Nr. 259 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessrn) Donnerstag, 4. November (92b
Jt
irtschaftliches Bauen
Don Dr. Ernst Hamm, Beigeordnetem der Stabt Dietzen.
Die neuesten Fortschritte auf dem Gebiete wirtschaftlichen Bauens wurde dieser Tage vom „Deutschen Ausschuh für wirtschaft.iches Bauen besprochen. Dieser Au.lchuß beschäftigt stch nur mit den t e ch n i s ch e n F a en te Hochbau e s. um nicht Kreise anderer Organftatwnen, dir ftcy mit ähnlichen Ausgaben befassen, zu schnn^n und dadurch unnütze Doppelarbett zu leisten. Bei der Tagung wurde zunächst fcft geb eilt, oan die Bestrebungen, das Bauen zu ralwnaftsteren, bisher in der Hauplsache darauf ausgmgen, die Herstellung des Wauercrerks zu verbilligen, daß sie sich aber nicht bcfchäftigten nut der Rattonaft- sierung deS Bauvorganges, also brr Or- ganisation der Baustelle und des Arbeitsvor. ganges. Aus diesen Gründen hat die Aational,. sierung erst geringe Fortschritte gemacht Welchen unbedeutenden Einfluß dir Konstrultion des Mauerwerkes hat, ist daraus zu sehen, datz auf daS Mauerwerk im Wohnungsbau z. B. nur etwa 25 bis 30 Prozent Der Gesamtkosten fallen. Gegenüber dem bisher üblichen Backsteinbau erzielen daher alle neuen Bauweisen, die an seine Stelle treten sollen, nur geringe Ersparnisse, die im Berhältnis zum gesamten Hausbau von untergeordneter Bedeutung sind. Um so wichtiger ist die Rationalisierung des Sau- Vorganges. Welche Ergebnisse sich dabei erzielen lassen, bewies der Privatdozeut für Physio- technik an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Dr. Brahmsfeld, auf dessen Veranlassung und nach dessen Vorschlägen die Reparaturarbeiten in den Merctschen Fabriken in Darmstadt rationalisiert' wurden. Dabei ergab sich z. B. bei Dachpapparbeiten eine Ersparnis von 54,3 Prozent, bei Verschalungsarbeiten eine solche von 21,6 Prozent, bei Reparaturen von Luberoiddächern und bei Vlihableitungen eine Ersparnis von 23 bzw. 59 Prozent gegenüber der bisherigen Arbeitsmethode. Datz die Rationalisierung der Arbeitsmethoden noch so wenig Fortschritte gemacht hat, liegt nach der Meinung deS Architekten Paulsen, Berlin, in dem Fehlen einer bis in den kleinsten Dauvorgang durchdachten Kalkulation. Gr glaubt, datz es in ganz Deutschland höchstens fünf bis sechs Bauunternehmer gibt, die für den Hochbau so genau kalkulieren, wie es z.B. in der Maschinenbranche üblich ist. Beim Reich schweben deshalb zur Zeit Verhandlungen, einige Millionen aus der HauSzinssteuer frei zu machen, um diejenigen Bauten ganz besonders zu fördern, die nach genauen wirtschaftlichen Kaltulations» und Be- triebsmethoden gebaut werden. Dieser Versuch, zu einer wirtschaftlichen DetriebSführung im Hochbau anzuregen, ist durchaus begrüßenswert, denn je billiger gebaut wird, desto mehr wird gebaut.
Der „Ausschuß für wirtschaftliches Bauen" hat in letzter Zeit noch einige Untersuchungen angestellt, die für jeden Fachmann und Bauherrn von Interesse fein dürften. Er hat u. a. die in Fachkreisen umstrittene Frage des flachen Daches für den Wohnungsbau ganz objektiv untersucht und geprüft — ohne zur ästhetischen Seite des flachen Daches Stellung zu nehmen —, ob das flache Dach in unserem regenreichen Klima nicht nur einwandfrei wasserdicht, sondern auch wirtschaftlicher hergestellt werden kann, als das übliche steile Dach. Dabei stellte eS sich heraus, datz man schon heute in den Dach- deckungsmaterialien „Durumfix", „Sealit-Arco" (amerikanisches Patent), dem „Natur-Asphalt" aus der Gegend von Hannover und der „Dachperle" Materialien hat, die unter bestimmten Voraussetzungen unbedingt eine sichere Abdichtung darstellen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist zu verstehen, datz einzelne dieser Materialien nicht bei Frost oder starker Hitze, andere wieder nicht bei Regen verlegt werden können, oder datz sie mit einer besonderen Schutzschicht versehen werden müssen, wenn sie begehbar sein sollen. Alle diese Materialien sind sehr teuer. Beim wirtschaftlichen Vergleich, den ein bekannter Bauunternehmer von Dresden Durchgerechnet und burchkalkuliert hatte, er gab es sich, datz für einen Kleinwohnungsbau ein normales Satteldach, unter 45 Grad mit Biberschwänzen doppelt eingedeckt, etwa 30 Prozent billiger ist, als ein über den
gleichen Hausgrundritz aufgelegtes Flachdach. Dec sehr tiefem Grundritz, wenn also «in gewaltiger Dachstuhl konstruiert werden muh, verschiebt sich das Verhälinis. Wesentlich ist aber, datz heute für den Kleinwohnungsbaudas flache Dach unwirtschaftlich ist, ganz abgesehen davon, datz, wenn je einmal ein Schaden am flachen Dach auftreten sollte, er nicht einwandfrei srstzustellen ist, weil das Wasser erfahrungs- gemäß an einer ganz anderen Stelle die 2^cke durchnäßt als dort, wo der eigentliche fehler steckt. Aus wirtschaftlichen Gründen ift sur Massenobjekte im Kleinwohnungsbau also das lache Dach abzulehnen', es ist für ein Einzelhaus möglich, allerdings nur bei Aufwendung hoher Kosten. Roch vollkommen ungeklärt ist die Frage ob das flache Dach für unser Klima wärmewirtschafttich das richtige ist. Darüber wird der „Ausschutz für wirtschaftliches Bauen" noch besondere Untersuchungen anstellen.
Eine weitere wichtige Studie des .Ausschusses für wirtschaftliches Bauen" galt der Untersuchung, ob das Dollgeschotz oder das Mansardendach wirtschaftlicher ist. Es wurden zwei Einfamilienhäuser von genau gleicher Grundfläche (77,5 Quadratmeter) scharf durch- kalkuliert und durchgerechnet. Das Ergebnis ist insofern überraschend, als das Vollgeschoß mit normaler Maucrstärke 4,6 Prozent teurer ist, als das Mansardengeschotz. Letzteres hat allerdings, durch die Konstruktion bedingt, eine etwas lleinere nutzbare Dodenfläche. was beim Kleinwohnungsbau von Bedeutung ist. Selbst wenn dieser kleine Verlust von nutzbarer Dodenfläche ignoriert wird, so ist das Mansardenbach dem Dollgeschotz nicht vorzuziehen. Es ist nur scheinbar billiger, weil es in der Bauunterhaltung unwirtschaftlich ist. Fehlerquellen in der Dachhaut find nur schwer fest- zustellen, außerdem arbeitet das Holz beständig, wodurch im Puh Risse entstehen nsw. Der .Ausschuß für wirtschaftliches Bauen" ist deshalb der Ansicht, daß bei völlig freier Wahl — das Mansardengeschotz wird vgm Bauherrn oder der Bauaufsichtsbehörde hauftg gefordert — Der Architekt in den Fällen, wo es auf unbedingte Wirtschaftlichkeit ankommt, das Vollgeschotz wählen soll.
Wichtig sind auch die Feststellungen bet Bauunternehmerfirma Gutzeit (Berlin) über die Produktivität des Dau v o r g a n g e s. Von der Tatsache ausgehend, daß mit Ausnahme der Beton- und Mvrtelmaschinen. Der Aufzüge und neuerdings der Terrazzoschleismaschinen das Bauen maschinell noch sehr wenig betrieben wird, prüfte Gutzeit die Möglichkeiten, in weiterem -Umfange Maschinen zu verwenden. Sein Versuch, die Daggermaschine zum Ausheben der Baugruben zu verwenden, zeigte, datz sie nur bei großen Objekten brauchbar ist, well bei kleinen der wirtschaftliche Ruhen in keinem Verhältnis zu den hohen Betriebskosten steht. Dagegen kann bei Siner geeigneten Umarbeitung der Gurtförderer verwendet werden. Er empfiehlt auch, harten auszuhebenden Untergrund, anstatt mühsam mit dem Pickel, mit Sprengpatronen lockern zu lassen. Gutzell glaubt, daß die Verwendung der Torrret-Maschine für die Dauarbeiten sehr aussichtsreich ist. Mit dieser Maschine kann der trocken gemischte Mörtel auf 200 Meter Länge durch eine Schlauchleitung gedrückt und durch die am Ende des Schlauches befindliche Düse den nötigen Wasferzusah erhalten. Mit dieser Maschine ist es also möglich, den Mörtel auf dem Baugerüst selbst zuzubereiten, wodurch der ganze Mörteltransport wegsälll.
Von Gutzell gehen noch eine Reihe von Vorschlägen aus. die im „Ausschuß für wirtschaftliches Bauen" eingehend geprüft werden: Verwendung eines Schlackenbau st eins für Innenwände. Der geschliffen werden kann, so daß kein Verputz mehr aufgetragen werden mutz, sondern Die Tapete mit einer isolierten Rückschicht unmittelbar auf die Wand aufgezogen wird, ferner die Verwendung eines Elektro- Ibohrgerätes, um das unendlich mühsame Schlagen von Lochern und Arcsstemmen Aon Schlitzen im Mauerwerk mit Hand für die In-
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stallation eineS Hauses zu vermeiden, sodann eine rationelle Einrichtung des gesamten Zimmereibetriebs, well dieser sich, im Gegensatz z. D. zur Schreinerei, noch gar nicht rationalisiert hat und dergl. mehr.
Stadtbaurat Fauth iSorau) beschäftigte sich mit Dem der Allgemeinheit wenig bekannten Gebiet Der Biotechnik. Er zeigte an Hand von Untersuchungen des belannten Naturforschers Franc, wie alle möglichen unserer technischen Erfindungen in der biotechnischen Organisation
des PslanzenlebenS vorhanden sind, und erläuterte an praktischen Dellvielen, wie in der Biotechnik ganz wichtige Fingerzeige für Die Rationalisierung technischer Vorgänge zu finden sind.
Aus diesem kleinen Ausschnitt der Untersuchungen des „Ausschusses für wirtschaftliches Bauen", dem übrigens neuerdings auch der deutsche Städtetag beigetreten ist. kann man ersehen, welche Arbeit in aller Stille geleistet wird, um unsere Bauwirtschast praktisch zu befruchten
Steuerfreie Spareinlagen nach dem Einkommensteuergesetz vom 15. August 1925. Von Rechtsanwall Georg Lind, Grünberg.
Durch die Zeitungen ging kürzlich eine Notiz, wonach Die Spareinlagen bei den deutschen Sparkassen eine beträchtliche Steigerung erfahren haben Wenn auch aus dieser Tatsache leine falfd;en Schlüffe auf Die Fähigkeit der Steuerzahler, aus Dem Einkommen Ersparnisse machen zu können, gezogen werden Dürfen, so scheint es doch, als ob breitere Volksschichten sich wieder Daran gewöhnt haben, verfügbare Gelder auf Sparkonten einzuzahlen, um sich Rücklagen zu schaffen. Diesen vollswirtschaftlich wichtigen und begrüßenswerten Vorgängen mutz im Interesse Der deutschen Wirtschaft vorn steuerlichen Standpunkt möglichstes Entgegenkommen gewährt werden. Tatsächlich hat auch schon die Steuergesetzgebung vor der Stabilisierung in anerkennenswerter Weise versucht, den Sparsinn steuerlich anzuregen. Cs sei hier verwiesen auf die durch das Gesetz vom 20. Juli 1922 geschaffenen steuerfreien Spareinlagen. Wenn diese Einrichtung infolge der immer mehr steigenden Geldentwertung sich damals fast in das Gegenteil des Gewollten umgewirkt hat, so ist doch der darin zum Ausdruck kommende Grundgedanke, als den Spar sinn fördernd, so wichtig, datz er verdient, nach der Stabilisierung unserer Währung in allen Devölkerungs- kreisen bekannt und gewürdigt zu werden. Das Prinzip ist, Denjenigen Berufen, die nicht durch Pension, staatliche Versicherung u. a. hinsichtlich Erwerbsunfähigkeit, Alter und Hinterbliebene (grau und Kinder) für die Zukunft gesichert find, das Sparen zu erleichtern. In erster Linie ist hier an die Geschäftswelt, die Gewerbetreibenden, die Handwerker, Die freien Berufe und die Landwirtschaft gedacht. Ihnen soll durch steuerliche Begünstigung von Rücklagen eine anspornende Gelegenheit gegeben werden, Vorsorge für ihre eigene Zukunft und die ihrer Familienangehörigen (Hinterbliebene) zu treffen. Gerade diese Bevölkerungsklassen werden es — wie sorgsame Hausväter — als eine dringende sittliche und wirtschaftliche Pflicht zu betrachten haben, angesichts Der jetzigen Wirtschaftslage nach Möglichkeit Rücklagen für ihr eigenes Alter und für die ungewisse Zukunft ihrer Familien zu schaffen. >
Das neue Einkommensteuergesetz von 1925 behandelt diese Materie in § 17 Abs. 3. Als abzugsfähige Svnderleistungen, die steuerfrei sind, lätzt das Gesetz Spareinlagen für Den Steuerpflichtigen und seine nicht selbständig veranlagten Hausangehorigen gelten, die in zweifacher Voraussetzung gemacht werden:
a) Sie dürfen (zusammen mit den Lebens- versicherungspramien) den Iahresbetrag von 450 Mark nicht übersteigen:
b) auf Die Rückzahlung mutz bis zu Tode, oder auf mindestens 20 Jahre verzichtet werden.
Ist Der Steuerpflichtige verheiratet und hat er Kinder, so erhöht sich die Steuerfreiheit der jährlichen Spareinlagen nach § 17 Abs. 2 für Die Ehefrau um 100 Mk.. für das erste Kind um 100 Wk., für jedes weitere Kind um je 100 Mk.
Den älteren Leuten, Die sich durch Sparen einen Rückhalt für Die Zukunft schaffen wollen, erleichtert der § 112 des Gesetzes das Sparen Darüber hinaus insofern, als Steuerpflichtige mit einem Einkommen von nicht über 15 000 Mk. und einem Vermögen von nicht mehr wie 50 000 Mk. je nach ihrem Alter höhere Beträge als steuerfrei in Abzug bringen dürfen: FBTOJiBrySSnaaaS; 11 ll ■! I IIII
Alter Spareinlagen steuerfrei
50—55 Jahre, jährlich bis zu 960 Rm. 55—60 Jahre, jährlich bis zu 12OU Rm.
über 60 Jahre, jährlich bis zu 1400 Rm.
Hat jedoch der mindestens 50jährige Sparer einen Anspruch oder eine Anwartschaft auf Ruhegehalt oder andere wiederkehrende Bezüge von mehr als jährlich 2000 Mark, so Darf er nur den jährlichen Rvrmalsatz von 480 Mark abziehen.
Auf den jährlichen steuerfreien Sparkonteir- betrag muß sich der Steuerpflichtige die Beträge anrechnen lassen, Die er für Leoensversiche- rungsprämie für sich und seine Angehörige zahlt. Cs dürfen c(lso Spareinlagen und Lebensver- sicherungsprämien zusammen die gesetzliche steuerfreie Grenze nicht überfteigen.
Zahlt ein Steuerzahler die Rormalhöhe von 480 Mark als steuerfreies Sparkonto bei einer Kasse oder Dank unter den Voraussetzungen des § 17, Abs. 3 E. St. G.. so zahlt er Steuern weniger, da er von dieser Spareinlage Eilllommensteuer nicht zu entrichten hat. während sonst Spareinlagen versteuert werden müssen. Die Zinsen stehen ihm ebenfalls in voller Höhe zu: er kann sie nach Belieben jährlich erheben, oder seinem steuerfreien Sparkonto zuschreiben lassen.
Das Verfahren ist einfach: Will jemand ein Sparkonto errichten, um für seine Zukunft vorzusorgen und sich gleichzeitig die steuerlichen Vorteile zu sichern, so hat er nur nötig, eine Erklärung etwa folgenden Inhalts zu unterschreiben und feiner Bank oder Kasse zu geben:
„Ich beantrage hiermit die Eröffnung eines gesperrten Sparkontos nach den Desftmmungen des § 13 Abs. 1 Ar. 5 a des E. Et. G. Alle Einzahlungen auf dieses Konto dürfen nur im Falle meines Todes oder 20 Jahre nach Eröffnung dieses Sparkontos zurückgezahlt werden. Ich verzichte auf Abänderung oder Aufhebung dieser Bestimmung."
Er erhält Dann von Der Dank eine Bescheinigung etwa folgenden Inhalts:
„Anter Bezugnahme auf § 13 Abs. 1 Ar. 5 a des E. St G. wird hierdurch bescheinigt, daß R.A. zu T. im Jahre 1926 .... Mark (in Worten .... Mark) auf ein gesperrtes Sparkonto eingezahlt hat, Deren Rückzahlung vereinbarungsgemäß nur für Den Todesfall oder für den Fall des Erlebens nach Ablauf von 20 Jahren vom Tage Der Vereinbarung und Der ersten Einzahlung, Dem .... 1926, ab erfolgen Darf. Auf eine Abänderung oder Aushebung Diefer Dereinabrung ist von dem Einzahler und von uns verzichtet worden."
Dem Finanzamt ist Anzeige von der Errichtung des Sparkontos zu machen.
Heber jede Einzahlung erhält der Sparer von der Sparstelle eine Bescheinigung, Die er alljährlich Der Steuerbehörde einreicht. Er erhält Dann jeweils Steuerfreiheit auf diese Einlagen. Als Zeitpunkt der Eröffnung des Sparkontos gilt der Tag, an dem der Sparer Den Antrag auf Sperre des Kontos stellt und gleichzeitig die erste Einzahlung leistet. Die erste Einzahlung auf das gesperrte Konto kann in jeder beliebigen Höhe bis zu dem Rvrmalsatz geleistet werden: das Konto mutz für Personen über 50 Jahre jedoch nach § 112 Abs. 1 E. St. G. bis spätestens zum 31. Dez. 1926 errichtet fein, wenn diese die steuer-
Dos grotze Würfelspiel.
[ (Martina Wilemar.)
Roman von Franz lauer Kappus.
83. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ich dachte doch?"
„Das war einmal", sprach Martina und fühlte, wie Der alte Abscheu vor Carsten wiederkam. Aber tapfer schüttelte sie Den Kopf. „Das liegt hinter mir. Selbst bin ich damit fertig geworden."
Carsten staunte sie an.
„Sie verurteilen mich also nicht?"
Martina hob die Schultern und sagte leise: „Man toll niemanden verurteilen. Kein Mensch weiß, was in der Seele des anderen vorgeht."
„Das wären ja —"
Mit einem Sprung fuhr Carsten in die Höhe. Erregt lief er um den Schreibtisch. Knapp vor Martina blieb er stehen. Hell waren seine Mienen auf einmal. Lange schaute er ihr in die Augen.
Ein anderer Mensch, dachte Martina. Doch im selben Moment kam das unbehagliche Gefühl von früher wieder. Warum stand er immer noch Da? Warum starrte er sie so verzückt an? Was wollte dieser sonderbar gewölbte Mund?
Bis auf die Stuhlkante rückte sie allmählich. Die körperliche Nähe Carstens peinigte sie.
Doch da saß er schon wieder auf seinem Platze.
„Ich wollte Sie nicht erschrecken, Fräulein Martina", sprach er scheu und still, die Augen auf der Tischplatte. „Es war nur das Neue — begreifen Sie: niemand hat noch so gi# mir gesprochen."
Etwas spannte sich in Martina, etwas löste sich facht. Wie damals im Krankenhaus fühlte sie auch fetzt tiefes Mitleid mit dem gequälten Menschen. Furchtbar mußte Die Einsamkeit dieses Lebens fein, furchtbar die Verzweiflung feiner Tage und Nächte. Nur aus solcher Wirrnis tonnten die Entschlüsse gewachsen [ein, die Die Welt jetzt mit Spott unD Verachtung übergoß.
Carsten regte sich mieDcr.
Eine Weile blickte er stumm vor sich hin. bis er bann sagte: „Sie sind ein wunderbares Mädchen, Fräulein Martina! Keine zwanzig Worte haben Sie hier gesprochen — und doch: auf einmal ist mir leich
ter zumute. Verstehen Sie, warum? Der eine Satz war es: Kein Mensch weiß, was in Der Seele des anderen vorgeht." Lächelno schaute er zu ihr auf. „Auch ich weiß nicht, was in Ihnen vorgeht." Einen Augenblick stockte er. „Aber ich ahne, daß auch Sie nicht auf Rosen gebettet sind."
„Ach Gott", machte Martina, wieder seltsam beunruhigt.
„Sie kennen ja Doktor Morell?" fragte Carsten plötzlich ohne Uebergang.
Martina erinnerte sich.
„Doktor Morell hat mir geraten, immer an das Krankenhaus zu denken, wenn ich nicht ein noch aus weiß. Und wirklich: etwas merkwürdig Beruhigendes geht von unserem Krankenhaus aus. So viel Leiden und Schmerzen dort auch angehäuft sind: immer ist Das Krankenhaus jetzt mein liebster Aufenthalt. Den ganzen Tag möchte ich dort verbringen. Ist das nicht sonderbar, Fräulein Martina?"
Die Augen Martinas leuchteten wieder ruhig.
„Natürlich ist das, Herr Carsten, nur natürlich. Denken Sie doch: es ist Ihr Werk. Wie eine Festung steht das Krankenhaus. Es wird noch lange fiepen, wenn wir alle schon tot sind. Und — es ist ein gutes Werk, ein wirklich gutes, gutes Werk. Es muß schön fein. Dort zu arbeiten." Verträumt ergänzte Martina: „Und alles andere zu vergessen."
„Niemand hindert Sie", sprach Carsten vorsichtig. Bestimmter erklärte er nach kurzer lieber» legung: „Nur von Ihnen hängt es ab, Fräulein Martina. Der Verwaltungsdirektor braucht einen ganzen Menschen an seiner Seite, eben einen Menschen wie Sie. Roch immer suchen wir nach diesem Menschen."
Martina senkte das Antlitz.
„Das will überlegt fein, Herr Carsten." Heiß brannten Ihre Wangen auf einmal. Klein und kleiner wurde Die Gegenwart. Wie eine Wunderblume blühte die Zukunft auf.
Kurz erhob sich Martina.
„Wenn sonst nichts im Wege steht: ich bin dabei!" Ihre Augen strahlten groß und blau.
Mit beiden Händen preßte Carsten ihre Rechte.
Ein eisiger Wind fegte draußen durch die Straßen. Lächelnd stemmte Martina Den Leid gegen Den Sturm. Irgendwo drückte sich eine froftbebenDe
Frau unter ein notdürftiges Leinendach. Kleine grüne Tannenbäume drängten wie Kinder um sie. Jeden Moment legte der Wind einen um, daß die weißen Holzkreuze aufrecht ragten.
„Weihnachten," lispelte Martina überrascht, „Weihnachten."
XXV.
„Nichts, gar nichts", Jagte Ernst Wilemar und reichte Winterrock und Hut Dem Mädchen. Bis in die Diele war ihm Julie entgegengeeilt. Argwöhnisch musterte sie ihn von oben bis unten. Lange forschte sie in feinen Mienen.
„Nichts", versicherte Wilemar noch einmal. „Kein neues Moment. Die Untersuchung schleppt sich ins Endlose."
Jeden Abend wiederholte sich das jetzt: immer ernster, immer verschlossener kam Wilemar nach Hause. Umsonst Drang Julie mit Frager, in ihn. Umsonst lächelte Lily Dem Vater zu. Umsonst starrte Martina mit brennenDen Augen. Wilemar schwieg.
Es war eine Pein fü rolle. Kein Ende wollte so ein Abendessen nehmen. Nur Lily sprach Dann und wann. Die Schwüle, Die über Dem Hause lastete, paßte nicht gut zu ihrer Stimmung. Endlich hatte sie Den Sieg über Mia Hell Dgoongetraaen. Der Vertrag mit Der Apollo-A.-G. war unterschrieben. Kein Gott konnte ihr Die Kleopatra in Dem neuen Riefenfilm streitig machen. In wenigen Wochen ging es noch 2legppten und Dann nach Rom. Ungeheure Ziele hatte FinDeisen sich gesteckt. Nach Dem großen Erfolg, den die „Rache Der Berge" in Deutschland und darüber hinaus erzielte, wollte er jetzt sein Bestes geben. Um die Wette fieberte LUys Ehrgeiz mit dem feinen.
Frau Julie entfachte den gesunkenen Lebensmut an Den Erfolgen Der Tochter. Als wahres Glück empfanD sie es, daß Lily daheim war. Jemand wenigstens war da, mit Dem man ein vernünftiges Wort reden konnte. UnD man mußte reden: Kaum zu ertragen wäre die drückende Stille sonst gewesen. Voll dunkler Wolken stand Der Horizont. Nichts war aus Ernst herauszubekommen, manche Ueberraschung mußte gewärtigt werden. Aber wie immer Die Singe sich auch entwickelten: an Die Zukunst Durfte man gar nicht Denken. In jedem Falle hatte Das neue Jahr trostlos angehoben. Wohl war noch etwas Geld im House: aber wie lange würde das reichen? Nicht viel
Durfte man mehr von Carsten erwarten. Ser Mann war fo gut wie abgetan. UnD Dann? Von vorn konnte Das alte Spiel beginnen.
Ader Lily war ja da. Etwas Wildes, Mitreißendes sprühte aus Der Tochter, wenn sie mit Der Mutter später allein beisammensaß. Das trug fort, das führte in die große, weite Welk. Wie eigenes Erleben war das beinahe. Nur einmal noch sollte man jung sein können! Ganz anders würde man alles einftchten^ganz anders!
Bald ging Martina in ihr Zimmer. Seit vielen Wochen schlief Lily wieder vom. Sie Schwester brauchte Licht, Raum, Ausblick auf den Kurfürstendamm. Ganz nahe sollte das brausende Leben immer fein. Still setzte sich Martina an den kleinen weißen Tisch, wo sie so viele Briefe an Benno geschrieben hatte. Alle Briefe waren jetzt versiegt. Keiner kam in dieses Zimmer, keiner ging in die Welt hinaus. Es schmerzte nicht einmal sonderlich, wenn man daran dachte. Nur das rote Löschblatt mit den vielen krausen Abdrücken erinnerte daran Ein Gedanke stieg auf. Martina holte Den Handspiegel von der Toilette und hielt ihn schräg gegen das Papier. Gespannt versuchte sie, ihre Schriftzüge zu enträtseln. Aber alles, was sie sah, waren dicke, verquollene Linien, die kreuz und die quer. Sie löste bas oberste Blatt ab und begann von neuem. Und Da formte sich auch schon ein Satz. „Wahnsinnig lieb hab' ich dich, Kenno, ganz wahnsinnig lieb!" Sehr deutlich war bas zu entziffern.
Martina rückte mit Dem Stuhl zurück. Sie Hand, Die den Spiegel hielt, schwang auf ihrem Knie auf und nieder. Wahnsinnig lieb — was für große Worte das waren! Oder schien das heute nur fo? Hatte sie Benno heute vielleicht weniger lieb? Gott, darüber Durfte man wirklich nicht grübeln. Solange sie atmete, mußte sie Benno lieb haben. Bloß Die Gegenwart war stärker. Immer verdrängte die Gegenwart die Vergangenheit. So vieles war ja da, was sich in ihr türmte. 3m Bureau hatte sie gekündigt, Die neue Stelle versprach neues Leben. Trotzdem konnte keine Freude aufkommen. Zu sehr bangte sich Martina um Den Vater. Sein Gehen war ein Wanken. Dünn spannten sich Die Wangen vom Kiefer zu Den Jochbeinen. Unstet blickten die armen, kurzsichtigen Augen. Was sollte aus Dein Vater werden, was?
(Fortsetzung folgt.)


