Einzelbild herunterladen

Nr. 230 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Hreltag, 1. Moder 1926

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag».

Beilagen:

Eießener FamilienblLtter Heimat im Bild Die Scholle.

®onat$»Be)ug»pteii:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter- Meinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach« richten: Anzeiger Eiehen. Postscheckkonto:

Sranffnrtam IHaln 11686.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

Vrvck und Verlag: vrühl'fche Umverfitäts-Vuch- und Slehtöruderei R. Lange in Stehen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Brette örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Re» klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20° mehr.

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wich. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich. Gange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein; für den An­zeigenteil i. Dertr. H. Deck, sämtlich in Gießen.

Die westeuropäische Rohstahlgemeinschaft. Brüssel, 1. Oft (Wolff.) wie wir schon gestern kur; meldeten, sind die Vertreter der deut- chen, französischen, belgischen, luxemburgischen und aarlöndifchen Stahlwerke zu einer Einigung in »er Frage der kontinenlalen Rohstahlgemeinschaft gelangt, die mit Wirkung vom 1. Oktober in Kraft gesetzt wird. Die Verhandlungen galten ausschließ­lich der Erörterung der belgischen Forde­rungen. Die belgischen Industriellen beanspruch­ten bekanntlich 295 000 Tonnen von der monat­lichen Erzeugung anstatt der vorgeschlagenen 265 000 Tonnen. In der heutigen Sitzung setzte Belgien seinen Standpunkt durch. Die allgemeine Erzeugung des Kartells wird sich jährlich auf 27 500 000 Tonnen belaufen und kann bis 30 600 000 Tonen gesteigert weiden. An einer solchen Steigerung würde Bel­gien mit 2,85 Prozent beteiligt sein, wenn die Erzeugung unter 27,5 Millionen Tonnen berabgehen sollte, würde sich der belgische Anteil ent­sprechend verringern.

Die langwierigen und vielfach unterbroche­nen Eisenpakt-Verhandlungen zwischen Frank­reich, Belgien und Deutschland haben nun also ihr Ende gefunden: der Vertrag ist unterzeichnet und damit die westeuropäische Rohstahlgemein- schast hergestellt worden. Ihre Bedeutung be­steht zunächst darin, daß sie der äleber- Produktion einen Riegel vorschieben will. Daneben haben sich die Unterzeichner des Vertrages verpflichtet, sich in ihren Ländern ge­genseitig keine Konkurrenz zu bereiten. Das bedeutet für Deutschland ein Verschwin­den des französischen Lieberschusses vom deutschen M ar k t. Dabei ist aber zu beachten, daß die Verständigung mit Frankreich nur durch unser Zugeständnis ermöglicht wurde, einen recht erheblichen Teil der französischen Eisen- und Stahlerzeugung weiterhin her­einzulassen. 2luf der anderen Seite erklärte man sich bereit, uns eine höhere Quote zuzu­gestehen. Ein Ausgleich wird aber durch die Stabilisierung des französischen Franken unzwe-'elhaft wieder eintreten und uns im Rahmen der Rohstahlgemeinschaft eine weitere Entlastung verschal'en.

Neben den jetzt in Brüssel zum Abschluß ge« kommenen Verhandlungen laufen bereits seit ge­raumer Zeit Besprechungen mit den übrigen europäischen Eisen- und Stahlproduzenten, die sich bisher recht günstig angelassen haben. Allgemein glaubt man, daß vielleicht schon in naher Zukunst die westeuropäische Nohstahlgemeinschnft sich zu einer gesamteuropäischen auswachsen wird. Mit Rußland sind natürlich keinerlei Verhandlungen gepflogen worden, ebenso hat sich E n g l a n d einem Beitritt bisher abgeneigt gezeigt. Dis englische Eisen- und Stahlindustrie befindet sich aber heute nicht mehr in einer so günstigen Lage wie früher, um roeiterhin seine eigenen Wege gehen zu können. Sie wird schließlich ebenfalls der europäischen Pro­duktionsregelung beitretsn, will sie nicht in eine un­glückliche Situation geraten, die sie zwingen könnte, nach zwei Seiten hin zu kämpfen: dem Kontinent und den Vereinigten Staaten.

Wftftschastsführer zum EitenkarteA.

Berlin, I.Okt. (Wolff.) Zu dem Abschluß des Internationalen Eisemartells bringt das D. T." einen Artikel eines führenden rheinischen Schwerindustriellen, der einen Konzern l:itet, der seinen Ramen trägt. Der Verfasser gehört dem Zentrum an. Der Artikel hebt hervor, daß die Deteiligungszifsern FranrreiHs, Luxemburgs und Belgiens ungefähr 95 bis 100 Prozent entspre­chen, die Ziffer für Deutschland höchstens 70 bis 75 Prozent. Aus djesem Grunde werde Deutschland in den nach st en Jahren der Zahlende bei fcem Abkommen sein. Im ersten Jahre werde es 2 bis 3 Millionen Dollar, das sind ungefähr 3 Mark je Tonne Ausfuhr äu zahlen haben. Das bedeute eine schwere Belastung für Deutschland. Trotz dieser Belastung sei das Abkommen aber für Deutsch­land günstig , da Deutschland jetzt in der Lage sei, den deutschen Markt zu erobern. Der größte Ruhen liege darin, daß es jetzt auch mög­lich sei, die Preise auf den interna­tionalen Märkten zu revidieren. Sollte die Anpassung der ausländischen Preise an die deutschen gelingen, so werde die deutsche Fertig­eisenindustrie jederzeit in der Lage sein, gegen die ausländische Konkurrenz mit gleichen Selbst­kosten aufzutreten. DasB. T." bringt weiter auch eine Aeußerung Loucheurs. der hervorhebt, daß der Pakt mit der schweigenden Zustim - mung der Regierungen geschlossen wor­den sei. Der belgische Senator de Brouckers betont in einer Zuschrift, das Abkommen würde zwischen den Ländern, die den Vertrag von Lo­carno unterzeichnet haben, eine noch stärkere wirt­schaftliche Solidarität und Zusammenarbeit er­zielen. Reichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s weist daraus hin, daß die Stahlindustriellen als verantwortliche Sachwalter d:r gesamten deutschen Wirtschaft und eisenverarbeitenden Industrie ge­handelt haben.

Ein neuer Reichspreffechef.

Berlin, 30. Sept. (Eigene Meldung.) Reichs­kanzler Marx hatte bei seinem Amtsantritt im Mai dieses Jahres bekanntlich den obersten Beamten der Reichskanzlei und den Reichspressechef von seinem Amtsvorgänger Dr. L u t h e r her über-

Die Entrevue von Livorno.

Chamberlain und Mussolini besprechen die europäische Lage.

Im Hasen von Livorno hat die Z u s a m - menkun ft zwischen Chamberlain und Mussolini stattgefunden, die von der ita­lienischen Presse bereits seit längerer Zeit als wichtige politische Sensation angekündigt wurde und auch zweifellos eine starke weit über den Tag hinausgehende Bedeutung für sich bean­spruchen darf. Es kann kaum zwei größere Gegensätze geben als Mus olini und Chamberlain. Auf der einen Seite der Volksmann, leiden­schaftlich, von zündender Rednergabe, mit Ener­gien geladen, ein Organisator und Agitator von ungewöhnlichem Ausmaß, auf der anderen Seite der Aristokrat, müde, blasiert, etwas gelang­weilt und vorsichtig ausgedrückt auch in seinem geistigen Durchschnitt nicht heranreichend an die Männer, die früher die auswärtige Po­litik Englands leiteten? Menn trotzdem Chamber­lain sich solange im Amte hielt, wenn er sogar gewisse politische Erfolge für sich buchen konnte, so lag das weniger an ihm, als an der Gunst der Umstände, die ihn trugen. Er gilt heute noch als einer der geistigen Väter der Locarno-Politik, obwohl er sehr wenig dazu getan hat. Er nimmt auch für sich in An­spruch, daß er dcn Konflikt mit der Türkei ausgeglichen und dadurch w sentlich dazu bei­getragen hat, der englischen Diplomatie wieder Ellenbogenfreiheit zu verschaffen. Diesen politi­schen Sieg über die Türkei konnte er dadurch er­fechten, dah er vor einem Jahr Mussolin i vor seinen Wagen spannte und Italien als starkes Druckmittel in Angora ausnutzte. Dafür hat er Mussolini Zusagen in Abessinien gemacht, die vermutlich keinen allzu realen Wert haben, die aber doch sehr geschickt auf den über­spannten Rationalismus der italienischen Fa- szisten berechnet waren.

Jetzt wird ihm Mussolini vermutlich die Rechnung präsentiert haben. Er wird sich nicht mit einer Reucrusteiluna Abessiniens be­gnügen, soweit sie nur auf dem Papier steht, sondern handfestere "Vorteile verenge:.. In erster Linie in T ang e r. Denn die ganze aktive Mittel­meerpolitik Italiens hat eigentlich ihren Aus­gangspunkt genommen seit dem Tage, wo die beiden Staatsmänner sich das letztemal sahen, in dem Augenblick, wo man in Rom wußte, daß England die italienischen Pläne, soweit sie eine antifranzösische Spitze batten, zum mindesten nicht mißbilligte. Deshalb wird Italien auch zweifellos erreichen, dah es in Tanger künftighin nicht mehr vor der Tür zu stehen braucht, England ist bereit, ihm einen starren Einfluß in der Verwaltung zuzugestehen und eS so zu ermöglichen, daß die italienischen Mittelmeerinter­essen auch in Tanger fester verankert werden.

Damit aber ist das Thema der Aussprache kaum ausgeschöpft, sie wird sich wahrscheinlich auf die ganze europäische Politik ausgedehnt haben, nicht aus dem Grunde, weil der Ehr­geiz Mussolinis keine Grenzen kemtt, sondern min­destens ebenso, weil auch Herr Chamberlain die Entwicklung Europas vom englischen Gesichts­winkel aus mit steigender Mißbilligung beobach­tet. Der englische Außenminister hat zwar die Locarno-Politik einleröen helfen, er hat sich aber die Dinge wohl immer so vorgestellt, dah Frankreich und Deutschland die gott­gewollten Gegner sind, zwischen denen England als wohlwollender Ver­mittler sitzt, um sich von beiden Seiten für seine Unterstützung zahlen zu lassen. Die Möglich feit aber, dah jetzt ein unmittelbarer Ausgleich zwischen Frankreich und Deutsch land zustande kommt, paßt Herrn Chamberlain in die englische Vorstellung europäischer Politik nicht hinein. Ein deutschfranzösischer Block, wenn er einmal zustande kommen sollte, könnte sehr leicht dazu führen, dah England sich eines Tages iso­liert sieht.

älnd zwar nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Hier sind wohl die letzten Aengfte der englischen Politik zu suchen. Der Koh­lenbergarbeiterstreik kostet der englischen Volks­wirtschaft Milliarden. Er hat auch ihre Stoßkraft lahmgelegt, und e3 wird lange Zeit dauern, bis die gesamte Industrie diese Erschütterung über­standen hat. Da taucht nun am Horizont des englischen Kaufmanns die Gefahr des deutsch-französisch-belgischen Stahl- t r u st s auf, der in seiner Art eine Verteilung der europäischen Märkte bedeutet und der englischen Eisenerzeugung den Wettbewerb zum mindesten erschwert. Der Beitritt der Engländer ist zwar vorgesehen, aber sie haben bisher noch keine Miene geinacht, in den sauren Apfel zu beißen.

JgPCEBEZfZSy frTFF liAIUBT J'UT F'TKICHM f

Für Italien ist die Gefahr noch aktueller. Es hat eine Industrie großgezogen, ohne irgendwelche Rohstoffe, Italien ist in Kohlen wie in Eisen auf die Einfuhr angewiesen und fürchtet, daß es von dem neuen Stahltrust ausgehungert werden könnte.

Die Verhandlungen von T h o i r h geben dar­über hinaus die Möglichkeit, daß Frankreich zu einer Verständigung über die Schulden mit Deutschland kommt, ohne auf seine früheren Bun­desgenossen Rücksicht zu nehmen, so daß auch dabei Italien leer ausgehen würde. Wir sehen diese Gefahr nicht, aber in Rom mag sie stark überschätzt werden. Cs ist deshalb sehr wahr­scheinlich, daß aus dieser Kombination des eng­lischen politisch-wirtschaftlichen und des italieni­schen wirtschaftlich-finanziellen Interesses eine Verständigung über gemeinsame Richtlinien geboren wurde, die über den Anschluß Oesterreichs auch auf den Balkan hin­auslaufen könnte. Sie ist an sich vom deutschen Standpunkt aus unbedenklich, sie würde unbequem nur dann werden können, wenn etwa von hier aus lediglich aus egoistischen Motiven in die deutsch- französilchen Verhandlungen hineingefunkt wer­den sollte.

Die Zusammenkunft auf DerGiuftanü".

Hom, 30. 5epL (TU.) Die Zusammenkunft IKuffolinis mit Chamberlain hat unerwarteterweise schon Hern. vormittag auf der höhe von Livorno an Bjcj der italienischen JachtGiuliana" staitgesunden. Chamberlain hatte im Laufe der Rächt an Bord seiner JachtDelphine" Livorno an­gelaufen, wo dieGiuliano- bereits lag. Mussolini war gestern abend im strengsten Inkognito im Sonderzug von Hom abgereist und hatte in 23 a 3 a an der Strecke HomPifn übernachtet. 3n seiner Begleitung befanden sich sein Privatsekretac Marchese p a u l u c c i, Hntekstaaisftfrctär im Aus­wärtigen Amt Dino 0 ranb i, Kabinettschef 217 a - meli und Pressechef Graf Torre. 3m Hafen von Livorno sind die schärfsten Maßnahmen getroffen worden, damit sich niemand o' ne besondere (Erlaub­nis im Hellen oder auf der Heede aufhält; nicht einmal eie Pressevertreter sind Zu­ge lassen worden. Mussolini begab sich um 12 21; r in Begleitung des ltntcr:faat::fefr?tiir5 Grand! und seines Kabinettschefs Paulucci au Bord der englischen JachtDelphine, wo er v o n L h a ro­her (a i n und seiner Familie empfan­gen wurde. Hach einer kurten Ant^rebung allge­meinen Charakters zc^en sich Mussolini und Lham- berlain auf d i e Schiffsbrücke zurück, wo sie bis kurz nach 1 U r eine herzliche Aus­sprache hatten. Chamberlain und M'-ssolini be­gaben sich alsdann in Hegleitrng ihres Gefolges an Bord der italienischen Jacht ,.G i u l i a n a, um an einem .Frühstück im engsten fireife teitznnehmen. lieber die Zusammenkunft veröffentlichtA g e n - z i a Stephani" folgendes K o m n: u n i q u e: Die beiden Staatsmänner Englands und Italiens, die durch die Bande der Freundschaft verbunden sind, haben die bedevisamen internationalen Fragen des Augenblicks geprüft und haben mit Genugtuung die Solidarität der italienisch-eng­lischen Beziehungen sowie die Heberein- ffimmung der Richtlinien der Politik der beiden Staaten scsistelien kennen, die beide Henierungen für die Lösung der wichtigsten europäischen Pro­bleme verfolgt haben. Wie in unterrichteten Kreisen weiter verlaufet, war die Begegnung vor allem der Ausdruck persönlicher Freundschaft zwischen Chamberlain und Mussolini sowie das Be­dürfnis beider Staatsmänner nach der franzö­sisch-deutschen Bersiändigung ihrerseits als Garanten der Cocarnoverfräge sich über ihre Stellung zu verständigen. Ls kamen in erster Linie die europäischen, namentlich die 2H i 11 e (r.1 e e r f r a g e n zur Besprechung, aber auch die außereuropäischen und Kolonialfra­gen, die den Italienern so sehr am Herzen liegen.

Der ter der Entrevue.

London, 30. Sept. (Wolff.) Zur Zusam­menkunft zwischen Chamberlain und Mussolini sagt der diplomatische Berichterstatter desDaily Telegraph": Zweifellos wer en andere Rationen besonders solche, die von Ralur aus zum Miß­trauen neigen, annehmen, dah bei der Bespre­chung ungeheuer wichtige Fragen erörtert wur­den. Tatsächlich aber handelt es sich nach Lon­doner Auffassungen um einen reinen H ö f - lichkeits besuch Chamberlain'. CeMerer bat keinerlei technische Ratgeber, Sekretäre oder

Dokuments bei sich. Im Ausland macht man sich nicht allgemein klar, wie unmöglich es für den britischen Staatssekretär des Aeuheren ist, irgend welche wichtigen Probleme ohne vorherige Beratung mit dem Kabinett zu behan­deln. Allerdings sind wahrscheinlich gewisse ge­meinsame Interessen im Mittelmeer, besonders die Langerfrage, berührt worden. Es besteht kein Grund, warum Chamberlain dem italieni­schen Premierminister verschweigen sollte, daß Großbritannien nach wie vor dem Wunsch Ita­liens nach angemessener Vertretung in der Tangerzonc sympathisch gegenüber- stcht.

Chamberlain über die Unterredung.

London, 1. Oktober. (WTD. Funkspruch.) Chamberlain empfing gestern den Berichterstatter desDaily Telegraph" und erklärte ihm auf seine Fragen, infolge der Tatsache, dah er seine Ferien in italienischen Gewässern v-er- lebe, habe der italienische Ministerpräsid.nt den Wunsch ausgesprochen, ihn zu treffen, und er habe zugesagt. Auf die Frage, ob die Unterredung mit Mussolini auch wichtige politische Pro­bleme berührt habe:Wenn Sie das amtliche Kommunique gelesen haben, so wissen Sie alles, was wir erörtert haben. Heber Politik haben wir sehr wenig gesprochen und unsere Unter­redung war zum größten Teil wie die von zwei Freunden. Chamberlain sagte, daß er nach Genua fahre, von wo er nach Paris und London weiterfahren werde. Der italienische Unterstaatssekretär für a"swärtige An­gelegenheiten Grandi erklärte der Presse, die Veranlassung zu der Konferenz zwischen Musso­lini und Chamberlain sei nicht Tanger gewesen, sondernandere Fragen von weit größerer Bedeutung". Der römische Berichterstatter desDaily Telegraph" schreibt, daß die italten.sche Regierung die anfänglich emp­fundenen Besorgnisse der ttalienischen Prftse über die Rach richt von einer Annäherung zwi­schen Frankreich und Deutschland nicht geteilt habe.

Italienische Presfestiromen

Rom, 1. Ott. (TU.) In den Kommentaren der Entrevue Mussolini-Chamberlain polemisiert die römische Presse gegen die Behauptung des Auslandes, daß die Zusammenkunft ein Ge­genzug zur Entrevue Br iand°St re- sema n n sein soll. Die Zusammenlunst Muso- lini-Chamberlain sei lediglich eine Episode in den traditionell freundschaft­lichen Beziehungen Italiens zu England, das die R o t w e n d i g k e i t einer italienischen Expansion grundsätzlich anerkenne, was man von einem anderen Alliierten nicht behaupten könne.Diomale b' Italia" betont, daß, wenn die durch die deutsch- französische Verständigung geschaffene Lage zur Sprache käme, dies nur vom Gesichtspunkt der Fall sein könne, daß jede Abänderung des Ver­sailler Vertrages der Genehmigung der beiden Sianatarmächte bedürfe. In dieser Aussassunz gehen England und Italien konform, was auch von derTribüna" unterstrichen wird. Der Corr, della Sera" erklärt: Das Problem, das am aktuellsten sei. sei b a s politische Vor­gehen Deutschlands nach seinem Eintritt in den Völkerbund. Wenn Deutschlan > und Frankreich ihre neuen politischen Beziehungen durch finanzielle und wirtschaftliche Abkommen zu ergänzen trachteten, so konnte das in Rom oder London weder Mißfallen erregen noch be­unruhigen. Wenn jedoch ganz neue Ab­kommen zwischen Deutschland und Frankreich , getroffen werden sollten, welche auch die Inter­essen Dritter berührten, so müßten diese schwie­rigen und verwickelten Fragen genau ge­prüft werden.

Popolo d'Jtalia" schreibt: Rach der De- gegitung Briand-Stresemann wird auch diese Zu­sammenkunft ein neuer Beitrag zur Reorgani­sation inte> friedlichen Konsolidierung des neuen Europas sein. Italien hat zur Wiederaufnahme guter Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschlaich mit würdevoller und großmütiger Befriedigung beigetragen.

L'Avvenire d'Jtalia" erklärt, bah er nicht an eine deutsch-französische Annäherung glaube, daß vielmehr der neue große Eisentrust England und Italien besorgt machen müsse.

nommen. Auf den Posten in der Reichskanzlei ist inzwischen, Ministerialdirektor Pünder berufen worden. Nunmehr soll auch, wie wir von unterrich­teter Seite hören, der Reichspressechef Dr. K i e p durch eine andere geeignete Persönlichkeit ersetzt werden, zumal Dr. Riep selbst den Wunsch ge­äußert hat, einen diplomatischen Aus - landsposten zu übernehmen. Als Nachfolger Dr. Kieps kommt an erster Stelle, wie wir erfahren, Oskar Müller, der im Jahre 1921 unter Reichs­kanzler Wirth schon einmal Pressechef war, in Frage. Dr. Kiep wird voraussichtlich den Posten eines Untergeneralsekretärs beim Völ­kerbund erhalten. Die Auswahl der geeignet er­scheinenden Persönlichkeiten aus den vorgeschla­genen Kandidaten steht dem Generalsekretär des

Völkerbundes, Sir Eric Drummonb, zu. Man glaubt, daß er feine Entscheidung sehr bald treffen wird. Unmittelbar darauf würde dann auch, sofern er sich für Dr. Kiep entscheidet, der Wechsel auf dem Poften des Reichspressechefs erfolgen.

\

Einigung

in der deutschen Beamtenschaft.

Berlin, 30. Sept. Tie Verhandlungen des Deutschen DeamtenbundeS mit dem G e- samtverband der deutschen Beamten- gewertschaften, der dem Christlichen Deut­schen Gewerkschaftsbund angehört. Haren zu einer Einigung geführt, so daß die Verschmel­

zung der beiden Beamtenorganisationen broor- steht. Die christlichen Deamtenorganisationen haben sich bereit erklärt, das Programm des Deutschen Deamtenbundes unringeschranft anzu­nehmen, der im Artikel 1 seiner Statuten erklärt, daß erauf- dem Boden der geltenden republikanischen Verfassung des Deutschen Reiches steht und gewillt ist, sie gegen jeden Eingriff mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu schüt­zen." Die neue Organisation erhält den Rainen Deutscher Deamtenbun d". Der Gesamt- verband löst sich von dem Deutschen Gewerk- schaftsbund los. Rach vollzogener Verschmel'ung soll die erste Sitzung des neuen Deutschen Be­amtenbundes am 8. Oktober erfolgen.