Ausgabe 
2.9.1926
 
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Delegationsführer Genf verlassen, um in Berlin der Reichsregierung über ihre Eindrücke ausführlich zu berichten.

Der Eindruck m Schweden.

Stockholm, 2. Sept. (TU.) Die Ansichten über die gestrigen Genfer Beschlüsse sind in Schwe­den sehr geteilt. Während die liberalen Stock­holmer Zeitungen seststellen, daß der schwedische Vertreter in Genf eine bedeutungsvolle Rolle spiele, ist die konservative Presse mit dem Ergebnis der Genfer Verhandlungen nicht zufrieden.Nya Dag- ligt Allchanda" schreibt, die Beschlüsse der Studien­kommission seien keineswegs ein Sieg des schwe­dischen Standpunkts. Weder die schwedische Regie­rung noch der Reichstag könnten es gutheißen, daß der Einfluß der kleinen Staaten im Völkerbunde aufhören solle.

Bundeskanzler Ramek in Genf.

Wien, 2. Sept. (Sil.) Bundeskanzler Dr. Ramek. der sich am Samstag nach Genf be­geben wird, da am Montag verschiedene öster­reichische Fragerr im Rat zur Verhandlung kom­men werden, wird seinen Aufenthalt in Genf verlängern, um der Sitzung beizuwohnen, in der die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund erfolgen soll. Der Kanzler be­absichtigt, in der Sitzung das Wort zu ergreifen, um das Deutsche Reich im Ramen Oesterreichs im Völkerbünde zu begrüßen. 3n hiesigen diplomatischen Kreisen vermutet man, daß die Rede starke politische Anspielungen auf die innere Gemeinsamkeit der beiden Rachbarstaaten enthalten, und daß der Kanzler auch die Frage des Minoritäten­schutzes, soweit Oesterreich daran interessiert ist, anschneiden wird.

Zuspitzung der Lage in Tanger

Madrid, 1. Sept. (TA.) Der spanische Vertreter in Tanger, Espinos, hat im Zu­sammenhang mit der Maßregelung deS Chef­redakteurs derDepeche Marocaine" die Aus­weisung des Administrators der Tangerzon«, Albergue, gefordert, weil dieser der Spanien und Italien feindlichen Hal­tung des französischen Marokkoblattes nicht ent- gegengetreten ist. Autzcxdem verlangte Espinos, dem französischen Gesandten in Tan­ger aus dem gleichen Grunde einen Ver­weis zu erteilen. Es heißt, daß der italie­nische Generalkonsul, Dantelli, die Forderungen Espinos u n t e r st ü h t.

PauL-Boncour zur Abrüstungsfrage.

Paris, 1. Sept. (TU.) Paul-Boncour hat vor feiner Abreise nach Genf einem Vertreter desOeuvre" Erklärungen über die Abrüstungs­frage gemacht. Die Frage fei, so führte er aus, außerordentlich ernst. Sobald der Streit um die Ratssitze endgültig erledigt sei, habe ftS? 6er Völker­bund mit der Abrüstungsangelegenheit zu befassen. Das Geschick des Völkerbundes hänge von dieser Frage ab. Man müsse unbedingt zu einem Ergeb­nis gelangen. Wenn dieses darin bestände, daß die nationalen Abrüstungen Gegenstand eines inter­nationalen Vertrages wurden, so wäre schon jetzt viel erreicht. Frankreich nehme für sich die Ehre in Anspruch, als erstes Land eine internatio­nale Kontrolle seiner Rüstungen zu­zugeben. (!) Dieses sei die beste Antwort auf die Anschuldigung wider den französischen Imperialis­mus. Bisher habe Frankreich auf diesem Wege nur rdie Zustimmung d e r kleinen Mächte ge- . funben, die mit Frankreich zusammengegangen 'feien. (!) Die großen Mächte hätten sich bisher ge­weigert, ihm zu folgen, lieber das Wesen der inter- ' nationalen Kontrolle erklärte Paul-Boncour, es könne sich naturgemäß nicht um eine Kommission handeln, die durch Europa reife und die Kasernen und Arsenale zu besuchen habe. Die nationale Souveränität und das Geheimnis der Mobilisierung könnten nicht in Frage ge­zogen werden. Was Frankreich wolle, fei ein Kon­trollorgan, das aus verschiedenen Vertretern be­stehe, und das in besonderen Fällen zur Untersuchung herangezogen werde.

Der Bergarbeiterstreik in England.

Um ein nationales Lohnabkommen.

London, 1. Sept. (TA.) Die Mitglieder der Arbeiterpartei, Mac Donald, Clhnes, Walsh und Adarsvn hatten heute eine Aussprache mit den Vertretern der Dergarbeiterexekutive. Rach Schluß der Aussprache erklärte einer der Ab­geordneten auf Befragen,öie Friedenspfeife tft noch nicht in Sicht". Cook versicherte nach Beendigung der Aussprache, daß die Gerüchte von Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Präsidenten der Bergarbeitergewerkschaft, Robert Smith, reine Dichtung seien. 3n unterrich­teten Kreisen bezweifelt man, daß, selbst wenn die Arbeiterexekutive neue Vorschläge unterbreiten sollte, die Bergwerksbesitzer bereit fein würden, auf der Basis eines nationalen Lohnabkommens zu verbandeln. 3n anderen Kreisen hält man dagegen Verhandlungen über nationale Lohnabkommen für unmöglich. Die Berg- werksbesiher sind der Ansicht, daß die Berg- werksbefihervereinigung keine Vollmachten mehr habe mit der Bergarbeiterexekutive über diese Frage zu verhandeln. Die örtlichen Vereinigungen sollten die Verantwortlich­keit für die Verhandlungen übernehmen. Theo­retisch betrachtet sich die Dergwerksbesitzerver- einigung als aufgelöst und ein allgemeines Lohnabkommen für unmöglich, sie beabsichtigt, durch drstriktweise Abkommen die Berg­arbeitergewerkschaft praktisch vollkommen lahm zu legen.

Die Wirren in China.

London, 2. Sept. (WTD. Funkspruch.) Meldungen aus Kanton besagen, daß Streik­posten vorsätzlich auf Ausländer feuern, während Barkassen chinesische Passagiere nach und von Hongkong-Dampfern befördern. Britische Kanonenboote patrouillieren den Shamenbereich. Es besteht die Möglichkeit eines ernsten Zu­sammenstoßes. Gerüchtweise verlautet, daß beim ersten Zusammenstoß Großbritannien den Kan­ton-Fluß blockieren werde. Es sei mög­lich. daß während des Wochenendes Verwickelun­gen emtreten.

Kunst und Wissenschaft.

Abschiedsfeier für Dr. Rottenberg.

Für den nach 33jähriger Tätigkeit in den Ruhestand tretenden hochverdienten Kapellmeister des Frankfurter Opernhauses. Dr. Rottenberg, fand am Sonntag eine Abschiedsfeier statt, dem Wunsche des Geehrten gemäß in kleinem Kreise. Von den Vertretern des Magistrats, des Auf­sichtsrats und der Direktion der Städtischen Hühnen-A. G.. der Dühnenmitglieder, des Or­chesters, des Chors, des technischen Personals wurden Dr. Rottenberg warme Worte herzlichen Dankes und ehrender Anerkennung ausgespro­chen und darauf hingewiesen, wie sehr das hohe Ansehen des Frantfurter Opernhauses durch feine Tätigkeit mitbegründet und erhalten worden fei. Stadtrat Meckbach überreichte dem Scheidenden die silberne Plakette des Magistrats der Stadt Frankfurt a. M. und teilte mit, daß der Aufsichtsrat der Bühnen-A. G. be­schlossen habe, Dr. Rottenberg zum Ehren­mitglied der Städtischen Bühnen-A. G. zu ernennen. 3n schlichten bewegten Worten dankte Dr. Rottenberg und hob hervor, daß er sich immer in den Dienst der Sache gestellt habe, für die zu wirken er berufen gewesen sei.

(Eine Studienreise des Reichsverbandes der Deutschen Volkswirte.

Eine Tagung und Studienreise des Reichsoer­bandes der Deutschen Volkswirte im rheinisch- wcstfälifchen Industriegebiet findet vom 12. bis 18. September statt. Den Hnupttcil der Studienreise bildet die Besichtigung der wichtigsten Werke und städttschen Anlagen in Elberfeld, Bar­men, Leverkusen. Essen, Gelsenkirchen, Mülheim (Ruhr), Velbert, Duisburg, Oberhausen, Hamborn, Hagen, Bochum, Dortmund, Solingen, Remscheid. Ferner Fahrten nach Köln, nach Düsseldorf mit Besichtigung der Gesolei sowie Rundfahrt durch das Bergische Land.

2lus aller Wett

Reichskanzler Luther in Peru.

Lima, 1. Sept. Der frühere deutsche Reichs­kanzler Dr. Luther traf gestern hier ein. Am Abend veranstaltete der Deutsche Klub ihm zu Ehren einen Gmpsang. Dr. Luther wird heute nachmittag nach dein 3nneren des Landes abreisen, um den deutschen Siedlungen einen Besuch abzustatten.

Schwere Unwetterkatastrophe in Spanien.

Paris, 1. Sept. (DTB.) Der poskzug Bar­celona Valencia ist heute nachmittag in der Rahe von T o r t o s a infolge eines durch die starken Regengüsse dcr letzten Tage hcrvorgeru- fenen Erdrutsches e n t g l e i st. Dabei sind 2 4 p er­tönen getötet und 88 verletzt worden. Durch das Unwetter sind weiter eine Reihe von Ortschaf­ten überschwemmt worden. Ueber Barcelona ging ein furchtbarer W i r b e t st u r m nieder, der zahl- reiche Häuser niederritz. Bisher zählte man 30 Tote und viele verletzte. 3n San Bandille ereignete sich während des Sturmes eine Explosion, wodurch fünf Häuser zerstört wurden. Fünf Personen wurden dabei getötet, drei schwer verletzt.

Das Erdbeben auf den Azoren.

Lissabon, l.Sepl. (TU.) Rach Angaben des Gouverneurs wurden auf der 3nsal Frahal fünfzig Personen getötet. Fast die ganze Stadt Horta ist zerstört. Die portu­giesische Regierung hat eine sofortige Hilfsaktion beschlossen. Der Konsul der Vereinigten Staaten telegraphierte seiner Regierung, das Erdbeben sei das schwerste, das die 3nsel bisher betroffen habe. Das amerikanische Rote Kreuz hat seine Hilfe zugesagt. Auch aus Mexiko werden starke Erdbeben gemeldet. Ebenso wurden in Griechenland starke Erdstöße verspürt.

Schwere Gewitterstürme in Frankreich und England.

Paris, 2. Sept. (WTD. Funkspruch.) Aus verschiedenen Teilen Frankreichs sind Gewitter­stürme von ungewöhnlicher Heftigkeit gemeldet worden. 3n Cherbourg wurden tiefergele­gene Stadtteile in kurzer Zeit überschwemmt. Der Strahenbahnverkehr und die Stromversor­gung sind unterbrochen. 3n Angoulöme und Perpignan sind die Keller der Häuser zum größten Teil unter Wasser gesetzt und sonstige Schäden angerichtet worden. Auch über London ist ein 'kurzes aber schweres Gewitter niedergegangen, das erheblichen Schaden ver­ursachte. 3n vielen niedrig liegenden Stadtteilen wurden die Straßen überflutet. Die elektrischen Straßenbahnen zwischen der City und dem west­lichen Vorort Kew konnten nicht verkehren, da durch die Tleberschwemmung die Stromzufuhr unterbrochen war.

Schweres Brandunglück in Reuyork.

Aufregende Szenen ereigneten sich, als im unteren Stockwerk eines von Regern bewohnten! fünfstöckigen Gebäudes Feuer ausbrach, durch das alten darüber Wohnenden die Ret­tung unmöglich gemacht wurde. Ein tiefer Graben, der vor dem Gebäude wegen des Baues einer älnterg rundbahnstrecke ausgehoben worden war, hinderte die Feuerwehrleute. an dieser Stelle ihre Leiter anzulegen. Viele Reger spran­gen aus den Fenstern und erlitten z. T. schwere Verletzungen. Fünf Leichen wurden unter den Trümmern hervorgezogen; eine Person wird ver­mißt.

Grotzfeuer in Ostpreußen.

Durch spielende Kinder wurde in Peters- Walde ein Strohhaufen in Brand gesetzt. Der Wind trug das Feuer auf die in der Rühe be­findlichen Gehöfte. 3n wenigen Augenblicken war ein großer Teil des Dorfes ein gewal­tiges Flammenmeer. 5 Gehöfte sind mit der «gesamten Ernte niedergebrannt. Den Feuer­wehren gelang es unter Aufbietung aller Kräfte, den Brand zu löschen. Zehn Familien sind ob­dachlos.

Schweres Automobilunglück.

Ein schweres Automobilunglück ereignete sich in der Mittwoch-Nacht gegen 12 Uhr auf der Straße zwischen Gleiwitz und Hindenburg. Ein Auto mit drei Insassen fuhr bei den letzten Häusern von Matthesdorf gegen einen Straßen- bahnmast, fiel zur Seite und wurde zertrümmert. Der Chauffeur und ein Insasse wurden sofort g e ° tötet, der andere schwer verletzt.

Autounglück in der Rhön.

Bei O st h c i m in der Rhön ereignete sich ein schweres Autounglück. Der Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Lagerhauses befand sich mit seinem Auto, in dem noch drei Personen

saßen, auf der Landstraße, als plötzlich der Reifen platzte. Das Auto überschlug sich, die 3nsassen unter sich begrabend. Der Geschäfts­führer Witzel zog sich schwere innere Verletzungen, der Bäckermeister Dickert schwere Kopfverletzungen zu, während der Seilermeister Laß derart schwer an der Wirbelsäule verletzt wurde, daß an seinem Aufkommen. gezweifelt wird. Der vierte 3nsasse blieb unverletzt.

INelsterwerk eines pfälzischen Architekten.

3m 3uli wurde in Detroit (11.©. oj A.) mit dem Dau des höchsten und größten Gebäudes der Welt begonnen, dessen Pläne von dem . in Aeustadt gebürtigen Architekten Kämper unter Assistenz seines Sohnes ent­worfen wurden.

10 000 Mark Belohnung für die Ergreifung desBlinden Johann".

Wie die Dlätter melden, hat der Ober­präsident von Hannover auf die Ergreifung des Raubmörders 3ohann L e n i e r c z , der bei der Oberförsterei Lauenau einen Först er und einen Waldarbeiter erschoss en hat und dem außer zahlreichen Raubüberfällen und Einbrüchen 13 Raubmorde zur Last gelegt werden, eine Belohnung von 3000 Mark aus­gesetzt, zu der noch Belohnungen anderer Be­hörden von 7000 Mark hinzukommen. Offen­bar sind also alle früheren Meldungen von einer Ergreifung des Raubmörders falsch.

Aus der Proviuzialhauptstadt.

Gießen, den 2. September 1926.

Gegen die FestseMche.

Von Schulrat Heinrich H a s s i n g e r, Darmstadt, Leiter der Zentralstelle zur Förderung der Volks­bildung und 3ugendpflege in Hessen.

Fhr Vorstände und Verantwortlichen! Es wütet eine Seuche unter uns, gefährlich, lauernd, schleichend, wie Seuchen sind, und wenn Euch nicht die Verantwortung an ihren Verheeruncen treffen soll, dann tretet endlich als ihre energischen Gegner und Vekämpfer auf. 3hr allein habt es in der Gewalt, ihr Einhalt zu gebieten. Sie ist um so gefährlicher, als sie lustig und bunt daher­kommt, als ihr alles dienstbar ist, Alkohol, Musik, Tanz, Umzug und als sie sich häufig auf solch ehrbare Anlässe beruft wie Weihe, Ge­denken, 3ubiläum und dergleichen.

Es sieht beinahe so aus, als hätten wir landaus, landab nichts Wichtigeres zu tun, als uns auf Gründe und Anlässe für Feste und Feiern zu besinnen. 3hre ungesunde Häufung gleicht einer Flut, die sich verheerend über unser ganzes Vollsleben legt und die den Sinn für wahre Feste tötet. Sind wir ehrlich: was weiß ein großer Teil unserer 3ugend heute von einem Fest? Geht nur durch die Straßen, geht nur in die Schulen, die 3ugsnd singt und summt auch ihre Erinnerungen an diese schönenFeste" undFeiern" vor. Die Tanzmusik, der Shimmy und 3azz, die frivolsten Schlager, das sind heute vielfach die Volkslieder unserer 3üngsten. Die aufwärtsstrebende 3ugend in allen Bünden und Verbänden wendet sich entsetzt davon ab und sucht in ernstem Ringen nach einem neuen Lebensstil bei ihren Veranstaltungen. Cs genügt nicht, die Schultern zu zucken und zu sagen, diese Festseuche liegt in der Zeit. Wer Verantwortung hat, muß handeln. Es braucht nicht zu sein, daß der eine Dereinsvorstand dem andern die Saal­türe gleich offen läßt, weil der eine Verein sein drittes, der andere sein siebzehntes und der dritte sein achtunddreißigstes Stiftungsfest feiern muß. Es wäre genug mit den 3uhiläumszahlen 25, 50 und 75. Geht es höher mit den Zahlen, gut, dann mag es von fünf zu fünf gehen. Aber das wären dann auch Anlässe! Das gäbe dann Feste! Es liegt an euch, ihr Vereine, dem wahren Fest wieder Sinn und Gla. nz und erfrischende Kraft zu geben. 3hr arbeitet für die 3ugend, ihr arbeitet für die innere Erneuerung und Gesundung unseres Volks­lebens, für dieses und jenes schöne Ziel der Volksbildung im Sinne echter Voll-Bildung, das ist gut und erfreulich. Gebt der 3ugend Arbeit in euren Reihen, gebt ihr Freude und Anregung durch Betätigung im Sinne eures Strebens, aber gebt ihr nicht Sinneslust und Leichtlebigkeit durch die Häufung unnötiger Feste. Und wenn ihr Feste gebt, dann gebt sie mit all dem Ernst, den gerade die echte Freude erfordert. Cs ist unglaublich, was auf dem Gebiet der Vereinsfeste vielfach gesündigt wird gegen den Geist des guten Geschmacks, der guten Sitten und des Schönen. Geht nur unter die 3ugend, hört nur herum in den Schulen, ihr werdet erschrecken über die Wirkungen, die Leicht­fertigkeit und Geschmacksverirrung der Erwach­senen gezeitigt haben.

3hr Dereinsvorstände und Verantwortlichen, prüft die Liste eurer geplanten Feste, prüft sie dreimal und viermal, prüft sie so, als träfe euch persönlich der Vorwurf, diefer Festfeuche Vorschub zu leisten. Gebet lieber euren Mitgliedern zehn Feste z!u wenig, als eines zu viel. Das Volk seufzt unter der Rot und leidet unter den Kosten des täglichen Lebens, wollet ihr den Vorwurf auf euch nehmen, in schwerer Zeit sein Ver­führer gewesen zu sein, es zu Ausgaben ver­leitet z,u haben, die ihm weh tun müssen? Das könnt ihr nicht wollen, und doch seid ihr es, wenn ihr mittanzl in dem Reigen dieser Festseuche.

Und müßt ihr feiern, ist der Anlaß wirklich ein Fest wert, dann feiert zu Zeiten, wo sich alle mit euch freuen können. Verletzt nicht die reli­giösen Gefühle eurer Mitmenschen, indem ihr ihnen die Ruhe und Heiligkeit des Gottesdienstes stört. Rehmt auf die gottesdienstliche Zeit Rück­sicht. Das wird euch und eure Sache ehren.

3hr Verantwortlichen, es gibt ein Mittel, dieser Festseuche zu Leibe zu gehen; wenn ihr Führer der Vereine in den einzelnen Gemeinden euch ehrlich und ohne Mißgunst zusammensetzt und gemeinschaftlich eine Einteilung der im laufenden 3cchre abzuhultenden Feste und Veranstaltungen anstrebt. Es kann jeder Verein dwbei zu seinem Rechte kommen, denn es braucht doch nicht zu sein, daß zwei oder drei Feste auf einen Tag fallen, daß man sich gegenseitig zu übertrumpfen sucht und in die Werbemethode der geschäftlichen Konkurrenz verfällt. Das An­sehen und die Bedeutung eurer eigenen Feste wird dabei steigen und ihr werdet auf diese Art eirrer Gemeinde einen großen Dienst erweisen. Denn was nutzt es, toemi die Präsidenten der Vereine in ihren Reden noch so sehr im Brust­ton der Aeberzeuguna von der Wichtigkeit des Wiederaufbaues und dem Segen der gedeihlichen Zusammenarbeit sprechen, und wenn dabei schon in dem kleinen! Kreis einer Gemeinde das gegen-

I fettige Verständnis fehlt, wenn man sich da schon nicht zu einem ersprießlichen Handinhandarbeiten aufraffen kann. Hier, gerade hier, wo es gilt, ein anerkanntes Hebel, einen Mißstand zu be­kämpfen, hier könnt ihr den schönsten Schritt zur Dorfgemeinschaft tun. Hier setzt der rechte Weg ein zum Verständnis des Volkes unterein­ander, der Weg zu der in allen Reden geprie- f en eit Volksgemeinschaft. Vergeßt

über den Festen das est e nicht, das uns alle findet: die Wohlfahrt des Volkes. 3 n euren Vereinen spiegelt sich das Leben des Volkes, sorgt da­für, daß dieser Spiegel nicht durch das Wüten dieser Seuche trübe wird und daß er allzeit einwirklichfrvhes, klares und erfreuliches Bild un­seres Volkes und seines Lebens zu­rück w i r f t.

Deshalb alle, die ihr die Verantwortung! tragt, stehet zusammen im Kampfe gegen die ent­setzlichste Seuche, die gegen 3ugend und Volk wütet: die Festseuche!

Die Notare in HeAe^r,

Einem Ersuchen des Landtags entsprechend, bat der Justizminister die nachstehenden Angaben über die Notare in Hessen bekanntaegeben.

Die Zahl der Notare in Hessen beträgt z. Z. 59. Das Einkommen gestaltete sich im Jahre 1925 wie folgt: Die Solleinnahme der 59 Notare an Ge­bühren betrug insgesamt 1 463 197 Mark, die Jst- einnahme insgesamt 1 151 477 Mart. Die Sollein­nahme an Auslagenersatz betrug 201 225 Mark, die Jsteinncchme hieraus 249 526 Mark. Nach Abzug des auf den Staat entfallenden Gebährenanteils verblieb den Notaren eine reine Jsteinnahme von insgesamt 1 091 750 Mark. In dieser Summe ist die Jsteinnahme an Auslagenersatz mit 249 526 Mark enthalten. Am Schluß des Kalenderjahres 1925 waren von den Solleinnahmen noch nicht ein­gegangen und sind deshalb bei der Feststellung des Jahreseinkommens der Notare noch zu berücksich­tigen an Gebühren: 311720 Mark, Auslagenersatz 51 699 Mark. Der aus den rückständigen Gebühren von 311 720 Mark auf den Staat entfallende An­teil kann nicht angegeben werden, da dessen Berech­nung erst nach Eingang der Gebühren möglich ist. Bei den Notaren bewegte sich die Jahreseinnahme (Solleinnahme) an Gebühren und Auslagenersatz ohne Abzug des Staatsanteils an den Gebühren zwischen 14 744 Mark und 1078 Mark. Die höchste Jahres-Jsteinnahmc eines Notars an Gebühren und Auslagenersatz nach Abzug des Staatsanteils an den Gebühren betrug 55 882 Mark (hierin 16 329 Mark Auslagenersatz). Bei Feststellung der Jahresgesamteinnahme dieses Notars wäre noch zu berücksichtigen, daß von der Solleinnahme des Jahres 1925 am Jahresende noch 8078 Mark Ge­bühren ausstanden, von denen aber ein noch nicht feststellbarer Satzanteil in Abzug zu bringen märe. Die niedrigste Jabresisteinnahme eines Notars be­trug 1369 Mark (einschließlich 291 Mark eingegan- gener Rückstände aus der Zeit vor dem 1.1.25). Die vom Staat aufgewendeten Mittel betrugen nach dem Stande vom 1. 8. d. I. an Ruhegehältern für Notare jährlich 37 302 Mark, an Bezügen für Hin­terbliebene von Notaren jährlich 88 732 Mark.

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kostete auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund: Vutter 180 bis 200 Pfennig, Matte 30 bis 40, Käse (10 Stück) 60 bis 100. Wirfing 8 bis 15, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 12 bis 30, gelbe Rüben 10 bis 15, rote Rüben 10, Spinat 25, Römischkohl 10, Dohnen (grüne) 15 bis 20, Dohnen (gelbe) 20 bis 25, Tlnterkohl- rabi 6, Erbsen 30 bis 35. Tomaten 20 bis 40. Zwiebeln 15 bis 20, Meerrettich 80, Rhabarber 20, Kartoffeln 4 bis 5, Falläpfel 8 bis 10, Früh­äpfel 20 bis 35, Dirnen 10 bis 25, Zwetschen 25 bis 35, Mirabellen 30 bis 45, Preiselbeeren 70, junge Hahnen 90 bis 110, Suppenhühner 100 bis 120; das Stück: Eier 14 bis 15, Blumen­kohl 40 bis 120, Salat 5 bis 10, Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 2 bis 4, Endivien 15 bis 25, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Sellerie 30 bis 50; das Bund: Radieschen 10 Pf.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag. Liebigshöhe: 8^ Uhr Sonderkonzert der Reichswehr­kapelle. Bund für christlich-evangelische Er­ziehung in Haus und Schule: 8 Uhr, Johcmnes- saal, Familienabend. V. s. B., Alte Herren: 8£ Uhr Versammlung bei Vogt, Sonnenstraße. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Die Straße des Vergessens". Palastlichtspiele:Pat und Pato- chon auf der Weltreise" und persönliches Auftreten dieser Darsteller. Astoria-Lichtfpiele:Mut, Monty, es wird schon schief gehen".

Wettervoraussage.

Bei nordöstlichen Winden vielfach heiter bis molkig, etwas kühler, Gewitterstörungen.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 27,2 Grad Celsius, Minimum 11,5 Grad Celsius. Heutige Morgentemperatur 13,7 Grad Celsius.

** Der Herbstflugplan der Luft­verkehr A. G. Oberhessen-Lahngau sieht von gestern ab vor. daß die Flugzeugs mittags um 1 älhr nach Frankfurt a. M. unb um 1.10 älhr nach Kassel hier abfliegen. Die Strecke Frankfurt a. M.GießenKussel wird nunmehr von zwei Flugzeugen beflogen, die sich auf unserem Flugplatz treffen und dann in dem Abstand von 10 Minuten starten. Bei dem gegen­wärtigen schönen Wetter ist die 3nanspruchna^we der Fluglinie recht rege. 3n der vorigen Woche hatte unser Flugunternehmen den bisher jüngsten Passagier, eine Schülerin von 11 Fahren, und den ältesten Fluggast, den 84 3ahre allen Rent­ner Karl Berg, äu befördern. Beiden machte der Flug viel Vergnügen; die Schülerin schilderte ihr Erlebnis sogar in einem Aufsatz, in dem sie u. a. zum Ausdruck brachte, daß sie nicht ver­stehen könne, warumso viele erwachsene Leute heute noch immer Angst vor dem Fliegen" hätten. Vielleicht wirkt bie Courage der Kleinen ansteckend auf die Großen und veranlaßt diese, sich das Vergnügen eines Fluges noch zu leisten, bevor am 8. Oktober die diesjährige Flug­periode geschlossen wird.

** Ein guter Rat an die Vereine. Vom Gießener Veükehrsverein wird uns geschrie­ben. Bittere Enttäuschungen würden den ein­zelnen Vereinen erspart bleiben, wenn sie ihre Veranstaltungen frühzeitig dem Stadt. Verkehrs­amt (Stadthaus, Zimmer 14) anzeigten. Es würde dadurch vermieden werden, daß mehrere größere Veranstaltungen auf einen Tag falten und da­durch die beteiligten Vereine schwere finanzielle Einbußen erleiden. Das Städt. Verkehrsamt gibt jederzeit Auskunft über die bereits angemeldeten Veranstaltungen, so daß einer erfolgreichen. Durch-