Erneuter Rücktritt des Kabinetts Bartel. Das polnische Budget ml überwältigender Mehrheit abgclehnt. Darschau, 30. Sept. (221.) Das Dudgetprovl- fotium der polnischen Regierung, das erneut dem Sejm zugegangen war. ist von diesem mit 206 gegen 94 Stimmen abgelehnt worden. Die Deberraschuna war so stark, daß weder pilsudski nock Bartel das Wort ergriffen. Die Regierung zog sich zu einer sofortigen Beratung zurück. Um 9 Uhr abends trat der Sejm erneut zusammen und nahm eine kurze Erklärung des Ministerpräsidenten B a r - tel entgegen, in der es heißt, die Regierung trete zurück, weil in der soeben abgehaltenen kabinettssihung sich vier Minister ..einstweilen und unter Vorbehalt- gegen die Auslösung des Sejms ausgesprochen hätten. Die Sejmsihung wurde sofort wieder geschlossen. — Ministerpräsident Bartel begib sich im Auto zum S t a a t s p r ä s i d e n t e n und überreichte die Demission, die sofort angenommen wurde.
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Heber die Dorgänge in den beiden entscheidenden Sejmsitzungen erfahren wir noch folgendes: In der Aachmittagssihung, die um 4 Uf>r begann, erledigte der Sejm zunächst die polnisch-rumänische Konvention, die mit allen Stimmen gegen die ukrainischen Juden und die Kommunisten ratifiziert wurde. Der Vorsitzende der Budgetkvmmisfivn berichtete dann über die Beratungen der Kommission über die einzelnen Budgetvorschläge. Der Regierungs- Vorschlag. der seinerzeit mit knapper Mehrheit ohne Aenderung angenommen, dann aber vom Senat abgeändert und an den Sejm zurückverwiesen wurde, hat in der Budget- kommisiion auch nur in der Senatsrevidierung Billigung gefunden. Der Vorsitzende der Kommission empfahl daher dem Sejm Annahme des abgeänderten Vorschlages. Die Regierung erklärte demgegenüber, sie würde die Annahme dieses Vorschlages naturgemäß a l s Ablehnung ihres eigenen Budgets a n s e h e n und ihre Konsequenzen daraus ziehen. Der Sejm lehnte dann mit großer Mehrheit den Regierungsentwurf durch Annahme der Senatsrevidierung ab. Die Tatsache, daß laut Regierungserklärung jn der Spätsihung um 9 Hhr vier'Mini st er des Kabinetts sich nicht zur Auflösung des Sejms entschließen tonnten, wird in parlamentarischen Kreisen als richtungweisend für die weiteren Absichten der gestürzten Regierung erachtet. Man spricht in bestimmter Form davon, daß P i l s u d s k i mit Bartel noch in der Rächt ein neues Kabinett bilden werde, indem er neu nur die Posten der viev Minister besehen würde, die der Sejmauflösung nicht zustimmten. Mit einem solchen Kabinett würde dann die Einstimmigkeit für die Eejmauflösung erreicht, die dann jedenfalls noch im Laufe der Rächt erfolgen würde.
polen und derrussisch-Iitamscheverttag.
Warschau. 30. Sept. (WTD.) Der Abschluß der russisch-litauischen Garantien, des Richtangriffsvertrages und der nach litauischen Meldungen darin aufgenommene Passus, in der die Sowjetregierung feststellt, daß ihre bekannte Litauen freundliche Haltung zur Wilnafrage vom Jahre 1920 keine Veränderung erfahren habe, hat in Polen sehr erregt. Rach halbamtlichen Meldungen hat der als Minister des Aeu- hem während der Abwesenheit Zaleskis amtierende Dizeminister Knoll den hiesigen russischen Gesandten für heute zu einer Konferenz gebeten, um die Lage zu klären. Die hauptstädtische Presse führt gegen Rußland und Litauen eine sehr scharfe Sprache, am schärfsten die Püsudfk, ideologisch nahestehenden Blätter der Linken. So schreibt der radikale „Kurjer Porannh", daß es Pflicht der polnischen Regierung sei. mit aller Energie sestzustellen, daß derartige Dokumente, wie sie Tschitscherin und ^esevicius verfertigt hätten, nicht einmal Düs Papier wert seien, auf dem sie geschrieben se*en, weil sie zur „Gattung diplomatischer Pornographie" gehörten. Die Sowjetregierung stünde außerhalb der Grenzen der Staaten, in denen die Sitten der Kulturwelt Gültigkeit hätten. In jeder Hinsicht erinnere dieses Werk mehr an ein afrikanisches Gebilde, als an eine europäische Mache. Pilsudskis Blatt, der „Glos Prawdh", nennt den Vertrag eine offene H er ausfor de r un g der Sowjetregierung. Der Vertrag stünde im Gegensatz zu den Verpflichtungen der Völkerbundssatzung. Der ebenfalls dem Regierungslager angehörende „Expreß Porannh" behauptet, daß die polnischen Regierungskreise. obgleich sie den genauen Tert des russisch-litauischen Vertrages noch nicht kennen, die Lage auf Grund der bisher eingegangenen Meldungen als sehr ernst ansehen. Litauen sei nichts anderes als eine gegen Polen gerichtete Vorhut Sowjetrußlands.
Russische Beschwichtigungsversuche.
Moskau, 30. Sept. (TH.) In den hiesigen politischen Kreisen ist man bemüht, den Eindruck über den russisch-litauischen Vertrag in Europa, vor allem aber in Polen möglichst abju- schwächen. Fast sämtliche Blätter bringen heute über diese Frage Artikel und führen übereinstimmend aus, daß der Vertrag keine Verletzung bestehender Vertragsver- h ä ltn i s se 'bilde und daß übrigens die polnische Regierung über den Verlauf der russisch-litauischen Verhandlungen immer auf hem laufenden war und daß ferner die polnische Regierung immer wieder die russischen Vorschläge, Vertragsverhanblungen auszunehmen, ignoriert habe. Die Zeitungen erklären, daß Rußland nach, wie vor den Frieden anstrebe und daß die Sowjetunion alles tun werde um keinen ihrer Nachbarn zu benachteiligen.' Im Au:trag der russischen Regierung wird der russische Botschafter in Warschau der pol- nrschen Regierung eine Erklärung über den Abschluß des russisch-litauischen Vertrages abgeben. in her es heißt, die Hnterzeichnung des Vertrages fei nicht gegen Polen gerichtet sondern habe lediglich den Zweck, den Frieden in hen östl.chen Staaten wiederherzustellen. Die russische Regierung habe versucht, die russisch- polnischen Beziehungen zu beschleunigen. Dies fei irdoch von dem polnischen Außenminister Zalewski abgelehnt worden. Die Sowjetregierung sei bereit, Polen in bestimmten Fragen
entgegenzukommen unter der Bedingung, daß Polen von Rußland keinerlei Zugeständnisse in der Memeler. Wilnaer und Danziger Frage fordern werde.
Die Beisetzung des Opfers vsn Germersheim
Germersheim, 30. Sept. (WTD.) Der von dem französischen Leutnant R o u z i e r getötete Arbeiter Emil Müller wurde heute nachmittag unter Anteilnahme der gesamten Bevölkerung der Stadt Germersheim und einer großen Anzahl von Leidtragenden aus der ganzen Pfalz zu Grabe getragen. Die Geschäfte waren während der Beerdigung geschlossen. Unter dem Geläut der Glocken der Germersheimer Kirchen beider Konfessionen und unter dem Klang des Trauermarsches setzte sich der riesige Trauerzug in Bewegung. Er wurde von den Schulkindern sämtlicher Germersheimer Schulen eröffnet Dann folgten die Feuerwehr, dis Sanitätskolonnen sowie sämtliche Germersheimer Vereine mit umflorten Fahnen. Hinter dem Sarge, der bis zum Friedhöfe getragen wurde und von Fackelträgern flankiert war, folgten die Angehörigen des Getöteten, der Regierungspräsident der Pfalz, der erste Bürgermeister der Stadt und die Spitzen der Stadtbehörden. Auf dem Wege bildete eine schier unübersehbare Menschenmenge Spalier. Auf dem Friedhof ergriff als erster Redner Regierungspräsident Matheus das Wort. Er führte aus: „Hier am Grabe dieses jungen blühenden Lebens, dieses braven, treuen Sohnes, dieses deutschen Jünglings wollte die pfälzische Regierung nicht fehlen. Sie beklagt das unheilvolle Schicksal dieses schuldlos Heimgegangenen. Sie fühlt mit feiner Familie, sie teilt die Trauer der Stadt Germersheim. Wird oer verhängnisvolle Schuß, der dieses junge Leben löschte, ein Signal fein, das aller Welt kündet, daß die Stunde gekommen ist, unsere Bande zu lösen und uns die Freiheit wiederzubringen? Hat die friedliche pfälzische Bevölkerung, die mit bewundernswerter Geduld und Würde ihr tragisches Schicksal trägt, nicht ein Recht auf diese Stunde? Hoffen wir, daß dieser Schuß gehört wird an allen Stellen des In- und Auslandes, von allen, die die Geschicke der Völker zum Guten wenden wollen, daß er Echo weckt, das uns Ruhe und Freiheit bringt." Dann folgten weitere Ansprachen und Kranzniederlegungen. Nach dem Grabgebet des Stadtpfarrers und Chorgesängen des Arbeitergesangvereins traten noch die Angehörigen des Dahingefchiedenen an das Grab. Die imposante Trauerfeier, die ohne Zwischenfall verlief, machte auf alle Teilnehmer einen gewaltigen Eindruck.
Abtransport des Leutnants Rouzier.
Germersheim. 30. Sept. (TH.) Regie- rungspräfibent Matheus hat heute nachmittag den beiden im Kraickenhaus befindlichen! Verletzten. Holzm ann und Mathes, einen Besuch abgestattet Holzmanns Befinden ist verhältnismäßig gut. Mathes' Zustand bleibt indessen nach wie vor ernst Die Aerzte hoffen aber, ihn am Leben erhalten zu können. Man hofft sogar, daß ihm das Schicksal der Erblin- dung erspart bleiben wird. Der Abtransport des 311. Artillerie-Regimerrts ist vollendet. Heute morgen verliehen die letzten Mannschaften dieses Truppenteils Germersheim zu Fuß. Die Erregung der Devöllerung hat sich durch diese Tatsache nunmehr ein klein wenig gelegt, ist aber immerhin noch sehr stark. Zu Zwischenfällen ist es nicht mehr gekommen. Wie noch nachträglich festgestellt wurde, führte der Unterleutnant Rou- zi er ein ziemlich lockeres Leben. Rachdem er beim französischen Militärgericht durch einen beauftragten Offizier des Armeeoberkommandos aus Mainz vernommen worden ist. ist er auf Befehl. des Armeeoberkommandos nach Ranch weiter befördert worden, um in seiner Heimatgarnison den weiteren Gang des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens abzuwarten.
Die Untersuchung.
Berlin, 30. Sept. (Wolff.) Wie das W. T. B. vernimmt, ist der R e i ch s m i n i st c r für die besetzten Gebiete, Dr. Bell ständig über den Fortschritt der Hntersuchung des Germersheimer Falles durch die bayerische Gesandtschaft auf dem laufenden gehalten worden. Es haben inzwischen mehrfache Besprechungen unter den beteiligten Berliner Stellen (Reichs- ministerium für die besetzten Gebiete, Auswärtiges Amt. bayerische Gesandtschaft) stattgefunden, an denen in den letzten Tagen auch der von Koblenz herübergekvmmene Reichs! emmif- sar, Botschafter Freiherr Langwerth von Simmern, teilnahm. Auch in Koblenz haben bereits vorläufige Besprechungen zwischen Vertretern des Reichslommissariats und der Interalliierten Rheinlandkommission stattgefunden. Der Abschluß der Hntersuchung Ift in wenigen Tagen zu erwarten, so daß alsdann die erforderlichenamtlichen Schritte in Koblenz und Paris erfolgen werden.
Reichrpattestag
der Deutschen VsllZpartei.
Die Frage des Finanzausgleichs.
Köln. 30. Sept. (TH.) Die große Reichs- Parteitagung der Deutschen Dolkspartei, die eine Konferenz der Landesvertreter, eine Sitzung des Zentralvorstandes der Partei und die des eigentlichen Parteitages umfaßt und sich über vier Tage erstreckt, hat heute hier ihren Anfang genommen. Der Parteitag ist diesmal außerordentlich stark beschickt. Mehr als 1200 Delegierte der deutschvolksparteilichen Organisationen werden erwartet. Dazu kommen die Teilnehmer aus der näheren Hingebung, so daß mit einer Gesamtzahl von etwa 4000 Personen gerechnet werden kann. Den Auftakt der Tagung bildete eine sehr ftarf besuchte Konferenz aller deutschen Landtagsfraktionen und der preußischen Staatsratsmitglieder der Deutschen Volkspartei. Die preußische Landtagsfraktion ist vollzählig erschienen. Ferner bemerkte man zahlreiche Abgeordnete der Landes- fraftionen. Abg. v. Campe eröffnete eie Sitzung Zu Leitern der Tagung wurden die Abgeordneten v. Campe, Leidig, Burger, D i n g e l d e h, ßeub Häuser und Dr. Jarres berufen.
Abg. Burger (Bayern) sprach dann über den Finanzausgleich. Auf der Konferenz der deutschen Landtagssrattionen und der preußischen Staatsmitglieder der Deutschen Volks- Parte: erklärte er, die Ausgaben der Länder seien vor allem durch die soziale Gesetzgebung
stark vermehrt. Die Ausgaben seien entsprechend gewachsen, die Zuweisungen des Reiches an die Länder aber z u r ü ck g e g a n ge n. ®aju fomme die ungünstige Lage der agrarischen Dezirie. Trotzdem bestehe die Gefahr, daß der tftnan^ ausgleich weiterzu Hngunsten der Lander und Gemeinden verändert werde. Es sei zwecklos, daß das Reich und die Gemeinden sich gegen- fettige Vorwürfe wegen mangelnder Sparsamkeit machen, sondern es komme darauf an, daß alle Teile sparsamer wirtschaften lernten. Der Finanzausgleich müsse auch einen Lastenausgleich bringen. Es müßten Wege gesucht werden, um die Lebensfähigkeit der Länder und Gemeinden zu sichern. Die Erzbergersckte Gesetz- gebung habe gerade die wirtschaftlich schwachen Länder betroffen. Der Schematismus dieser Gesetzgebung habe viel Schaden angerichtet. Wenn der neue Finanzausgleich nicht am 1. April 1927 geschaffen werden kann, dann soll wenigstens eine Zwischenlösung geschaffen werden, die den Ländern 90 Prozent der Einkommensteuern sichert.
Der preußische Landtagsabgeordnete v. E y n e r n hob als Korreferent hervor, daß in der heutigen Form die Einkommensteuer kein Mittel zum Ausgleich fei. Dieser müßte durch die Verteilung der Umsatz st euer bewirkt werden. Der Redner bezeichnet die Schaffung der neuen Steuerorganisa- tion als übereilt. Die ganze Frage der Einführung des Zuschlagrechtes bedürfe noch eingehender Prüfung. Deshalb werde der neue Finanzausgleich zum 1. April 1927 nicht fertig werden. — Abg. Mathes (Baden) forderte Vereinfachung des Steuerwesens' und Neuschaffung der Grundlagen des heutigen Steuersystems. — Der frühere preußische Finanzminister Dr. o. Richter bezeichnete die Rückgabe der Einkommensteuer an die Länder, wie sie von Bayern gefordert werde, als unmöglich. Das Zuschlagsrecht werde ohne Kautelen nicht durchführbar sein. Nach weiterer Aussprache und einem Schlußwort der Berichterstatter wurde die Einsetzung eines Ausschusses beschlossen, der die aufgeworfenen Fragen weiter durcharbeiten soll.
Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen sprach 2lbg. Rose- Hamburg über Polizei- fragen. Abg. Metzenthien behandelte die preußischen Erfahrungen in der Polizeifrage und die Vorbildung der Beamten. Staatsminister a. D. Dr. B ö l i tz hielt dann einen Vortrag über Schulfragen. Trotz der Kulturauto- nomie der Länder, die feststehe, werde eine lebhafte Reichskulturpolitik erstrebt. Der Reichstag habe in der Grundschulgesetzgebung nicht das gehalten, was erwartet wurde, so z. D. im Reichsgrundschulgesetz. Hnser Standpunkt zum Reichsschulgesetz ist bekannt. Erhaltung der historisch gewordenen Schulform, die nichtkonfessionell in Rorddeutschland, Simultanschu- l e n dort, wo diese Form eingeführt ist. Die Frage des Konkordats wird an die einzelnen Länder herantreten. Ein Reichskonkordat kommt nicht mehr in Frage, nachdem Bayern ein Konkordat mit der Kurie abgeschlossen hat. Abg. Dingeldeh - Hessen wandte sich als Korreferent gegen d i e Politisierung von Schulen, die in einigen Ländern überhand genommen hat. Die Versammlung schloß mit dem lebhaften Ausdruck des Dankes an die Parteiinstanzen. Am Abend trat der Reichsparteivorstand zusammen, um die am Freitag ftatt- findende Sitzung des Zentralvorstandes vorzubereiten.
Wilder Streik im Hamburger Hafen.
Hamburg, 1. Okt. (WTB.-Funkspruch.) Trotz der Verbindlichkeitserklärung des letzten Schiedsspruches der Schlichterkammer durch den Reichsarbeitsminister haben die Hafenarbeiter die Arbeit heute morgen nicht aufgenommen. Große Mengen von Schauerleuten und anderen Arbeitern kontrollieren die Schlepper und die Barkassen, die sonst dazu dienen, die Schauerleute an Bord der Schiffe zu bringen. Zahlreiches Schupo-Aufgebot beobachtet die Tausende am Hafen herumstehenden Arbeiter, die sich aber ruhig verhalten und die Lage besprechen. Die Schiffsmaklereien und die sonstigen Rebenbetriebe arbeiten weiter, ebenso fahren die Schleppdampfer zu den Wersten. Die in Frage kommenden Sektionen des Deutschen Verkehrsbundes haben für heute vormittag eine Versammlung vinberufen, in der eine weitere Aufklärung gegeben werden soll. Durch den Streik sind auch der 2lltonaer und der Harburger Hasen in Mitleidenschaft gezogen.
Die protestierenden Bürgermeister bei Poincar6.
Paris, 30. Sept. (TH.) Die 2lbordnung der Parlamentarier aus den Kreisen, deren Kreishauptstädte von ben Regierungsmaßnahmen hinsichtlich der Vereinfachung der Verwaltung und des Gerichtswesens und der damit verbundenen Abschaffung von Präfekturen unb Kreisgerichten betroffen sind, sprach heute bei Poincars vor. Die Aussprache dauerte fast eine Stunde. Sie führte jedoch zu keinem Ergebnis, und der Führer und Begründer der gegen die einschlägigen Regierungsmaßnahmen opponierenden Gruppe, der Abgeordnete Falcoz, erklärte beim Verlassen des Arbeitskabinetts Poincares, daß alle Anstrengungen, Poincarß zum Abweichen von seiner 2lbsicht zu bewegen, vergeblich gewesen seien. Poin- carö erklärte, die ganze Regierung habe beschlossen, sich streng an die Dekrete zu halten und jeden Abönderungsantrag unter Stellung der Vertrauen.) rage abzulehnen. Auf den Einwand, daß durch die unbeugsame Haltung der Regierung ein Sturz des Kabinetts heraufbeschwo- ren werden könnte, erwiderte Poincarö, es wäre seiner Ansicht nach nicht schwierig, ein anderes Ministerium der nationalen Einheit zu finden.
Die Stabilisierung des belgischen Franken.
ns 1-Okt- (WTB. Funkspruch.) Der
Brusse.er Korrespondent des „Echo de Paris" berichtet, daß die belgische Regierung, Da es unmöglich sei, die französische Regierung zu einer famen Handlung hinsichtlich der .r Finken zu bewegen, sich
entflossen habe, allein Die Stabuifierung ihrer Ehrung duichzuführen. Daraus erkläre sich d'e Anse des Schatzministers Francquis und ce; Gouverneurs der Rational ank, Frank, nach London. D.e Stabilst ierung(anteihe sei noch nicht abgeschlossen, aber man versichere, daß die emgeleUelen Verhandlungen sehr ermutigend seien.
Aus aller Welt.
Gegen die amerikanische Hctzfilme.
Zu der Tatsache, daß in Neuyork wieder der gegen Deutschland gerichtete Hetzsilm „ Die a p o . kalyptischen Reiter" aufgeführt wird, wird mitgeteilt, daß die amtlichen deutschen Stellen im Auslande bereits seit längerer Zeit generell angewiesen worden sind, gegen die Aufführung dieses Films Schritte zu unternehmen. Im vorliegenden Fall ist ein solcher Schritt des deutschen Botschafters in Neuyork erfolgt. Der Film ist daraufhin „gereinigt* worden. Er enthält aber immernoch eine so scharfe deutschfeindliche Tendenz, daß weitere Schritte unternommen werden sollen. Es ist zu hoffen, daß der gegenwärtig in Paris tagende internationale Film- kongreß Beschlüsse faßt, die Derartige Filme überhaupt unmöglich machen.
Dec Berliner 3uroelencäu6er.
Der Juwelenräuber Hans Spruch ist von den Breslauer Kriminalkommissaren weiter sehr eingehend vernommen worden. Dabei teilte der Räuber mit, öafj er seine Freundin schon in Breslau kennen gelernt habe. Das Mädchen, das in Warschau geboren wäre, hat längere Zeit in Kattowih in der Familie ihres Onkels, der sich des besten Rufes erfreut, getebt und ist dann nach Breslau gegangen, wo sie auf die schiefe Ebene geriet. Als dann Spruch Nach Berlin übersiedelte, folgte ihm seine ©eliebte dorthin. Spruch bleibt dabei, daß lediglich er und Sonja Den Raub ausgeführt haben. Auf Grund dieser Mitteilungen hat die Breslauer Kriminalpolizei sofort alles getan, um der Jgnatiew habhaft zu werden. In Hindenburg hat sich ein Reisenden gemeldet, der von Breslau nach HindenbuU' mit einer auffallend hübschen jungen Frau mit schwarzem Lockenkopf gestern zusammen gefahren ist. In Breslau ist man der Ansicht, daß die Reisende möglicherweise mit der Sonja Jgnatiew identisch ist.
Zuchthaus für einen EisenbahnattenkSker.
Das Dessauer Schöffengericht verurteilte den 19 Jahre alten Gesellen Erich Schön, der gemeinsam mit einigen noch vom Jugendgericht ab* zuurteilenden Lehrlingen einen vorüberfahrenden eleftrijujen Güterzug mit Schotter st einen bewarf und dadurch das Zugpersonal gefährdet hatte, zu einem Jahr Zuchthaus. Das Gericht war der Ansicht, daß die vielen Anschläge der letzten Zeit eine rücksichtslose Anwendung des Gesetzes notwendig erscheinen lassen.
2lu$ der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 1. Oktober 1926.
Die Jagd im Oktober.
Die schwarzen Felder im Jagdwaffenpaß verschwinden mehr und mehr. Von Mitte des Monats an hat das meiste Wild Schußzeit.
Rotwild steht anfangs des Monats noch in der Brunft. Jn Hessen haben Hirsch und Kahlwild Schußzeit, während in den anschließenden preußischen Landesteilen der Kahlwildabschuß erst mit dem 16. Oktober erlaubt ist. Die Hirsche sind stark abgekommen. Der Abschuß bei männlichem und weiblichem Rotwild erstreckt sich vor allem auf solche Stücke, die durch ihre Fortpflanzung Geweih- und Wildstärke ungünstig beeinflussen könnten. Vor allem aber sollte der ganze Abschuß sich in maßvollen Grenzen halten, damit die geringen Bestände des edelsten Wildes des deutschen • Waldes unseren einheimischen Forsten erhalten bleiben. Die Winterfütterung ist vorzubereiten. Da die Eichelmast in diesem Jahre keine Rolle spielt, ist für Beschaffung der notwendigen Mengen Kastanien, Ruben und Kartoffeln Sorge zu tragen.
Damwild kommt für unser Gebiet für die freie Wildbahn kaum in Frage. Es tritt jetzt in die Brunft. Schußzeit und Dejagung wie bei Rotwild.
Rehwild: Dem Rehwild, dem Hochwild unserer meisten Reviere, gebührt die ganz besondere hegende Pflege des Weidmannes. Seine Bestände hatten unter Krieg, Revolution, Inflation, Aasjägerei und Wilderertum au-ßerordentlich zu leiden. Diese Lücken wieder auszufüllen, die Bestände wie- . der aufzurich^en, muß die Hauptsorge des Weidmannes fein. Ein Rehstand wächst nur langsam heran, ist aber rasch vernichtet. Das sollten sich die verpachtenden Gemeinden viel mehr vor Augen halten, die häufig um einiger Mark höheren Pacht- erlöfes willen dem Jagdschinder vor dem wahren Jäger den Vorzug geben, um bald darauf ein wild- leeres und darum in feinem Wert herabgemindertes Revier ihr eigen zu nennen. Auch ist die Pachtzeit von sechs Jahren als zu kurz für eine wirkliche Aufbauarbeit, die doch auch durchaus im Interesse der Verpächter liegt, ungeeignet. Der Abschuß sollte grundsätzlich mit der Kugel und mit Auswahl erfolgen. Der Bockabschuß ist im allgemeinen erledigt. Starke Böcke werfen ab. Der Rickenabschuß fetzt in H e s s e n mit dem 16. Oktober ein. In den letzten zwei Jahren wurde er jedoch zur Schonung des Wildes auf den 1. November verschoben. Mit der gleichen Verord- nung ist für dieses Jahr zu rechnen. Jn Preußen hat Die Ricke noch Schonzeit. In den Teilen unserer Gegend, die zur Rheinprovinz gehören, ist die Rehjagd überhaupt geschlossen. Der Rickenabschuß sollte sich nur auf schwache Stücke, bekannte Altrehe, die mehrere Jahre kein Kitz führten, und weibliche Kitze erstrecken. Das letztere ist in Preußen aller- 1 dings nicht erlaubt. Wer wahllos auf der Treib- • jagd seine kitzführenden Altrehe abknallen läßt, schneidet sich nur ins eigene Fleisch und braucht
keine Früchte einer Hege zu erwarten. Er lebt vom
Kapital und nicht von den Zinsen. Ein einziger
Schuß kann das Altreh zur Strecke bringen, mit
ihm die Aussicht auf zwei Kitze im nächsten Jahr vernichten und gleichzeitig zwei mutterlose Kitze dem Winter zum Opfer bringen. Daran hat nur der Fuchs Freude. In einem pfleglich behandelten Revier müßte der wahllose Abschuß auf der Treibjagd ganz verschwinden. Manchem Jagdgast würde es eine Weidmannsfreude sein, ein bestimmtes Stück mit sauberem Kugelschuß zur Strecke zu bringen, anstatt Zeuge planlosen Massenabschusses zu sein. Erfreulicherweise hat die Hegeringbewegung, die gerade diese Anschauungen vertritt, auch bei uns Eingang gefunden.
Der Hase hat ab 1. Oktober Schußzeit. Die Nachrichten aus Jägerkreisen über die diesjährigen Aussichten lauten sehr widersprechend. Man trifft noch viel knappe Hafen. Deswegen sollte auch der Abschuß im Oktober sich auf einzelne Hasen beschränken; die Suchjagd ist zu vermeiden, man schießt sonst zum großen Schoden der Jagd die alten, festsitzenden Satzhasen.
Hühner haben, weiterhin Schußzeit, halten jedoch schlecht und streichen weit, wenn die Deckung auf den Feldern mit fortschreitender Ernte verschwindet. Bei dem kläglichen Resultat, das in vielen


