Nr. 21 Zweiter Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen) Dienstag, 2. Februar1926
Die Arbeit der hessischen Volkskammer.
Von Oberstudiendirektor Dr. Keller, M.d.L.
I.
Nach mehrmonatiger Vertagung war am 8. Dezember unser Landtag zusannnengetrcten, um allerlei Stoff aufzuarbeiten, der teils im Sommer liegen geblieben, teils unterdessen neu eingelausen war. Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch diesmal sind die weit über 100 Punkte der vorgesehenen Tagesordnung längst nicht alle erledigt worden, obgleich in 18 Sitzungen das übliche Redeturnel ausgiebigst gepflegt wurde: daß solche Aufschiebungen durchaus nicht immer ein Veraltern der Sache bedeuten, zeigte sich besonders sinnig bei einem Zentrumsantrag gegen die Faschingsauswuchse, der vor Fastnacht 1925 gestellt war, und nun gerade noch rechtzeitig vor dem diesjährigen Karneval gegen die Stimmen der Linken angenommen wurde. — Welches Zeugnis man der am 23. Januar beendeten Tagung ausstcllen wird, hängt natürlich von der Einstellung des Beurteilers ob; die Oppositionsparteien neigen selbstverständlich dazu, ihr jeden Wert für Land und Volk abzusprechen, während d^ Koalition lediglich den „überflüssigen" Anträgen und Anfragen der bösen Gegner das Der- dammungsurteil sprechen, im übrigen aber das Hochgefühl erfolgreichster Pflichterfüllung mit nach Haufe nehmen wird. Der schlichte Staatsbürger und Steuerzahler endlich wird — in diesem Falle ohne Unterschied der Partei — seufzend feststellen, daß die längsten und schönsten Reden und die hitzigsten Wortschlachten, bei denen sich übrigens meist jeder Teil für den Sieger hält, seine wirtschaftlichen und sonstigen Nöte kaum erleichtert hätten, und wird etwas von „verpulverten Tagegeldern" mehr oder weniger lebhaft in den Bart brummen.
Eme ins einzelne gehende Betrachtung des Behandelten dürfte bei der Riesenzahl der Punkte zu weit führen und wenig kurzweilig werden; wer lückenlose Vollständigkeit liebt oder an dem und jenem besonders interessirt ist, kann zudem die Berichte in den Zeitungen nachlesen. Hier mag eine Zusammenfassung in wenigen Grupven genügen, unter denen sich, wenn man's nicht zu genau nimmt, alles unterbringen läßt.
Da lagen zunächst eine Menge von Anträgen und Eingaben vor, die die Besserstellung einzelner Beamten und Anwärter sowie von zahlreichen Beamtengruppen verlangten. Ganz unberechtigt war wohl keine der gestellten Forderungen, in manchen Fällen, so bei Altruheständlern und den neuerdings wieder durch das Verbot von Brennstoffenlnahme aus Amtsbeständen benachteiligten Beamten der untersten Gruppen, ist die Notlage unbestritten. Trotzdem mußten fast alle Wünsche unberücksichtigt bleiben, woran weniger das Reichssperrgesetz, auf das der Finanzminister gern zurückgreift, schuld ist als die betrübliche Finanzlage des Landes und die unausweichlichen Konsequenzen, zu denen jede Einzelbewilligung für ähnlich gelagerte Fälle zwingt. So ist auch bei der Aussprache über die Besoldung der Polizeibeamten, für die sich besonders der Führer der Deutschen Volkspartei einsetzte, trotz ausführlichster Behandlung so gut wie nichts herausgekommen; hier wie in anderen Fällen erwarten die einen das Heil von neuer, sparsamerer Organisierung, die andern von einer kommenden Besol- byngsorbnung. Ein bescheidenes, sicher kaum ausreichendes Weihnachtsgeschenk wurde den hessischen Beamten der sechs untersten Gruppen samt den Staatsarbeitern nach bem • Beispiele des Reichs durch die sog. „Beihilfen" gegeben; Befremden mußte bei dieser Gelegenheit zunächst die Aeuße- rung des Finanzministers erregen, der bekundete, daß „die Regierung zu dieser Angelegenheit noch keine Stellung genommen habe". Dabei konnte Hessen gar nicht anders verfahren als das Reich, und tatsächlich waren in dem Augenblick, als diese Worte fielen, die Verfügungen schon im Druck, die die Auszahlungen regelten. Für Gießen als Stätte der Landesuniversität ist besonders zu erwähnen, daß die Forderungen der H o ch s ch u l a s s i st e n - ten nach würdigerer Vergütung dem Wunsche der Legierung entsprechend von den hinter ihr stehen-
Am freien Rhein.
Sn den ersten Dezembertagen des unglückseligen Iahres 1918 war es, als wir an einem frostkallen Wintermoraen als eine der letzten Divisionen des deutschen Fewheeres in Cll- mä'-schen zum Rheine zogen. Don Düren kamen wir der Stadt der Papierfabriken und Teppichwebereien, unterwegs Hutten wir Rast gemacht. Denig Stunden nach Mitternacht ging es weiter, ein klarer Sternenhimmel leuchtete unserem Auf» bruch, der scharfe Ostwind blies uns von den Pf er- den, klappernd vor llebermüdung und Kalte jog die Marschkolonne stumm daher. Immer schneller wurde das Tempo, wenig Meilen hinter uns stießen die ersten feindlicheii Reiterpatrouillen nach. Im unsicheren Morgengrauen tauchte das Weichbild Kölns aus. In scharfem Trab ging cs durch die öden Straßen der Vorstädte, kaum konnte die Infanterie Schritt halten, donnernd ratterten die Geschütze über das holperige Pflaster, so eilte die Armee durch die Straßen Kölns dem Rheine zu, mit müdem Kops und zagem Herzen. Erst kurz vor der wuchtigen Rheinbrücke die ersten Menschen. Kölner Trambahnschaffnerinnen in ihrer kleidsamen Tracht, rheinische Mädels mit fröhlichem Sinn und heiterem Mut winkten uns den letzteii Gruß über den Rhein nach. Dann ließen wir die grünen Fluten des Stromes hinter uns. Erst in Densberg, der truhigen Bergfeste im bergischen Lande, machten wir Halt.
Fünf Lahre waren ins Land gegangen, Jahre schwerer Bedrückung, Iahre harter wirtschaftlicher Rot. Am deutschen Rhein wehten die Banner der alliierten Sieger. Eine übermütige Soldateska verband sich mit dem verbrecherischen Separatistengesindel zu unerhörten Demütigungen unserer deutschen Brüder am Rhein. Köln, die alte Handelsmetropole, hatte es besser. Der Brite war zu klug, um seiner Herrschaft am Rhein durch Pistole und Reitpeitsche ein ewiges Schandmal aufzudrücken. Er war auf moralische Eroberungen aus. Unter seinem milden und gerechten Regime reckte sich Köln empor. Dank der zähen, weitausschauenden Arbeit seines Oberbürgermeisters wuchs Köln sich zur Weltstadt aus, die politische Lage begünstigte diese Entwicklung, die Köln schnell alle seine, unter einer härteren Besatzung seufzenden Schwesterstädte weit überflügeln ließ. Auch Köln
den Parteien abgelehnt wurden, obschon die Nachbarstaaten höhere Sätze haben.
Erfreuliche Einmütigkeit pflegt im „hohen Hause" zu herrschen, wenn die Verhältnisse des besetzten Gebietes, das ja in Hessen einen viel größeren Bruchteil des Ganzen ausmacht als in den anderen heimgesuchten Ländern, zur Sprache kommen. So war es auch diesmal, wo nur bei einer Entschließung anläßlich der Locanw- abmadjungen, die beschleunigte Erleichterungen für die Westinark forderte, die Kommunisten unrühmlich aus der Reihe tanzten. Recht unerfreulich war die Feststellung der Tatsache, daß die Reichsbahngesellschaft (und gelegentlich auch die Reichsregierung) nicht das wünschenswerte Verständnis für die hessischen Belange am Rheine ausbringt, sonst hätte unter keinen Umständen in Berlin der Gedanke auftauchen dürfen, die Mainzer Betriebswerkstätte (vgl. die Gießener Befürchtungen!) und am Ende gar die dortige Eisenbahndirektion zu beseitigen. Auch bei der Neuregelung der Verwaltung der Wasserstraßen ist Hessen in Gefahr, zwischen Ober- und Niederrhein totgeteilt zu werden, was zu einem einstimmigen Entschluß des Landtags führte, der weitere Verwaltung durch die Länder, nicht durch das Reich, fordert. Daß die rhein- hessischen Winzer- und Verkehrsnöte von der Volksvertretung in ihrer ganzen Schwere gewürdigt wurden, bedarf keiner besonderen Betonung.
Damit wären wir bann bei dem Fragenkomplex angelangt, der beute mehr als je die Beauftragten des Volkes beschäftigen muß: bei den Wirt- schaftsfragen im engeren Sinne, lieber die Not f a st aller B e r u f s st ä n d e an sich bestand keinerlei Meinungsverschiedenheit; es will uns aber scheinen, daß der mit viel Siimmenauf- wand, viel Zeitverlust und viel Statistik geführte Streit, ob das Elend auf demLande oder in der Stadt, ob bei den Bauern, den Handwerkern, den Kaufleuten oder den Arbeitern bzw. Arbeitslosen größer sei, nicht nur zwecklos, sondern auch eine Ursache gegenseitiger Verhetzung zu einer Zeit ist, wo uns einzig die Notgemeinschaft frommen könnte. Als die Vorkämpfer beinj Austrag dieser Meinungsverschiedenheit dürfen wohl die „Bauerndoktoren" Leuchtgens und Müller einerseits, die Sozialdemo, traten Kaul und Widmann anderseits gelten; dabei wird sich — außer den auf Sowjetgedanken eingeschworenen Kommunisten — fein Abgeordneter der Binsenweisheit verschließen können, daß die Krankheiten der verschiedenen Glieder des Staates gegenseitig bedingt sind, so daß die Heilung des einen mindestens auch eine Erleichterung des anderen bedeuten würde. An wichtigeren Beschlüssen heben ’ibir hervor die Bewilligung einer Winter- beihilfe von 40 Mark an alle die Personen, die von den Bezirkfürsorgeverbänden und öffentlichen Arbeitsnachweisen unterstützt werden. Mit Ausnahme des Bauernbundes stimmten unter dem Eindruck der furchtbaren Lage zahlreicher Volksgenossen alle Parteien dieser Regelung zu, doch mutz es als recht bedenklich bezeichnet werden, wenn der Staat die sehr beträchtlichen Mittel, die notwendig sind, den Fürsorgeverbänden nur leihweise zur Verfügung stellt und diesen das Rätsel aufgibt, herauszufinden, wie sie aus einem leeren Säckel die Rückzahlung bewerkstelligen sollen. Zur Krisenstimmung kam es bei je einer Abstimmung in Hand- werter- und Pächterangelegenheiten; denn die Rechte und das Zentrum fanden sich zusammen, als ein Antrag Houry auf zinslose Zahlungsstundung für gekauftes Nutzholz zur Debatte stand, als auch bei der Forderung des Bauernstandes, daß eine allgemeine Pachtsteigerung bei fiskalislhem Gelände unterbleiben müsse. Die Folge war ,edesmal eine Niederlage der Regierung und eine Erklärung des Finanzministers, die es mindestens zweifelhaft ließ, ob er den Beschluß der Mehrheit des Hauses aus- führen werde, und jedesmal knisterte es auch bedenklich im Gebälk des Koalitionsgebäudes, ohne daß aber ein Einsturz erfolgte. Es wird bei solchen Gelegenheiten immer aufs neue ersichtlich, wie im hessischen Zentrum zwei Auffassungen um die Herrschaft ringen, deren eine nach links drängt, während die andere Anschluß bei der wirtschaftsverwandten Rechten sucht; gelegentlich spalten sich sogar die Stimmen bei Anträgen von Zentrumsabgeordneten selbst, wie das bei einem Antrag Weckler-Blank ge
schah, der Befreiung der Saisonarbeiter von den Beiträgen zur Erwerbslosensürsorge forderte. Er wurde gerade mit Hilfe des linken Zentrumsslügels niedergestimmt. Erwähnen wir noch die Inaussichtstellung von Hilfen für die Hochwasserschäden und die Erledigung der „Tierärztcordnung", bei der es einen Ausgleich zwischen den sehr weit auseinander- gehenden Ansichten der beamteten und praktischen Veterinäre zu finden galt, so wären die behandelten Wirtschaftsfragen erschöpft mit Ausnahme derjenigen, die das Finanzexposö des Finanz- mimsters aufwars; es empfiehlt sich aber wohl, diesem eine besondere Darlegung vorzubehalten und sie mit Bemerkungen über den Voranschlag zu verbinden.
Vom
Hessischen Landgemeindetag.
Der Vorstand des Hessischen Landgemeindetages nahm in feiner letzten Sitzung u. a. auch Stellung zu der Regierungsvorlage betr. Entwurf eines Gesetzes über das Straßenwesen in Hessen und das Bauwesen der Provinzen und Kreise. Die Regierungsvorlage sieht jn Aufhebung des Gesetzes vom 12. August 1896 den llebergang sämtlicher Kunststraßen (ehemaliger Staats- und Kreis- straßen) in den Besitz der drei Provinzen vor. Unter Berücksichtigung der Veränderungen, die seit 1896 in der Stratzenbautechnik, in den Verkehrsverhältnissen und in der finanziellen Leistungsfähigkeit der Kommunalverbände eingetreten sind, will der vorliegende Gesetzentwurf für die Verwaltung und Finanzierung des Kunststraßenwesens eine neue Regelung finden. Die Steigerung des Verkehrs und die erhöhten finanziellen Anforderungen lassen es als notwendig erscheinen, die Kunststraßenverwaltung auf eine breitere Grundlage zu bringen, von der aus es leichter möglich ist, eine einheitliche und zweckmäßige technische Unterhaltung unter Berücksichtigung namentlich des durchgehenden Verkehrs einzurichten und die in voraussichtlich steigendem Maße notwendigen Mittel bereitzustellen. Es soll eine finanzielle Entlastung der Kreise durch den Wegfall ihrer Aufwendungen für die Straßenunterhaltung herbeigeführt werden; deswegen sieht der Entwurf den Uebergang der Kreisstraßen auf die Provinz vor. Um eine ordnungsmäßige Unterhaltung der Straßen zu gewährleisten, werden die Provinzialstraßen in durchgehende (O-Straßen) und in Bezirksstraßen (8- straßen) eingeteilt. Zu den Kosten der Straßenverwaltung soll der Staat wie seither einen Zuschuß leisten, im übrigen sollen die Kosten für die Unterhaltung der Provinzialstraßen von den Provinzen getragen werden, insoweit nicht die Gemeinden innerhalb der Ortsdurchfahrten die Kosten zu bestreiten haben. Die Gemeindewege (Ortsstraßen, Verbindungswege oder Gemarkungswege) sollen nach wie vor von den Gemeinden innerhalb ihrer Gemarkungen ordnungsmäßig angelegt und unterhalten werden.
Der Vorstand konnte in der geplanten Neuregelung keine Verbesserung für die Gemeinden erblicken, da die Provinz logischerweise ihr Hauptaugenmerk auf die Unterhaltung der Durchgangsstraßen richten und deshalb die Unterhaltung der Bezirksstraßen, die für die Gemeinden von überwiegendem Interesse sind, nach und nach eine nur untergeordnete Bedeutung erlangen wird. Auch sieht der Vorstand in der geplanten N e u v e r w a l t u n g feine Vereinfachung, sondern lediglich ein Anwachsen des Verwaltungsapparates, der mit seinen Mehrausgaben kaum zu befürworten sein dürfte. Wenn deshalb, was als die beste Lösung zur Herbeiführung einer einheitlichen Verwaltung angesehen werden muß, der hessische Staat bei feiner bis auf das Aeußerste gespannten Finanzlage zur Uebernahme der Straßen nicht in der Sage ist, kann seitens der Landgemein- den nur die Beibehaltung des bisherigen Systems (Verwaltung durch die Kreise) erstrebt und empfohlen werden. Der Hessische Landgemeindetag wird diese seine Stellungnahme in näher begründeter Eingabe an die Regierung zur Geltung zu bringen suchen.
Im weiteren nahm der Vorstand noch Stellung gegen die Höhe der von feiten der Gemeinden zu der Versicherungsanstalt für gemeindliche Beamte zu leistenden Umlagen, die zur Zeit 14 Prozent des Einkommens der Versicherten
betragen, und beschloß, nach Krästen auf eine möglichst baldige Herabsetzung dieses auf die Dauer nicht tragbaren Umlagesatzes hinzuwirken. Dabei wurde auch von dem Ersuchen der Versicherungs» anftalt Kenntnis genommen, welches dahin geht, der bisherigen Gepflogenheit der Gemeinden auf dem flachen Land vorwiegend Beamte in vorgerücktem Lebensalter anzustellen und in die Versicherung hereinzubringen, als den Interessen von Gemeinde und Versicherungsanstalt znwiderlanfend, mit allen Mitteln entgegenzuwirlen. Der Vorstand sprach sich in gleichem Sinne aus.
Oderhessen.
Landkreis vZretzen.
X Klein-Linden, 1. Fedr. Das Material zur Pflasterung der Kreis st ratze G r o h e n ° L i n d e n — Klein-Linden ist nun soweit angesahren daß bei gutem Wetter mit der Herstellung des Kl ünpflasters begonnen werden kann. Da es sich um eine Strecke vo.i etwa 6 Kilometer handelt, werde, zahlreiche Leute bei den Arbeiten lohnende Beschäftigung finden. Hoffentlich wird diese Herstellung vis nach Gießen ausgedehnt, dam t im Sommer die gefürchtete Staubplage vermi"dert wird und die gefährlichen Löcher in der Strahendeckung beseitigt werden.
£ Wieseck, 1. Fedr. Die Beratungsgegenstände der letzten Sitzung des Gemeinderats fanden in der Einwohnerschaft ein un- gemein großes Interesse; der Rathaussaar war bei Beginn der Sitzung zum Brechen voll. Die Zuhörer setzten sich in der Hauptsache aus Erwerbslosen und aus Angehörigen der beiden diesigen Turnvereine zusammen, in beiden Fällen wurden Angelegeitheiten beraten, deren Erledigung mit einer gewissen Spannung entgegengesehen wurde. Zunächst sollte der Gemeinderat seine Stellungnahme präzisieren, wie die kreisamtliche Verfügung, die Einschränkung der Vergnügungen betreffend, in unserer Gemeinde gehandhabt werden soll. Einstimmig stellte sich der Gemeinderat auf den Standpunkt, daß, solange eine Einschränkung der Vergnügung*.^*!« in das Ermessen der einzelnen Gemeinden gestellt sei, der Erfolg einer solchen Maßnahme sehr zweifelhaft sei. Da nun von einer solchen Einschränkung in Gießen noch wenig zu merken sei, habe der Teil der hiesigen Einwohnerschaft, der ohne Vergnügen nicht glaubt leben zu können, bei einem eventuellen Verbot in Wieseck jederzeit Gelegenheit. zu allen möglichen Veranstaltungen nach Gießen zu gehen. Solange diese Möglichkeit bestehe. und nach den Ankündigungen und öffentlichen Einladungen bestehe sie sehr reichlich, sei es für Wieseck infolge seiner Rähe mit Gießen unmöglich, irgendwelche besondere Maßnahmen zu ergreifen. Würde dies doch geschehen, so wäre der Enderfolg der. daß zum Schaden der hiesigen Gewerbetreibenden das in Vergnügungen verausgabte Geld statt in Wieseck zu bleiben nach auswärts, also nach Gießen wandern würde. Dies sei gleichbedeutend mit einer Verminderung der Steuerkraft der einzelnen und einer Schädigung der Allgemeinheit. Im übrigen könne in Wieseck von einem Ueberhandnehmen der Vergnügungen nicht gesprochen werden, die in weiten Kreisen herrschende Rot zwingt ganz von selbst zu einem weiteren Einschränken der Lustbarkeiten. Roch weniger könne von irgendwelchen Ausschreitungen oder „unvernünftigem Vergnügtfein“ die Rede sein. Da nach der kreisamtlichen Verfügung jede Veranstaltung der Genehmigung des Gemeinderats bedarf, wurde dem vorliegenden Gesuch die Erlaubnis erteilt. — Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die Sportplatzfrage, die im . letzten Gemeindewahlkampf eine große Rolle spielte und auf dessen Ausgang nicht ohne Einfluß blieb. In einer öffentlichen Wählerversammlung wurde von Vorstandsseite des „Turnvereins“ aus dem damaligen (in seiner Mehrheit bekanntlich sozialdemokratischen) Gemeinderat vorgeworfen, er habe bei der Sportplatzfrage nicht einwandfrei gehandelt, indem er der „Freien Turnerschaft“
Hal, besonders unter der Wohnungsnot, schwer zu leiden gehabt. Das darf nicht verkannt werden. Aber cs fanden sich immer Männer, die in altem Hansegeist die Bürgschaft stets vor neue, großzügige Aufgaben stellten, die der Wirt-- schaft immer wieder neue Quellen erschlossen und auch aus der Rot der Besatzung das Beste zu machen wußten.
So bot Köln im Frühjahr 1925, als auf die Einladung Dr. Adenauers Gäste aus allen Teilen des Reiches, an ihrer Spitze Reichskanzler Dr. Luther und der preußische Ministerpräsident Braun zur Iahrtausendfeier der Rheinlande in die Mauern der Stadt strömten, ein Bild pulsierenden Lebens, wie es damals kaum eine -zweite deutsche Großstadt aufzuweisen hatte. Unvergeßlich als Zeichen rheinischen Lebenswillens wird jedem das Deutschland bleiben, das damals inmitten der feindlichen Besatzung stolz und mutig in der monumentalen Festhalle aus fünftausend Kehlen gegen die Helle Täfelung brauste.
Und nun fahre ich wieder dem Rheine zu. Im Lahntal noch hier und dort der blau-graue Waffenrock der französischen Soldaten, nur spärlich noch und zurückhaltend, vorbei an Limburg, der Bischofsstadt mit ihrem ragenden Dom, kühn auf getürmt über den Wogen des Flusses, vorbei an Rassau, der Stadt der Oranier, der Burg des Freiherrn vom Stein, vorbei an Ems, Der historischen Stätte neudeutscher Geschichte. Bei Riederlahnstein treffe ich den Rheinstrom. Dort drüben die tausendfältigen Lichter von Koblenz, der ehrwürdigen Residenz rheinischer Kirchenfürsten des ausgehenden Barock, jetzt dem Sih der ehemals allmächtigen Rheinlandkommission und ihres Herrn Tirard. auch heute noch pochenden Herzens der Befreiungsstunde entgegenharrend. Und dann eilt der Zug den Windungen des Stromes nach. Das weiße Licht des Mondes spiegelt sich in den glitzernden Fluten, die dunklen Schatten mächtiger Rheinschlepper türmen sich gespenstisch empor, vorbei eilen wir im Fluge an den trauten alten Weinnestern, heimelig liegen sie da. eng an den Fluß geschmiegt, Reuwied, Unkel, Honnef. Königswinter und am anderen Ufer das romantische Andernach, Remagen, Rolandseck. Dort taucht Bonn auf, die berühmte alma mater der Rheinprovinz, deren Musensöhne die Befreiungsstunde von drückendem Franzosen- joch mit einem imposanten Fackeltzug festlich begingen. Kurz vor Obercassel drangen sich die ersten rauchenden Schlote weit verästelter Indu
strieanlagen zwischen uns und den Strom, und dann noch ein kurzes Stündchen und wir donnern wieder über den Rhein, Köln entgegen.
Die ersten Eindrücke in Köln enttäuschen. Das Stadtbild steht fast ausschließllch im Zeichen des rheinischen Karnevals und der großen westdeutschen Funkausstellung, die das rührige Stadtoberhaupt in den Messehallen am Deutzer Ufer veranstaltet hat, um nun auch die Bewohner des besetzten Gebiets mit den Segnungen des Radio so schnell und so gründlich wie nur möglich bekannt zu machen. Besonders geschäftstüchtige Wirte kombinieren Karneval und Funkmesse zu einem „Funkball“. An die erst vor wenig Stunden vollzogene Räumung erinnern den Fremden nur da und dort noch Quartierschilder und Berkehrsanordnungen in englischer Sprache. Sonst geht alles seinen gewohnten Gang. Und das kann vielleicht in einer Weltstadt wie Köln gamicht anders möglich sein. Das reale, fast nüchterne Denken des Riederdeutschen, die Betriebsamkeit des Großstädters dulden es nicht, daß Gefühlsregungen sich länger als auf kurze Augenblicke im äußeren Leben breitmachen.
Der abgezogene Feind war auch zu klug, um in Köln viel Feinde zurückgelassen zu haben. Die Besahungslasten waren auch in Köln schwer, unerträglich war britische Rechtsprechung über deutsche Staatsbürger, mochte der britische Richter auch noch so sachlich urteilen, unerträglich war das englische Hoheitszeichen über deutschem Land, der Gleichschritt britischer Truppen in den Straßen der rheinischen Städte. Das kann den Kölner aber nicht vergessen lassen, daß der britische Soldat auch im Deutschen den Menschen sah, daß er in der Öffentlichkeit anständig und zurückhaltend auftrat und im Kleinen zu mildern bestrebt war, was im Großen er nicht ändern wollte. Daß die Besatzung hätte schlimmer sein können, bestätigen dem Kölner seine Rachbarn in Düsseldorf und Bonn. Und schließlich, daß das Furchtbarste dieser Schreckensjahre, das ehrlose Treiben des Separatistengesindels der Stadt Köln erspart geblieben ist, verdankt sie nicht zum wenigsten, neben der aufrechten Handlung ihrer Bevölkerung, der britischen Besatzung, die rücksichtslos eingriff, wo es gegen Recht und Gesetz ging. So darf es nicht wunder nehmen, daß man in Köln den Briten zwar herzlich gern scheiden sieht, feiner aber ohne Haß und Bitterkeit gedenkt,______
Daß auch Köln und der Kölner eines großen patriotischen Erlebens fähig ist. bewies die Mitternachtsstunde des denkwürdigen 31. Ianuar. Dunkle, sternenlose Rächt liegt über der Stadt, gewaltig reckt der Dom seine Türme in das Schwarz des nächtlichen Himmels, gespenstisch tauchen sie mit ihren Kronen unter im düsteren Wollenmeer, dann und wann wirft der Mond sein fahles Licht durch zerrissene Wollenbänke. Drunten zu Füßen des Domes brodelt es dumpf unb düster. Aus Straßen und Gäßchen quillt es schwarz heran. Die Kölner strömen herbei in ungezählten ödjaren, um angesichts ihres herrlichsten Bauwerks sich zu einer ernsten Gedenkstunde an das Vergangene und zu einem erneuten Treugelöbnis für Voll und Vaterland zu vereinigen. Lange schon hält die Menge, Kopf an Kopf gedrängt, den weiten Domplatz beseht, da flammen in weitem Kreis Girlanden elektrischer Lichter auf, die feine Filigranarbeit des Domportals erstrahlt in tausendfältigem Licht, noch dunkler, noch gespenstischer treten in der Höhe Pfeiler und Türme in das Dunkel zurück. Schweigend harrt die Menge, als mit heller, zitternder Stimme die Turmuhr der Fremdherrschaft letzte Stunde kündet, und andächtig lauscht das freie Köln den tiefen klaren Schlägen der Petersglocke des Domes, die ihren Schwestern im heiligen Köln und weithin im rheinischen Land das Zeichen gibt zum Beginn eines wundersamen Konzerts, das bald über uns hinwegbraust.
Ergreifende Worte des Dankes und der Mahnung findet dann Kölns Stadtoberhaupt für seine Mitbürger, ehrlich und herzlich kündet Preußens Ministerpräsident, er selbst ein Sohn der bedrängten Macht im deutschen Osten, unser aller Dank für des Rheinlands Kampf um Freiheit und Deutschtum. Treue um Treue so klingt sein Gelöbnis. Was Ihr tatet an frohem Bekennen, an mutigem Aus harren für Volk und Vaterland, es soll Euch nicht vergessen werden. And nicht vergessen werden soll über dem Freudenjubel am Riederrhein, daß auch heute noch Millionen deutscher Volksgenossen der Befrei» ungsstunde harren. Möge über ihnen ein gütigeres Geschick walten, das die Freiheitsglocken in der Pfalz und Rheinhessen, an Mosel und Saar eher tauten läßt, als das Versailler Diktat in grimmigem Haß es gestimmt hat. , L.


