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Nr. 27 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 2. Zebruar 1926

Siehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vruck und Verlag: vrühl'sche Univerfitäts-Vuch- und Steindruckerei «.Lange in Sieben. Schristleitung und Geschäftsf^lle: Zchnlftrabe 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Berantworttich für Politik , Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An» zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

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Verschiebung der Abrüstungskonferenz.

Durch die ausländische Presse gehen einander widersprechende Nachrichten über eine bevor­stehende Verschiebung der Abrüstungskonferenz um mindestens drei Monate. Einmal wird be­hauptet, der entsprechende Antrag gehe nur von einigen kleineren Staaten aus, dann wiederum wird auch das Gerücht kolportiert, Frankreich sei der hauptsächlichste Treiber. Da seltsamer­weise gerade derDaily Telegraph", der in den letzten Wochen wiederholt durch tendenziöse Nach­richten glänzte, allen Ernstes behauptet, aus­gerechnet Frankreich wäre g e g e n die Vertagung, farm wohl mit gutem Grund angenommen wer­den, daß die Dinge in Wirklichkeit umgekehrt liegen, hat doch Frankreich wiederholt deutlich zu erkennen gegeben, wie unbequem ihm die ganze Abrüstungsangelegenheit ist. Damit nun aber Frankreich vor aller Welt als völlig un­schuldig an der Verschiebung dasteht, werden sofort die verschiedensten Gründe hervorgeholt, um diesen Vorgang in das richtige Licht zu rücken.

Am einleuchtendsten mag der schweize­risch-russische Worrvwski-Ko nflikt sein, ohne dessen zufriedenstellende Erledigung Rußland nicht nach Genf kommen will. Hier werfen sich anscheinend Frankreich und Mos­kau die Bälle zu, haben doch beide keine Lust, irgendwelche Abrüstungsverpflichtungen einzu­gehen. Der Streitfall mit der Schweiz kommt also den Franzosen sehr gelegen, können sie sich doch jetzt dahinter verschanzen, daß ohne Ruß­land die Abrüstungskonferenz unmöglich sei, man also mindestens solange warten müsse, bis Sowjet- Rußland sein Einverständnis erklärt habe. Das kann unter Umständen einer Verschiebung der Konferenz bis zum jüngsten Tag gleichkommen.

Wenig angenehm dürften der Pariser Re­gierung die Stimmen sein, die von einer Ver­legung der Zusammenkunft von Genf nach Brüssel sprechen. Anscheinend würde Belgien eine derartige Regelung begrüßen, zumal 1919 schon einmal eine starte Bewegung dafür im Gange war, das Quartier des Völkerbundes über­haupt in der belgischen Hauptstadt aufzuschlagen. Die Franzosen haben aber auch nach der Rich­tung hin vorgesorgt, daß ihnen die Einberufung nach Brüssel nicht die Möglichkeit nimmt, eine Verschiebung der Tagung anzustreben. Selbstver­ständlich ist Deutschland das Karnickel, mit dem man nicht über Abrüstungsfragen verhandeln könne, solange es nicht restlos die ihm aufer­legten Verpflichtungen erfüllt habe und solange es nicht selbst dem Bund angehört. Das sind nun recht fadenscheinige Gründe, mit denen Frankreich hausieren geht, aber bisher war es noch immer so, daß derartige Argumente einen uni so größeren Erfolg aufzuweisen hatten, je durchsichttger sie waren. Wir wollen uns darüber keiner Illusion hingeben, daß es vielleicht doch noch gelingt, die Abrüstungskonferenz am 15. Februar zu eröffnen. So, wie die Dinge jetzt liegen, muß mit einer Verschiebung gerechnet wer­den, was übrigens wieder einmal ein schlagender Beweis dafür ist. wie wenig Neigung Frankreich verspürt, den zahlreichen Locarno-Verträgen eine allgemeine Rüstungsbeschränkung zur Untermaue­rung des europäischen Friedens folgen zu lassen.

vor der Parlamentstagung in England.

London, 1. Febr. (WB.) Die zweite Ses­sion des gegenwärttgen Parlaments wird morgen vom König feierlich eröffnet werden. Man erwartet, daß die Thronrede, deren Entwurf im heutigen Kronrat vom König ge­nehmigt wurde, auf die italienische Schuldenrege­lung, auf die kommende Reichskonferenz, die Landwirtschaftspolitik der Regierung, die Vor­lage über Handelsmarken, die Kohlenlage, die Ersparnisvorschläge und auf den Elektrizitätsplan der Regierung Bezug nehmen wird. Die Re­gierungspartei tritt in der neuen Session mit der alten Stärke von über 200 Stimmen auf. Die Arbeiterpartei, als offizielle Opposi­tion wird von E l y n e s geführt, da M a c d o - n a l d erst Ende der Woche von seiner indischen Reise zurückkehren wird. Besonderes Interesse wird der liberalen Partei zugewandt, die bei einer Mttgliederzahl von weniger als 50 von 615 Mitgliedern des Hinterhauses in br e i Richtungen gespalten ist, nämlich die unbedingten Anhänger Lloyd Georges, die radikale Gruppe, die für die Zusammenarbeit mit der Arbeiterpartei ist und den rechten Flügel, dem der zu den Konservativen über­gegangene Sir Alfred Mond angehörte, der mit dem Landreformplan Lloyd Georges nicht völlig einverstanden ist.

Französische Flottenmanöver im Kanal.

Täl. Paris, 1. Febr. Seit einiger Zeit sind im Aermelkanal große französische Flot­tenmanöver im Gange. Die vereinigte Kanal­und Nordseeflotten haben gestern den Hafen von Cherbourg angegriffen. Die Aufgabe lautete dahin, unter Bekämpfung der Küsten­batterie eine Landungsexpedition vor­zunehmen. Die Operationen wurden durch schlechtes Wetter behindert. In der Hauptsache, so führen die Blätter aus, sei es dem fran­zösischen Oberkommando darauf angekommen, sich von der Schnelligkeit der Nachrichten-

Der Liberalismus in Deutschland.

Eine Kundgebung der Liberalen Vereinigung.

Berlin, 1. Febr. (WTB.) DieLiberale Vereinigung veranstaltete heute einen Fest­abend. Unter den etwa 500 Anwesenden bemerkte man Reichskanzler Dr. Luther, die Reichs mini st er Dr. Stresemann, Dr. Gehler, Dr. Külz, Dr. Reinhold, Dr. Curtius, Dr. Kröhne, die preußischen Minister Dr. Höpker-Aschhoff, Dr. Becker und Dr. Schreiber, ferner waren erschienen der frühere badische Staatspräsident Prof. Dr. H e l l p a ch, der öster­reichische Gesandte Dr. F r a n k, der Oberbürger­meister von Berlin, Dr. Böß, der Vizepolizei­präsident Dr. Friedensburg, Bürgermeister Dr. Petersen- Hamburg, Staatssekretär Dr. Meißner, Oberpväsident Dr. Maier, die Professoren Hans D e l l b rück und M e i n e ck e und zahlreiche Vertreter der Wissenschaft und Kunst, Industrie und Handel. Von den Reichs­und Landtagsfraktionen der Deutschen Volks­partei, der Deutschen Demokratischen Partei und der Wirtschaftlichen Vereinigung waren die Füh­rer und eine große Anzahl Mitglieder anwesend. Der Ehrenvorsitzende der Liberalen Vereinigung,

Geheimrat Prof. Dr. kahl,

begrüßte die Gäste in einer längeren Rede, in der er auf die hohen Traditionen des Liberalis­mus hinwies und betonte, daß der Liberalismus keineswegs eine neue Gründung sei, sondern viel­mehr schon zur Zeit des großen Stein die deut­sche Ideenwelt beherrschte. Als der Redner her­vorhob, daß die Stunde, die die Gäste der Libe­ralen Vereinigung zu einer Feier zusammen führte, nicht weit getrennt sei von der Stunde der Be­freiung deutschen Gebietes von der fremden Besatzung, und als er daran für das Rheinland herzliche Wünsche anknüpfte, spen­dete die Versammlung spontanen Beifall. Reichs­minister a. D. Koch, der Parteivorsitzende der Demokratischen Partei und Außenminister Dr. Stresemann hielten Ansprachen.

Nach ihm sprach

Reichsminister a. D. Dr. Koch.

Er erklärte. Wir Deutschen fassen die Politik immer so auf, als wenn gegen jemanden Politik getrieben werden müsse, und ver­gessen, daß wir Politik für die Gesamtheit des Volkes machen müßten. (Lebhafte Zu­stimmung.) Ich bekenne mich dazu, daß die älnterschiede innerhalb des Liberalismus keine Unterschiede der Weltanschauung sind, sondern solche, die hervorgehen aus den verschie­denartigen Einstellungen zu den Er­eignissen der letzten Tage und zu den Parteien. Man könnte und sollte sich heute finden in der Lieberzeugung, daß weder im alten noch im neuen Staate alles gut, noch alles schlecht war und ist, und daß nur auf dem Boden eines liberalen neuen Staa­tes der Wiederaufbau Deutschlands geschehen kann. Es gilt heute, das deutsche Volk mit S t a a t s g e i st und es gilt den deutschen Staat mit Volksgeist zu erfüllen! Das sind die Aufgaben, an denen wir arbeiten wollen.

Reichsminister Dr. Stresemann

führte in feiner Rede aus. Bismarck wäre es 1871 unmöglich gewesen, das Deutsche Reich zu grün­den, wenn nicht die liberalen deutschen Kreise so gute Vorarbeit geleistet hätten. Diese Idee der Einigung des Deutschen Reiches wäre nicht zu verwirllichen gewesen, wenn nicht im Parlament in Frankfurt d i e starke liberale Ten­denz des deutschen Bürgertums vor­bereitend tätig gewesen wäre. Jeder würde dank­bar fein, wenn aus den Parlamenten der Inter­essentenvereinigung sich noch einmal ein deutsches Reichsparlament herausbilden könnte, das soviel an Vaterlandsliebe und Kulturgemeinschaft in sich trägt, wie das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. (Stürmischer Beifall.) Der Außenminister stimmte dem Abg. Koch darin bei. daß, wenn es Parteien gibt, die Gren­zen gegeneinander ziehen, doch immer bedacht werden müsse, daß das Einende im deutschen Volke nicht durch tiefe Gräben getrennt fein muß. Scheidungen in nationale und nicht- nationale Deutsche gibt es nicht, sondern das Nationale ist das Selbstverständ- l i ch e. Unter den Gesichtspunkten wollen wir Zu­sammenwirken für Vaterland und Frei­heit. Der Führer der Wirtschaftspartei, Reichs­tagsabgeordneter Drewitz erklärt, daß feine Partei keinesfalls die Rückkehr zum alten Feudal­

staat wünsche, sondern sich für den Dolksstaat ein­setze.

Reichskanzler Dr. Luther schilderte zunächst in launiger Weise seine Beziehun­gen zu den drei liberalen Parteien im Reichstage und wies darauf hin, daß es ihm eben nicht ganz leicht werde, in diesem Kreise zu reden. Er sprach dann von den drei großen Kräften, Liberalis­mus, Sozialismus und Konservativis­mus, die zum neuen Staate geführt haben und wohl auch noch in einer weiteren Zukunft den Staat beherrschen werden. Dann erwähnte der Reichs­kanzler, wie die Parteien der Mitte in vaterlän­discher Pflichterfüllung die Regierung übernommen hätten und sagte: Und dennoch weiß auch ich ganz genau, daß das deutsche Volk nicht so geleitet wer­den kann, daß es auf konservativ-liberal-sozialisti­sches Gemisch eingestellt ist, sondern daß es darauf ankommt, im einzelnen eine bestimmte Grundauf­fassung, einen sozialen seelischen Stand- o r t zu entwickeln. Ich glaube, daß der Liberalis­mus in sich selbst die Eigenschaften enthüll, andere verstehen zu können. Gegenüber dem politischen Wesen der Gegenwart, daß ja sehr stark in dem technischen Betriebe unseres Wahlverfahrens und Parlamentarismus wurzelt, können wir höhere Werte auf jeden Fall erreichen, wenn wir an Stelle dieser mehr technischen Einstellung die großen Weltanschauungsfragen gelten lassen. Je­der muß den Geist, unter dem der heutige Zusam­menschluß erfolgt, begrüßen, weil es sich hier darum handelt, große allgemeine Menschheitsgedanken wirksam zu machen zum Nutzen unseres lieben Vaterlandes. (Stürmischer Beifall.)

Stresemann an die akademische Jugend.

Täl. Dresden, 1. Febr. Reichsaußen­minister Dr. Stresemann sprach am Sonn­tag in der Technischen Hochschule über das Thema:Akademische Jugend, Staats» gedan-e und deutsche Zukunft." Er betonte, neben dem parteipolitischen Leben und Treiben spiegelten sich die Kräfte einer Nation in der Verantwortung derjenigen wieder, die in der Lage seien, geistige Fähigkeiten zu erringen. Die studentische Jugend sei in der alten Zeit Trägerin der Reichsgefühle gewesen, als sie sich im Ausland zu Landsmannschaften zufammenfand und den Begriff deutsche Studentenschaft vertrat. In den Freiheitskriegen wie im Weltkrieg gab sie dieser Bewegung ihre Färbung. An der Re­volution selbst sei die Studentenschaft nicht be­teiligt. Nach der älmwälzung sei

die schwere soziale Rot

für die Studentenschaft gekommen. Es sei ver­ständlich, daß es ihr schwer wurde, eine ein­heitliche Haltung gegenüber dem heutigen Staat einzunehmen. Mehr und mehr überwog d i e Neigung zum Negieren des Neugewor­denen. Sie dürfe aber nicht vergessen, der heutige Staat und seine Verfassung seien die Balken, die das deutsche Volk zusammenhalten. Werde die Autorität des Staats zerrüttet, dann zer­falle die Einheit des deutschen Volkes. Einzel­heiten der Verfassung seien keine Ewigkeitswerte. Ihre Entwicklung fei jederzeit möglich und auch verfassungsmäßig gegeben. Aber

der Begriff einer geistig führenden Jugend müsse Staatsbejahung in sich schließen, die gleichbedeutend sei mit Staatsautorität.

Stresemann ging auch auf die Ziele der deut­schen Außenpolitik ein und erwähnte die Räu­mung der nördlichen Rheinlandzone. Mit ihr hören nicht nur Bedrückung und Bedrohung Millionen Deutscher auf, sondern sie bedeute auch das Ende der Politik Poincarös und Elemenceaus, die am Rhein hätten bleiben wollen. Die Auswir­kungen des Krieges hätten gezeigt, wie viel diese auch in. die Lebensnotwendigkeiten derjenigen ein» gegriffen hätten, die sich als Siegerstaaten bezeich­neten, die heute aber anerkennen müßten, daß in vielen Beziehungen ein gemeinsames G e - schick sie mit ihren ehemaligen Feinden verbinde. Der Abzug der Besatzungstruppen vom Niederrhein müsse der Anfang einer großzügigen Politik der Verständigung werden, die die F r e ih e i t, die in dieser mitternächtlichen Stunde am Niederrhein ge­feiert werde, auch auf die deutschen Gebiete über­trage, die jetzt noch fremde Truppen bei sich sehen müßten.

Übermittelung zu überzeugen. Das Er­gebnis lasse jedoch zu wünschen übrig. Ins­besondere hätte der Brieftaubendienst völlig versagt, sodaß unverzüglich zur Einrichtung neuer Brieftaubenstationen geschritten werde. Auch die Luftaufklärung sei nicht ganz geglückt. Als die Lenkluftschiffe aus der Flugzeughalle Monte- bourt eingesetzt werden sollten, waren sie nicht in manöverierfähigem Zustande. Am 10. und 11. Februar werden sämtliche französischen Kriegsgeschwader bei Cherbourg zu großen Mw növern zusammengezogen werden.

Die Boykottbewegung gegen Italien.

Wien, 1. Febr. (Täl.) Im Zusammenhang mit der Abwehrbewegung gegen die ilnter- örüdung der Südtiroler haben sich bis­her in Wien 160 Vereinigungen zusammenge­

schlossen, um unter ihren Mitgliedern die Dohkott- betocgung gegen Italien zu organisieren. In einem Aufruf werden die Kaufleute aufgefordert, aus Italien keinerlei Waren zu be­ziehen, bevor nicht den Deutschen in Südtirol öie kulturelle Autonomie zugestanden werde. Die Mitglieder der 160 Vereinigungen haben sich ver­pflichtet, auf ihren.Urlaubsreifen Ita­lien nicht z u berühren. Verschredene ge­plante Reisen im kommenden Frühjahr wurden abgesagt, darunter etwa zehn P^Zerzuge zum Jubiläum des Franziskus von Afsift. Nach den aus Innsbruck vorliegenden Meldungen zeigt die Dohkottbewegung bereits ihre Wirkung auf den Warenverkehr. Während bisher taglid) 100 bis 120 Eisenbahnwagen über den Brenner nach Italien oder von Italien nach Innsbruck und von hier nach Niederösterreich bzw. Deutschland rollten, kommen jetzt höchstens 40 Wagen täglich in Frage.

Die englische Presse zur Räumung Kölns.

London. 1. Febr. (WTB.) Die Presse veröffentlicht eingehende Berichte über die Räu­mung Kölns sowie Schilderungen der gestrigen Kölner Befreiungsfeier.Daily C h r o n i c l c" (das Blatt Lloyd Georges) berichtet, daß man in London gestern abend habe hören können, wie die Kölner Bevölkerung die Stunde begrüßte, die für sie die Aufhebung eines Joches be­deutete, wenn auch eines leichten Joches, weil es das britische gewesen sei. Das Geläute der Deutschen Glocke habe sich angehört wie das donnernde Echo eines gewaltigen Gongs, vom Hammer eines Gottes geschlagen". Es habe überirdisch geklungen. Minutenlang habe ihre Stimme allem die Lust erfüllt. Dann habe man auch die anderen Glocken Kölns vernommen und sodann die Stimme des Oberbürgermeisters von Köln gehört, dessen Schluhhochruf auf das ge­liebte deutsche Vaterland so deutlich vernehmbar gewesen sei, daß man den Eindruck gehabt habe, er stehe neben einem. Die donnernde Erwide­rung darauf von feiten der Bevölkerung sei über­wältigend gewesen.

In der radikal-liberalenDaily News" wird ausgeführt, es sei ein Erlebnis für jeden Engländer gewesen, gestern abend in London am Karnin zu sitzen und den Jubel Deutsch­lands über die Befreiung Kölns von der brittschen Besatzung mit anzuhören. Niemand in England werde den Einwohnern Kölns ihre Freude über die Räumung der Stadt übelnehmen. Man müsse sich nur vorstellen, wie beispielsweise die Sttmmung.der Bevölkerung Manchesters sein würde, wenn diese stolze Stadt von Truppen einer siegreichen, fremden Ration besetzt worden wäre, und wenn man endlich wüßte, daß ihre D e- mütigung zu Ende sei. Das Blatt weist, wie auch die übrige Presse, auf die von feiten der deutschen öffentlichen Meinung zum Aus­druck gekommene Anerlennung der korrekten Haltung der britischen Truppen und auf ihre guten Beziehungen zu den örtlichen Be­hörden und der Bevölkerung hin.

Der liberaleObserver" schreibt, es würde oorzuziehen fein, wenn die gesamte Be­setzung beendet würde. Der Zeitraunr von 15 Jahren fei mehr eine Gefahr als eine Sicherung. Der Chamberlain-Besuch in Paris sei ein neuer Beweis, daß Locarno nicht vergessen, sondern daß der Geist von Locarno lebendig sei. Das Blatt spricht Luther und Stresemann seine Bewunderung und seinen Dank angesichts ihres glänzenden Kampfes gegen ihre inneren Schwie­rigkeiten" aus. Die Beiden hätten Grund zu der Erwartung, daß die Politik des Zusammenwir­kens, auf die sie alles gesetzt hätten, nicht durch das Versagen der anderen, im glei­chen Maße verpflichteten Regierungen lächerlich gemacht werde.

Der liberaleM andjefter Guardian" weist ebenfalls darauf hin, daß die Fortdauer der Besetzung deutschen Gebiets nicht nur unzeitgemäß, sondern auch überflüssig und gefährlich ist. Die Beibehaltung der Besetzung ist überflüssig, wenn der Locarnovertrag ernst genommen werden soll. Locarno, so ist versichert worden, be­deutet ein neues Verhältnis des Ver­trauens und des freundschaftlichen Verkehrs zwi­schen den großen Nationen des Westens. Wie kann es möglich sein, wenn drei von diesen Nationen große Truppenmassen auf dem Gebiet einer vierten stehen haben? Als Realisten müssen wir wissen, daß Frankreich ihrer Zurück­ziehung nicht zustimmen würde. Aber besteht irgendein Grund, die lieber,Beugung zu verleugnen, daß sie zurückgezogen werden sollten, und daß die Zurückziehung, die uns nichts kostet, sicher mehr tun werde, den Geist des Friedens zu ver­stärken als der Locarnooertrag oder Deutschlands Eintritt in den Völkerbund.

Bei dem Oberpräsidenten der Rheinprooinz und dem Kölner Oberbürgermeister sind noch eine Reihe weiterer Glückwünsche zur Befreiung der ersten Zone eingegangen, so u. a. vom Reichsminister für die besetzten Gebiete Dr. Marx, von Beuthen, als der deutschen Südostmark, vom Senat der Freien Reichsstadt Hamburg, von der bayerischen, sächsischen und badischen Staatsregierung, von dem Mainzer Oberbürgermeister und dem Präsidenten des evangelischen Oberkirchenrats.

Die Deutsche Luft-Hansa entsandte von Düsseldorf zwei Großflugzeuge, um Grüße aus dem unbesetzten Gebiet ins befreite Gebiet zu überbringen. Nach dreiviertelstündigem Fluge trafen die beiden Flugzeuge in Köln ein. Nach­dem sie den Kölner Dom zweimal umflogen hatten landeten sie gegen 11.45 Uhr auf dein Kölner Flugplatz, wo sie von Vertretern der Stadt und der Presse empfangen wurden. Zu Ehren der Gäste gab die Stadt ein Frühstück im Gürzenich, bei dem Bürgermeister Matze­rath die Erschienenen herzlich willkommen hieß und die Hoffnung ausdrückte, daß der heutige Tag für die Entwicklung des Flugverkehrs im Rheinland und ganz Deutschland einen Wende­punkt darstellen möge.

Brechen und das Rheinland.

Die Glückwünsche

des Preußischen Landtags.

Berlin, 1. Febr. Vor Eintritt in die Tagesordnung führt Präsident Bartels folgendes aus: Die erste besetzte Rheinland­zone ist endgültig geräumt worden. Etwa ein Fünftel des gesamten besetzten Gebietes ist Zxund von fremder Militärbesatzung befreit