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Sturm in Schmalebeck

'Jlomon von Sophie Kloerss.

Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. $).. Berlin.

13 Fortsetzung Nachdruck verboten.

Das war ungefähr so schlimm wie die Posaune des jüngsten Gerichts. Nein, schlimmer, denn da hat man Millionen von Mitschuldigen, aber hier hieß es, dem gestrengen Doktor ganz allein gegenüber- tretcn. Fiete hatte wie alle Schmalebecker eine Heidenangst vor Rottmann. Er verstand es nie, das; die Frau Doktor mit ihrem Manne umging wie mit jedem anderen Sterblichen. Daß sie zu ihm sagte: Diu reg' dich nur nicht auf", oderBester Mann, das ist doch meine Sache" er begriff einfach nicht, wo jemand den Mut hernahm. Aber gehen mußte er. und er wünschte von Herzen, die Kinder möchten heute nie fertig werden.

Rottmann ging hinauf zu seinen Eltern. Da traf er auf Madam Eggers, die eine große Haubenkon­ferenz mit der. alten Pastorin abhielt:Und die Blondenhaube, Madam Eggers, die bekommt wieder weißes Seidenband. Und dazwischen die kleinen weißen Fliederzweige."

Die sünd alle en duschen lose, Frau Pastorin. Ich hab' so hübsche vigelette Stiefmütterchen"

Nein," sagte die kleine Dame sehr energisch,die will ich nicht. Rein weiß soll die Haube sein. Sie will mir immer so etwas Buntes anschnacken, Ma­dam Eggers. Ich trag' das nicht, ein für allemal nicht."

Ich mein' ja man. Was Frau Pastorin das nicht mal versuchen möchten."

Ich möchte es nicht."

Pastor Rottmann sah über seine Brille amüsiert auf die kleine Frau. Wie sie auf ihrem Stück be­stand. Und die Eggers hätte so gern ein bißchen an den Stiefmütterchen verdient. Er mußte ihr nun einen kleinen Trost schenken.Na, Madam Eggers, wie wird es denn nun mit Fiete? Wollen Sie den immer noch zum Geistlichen machen?" Wenn sie von ihrem Jungen reden konnte, war sie restlos glücklich.

Herr Pastor, es steht geschrieben, dein Wille ge­schehe und abermals: Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen des Guten fehlet mir--Ach, wenn

ich das erleben könnt', daß mein Jung--Und

steht hier mal auf der Kanzel Ach nee, Herr Pastor, ich sag' ihm jeden Abend: Fiete, sag' ich, reiß' dich zusammen, Jung, sag' ich, daß und so Herr Pastor an dir Freude hat und an dein Lernen. Wo du so Gaben hast von deinem Vater her" Pastor Nottmann zog die Stirn hoch. Die Gaben seines alten Landschulmeisters hatten ihm nie impo­niert, aber Madam Eggers sah es nicht. . Und von mir--ich habe immer so nach dem Hohen ge­

strebt. Kann Herr Pastor mir zu glauben. Und wenn ich denn so mit ihm rede, wie das mal werden kann *"

Ja, aber wenn wir ihn wirklich bis zum Examen bringen, daß er auf die Universität könnte wo­von soll er da leben?"

Och, wenn Herr Pastor und interessiert sich en büschen weiter für ihn--Wo es doch Stipen­

dien gibt, wenn einer so'n guten Kopf hat. Und ich leg' alle Monat' was auf die Sparkasse"

Aller Ehren wert, Madam Eggers. Aber sollte es nicht besser sein, der Junge würde ein bißchen mehr gepäppelt?"

Wie meint Herr Pastor?"

Ich meine nur, er sieht recht blaß und schmal aus und ist stark im Wachsen"

In den Jahren sehen die Jungen alle so aus, Herr Pastor. Das soll sich woll geben. Wenn er man durch das schwere Examen ist."

Sie sah den alten Herrn sondierend an.Sollt es wohl ander Jahr möglich sein?"

Im nächsten Jahr? Daran ist nicht zu denken. Ich bitt' Sie, Madam Eggers, unsere Primaner wer­den achtzehn, neunzehn, zwanzig eh sie dran denken dürfen. Und Fiete wie alt ist er nun?"

Siebzehn."

Also. Und die gehen den regelrechten (Sang. Fiete muß sich alles hier am Ort mühsam bei mir und dem Rektor Friedrich mit Privatstunden zusam­menholen."

Ich fann's nicht machen, daß und geb' ihn fort."

Es soll doch kein Vorwurf fein. Aber sehen Sie mal, wenn er nun wirklich das Examen bekommt wenn--"

Wieso wenn?"

Das Lernen wird ihm ungeheuer schwer."

Das Lernen--" Madam Eggers blieb der

Mund offen stehen. Sie faßte sich aber schnell.Nee- bas erste, was mir einer sagt. Das glauben Herr Pastor man ja nicht, schwer wird ihm das nicht. Bloß so'n büschen schüchtern ist mein Fiete, das ist das Ganze. Der kann! Oha, wie der kann!"

Ja, Madam Eggers, das glauben Sie nun, weil Sie ja von den fremden Sprachen und allem, was von einem jungen Mann verlangt wird, feinen Bescheid wissen. Und der Junge mag sie nicht ent­täuschen. Der mag Ihnen das nicht sagen wie sauer er sich plagen muß."

Wollt' ich ihm auch nicht raten. So'n Jung! Wo ich strapzier' mich so ab, und alle Monat' einen Taler auf die Sparkasse, und denn--was denkt

Herr Pastor sich beim, was mein Fiete werben sollt'? Möcht' ich boch wissen."

Hm", sagte ber alte Herr unb sah nicht, baß seine kleine Frau mit ben Augen blinferte,wenn Sie mich ehrlich fragen, Mabam Eggers, ich mürb' ihn in ihrer Stelle ein solibes Hanbwerk lernen lassen. Handwerk hat golbenen Boben. Lassen Sie ihn bei Meister Große in bie Lehre gehen, ober er malt ja wohl gern ein bißchen geben Sie ihn zu Maler Kolbe. Da hat er auch seine gute Pflege. Kolbe hält seine Lehrjungen wie seine eigenen, unb sie---"

So weit hatte er nur reben können, weil ber be- (eibigten Mutter bie Sprache im Halse stecken blieb. Nun aber brach sie los.

Mein Jung! Mein Fiete! unb soll sich mit so'n Volk gemein machen! Mit sein' Kopf! Was hat Herr Pastor sich benn gedacht, daß er ihn und hat ihm so lang den Unterricht gegeben. Und wo der Jung sich so mit den Gören geplagt, alle Tage. Daß er doch mit sein ehrlich Arbeit das wieder gut machen will, was Herr Pastor ihn lehrt! Wo das son böse Kinder sind!" Rottmann horchte auf. Madam Eggers hatte noch nie ein Wort über sein Trio verloren.Jawohl, sone bösen Kinder! Was schreien sie immer hinter ihm her? Fiete Eggers geht auf Eiern, jawoll, das schreien sie. Hab' es oft genug gehört. Die anderen Bengels haben es sich auch all angenommen! Soll ihn das nicht kränken? Weil man kein reicher Mensch ist, muß man still sein und sich alles gefallen lassen. Aber Herr Pastor hat uns oft genug in der Kirche gelehrt: Irret euch

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i.icht, Gott|jt sich nicht tpo;ien, unb: Mit wel­cherlei Maß ihr messet, soll euch gemessen werben."

Ach, Madam Eggers," der alte Herr schwankte zwischen Aerger unb Lachen,bas Sprüchezitieren lassen Sie lieber bleiben. Die soll man nicht anwen­den, wenn es sich um ein paar unartige Kinber han­delt. Junges Volk neckt sich, und Fiete sollte sich seine Empfindlichkeit abgewöhnen. Aber was das heißen soll: sich mit solchem Volk gemein machen, das ver­steh' ich nicht. Unsere Handwerker sind alle ehren- hafte Leute. Was war denn Ihr Vater, Madam Eggers?"

Darauf einzugehen, fand Madam Eggers nicht für angemessen, sie verzog sich und murmelte Unver­ständliches vor sich hin, als sie aus der Tür ging. Den Doktor sah sie gar nicht an, unb ihr kleines ver- Enittertes Gesicht war eitel Galle.

Als Doktor Rottmann eine halbe Stunbe später bie Treppe herunterkam, wollte sich Fiete gerade aus ber Haustür brücken.Stopp! Hiergcblieben! Du sollst boch noch in mein Zimmer kommen."

Sie waren nicht brin."

Denn komm jeßt mal mit. Brauchst nicht bie Hänbe so zu ballen, ich fress' bich nicht." Unb als er ben langen Jungen brinnen in seinen^ Merhei- ligften hatte, wies er auf einen Stuhl neben bem Schreibtisch, auf bem bie Patienten sitzen mußten. Nun also zu bir, mein lieber Fiete. Sage mal, du siehst ja man recht jämmerlich roieber aus. Hast du wohl manchmal nicht satt?"

Dock. Doch."

Sieht mir gar nicht so aus. Und wie ist es eigentlich mit deiner Meinung zum Lehrer oder Pre- diger? Hm?"

Ich soll es doch werden."

Nämlich, zum Lehrer hast du gar keine An­lagen, und etwas davon muß ein Geistlicher auch besitzen. Meine Gören sind bei bir ganz aus Ranb unb Banb geraten. Warum nimmst bu sie nicht stramm?"

Wie soll ich benn bas machen?"

Eins hinter bie Löffel. Wie siehst bu mich an? Dem Jungen ist es sehr gefunb, unb ben Möd- chen würbe es auch nicht schaben."

Ich hab' es einmal versucht", stammelte Fiete. Da hat Hans so gräßlich gebrüllt---"

(Fortsetzung folgt.)

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