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Sein oder Nichtsein.

Ein Kriminalroman von der wasscrkanle.

Von Moritz Schäfer.

10. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Hinriks Sie sind sein Gegner. Aber schmähen lass' ich meinen Wohltäter nicht."

Wer im Dunkel bleiben will, dem soll man keine Laterne anstecken."

Jedenfalls habe ich von Ihrer Seite eine Er­leuchtung nicht nötig."

Hm. Dankei Nur noch eins, dann geh' ich: Wieviel sind Sie Herrn Mühlfeld noch schuldig?"

Ich wüßte nicht, warum Sie das interessieren könnte."

Ich bin leider nun mal so bannig neugierig."

Ach, lassen Sie mich zufrieden!"

Sobald Sie mir die Summe genannt haben."

Lorenzen muhte wider Willen lachen. Halb ge­reizt, halb belustigt, sagte er:Quälgeist! Damit Sie endlich Nutze haben ich schulde Mühlfeld noch 150 Millionen."

So. Danke. Morgen, Herr Lorenzen. Ich geh' jetzt noch einen Sprung zu Andrea."

Aber dah Sie ihr keine Motten in den Kopf setzen, Kapitän!"

Ohne Sorge. Ich meng' mich nicht in eure Prioatgeschichten." Und draußen war er. Gleich dar- auf aber steckte er nochmals den Kopf zur Tür herein.Apropos, da fällt mir eben ein, Margot wollte am Nachmittag zu mir kommen. Das geht nun nicht. Sagen Eie dem Mädel, ich fei heut ver­hindert."

Schön. Ich werd's ausrichten.

Soll morgen kommen, die Kleine. Ich muh nachmittags zum Rennen."

Sie zum Rennen?"

Ja, nun schlagen Sie mal lang hin, mein guter Lorenzen! Dah Onkel Otto zum Pferderennen geht, will Ihnen nicht in den Kopf hinein, was?"

Aufrichtig gestanden, nein. Liegt denn etwas Besonderes vor?"

Das soll wohl so sein!" Er kicherte behaglich und warf die Tür ins Schloß.

IX.

Die Rennen waren in vollem Gang. Eben war das Feld zum Iagdhürdenrennen in die letzte Runde gelangt, und am großen Wassergraben gab's einen Zwischenfall. Nicht weniger als drei Pferde refü­sierten das Hindernis; eines brach aus, ein zweites ging unter den krampfhaften Anstrengungen des Jockeys endlich doch hinüber, sprang aber zu kurz und brach die rechte Hinterhand, so daß es auf dem Platze erschossen werden mußte. Das dritte, ein Fuchs, der als erklärter Favorit galt, stand wie eine Mauer und war weder durch Peitsche noch Sporen zur Einsicht zu bringen. Drei andere Gäule, die weit im Hintertreffen lagen, konterten in aller Gemüts­ruhe auf, gingen widerwillig an den Graben heran, nahmen das Hindernis aber schließlich doch, und zum Ende ging ein Outsider unter dem Jockeylehrling Smith durchs Ziel.

Geschrei und Gejohle des Publikums erfüllte Tribünen und Sattelplatz.Miserabler Sport," sagte ein schlankgewachsener Herr von etwa dreißig Jah­ren, der über dem blauen Anzug einen modernen Covercoat trug, zu seinem Begleiter, einem mittel­großen, mit rundlichem Bäuchlein begabten Fünf­ziger;ich glaube, wir schenken uns den Rest, Papa."

Ganz meine Meinung," antwortete der Dicke; auch ich hab' von dem Affentheater genug."

Einen Augenblick noch, meine Herren!" rief eine Stimme, und sich nmblickend, schauten Vater und Sohn in ein freundliches, runzliges Gesicht, das ein graumelierter Schifferbart umrahmte.

Kapitän Hinriks!"

Wahrhaftig, Onkel Otto!"

Nu fchlägt's aber dreizehn!"

Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher, Kapitän?"

Der alte Herr wurde von den beiden Angeredeten mit ebenso großer Ueberraschung wie Freude be- grüßt. Er hatte sich fein herousstasfiert, freilich nicht im Stil des Turfs, denn für solche Gelegenheiten war seine Garderobe nicht komplettiert. Aber bei einer wassersportlichen Veranstaltung hätte Onkel Otto zweifellos eine gute Figur gemacht. Er trug Helle Flanellhofen, weiße Handschuhe, ein zwei­reihiges marineblaues Jackett und die Mütze mit den Abzeichen des mecklenburgischen Jachtklubs. Am Ledergurt hing ihm ein Zeißglas über die Schulter.

Wie ich hierherkommen, meine Herren? Na, das ist sehr einfach. Sie beide hab' ich gesucht, denn ich hab' dringend mit Ihnen zu reden. Und da ich wußte, daß ich Sie heut ganz sicher nicht auf dem Kontor, sondern beim Nennen treffen würde"

Richtig kalkuliert!" lachte der Jüngere und schob vertraulich seinen Arm unter den des Kapitäns. Wir versäumen kein Rostocker Rennen. Einmal aus Lokalpatriotismus, und dann sitzt einem nun einmal der Pferdeverstand in den Knochen."

In den Knochen pflegt der Verstand freilich nicht zu sitzen," meinte gutmütig lächelnd der ältere Herr,aber in der Sache hat Herbert recht. Er als aller Kavallerist und ich als Importeur ostpreußi­schen Vollbluts wir müssen alleweil dabei fein. Von Hoppegarten bis Baden-Baden ist keine Etappe vor uns sicher."

Ich", sagte Hinriks,halt's freilich mit dem Schah 'Jlafr Eddin von Persien. Der meinte, daß ein Pferd schneller laufen könne als das andere, wisse er im voraus. Welches Pferd dies fei, wäre ihm ganz egal."

Auch eine Anschauung", lachte der Jüngere.

Indessen, meine Heren," fuhr Hinriks fort,ich hab' Sie gefunden, und das ist schließlich die Hauptsache.

Inzwischen war ein neues Pferd zum Start an­getreten, darunter die irische StuteMarly". Man sah Mühlfeld aufgeregt zum Totalisator eilen.

Warten wir das Handicap noch ab, Junge?" fragte der ältere Herr.

Wenn's dir recht ist, Papa, verzichten wir auf das Vergnügen. Es laufen Gerüchte um, als fei da eine Schiebung im Gange. Ich weiß natürlich nicht, was daran ist, aber schon die Möglichkeit, daß wir geblufft werden können, verleidet mir das Renen."

Also finish! Sie wollen uns sprechen, Kapitän. Dürfen wir Sie im Auto mit nach Hause nehmen? Oder besprechen wir das, was Sie auf dem Herzen haben, in einer Weinstube? Sie haben nur zu be­fehlen. Wir stehen ganz zur Verfügung."

Sehr verbunden, meine Herren. Ich würde vor­ziehen, Sie ohne Zeugen in Ihren Geschäftsräumen zu sprechen."

Schön. Machen mir."

Nach zwanzig Minuten hielt der Fiatwagen vor einem eleganten Neubau in der Lloydstrahe, an

dem ein Firmenschild mit dem Namen:Bernhard' Rocknagel & Sohn" zu lesen war. Große Stallungen schlossen sich an das Hauptgebäude an.

Das Haus Nocknagel & Sohn betrieb ein weit- und breit renommiertes Pferde-Jn- und Export­geschäft. Die Firma, durch Neellikät und Kulanz vorteilhaft bekannt, gehörte zu den führenden im Lande und versorgte zahlreiche Rittergüter in Meck­lenburg und Vorpommern mit ihren berühmten Kaltblutschlägen. Aber auch in anderen Teilen des Reiches, ja selbst im Auslande, besonders in Stan» binaoien, hatet der Name Rocknagel & Sohn einen guten Klang. Dem Kapitän Hinriks war das Haus zu großem Dank verpflichtet, hatte er doch ihre großen nordischen Transporte längere Zeit mit Um­sicht und Geschick als nautischer Führer geleitet. Ein­mal hatte Onkel Otto sogar ein Bravourstück voll­bracht, das die Firma vor ganz enormem Schaden bewahrte.

Es war nach dem Friedensschluß. Rocknagel & Sohn hatten einen Transport russischer Kosaken- pferde angekauft, die von Reval aus geschifft wer­den sollten. Der Ankauf war mit Erlaubnis der deutschen Behörden getätigt, die Versicherung aber, der ungeheuren Kosten wegen, nur zu einem Drittel des reellen Wertes ausgenommen worden. Kapitän Hinriks führte den von der Firma Recknagel ge­charterten Küstendampfer als Kapitän; aber mitten während einer Sturmfahrt in den finnischen Schären meuterte die Mannschaft und ermordete den Lotsen. Da zwang Hinriks mit einer Handvoll Getreuer die Meuterer mit der Pistole in der Hand zum Ge­horsam. Die bolschewistisch durchsetzte, aus Russen, Finnen und deutschen Desperados bunt zusammen­gewürfelte Mannschaft hatte geplant, den Trans­port nach Sweaborg zu leiten und die Pferde mit Hilfe der ihnen fraternisierenden Besatzung zu oer« kaufen. Hinriks aber, der das Schicksal des Lotsen teilen sollte, und auf den sich schon Dolche zückten und Schußwaffen in Anschlag waren, der alte gut­mütige Hinriks wurde in der Gefahr zum Löwen. Furchtlos, heldenmütig, das faltenreiche Gesicht zu Stein erstarrt, gab er feine Befehle, ging er voran gegen die Bestien, die in blinder Berserkerwut alles zu zertrümmern drohten, bis sie nach kurzem Kampf cinsahen, daß sie den kürzeren zogen.

(Fortfetzung folgt.)

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