Inhalt und die ganze Aufmachung der Zeitschrift mit den übrigen Methoden der Tscheka schön harmoniert, t Wollte man über die Religionsbekämpfung im heutigen Rußland ausführlich berichten, so FfoürDe mit Leichtigkeit ein umfangreiches Buch entstehen. Eine solche Arbeit seht das Studmm • einer gewaltigen Masfe von Literatur voraus. Sie würde aber wichtig fein, als ein Beitrag zur Erkenntnis der kulturfeindlichen Tätigkeit des Bolschewismus und wäre aus diesem Grunde wünschenswert. Man kennt in Westeuropa die Politik der Moskowiter zur Genüge, aber die von ihnen beabsichtigten „kulturellen Reformen"
sind nur verschwommen unb unklar bisher ange- "ceutet worden. Sich mit ihnen bekannt zu machen, ist die Ausgabe eines jeden Menschen, der über Sowjetrußlund urteUen will.
Die Deutschen in Polen.
Bei Beginn der Aussprache über die auswärtige Politik im Reichstag haben die Regierungsparteien durch den Abgeordneten Emminger von Der Bayerischen Vollspartet eine Erklärung abgeben lassen, in der eine besondere Stelle dem Ausgang der unmittelbar vorher stattgehabten Wahlen inOstoberschlesien gewidmet war. In dieser Erllärung wurde ausdrücklich Bezug genommen aus die Rechts- verwahrung der R e i ch s r eg i e ru n g gegen die Entscheidung des Völkerbundsrates, durch welche Oberschlesnn, entgegen allen früheren Annahmen und Erwartungen, zerrissen wurde, nachdem das Ergebnis der Grsamtab- stimmung sich klar und unzweideutig für das Verbleiben ganz Oberschlesiens bei Preußen und beim Reich ausgesprochen hatte. Der QI ud gang der Gemeindewahlen in Ostoberschlesien hat gezeigt, daß die Erkenntnis von dem ungeheuren kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Fehler, der durch Die Zerreißung des unteilbaren ganzen Oberschlesiens begangen worden ist, auch in den polnischen Bewohnern Oftoberschlesiens gewaltige Fortschritte gemacht hat. Der große deutsche Wahlsieg ist der beste Beweis dafür, daß es den Polen trotz aller Unter- drückungsmahnahmen, trotz aller Einschüchterung, froh aller Rechtsbrüche bisher nicht gelungen sst, den deutschen Widerstand zu brechen. Er hat aber auch aller Welt außerhalb Polens die Augen Darüber geöffnet, wie es in Wirklichkeit dort aussieht.
Es ist begreiflich, daß der polnischen Regierung der Wahlausgang im höchsten Grade unbequem ist, und daß sie nach Mitteln sucht, den ungünstigen Eindruck zu verwischen und zugleich eine Aenderung anzubahnen, die es in Zukunft ermöglichen würde, die Wiederkehr eines solchen Wahlergebnisses zu verhüten. Ersteren Zweck glaubt sie durch eine Rote erreichen zu können, die sie in Berlin hat überreichen lassen und deren Inhalt sie veröfsentlicht hat. In dieser Rote wird Protest eingelegt Dagegen, daß sich „In Anwesenheit von Vertretern Der Reichsregierung" ein Abgeordneter in Der Erllärung Der Regierungsparteien über Den Ausgang Der Wahl in Ostoberschlesien in eine rein innerpolilische Angelegenheit Polens eingemischt habe', als besonders erschwerend wird der Umstand hervorgehoben, daß in Der Erklärung den dentschen Wählern Polens Der besondere Dank Deutschlands für ihre Haltung ausgesprochen wurde. Diese Protestnote ist auf gut deutsch eine echt polnische Frechheit, Die damit beantwortet werden sollte, daß die Reichsregierung sie ihrem großen Papierkorb einverleibt und im übrigen unbeachtet läßt. Die Polen aber mögen es sich gesagt sein lassen, daß für uns die Ab- reißung Ostoberschlesiens immer noch ein rechtswidriger und somit ein rechtsungültiger Akt war unb ist, obwohl wir gezwungenermaßen die Tatsache der Abtrennung selbst als vollzogen anerkannt haben. Wir haben daher nach wie vor ein volles Recht, uns sehr airgelegentlich um die Dinge in Ostoberschlesien zu kümmern, ganz abgesehen davon, daß es dort auch um das Schicksal sehr zahlreicher deutscher Reichsangehöriger geht.
Die Behandlung Der deutschen Reichsangehörigen in ganz Polen überhaupt ist ja ein Kapitel, das nach jeder Richtung hin höchst uw- erfreulich und für die Polen höchst beschämend ist. Sehr zur richtigen 3eü veröffentlicht Die „Germania" einige Ziffern über die Liquidation deutscher Besitzungen in unteren alten Provinzen Posen und Westpreußen. In völliger, zum Teil bewußter Unkenntnis Der wirklichen Verhältnisse ist Polen zur angebllchen Rückgängigmachung von Enteignungen polnischen Besitzes in jenen Landesteilen im Friedens der» trag das Recht erteilt worden, selbst zu enteignen. Der Zweck dieser Bestimmung war und ist augenscheinlich Der, zwangsweise vorgenommene Enteignungen aufzuheben oder wenigstens Dem Wert und Umfang nach Polen in den Besitz deutschen Bodens zu setzen. Auf Grund des preußischen Enteignullgsgesehes sind insgesamt 1665 Hektar Grundbesitz in polnische Hand enteignet worden. Durch freihändigen Ankauf hat die preußische Ansiedlungskommission rund 33 400 Hektar Grund und Boden aus polnischem Besitz erworben und somit insgesamt rund 40000 Hektar
Nikolaus.
Der einstige Bischof von Myra in Lykien hat gewiß nicht daran gedacht, daß er später einmffl im fernen Europa zu einer so volkstümlichen Figur werden sollte, wie es bei uns Der heilige Rikolaus geworden ist. Denn Knecht Ruprecht ist weiter nichts als der nachzestaltete heilige Rikolaus. Er trägt bei uns auch noch viele andere Ramen, wie Pelzmärtel, Pelznickel, Pelz-Rikolaus, Duttertlas, Knecht Klaus usw. In welcher Zeil Rikolaus Bischof von Myra, der Hauptstadt Lykiens, war, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Gewiß erscheint, daß er auf der ersten ökumenischen Synode von Ricäa im Jahre 325 nicht anwesend war, und daß auf dieser Synode sein Rame auch nicht erwähnt worden ist. Wahrscheinlich hat er erst nachher gelebt, am Ausgang des vierten oder im fünften Jahrhunderts. Unter dem oströmischen Kaiser Justinian I. muß jedoch Der heilige Rikolaus schon hoch verehrt gewesen sein, denn in dieser Zeit, von 527 bis 565, waren in Konstantinopel schon mehrere Kirchen auf den Ramen des Bischofs von Myra geweiht. Seine Verehrung im Abendland begann erst, nachdem seine Gebeine im Jahre 1087 nach Bari in Italien überführt worden sind. Im späteren Mittelalter bis in das 18. Jahrhundert hinein hieß Rikolaus in vielen Gegenden nur der Kinderbischof. Ihm zu Ehren mürben jedes Jahr am Rikolaustag große Umzüge abgehalten, wobei sich Die Kinder einen Kinderbischof wählten. Die mit dieser Wahl verbundenen Feierlichkeiten biteben nicht aus Schule und §>aus beschränkt, sie hatten auch einen kirchlichen^ Charakter. Kinderbischof zu werden, galt in vielen Städten als eine große Ehre. Rur die fleißigsten und tüchtigsten Knaben hatten Aussicht. inmitten eines großen Gefolges von Erwachsenen unb Kindern als Klndtzrbischos in Die Kirche einziehen zu können. Der für den RikolauS- tag gewählte Kinderbischof hatte im nächsten Jahre auch mancherlei Privilegien. Die Ursache dieses Brauches und des anderen, den 'JitiolauS als Knecht auftreten zu laffm, bürfte auf alte Legenden über Den heiligen Rikolaus zurück»
zuführen sein. Er galt schon frühzeitig als Wun- Dertäter, und vor allem soll er Unglücklichen und Bedrängten stets gern geholfen haben, und zwar immer heimlich Dieses heimliche Schenken und Geschenkebringen ist dann guf Knecht Ruprecht und Knecht Rikolaus übertragen worden.
•
Kein Tag im Jahre, abgesehen vom Weihnachtsfest, erfreut Die Kinder mehr, als der 6. Dezember, Der dem Heiligen Rikolaus geweiht ist. Ein rechter Freund Der Buben und Mädchen, die im Laufe Der vergangenen Monate fleißig und artig gewesen sind, ist St. Rikolaus, der in alle Häuser und Stuben konrmt, Dem Artigen Aepsel, Rüsse und Pfefferkuchen, Den Ungezogenen aber die Rute bringt. Er ist Der Vorbote des Christkindes, wie Denn auch der ihm gewidmete Tag meist als Vorfeier Dec Weihnacht angesehen wird. In Ostfriesland z. B. pfleat man sich die andernorts Weihnachten ausgetauschten Geschenke schon am 6. Dezember zu geben. Ueberall aber ist der Kinderbrauch anzutreffen, am Vorabend des Rikolaustages Schuhe oder Strümpfe vor Die Türen oder Fenster zu legen, in die Dann Der Heilige allerlei gute Gaben spendet; um St. RikolauS zu besonders erfreulichen Geschenken anzueifem, fügt man da und dort wohl auch besonders gut ausgefallene Schularbeiten oder Handarbeiten bei. Die Stelle Der Schuhe ober Strümpfe ersehen wohl auch, so im bayerischen Walde, Heine Papierschiffe, in Die der Heilige seine Spenden legt Das Klausen- ober Betholz — ein gelauteter Stab, in Den für jedes an St Rikolaus gerichtetes Gebet ein Einschnitt gemacht wird — spielt gleichfalls in Der Zeit vor dem 6. Dezember eine große Rolle, muß es doch am Helligen Abend, z. D. in manchen Eiselgegendrn, dem Christkind zum Zeichen Der Frömmigkeit und Artigkeit vorgewiesen werden.
Rikolausritte um Kapellen oder Kirchen, die Dem Helligen geweiht sind» waren in früheren Zeiten weit verbreitet; man glaubte durch diese Umritte das Vieh, vor allem die Pferde, vor Krankheit und Gefahren zu schützen. 3m Sieger*
mit Deutschen besiedelt Don Rechts wegen wäre die polnische Regierung also höchstens zur Enteignung von insgesamt 40 000 Hektar berechtigt Bis jetzt sind jedoch rund 100 000 Hektar enteignet worden; es schweben Ertteiznunasverf ähren über eine Gesamtfläche von 95 000 Hektar. 219 Domänenpächter, die rund 100 000 Hektar staatliche Domänen bewirtschafteten, und 4000 Ansiedler, Die zusammen 60 000 Hektar besaßen, sind entschädigungslos ausgewiesen worden. Das macht zusammen 355 000 Hektar, die von Den Prien entweder enteignet worden sind oder enteignet werden sollen. Das ist Die Art und Weise, wie die polnische Regierung eine Bestimmung mißbraucht, Deren Zweck und Sinn Hat zutage liegt.
Wenn also jemand ein Recht hatte, sich mit einer geharnischten Protestnote gegen dm anderen Teil zu wenden, so wäre es die Reichsregierung Die polnische Protestnote soll jedoch mir Dem Zweck Dienen, Die Aufmerksamkeit des Auslandes von Der schweren Blamage abzutercken, die in Dem Ausgang Der ostobersÄesischen Wahl für Die polnische Regierung liegt Wenn sie gleichzeitig versucht, durch Die Angliederung rein polnischen Gebietes an Ostoberschlesien dieses so zu vergrößern, daß in Zukunft das Gesamtergebnis einer Wahl in der politischen Provinz Oberschlesien anders aussieht als diesmal, so wird das ein Versuch am untauglichen Objekt fein. Einen Wahlausgang zu fälschen, wird der polnischen Regierung auch auf diese Weise nicht gelingen — Dafür werden die Deutschen in Ostoberschlesien fargen!
Reichskanzler Luther in Brasilien
Emo Rede vor den Ausländsdeutschen.
Reuyork,4.Dez. (TU.) In Diode Janeiro veranstaltete der Botschafter der Vereinigten Staaten, Morgan, zu Ehren des früheren
Reichskanzlers Dr. Luther ein Frühstück, an Dem das gesamte diplomatische Korps, Der brasilianische Außenminister, sowie prominente Mttglieder der deutschen Kolonie teilnahmen.
Bei einem großen Empfang, Den Die deutsche Kolonie in Sao Paulo Dem Reichskanzler a. D. Dr. Luther gab, hielt dieser eine bedeutsame Rede, in der er Die Ausland- deutschen ausforderte, Das Deutschland Der Rach« kriegszeit nicht zu unterschätzen. Unter stürmischem Beifall hob er hervor, daß Die wirt s cha f t - liche Wiederaufbauleistung Deutsch» l a n d s nicht hinter seinen Leistungen während des Weltkrieges -urückstehe. Das Ausland- deutschtum möge kich in Einigkeit unter dem Symbol der deutschen Handels lügge sammeln. Dr. Luther begründete dann den bekannten Flaggenerlaß, Der eine Brücke unkt den Auslanddeutschen habe herstell:n sollen. Er erwähnte weiter den Austritt Brasiliens aus dem Völkerbund, wobei er betonte, daß Deut'chlands Interessen einen universellen Völkerbund verlangten und daß Die Richsreqie- rung deshalb all^l getan habe, um Dem Völkerbund die Mitarbeit Brasiliens zu erhalten. Richt Deutschland habe Den Grund für Den Aus. tritt Brasiliens gegeben. Dieser habe vielmehr lange Zeit vorher bestanden und fei nur durch Den Eintritt Deutschlands und ganz ohne dessen Schuld akut geworden. Der Austritt Brasiliens sei vom deutschen Standpunkt außerordentlich zu bedauern. Tie Rede Dr. Luthers sand in allen Deutschen Kreisen heg lieferten Widerhall. Auch Die brasilianische Preise stimmt Den Ausführungen Dr. Luthers lebhaft zu. VoÄf Rio De Janeiro trat Reichskanzler a D. Dr Luther Die Heimreise nach DeutschlanD an. Am Pier hatten sich zu ferner Verabschiedung Vertreter Der Regierung und Mitglieder Des diplomatischen Korps eingefunDen.
Turnen, Sport und Spiel.
Vornehmes Spiel.
Spider, Schiedsrichter, Zuschauer.
Von allen Sportarten hat sich das Spiel am meisten die Gunst der Ausübenden wie der Zuschauer erworben. Fußball und (seit dem Krieg) Handball sind in Deutschland Volkssport, Fuß. ball ist König in der ganzen Welt. Soll es so bleiben, bann müssen alle, die daran beteiligt sind, und das sind die Spieler, die Schiedsrichter und die Zuschauer, das ihre dazu beitragen. Rur ein Spiel, welches neben der Möglichkeit feiner Technik die Befriedigung des Kampfeifers verbürgt, kann sich auf Die Dauer in Gunst halten. Die zuständigen Verbände müssen deshalb, soweit die unbedingt notwendige Disziplin und Vornehmheit nicht von den Be- tetligten selbst mitgebracht wird, dafür sorgen, daß die Erziehung überall dort einsetzt, wo sie zu wünschen übrig läßt.
Der Spieler soll immer daran denken, daß er spielt nurum des Spieles halber, d. h. daß feine ganze Freude, feine ganze Lust am Austoben, am Messen seiner Kräfte mit denen des Gegners keinen anderen Zweck als oben diesen hat. In eine solche Auffassung ist von vornherein die Nück- sichtnnhme auf den G e g n e r eingeschlossen, verbietet sich von selbst jede Roheit, jede Disziplinwidrigkeit, lebe Unehrlichkeit. Das beste wäre überhaupt, wenn man auch den Kampf um die Punkte beseitigen würde, Der die Ursache vieler übler Begleiterscheinungen im Sport ist. Leider ist das in absehbarer Zeit noch nicht in vollem Umfang möglich, unb so müssen benn anbere Maßnahmen bafür sorgen, baß bas Spiel nicht seinen Charakter als Spiel verliert.
Dem Schiebsrichter fällt bie Aufgabe zu, nicht nur herüber zu wachen, baß bie Spielregeln genau beachtet werben, fonbern in feiner Hand liegt es auch, ben Gang bes Spieles, bas Verhalten ber Spieler unb ber Zuschauer zu beeinflussen. Er ist in erster Linie verantwortlich, wenn .Ausschreitungen Vorkommen. Dom Schiebsrichter muß verlangt werben, baß er seine Tätigkeit vollkommen unparteiisch ausübt. Vorbebingung für seinen Beruf ist außerbem. baß er ben betreffenben Sport selbst ausübt bzw. ausgeübt hat, benn nur bann kann er bas richtige Verstänbnis für bas Spiel, sowie für bie Hanblungen ber Spieler aufbringen.
Dazu gehört eine lückenlose Kenntnis ber Spielregeln unb bie Fähigkeit, sie nicht nur ausroenbig zu wissen, fonbern sie auch sinngemäß anwenben zu können. Der Schiebsrichter muß ferner eine Persönlichkeit fein, weil er nur bann sich ben nötigen Respekt vor seiner Person verschafft. Damit ist nicht gesagt, baß er sich ben Soielern gegenüber als Der „liebe Herrgott" auffpielcn soll. Ist er fid) seines Könnens bewußt, ist er überzeugt baoon, richtig ge- hanbelt zu haben, bann wirb er mit feinen Maß- nahmen auch nicht halt machen vor Spielern, bie sich durch ihre Leistungen einen Namen gemacht unb bie Gunst bes Publikums erworben haben. Die Verbände haben ihren Schiedsrichtern, auf Deren gute Ausbildung sie durch Kurse die größte Aufmerksam- teil verwenden, genügend Machtmittel an die Hand gegeben, es gilt nur, sie vollkommen unparteiisch, aber auch rücksichtslos anzuwenden, wenn verhütet werden soll, daß der Sport Schaden leidet.
Unb zu britt bie Zuschauer! Es ist eine leiber gar nicht so seltene Erscheinung, daß bas Publikum für seine Lieblinge, noch mehr für „feinen" Verein, Partei ergreift. Die Spieler werben nicht nur angeeifert, ihr Bestes zu teijten, fonbern vielfach werben darüber hinaus auch Rücksichtslosigkeiten be- rtatscht, wenn die eigene Partei einen Vorteil dadurch gewonnen hat. Der Fanatismus eines unerzogenen Publikums ist der schlimmste Feind des Sports, denn er wird ihm diejenigen abwenden, die von ihm mehr verlangen, als lediglich einen Kampf ber Kräfte. Auch ben Zuschauern gegenüber wird in erster Linie ber Schiedsrichter durch sein einwandfreies Verhalten von maßgebendem Einfluß fein, ein Grund mehr, nur bie Tüchtigsten für dieses schwierige Amt auszuwählen. Letzten Endes ist der Verein diejenige Stelle, welche durch die Erziehung ihrer Spieler, durch die Ausbildunq von Schiedsrichtern dafür sorgt, daß auch bie Zuschauer ben Sinn bes Spieles, des Sports verstehen, nämlich, daß er dazu berufen ist, einen Teil unserer Bil- bung barzustellen. B.-N.
Ein neuer deutscher Schwimmrekord.
(TU.) Beim interncttioncil.Schwimmsest imStrah- bueg, bei dem sowohl deutsche als auch französische Schwimmer an den Start gingen, gelang es Dem Godpinger Faust, einen neuenWelt- rekvrD im 1 0 0 - M e t e r - B r u st s chw i m- men aufzustellen. Gr verbesserte Die bisherige
lande begnügte man sich Damit, eine Strohpuppe Durch Die Gassen zu tragen. St. Rikolaus kommt zuweilen zu Zftri), oft auch reitet ec al- würdiger alter Mann im beschöflichen Kleide auf einem Schimmel oder Esel, woher sich Die Gepflogenheit Der Kinder z. B. im Rheinland erklärt, neben Die ausgestellten Schuhe oder Die auZgehängten Strümpfe Gefäße mit Wasser, Heu und Hafer zu setzen. Reben dem gütigen Greise erscheirrt oft auch eine Schreckgestalt, so Die „Mehlbe^e" in manchen Schweizer Gegenden, oder die Lucia in Böhmen. Daß besonderes Gebäck für Den 6. Dezember angefertigt wird, versteht sich wie bet saft allen volkskundlich wichtigen Tagen, von selbst. Auch als Markttag hat Der 6. Dezember seine Bedeutung; und endlich gilt Der Heilige als Schutzpatron der Seeleute und Der Müller.
Die verwaisten Eltern.
In neuerer Zeit greift ein Gebrauch Des Mittelwortes verwaist um sich, Der Der Bedeutung des Grundwortes Waise nicht ftunnü. Eine Waise oder ein Waisenkind, wie man volks- mäßig sagt, ist ein elternloses Kind, auch ein des Vaters oder der Mutter beraubtes Kind hecht so; in Schillers Teil spricht Armgart von ihren Kindern als armen Waisen. Unerortert soll hier Die Ableitung des Wortes bleiben, sowie Der GeschlechtLwechsel, der sich an ihm vollzogen hat: bis ins 18. Jahrhundert u>rad) und schrieb man nur von einem männlichen Waisen, Lessing wies zuerst Darauf hm, daß man in neuerer Zeit Waste weiblich gebrauche: W.r sagen, dieser Knabe ist eine Waise, et ward sehr jung zur Waise. Dieser Geschlechtswechsel rief das Bedürfnis einer Unterscheidung hervor, feit Dem Anfang des 18. Jahrhunderts ist ber Waisenknabe bezeugt, Der heute meist in herabsetzender Bedeutung gebraucht wird, namentlich von VolkSrerttetern; bie Redensart: daS ist Der reine Waisenknabe (im Vergleich zu anderen Personen) stellt seinen Fähigkeiten kern gutes Zeugnis aus. Daß v. Unruh 1919 („Vor Der Entscheidung" 56) daS Wort Waise auch auf Tiere übertrug, ist nicht zu beanstanden: Waise
Füllen lecken (— springen) toll; schon vorher sprach bei L. Francois („Erdmuthe" 57) ein Sohn, dem Der Vater starb, von dem verwaisten Vaterhaus, und im Nibelungenlied wirb mehrmals das Land als verwaist beklagt, Dem Die Burgund en so viele Recken erschlugen. Bedenklicher erscheint der Satz (von A. Soergel, „D:e schöne Literatur 24, 357): Der Tod D;r Mutter verwaist ihn frühe wie den Vater auch den Vater macht er zur Waise? Run, schon Goethe bietet in den Wanderjahren einen verwaisten Gelehrten Dar statt eines verwitweten, und ebenda liest man: Die Eltern hatten kurz vorher (vor dem Tode ihres Sohnes) eine Tochter verloren unb sahen sich nun im eigentlichsten Sinne verwaist. Er meint wohl einen verstärkten Begriff. etwa völlig kinderlos; das stimmt zu dem (freilich zweifelhaften) Gegensatz in der „Ratür- lichen Tochter": Verwaiste Väter sind beklagenswert, allein verwaiste Kinder sind es mehr. Man könnte allenfalls beraubt einsetzen für verwaist, aber Dann wäre die „eigentliche" Bedeutung noch einer Ergänzung bedürftig. Am wenigsten gerechtfertigt Unb so zugefpiyte Aeuße- rungen wie die von F. v. Laars „Thassilo": So mach' ich Deine Mutter zur Waise jetzt (durch Tötung ihres ungeratenen Sohnes Rother), oder Die in Spittelers „Olympischer Frühling" (4. 19): Dreier Kinder ward bie Mutter wais (Waise als Beiwort gebraucht wie bet v. Unruh). Die unklare ©innesübertragung läßt sich nur auf den Mangel eine- Wortes für Den Begriff: des Kindes, der Kinder beraubt zurück- füfjren — vielleicht schlösse vereinsamt, wenn nicht entflöhet die Lücke, wenn man dieser Wandlung in der Bedeutung des Wortes verwaist nicht freien Lauf lassen will. Im Vorwort zu A. Stifters Werken, Dd. 4. VII sagt Leopold Müller: Der Versuch Stift.rs im humoristischen Genre ist ohne Rachfolger geblieben unb steht etwas verwaist unter ben andern Werken des Dichters. Roch kühner ist es. wenn in Romain Rollands großem Roman Ehristvs nach Der Hochzeit und Abreise seines Freundes zum Vater cer jungen Frau sagt: Run wären wir all» Witwers


