Daß hinter dem primären Wunsch, durch friedliche Transaktionen etwas zu erreichen, der Wille steht, im Ablehnungsfälle mit den Waffen nachzuhelfen, das entspricht vollständig der Mentalität des faszisti- scheu Italiens, dos den Frieden „im Schatten" sucht, den Völkerbund als sozialliberole Erfindung verachtet, und den Geist von Locarno als pazifistisches Geschwätz ansieht.
Die Korfu-Episode, die trotz des eklatanten Fiaskos heute noch von der gesamten sadistischen Presse als Ausdruck des „giovane orgoliosa Italia Fandet»“ gepriesen wird, sollte hellhörig machen. Wenn die nationale Wurde auf dem Spiele steht, hat der Völkerbund nicht mitzureden. — Italia farä da sfe, das war die Quintessenz der damaligen Stimmung, und au» derselben Stimmung heraus würde heute auch die Trikolore über den Brenner getragen werden.
So unsinnig dies alles ist, so muß man immerhin damit rechnen, daß auch eine Unsinnigkeit ein Fait accompli schaffen kann, das rückgängig zu machen den europäischen Mächten größte Schwierigkeiten bereiten würde.
Wir wollen nicht pessimistisch fein, aber uns auch keiner Selbsttäuschung hinaeben. Eine Erklärung kann nur aus dem Munde Mussolinis kommen, wenn er eine Antwort auf die Frage gibt. Wohin steuert Italien?
Londoner Brief.
London. 27. Febr. Wer geglaubt hatte, daß die Kritik der öffentlichen Meinung dem Plan der Erweiterung des Völker- bundsrats durch die Aufnahme anderer Länder als Deutschland auf der bevorstehenden Tagung ihren Höhepunkt in der vorletzten Woche erreicht hatte, hat sich geirrt. Denn in der letzten Woche ging ein wahres Trommelfeuer von Protesten auf diesen Plan von Chamberlain nieder, dem mit Recht oder Unrecht vvrgeworfen wird, daß er durch Zusagen, die er den in Betracht kommenden Staaten für seine Person gemacht habe, bezüglich der Aufnahine Polens und anderer Staaten in den Völkerbund, recht befangen sei. Das schwerste Geschütz, das gegen den Plan einer Umbildung des Völker« bundsrats ausgesührt wurde, war die völlig ablehnende Entschließung deS parlamentarischen Ausschusses sür Völkerbundssragen, der auS zahlreichen hervorragenden Mitgliedern beider Häuser vornehmlich aus Konservativen besteht. Da es vollkommen ausgesch!os'en erscheint, daß Cham- berlain und mit ihm ba* britische Kabinett den Versuch unternehmen könne ober werde, gegen diesen reißenden Strom der öffentlichen Meinung deS Landes zu schwimmen, können die Aeuhe« rungen Chamberlains in Birmingham zugunsten einer Erweiterung des Völkerbundsrats nur verglichen werden mit den Verhandlung«'» eines Richters, der alle für den Angeklagten sprechen ben Momente anführt, in dem Bewußtsein, daß der Spruch der Geschworenen gegen den An- geklagte» auSsallen wird. Es ist daher anzuneh- men. daß auf der Märztagung des Völkerbundsrats die Schaffung neuer Aatsßtze für alle direkt oder indirekt interessierten Länder aufgeworfen wird, daß aber mit Deutschland kein anderer Staat in den Rat ausgenommen werden wird.
Die Frage der Vermehrung der Dölkerbunds- ratssihe im gegenwärtige» Zeitvunkt ist nicht der einzige Fall, in dem konservative Mitglieder in großer Anzahl unzweideutig gegen einen bei den Regierungsstelle» beskhende» Plan auf getreten sind. Amh in der innervolitischen Frage der Bewilligung von 200 000 Pfund für Beamten- fportplähe kam es zu einer „Sparsamkeits"- revolte einer starken Gruppe von ReglerungS- anhängern, Deiche die Negierung zwang, eine aicuertoägung dieser Frage zuzugestehen. Angesichts der gegenwärtigen Beliebtheit und Durchschlagskraft des Wortes »Sparsamkeit" ist diese Losung genügend in der Rede zum Ausdruck gcToinmen, mit der der Lustsahrtminister die Erhöhung de« Voranschlag« für da« Luftfahrt- wesen verglichen mit dem Vorjahr begründete. Die Ironie der Tatsache, daß der englische Steuerzahler bluten muß, weil trotz deS Locarnovertrages die englische Lustrüstung a u s der Höhe der des französischen Alliier« tcn gehalten werden muh und dieser infolge seiner Rüstung nicht in der Lage ist, seine Schulden an England zu zahlen und damit das LoS des britischen Steuerzahlers zu erleichtern, liegt auf der Hand
Der Austritt des einflußreichen Parlamentsmitgliedes Hilton Voung au« der Liberalen Partei ist ein neuer Beweis für die dort herrschende Zersetzung. Das innerhalb der Liberalen gartet erwogene Kompromiß über die Boden«
Ralurerwachen.
Von Anton Schnack.
Was mag wohl in den Gärten schlafen?
Was mag unter dem Staudengewirr der Feldraine hindämmern in einem nicht erkalteten Er« starrtsein?
Was mag das Moor mit seinem Dunst und Schlamm umhüllen: schwermütige tlnd alte Gebeine, elfenbeinerne und grüne Seltsamkeiten, Stämme von Feuermolchen und die Purpurschleifen der Würmer, Gefpinfte aus Fäden und Unrat, Kerven von alter und glasierter Härte?
Kröten, hart wie Leder, die unter dem Stand« bild des sitzenden Pan, unter dem grünen Schutt »mrscher und vermooster Steine und unter faserigem Bast mit dem unbewegten Glas ihrer 'Augen herous« äugen, in denen noch WinterverschoUenheit und pech« schwarze Regennächte zu hämmern scheinen.
Blaumetallene Käfer, die verkrustet sind zu Stein und die Magie des Lebens bis zum feinsten und leisesten Herzschlag in sich bewahrt haben, weiße zähe Larven, Dinge von abfd)eulid)«r Form und mystischem Aussehen, aber auch sie haben das Geheimnis und die Unruhe des Lebendigen unter der Haut und unter der Hülle ihres glitzernden Schleims. Der Samt der Maulwürse, die das drückende Dunkel der Erde durchgraben mit einem Gewirr von Böhren, Gruben und Gängen und die darin hocken mit ver« lnntenen Augen und stoßenden Rüsseln, wartend auf tic Gewalt des Lebenvstrowv, der von oben in das Dunkel und in die Härte der Erde glühen muß.
Ucbetoll ist dieses Zeug und Getier, das in der liefe unter der verhärteten Oberfläche sich einer Stummheit yingibt, die schlafendes Leben ist.
Saat an Saat, Korn an Korn, Wurzel an Wur zel. Schleim an Schleim, Gallerte an Gallerte, Kruste und Schorf, Stcroc und Hülfe: gewaltig ist dieses UntcrtrblfAc, dieses Dorbereiten auf die Zeit, die, wenn ffc hcreinftrömi mit gutem Hauch, nut Lich> süße und Regenwärme, das Lebendige bewirkt, da»
refom Lloyb Georges überbrückt zwar die in der Partei entstandene Kluft, füllt sie jedoch nicht aus. Der eigentliche Grund für die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Partei ist weniger dieser Plan Lloyd Georges selbst, dem es schwerlich gelingen wird, die erschütterte Disziplin der Partei wieberherzustellen.
Vie amerikanische Landwirtschaft
Don unserem ^.-Berichterstatter.
(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten.) Aeuyork, Februar 1926.
Der heitere Himmel, ber der Regierung Coolidge in innerpolitischen Fragen bisher strahlte, hat sich in Öen letzten Wochen plötzlich mit drohende» Wolken bezogen. Was ist nun bie Ursache dieses Umschwünge«? Die Farmer des Rordwestens werden es langsam müde, das Schlagwort „ieep cool with Coolidge" auf die Dauer am eigenen Leibe zu erproben. ORan wirft der Regierung vor, daß es nicht lediglich die Aufgabe der Farmer fein kann, um jeden Preis ihre Ruhe zu bewahren, fonbern bah sie nicht länger Lust haben, mit „kalten Füßen vor ber Tür zu stehen" unb sich einen schweren wirtschaftlichen Schnupfen zu holen. Sie ärgern sich über den unzweifelhaften Wirtschaft« liche» Aufschwung, ben die republikanische Verwaltung dem Lande beschert hat und an dem, nach den Worten des Staatssekretärs Mellon „praktisch alle Kreise der Bevölkerung teilnehmen". Die Farmerkreise sind aber im Verein mit der zu ihnen gehörigen landwirtschaftlichen Bevölterung nicht in einer so rosigen Lage, wie ihnen dies ber Handels- unb ber Lanbwirtschaftsminister bei jeher Gelegenheit cin- reben wollte. Hinzu kommt der Chor der Industriellen und ber Bankiers, bis in dasselbe Horn blasen und die bie Verbitterung noch erhöhen.
Man kann von einem Bericht über die günstige Lage der Farmer, der von den amtlichen Stellen verbreitet wird, durchaus mit Recht sagen, daß er, um im Jargon Mark Twains zu reden, „leicht übertrieben" ist. Zwar haben sich die Verhältnisse seit 1921 in ber Landwirtschaft etwas gebessert, zum großen Teil dank einem leichten Anziehen der Weizen« und Viehpreise. Immerhin ist die Landwirtschaft Im Gegenfah zur Blüte ber Industrie im allgemeinen schlecht daran, da das Preisniveau der Waren für den täglichen Bedarf sowie ber Maschinen usw. viel höher ist, als der Erlös für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse.
Welche Bedeutung dagegen die Landwirtschaft mit ber von ihr abhängigen Bevölkerung in Amerika entnimmt, mögen die folgenden Zahlen dartun. 60 Millionen Amerikaner, also mehr als die Hälfte dieses Riesenreiches, leben in Städten unb Dörfern unter 5000 Einwohnern. unb sind in erster Linie mit dem Wohl der Landwirtschaft eng verbunden. Alan wird es verstehen können, bah dieses numerische lieber» gewicht der Land- unb Kleinstadtbevölkerung im Geschästsleben eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Daher waren die Jahre, in denen die Vereinigten Staaten von ehret Mißernte heimgesucht wurden, wirtschaftlich sogenannte Kata- strophenjahre. Bei uns in Deutschland ist ber Anteil her landwirtschaftlichen Bevölkerung viel geringer. Die in ber deutschen Landwirtschaft und Forstwirtschaft beschäftigten Personen nebst Angehörigen überstiegen beispielsweise noch nicht 10*/. Millionen, also knapp ein Viertel unseres Bevölkerungszustandes.
Wie sehr in Amerika die Industrie von ber Landwirtschaft abhängig ist, mag man aus der Tatsache ersehen, daß 72 Proz. aller Automobile, die im Gebrauch sind — von einer Gesamtzahl von 17' ; Millionen von Leuten gekauft unb benutzt werden, die in den Städten unb Dörfern unter 5000 Einwohnern leben, also zu bet land° wirtschaftlichen Interessensphäre gehören. Immec- hin ist die Kaufkraft bet amerikanischen Landwirtschaft auch heute noch seht bedeutend unb viele große (3efd)äf («Unternehmungen mit Millionen- Umsätzen sehen nicht die Städte mit den imponie- renben Einwohnerzahlen als den bedeutenden und aufnahmefähigen Markt an, sondern das flache Land unb bie kleinen Ansiedlungen. Man schätzt das Einkommen aller Rotdameri- faner ans 60 Millionen Dollar im Jahr, mehr al« unser gesamtes VolkSvetmögen vor dem Kriege. Gin Viertel dieser ungeheuren Zahl entfällt al« Einkommen auf die landwirtschaftlichen Kreise.
Sogar die Presse versügt in ben ländlichen Distrikten übet eine vorzüglich funktionierende Organisation, die der Landwirtschast. wenn sie wirklich ben ernsten Willen hat, etwas
nicht tot war, sondern nur verzaubert schlief unb im Geheimen atmete.
Ununterbrochen möchte ich jetzt in ben Gärten fein, bie auf her Sonnenfeite liegen; benn ba lüften bie Geheimnisse zuerst ihren Schlaf unb ihre Verzauberung. 'Jlieberfnienb hört man ben Rausch unb bas Brauen des Lebens, bas Knistern klinaenber Schalen unb bas Atmen geheimnisvoller und schlür- fenber Geschöpfe.
Ununterbrochen möchte id) jetzt übet bie Walb- wiefen gehen, bie wie fünfte Hange von ben Hügeln herunter an bie Büche sich behnen, vielleicht würbe ich ba bie zuckenbe» unb austauchenben Augen ber Blinhschleiche erspähen, wie sie ben Schlaf vieler erstarrter Rächte und Tage vorüberatmen, ober ich sehe ans einem schwarzen Movrlach das langsame Klaffen eines blutigen Sirötennmul», über bet» noch Moos unb Tang ihres Schlummers hängen.
Morgen Fann es schon sein, bah hier bie Auferstehung erglüht unb aus allen Löchern dampft, springt unb atmet.
Heute kann es schvn fein, baß ein verknorpelter Ratternkovf ans einem Blatthaufen mit rätselhafter Stummheit bich anblickt.
Mitten in her Rächt rann es wie eine ungeheuere leise Erschütterung durch die Schicht der Erbe gehen: Millionen auf Millionen krustiger Schalen heben sich mit imwiberstehlicher Gewalt unb in ihrem Umkreis bricht bie Erbe auf. Aus bem fahlen, verroefenben Blattmulm rollt eine mystische Kugel mit triebhaftem Schwung, bie sich glättet unb ftinksüßig auf die Iagb »ach Nahrung geht. Igel, Molche, Blind- schleichen, bav flinke, gnomenhafte Volk ber Eibech- cn, ber schwermütige bunkle Maulwurf, bie Abend« scchlheit der Kröte, Der rote unb schwarze Leib ber Waldfchnecke, ber braune Samt ber Maus, bie Scheren funkelnder und abenteuerlicher Käfer: ich höre sie unter der Haut ber Erde sich behnen und rumoren, ich höre es unter den Steinen, auf denen der Vogclbreck Hegt, ich höre cs in den alten Mauern,
durchzudrücken, unschätzbare Dienste leistet. Richt wemger als 7000 Zeitungen versorgen diese Gebiete mit Rachrichten aus der großen Welt. Außerdem ist diese „Landpresse". wie man sie im Gegensatz zur „Stadtpresse" bezeichnen kann, völlig aus die Interessen beS Farmexstandes eingestellt. Sie verfügt auch über eigene Rach- richtenbureaus, um das Rachrichtenmaterial ohne jede entstellende Tendenz zu erhalten, und in bet Beurteilung irgendeiner landwirtschastlichen Frage weichen die Kommentare der Großstadtblätter, die fast ausschließlich von der konsumierenden Bevölkerung gelesen werden, sehr von der „Landpresse", di« bie Interessen der Landwirtschaft und des Kleinbürgers vertritt, ab.
Kein Geringerer als Roosevelt war es, ber schon damals erkannte, baß bie Landwirtschaft neue Wege gehen müsse, um biefelbc Prosperität zu erreichen, wie sie in ber Industrie tatsächlich eingetreten ist. Die lanhwirtschaftliche Organisation sollte bie Basis ber Wieberbelebiing her republikanische» Partei fein. Diese Partei Hatte sich seinerzeit mit Erfolg ber großen Historischen Aufgabe gewidmet, ben gewaltigen Industrie- unb Bankmechanismus Amerikas aufzubauen. Dies geschah hurch Ausbau hes Korporationsrechtes, Schutzzölle. Privilegien unb ähnliche Maßnahmen. Roosevelt erkannte, daß, als diese Arbeit geschehen war, man sich ber Landwirtschaft zuwenben müsse, um nunmehr auch biefen wichtigen Zweig ber amerikanische» Volkswirtschaft auf bie gleiche Höhe mit ber Industrie zu bringen. Coolidge hat nun bie in Frage fommenbe Idee in feinen Grunbzügen erfaßt Die befonbere Schwierigkeit liegt jedoch darin, daß ber Farmer nun möglichst schnell ein Ge-
wo bie Erde zwischen ben Fugen modert, ich höre es in ben Bnmncnschale», wo ber grüne Morast sich fingerbick abgesetzt hat.
Ich höre es, das gewaltige, emsige, springenbe, Milbe unb unablässige Rumore», ich höre ben To» junger Lebenslust unb hungriger Sonnensehnsucht, ich höre ben Dampf des Atems aus hohle» Mäuler», ich fühle bie Kraft ber Erhebung, ich spüre das Klopfe» vergrabe»er Kräfte unb ich sehe bie Erbe aus Millionen und aber Millionen Poren Leben und Dasein ausströmen.
Bald wird ber erste Schmetterliug über bem zittergrünen Garten eine gelbe Schleife ziehe».
Irgendwo kommt cs süß und schmelzend durch die Lust: bas erste Veilchen blüht.
Italienische Renaissance unb deutsche Wiedergeburt.
Im 'Bortragdfaal ber Buchhonblung Keißner sprach Geheimrat Sommer über ,,Italienische Renaissance unb deutsche Wiedergeburt". Ausgehend von bev historische» Bedingtheit, wie ber aktuellen Bedeutung beste», was man unter dem 'Begriff „Renaissance" zu fassen pflegt, betonte her Rebner, baß Renaistance durchaus nicht primär, jedenfalls nicht ausschließlich künstlerisch zu bewerten sei, und wies z. B. auf die ausgebreiteten juristischen, naturwissenschaftlichen und technisch-mechanifchen Inter- esse» unb Bestrebungen ber itallcnifdjen Renaissance hin, auf ihre im weiteftcn Sinne geiftesgefchichtlm)e Wesenheit. Besonbers ausfallend ist In der Ge- samtbetrachtung bie außerordentlich scharfe zeitliche und territoriale Begrenztheit. Aufschlußreich für ben ganze» Problemkomplex bes Kulturkreifes erscheint bie Betrachtung von her Psychologie und ber Fa- millensorfchung her. Die Psychologie führt-um Begriff ber vererbten Persönlichkeit innerhalb per Familie. ‘Bier Gruppen psychologischer 5or|d)un$e- bezirke find abzugrcvze». Rormalpfychologie, Pathologie. kriminelle Psychologie. Genielehrc. Die Genielehre stellt die Frage nadi der „Oeniepcrwbo .
schäftsmann werbe» möchte, wie der Industrielle und der Bankier. Er verlangt sofortige Hilfe und Sonderoorrechte. Er will Preiserhöhungen durchsetzen unb seine Gestehungskosten durch Her« absetzung der Frachtsätze oerminbem. Aber bie Kosten für diese Umstellung, bie ihm bie Mittel zu einem noch großzügigeren Ausbau seiner Anlage» liefern soll, können natürlich nur von ber Allgemeinste», b. h. von ber Stabtbevölkerung getragen werben unb bedingen unfehlbar bedeutende Preisheraufsetzungen für bie landwirtschaftlichen Produkte und ein Hinaufschnellen der Kosten ber Lebenshaltung der ganzen Union.
Dieses Vorgehen ber Farmerschaft hat aber noch Bedeutung. Die Farmerfchaft ist der Ansicht, daß man bie Schulden von Frankreich bis auf b cn letzten Cent hereintreiben soll, um möglichst viel Gelb ins Lanb zu ziehen, ba- mit auf biefe Weife bie Mittel gestärkt werben, die zu ihrer eigenen Betriebsumstellung gebraucht werben. Sie wirft ber Regierung vor, sie habe ben amerikanischen Steuerzahler auf bem Altar ihrer Zölle geopfert unb besteht auf Herabsetzung ber Zölle. Ueberbies befinben sich in ber Farmergruppe die heftigsten Gegner bes Internationalen Gerichtshofes unb bes VöikeNKmbes, wie überhaupt jeher festen Bindung an Europa.
Die Revolte ber Farmer liefert enblich ber b e« mokrgtischen Opposition bas ihr feh- lenbe große Programm unb hoher ist bie Lage ber Regierung stark bebroht. Sie kann bazu führen, baß Amerika eine Schwenkung seiner Außenpolitik vornimmt unb wieher zu einer völligen Abkehr von Europa zurückkommt.
Die Renaissance ist als ausgesprochene ©enieperiohe anzusprechen. Zur Erklärung so m.ßergewöhnlichei Phänome innerhalb so imgeinÖbnlid) exakt begrenz ter Zeit- unb Raumlage (Norditalien, speziell Tos fana unb Florenz) gibt es eine Reihe von enbogenen unb exogenen Theorien. Exogene Clemente sah man beispielsweise in hervorragenden Naturschönheiten, in politisch-wirtschaftliche» Kampfe», sogar in ge wisse» kosmische» Einflüsse». Als endogen mochte man geltenb: ‘Angeborene Veranlagung, toskanische Lokallrabition, germonifche slongobordische) Kräfte, aud) sog. periodische Schwankungen, ähnlich ben erwähnte» kosmische» Voraussetzungen. Alle diese Kausaltheorien hält her Vortragende nicht für stichhaltig. Geh. Rat Sammer entwickelte, antnüpfenb an eigene Forschung („Renaistance unb Regeneration", >. Ausl.), die slvreniinische Geschichte, die uon zwei sozialen Schichten, dem Kriegeradel und einem aus ben Zünfte» stervargegangenen Bürger adel bestimmt würbe, bie zunächst neben- unb gegen einander stehend zu beuten sinb. Nach langen Kämp fen folgte aber eine Bereinigung, eine Kreuzung beider Adelsgruppe». An ihrem ^Schnittpunkt, ge wlstermaßen, setzt der Vortragende bie Keimzelle bei italienische» Renaissance an. Als ästhetisch formulierte Untermalung bes so, theoretisch, gewonnenen Renaissancebilbes brachte ber zweite Teil bes Abends die Vorlesung aus ben (in zwei Bünben, 1915, 1916) erschienenen italienischen Sonetten „Wiebergeburt", von benen ber erste lange vor bem Kriege entstand, und die beide burch ein Nachwort „Wie stehen wir zur Renaissance?" eingeleitet wurden. Charakteristisch aud) hier das pranonciertc Hineinspielen in die Gegenwart, der Gedanke des Wiederauflebens der Renaissance im 20. Jahrhundert, in unserer Zeit, wo sich in ber Blick leider mit anderen Zielen nach ©üben richtet. Aus ben Sonetten hebt sich die Welt, in her die lange, erlauchte Reihe ber Gestalten groß würbe. Franziskus, Dante unb Raffael, Pietra Are- tino. Lionardo, Macchiavelli, Giorbana Bruno, Boccaccio. Savonarola unb all bie ander». Das Ganze weilet fid) ausklingend und wächst in nahe und nächste Gegenwart hinein.
Die Lupusheilstütte in Gietzen.
Eröffnung des Erweiterungsbaues.
Arn Samstag vormittag wurde burch einen feierlichen Eröfsnungsakt der Erweiterungsbau der Lupusheil ft ätte in Gießen feiner Bestimmung übergeben. Zahlreiche geladene Gäste - unter ihnen Regierungsvertreter, der Landtagspräsident, der Finanzausschuß des Landtages, der Vertreter der Provinz und des Kreises Gießen, Oberbürgermeister Keller, Mitglieder der Universität, Vorstandsmitglieder des Heilstättenvereins für Hessen, der den Bau errichte» ließ — hatten sich vor dem in einfachen Formen gehaltenen, schmucken Reubau tn der Gaffkystrahe eingesunden, wo die Eröffnungsfeier gegen 11 llhr begann.
Der bauleitende Architekt, Baurat H. Meyer, sprach zunächst herzliche Dankesworte an alle, die an dem Erstehe» dieses Baues mit- gewirkt habe», unb schloß mit hem Wunsche, daß diese Stätte beit Krönte» ein Hort per Heilung und Genesung, der Wissenschaft ein Platz regster, erfolgreicher Forschung unb damit eine Quelle steter sozialer Mrsorge fci-n möge. Anschließend legte der Redner den Schlüssel des Hauses in die Hände des Vorsitzenden des Heil- stättenvereins, Präsident Reumann- Darmstadt. .
Zu Beginn seiner nun folgende» Ansprache gab Präsident Reumann seiner Freude über baß wohlgelungene Werk Ausdruck, dankte dem Bauleiter, allen Unternehmern, Hanbwerkei-n und Arbeitern für ihr hervorragendes Wirke» und betonte dann, daß dieser Bau geschaffen wurde i>on einem armen Verein. der in mühseliger Arbeit die Mittel zum Bou ausgebracht hat. Der Redner ging hierauf in großen Zügen auf die Geschichte des Heilstättonvereins ein, wobei er der sehr verdienstvollen Tätigkeit seines Vorgängers im Vorsitzsndenamt, des Geheimen Rats Dr. Dietz, in Worten herzlichster Huldigung S'ochte. Er dornte dann den' sozial denkenden nnern und Frauen im Auslande, die in der Inflationszeit durch reiche Deihilfen dem Verein über bie Klippen hinweggeholfen haben. In verhältnismäßig kurzer Zeit fei es nun gelungen, diesen Bau herzuftellen unb auch alles zu be« zahlen. Für die wertvolle Unterstützung des Verein« dankte ec hier der hessifchen Regierung, dem Landtag, dem Ministerium des Innern, dem Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose, der Arbeitsgemeinschaft der sozialen Versicherungsträaer für Hcffe» und Hessen- Rassau, den LandLsverfickerungsanstalte» Hesse» und Westsalen. der Stadt Gieße» unb chrei» verdienstvollen Oberbürgermeister Koller, die ben Grunb und Boden zu dein Bau kostenlos überlaHcn haben, dem Vorstand deS Heilstätten- vereius, bem Ministerialrat Kling «lhöfer, Prof. Dr. I e s i on e k, dessen Heisern unb dem gesamten Personal ber Heilstätte. Mit dieser Heil-
stätten-Erweiterung habe sich die Aufgabe de« Vereins vergrößert, aber bie Arbeit werde gerne chewältigt werden. Die Heilstätte solle jedoch nicht nur ein Krankenhaus sein, sondern auch «in wissenschaftliches ForschungSinftttut, und zu dessen Benutzung beglückwünschte er ouch die medizinische Fakultät der LcmdeSuniversität. Mit herzlichen Wünschen für das neue Haus, feine Leiter und Insassen schloß der Redner seine Ansprache, bk mit der Schlüsselübergabe an ben ärztlichen Leiter Prof. Dr. I e f t o n e f verbunden war.
Dann sprach Professor Dr. I e s l o n e k, ber zu« nächst seine Freube darüber betunbete, diesem sozialen Werk vorstehen zu bifrfen und nun auf breiterer Grundlage den Kranken und ihrer Wiederherstellung, sowie der Wissenschaft stärker »och als bisher dienen zu können. Weiter dankte er dem Heilstöttenverein für das gute Werk, bas er hier geschossen, unb vrsprach als ben tiefsten Ausbruck feines Dankes, boß er immer bestrebt fein werbe, ben Kranken zu bienen unb zu helfen mit aller Kraft.
Se. Magnifizenz her Rektor, Professor- Dr. Bürk er wandte sich hierauf in einer kurzen Ansprache an den Vorsitzenden ds Heilstättenvereins, Präsident Neumann, dessen Verdienste um den Verein und um die Schaffung einer neuen Far- schungsstätte für die Universität er mit Dankes werten heruvrhob. Dann gab der Redner bekannt, daß ber CQefamtfenat ber Landesuniversität einstimmig beschlossen hat, dem Präsidenten N e u mann die Wurde eines Ehrensenators zu verleihen. Der Rektor überreichte dem Geehrte» das Diplom unb befestigte an feinem Halse dos Wahrzeichen ber Universität, das Antoniterkreuz.
Nachdem »och Geheimrat Balser Worte des Glückwunsd;es namens des Heilstättenvereinv an ben Borsitzenben gerichtet unb habet bie schönen Be Ziehungen zur Lanbesuniversität hervorgehobe» hatte, öffnete Professor Dr. I e s i o n f das neue Gebäude, das in allen Teilen mit lebhaftem Jmer- effe besichtigt wurde.
Der Rundgang imrd) das neue Haus, der sich bis in die 'Mansardenräume ausbehnte, zeigte bie Inneneinrichtung in allen Teilen als außer ordentlich gediegen, mit liebevollem Empfinden und feinem Geschmack gestaltet. Lobende Erwähnung ge dührt auch der trefflichen Sonnenbäderanlage, dem Sportplatz unb ber gärtnerischen Anlage. Ein sehr guter Eindruck war bei ben Besuchern überall unverkennbar. Ansdftießend an die Besichtigung bot der Verein den Gästen einen Frühstücksimbiß, bei hem eine Patientin bie Gäste mit bem Vortrag eines Begrüßungsgebichis überraschte, während kleine, erst teilweise schulpslichtige Patientinnen einige niedliche Reigentänze barboten. Dann sprachen noch ber Vertreter des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung ber Tuberkulose, ferner


