Donnerstag, 1. April (926
176. Jahrgang
Nr. 77 Erstes Blatt
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Die Steuerdebatte in der französischen Kammer.
Erve Mehrheit für die Regierung gesichert.
Paris. 31. März. (Wolff.) Die Kammer hat in der Sitzung heute vormittag die Beratung über die Kopfsteuer fortgesetzt. Der Berichterstatter des Finanz-Ausschusses erklärte zunächst, daß die meisten der eingebrachten Zusah- anträge von dem Ausschuß beiseite gestellt worden seien. Der radikale Abgeordnete Lassalle schlug für die Berechnung der Kopfsteuer eine Staffelung vor. während Finanzminister P e r e t erklärte, er würde die einfache von der Regierung beantragte Rechnungsweise vorziehen. Die Regierung überlasse der Kammer die Entscheidung, wenn aber der Artikel betreffend die Kopfsteuer in seinen Grundzügen und in der Gesamtabstimmung abgelehnt werde, wisse die Regierung, was sie zu tun habe. Der Antrag Lassalle wurde mit 314 gegen 250 Stimmen angenommen. Die äußerste Linke und der größte Teil der Linken stimmten dafür, die übrigen Abgeordneten dagegen. Die damit angenommene neue Staffelung der Kopfsteuer seht sich aus einer festen Kopfsteuer in Höhe von 40 Franken für Personen, die nicht der Ein- lommensteuer unterliegen und einer progressiven Steuer, beginnend mit 0.6 Prozent in der untersten einkommensteuerpflichtigen Stufe, und endend mit 2 Prozent für Einkommen über 500 000 Franken, zusammen.
Ein Vorschlag des Abgeordneten der radikalen Linken Abba Lemire, einen Parw- graphen anzufügen, durch den Personen, die nicht der Kopfsteuer unterliegen, einen Betrag von 20 Francs aufwärts freiwillig entrichten und dafür
eine Ehrenkarte für „steuerliche Gesinnung" erhalten sollen, eine Steuer, bei der namentlich die in den Kolonien wohnenden Franzosen ihren Patriotismus beweisen könnten, wird vom Finanzminister warm begrüßt und von der Kammer schließlich angenommen. Darauf wurde der ganze Paragraph betreffend die Kopfsteuer durch Handaufheben der Abgeordneten der Linken und der Mitte angenommen.
Die Kammer trat dann in die Beratung der Artikel betreffend die Erhöhung der Stempel st euer beim Verkauf von Mobilien und immobilen Werten, die Erhöhung der Transport st euer auf Wein, Bier und Mineralwasser und die Besteuerung pharmazeutischer Spezialwaren ein. Der Abgeordnete Dauthy hält den Regierungsvorschlag zur Erhöhung der indirekten Steuern für zu st r e n g uird schlägt, um einen Steuerbetrug zu vermeiden, vrE gewisse Stempelsteuern nicht zu erhöhen, namentlich nicht die für die mobilen Werte. Finanzminister Peret weist darauf hin, daß die in dem zur Beratung stehenden Paragraphen enthaltenen Stempelsteuererhöhungen 225 Millionen Francs einbringen sollen, jedoch unter Zugrundelegung des Antrages Dauthy nur 175 Millionen erbringen würden. Der Finanzminister besteht deshalb darauf, daß der Antrag Dauthy verworfen wird, was mit 273 gegen 110 Stimmen geschieht. Trotz dcö Widerspruchs der Regierung wird jedoch schließlich ein Zusah-- antrag des radikalen Abgeordneten Lambert mit 353 gegen 195 Stimmen angenommen, von der im vorliegenden Artikel enthaltenen Stempelsteuererhöhung die Personen auszunehmen, die die gesetzliche Erleichterung betreffend die billigen Wohnungen genießen.
Die Rachmillagssihung
begann mit der Diskussion über die Festsetzung der Stempelsteuer bei Veräußerung von Geschäftsfirmen auf 9 Proz. Der der Republikanisch-demokratischen Linken angehörende Abge- cronete Hsraud beantragte deren Festsetzung auf 3 Proz., was von der Kammer a b g e l e h n t wurde. Ein Zusatzantraa des radikalen Abgeordneten Pi- nard auf Erhöhung der Alkoholverbrauchssteuer wurde, nachdem sich Finanzminister Psret dafür eingesetzt hatte, durch Handaufheben der Abgeordneten angenommen. Fi- nanzminister Psret forderte sodann, daß für den aus der Zurückstellung gewisser Steuern sich ergebenden Ausfall von 50 Millionen Franken eine Ersatzsteuer in Form einer Quittungssteuer für gewisse geschäftliche Betriebe eingeführt werden soll, die mit 268 gegen 245 Stimmen angenommen wurde. — Hierauf schlug Abg. Admiral I a u r e z vor, die Rechnungen in Hotels, Bars, Restaurants und ähnlichen Etablissements mit einer Stempelsteuer zu belegen. Auch das wird angenommen. Außerdem wird eine zehnprozentige Abgabe von den Tantiemen der Ber» waltungsräte von Aktiengesellschaften beschlossen.
Zur Beratung steht alsdann ein Antrag Margaine über
die Monopolisierung der Petroleumversorgung die am 1. Dezember in Kraft treten soll. Die vom Finanzausschuß vorgeschlagene Gründung einer Regiegese llschast mit 300 Millionen Aktienkapital findet nicht den Beifall des Finanzministers. Die Frage sei so eminent wichtig, daß man sie nicht durch einen einzigen Steuerparagraphen, der lediglich Steuererträge erbringen
Deutschland und die Der Beschluß öes Reichskabinetts.
Berlin, 31. März. (Wolff.) Das Reichs- kabineit hat sich in seiner heutigen Sitzung mit dem vor kurzem von dem Generalsekretär des Völkerbundes der deutschen Regierung mitgeteilten B e- fchluß des Völkerbundes beschäftigt, durch den Deutschland eingeladen worden ist, an den Beratungen der Kommission tellzunehmen, die zunächst die Frage der Zusammensetzung des Rates sowie der Zahl seiner Mitglieder und das Verfahren ihrer Wahl prüfen soll. 3m Reichskabinelt ist bei dieser ersten Erörterung dieser Angelegenheit die einmütige Auffassung zutage getreten, bei der weiteren Behandlung der vorstehend gekennzeichneten Ratssrage rnH^u- wirken. Die Beschlußfassung über die sachlichen Einzelheiten ist einer späteren Kabinettssitzung Vorbehalten worden.
Der Demokratische Zeitungsdienst will wissen, daß der Plan, lediglich „einen deutschen Beobachter" in der Genfer Studienkommission zu entsenden, fallen gelassen wurde. Es sei anzunehmen, das; die Art der Instruktionen des deutschen Vertreters fid) kaum von den Vollmachten der Vertreter der anderen Mächte unterscheiden werde. Angesichts der für alle Mächte bestehenden Rokwendig- keit einer besonders sorgfältigen Vorbereitung der Studienkommission werde auch von deutscher Seite bald nast Ostern eine diplomatische Fühlungnahme mit den beteiligten Regierungen eingeleilet werden.
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Wie die „Tägliche R u n d s ch a u" ergänzend mitteilt, ist der Beschluß des Kabinetts dahin zu verstehen, daß die deutsche Regierung bereit ist, die Einladung zur Teilnahme an den Arbeiten der Studienkommission anzunehmen. Es heißt dann in dem Blatte weiter: „Dieser Beschluß liegt durchaus im Sinne der deutschen Außenpolitik. Bei der Stellungnahme zu der Einladung war zunächst zu berücksichtigen, daß die Anregung zur Einsetzung der Kommission von Deutschland ausgegangen ist. Ferner fiel ins Gewicht, daß in der in Senf veröffentlichten Kundgebung der Locarnomächte die Aufrechterhaltung und die Fortentwicklung der Locarnvpolitik als notwendig bezeichnet worden ist. Es kann hinzu- gesiigt werden, daß von französischer Seite tn- zwischen Mitteilungen erfolgt sind, die darauf schließen lassen, daß man in Paris das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland so auffaßt, als ob Deutschland tatsächlich schon in den Völkerbund ausgenommen worden sei. Es handelt sich dabei nicht nur um Worte, sondern man wird auch damit rechnen können, daß die Abwicklung der Fragen, so z. D. auch die Verhandlungen über die Luftfahrt vor einem befriedigenden Abschluß stehen. Auf jeden Fall entsprechen die Beziehungen zwischen den Locarnomächten vollständig der Kundgebung, zu der sich die Vertreter dieser Mächte in Genf bekannt haben. Wer als Vertreter in die Stu- dienkommisswn von deutscher Seite entsandt wird, und in welcher Form Deutschland teilmmmt. ist noch nicht bestimmt worden. Die E n t s ch l i e« hungsfreiheit Deutschlands durch die Teilnahme an den Arbeiten der Kommission wird i n keiner Weise be einträchtig t. und Deutschland behält nach wie vor freie Hand, seinen Eintritt in den Völkerbund zurückzuziehen, wenn die Verhandlungen sich in einer Richtung entwickeln, in der Deutschland nicht folgen kann."
Gegen Chamberlain.
London, 1. April. (WTB. Funkspruch.) Das Arbeitermitglied des Parlaments, Oberst W e d g e - wood, erklärte in einer Rede im Londoner R a t zurVerhütungvonKriegell.der etwa 260 Organisationen in der Hauptstadt vertritt, Chamberlain erkenne nicht, daß seine Aktion in Paris die öffentliche Meinung nicht nur in Deutschland, Spanien und England erregt habe, und daß wohl jemand anders besser geeignet wäre als er, der hoch- bedeutenden Zusammenkunft in Genf beizuwohnen, die den Völkerbund zum erstenmal auf eine feste Grundlage stellen soll. Die Genfer Konferenz sei e i n widerliches Beispiel nationaler Eifersüchteleien und Befürchtungen gewesen. — Eine Entschließung wurde angenommen, die die Empörung über den Eindruck der Genfer
solle, erledigen könne. Margaine erklärt sich auf die dringenden Vorstellungen des Ministers für öffentlich^ Arbeiten, de M on z i e, schließlich mit dem Inkrafttreten dieser Bestimmung für den 1. April 19 27 — statt 1928 — bereit Die von Abg. Flandin beantragte und von der Regierung unterstützte Zurück st ellung dieser die Pe- troleuminonopolisierung betreffenden Artikel wurde bei der Abstimmung mit 287 gegen 232 Stimmen abgelehnt. Die Kammer befaßte sich alsdann noch mit dem in der heutigen Rachmittagssitzung des Senats verabschiedeten provisorischen Budgetzwölftel für den Monat April, an dem der Senat die Bestimmungen für die Zusahbesteuerung des landwirtschaftlichen Ruhens zurückgestellt hatte. Das gesamte provisorische Budgetzwölftel "tourbe mit 423 gegen 31 Stimmen angenommen. Die vom Senat beschlossene Zurückstellung der Besteuerung des lanb- wirtschaftlich^n Rutzens wurde mit 270 gegen 261 Stimmen abgelehnt, d. h. diese Bestimmung wiederhergestellt. Die Kammer vertagte sich alsdann auf heute abend 10.30 Uhr zu einer
Studienkommifsion. | Konferenz ausdrückt, die vom britischen Außenminister gespielte Rolle bedauert sowie die schwe- dischen Vertreter zu ihrem festen Eintreten für die Grundsätze des Völkerbundes beglückwünscht.
Die Septembertagung des Völkerbunds.
Die britische Auffassung von Deutschlands Aufnahme.
London, 1. April. Die führenden Pressevertreter der alliierten Länder in London sind am Mittwoch von einer diplomatischen Denkschrift m Kenntnis gesetzt worden, von der das Kabinett Kenntnis genommen hat. allerdings ohne daß es die Denkschrift offiziell zum Pro- •granun der englischen Regierung erfiärt hätte und die gewissermaßen als außenpolitischer Diskussionsstoff von englischer Seite den Kanz- ieien der Großmächte zur gutachtlichen Aeuße- rung übergeben worden ist. Diese Denkschrift geht von der Voraussetzung aus, daß der Völkerbund eine zweite moralische Rie - der läge nach Art der Märzvorgänge nicht überleben würde. Es komme also darauf an, bereits möglichst vor September positive Maßnahmen in Erwägung zu ziehen, um die politische Aktionsfähigkeit und die Lebensfähigkeit des Völkerbundes zu erhöhen. Als praktische Vorschläge in dieser Richtung werden zur Debatte gestellt:
1. Deutschland soll de facto bereits sofort als Mitglied des Völkerbundes und des völkcrbunds- rats behandelt werden. 3n allen Kommissionen soll es, wenn möglich, gutachtlich tätig sein. England und Frankreich sollen sich verpflichten, im völkerbundrat für Deutschland durch ihre Stimmen ein Veto einzulegen gegen Beschlüsse, die Deutschland, wenn es im Völkerbundsrat de jure vertreten wäre, durch sein Veto abgelehnt hätte.
2. Die willkürliche Einkeilung der Ratsmitglieder in Großmächte und Vertreter kleinerer Staaten soll beseitigt werden und es soll ein Kriterium für die Feststellung derjenigen Staaten, die st ä n d i g e Ratssihe in Zukunft inne haben sollen, ausgestellt werden. Als Richtlinien für die Aufstellung eines derartigen Kriteriums könnten die Voraussetzungen dienen, die das Genfer Arbeitsamt als vorliegend erachtet für die Auswahl der acht im Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamts ständig vertretenen „großen Industriestaaten".
Wie der „Evening Standard" berichtet, rechnet man in Londoner politischen Kreisen damit, daß Deutschland feinen Antrag zur Aufnahme in den Völkerbund im September erneuern wird. Die Lage im September würde alsdann nach Ansicht des Blattes viel einfacher sein. Der Verfassungs-Ausschuß des Völkerbundes würde sich, so sagt der „Evening Standard", wahrscheinlich gegen eine Vermehrung der ständigen Ratssihe, abgesehen von Deutschland, aussprechen, und zwar in Anbetracht der großen Anzahl der Kandidaturen. Englands Unterstützung des spanischen Anspruchs würde zurückgezogen werden. 3n maßgebenden Kreisen ist man der Auffassung, daß die Ablehnung der deutschen Aufnahme im März eine völlig neue Lage geschaffen habe, durch die Englands Verpflichtung zur Llnterstühung einzelner Parteien aufgehoben worben wäre.
Bisher keine Verminderung der Rheinlandbesetznng.
Berlin, 1. April. Rach den Morgen- blättem verlautet, daß die Zahl der Bcsahungs- truppen im Rheinland immer noch 82 000 Mann beträgt, und zwar besteht die Desahungsarmee aus 8000 Engländern, 8000 Belgiern und 6 6 0 0 0 Franzosen. Die Verhandlungen zwischen den Kabinetten über die Verminderung der Truppenzahl dauern noch an. Es sind zwar vor kurzem Abtransporte von Formationen angekündigt worben, die Verminderung ist jedoch so gering, daß sie keinesfalls beit berechtigten deutschen Forderungen zu genügen vermag.
Rachtsihung
in der die Entscheidung über die Erhöhung der Geschäftsumsahsteuer und gleichzeitig damit über das gesamte Finanzprojekt fallen wird. Da die Sozialisten mit 29 gegen 11 Stimmen beschlossen haben, sich der Abstimmung zu enthalten, ist mit einer Mehrheit für die Regierung zu rechnen. Zur endgültigen Abstimmung wird voraussichtlich zwischen 2 und 3 Ahr morgens geschritten werden. Die Kammer wirb voraussichtlich am Freitag für zehn Tage in die Ferien gehen. Während dieser Zeit wird der Senat nach den Osterfeiertagen seinerseits die Aussprache über das Budget für 1926 aufnehmen. Hier wird die Finanzdebatte nicht länger als zehn Tage dauern. Rach erfolgter Abstimmung im Senat wird die Kammer ihrerseits Beschlüsse über die vom Senat vorgeschlagenen Aenderungen fassen müssen. Das Parlament wird sich barm vom 25. April bis zum 13. Mai bis zur Tagung der ©eneralräte, vertagen können.
Bismarck*.
Zur Wiederkehr feines Geburtstages am 1. April.
In den „hundert Tagen", dem letzten Akte aus der welterschütternden Laufbahn des großen Franzosenkaisers, wurde der Mann geboren, der mit jenem zusammen dem 19. Jahrhundert den Stempel aufgedruckt hat. Es ist schwer ein größerer Gegensatz vorstellbar als der zwischen dem „kleinen Korporale" und dem märkischen Riesen, dem bodenständigen Deutschen und dem Exponenten des französischen Geistes, wenn auch nichtfranzösischen Geblütes. Es ist bezeichnend, daß Bismarck, so viel begannt ist, niemals an die militärische Laufbahn gedacht hat, in der der Ehrgeiz am ersten auf seine Rechnung zu kommen hofft. Seiner Natur hat eben der Ehrgeiz, der nach einem Platze im Buche der Geschichte strebt, von vornherein gänzlich fern gelegen. Wenn Napoleon sich in seinen Jünglingsjahren an Virgil und Tafso begeisterte, so fand der dem Schulzwange entrückte Bismarck seinen nächsten Beruf im politikfernen studentischen Ausleben. Auch ohne jenen Hintergedanken an späteres Heldentum, den Shakespeare seinem kronprinzlichen Genießer unterlegt. Mag in seiner amtlichen Zeit der häufig geäußerte Wunsch nach Rückkehr zum „Kohlbau" des Gutsherrn mehr ein Gedankenspiel und im Flusse der Jahre stetig weniger ernsthaft gemeint gewesen sein, anfänglich war es ihm vielleicht gar nicht besonders recht, daß sein König seine Anlagen besser als er selber erkannte und ihn vom Pfluge des Cincinnatus fortholte. Aber schon sein Pflichtbewußtsein war viel zu stark, als daß er sich dem Rufe entziehen konnte.
In der Durchsättigung seines ganzen We- sens mit dem Pflichtgedanken wurzelt ein gutes Stück seiner Größe. Eng mit ihm verband sich eine starke Empfindung der Verantwortung, die ihm mit seiner Stellung zugefallen war. Kaum ein anderer Staatsmann unserer Zeit hat jo beinahe regelmäßig in seinen Reden sich auf den Begriff der Verantwortung bezogen, die sich für ihn konkret an sein Verhältnis zu dem Monarchen knüpfte, der ihn auf jeinen Posten gestellt hatte. In dieser Richtung wird er immer ein Erzieher der Deutschen zu bleiben haben; unabhängig von der durch die wechselnden Zeitverhältnisse bedingten konkreten Formulierung jenes Begriffes.
Ob inhaltlich sein Werk die einzig mögliche Lösung der Aufgabe darstellt, die von der Periode seines geschichtlichen Wirkens dem Leiter der deutschen Angelegenheiten gestellt war, mag eine Frage sein, in der die Meinungen sich je nach historischer Methode oder auch nach Parteieinstellung scheiden. Verfehlt wäre ja, mit dem Augenmaße der vielleicht zufälligen gegenwärtigen Gestaltung an die Beurteilung der jetzt geschichtlich gewordenen Vergangenheit heranzutreten und vielleicht den überraschend schnellen Zusammenbruch seines Gebäudes organischen Fehlern bei dessen Aufführung zur Last zu legen. Uns mangelt die Erfahrung für ein Urteil, ob unter den gegebenen Umständen des siebenten Jahrzehnts im abgelaufenen Jahrhundert eine andere Richtung eingeschla- gen werden konnte.
Vielleicht, daß seine Kampfnatur ihm verschiedentlich im Wege gestanden hat, wo es galt, die Geister fester an das neue Reich zu ketten und dieses dadurch sturmfester aufzurichten. Aber jedenfalls ist, wenn das fortiter in re seines Auftretens gelegentlich die Abtönung durch ein suaviter in modo vermissen ließ, sein Kämpfermut niemals aus öder Rechthaberei oder Eigensinn hervorgegangen. Daß er kein Prinzipienreiter gewesen ist, dafür bot das beste Beispiel der Abbruch des sog. „Kulturkampfes", nachdem dessen Voraussetzungen hinfällig geworden waren. Ueberhaupt ist er zu keiner Zeit ein eingeschworener P a r t e i m a n n gewesen. Er ist nie mit dem Strome geschwommen, sondern hat sehr oft sogar mit Vorsatz sich den marktgängigen Meinungen entgegengestemmt. Aber einSchlag- wort, daß der Kurs immer der gleiche bleiben solle, hat er niemals zu Tode gehetzt, im Gegenteil oft mit ben Verbindungen gewechselt. Dabei hat er es verstanden, daß ihm niemals der Vorwurf gemacht wurde, es wisse niemand, an wen er glaube.
Wie soll die deutsche Station das An - denkenihres Bismarck ehren? Am ungeeignetsten geschähe es durch eine Orthodoxie, die bestimmte Aussprüche von ihm zu Tode ritte, die vielleicht ganz verschiedenen Verhältnissen angepaßt waren. Und schon seine erwähnte Vorurteilslosigkeit gegenüber politischen Gegensätzen und sein Öfterer Kurswechsel muß die Herstellung einer „Harmonie" zwischen den zahlreichen Bismarck- worten zu einer undankbaren Aufgabe machen. Aber indem das lebende Geschlecht und die Kommenden sich an der echt deutschen Kern- natur des großen Staatsmannes in den Näis«


